Athen wird Wirklichkeit

Athen // Hands on in Zeiten der Krise
Erster Blogeintrag

Das Expeditionsteam ist vollständig in Athen angekommen. Auf geht´s zur Erkundung Athens.

Es gibt ihn wirklich! Der erste zielgerichtete Spaziergang führt uns in den Athener Stadtteil Exarchia und direkt zu Parko Navarinou. Der Park war Gegenstand unzähliger Diskussionen, Filmvorführungen, Aufhänger von Erzählungen und einer der Fixpunkte des Bildes, das in Wien entworfen wurde, um sich die unbekannte Stadt zu imaginieren.

Auf dem Weg werden Motive, die der Recherche entstammen, Wirklichkeit an den Athener Häuserecken. Und dann ein grüner Urwald. Gleichsam gewachsen und liebevoll gestaltet, von verschiedenen Millieus angenommen, wie es sich Planer*innen nur wünschen können. Menschen hängen ab, sitzen zusammen und laufen zwischen kleinen Gruppen hin und her, um sich zu begrüßen und zu unterhalten. Es wird Bier getrunken und geraucht. Etwas abgeschirmt von dieser Situation, aber doch mit dem Rest verbunden, ist ein Kinderspielplatz, der bis in den späteren Abend von Familien genutzt wird.

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Die Geschichte des Ortes scheint allen Menschen präsent zu sein. Der Park ist direkt verknüpft mit dem Ausbruch der Krise und der Proteste. An der Straßenecke des Parks wurde 2008 der 15-Jährige Alexandros Grigoropoulos erschossen. Während der darauf folgenden Riots wurde der damalige Parkplatz besetzt und gemeinschaftlich mit hunderten Menschen aus der Nachbarschaft und dem Wissen der Bezirksverwaltung ein Park gestaltet. Der Park verändert sich kontinuierlich und wird den Bedürfnissen und Wünschen seine Nutzer*innen angepasst.

Ein Photograph ist da. Sein Name ist Yannis Stournas, er erstellt eine Ausstellung zum Thema „Selbstorganisation in Griechenland“. Gerne würde er in ganz Europa seine Photos zeigen. Wir tauschen Kontaktdaten aus – vielleicht sieht man sich wieder. Somit sind wir nicht die einzigen, die heute kommen und die lokale Berühmtheit Parko Navarinou aufsuchen. Die Menschen, die den Park gestalten, sind gleichfalls nicht über die Anwesenheit von den drei Expeditionsteilnehmer*innen überrascht, die die Reise aus Wien angetreten haben.

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Der Kioskbesitzer Jannis von der gegenüberliegenden Straßenseite bezeichnet sich selbst als Kind von griechischen Gastarbeitern. Geboren in Köln, mit 12 Jahren Umzug nach Griechenland, später Germanistikstudium in Athen und Thessaloniki. Er weiß um die Besonderheit des Parks, seinen Ursprung und die Geschichte dahinter. Im Gespräch betont er die Zweischneidigkeit hinter der Offenheit des Parks. Er ist eine Oase für Kinder und ihre Familien, aber auch für viele die sonst keinen offenen Ort haben. Das birgt auch Probleme.

Um 19h soll das wöchentliche, öffentliche Plenum beginnen. Es verbleibt heute informell. Viele sind noch nicht wieder in die immer noch sommerlich-heiße Hauptstadt gekommen. Ohne große Vorankündigung wird bei Anbruch der Dunkelheit eine weiße Plane über ein Gerüst gespannt. Nach dem Plenum wird immer einen Film gezeigt, erklärt eine der Parkonutzerinnen später.
Mit griechischen Untertiteln versehen, gibt es heute Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Ein Film über sogenannte “Gastarbeiter” in den 70er Jahren in der BRD, Einsamkeit und soziale Kälte. Über 40 Jahre alt und erschreckend aktuell.

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Nach dem Film wird das helle Licht eingeschaltet. Man kann allen ins Gesicht schauen und kommt schnell in ein Gespräch. Wir bleiben noch länger und werden wiederkommen.

Filmvorführung – Parko – A documentary about a selforganized park in Athens (2015)

Die Dokumentation “Parko” befasst sich mit einem besetzen Raum in Athen, der einst ein kommerzieller Parkplatz war und während der Proteste 2008 in einen lebendigen Park transfomiert wurde. Die Dokumentation vermittelt einen intensiven und atmosphärischen Einblick in das Leben während der Krise.

Ein Kollektiv aus AktivistInnen wird in der Dokumentation begleitet und der Dialog mit der Nachbarschaft über Selbstorganisation und “die Stadt von unten” skizziert. Die Dokumentation erzählt die Geschichte des Parkes, die Aktivitäten der Nachbarschaft, zeigt, wie er besetzt wurde und was den kollektiven Glauben an einen selbstgestalteten Raum trägt.

Der Film hebt die durch die Krise ausgelösten und symbolhaften Aneignungs- und Veränderungsprozesse im öffentlichen Raum im Zeichen der Stadt von unten hervor und lädt auch ein, über die eigene Nachbarschaft nachzudenken.

http://parkofilm.net/