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KONG WEN – die Straße als gelebter Raum.

Wie öffentlich ist der urbane Straßenraum? Und welche Rolle spielt der Passant in diesem alltäglichen Lebensstück? Mit Hilfe eines besonderen Gefährts versucht Nora Sahr der Stadt auf den Grund zu gehen. KONG WEN ist ein aus China importiertes Dreirad, welches einen Leerraum transportiert und Raumkonzepte in Bewegung setzt. Nicht der Platz, sondern der Straßenraum wird durch sein Auftreten zur Bühne des öffentlichen Lebens. In ihrer Diplomarbeit beschäftigt sich Nora Sahr mit informeller Raumproduktion und soziokultureller Aneignung des Shanghaier Straßenraumes durch die Stadtbewohner. In Wien versucht sie das Potenzial des Straßenraumes als sozialen Raum hervorzuheben, ihn zu beleben und erlebbar zu machen.

KONG WEN – die Straße als gelebter Raum.

Den Berg hinauf haben wir geschafft! Der eine radelt, der andere schiebt an, ganz schön schwer ist diese Küche geworden! Nicht mehr weit und wir sind am heutigen Ziel angelangt. Diesmal stehen wir am Gehsteig vor einem ehemaligen chinesischen Lokal ‘ LI-DU R —-‘, einige Holzplatten vom alten Restaurantschild sind in den vergangenen Monaten abhanden gekommen und das unverputzte Ziegelgemäuer von der ehemaligen ‘schönen Stadt’ tritt in Erscheinung.

Die in der untersten Schublade verstauten Klapptische und Plastikhocker breite ich am Gehsteig aus. Weina fängt schon mal mit Schnibbeln an: Gurken, frischer Koriander, Erdnüsse und Knoblauch, für jede Zutat gibt es ein Schälchen. Unsere ersten, spontanen Passanten warten schon gespannt auf das, was da auf offener Straße, zwischen parkenden Autos und Häuserfassade zubereitet wird. Die vorgekochten Nudeln, die restlichen Zutaten und die feine Vinaigrette aus Essig, Chiliöl, Sesampaste, heller Soyasauce, ein wenig Wasser, werden in einer mit einem Plastiksackerl überzogenen Schale gemischt. Weinas Spezialität ist Liang Pi, ein typisch nordchinesisches Straßenessen. Ihre Kochkünste hat sich die gebürtige Wienerin von ihrer Mutter, und natürlich vor Ort von den vielen anonymen Straßenköchen Pekings abgeschaut. Nicht so leicht wird es dann, wenn es darum geht die glibbrigen Mungobohnennudeln mit den Stäbchen zu essen. Trotzdem fanden unsere Gäste dieses fremde Gericht ‘Ausgezeichnet!’ und ‘Schade, dass es das nicht immer hier gibt.’ Wind und Regen wollen uns einen Strich durch die Rechnung machen, also müssen wir improvisieren. Gleich auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine überdeckte Garageneinfahrt, unter dem Blick der Überwachungskameras wird eifrig weiter gekocht, bis wir keine Nudeln mehr haben. ( Zum Glück, ist heute Samstag…)

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„Dongdong fan- moving food“ ist das erste Projekt im KONG WEN, das gemeinsam mit der Sinologin Katharina Idam entstanden ist. Hier wird die Alltags-Expertise von ChinesInnen in Wien- ihr SpezialistInnentum im Bereich Kulinarik vermittelt. Dabei repräsentieren sie nicht ‘die chinesische Küche’ sondern ihre persönlichen Auslegungen zum eigenen Kochen in einem anderen kulturellen Umfeld. Als authentisch wird nicht das seit Jahrtausenden unverändert tradierte Rezept gesehen, sondern eben gerade die ‘Fusion-Küche’, die auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse wie die Globalisierung von Identitäten, Orten und Produkten reagiert. Dongdong fan im KONG WEN zieht von Standort zu Standort, bevorzugt werden die Orte, die im kollektiven Stadtbild unterrepräsentiert sind bzw. als verlassen, vergessen, verödet wahrgenommen werden.

KONG WEN wurde als ‘Werkzeug’ entwickelt, um auf das soziale und räumliche Potenzial des urbanen Straßenraumes aufmerksam zu machen. KONG WEN ist auf eine Bildstrecke, in der der Straßenraum Shanghais aus der Perspektive des Fußgängers dargestellt ist, aufgebaut. Hier steht der Mensch und seine Tätigkeit im Dialog mit der Leere der Leinwand, auf die er scheinbar projiziert wird. Der Titel entstand aus einem spielerischen Umgang mit den chinesischen Schriftzeichen für Raum. Durch das Löschen eines einzigen Striches verändert das 2. Zeichen seine Bedeutung, ‘jian’ wird zu ‘wen’ und somit entsteht der Begriff ‘kong wen’- ‘Hinterfrage die Leere’ (kong -Leere). Wie der chinesische Name es schon besagt, lädt das KONG WEN die Stadtbewohner zur Bespielung des ‘Leerraumes’ ein.

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Dabei sollen vorgefundene soziale Räume verstärkt oder wieder aufgenommen werden. Das Konzept der ‘sozialen Praxis’ , anhand dessen die Bewohner zu ‘aktiven’ Akteuren im Gegensatz zu ‘passiven’ Passanten werden, identifiziert neue Potenziale zwischen der Autorin als Agentin, die die soziale Plattform schafft – und dem Individuum- das sie nutzt. Willkommen sind diejenigen, die sich öffnen und ihre Phantasie von der Leere des 2, 5 Kubikmeter Raumes beflügeln lassen. Individuelle Ideen und Eingriffe sind erwünscht. Weitere Interventionen im KONG WEN sollen zu Reflexionen über die Autorenschaft der Stadt anregen und einen Spielraum im engmaschigen Netz von städtischen Verordnungen anbieten.

In Zeiten der Globalisierung und Omnipräsenz von ‘made in china’ gelabelter Ware will Nora Sahr mit ihrer Diplomarbeit herausfinden, inwiefern es möglich ist Raumproduktion und Raumkonzepte von einer Kultur in die andere zu transplantieren. Spannend wird es dann, wenn man an Grenzen stößt oder neue Wege öffnen kann.