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Healthcare-Centre Mondikolok:
Bau einer Gesundheitseinrichtung im Südsudan

Von der Grundlagenforschung bis zur Fertigstellung: Im Rahmen des, in Kooperation mit dem Verein „Osttirol für Jalimo“, realisierten Projekts Healthcare-Centre Mondikolok (Südsudan) wurden Planung und Bau der ersten Bauphase von Christoph Lachberger und David Kraler als Diplomarbeit an der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien durchgeführt.

Healthcare-Centre Mondikolok: <br>Bau einer Gesundheitseinrichtung im Südsudan

„Waste?…Rubbish?…Trash?…Garbage?“ Mit einem großen Haufen Erdnüsse als Jause sitzen wir zwischen ein paar tukuls (traditionelle Lehmhütten) und fragen Samuel Kajowuya, wie er denn seinen Müll üblicherweise beseitigt. Wir scheitern.
Nicht an seinen Englischkenntnissen, sondern schlicht an der Tatsache, dass wir es nicht schaffen, ihm zu erklären, was wir mit Müll denn meinen. Erdnussschalen, Bananenschalen, Essensreste, gelegentlich vielleicht auch ein bisschen Holz oder Stroh: Was so anfällt, wird einfach fallen gelassen und täglich in die umliegenden Felder gekehrt. Eine Strategie, die Jahrhunderte lang gut funktioniert hat, doch mittlerweile gibt es auch hier Plastikflaschen, Getränkedosen, Schuhe, Batterien und Handys. Der Müll liegt in den Feldern und auf den Straßen, doch weder in der Denkweise noch in der Sprache der Kuku-People ist er angekommen. Oft sind es derartige Kleinigkeiten und Missverständnisse, die uns zwischendurch wieder einmal bewusst machen, wie fern uns die lokale Kultur und Denkweise eigentlich sind – von Bau- und Lebensweise ganz zu schweigen. Doch gerade deshalb sitzen wir jetzt auf Kajowuyas Plastiksesseln, essen Erdnüsse, führen mit ihm das erste Interview unserer APD-Studie (=anthropological predesign study) und fragen, ob er uns in den nächsten Wochen als Übersetzer begleiten möchte.

tukuls

Gemeinsam mit Kajowuya machen wir uns auf den Weg. In zahlreichen Gesprächen mit Bewohnern traditioneller compounds lernen wir die Bauweise, Kultur, Lebensweise und Wünsche der Kuku kennen. So auch den Traum vom permanent house, das im Gegensatz zu den traditionellen tukuls nicht von Termiten zerstört werden kann. Die Nachteile des permanenten Hauses werden dabei jedoch außer Acht gelassen: Das „moderne“ Mehrraum-Haus steht im konträren Gegensatz zur gewohnten Lebensweise unter freiem Himmel, die permanenten Materialien werden großteils nicht den klimatischen Bedingungen entsprechend eingesetzt und sind so teuer, dass sich Kleinbauern mit dem Hausbau finanziell vollkommen übernehmen – von den ökologischen Nachteilen der industriell gefertigten, aus Uganda importierten Materialien ganz zu schweigen.
Wir möchten es besser machen. Können wir mit dem Einsatz lokal vorkommender, natürlicher Materialien ein Healthcare-Centre bauen, das der Lebensweise der Kuku entspricht, sich in die durch ein diffuses Wegenetz verbundene Siedlungsstruktur einfügt, ein angenehmes Innenraumklima bietet und obendrein noch termitenresistent ist?
Auf Basis des vorgegebenen Raumprogramms und der Erkenntnisse der zuvor durchgeführten APD-Studie erarbeiten wir einen Entwurf und zugleich auch ein geeignetes Bausystem: Die völlige Entkopplung der Dachkonstruktion vom darunter liegenden Lehmbau bringt nicht nur Vorteile für das Innenraumklima und den Bauablauf in der Regenzeit, sondern stellt vor allem auch den ersten Schritt einer Strategie des konstruktiven Termitenschutzes dar. Durch die Zusammenfassung mehrerer schräggestellter Stützen zu einem Fußpunkt werden die potentiellen Angriffspunkte der flugunfähigen Insekten auf ein Minimum reduziert – die Stützenfüße werden in weiterer Folge noch mit stählernen „Termite Shields“ ausgestattet, sodass eine möglichst schwer zu überwindende Barriere entsteht.

tukuls

Neben den klassischen Entwurfs-Medien wie Skizzen und Modelle in unterschiedlichen Maßstäben erweist sich vor allem auch die Möglichkeit, vor Ort Prototypen zu erstellen als geeignete Arbeitsweise: Beim eigenhändigen Bau des Prototypen eines Fachwerkträgers sowie bei der Entwicklung einer Lehm-Stahl-Verbunddecke im 1:1-Versuch kann auf die Gegebenheiten vor Ort bestmöglich eingegangen werden. Weiters stellt sich die enge Zusammenarbeit mit den gut ausgerüsteten Werkstätten des lokalen Projektpartners, den Comboni-Missionaren Lomin, als wesentliches Potential der Arbeit vor Ort dar.

tukuls

 

tukuls

Auch in der Umsetzung, die ab September 2013 gemeinsam mit einigen österreichischen Helfern und einheimischen Fach- und Hilfsarbeitern stattfindet, stellt sich die Nähe von Planern und Ausführenden sowie die Möglichkeit, selbst am Bau mitzuarbeiten als wesentlicher Vorteil heraus. So können Details direkt vor Ort erarbeitet und gegebenenfalls auch unterschiedliche Techniken ausprobiert werden. Vor allem im Bereich des Lehmbaus bietet das erstaunliche Wissen der ruralen Bevölkerung im Umgang mit den lokal vorkommenden Materialien ein großes Potential, sodass auf lokale Bautechniken aufgebaut werden kann – es entsteht ein Wissens- und Technologietransfer in beide Richtungen, bei dem wir nicht nur lokale Bautechniken verbessern, sondern vor allem auch selbst viel von unseren afrikanischen Arbeitern dazulernen können.