Solidarität am Rande des Rollfelds

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Sieben

Drückende Hitze – um uns herum viel Asphalt – die Natur erobert langsam ihren Raum zurück. Wir befinden uns auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Ellinikon. Deroffizielle Betrieb ist schon seit 2001 eingestellt. 2016 gab es hier noch Camps für Geflüchtete. Auf dem Flugfeld steht ein langsam zerfallendes Flugzeug. 

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2005 wurde ein Wettbewerb für die Nachnutzung des Flughafen Areals ausgeschrieben. Der Gewinnerentwurf, der einen großen Park und Wohnraum vorsah, wurde jedoch infolge der Krise fallengelassen.

Das ehemalige Gelände des Flughafens wird derzeit an mehrere private Investor-Gruppen verkauft. Wohnungen, Hotels, Casinos und ein Park sollen hier entstehen.

hier gehts zum Masterplan

Im Juni .2016 wurde eine Absichtserklärung zwischen dem  Hellenic Republic Assets Development Fund (TAIPED), der Greece’s state privatization agency und dem Investitionskonsortium zu der Übergabe geschlossen. Der Preis für das Areal liegt bei 915 Millionen Euro.

Das Projekt soll vor allem zahlungskräftige Interessierte anziehen. Von den großen Plänen sieht man heute noch nichts.

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In unserer vorherigen Recherche und Vorbereitung der Expedition steht der ehemalige Flughafen als Symbol für Privatisierung und Planung von oben herab, die Griechenland im Rahmen der Austeritätspolitik prägt. Ein über Athen schwebendes Damoklesschwert. Die Gegend ist verlassen – eine Fahrschülerin lernt hier das Autofahren.

Wir sind auf dem Weg zur „Metropolitan Community Clinic at Hellinko“. Sie hat hier auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens einen Platz gefunden. Einen Ort, welchen die Gründer*innen der Klinik nehmen konnten, um hier zu arbeiten. In der Stadtverwaltung sitzen Freund*innen des Projekts, die bislang schützend ihre Hände über das Projekt halten. “Legal sind wir nicht – aber geduldet”, sagt Maritta Corley, die uns herumführt und mit uns über die Geschichte der Klinik spricht.

Maritta ist in Pension, ehemalige Pharmazeutin. Sie wollte nicht nur zuschauen und sich und ihr Land bemitleiden, als die Krise begann.

“Die Zeit der Tränen ist vorbei, nun muss man handeln”, sagt sie uns – ihr Wunsch nach einer Veränderung ist stark.

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Die Krise zieht viele Folgen nach sich, der Zerfall der Gesundheitssystems ist drastisch, für manche sogar existentiell  – Menschen verloren durch die Krise ihren Job, einige ihre Wohnung, wenn sie oder ihre Kinder krank werden fängt sie niemand auf – die Kosten für Medikamente werden nicht übernommen. Zu dem kommen viele andere Bedürftige und Geflüchtete.

“Die Klinik ist offen für alle – egal woher”. Das war der Gedanke mit dem der Kardiologe George Vichas und sechs weitere Personen 2011 die Idee einer solidarischen Klinik festigten – im Herbst 2011 konnten sie das Areal auf dem alten Flughafen beziehen. Die kleine Gruppe ist nach Aussage von Maritta nun auf rund 250 Freiwillige angewachsen.

Die Klinik funktioniert heute eher als Verteilerstation für Medikamente, eine große gemeinnützige Apotheke. Untersuchungen werden nicht mehr so häufig gemacht – die meisten Menschen kommen mit einem Rezept, die Medikamente bekommen sie dann in der Klinik. Die einzige Bedingung, um Medikamente zu beziehen, ist ein Gehaltsnachweis, der die Bedürftigkeit der Patienten bestätigt.

Die Medikamente kommen als Spende aus ganz Europa, Geld nehmen sie nicht an. Wir besuchen das Medikamentenlager – ca. fünf Personen überprüfen und sortieren hier die ankommenden Medikamente. Neben uns steht ein Schrank voller Babynahrung – die Versorgung der Klinik umfasst auch Nahrung und Hygieneartikel für Säuglinge und Kleinkinder.

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Die Metropolitan Community Clinic in Ellenikou (MKIE) ist eine der lauten Stimmen gegen die Planungen, die Privatisierungen und Kommerzialisierungen des Gebiets. Maritta geht nicht davon aus, dass ihre solidarische Einrichtung noch Platz finden wird, wenn die Bagger kommen, um das Gelände gewinnbringend umzugraben. “Reiche Menschen mögen es nicht Armut zu sehen.” sagt sie ganz trocken. Wo die Medikamente danach ausgegeben werden und die Freiwilligenarbeit fortgesetzt wird, weiß sie noch nicht.

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Wir verabschieden uns von Maritta. Der Warteraum der Community Clinic ist voller Menschen, die auf Solidarität angewiesen sind.

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