Der überflüssige Mensch

Lost in Transformation.

Nach dem letzten Workshop geht ein Teil der Arbeitsgruppe in das Theaterstück „Golem oder der überflüssige Mensch“ im Schauspielhaus.

Golem oder der überflüssige Mensch

Die neue Epoche der Menschheit wird in eine dystopische Zukunftsvision in einer musikalischen Textcollage skizziert. Dabei wird die Schöpfungsgeschichte, der Mythos des Golems (in Verbindung mit dem Stück „Rossum’s Universal Robots“ das 1920 von Karel Capek aufgeführt wurde) verknüpft und durch Auszüge aus dem Transhumanismus zu einer (De-)Evolutionsgeschichte des Menschen gewoben. Die Risiken und Ängste, die diese Schwelle mit sich bringt, werden im Stück zugespitzt und erlebbar gemacht – man nimmt Position ein, im Diskurs der Digitalen Transformation.

Der Regisseur mit seiner Interpretation durch die Verarbeitung des Themas soll eine der Perspektiven für unsere Forschung darstellen. In den nächsten Tagen reflektieren wir ausgehend von der Präsentation und den aufkommenden Fragen den Fokus der sich in unserer Forschung bildet. Das Individuum und das Kollektiv – sind die beiden Dichotomien um die sich unserer Diskussionen drehen. Und dabei die Suche nach diesen in Verbindung mit städtischen und den entstehenden digitalen Räumen.

Nija-Maria Linke, Leonard Suttner, Hannah Niemand, Christopher Bindig

Verlust des Individuums

Lost in Transformation.

„Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, (…) dieser Gesellschaft unter der Bedingung, dass du ebenfalls dein Recht über dich (…) ihr abtrittst. Auf diese Weise werden alle einzelnen eine Person und heiße Staat oder Gemeinwesen. So entsteht der große Leviathan oder (…) der sterbliche Gott, dem wir (…) Frieden und Schutz zu verdanken haben“ Hobbes 1651, Leviathan

Das Zitat von Thomas Hobbes wird heute mitten in der Digitalen Transformation in der eine vollständige Vernetzung der Menschen möglich wird, in einen neuen aktuellen Kontext gerückt. Die kontinuierliche Produktion von Daten über unsere Lebensweise und somit auch Handlungen im Raum macht uns transparent. Unternehmen wie Google fassen dies zu einem großen intelligenten System zusammen, dass sich einzig aus den Daten der Einzelnen speist. Etwas wovor man sich fürchten muss, wird durch die Sage des Meerungeheures Leviathan skizziert, damit macht Hobbes auf die Probleme aufmerksam die, die Dichotomie zwischen Freiheit und Sicherheit bringt.

https://www.pulsarplatform.com/blog/wp-content/uploads/2017/07/hobbes-leviathan.jpg

Nur, dass der Staat den Hobbes durch den Leviathan skizziert in der heutigen Zeit gegen die neuen Ungeheuer die sich aus den Menschen (Daten) speisen scheinbar ohnmächtig ist. Dies ähnelt den Dystopien die wir aus Science-Fiction Filmen kennen.

Wie die Zukunft der Stadt früher aussah … 

Entscheiden wir in digitalen Systemen eigentlich noch selbst? Oder wird alles der Perfektion der Effizienz unterworfen?

Sarah Spiekermann spricht sich im Interview (Die ethische Maschine) für eine Ethik des Programmierens aus. Wir brauchen eine Vorstellung davon wie wir in der digitalen Welt leben wollen. Sozusagen eine neue Utopie. Wie entwickelt man diese Utopie? Wer sind die Akteur*innen in diesem Entstehungsprozess?
Wir wollen in unserer Forschungsarbeit genau diesen Fragen nachgehen und Gegenentwürfe zum aktuell dominierenden System untersuchen. Was abseits von Facebook, Uber und AirBnB passiert und wie sich dieser Widerstand gegen den Verlust des Individuums in der digitalen Stadt ausdrückt ist der Ansatz dem wir nachgehen wollen.

Coverphoto – Quelle: http://dreamcatcherreality.com/memory-battery-matrix/

Nija-Maria Linke, Leonard Suttner, Hannah Niemand, Christopher Bindig

 

Lost in Transformation

Digitale Transformation_

Was kommt da auf uns zu?

Das ist die Frage die sich uns als Forschungsteam im Rahmen des interdisziplinären Projektes stellt. In allen Bereichen des Lebens scheint sich das Digitale auszubreiten. Doch nicht abrupt wie man sich eine Revolution vorstellt sondern schleichend und unbemerkt baut sich ein intelligentes System auf.
Wir sind schon mitten drin!
Wer steuert diesen Prozess, wer gestaltet ihn, wer sind die Gegner*innen und die Befürworter*innen dieser Revolution und was geschieht mit dem Leben der Individuen, wenn sie scheinbar unbemerkt Teil dessen werden, sind die Fragen die sich uns in der Annäherung an das Thema aufwerfen. Im Folgenden möchten wir uns eine erste theoretische Basis zur Einführung in den Diskurs aktueller Entwicklungen der Digitalisierung im Kontext Stadt legen.

Georg Simmel beschreibt in dem 1903 erschienenen Aufsatz „die Großstädte und das Geistesleben“ die Prozesse der Transformation des Menschen in der Stadt während der industriellen Revolution. Er sieht den Menschen in der Maschine, das Individuum kämpft mit dem Prozess sich völlig in das System einzugliedern und somit seine „leibliche Existenz“ zu verlieren. Hierbei ist Grundmotiv:

„(…) der Widerstand des Subjekts, in einem gesellschaftlich-technischem Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden“. Simmel 1903, Die Großstädte und das Geistesleben

Die Stadt als demokratischer Ort in dem sich die Kultur verkörpert ist Ausdruck diese „Kampfes“ wie Simmel diesen Prozess beschreibt. In der Stadt lässt sich ablesen wie die Gleichung zwischen den individuellen und überindividuellen Inhalten des Lebens aufgeht und sich die Persönlichkeit mit der äußeren Macht abfindet.
Simmel beschreibt wie sich die Psyche des urbanen Menschen verändert. Er stellt die These auf, dass die Reaktion auf das Leben im mechanisierten Raum die Reaktion ehemals von der natürlichen Handlung aus dem Gemüt (Individualität) heraus nun aus dem Verstand (Leistung / Gegenleistung) heraus geschieht. Alle Handlungen laufen in den Taktungen der Maschine die die Wege des Menschen scheinbar vorzugeben scheint.

Der Kampf des Großstädters um die Menschlichkeit in der Maschine, den Simmel in seinem Text ausführt, ist heute wieder brandaktuell denn wir stecken immer noch in der Maschine doch nun wird sie digital.

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Das Interview mit Sarah Spickermann unter dem Titel die „ethische Maschine“ greift genau diesen von Simmel beschriebenen Prozess auf und stellt die Frage wie sich der Mensch dazu positioniert. Sie spricht über die Transzendentalist*innen die den Menschen nur als Fehler in dieser sich selbst perfektionierenden Maschine sehen – verblüffend, wenn man sich die eingehenden Worte Simmels die vor über hundert Jahren geschrieben wurden dazu in Gedanken ruft. Sie haben den Verlust der „leiblichen Existenz“ akzeptiert, und genau diese Menschen programmieren gerade die Maschine neu.

Sarah Spiekermann im Interview

Nija-Maria Linke, Leonard Suttner, Hannah Niemand, Christopher Bindig