Aufzeichnung #7 / Stunde 180: Eintauchen.

Das Meer ist ein chaotischer Raum, in dem die Einheit der Ordnung erst künstlich mit Medien und Instrumenten hergestellt werden muss. Die mechanischen und elektronischen Zeitanzeiger der in Ostia Gestrandeten werden jedoch in den Tiefen der Taschen verstaut um das Eindringen von Sandkörnern zu verhindern. Die Struktur der Dauer wird vage, man lässt sich treiben, Zeithorizonte verschwimmen, Feldlinien der Entspannung breiten sich aus. Ostia, das Naherholungsgebiet der Römer, ist ein Ort der Entschleunigung.

Aufzeichnung #4 / Stunde 72: Entgrenzung.

Sonntag 04:26 Uhr – Sonntag 07:05 Uhr.

Rein phänomenologisch kann man feststellen, dass der Ausdehnung auf räumlicher Ebene, also einer Erweiterung der Einzugsbereiche (der durch die Geschwindigkeit der Verkehrsmittel erzeugten ‘Schrumpfung des Raumes’) eine zeitliche Ausdehnung gegenübersteht, vor allem in die Nacht, in das Wochenende und in andere bisher geschützte Ruhezeiten. […] Zeitliche Entgrenzung bedeutet, dass sich die klaren Konturen zeitlicher Ordnung auflösen und gewohnte natürliche und gesellschaftliche Rhythmen ihre Prägekraft verlieren.

Aus: Walter Siebel (Hg.), Die europäische Stadt.

Aufzeichnung #3 / Stunde 55: Hundstage.

Der Rhythmus einer Stadt wird aus diversen Zeitgebern geformt. Neben dem in Aufzeichnung #2 erwähnten Bouquet an Öffnungszeiten wird der öffentliche Raum in Rom deutlich vom subtropischen Klima getaktet. Hitze und Trockenheit prägen während der ariden Sommermonate die Frequenz jener Plätze, die außerhalb der vom Tourismus annektierten Areale liegen. Während sich auf der Piazza di Spagna die Leute weiterhin tummeln, sind die Gehsteige, Plätze und Parks abseits der Sehenswürdigkeiten zur Mittagsstunde wie ausgestorben. Sobald die Temperaturkurve ihren Höhepunkt erreicht, werden diese Orte sowohl Werktags als auch am Wochenende konsequent gemieden.

Aufzeichnung #2 / Stunde 18: Bouquet.

Auf unserem nächtlichen Streifzug durch das Stadtviertel San Lorenzo nehmen wir um 1 Uhr früh die Gelegenheit war einen Strauch Basilikum für unser morgiges Frühstück mitzunehmen. In den dunklen Gassen Roms spielt sich vermutlich allerhand ab, das im Entferntesten mit Blumensträußen zusammenhängt. Auch in Wien werden den Blumenläden längere Öffnungszeiten gewährt als dem Rest des Einzelhandels. Eine erste Parallele also die wir zwischen dem Bouquet an Öffnungszeiten der beiden Städte verzeichnen.

Aufzeichnung #1 / Stunde 7: Basislager.

Das Basislager ist eingerichtet, die Instrumente sind kalibriert.

Unsere Unterkunft befindet sich im letzten Stockwerk eines 9 geschoßigen Gebäudes an der Piazza Armenia. Vom Balkon aus kann man eine wichtige Zufahrtsstraße überblicken die ins Stadtzentrum mündet. Am Fuß des Wohnbaus gabeln sich die Spuren: der Strom der Fahrzeuge die das Zentrum verlassen streifen unser Lager westlich, während der stadteinwärts fließende Verkehr die östliche Gebäudekante tangiert. Im Laufe des Tages wechseln sich die Seiten als Quelle des nur in den frühen Morgenstunden abflachenden Geräuschpegels ab und bieten einen ersten Einblick in den Rhythmus der ewigen Stadt.

Während der Expedition werden wir in unregelmäßigen Intervallen über zeitliche Phänomene des urbanen Alltags aus der italienischen Hauptstadt berichten.