Ein Koloss der Zeit

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Heute, eine Woche nach unserem ersten Tag im Rozzol Melara, dokumentieren wir die Veränderungen an unserer letzten Hinterlassenschaft einer Intervention, räumen auf und sammeln noch ein letztes Mal einige kurze Statements von zwei unserer Kontakte ein. Mit geschulterten Ergebnissen, Rohdaten und einer unzähligen Anzahl von Eindrücken machen wir uns auf, es geht zurück nach Wien. Dort sortieren und analysieren wir weiter, was diese öffentlichen Räume in und um einem derartigen, massiven, von Identitäten und Konflikten strotzenden Großwohnbau zu bedeuten haben. Aus einigen Ideen, manchen Antworten, aber vor Allem intensiven Eindrücken werden wir nun ein Booklet formen.

Nach einer intensiven Woche, die unerwartet schnell auch schon wieder vorbei ist, steht dieser Koloss der Zeit mehr oder weniger unverändert da.

Das Eigene und das Fremde im peripheren Stadtraum am Beispiel Simmeringer Hauptstraße

Die Simmeringer Hauptstrasse wird in den Tagesmedien seit längerem diskutiert als ein Ort, an dem migrantische Geschäftsbetreiber/innen das Bild der Straße dominieren. In dieser Diskussion wird einerseits als Problem behauptet, dass bereits die Mehrheit der Geschäfte in türkischer Hand sei (Stichwort Klein-Instanbul), andererseits wird aber auch eine Dynamik bzw. ein Prozess behauptet, in dem die österreichischen Geschäfte, Wirtshäuser und andere Angebote für autochton österreichische Kundschaft zunehmend zurück gedrängt würden.

Ein erster Augenschein auf der Simmeringer Hauptstrasse konnte diese Behauptungen nicht bestätigen. Es ist im Gegenteil so, dass ethnisch eindeutig gebrandete Geschäfte, Dienstleister und Gastronomie (gleichgültig, ob eindeutig türkisch, eindeutig österreichisch oder eindeutig chinesisch) auf der Simmeringer Hauptstraße selbst deutlich in der Minderzahl sind. In den Seitengassen sind zwar türkische Gastronomie und türkische Lebensmittelhandlungen deutlich sichtbar und atmosphärisch spürbar, aber auch hier fehlen Angebote nicht, die von der österreichischen Bevölkerung als etwas “Eigenes” wahrgenommen werden können, wie beispielsweise Wirtshäuser mit Schweinsschntzeln im Mittagsangebot.

Meine Arbeit im Rahmen dieses Seminars wird sich der fotografischen Dokumentation des Strassenbildes widmen. Dabei werden mich vier Fragen leiten:

Welche Zeichen des “Eigenen” sind für die jeweils unterschiedlichen Gruppen auffindbar, die sich bereits im öffentlichen Raum der Simmeringer Hauptstraße befinden und bewegen? Welche Orte stellen sich mir selbst als “Eigenes” dar, was ist mir persönlich vertraut, was spricht mich an, wo würde ich kaufen oder zu Mittag essen? Was ist “das Fremde” für mich persönlich, wo ich mich nicht gemeint oder angesprochen fühle?

Welches Gesamtbild im Hinblick auf Eigenes und Fremdes vermitteln unterschiedliche Mikroräume entlang der Simmeringer Hauptstrasse (U-Bahnstation Zipperer Strasse, Enkplatz, U-Bahnstation Simmering, angrenzende Nebengassen)?

Welche Konzepte gibt es seitens der Geschäftstreibenden, mehr als eine ethnische Zielgruppe als Kund/inn/en anzusprechen?

Welche der Räume entlang der Simmeringer Hauptstraße laden Fremde, frisch Zugezogene, zum Beispiel Refuggees ein, sich in ihnen aufzuhalten und sie zu nutzen? Welche der auffindbaren Zeichen tragen dazu bei, welche tun es explizit nicht?

Türkische Bäckerei

Die angebotenen Torten und Backwaren sprechen nicht ausschließlich türkische Kund/inn/en an, sondern haben ein breiteres Zielpublikum. Ausserdem strahlt die Auslage auf den öffentlichen Raum der Simmeringer Hauptstrasse aus und trägt dazu bei, den Raum für Fußgänger/innen attraktiver zu machen.

Türkische Veranstaltungsplakate und Flyer

Zeichen im öffentlichen Raum beschränken sich nicht auf Geschäftsauslagen oder Gestaltungselemente, die von der Stadtverwaltung installiert werden. Veranstaltungsankündigungen wie die im Foto tragen zu der wahrgenommenen Atmosphäre im Raum wesentlich bei. 09_160614 Hofbauer Expos3_2

Österreichisches Gasthaus

Wein, Bier und Schweinsschnitzel – die mediale Diskussion legt nahe, dass es dieses von Östereicher/inne/n als das “Eigene” wahrenommenen Angebote nicht mehr geben würde. Tatsächlich gibt es noch viele als österreichisch gebrandete Wirtshäuser.

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Döner, Hot Dog, Pizza

Viele türkische Imbisse und Gastronomen setzen auf ein gemischtes Angebot, das nicht nur türkische Kund/inn/en anspricht. Dieser Imbiss in einer Seitengasse bietet neben Döner auch Hot Dogs und Pizza an. Ein anderer Gastronom auf der Sinmeringer Hauptstraße hat sein Lokal aufwändig modern eingerichtet – und den klassischen Döner zwar nicht aus dem Programm genommen, aber er präsentiert das schicke Lokal unter dem Namen “Burger und Lahmacan”.

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(Ursula Hofbauer)

Dokumentation und historische Herleitung der Veränderungen in der (Vor) Stadt Simmering im Laufe des vergangen Jahrhunderts

Mit Hilfe von historischem Bildmaterial der Bildarchivs Austria, Aufnahmen aus dem Archiv des Bezirksmuseums und aktuellem Bildmaterial sollen die laufend stattfindenden Veränderungsprozesse im Raum Simmering des letzten Jahrhunderts beleuchtet werden. Durch Straßenraumvergleiche sollen die Veränderungen im Raum aufgezeigt, interpretiert und graphisch ansprechend aufbereitet werden.

Der Fokus soll auf den Folgenden liegen:

I. Elemente und Requisiten des Stadtraumes und deren dynamische Veränderung im Laufe der Zeit

II. Probleme im Raum erkennen und benennen

III. Historische Herleitung des Ist-Zustands

IV. Stadtmorphologische Aspekten

V. Graphische Umsetzung und kreative Aufbereitung

(Philipp Gruber)

Die Anziehungskraft der Wasserwelt im 15. Bezirk

Der 15. Wiener Gemeindebezirk ist sehr dicht bebaut und hat wenig öffentliche Räume. Die Arbeit untersucht einen dieser wenigen öffentlichen Räume, die „Wasserwelt“ (Kardinal-Rauscher-Platz bis Meiselmarkt). Im Fokus stehen die BenutzerInnen, die diesen Raum nutzen bzw. ihn sich aneignen und die Aufenthaltsqualität allgemein. Darüber hinaus soll herausgefunden werden, welche Rolle das gebaute Umfeld (einige Wasserspiele, Springbrunnen, etc.) für die Aufenthaltsqualität bzw. die BenutzerInnen spielt.

(Michael Winkler)

Asylquartiere und öffentlicher Raum

Die Zugänglichkeit von öffentlichen Räumen und Infrastruktur ist stark abhängig von räumlichen Einflussfaktoren, wie Lage und Größe einer Asylunterkunft, und beeinflusst dadurch maßgeblich die Möglichkeiten zur Integration der Ankommenden.

Am Beispiel der Vorderen Zollamtstraße, einem ehemaligen Heim im dritten Wiener Gemeindebezirk, wo öffentliche Räume ins innere des Hauses verlegt wurden und somit einen anderen Zugang erhalten haben, wird erklärt wie wichtig Gemeinschaftsräume für das Ankommen und weitere Zusammenleben sind.

(Alina Schönhofer)

fotoquelle: Vordere Zollamtstraße auf Facebook

Migrantinnen in der Sexarbeit

Das Thema der Arbeit sind Migrantinnen in der Sexarbeit. Es soll der Alltag der Frauen näher beleuchtet werden.

Mit der Hilfe eines Streetwork-Teams werden 3-4 Frauen ausgewählt. Sie erhalten eine Einwegkamera und sollen eine Woche lang jeden Tag mindestens ein Foto zu alltäglichen Themen, wie Wohnen, Erledigungen, Arbeitsweg usw. machen. Weiters soll eine Art Porträt von ihnen erstellen mit einem kleinen Steckbrief (woher sie kommen, wie lange sie schon hier sind, Alter, etc.)

(Theresa Margraf)

Bild: Maria Cristina Boidi, LEFÖ

 

Muslimische Frauen im öffentlichen Raum

Wie treten junge muslimische Frauen im öffentlichen Raum auf? Was ist ihre Auffassung des Islam und wie drückt sie sich in ihrem Auftreten aus? Anhand von Gesprächen mit jungen Muslimas, die in 2. oder 3. Generation in Wien sind, möchte ich ihre Selbstbestimmung zwischen muslimischer Community und Nicht-Muslimen aufzeigen- von Konflikten in der Familie bis zur Rechtfertigung ihrer religiöser Praxis gegenüber Anderen. Was für Verhaltenscodes und Zeichen werden benutzt, um Identität zu schaffen? Welche werden von der Familie übernommen und welche werden in eine moderne Art des Glaubens abgewandelt?

(Paula Brücke)

Zum Foto: amerikanische Mipster: Musikvideo zu „Somewhere in Amerika“

Hinter den Kulissen

Wo wird das Fremde in der Stadt sichtbar? Wo schlägt es Wurzeln?

Geschäftslokale diverser Nationalitäten und Kulturen sind Teil des Stadtbildes. Manche schätzen dieses Angebot, andere fühlen sich durch ihre Präsenz und Permanenz bedroht. Eine Thematik die Spannung erzeugt. Im Zuge meiner Arbeit möchte ich diese Spannung überwinden und meinen Fokus auf das Menschliche lenken. Ich frage mich, wer diese Menschen hinter den Ladenfronten sind, woher sie kommen, was ihre Geschichte ist und ihr Beweggründe sind hier ein Geschäft zu führen, Wurzeln zu schlagen und in wie weit sie ihre spannungsgeladene Position als Medium der Integration empfinden.

(Sophia Garner)

Sichtbarkeit von ethnischen Konzentrationen im 15. Bezirk

Der 15. Bezirk hat den höchsten Prozentanteil von Ausländer in Wien. Im Rahmen dieser Arbeit wird geforscht und analysiert (anhand von Beobachtungen und Fotoanalyse) wie sich diese ethnische Gruppen sich im öffentlichen Raum (Hütteldorferstraße und Märzstraße) sichtbar machen. Wiemachen sich z.B. türkische Geschäfte sichtbar? Welche Typen der Sichtbarkeit gibt es und warum werden sie dann als türkische Geschäft wahrgenommen?

(Simone Viljoen)

Übergang Erdberg

Ein Schandfleck ohne Identität, unheimlich, dunkel und am Rande unter einer Autobahnbrücke liegend – über den internationalen Busbahnhof ‚VIB Erdberg’ höre ich zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit Transiträumen nicht viel Positives. Ist es womöglich ein Nicht-Ort, wie ihn Marc Augé beschreibt?

Über Wahrnehmungsspaziergänge, Teilnehmenden Beobachtungen und offene Gespräche nähere ich mich dem Ort an, und mache eine Momentaufnahme. Sie zeigt ver-rückte Räume von Grenzen, Bewegungen, Akteuren und ihren Handlungen sowie Beziehungen. Dazwischen finden sich Spuren des Informellen und Verweise auf eine mögliche Integration. Ich folge den ephemeren Situationen im Übergang – diese transitorischen Räume erwecken mein Interesse für diese Arbeit.

(Julia Jesella)

Mein bester, bester Platz ist leer…

Der Stadtplaner William H. Whyte betonte die Wichtigkeit der Straße für das städtische Leben als er sagte: »The street is the river of life of the city, the place where we come together, the pathway to the center.«

Der Straßenraum unserer nahen Wohnumgebung spielt schon allein zeitlich gesehen eine große Rolle in unseren städtischen Leben.

Wir gehen täglich mindestens zweimal unsere Straße entlang. Wenn man 500m bis zur nächsten Station eines öffentlichen Verkehrsmittels annimmt, sind das etwa 92 h/Jahr.

In dieser Zeit nehmen wir natürlich auch wahr, was in unserer Umgebung passiert. So sehen wir täglich die ältere Dame von nebenan mit ihrem Hund spazieren und den kleinen Timmi in die Schule gehen.
Was wir nicht sehen, ist, dass die ältere Dame ihren Hund abgeben muss, da sie nach ihrer Operation nicht mehr mit ihm spazieren gehen kann. Dass Timmi sich sehnlichst einen Hund wünscht, und seine Eltern verzweifelt einen suchen mit dem er spazieren gehen kann um endlich Ruhe zu haben.

Warum wir das nicht sehen?

Weil wir den Straßenraum vor unserer Wohnung als reinen Transitraum nutzen.
Der Soziologe Sennett sagte dazu 1986 »der öffentliche Raum wird zu einer Funktion der Fortbewegung«
Wir gehen, oder wie man in Deutschland sagen würden: laufen, von A nach B, bemerken nur was sich schnell präsentiert und nehmen uns nicht die Zeit für die kleinen Facetten dazwischen.

Wie wir das ändern können?

Um das Potenzials deBench Bombing kleins Straßenraumes als Aufenthaltraumes auszuschöpfen muss dieser qualitativ aufgewertet werden um so unterschiedliche Leute zum Verweilen einladen.

Das Schaffen von Sitzmöglichkeiten ist eine der effiktivsten Möglichkeiten.
Oder wie der Soziologe und Stadtplaner William H. Whyte sagte: »People tend to sit, where there are places to sit.«
Diese laden ein für einen Moment inne zu halten um die aufkommenden Frühlingssonnen zu genießen oder bieten mobilitätseingeschränkten Leuten die Möglichkeit sich kurz auszuruhen und so auch längere Wege zurück zu legen.

Und würden so vielleicht eine Begegnung zwischen der älteren Frau von nebenan und Timmis Eltern ermöglichen.
Wie wir wissen setzt sich die Stadt Wien mit dieser Thematik weitgehend auseinander. In der Stadtentwicklungsplan 2025 sind klare Ziele zur Aufwertung des öffentlichen Raumes genannt. Zum Beispiel forciert die Stadt Wien die Schaffung von Mirkofreiräumen im Straßenraum, für die Sitzmöglichkeiten einen der wichtigsten Eingriffe bedeutet.
In Wien wurden in den letzten Jahren qualitative Projekte umgesetzt. Sitzgelegenheiten, die unterschiedliche Nutzer und Nutzerinnen ansprechen, mit Formen, Farben, Material und Konstellation spielen.

Es wurden aber auch Situationen geschaffen, über die ich mich sehr wunder. Und dann frage ich mich:

Doch sind die Wiener Lösungen die Besten, das Nonplusultra?

Um diese Frage zu beantworten werde ich eine andere Stadt in den Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit stellen.

Mein Projekt Mein bester, bester Platz ist leer… untersucht die Berliner Sitzkultur, deckt Unbekanntes auf und lenkt den Blick auf diejenigen die Sitzbänke erst zum Leben erwecken: die Nutzer und Initiatorinnen.

Berlin ist nicht nur die Stadt der Raumpioniere, der Aneignung, der Eigeninitiative. Sondern derzeit auch die Stadt des Sitzens, auf der Straße zu sitzen und Leute zu beobachten ist hip. Nicht nur Cafes und Restaurants legen Wert auf Außenraumbewirtschaftung, auch jeder Laden der etwas auf sich hält, Privatpersonen und Initiativen besetzen den Straßenraum mit Sitzmöglichkeiten.

Ich werde den Berliner Stadtteil Nordneukölln untersuchen. Dieser besteht vorwiegend aus gründerzeitlicher Bausubstanz und ist dementsprechend ein sehr dicht bebauter Ortsteil mit einer hohen Anzahl an Bewohnern. Die Erdgeschosszone ist sehr belebt und weist eine immer größere Anzahl an Cafe´s und Läden auf, da sich Nordneukölln in Umbruchstimmung befindet und sich von einem Problembezirk mit strukturellen Defiziten zu einem Hipbezirk, mit kreativen Milieu und potenziellen Gentrifizieren entwickelt hat.

Diesen unterteile ich in 12 Abschnitte, welche ich in 12 Tagen begehen werde.
Hier untersuche ich Sitzmöglichkeiten die von der Stadt, also vom zuständigen Grünflächenamt, von Gewerbetreibenden z.B Außenraumbewirtschaftung, von Initiativen (teilweise mit Unterstützung von der Gebietsbetreuung oder ähnlichen) oder Privatpersonen in Form von Bench Bombing geschaffen wurden.

Wie ich das machen will?

Ich werde Ich werde die Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum Aufspüren, Fotografieren und Kartografieren. Die Fotos werden mit Gps Daten aufgenommen, um eine Zuordnung zu erleichtern.
Danach werde ich die Sitzmöglichkeiten in Kategorien einteilen (Material, Form, Positionierung, Formel oder Informel).

Außerdem werde ich ausgewählte Projekte tiefer gehend betrachten. Ich werde durch stille Beobachtung feststellen, wer die Nutzerinnen sind, was für Tätigkeiten sie ausführen, und wie lange sie bleiben. Außerdem werde ich mit Nutzern, Akteurinnen und/oder Anrainern Interviews führe. Sie nach nach ihren Motiven, Erlebnissen oder Wünschen fragen.
Danach werde ich die gesammelten Daten aufbereiten und einen Katalog zum urbanen Sitzen in Nordneukölln erstellen.

Dieser Katalog soll helfen, die Stadt Wien, Planerinnen, Behörden und Gewerbetreibende für das Thema zu sensibilisieren, mögliche Mehrwerte aufzuzeigen und bestenfalls Unbekannte Lösungen nach Wien zu importieren.