día trece

Nach einer zwanzig minütigen Autofahrt erreichen wir eine Parallelwelt – zurück in Madrid en el Barrío nuevo, ein neues Wohngebiet am Rande der Stadt. Wenige Stunden zuvor zu Fuss in glühender Hitze über eine Hügellandschaft, Bahngleise und die Autobahn. Direkt dahinter liegt die Straße Cañada Real und mit ihr die größte informelle Siedlung Europas. Vom Hügel aus erstreckt sich die 15 Kilometer lange und nur knapp 75 Meter Tiefe Stadt, eine bunte Landschaft aus unterschiedlichsten Materialien. Im Hintergrund die in die Höhe wachsende Stadt Madrid, daneben die sich in die Länge streckende Autobahn M50.

Wir gehen den Hügel hinunter und hinein in die Siedlung, große Aufregung, ein Polizeieinsatz. Eine nette Begegnung führt uns zur Nächsten. Wir nehmen das Angebot an und fahren im verriegelten Auto zurück in eine vertraute Welt, die plötzlich so fremd wurde.

madrid. tag dreizehn.

cañada real. die größte informelle siedlung europas.
hier zu sein ohne einen grund. vielleicht sind wir die ersten.
von der metro endstation die steppe. in der ferne die autobahn. dahinter sanfte hügel aus bauschutt und müll. zwischen den hügeln fünfzehn kilometer lang und fünfundsiebzig meter breit ein stigma für die leute die hier leben.
wir wagen uns auf unbekanntes terrain. expedition.
zohra bringt uns zur caritas. ein sozialarbeiter fährt uns durch die siedlung zurück zur metro. erzählt von der auswegslosigkeit. die beklemmung und betroffenheit kriecht hoch.
im neuen stadtteil valdecarros ab in die metro.
war das gerade real?
cañada real.

día doce

Ciudad Lineal. Madrid hat eine Bandstadt.
Fährt man mit der Metro Nummer 4 in den Osten der Stadt und hält bei Station Arturo Soria gelangt man auf die Calle de Arturo Soria und wenn man aufmerksam schaut, kann man auch noch eine Statue, zu Ehren von Arturo Soria, entdecken. Es handelt sich um den spanischen Stadtplaner Arturo Soria y Marta, Entwickler des Bandstadt-Konzepts. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts plante er eine Struktur für eine 48 Kilometer lange und 200 Meter Tiefe Stadt. Aufgrund Finanzierungsschwierigkeiten konnten allerdings nur fünf Kilometer realisiert werden.

Hinter alten Mauern entstehen neue Häuser. Abseits der Hauptstraße befinden sich die Wohnsiedlungen, teilweise reges Treiben auf der Straße, die Orientierung ist nicht leicht zu verlieren.

día once

In bestimmten Gebieten des madrider Stadtrands ist kaum öffentliches Leben sichtbar. Die teils sorgfältig angelegten Parks geben den Spaziergängern eine genaue Route vor, viele Grünflächen sind Golfern vorbehalten oder aus unersichtlichen Gründen nicht zugänglich. Straßen dominieren die Landschaft. Es ist nicht möglich zwischen Gebäuden durchzugehen – no empty space between the buildings. Stundenlang kein einziger Supermarkt.

In einer Urbanización Privada wachsen Bäume am Kunstrasen. Kameras rücken Eindringlinge von allen Seiten ins Rampenlicht. Ein Security-Auto dreht seine Runde. Kein Mensch auf der Straße. Ab und zu bellt ein Hund.

madrid. tag elf.

aus dem nichts neben der autobahn eine fußgängerin.
»busco el río manzanares.«
schallendes gelächter unter dem strengen, spanischen schnurrbart.
sowas passiert hier nie.
»aquí todo es privado. fence. no hay entrada. no tengo una key. look trough fence. río manzanares.«
die fußgängerin dankt, geht in die gedeutete richtung und verschwindet.
sowas passiert hier nie.

día diez

One day off. Hinter dem Hügel beginnt die Stadt.
Je tiefer hinein in die Landschaft Spaniens, desto tiefer hängen die Wolken. Die Stadt, mit der ältesten noch bestehenden Universität Spaniens, hat eine geheimnisvolle Ausstrahlung. In Salamanca, wo schon so viel gedacht und studiert wurde, herscht heute ein unbeschwerter Lebensgenuss.

día nueve

Madrid hat ein Netzt aus großen Straßen, das die Stadt radial und zentrisch durchschneidet. Zwischen diesen Achsen ist die Stadt in den letzten Jahrzehnten punktual gewachsen. Die entstandenen Barríos sind vom Rest der Stadt oft komplett abgeschnitten. Der Austausch zwischen Zentrum und Peripherie findet kaum statt.

madrid. tag zehn.

salamanca nach madrid.
über die autobahn.
a 6 kreuzt m 50. a 6 kreuzt m 40. a 6 endet an der m 30.
weiter auf der m 30.
ab in den tunnel und unter der stadt durch.
auftauchen.
die andere perspektive.
von der straße aus eine zurückgelegte route erkennen.
ein ungewöhnliches zusammentreffen unterschiedlicher wahrnehmungen.

día siete

Nach einer abendfüllenden Vortragsreihe im Rahmen von Funding the Cooperative City-Madrid, in der sich unterschiedliche Protagonisten über urbane Handlungsfelder basierend auf selbstorganisiertem Engagement ausgetauscht haben, ist es naheliegend das hier gezeigte Projekt zu erwähnen; Autobarrios wurde 2012 von dem spanischen Kollektiv basurama in der Madrider Vorstadt San Critóbal ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit Akteuren aus der Nachbarschaft wurde der verlassene Ort, unter einer Autobahnbrücke, wiederbelebt und seine Funktion neu definiert.

Im angrenzenden Park duftet das frisch abgemähte Gras. Ein kleiner Teich mit Springbrunnen ergänzt die Idylle. Zwei Pensionistinnen üben sich am Freiluft-Hometrainer, pausieren aber gelegentlich um sich weiter zu unterhalten. Ich erwecke das Interesse zweier Kinder, Linda (10) und Juliano (8). Das Mädchen spricht gebrochen Deutsch und mit dem Mix aus meinem gebrochenen Spanisch kommen wir ins Gespräch. Die Familie komme aus Serbien und die kurze Zeit, die sie in Deutschland verbracht haben, war nicht gut, erzählt sie mir. Hier in Madrid lebt sie mit ihren Eltern und den zehn Geschwistern in einer Wohnung. In die Schule geht sie nicht gerne, da gäbe es viele Konflikte. Dankbar lass ich mir den Weg zur nächsten Metro-Station zeigen, der mich entlang einer stark befahrenen Straße führt.

día cinco

Wer lange Wege zurücklegt darf auf ein gutes Schuhwerk nicht vergessen! In diesem Fall sei das Casa Hernanz sehr zu empfehlen. Bei der Wahl der gewünschten Farbe und Größe können die Spanischkenntnisse geprüft werden. Der Schuhmacher reagiert mürrisch, aber mit vollster Gelassenheit.

día cuatro

Sobald die erste offene Metro-Station erreicht wird und die U-Bahn nicht mehr unterirdisch, sondern zwischen Wiesen und Wäldern durch die Landschaft fährt, hat man Madrid Centro verlassen. Ein junger Mann mit wehendem schwarzen Haar spielt ABBA auf der Panflöte, ein Sudoku lösender alter Herr pfeift fröhlich mit.

Inmitten der Pinienwälder taucht plötzlich eine weiße Mauer mit einem aufgemalten Stier am Eingang auf – Venta del Batán. Hier wurden Stiere für den Wettkampf gezüchtet, die Gehege scheinen nicht mehr in Verwendung zu sein. Gelegentlich hält ein Taxi, sonst nichts.

Zwischen den großen Verkehrsachsen im Westen der Stadt liegen unterschiedliche Siedlungstypen urbanizaciónes in unmittelbarer Nähe zu den Hauptstraßen. So auch die weiße Schlafstadt mit den schwarzen Katzen. Neben komplettem Verfall wird neu gebaut, Palmen schmücken den Eingangsbereich der Häuser, in deren Inneres man nur Gelegentlich einen Blick über die Mauer erhaschen kann.

madrid. tag vier.

der labyrinthische bahnhof atocha. bei taxi 158 führt eine linkskurve endlich vom parkdeck auf die straße.
weiter geht es in der richtung, in der auch die züge die stadt verlassen.
giftgrün und grau gepixelte fassade. baustellenzaun um den fertig angelegten park. hier entsteht stadt?
weiter zur autobahn m 30. es rauscht schon in der ferne.
überqueren unmöglich.
ab in den parallel verlaufenden park. jogger laufen mit den autos um die wette.
überqueren weiter unmöglich bis die erde die m 30 verschluckt.
dann nur noch der río manzanares.

madrid. tag drei.

zeitreise in die sechziger mit der teleférico de madrid.
schwindlig wird nicht durch die höhe, aber durch die windigen, blitzblauen nussschälchen die an den stahlseilen schaukeln.
drei männer in teleférico-uniform öffnen die türen der gondeln für aussteigende fahrgäste, bitten die nächsten fahrgäste einzusteigen und schließen dann die kette an den türen.
11 minuten höhenrausch.
dächer von madrid, fluß manzanares, autobahn m 30, rote wohnblöcke.
dann der casa del campo. madrids grüne oase.

día tres

Über den Pinien schwebend eröffnet sich der Blick auf ein unerwartet weitläufiges Grün der Stadt. Die Wolken stehen am Himmel wie in einer surrealistischen Darstellung René Magrittes. Aus der Ferne sind die Schreie der Kinder wahrnehmbar, die sich auf der orangefarbenen Hochschaubahn in Kurven durch die Lüfte bewegen. Hinter dem Vergnügungspark zeichnen sich die Wohnhaussilhouetten der Peripherie ab und geben einen ersten Fernblick auf den Randblick.

madrid. tag zwei.

regen.
regen.
regen.
die madrileños sind trotzdem auf der straße.
das caixa forum bietet schutz vor dem unentwegt prasselnden regenschauer.
trotz kälte, die über die nassen schuhe in die knochen kriecht, kommt es nicht umhin sich einen hochsommertag zu ersinnen, an dem dieser kühle, dunkle ort mit seinem wasserfall zuflucht vor der hitze bietet.
und es regnet.

 

día dos

An madrider Regentagen erfreut man sich besonders der konstanten 24° inklusive Tropenfeeling in der alten Bahnhofshalle der Estación de Atocha. Wie es scheint, findet hier jede und jeder seinen Platz; Restaurants mit Palmenblick, nächstes Gleis, chinesische Schmuckwaren neben gebrannten Mandeln. Nächste Palme, vielleicht ehemals Gleis vier, ist zu einem temporär permanenten Schlafplatz geworden. Großer Fotoandrang bei den Schildkröten auf Gleis sechs.

Das alte Bahnhofsgebäude aus dem späten 19. Jahrhundert wurde zu Beginn der 1980er Jahre einer Modernisierung unterzogen. Die Anbindung zur Stadt konnte jedoch nicht erstellt werden, eine sechsspurige Fahrbahn erschwert den Zugang. Hat man es dennoch zum Eingang geschafft, führen einen Laufbänder und Treppen in das Innere der eleganten Jugendstilkonstruktion, in der Informations- und Fahrkartenschalter sowie Warteräume zwar noch an das Treiben der ehemaligen Ankunftshalle erinnern lassen, gegenwärtig aber nur noch die geschaffene Ruheoase flankieren.

día uno

Blaubeer-Muffin und fröhliche Musik zum Aufwachen auf über 10.000 Höhenmeter…Pasteles y café con leche, Welcome to Spain!

Nachdem sich die Expeditionsgruppe in ihrer durchaus gemütlichen und durch kreative Lösungen, trotz minimalem Fußabdruck, geräumigen Unterkunft eingefunden hatte, ging es auch schon los, mit der Ersterkundung von Madrid.

Es geht ein frischer angenehmer Wind, der möglicherweise auch mit der Höhenlage der Stadt einhergeht. Die Sonne scheint warm. Das Licht, das noch kein sommerliches ist, doch schon sehr gesättigt. Angeblich gibt es keinen Frühling in Madrid – die Bäume blühen rosa und weiß und der Geruch der Blüten löst sich in die verschiedenen Gerüche auf, aus denen die Stadt besteht. Lebhaftes Treiben auf der Straße und ein fröhliches Durcheinander der Fußgänger lädt zum Mitgehen ein.

Jamón, nein, doch das andere Brot, gibt es hier nur Haltbarmilch?, Erdbeeren (from Spain), Pimientos de Padrón…und der erste spanische Sommerregen.