Gebrauchsspuren. Periphere und Prekäre Stadträume

von Klara Hrubicek Dieter Hoffmann-Axthelm bezeichnet die Peripherie als "eine Lage, keinen Ort", die "... klar benennbare Vorteile, aber im Grunde keine Eigenschaften" hat. Falls diese Lage aber zu meinem persönlichen Handlungsfeld wird, kann sie neue Funktionen erhalten und zu einer gewissen Öffentlichkeit gelangen in der Spuren hinterlassen werden. Doch auch eine passive Haltung kann sich bemerkbar machen. Wenn ich den öffentlichen Raum "brauche", nutze ich ihn. Dadurch bekommt er eine gewisse Abnutzung im Sinne einer Unschärfe. Diese Gebrauchsspuren, die aufgeriebenen Stellen in peripheren Stadträumen, erwecken mein Interesse für diese Arbeit.


Peripherie und öffentlicher Raum

von Klara Hrubicek an den rand gehen, in die situation der peripherie. heterogenität, wandelbarkeit, widersprüchlichkeit. erwartungshaltung öffentlicher raum. ein raumtyp als ausgangslage für erkundungen. bei beobachtenden streifzügen unvoreingenommen wahrnehmen. phänomene aufspüren um unentdeckte oder diffuse räume zu erkennen und zu inszenieren. oder einfach auf das ganz normale stoßen. auf das, was es sonst nirgendwo gibt. potentiale erkennen. abkehr von erwartungen. sichtweisen schärfen. nach und nach...


Stadtrand und Peripherie

Der Stadtrand Wiens und seine Qualitäten für die Stadt werden im städtebaulichen Diskurs zunehmend abgebildet. Wie in vielen europäischen Hauptstädten verzeichnet auch Wien ein Großstadtwachstum seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch in den kommenden Jahren hat die Stadt mit einem Bevölkerungswachstum zu rechnen. Dadurch entsteht nicht nur ein baulicher Nutzungsdruck auf den Stadtrand Wiens, sondern auch auf den öffentlichen Raum. Der öffentliche Raum als Lebensraum dient als Raum des Austauschs, der Begegnung, aber auch des Konflikts. Manchmal müssen gewohnte Erwartungshaltungen an den öffentlichen Raum verändert werden um die Potentiale der Räume am Rande der Stadt zu erkennen. Das Erkennen geschieht mittels Spaziergängen bzw. Streifzügen. Der Spaziergang, als Analysemethode, dient als Darstellungsform innerer und äußerer Welten und ist somit keine Darstellung ansich, sondern eine Wahrnehmung, die allerdings, geprägt durch Erfahrungen, frühere Darstellungen voraussetzt. Es geht darum eine Wahrnehmungsform […]


día uno

Blaubeer-Muffin und fröhliche Musik zum Aufwachen auf über 10.000 Höhenmeter...Pasteles y café con leche, Welcome to Spain! Nachdem sich die Expeditionsgruppe in ihrer durchaus gemütlichen und durch kreative Lösungen, trotz minimalem Fußabdruck, geräumigen Unterkunft eingefunden hatte, ging es auch schon los, mit der Ersterkundung von Madrid. Es geht ein frischer angenehmer Wind, der möglicherweise auch mit der Höhenlage der Stadt einhergeht. Die Sonne scheint warm. Das Licht, das noch kein sommerliches ist, doch schon sehr gesättigt. Angeblich gibt es keinen Frühling in Madrid - die Bäume blühen rosa und weiß und der Geruch der Blüten löst sich in die verschiedenen Gerüche auf, aus denen die Stadt besteht. Lebhaftes Treiben auf der Straße und ein fröhliches Durcheinander der Fußgänger lädt zum Mitgehen ein. Jamón, nein, doch das andere Brot, gibt es hier nur Haltbarmilch?, Erdbeeren (from Spain), Pimientos de Padrón...und der […]


día dos

An madrider Regentagen erfreut man sich besonders der konstanten 24° inklusive Tropenfeeling in der alten Bahnhofshalle der Estación de Atocha. Wie es scheint, findet hier jede und jeder seinen Platz; Restaurants mit Palmenblick, nächstes Gleis, chinesische Schmuckwaren neben gebrannten Mandeln. Nächste Palme, vielleicht ehemals Gleis vier, ist zu einem temporär permanenten Schlafplatz geworden. Großer Fotoandrang bei den Schildkröten auf Gleis sechs. Das alte Bahnhofsgebäude aus dem späten 19. Jahrhundert wurde zu Beginn der 1980er Jahre einer Modernisierung unterzogen. Die Anbindung zur Stadt konnte jedoch nicht erstellt werden, eine sechsspurige Fahrbahn erschwert den Zugang. Hat man es dennoch zum Eingang geschafft, führen einen Laufbänder und Treppen in das Innere der eleganten Jugendstilkonstruktion, in der Informations- und Fahrkartenschalter sowie Warteräume zwar noch an das Treiben der ehemaligen Ankunftshalle erinnern lassen, gegenwärtig aber nur noch die geschaffene Ruheoase flankieren.


día tres

Über den Pinien schwebend eröffnet sich der Blick auf ein unerwartet weitläufiges Grün der Stadt. Die Wolken stehen am Himmel wie in einer surrealistischen Darstellung René Magrittes. Aus der Ferne sind die Schreie der Kinder wahrnehmbar, die sich auf der orangefarbenen Hochschaubahn in Kurven durch die Lüfte bewegen. Hinter dem Vergnügungspark zeichnen sich die Wohnhaussilhouetten der Peripherie ab und geben einen ersten Fernblick auf den Randblick.


día cuatro

Sobald die erste offene Metro-Station erreicht wird und die U-Bahn nicht mehr unterirdisch, sondern zwischen Wiesen und Wäldern durch die Landschaft fährt, hat man Madrid Centro verlassen. Ein junger Mann mit wehendem schwarzen Haar spielt ABBA auf der Panflöte, ein Sudoku lösender alter Herr pfeift fröhlich mit. Inmitten der Pinienwälder taucht plötzlich eine weiße Mauer mit einem aufgemalten Stier am Eingang auf – Venta del Batán. Hier wurden Stiere für den Wettkampf gezüchtet, die Gehege scheinen nicht mehr in Verwendung zu sein. Gelegentlich hält ein Taxi, sonst nichts. Zwischen den großen Verkehrsachsen im Westen der Stadt liegen unterschiedliche Siedlungstypen urbanizaciónes in unmittelbarer Nähe zu den Hauptstraßen. So auch die weiße Schlafstadt mit den schwarzen Katzen. Neben komplettem Verfall wird neu gebaut, Palmen schmücken den Eingangsbereich der Häuser, in deren Inneres man nur Gelegentlich einen Blick über die Mauer erhaschen kann.


día cinco

Wer lange Wege zurücklegt darf auf ein gutes Schuhwerk nicht vergessen! In diesem Fall sei das Casa Hernanz sehr zu empfehlen. Bei der Wahl der gewünschten Farbe und Größe können die Spanischkenntnisse geprüft werden. Der Schuhmacher reagiert mürrisch, aber mit vollster Gelassenheit.



día siete

Nach einer abendfüllenden Vortragsreihe im Rahmen von Funding the Cooperative City-Madrid, in der sich unterschiedliche Protagonisten über urbane Handlungsfelder basierend auf selbstorganisiertem Engagement ausgetauscht haben, ist es naheliegend das hier gezeigte Projekt zu erwähnen; Autobarrios wurde 2012 von dem spanischen Kollektiv basurama in der Madrider Vorstadt San Critóbal ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit Akteuren aus der Nachbarschaft wurde der verlassene Ort, unter einer Autobahnbrücke, wiederbelebt und seine Funktion neu definiert. Im angrenzenden Park duftet das frisch abgemähte Gras. Ein kleiner Teich mit Springbrunnen ergänzt die Idylle. Zwei Pensionistinnen üben sich am Freiluft-Hometrainer, pausieren aber gelegentlich um sich weiter zu unterhalten. Ich erwecke das Interesse zweier Kinder, Linda (10) und Juliano (8). Das Mädchen spricht gebrochen Deutsch und mit dem Mix aus meinem gebrochenen Spanisch kommen wir ins Gespräch. Die Familie komme aus Serbien und die kurze Zeit, die sie […]



día nueve

Madrid hat ein Netzt aus großen Straßen, das die Stadt radial und zentrisch durchschneidet. Zwischen diesen Achsen ist die Stadt in den letzten Jahrzehnten punktual gewachsen. Die entstandenen Barríos sind vom Rest der Stadt oft komplett abgeschnitten. Der Austausch zwischen Zentrum und Peripherie findet kaum statt.


día diez

One day off. Hinter dem Hügel beginnt die Stadt. Je tiefer hinein in die Landschaft Spaniens, desto tiefer hängen die Wolken. Die Stadt, mit der ältesten noch bestehenden Universität Spaniens, hat eine geheimnisvolle Ausstrahlung. In Salamanca, wo schon so viel gedacht und studiert wurde, herscht heute ein unbeschwerter Lebensgenuss.


día once

In bestimmten Gebieten des madrider Stadtrands ist kaum öffentliches Leben sichtbar. Die teils sorgfältig angelegten Parks geben den Spaziergängern eine genaue Route vor, viele Grünflächen sind Golfern vorbehalten oder aus unersichtlichen Gründen nicht zugänglich. Straßen dominieren die Landschaft. Es ist nicht möglich zwischen Gebäuden durchzugehen – no empty space between the buildings. Stundenlang kein einziger Supermarkt. In einer Urbanización Privada wachsen Bäume am Kunstrasen. Kameras rücken Eindringlinge von allen Seiten ins Rampenlicht. Ein Security-Auto dreht seine Runde. Kein Mensch auf der Straße. Ab und zu bellt ein Hund.


día doce

Ciudad Lineal. Madrid hat eine Bandstadt. Fährt man mit der Metro Nummer 4 in den Osten der Stadt und hält bei Station Arturo Soria gelangt man auf die Calle de Arturo Soria und wenn man aufmerksam schaut, kann man auch noch eine Statue, zu Ehren von Arturo Soria, entdecken. Es handelt sich um den spanischen Stadtplaner Arturo Soria y Marta, Entwickler des Bandstadt-Konzepts. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts plante er eine Struktur für eine 48 Kilometer lange und 200 Meter Tiefe Stadt. Aufgrund Finanzierungsschwierigkeiten konnten allerdings nur fünf Kilometer realisiert werden. Hinter alten Mauern entstehen neue Häuser. Abseits der Hauptstraße befinden sich die Wohnsiedlungen, teilweise reges Treiben auf der Straße, die Orientierung ist nicht leicht zu verlieren.


día trece

Nach einer zwanzig minütigen Autofahrt erreichen wir eine Parallelwelt – zurück in Madrid en el Barrío nuevo, ein neues Wohngebiet am Rande der Stadt. Wenige Stunden zuvor zu Fuss in glühender Hitze über eine Hügellandschaft, Bahngleise und die Autobahn. Direkt dahinter liegt die Straße Cañada Real und mit ihr die größte informelle Siedlung Europas. Vom Hügel aus erstreckt sich die 15 Kilometer lange und nur knapp 75 Meter Tiefe Stadt, eine bunte Landschaft aus unterschiedlichsten Materialien. Im Hintergrund die in die Höhe wachsende Stadt Madrid, daneben die sich in die Länge streckende Autobahn M50. Wir gehen den Hügel hinunter und hinein in die Siedlung, große Aufregung, ein Polizeieinsatz. Eine nette Begegnung führt uns zur Nächsten. Wir nehmen das Angebot an und fahren im verriegelten Auto zurück in eine vertraute Welt, die plötzlich so fremd wurde.