LEHREN UND LERNEN

Displaced_Space for Change

Seit Anfang Oktober 2015 arbeitet das Displaced-Team vor Ort im größten Flüchtlingsnotquartier Wiens, um mit pointierten räumlichen Eingriffen und gemeinsam mit den BewohnerInnen vielfältige Qualitäten zu schaffen. Durch die Dynamik dieses kooperativen Prozess, an dem mittlerweile so viele mitwirken, wurde das Haus nicht nur zum 1:1-Experimentierfeld der architektonischen Praxis, sondern auch zum Katalysator für neue Formen der Solidarität und des informellen Lernens, miteinander und voneinander. Stadt, Raum und Flucht: Architektur ist zuständig.

Displaced_Space for Change

Seit Start unseres kooperativen Lehrveranstaltungsprojekts „Displaced …“ hat sich viel getan. Unser Vorhaben, über die „Kunst der Kooperation“ konkrete und pointierte räumliche Szenarien für ein menschenwürdiges Ankommen und Bleiben zu schaffen, konnte dank des außerordentlichen persönlichen Engagements aller Beteiligten und der vielfältigen Vernetzungen sukzessive realisiert werden: Ausgehend von unserer gemeinsamen Projektwoche, die während des urbanize!-Festivals „Do it Together“ Anfang Oktober 2015 statt gefunden hat, haben sich sechs heterogene Projektteams aus jungen geflüchteten Menschen (PROSA – Projekt Schule für Alle!), Architekturstudierenden (Institut für Kunst und Gestaltung 1) und Rauplanungsstudierenden (SKuOR) formiert, die unterschiedliche thematische Zugänge zum großen Themenfeld „Stadt, Raum und Flucht“ entwickelten und während des Semesters wahlweise mit dem Teaching-Team von SKuOR oder des Instituts von Kunst und Gestaltung 1 weiter bearbeiteten.

Während der urbanize!-Vorbereitungen hatten sich die (räumlichen) Rahmenbedingungen entscheidend verändert, was auch unmittelbaren Einfluss auf unsere Projektausrichtung hatte: Das Gebäude der Festivalzentrale – die seit längerem leer stehende, ehemalige Finanzlandesdirektion in Wien Mitte – wurde kurzfristig als Transitunterkunft für rund 1000 auf der Flucht befindliche Menschen zur Verfügung gestellt. Ganz unter dem Motto do it together kamen das Rote Kreuz, das dieses Notquartier nun betreut, und urbanize! überein, das Haus während der Festivalzeit gemeinsam zu nutzen und es so zu einem Ort zu machen, an dem die Akutversorgung von Schutz suchenden Menschen und das kreative Potential der urbanize!-AkteurInnen Synergien für ein zukunftsweisendes Miteinander entwickeln können.
Zunächst war die Situation prekär: Das leer stehende Gründerzeitgebäude war nicht für Wohnzwecke vorgesehen, es gab weder wohnliche Privatheit noch einladende Gemeinschaftsbereiche, rigide Brandschutzbestimmungen untersagen die Ausstattung mit textilen Materialien. Die minimale Akutmöblierung mit Bierbänken und lose aufgehängten Müllsäcken ist mittlerweile zum triesten Charakteristikum von Flüchtlingsnotunterkünften geworden.

Unsere Projektgruppe Displaced_Space for Change arbeitete auch nach Ablauf der Festivalwoche im Haus weiter und schuf in enger Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz, den HausbewohnerInnen und anderen helfenden Händen ein Mindestmaß an Aufenthaltsqualitäten. Erste Spiel- und Aufenthaltsbereiche für Kinder konnten bereits während der urbanize!-Woche realisiert werden. Das seit Mitte November eröffnete Kultur-Café, ein „No budget“-Projekt, das in kooperativer, unermüdlicher Arbeitsleistung des Teams geplant und umgesetzt wurde, bietet nun einen vielfältig nutzbaren Gemeinschaftsbereich. Das professionelle Agieren der Studierenden war auch ausschlaggebend, dass die im Haus fehlende Sanitärinfrastruktur (trotz aller bürokratischer Hürden) mit Duschcontainern am Parkplatz neben dem Haus beigestellt wurde. Gerade für diese Notlösung konnte die ausgeklügelte Planung, die spezielle Containeranordnung und die in Gemeinschaftsarbeit errichtete Bodenterrassierung aus Palletten ein Optimum an räumlichen Qualitäten schaffen.
Selbst kleine Interventionen, etwa in den Sozialräumen der freiwilligen HelferInnen, im Arztzimmer, im Frauen- und Kinderbereich, im Kindergarten- und Lernraum, konnten viel bewirken. Aktuell wird ein Kleiderlager samt Ausgabe- und Anprobebereichen im Keller eingerichtet, so dass wir die derzeitigen Lagerräume im Erdgeschossbereich als weitere Gemeinschaftsräume adaptieren können.
Um möglichst vieles, was an Ausstattung für das Haus benötigt wird, gemeinschaftlich und selbsttätig herstellen zu können, war die Einrichtung einer Werkstätte von Beginn an ein zentrales Anliegen. Dank Spendengeldern kann diese nun sukzessive ausgebaut werden. Im kommenden Semester werden wir die begonnene Arbeit noch stärker auf den Werkstättenbetrieb fokussieren. Mittels Buddysystem und weiterer Werkstättenöffnung zielt das gemeinsame raumbezogene Tun auf längerfristige Perspektiven.

Weitere Informationen zu Displaced | Bildungsraum Stadt