Von einer Dusche im Bus zu einem Haus am Meer.

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Zwei

Den heutigen Expeditionstag beginnen wir mit einem Spaziergang in den Straßen und Plätzen des historischen Athens.

Die Formation der Plätze bilden in Beziehung zu den umliegenden Bauwerken wie z.B. dem Parthenon, ein Dreieck. Vom Syntagma Platz im Osten begeben wir uns über die Einkaufsstraße Ermou in Richtung der Metrostation Thissio. Der Spaziergang wird mit zwei Kameras und einem Tonaufnahmegerät dokumentiert.

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Drei Wochen vor unserer Ankunft war die Ermou Street Schauplatz einer Demonstration gegen die Festnahme einer Studentin, außerdem wurde gegen die Geschäftsöffnungszeiten an Sonntagen protestiert. Während der Demonstration wurden einige Schaufenster der Geschäfte zerstört. Davon ist heute nichts mehr viel zu sehen. Die Läden, die die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgetauscht haben, verstecken die gesprungenen Scheiben unter Aufklebern für aktuelle Rabattaktionen.

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In der Nähe der Metrostation Thissio verkaufen einige Menschen gebrauchte Gegenstände am Straßenrand. Die Waren sind auf einer Decke ausgelegt. Im selben Moment, in dem wir passieren kommen vier Polizei Motorräder mit Blaulicht auf sie zugefahren. Die Händler packen eilig ihre Sachen zusammen. An vielen Ecken in Athen werden Dinge angeboten – eine Genehmigung dafür gibt es vermutlich in den meisten Fällen nicht.

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Unser Spaziergang führt uns weiter: Nun von Thissio im Westen des Stadtgrundrissbestimmenden Dreiecks nach Omonia, der nördlichen Spitze. Dort sind wir um 14:00 Uhr mit der Architektin Nelly Sfakianaki verabredet. Auf halber Strecke liegt der Platz Koumoundourou – die Szenerie erweckt unserer Aufmerksamkeit. Vor der Parteizentrale der derzeitigen Regierungspartei Syriza stehen viele Polizisten und auf dem Platz steht ein Bus. Wir schauen ihn genauer an – die Aufschrift des Busses und die sich davor versammelnden Menschen lässt  seinen Zweck erahnen. Es ist ein mobiler Bus, der obdachlosen und Drogenabhängigen Menschen eine Möglichkeit bietet sich zu waschen und mit Medikamenten versorgt zu werden.

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Im Bus kommen wir ins Gespräch mit Simona. Sie ist Psychologin und die Ansprechpartnerin für die Nutzer und Nutzerinnen des Busses. Gerne würden wir sie interviewen und Photos machen. Dafür müssen wir uns aber erst die Erlaubnis der Dachorganisation Praksis einholen. Die Arbeit mit marginalisierrten Gruppen und mobilen Busen erinnert uns an Projekte in Wien. Wir werden wiederkommen und uns genauer mit dem Bus und dem Platz beschäftigen.

Für unsere nächste Verabredung mit Nelly sind wir auf Grund unserer spontanen Entdeckung spät dran. Wir begeben uns vor das Shopping-Center Hondras am Omonia Platz und warten auf sie. Nelly hat bei einem Projekt mitgewirkt von dem sie denkt es würde in unsere Forschungsarbeit passen. Wir wissen bislang nur, dass es ein Projekt im „Public Space“ ist. Alles andere sollen wir gleich erfahren.

Die Gegend um den Omonia Platz wirkt heruntergekommen. Sexarbeit und Drogenkonsum prägen das Bild des Viertels. Es ist dringend nötig, dass hier mehr gemacht wird, sagt die Architektin – doch dafür fehlt Geld oder Energie.

Wir laufen durch eine enge Straße, die auf den kleinen Park zuläuft den Nelly uns zeigen möchte – neben uns reinigt ein Mann in gekauerter Haltung eine Heroinspritze.

Nelly ist 37, selbständige Architektin, und wollte etwas verändern „einfach etwas machen, statt zusehen“– so hat sie sich mit anderen Menschen zusammengetan, um den Park in dem wir jetzt stehen auf einer Brache zu initiieren. Hätten sie es nicht getan, wäre womöglich an diesem Ort auch ein Parkplatz, wie üblicherweise auf den Brachen in Athen. Für Nelly ist es eine Premiere. Sie sieht den fertiggestellten Park auch zum ersten Mal. Aus persönlichen Gründen konnte die Architektin nicht bis zur Fertigstellung an dem Projekt teilnehmen – nun ist sie sehr glücklich den begrünten Park zu sehen.

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Entstanden ist ein offen zugänglicher Platz mit grünem Rasen und einigen Palmen und Blumenbeeten. Sitzbänke und Sträucher gibt es nicht. Eine bewusste Entscheidung. Junge Männer liegen auf dem Rasen, ein älterer Mann wäscht sich am Wasseranschluss der Rasenbewässerung. Die Verwaltung des Parks liegt nun in der Hand der Stadt.

Wir fragen uns: Was kann dieser Park in der Nachbarschaft ändern? Kann  er die Identifikation mit dem Ort positiv beeinflussen? Regt er zum Mitreden an? Erzeugt er Reibung oder löst er Konflikte? Wie nachhaltig funktioniert er?

Nelly berichtet, dass die Treffen für die Initiative des Parks beim Kiosk von Synathina abgehalten wurden. Auf Synathina sind wir schon in unserer vorherigen Recherche gestoßen. Die Fäden laufen langsam zusammen. Nelly gibt uns weitere Kontaktdaten von Menschen die uns bei der Forschung behilflich sein könnten. Zufälligerweise ist eine Person davon für morgen mit uns verabredet.

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Nach einem Bier und Pita Souvlaki am Nahe gelegenen Imbiss verabschieden wir uns von ihr – sie ist ab Montag in Frankreich, am Donnerstag kommt sie wieder – vielleicht sehen wir uns dann noch einmal.

Die zweite Hälfte des Tages beginnt: Wir laufen zum Syntagma Platz. Unser Ziel ist das „Stavros Niarchos Foundation Cultural Center“. Ein kostenlosen Shuttelbus der Stiftung soll uns hinbringen..

Bei unserer Ankunft am Syntagma Platz ist der sonst üblich starke Verkehr am Syntagma Platz sehr ruhig – er steht nahezu still. Die Traube aus sich versammelnden Paparazzi klärt uns auf Nachfrage hin auf: Emmanuel und Brigitte Macron spazieren ebenfalls auf der Ermou Straße. Bald werden sie eintreffen. Vorher hielt der französische Präsident eine Rede vor griechischen Wirtschaftsvertreter*innen in SNFCC. Der Syntagma Platz ist in heller Aufregung als das Präsindentenpaar umringt von Bodyguards über den Platz schreitet. Wir setzen uns an die Bushaltestelle und schauen dem Treiben zu. Die sie umringenden Griechen jubeln den Macrons zu.

Es dauert eine Weile bis der Verkehr zu dem gewohnten Chaos am Syntagma Platz wiedergefunden hat – der Shuttlebus kommt und nimmt uns mit an die (ehemalige?) Peripherie der Stadt ans Meer. Dort angekommen sind wir beeindruckt von dem imposanten Gebäude – mitsamt Park hat es rund 670 Millionen Euro gekostet.

In dem Gebäude befindet sich die neue Staatsoper und die Nationalbibliothek – wichtige öffentliche Einrichtungen. Geldgeber und Inititor war aber nicht etwa der Staat – sondern die Stiftung des Reederers Stavros Niarchos. Das “Stavros-Niarchos-Foundation-Cultural-Center” wurde Anfang des Jahres dem Staat übergeben – ein Geschenk mit Prämissen.

Wenn der Staat die Qualitätsansprüche der Stiftung nicht halten kann, muss er zahlen und sich rückwirkend an den exorbitanten Baukosten beteiligen. In vier Jahren soll das Cultural Center komplett vom Staat betrieben werden. Das Programm des Centers ist momentan umsonst. Es werden Pilates, Running und weitere Aktivitäten angeboten. Der Park verfügt über dutzenden Installationen, die den Park aktiv erlebbar machen.

Eigentlich gibt es heute keine Führung auf Englisch. Doch eine Mitarbeiterin des SNFCC erklärt sich freundlicherweise bereit unseine private Führung durch den Park bis auf das Dach des Geäudes zu geben.

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Ein Verbindung der Stadt zum Meer gab es früher nicht – der Park und das Gebäude des international renommierten Architekten Renzo Piano stellen diese nun her. Der Park ist von der nördlichen / nordöstlichen Seite erschlossen. Die Eingänge des Parks knüpfen an die Straßen an die in die Stadt führen – vom höher gelgenen Teil des Parks sieht man wie die Pfade in die Stadt übergehen – insgesamt hat der Park somit 9  Eingänge. Der etwa 500m lange Park steigt auf eine Höhe von 32m bis über die Dächer der beiden Kulturbauten an. Am höchsten Punkt des Parks angelangt eröffnet sich dem Besucher und der Besucherin eine herausragende Aussicht bis zum ehemaligen Hafen Phalerum.

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Vom SNFCC-Gelände gibt es eine Rad- und Fußgängerbrücke über die breite dichtbefahrene Straße zur Faliro-Hafenbucht. Eine Besonderheit in der weitestgehend autogerechten Stadt Athen. Der Park ist umzäunt und Securities bewachen die Pfade des Parks.

Wir genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf das Meer bei einem Bier auf dem Dach des Gebäudes und begeben uns zum Ausgang des Parks in dem sich gerade Menschen versammeln, um gemeinsam unter freien Himmel einen Film zusehen. Heute Abend wird “Jenseits von Afrika” gezeigt.

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Migrantinnen in der Sexarbeit

Das Thema der Arbeit sind Migrantinnen in der Sexarbeit. Es soll der Alltag der Frauen näher beleuchtet werden.

Mit der Hilfe eines Streetwork-Teams werden 3-4 Frauen ausgewählt. Sie erhalten eine Einwegkamera und sollen eine Woche lang jeden Tag mindestens ein Foto zu alltäglichen Themen, wie Wohnen, Erledigungen, Arbeitsweg usw. machen. Weiters soll eine Art Porträt von ihnen erstellen mit einem kleinen Steckbrief (woher sie kommen, wie lange sie schon hier sind, Alter, etc.)

(Theresa Margraf)

Bild: Maria Cristina Boidi, LEFÖ