Von Syntagma bis Exarchia –

auf den Spuren der sozialen Bewegung Athens.

 

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Drei

Es ist kurz vor 10:00 morgens am Syntagma Platz, wie so viele andere kommen wir die Rolltreppen der Metro hinauf und stehen auf der Mitte des Platzes. Wir sind verabredet mit der Architektin Maria Petinaki. Wir werden mit ihr einen Spaziergang bis in das Viertel Exarchia machen. Auf unserem Spaziergang wollen wir uns mit den städtischen Räumen, den Straßen und Plätzen, beschäftigen die in den letzten Jahren die sozialen Bewegungen Athens getragen haben.

Wir warten auf Maria, in den ersten vorherigen Tagen in Athen haben wir gelernt, dass Warten nicht eine Lästigkeit ist, sondern eine Möglichkeit sich noch einmal bei einem Freddo Cappuccino zurückzulehnen die Gedanken fließen zu lassen und die Augen und Ohren aufnehmen zu lassen.

Syntagma Metro

Kinder spielen, Straßenhunde liegen noch Müde im Schatten, Simkarten und Zeitungen werden am Aufgang der Metrostationen den Ankommenden Passanten angeboten, ein Obdachloser hat sein Zelt unter den Bäumen aufgeschlagen und streckt gerade den Kopf heraus, ein buntes Treiben. Der Syntagma Platz ist einer der wichtigen Verkehrsknoten des öffentlichen Verkehrs in Athen somit steht der Platz dauernd in Bewegung und ist ein beliebter Treffpunkt. Der Brunnen in der Mitte des Platzes, die Cafes die den Platz in seiner tieferen Ebene säumen, die Bänke unter den Bäumen die vor der immer noch stechenden Athener Spätsommersonne schützen laden zum Verweilen ein. Es ist nicht unser erster Besuch am Syntagma Platz, es vergeht fast kein Tag an dem man hier nicht passiert.

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Der Platz reiht sich ein in die Liste der bedeutenden Räume von Tahir in Ägypten über den Maidan in der Ukraine bis zu Taksim in der Türkei die in den letzten Jahren Austragungsort von Konflikten waren. Die Frage die sich in diesem Moment der Vergegenwärtigung dieser Ereignisse dieser Plätze stellt ist. Was haben Sie gemeinsam? Wie werden Sie aktiviert? Und wie nachhaltig ist das Geschehen dort?

Die vorherige Recherche über diesen Platz und die Bewegung die den Syntagma Platz über Wochen prägten legen sich in Vorstellungen über dieses nun sehr ruhige alltägliche Bild des Ortes. Man kann die in der Höhe unterschiedlichen Ebenen des Platzes sehen auf denen sich die verschiedenen Gruppen gebildet haben und über ihr Land, die EU und neue Formen der Demokratie diskutiert haben. Man sieht die großen Hotels auf denen die Kameras der Journalisten standen die auf dem Platz nicht geduldet wurden (der Platz sollte nur durch seine Akteure vertreten werden, so wollte man keine Medien die diese Aufgabe übernehmen), man kann sich das dichte Menschengemenge auf dem Platz vorstellen und dort wo das eine Zelt nun steht standen wahrscheinlich zu dieser Zeit Dutzende.

Von den Protesten, Demonstrationen, Demokratiebewegungen und Transformation die die Krise und die darauffolgende Politik ausgelöst hat und auf diesem Platz stattfand ist keine Spur mehr zu sehen. Wie kann das sein? Der Platz ist aufgeladen mit Erinnerungen, voll mit Hoffnung und Verzweiflung doch die Touristen auf dem Weg zur Einkaufsstraße Ermou (beginnt am Syntagma Platz) die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben und nun den Platz passieren werden wohl nichts davon bemerkt haben. Ist das Gut so? Der Platz hat eine lange Geschichte der Demokratie Bestrebung und wurde schon oft in der Geschichte Athens von Menschen als Raum der Diskussion und aus dem Wunsch der Veränderung genutzt – somit hat er auch seinem Namen bekommen: Syntagma bedeutet Verfassung; das Parlament steht auf der höchsten Ebene über dem Platz.

Kurz nach 10:00 Maria ist mittlerweile angekommen, sie ist eine Freundin der Architektin Nelly Sfakianaki, die uns gestern ein Projekt im Stadtviertel Omonia gezeigt hat, wir treffen beide unabhängig voneinander, klein ist die Welt.

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Sie erklärt uns die historische Stadtentwicklung Athens, sie redet über die Anordnung von Plätzen und Straßen die in zu einem Dreieck angeordnet sind und die Stadt in einer logischen Beziehung gliedern. Maria berichtet von den Ereignissen auf dem Syntagma Platz (auch Teil des historischen Dreiecks), wie die Bewegung die auf diesem Platz entstand und auch langsam wieder verebbte.

Wir laufen los, der Spaziergang führt uns zuerst zu einer Passage die vom Leerstand geprägt ist und durch eine Installation und die Ansiedelung innovativer Ladengeschäfte wiederbelebt wurde, die Passage steht nun wieder leer – das Projekt war nicht sehr nachhaltig. Warum?

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Es geht weiter zu einer umgestalteten Straße – die Palletten die als Sitzmöglichkeiten angedacht waren verrotten langsam – die Nachbarschaft nutzt die Einrichtungen nicht. Es stellt sich die Frage wer etwas aktiviert– wie und wer identifiziert sich mit der Aktion und wie kann der Raum nachhaltig lebendig bleiben und wer kümmert sich um den Erhalt? Gibt es eine Regel für Erfolg oder Misserfolg?

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Diese Straße war eine Aktion von Atenistas einer, nach eigener Aussage, nicht politischen Gruppierung die verschiedene Aktionen im öffentlichen Raum initiieren. Jedoch sind die Projekte etwas in Verruf geraten denn die Nachbarschaft wird bei den Verschönerungen des öffentlichen Raums oft nicht miteinbezogen und die dadurch fehlende Identifikation mit dem Projekt der Erhalt durch Belebung nicht gegeben ist.

Maria berichtet uns das die Kritik von Atenistas im Viertel Kolonaki, einem reicherem Trendviertel in Athen losgetreten wurde; dort wurden Treppen bemalt und die Nachbarschaft empörte sich darüber was ihnen einfällt einfach so ungefragt ihr Viertel zu verändern.

Zwei Personen von Atenistas sind mit an der Begründung von Synathina beteiligt wie Maria berichtet, am 11. September treffen wir uns mit Synathina – wir sind gespannt was uns dort erwartet. Es geht weiter Richtung Exarchia über den Platz der Universität vorbei an einem während der Proteste abgebrannten Kino. Wir kommen in Exarchia an – und wie so oft in den letzten Tagen nehmen wir Platz im Parko Navarinou. Warum funktioniert dieser Ort so gut? Jeden Sonntag treffen sich die Menschen um den Platz sauber zu halten. Maria erzählt: „die Stadt würde sich wünschen das würde an auch an den anderen Plätzen funktionieren– das würde eine Menge Geld sparen.“

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Wir machen eine kleine Pause im Cafe gegenüber des Parkes, dabei entsteht eine angeregte Diskussion über Politik, die Frage über „Beautification“ eines Ortes oder der politischen Aussage einer Aneignung und Aktivierung eines Ortes – Aktionismus ist wichtig – wie auch schon gestern mit Nelly fällt der Satz: „Einfach etwas machen.“ Doch dabei schwingt auch mit das man die Zeit und die Kraft braucht ehrenamtlich Projekte mitzugestalten. Wir besuchen noch ein paar weiter Projekte und setzen uns letzendlich auf den Exarchia Platz und versuchen die Flut an neuen Inputs zu verarbeiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hands on // in Zeiten der Krise

„Krise: ‘Entscheidung‘, Wendepunkt, allgemeine Bezeichnung für die plötzliche Zuspitzung oder das plötzliche Auftreten einer Problemsituation, die mit den herkömmlichen Problemlösungstechniken nicht bewältigt werden kann.“ (Rammstedt 2011, S. 382)

Wir leben im Zeitalter der Krise. Alles ist Krise. Die Wirtschaft- und Finanzwelt taumelt von einer Krise in die nächste. Schuldenkrise, Regierungskrise, Eurokrise, Krisenländer. 2015 sind viele Menschen aus Krisengebieten geflüchtet. Seitdem spricht man von der Flüchtlingskrise, die durch die Ein- und Durchreise der Geflohenen entstand. Folgt man der Argumentation der Wiener SPÖ, befindet sich auch Wien in einer Krise, aus der man sich “herausinvestieren” müsse. Gibt es eine positive Sicht auf Krisen? Oder: Ist die Krise überhaupt sichtbar?

Mit der Expedition werden wir die kleinen und großen Krisen lokalisieren, präzisieren und herausfinden, ob und wie sich die vermeintliche Krise im öffentlichen Raum auswirkt. Fragen der Krisenmomente aus Wien mitnehmend, tragen wir sie auf unsere Expedition in die Welt und suchen Antworten und weitere Fragen, die sich in der (angeblich) krisenumtosten europäischen Stadt stellen.

Wenn die Krise ein Wendepunkt ist, was löst sie aus? Welche Art von Initiativen und Akteur*innen werden durch die Krise aktiviert? Welche Kräfte werden freigesetzt? Und wie verändert sich das Bild der Gesellschaft, der Lebensweisen, der Stadt und insbesondere des Öffentlichen Raumes im Zuge der Neuordnung bestehender Strukturen?