Innen und Außen

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Vier und Fünf

Die letzten Tage waren arbeitsintensiv. Teil unserer Methode ist es, möglichst viel zu Fuß zurück zu legen, um so offen für Neues zu sein und nicht ausschließlich zielgerichtet von Ort zu Ort zu gehen. Dies hat es uns ermöglicht einige neue Projekte zu finden.

Den Sonntag nutzen wir um uns und unsere Forschung zu ordnen, Texte und Emails zu schreiben und die Richtung für die nächsten Tage ausführlich zu diskutieren. Wir werden bis spät in die Nacht, quasi bis zum nächsten Morgen zusammensitzen…

Wir überprüfen unsere Begrifflichkeiten: „Top-Down“ und „Bottom-Up“ waren die Ausgangspunkte für eine zugespitzte Sicht auf Plätze, Aneignung und Krise. Dass die Begriffe nicht konsistent sind und uns verschiedene Hybridformen begegnen werden, war bereits in Wien klar. Wo liegen die Alleinstellungsmerkmale der öffentlichen Räume und was macht sie vergleichbar, sind nun nach den ersten Tagen die bestimmenden Diskussionsfragen.

Viel wird über die Nachhaltigkeit der einzelnen Projekte diskutiert und wie diese im Zusammenhang mit der Produktion der Orte sowie ihrer raumprägenden Akteure und Akteurinnen steht. Die Begriffe Funktion und Nutzung werden auseinandergenommen. Ihnen gegenübergestellt wird die Frage, wie sich die Anziehungskraft von spezifischen öffentlichen Räumen entfaltet.

Es ist von Nöten, die bislang gesammelten öffentlichen Räume zu clustern. Immer neue Sortierungsvarianten werden erprobt und offenbaren fortwährend andere Aspekte der Räume. Der Begriff der Beautification hält Einzug in unsere Diskussion. Natürlich poppt auch die Rolle der Finanzierung der Räume auf. Im Laufe des Tages kristallisiert sich heraus, welche Orte für unsere Fragestellung bedeutsam sind und welche nicht.

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An jedem Platz setzten wir die Frage nach seiner Bedeutung in der Krise an und suchen den Hebel, der den Wendepunkt markiert, an dem herkömmliche Problemlösungstechniken nicht mehr ausreichend waren. Und irgendwann ist es der nächste Tag.

Hauptpunkt der Tagesordnung des fünften Expeditionstages ist das Interview bei SynAthina in den Räumlichkeiten der Athener Vizebürgermeisterin. SynAthina ist eine Art Plattform, an die Athener*innen mit ihren Ideen herantreten können, wie sie den öffentlichen Raum und die Lebensqualität in Athen positiv beeinflussen können. Die von der US-Amerikanischen Stiftung Bloomberg Philanthropies unterstütze Aktion begegnete uns in Athen und bei der Recherche in Wien bereits viele Male.

SynAthina verfügt über einen Kiosk im öffentlichen Raum, den wir uns vor dem Interview noch einmal anschauen werden. Der Kiosk ist eigentlich ein großer Container, zentral gelegen und einfach zu finden. Über eine Internetplattform kann sich jede*r, der*die registriert ist, für den Kiosk anmelden und ihn nach eigenen Vorstellungen nutzen. Einzige Bedingungen sind, die Veranstaltung muss öffentlich sein und darf keinen rassistischen Hintergrund haben. Heute werden kostenlose HIV-Schnelltests angeboten. Der Kiosk selbst ist relativ schlicht gestaltet. Er verfügt über keine Lagermöglichkeiten und die verschiedenen Nutzer*innen müssen ihr Equipment immer wieder an- und abtransportieren.

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Auf dem Weg zu unserem Interview-Treffpunkt sehen wir einen weiteren Bus mit dem Praksis-Logo. Er steht an einer Straßenecke, davor ist ein Plastiktisch und ein paar Stühle gestellt. Wieder dürfen wir nur sehr eingeschränkt photographieren – zum Schutz der Nutzer*innen. Dieser Ableger von Praksis bietet Interessierten sehr niederschwellig Hilfe in Rechtsfragen an. Schwerpunkt sind Fragen zu Asyl in Europa, aber auch zu griechischen Recht. Genauso informieren sie über medizinische Versorgungseinrichtungen in Athen und andere Belange. Wir sind überrascht, wie offen die Menschen hier am Straßenrand über solch existenzielle Themen reden. Ein kleiner Transporter, ein Tisch, ein paar Stühle plus solidarische Aktivist*innen, die sehr bemüht sind um die Menschen, die zu ihnen kommen – mehr braucht es nicht um aus dem öffentlichen Raum eine humanitäre Anlaufstelle zu machen.

Im Büro der Vizebürgermeisterin angekommen begrüßen uns zwei Mitarbeiter*innen von SynAthina sowie eine Praktikantin aus Frankreich. Die sich entspinnende Diskussion ist sehr informativ und wird unter uns sehr kontrovers geführt. Eines der Ziele von SynAthina ist es, dass Wissen der Bevölkerung für Stadtverwaltung nutzbar zu machen und die Bevölkerung zu unterstützen, ohne sie zu bevormunden. Des Weiteren bietet die Plattform online einen vereinfachten Zugang zu Verwaltungsformularen an. Hierdurch soll eine mühsame Hürde für viele Menschen genommen werden. Eine Mitarbeiterin ist ausschließlich mit Recherche beschäftigt, um Athener Initiativen anzuwerben und dem Netzwerk von SynAthina hinzuzufügen. Die Bottom-Up Initiativen profitieren durch das wachsende Netzwerk und die Community, in dem auch sie Wissen und Ressourcen austauschen und auf einfache Art und Weise Gleichgesinnte für neue Projekte finden können. Interessierte können nach Themen geordnet sich dem Netzwerk nähern und die vielfältigen Angebote nutzen.

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SynAthina unterstützt die Bottom-Up Initiativen, ohne dass sie selber welche anstoßen. Projekte im öffentlichen Raum sind jedoch häufig nur von temporärer Dauer. Der Verwaltungsaufwand für dauerhafte Lösungen stellt auch SynAthina vor Schwierigkeiten.

Die von SynAthina entwickelte Methode ist so erfolgreich, dass sie demnächst in die Verwaltung überführt werden soll um mehr Befugnisse zu haben. Gleichzeitig werden dieses Jahr 30 Städte aus dem In- und Ausland nach Athen kommen und die Methode „SynAthina“ lernen und Ableger schaffen. Eine der teilnehmenden Städte ist die ägyptische Hauptstadt Kairo.

Im Anschluss an das Interview gehen wir uns eines ihrer Projekte anschauen. Eine Fußgängerzone soll implementiert werden. Der dazugehörige Beschluss liegt schon Jahre zurück und wurde ungefähr 2002 von der Stadtverwaltung verabschiedet. Das Projekt hat provisorischen Charme. Es ist nicht herauszufinden, ob und wenn wie eine Beteiligung stattgefunden hat. Die Schilder deuten die neue Nutzung in den engen Straßen an, deren Eingänge teils mit Gitter, teils mit hölzernen Blumenkästen für den motorisierten Verkehr gesperrt sind. Auf Grund seiner Zentralität kreuzen wir diesen Ort nicht zum ersten Mal. Schon vormals schien es uns als würden die Athener*innen andere Orte wählen, um ihre Pausen zu verbringen und zu verweilen. Wirklich neue Erkenntnisse lassen sich an diesem Ort nicht gewinnen.

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Wir entscheiden uns für einen Spaziergang in das bislang unbekannte Viertel Kerameikos. Von mehreren haben wir gehört es gäbe dort einen ganz besonderen Skatepark. Eher Top-Down, als Bottom-Up. Aus einer Reihe von brachliegenden Baufeldern sticht eines hellerleuchtet heraus. Statt eines Maschendrahtzauns hat es eine eiserne Tür mit einem kleinen Durchgang. Daneben hängt ein Schild. „Eat.Drink.Skate – LATRAAC“ steht auf der Getränke- und Speisekarte

Dahinter verbirgt sich eine Skateanlage mit einer Bar. Am Tresen kommen wir schnell in ein Gespräch. Wir fallen auf mit unserem Mikrophon, mit dem wir die Geräuschkulisse einfangen wollen. Für den nächsten Tag verabreden wir uns auf ein Interview mit dem Chef und Initiator des Projektes. Schon jetzt erkennen wir die angedeuteten Besonderheiten des privaten Ortes, gegenüber den brachliegenden Nachbargrundstücken.

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Wir lassen den Abend ausklingen, während wir den Skater*innen zuschauen.

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