Auf der sicheren Seite

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Sechs

Der Tag startet mit einer Verabredung mit Marie, der Praktikantin von SynAthina. Tags Zuvor hat sie angeboten uns mit zu ihrem zweiten „Job“ zu nehmen. Sie engagiert sich auf Freiwilligen-Basis in einem selbstorganisierten Gemeindezentrum namens „Khora“. Es handelt sich um ein von Flüchtlingen verwaltetes Haus, das sich nach und nach zu einem wichtigen Treffpunkt für den gesamten Stadtteil entwickelt hat. Das Haus steht offen für alle. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, die besetzt wurden, haben sich die Beteiligten hier für die Gründung einer NGO entschieden und das Haus gemietet.

Die Einrichtung mit seinen fünf Stockwerken bietet verschiedene Sprachkurse, ein Café mit Mittags- und Abendangeboten, ein Spielraum für Kinder und einen eigenes Stockwerk für Frauen. Es herrscht eine gute, entspannte Stimmung. Kinder rennen herum und schreien, Menschen verschiedener Herkunft sitzen in Gruppen herum und unterhalten sich. Einige stürmen in die Klassenräume, damit sie nicht zu spät kommen. Freiwillige Helfer*innen gibt es so viele, dass niemand unsere Kontaktperson Marie aus Frankreich kennt. Leider haben wir uns verpasst und wir können sie im Trubel nicht finden.

Eine Dame am Empfang erklärt uns, dass die Organisation eine horizontale Hierarchie hat. Nur die Aufgabenbereiche sind verteilt. Jede Woche findet ein offenes Plenum statt.

 

Das Besondere an diesem Kulturzentrum in Exarchia ist die geräumige Werkstatt. Hier werden aus gebrauchten Möbeln, Spenden und Fundstücken neue Einrichtungsgegenstände hergestellt. Genutzt werden sie nicht nur von der Khora Association selbst. Auch viele der Flüchtlingsunterkünfte und besetzten Häuser, aber auch Privatpersonen beziehen hier her ihre Möbel.

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Wir sind uns sofort einig, dass der Ort ein gelungenes Beispiel für ein offenes Kulturzentrum ist. Es bringt die Menschen zusammen, gibt ihnen kostenlosen Input und aktiviert sie selbst Wissen und Können weiterzugeben und etwas daraus zu machen. Es ist eines der Projekte, die wir im Herzen behalten, selbst wenn wir sie nicht in unsere Arbeit über öffentliche Außenräume einbinden wollen.

Im Anschluss besuchen wir wieder einmal den Elephertias Platz an der westlichen Seite des Emborikó Trigono, dem Handels-Dreieck. Hier steht jeden Dienstag und Freitag der Bus der Organisation Praksis, der mit Duschen ausgebaut ist und ein Angebot für Obdachlose und Bedürftige ist. Unsere offizielle Anfragen ein Interview mit den Angestellten des Busses machen zu dürfen blieben trotz vieler Versuchebislang unbeantwortet. Ohne das offizielle OK von oben, wollen uns die Helfer*innen nichts davon erlauben.

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Wir fragen nach weiteren Kontakten, Telefonnummern, rufen an, werden weitergeleitet und an andere Stellen verwiesen. Trotz fehlender Erlaubnis, erzählt uns der ägyptische Übersetzer dann doch einige Eckdaten des Projekts und wir finden heraus, dass sie diesen Ort ausgewählt haben, da die Menschen sowieso schon hier sind. Bislang gibt es keine weiteren Stationen des Duschbuses.

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Am Nachmittag sind wir auf den Spuren der offenen Gemeinschaft Atenistas unterwegs. Sie haben sich durch Interventionen im öffentlichen Raum in den letzten Jahren zum Gegenstand vieler Diskussionen gemacht. Meist handelte es sich dabei um eher kleine Eingriffe, wie das Aufstellen von Bänken, das Anbringen von Designelementen und Farbe in der Stadt. Es geht ihnen darum, in der eigenen Stadt aktiv zu werden, Objekte hinzuzufügen und Orte zu verschönern. Teilweise in Absprache mit der Stadt, teilweise als spontane „Verschönerungsaktion“ ohne Erlaubnis der Stadtverwaltung und der Anwohner*innen polarisierte die Vereinigung mit ihren Projekten immer wieder die Meinungen der Athener*innen. Ein Projekt gelistetes von ihnen ist der „DIY-Pocket-Park“ im Stadtviertel Gazi. Er befindet sich auf einem schmalen Streifen Brachfläche entlang einer dicht befahrenen Straße. Als Intervention wurde hier die Fläche von Müll gesäubert, gelb angestrichene Paletten zu Sitzgelegenheiten zusammengetragen und Plastikbecher in den Zaun gesteckt, sodass er zu einem Schriftzug wird. Der gemeinschaftliche Entstehungsprozess wurde öffentlichkeitswirksam in einem Video dokumentiert

Link zum Video

Bürger*innen der Nachbarschaft wurden nicht eingebunden, wie uns der Automechaniker der Werkstatt am Eck erzählt. Die Fläche ist in einem äußerst schlechten Zustand. Die Plastikbecher sind verschwunden, die Paletten kaputt, entwendet, wahllos über den Bereich verstreut. Es liegt sehr viel Müll herum.

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Mit den Stimmen der Atenistas-Kritik im Ohr, diskutieren wir über den Anspruch der Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit von städtischen Aktionen. Ob es dabei um Aktivierung von Stadtbewohner*innen geht? Geht es nur um die (wenn auch kurzfristige) Beautification des Ortes, bei dem die weitere Entwicklung der Fläche keine Rolle spielt? Oder führen solche Aktionen am Ende sogar zu einer Frustration und Demotivation der Nachbarschaft, wenn ein Ort wie dieser nach einer spontanen ästhetischen Aufwertung innerhalb kürzester Zeit ein derart verwahrlostes Bild abgibt?

Am frühen Abend kehren wir zu dem Café und Skate-Pool Latraac im Stadtviertel Kerameikos zurück.

Einer der Initiatoren und Gründer Zachos Varfis arbeitet heute und steht hinter der Bar. Er hat Architektur in London studiert und im Athen der Krisenzeit zusammen mit einem wechselnden Team von Helfer*innen, Mitarbeiter*innen, Gründer*innen und Investor*innen die Idee eines Skate-Cafés realisiert. Er habe auch darüber nachgedacht, einen öffentlichen Raum zusammen mit der Athener Verwaltung zu schaffen, doch die Unterstützung sei aufgrund seiner wirtschaftlichen Bestrebungen, den Skatepark mit einem Café zu kombinieren, nicht möglich gewesen. Die Variante den Park als private Fläche anzubieten habe ihm einfach viel mehr Freiheiten gelassen.IMG_7206

Auch der Versuch einer Crowdfunding-Finanzierung und Gespräche mit Investoren scheiterten. Seine Ideen seien schon sehr konkret gewesen und die wirtschaftliche Situation in dem „Krisen-Athen“ instabil. Daher entstand die Idee, das Grundstück selbst zu mieten und eine brachliegende Fläche in einem eher unattraktiven Gebiet der Stadt zu einem sozialen Ort zwischen Sport und Treffpunkt zu machen.

Durch ein besonderes modernes CNC-Fräß-Verfahren wurden die Einzelteile der Skatebowls hergestellt. Die Holzrampen und das Mobiliar des Ortes folgen einem schlichten zeitgenössischen Design. Das sei ihm wichtig, erzählt er uns. Immer wieder betont er die Design-Elemente des Parks.

Viele wollten nur Krisen-Geschichten hören, aber er glaube, dass das Projekt auch allein seines Entstehungsverfahrens und der neuartigen Fertigung wegen besonders sei. Die Krise bringe sehr gute Publicity.

Durch die Dokumenta sind viele Künstler*innen bei ihm ein und ausgekehrt. Sie haben hier Projekte verwirklicht. Seit der Eröffnung ist das Café ein Ort für kreativen Austausch, und das ist Teil des Konzeptes.

Der Ort liegt in einem Viertel, das wie er selbst sagt, schon vor einigen Jahren alle Anzeichen eines in naher Zukunft gentrifizierten Bezirks hatte. Ein Investor kaufte große Bereiche auf und veranstaltete ein jährliches Kunst- und Kulturfestival. Ziemlich bald eröffneten hippe urbane Cafés. Doch das führte bislang noch nicht zu einer Veränderung des gesamten Gebiets. Prostitution, Drogenhandel, Armut und Leerstand sind weiterhin fester Bestandteil des Bezirks. Dies sei auch der Grund, warum man den Ort mit hohen Mauern und einer verschließbaren Tür versehen müsse.

Die Öffnungszeiten sind von 12 Uhr Mittag bis etwa 1 Uhr nachts. Konsumieren muss hier keiner. Manchmal finden Parties statt. Dann wird die Bowl zu einer großen Sitzgelegenheit. In Rücksicht auf die Anwohner*innen wurden Skate-Ruhepausen in den frühen Nachmittagsstunden festgelegt, in denen sich viele Athener*innen wegen der Hitze für ein Nickerchen hinlegen.

Die Krise selbst war für Zachos keine Motivation den Skate-Park zu eröffnen. Er wollte sowieso immer mit seinen Händen arbeiten, statt im Büro zu sitzen. Der Park ist ihm und seinem Team gut gelungen und zieht Menschen aus der ganzen Stadt an. Manche zum Trinken und Essen und viele zum Skaten.

Vor dem Gespräch hatten wir eine gewisse Erwartungshaltung. Wir gingen davon aus, dass ökonomisch krisenhafte Zeiten als Blockade wirken. Wir gingen davon aus, dass Aktionen verhindert werden und die Krise in anderen Fällen Menschen aktiviert. Wir dachten auch, die Krise fördere Tatendrang und eröffnet Möglichkeitsräume. Wir dachten, dass in dem Fall von LATRAAC die wirtschaftlich schlechte Lage und die mangelnden Aufträge erst für die Idee der jungen Iniator*innen sorgten, Projekte jenseits ihrer Kernprofessionen voranzutreiben. Unter Umständen hätte die Stadt oder ein Investor/ eine Investorin außerdem mehr Interesse gehabt, das Projekt zu fördern. Während andererseits die Grundstückspreise für einen Ort im Zentrum der Metropole außerhalb dieser Periode wohl kaum erschwinglich gewesen wären. Das Interview verlief dann anders und gab uns andere Einsichten.

Von Syntagma bis Exarchia –

auf den Spuren der sozialen Bewegung Athens.

 

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Drei

Es ist kurz vor 10:00 morgens am Syntagma Platz, wie so viele andere kommen wir die Rolltreppen der Metro hinauf und stehen auf der Mitte des Platzes. Wir sind verabredet mit der Architektin Maria Petinaki. Wir werden mit ihr einen Spaziergang bis in das Viertel Exarchia machen. Auf unserem Spaziergang wollen wir uns mit den städtischen Räumen, den Straßen und Plätzen, beschäftigen die in den letzten Jahren die sozialen Bewegungen Athens getragen haben.

Wir warten auf Maria, in den ersten vorherigen Tagen in Athen haben wir gelernt, dass Warten nicht eine Lästigkeit ist, sondern eine Möglichkeit sich noch einmal bei einem Freddo Cappuccino zurückzulehnen die Gedanken fließen zu lassen und die Augen und Ohren aufnehmen zu lassen.

Syntagma Metro

Kinder spielen, Straßenhunde liegen noch Müde im Schatten, Simkarten und Zeitungen werden am Aufgang der Metrostationen den Ankommenden Passanten angeboten, ein Obdachloser hat sein Zelt unter den Bäumen aufgeschlagen und streckt gerade den Kopf heraus, ein buntes Treiben. Der Syntagma Platz ist einer der wichtigen Verkehrsknoten des öffentlichen Verkehrs in Athen somit steht der Platz dauernd in Bewegung und ist ein beliebter Treffpunkt. Der Brunnen in der Mitte des Platzes, die Cafes die den Platz in seiner tieferen Ebene säumen, die Bänke unter den Bäumen die vor der immer noch stechenden Athener Spätsommersonne schützen laden zum Verweilen ein. Es ist nicht unser erster Besuch am Syntagma Platz, es vergeht fast kein Tag an dem man hier nicht passiert.

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Der Platz reiht sich ein in die Liste der bedeutenden Räume von Tahir in Ägypten über den Maidan in der Ukraine bis zu Taksim in der Türkei die in den letzten Jahren Austragungsort von Konflikten waren. Die Frage die sich in diesem Moment der Vergegenwärtigung dieser Ereignisse dieser Plätze stellt ist. Was haben Sie gemeinsam? Wie werden Sie aktiviert? Und wie nachhaltig ist das Geschehen dort?

Die vorherige Recherche über diesen Platz und die Bewegung die den Syntagma Platz über Wochen prägten legen sich in Vorstellungen über dieses nun sehr ruhige alltägliche Bild des Ortes. Man kann die in der Höhe unterschiedlichen Ebenen des Platzes sehen auf denen sich die verschiedenen Gruppen gebildet haben und über ihr Land, die EU und neue Formen der Demokratie diskutiert haben. Man sieht die großen Hotels auf denen die Kameras der Journalisten standen die auf dem Platz nicht geduldet wurden (der Platz sollte nur durch seine Akteure vertreten werden, so wollte man keine Medien die diese Aufgabe übernehmen), man kann sich das dichte Menschengemenge auf dem Platz vorstellen und dort wo das eine Zelt nun steht standen wahrscheinlich zu dieser Zeit Dutzende.

Von den Protesten, Demonstrationen, Demokratiebewegungen und Transformation die die Krise und die darauffolgende Politik ausgelöst hat und auf diesem Platz stattfand ist keine Spur mehr zu sehen. Wie kann das sein? Der Platz ist aufgeladen mit Erinnerungen, voll mit Hoffnung und Verzweiflung doch die Touristen auf dem Weg zur Einkaufsstraße Ermou (beginnt am Syntagma Platz) die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben und nun den Platz passieren werden wohl nichts davon bemerkt haben. Ist das Gut so? Der Platz hat eine lange Geschichte der Demokratie Bestrebung und wurde schon oft in der Geschichte Athens von Menschen als Raum der Diskussion und aus dem Wunsch der Veränderung genutzt – somit hat er auch seinem Namen bekommen: Syntagma bedeutet Verfassung; das Parlament steht auf der höchsten Ebene über dem Platz.

Kurz nach 10:00 Maria ist mittlerweile angekommen, sie ist eine Freundin der Architektin Nelly Sfakianaki, die uns gestern ein Projekt im Stadtviertel Omonia gezeigt hat, wir treffen beide unabhängig voneinander, klein ist die Welt.

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Sie erklärt uns die historische Stadtentwicklung Athens, sie redet über die Anordnung von Plätzen und Straßen die in zu einem Dreieck angeordnet sind und die Stadt in einer logischen Beziehung gliedern. Maria berichtet von den Ereignissen auf dem Syntagma Platz (auch Teil des historischen Dreiecks), wie die Bewegung die auf diesem Platz entstand und auch langsam wieder verebbte.

Wir laufen los, der Spaziergang führt uns zuerst zu einer Passage die vom Leerstand geprägt ist und durch eine Installation und die Ansiedelung innovativer Ladengeschäfte wiederbelebt wurde, die Passage steht nun wieder leer – das Projekt war nicht sehr nachhaltig. Warum?

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Es geht weiter zu einer umgestalteten Straße – die Palletten die als Sitzmöglichkeiten angedacht waren verrotten langsam – die Nachbarschaft nutzt die Einrichtungen nicht. Es stellt sich die Frage wer etwas aktiviert– wie und wer identifiziert sich mit der Aktion und wie kann der Raum nachhaltig lebendig bleiben und wer kümmert sich um den Erhalt? Gibt es eine Regel für Erfolg oder Misserfolg?

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Diese Straße war eine Aktion von Atenistas einer, nach eigener Aussage, nicht politischen Gruppierung die verschiedene Aktionen im öffentlichen Raum initiieren. Jedoch sind die Projekte etwas in Verruf geraten denn die Nachbarschaft wird bei den Verschönerungen des öffentlichen Raums oft nicht miteinbezogen und die dadurch fehlende Identifikation mit dem Projekt der Erhalt durch Belebung nicht gegeben ist.

Maria berichtet uns das die Kritik von Atenistas im Viertel Kolonaki, einem reicherem Trendviertel in Athen losgetreten wurde; dort wurden Treppen bemalt und die Nachbarschaft empörte sich darüber was ihnen einfällt einfach so ungefragt ihr Viertel zu verändern.

Zwei Personen von Atenistas sind mit an der Begründung von Synathina beteiligt wie Maria berichtet, am 11. September treffen wir uns mit Synathina – wir sind gespannt was uns dort erwartet. Es geht weiter Richtung Exarchia über den Platz der Universität vorbei an einem während der Proteste abgebrannten Kino. Wir kommen in Exarchia an – und wie so oft in den letzten Tagen nehmen wir Platz im Parko Navarinou. Warum funktioniert dieser Ort so gut? Jeden Sonntag treffen sich die Menschen um den Platz sauber zu halten. Maria erzählt: „die Stadt würde sich wünschen das würde an auch an den anderen Plätzen funktionieren– das würde eine Menge Geld sparen.“

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Wir machen eine kleine Pause im Cafe gegenüber des Parkes, dabei entsteht eine angeregte Diskussion über Politik, die Frage über „Beautification“ eines Ortes oder der politischen Aussage einer Aneignung und Aktivierung eines Ortes – Aktionismus ist wichtig – wie auch schon gestern mit Nelly fällt der Satz: „Einfach etwas machen.“ Doch dabei schwingt auch mit das man die Zeit und die Kraft braucht ehrenamtlich Projekte mitzugestalten. Wir besuchen noch ein paar weiter Projekte und setzen uns letzendlich auf den Exarchia Platz und versuchen die Flut an neuen Inputs zu verarbeiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Athen wird Wirklichkeit

Athen // Hands on in Zeiten der Krise
Erster Blogeintrag

Das Expeditionsteam ist vollständig in Athen angekommen. Auf geht´s zur Erkundung Athens.

Es gibt ihn wirklich! Der erste zielgerichtete Spaziergang führt uns in den Athener Stadtteil Exarchia und direkt zu Parko Navarinou. Der Park war Gegenstand unzähliger Diskussionen, Filmvorführungen, Aufhänger von Erzählungen und einer der Fixpunkte des Bildes, das in Wien entworfen wurde, um sich die unbekannte Stadt zu imaginieren.

Auf dem Weg werden Motive, die der Recherche entstammen, Wirklichkeit an den Athener Häuserecken. Und dann ein grüner Urwald. Gleichsam gewachsen und liebevoll gestaltet, von verschiedenen Millieus angenommen, wie es sich Planer*innen nur wünschen können. Menschen hängen ab, sitzen zusammen und laufen zwischen kleinen Gruppen hin und her, um sich zu begrüßen und zu unterhalten. Es wird Bier getrunken und geraucht. Etwas abgeschirmt von dieser Situation, aber doch mit dem Rest verbunden, ist ein Kinderspielplatz, der bis in den späteren Abend von Familien genutzt wird.

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Die Geschichte des Ortes scheint allen Menschen präsent zu sein. Der Park ist direkt verknüpft mit dem Ausbruch der Krise und der Proteste. An der Straßenecke des Parks wurde 2008 der 15-Jährige Alexandros Grigoropoulos erschossen. Während der darauf folgenden Riots wurde der damalige Parkplatz besetzt und gemeinschaftlich mit hunderten Menschen aus der Nachbarschaft und dem Wissen der Bezirksverwaltung ein Park gestaltet. Der Park verändert sich kontinuierlich und wird den Bedürfnissen und Wünschen seine Nutzer*innen angepasst.

Ein Photograph ist da. Sein Name ist Yannis Stournas, er erstellt eine Ausstellung zum Thema „Selbstorganisation in Griechenland“. Gerne würde er in ganz Europa seine Photos zeigen. Wir tauschen Kontaktdaten aus – vielleicht sieht man sich wieder. Somit sind wir nicht die einzigen, die heute kommen und die lokale Berühmtheit Parko Navarinou aufsuchen. Die Menschen, die den Park gestalten, sind gleichfalls nicht über die Anwesenheit von den drei Expeditionsteilnehmer*innen überrascht, die die Reise aus Wien angetreten haben.

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Der Kioskbesitzer Jannis von der gegenüberliegenden Straßenseite bezeichnet sich selbst als Kind von griechischen Gastarbeitern. Geboren in Köln, mit 12 Jahren Umzug nach Griechenland, später Germanistikstudium in Athen und Thessaloniki. Er weiß um die Besonderheit des Parks, seinen Ursprung und die Geschichte dahinter. Im Gespräch betont er die Zweischneidigkeit hinter der Offenheit des Parks. Er ist eine Oase für Kinder und ihre Familien, aber auch für viele die sonst keinen offenen Ort haben. Das birgt auch Probleme.

Um 19h soll das wöchentliche, öffentliche Plenum beginnen. Es verbleibt heute informell. Viele sind noch nicht wieder in die immer noch sommerlich-heiße Hauptstadt gekommen. Ohne große Vorankündigung wird bei Anbruch der Dunkelheit eine weiße Plane über ein Gerüst gespannt. Nach dem Plenum wird immer einen Film gezeigt, erklärt eine der Parkonutzerinnen später.
Mit griechischen Untertiteln versehen, gibt es heute Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Ein Film über sogenannte “Gastarbeiter” in den 70er Jahren in der BRD, Einsamkeit und soziale Kälte. Über 40 Jahre alt und erschreckend aktuell.

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Nach dem Film wird das helle Licht eingeschaltet. Man kann allen ins Gesicht schauen und kommt schnell in ein Gespräch. Wir bleiben noch länger und werden wiederkommen.

hands on // in Zeiten der Krise

„Krise: ‘Entscheidung‘, Wendepunkt, allgemeine Bezeichnung für die plötzliche Zuspitzung oder das plötzliche Auftreten einer Problemsituation, die mit den herkömmlichen Problemlösungstechniken nicht bewältigt werden kann.“ (Rammstedt 2011, S. 382)

Wir leben im Zeitalter der Krise. Alles ist Krise. Die Wirtschaft- und Finanzwelt taumelt von einer Krise in die nächste. Schuldenkrise, Regierungskrise, Eurokrise, Krisenländer. 2015 sind viele Menschen aus Krisengebieten geflüchtet. Seitdem spricht man von der Flüchtlingskrise, die durch die Ein- und Durchreise der Geflohenen entstand. Folgt man der Argumentation der Wiener SPÖ, befindet sich auch Wien in einer Krise, aus der man sich “herausinvestieren” müsse. Gibt es eine positive Sicht auf Krisen? Oder: Ist die Krise überhaupt sichtbar?

Mit der Expedition werden wir die kleinen und großen Krisen lokalisieren, präzisieren und herausfinden, ob und wie sich die vermeintliche Krise im öffentlichen Raum auswirkt. Fragen der Krisenmomente aus Wien mitnehmend, tragen wir sie auf unsere Expedition in die Welt und suchen Antworten und weitere Fragen, die sich in der (angeblich) krisenumtosten europäischen Stadt stellen.

Wenn die Krise ein Wendepunkt ist, was löst sie aus? Welche Art von Initiativen und Akteur*innen werden durch die Krise aktiviert? Welche Kräfte werden freigesetzt? Und wie verändert sich das Bild der Gesellschaft, der Lebensweisen, der Stadt und insbesondere des Öffentlichen Raumes im Zuge der Neuordnung bestehender Strukturen?