Letzte Tage in Albanien

Unser letztes Wochenende in Tirana ließen wir ein bisschen ruhiger angehen, es gab viel zu verarbeiten, aber auch zu organisieren: die Polytechnische Universität hat uns eingeladen, am Montag erste Ergebnisse zu präsentieren. Vorerst wurde jedoch der Samstag für einen Ausflug in die Hafenstadt Durres genutzt. Warum Durres? Sie ist die zweitgrößte Stadt Albaniens und auch die zweitwichtigste Stadt nach Tirana was Wirtschaft, Tourismus und Handel betrifft. Auch wurde uns vom Vizedekan der Polis Universität während unseres Interviews stark empfohlen, die an der Adria gelegene Stadt zu besuchen. Denn aus raumplanerischer Sicht ist die Achse Durres – Tirana wohl die interessanteste. Die Metropolregion zwischen den wirtschaftsstärksten Städten wird in Entwicklungsprojekten und Publikationen Durrana genannt. Entlang der Autobahn sahen wir auch, was diese Achse für die Wirtschaft Albaniens bedeutet. Neben der gut ausgebauten Autobahn reiht sich ein Gewerbezentrum nach dem anderen. Der Haufen der großen weißen Kisten ist auch gut auf den Luftbildern zu erkennen. Auch internationale Firmen situieren ihr Gewerbe entlang der Magistrale, die auch schonmal ob des Optimismus eines Wirtschafsbooms “Entry to Albania” genannt wird. Natürlich hat uns aber auch ein Vergleich, oder eben ein Eindruck anderer Städte des Landes gereizt. Wir haben nicht vergessen, dass wir uns in der Hauptstadt befinden und forschen, wenn man also annimmt, dass es sich im Rest Albaniens genauso abspielt, macht man es sich wohl ein bisschen einfach. Tirana wirkt einfach sehr kosmopolit, offen, europäisch und eben auch modern. Besonders die Erzählungen der vielen Tiraner*innen, die aus der Provinz gekommen sind, um hier zu studieren oder zu arbeiten, erzählten uns von einem anderen Albanien. Natürlich können und wollen wir im Rahmen des Fieldtrips nicht die gesamte Diversität eines Landes in elf Tagen zusammenfassen, aber was wohl passiert, wenn wir Unterschiede zu Tirana bereits in der zweitgrößten Stadt des Landes feststellen können? Auf gehts!

Der Verkehr zwischen Tirana und Durres ist informell geregelt. Am Busbahnhof stehen alte Postbusse, welche vor 20 Jahren noch auf österreichischen Landstraßen verkehrten. Man sollte sich dann auch nicht von der Aufschrift auf den Bussen irritieren lassen, die immer noch jegliche Kleinstädte und Dörfer in Österreich als Ziel anpreisen. Dafür schreien Männer das aktuelle Ziel des Busses in das Gewusel des Platzes.

Durres! Durres! Durres! This Bus goes to Durres? Yes! How much is it? 200 Lek.

Wer braucht schon Anzeigetafeln, wenn es mit den Busverbindungen wie am Bazaar zugeht. Wir steigen ein und raten, welches österreichische Dorf dieser Postbus wohl mit der Landeshauptstadt verbunden hat. Ein Ticket haben wir nicht bekommen. Bezahlt wird beim Aussteigen. Haltestellen fehlen auch. Dann und wann bleibt er auf der Autobahn stehen, um einer Person den Ausstieg zu ermöglichen. Die Fahrt dauerte nur ca. eine halbe Stunde. Angekommen sind wir auf einem großzügigen Busbahnhof, direkt neben dem ehemaligen Bahnhof. Alte heruntergekommene Regio-Waggons der Deutschen Bahn erzählen von früheren Tagen.

Durres ist auch das Tor für ausländische Tourist*innen. Die schier nicht enden wollenden Pizza Restaurants, Gelaterias und Cafés – hauptsächlich mit den Marken Hausbrandt und Lavazza – deuten wohl auf einen beliebten Ausflugsort für Italiener*innen hin, nach Bari sind es mit der Fähre ja auch nur wenige Stunden. Das Stadtzentrum hat sich auch herausgeputzt. Die Straßen, die Richtung Meer gehen sind sauber und der Gehsteig mit feinem hellem Material gepflastert. Besagte Cafés, Pizza Restaurants und Gelaterias bestimmen die Erdgeschoßnutzung. Die Promenade ist breit und voller Menschen. Klassischen Touristenrestaurants, die irgendwie im ganzen mediterranen Raum gleich aussehen, bestimmen mit typischen Jahrmarkt Attraktionen das Stadtbild. Die höchsten Gebäude der Stadt sind auch hier zu finden, sie drängen sich förmlich um einen Platz in der ersten Reihe. Architekturstil der Marke Ferienwohnung. Die meisten sind leer.

Am Rückweg besuchten wir den Hauptplatz Durres´. Dieser befindet sich mitten im Zentrum, an den Platzrändern stehen die Hauptmoschee und das Stadttheater. Der Platz wird von der hiesigen Bevölkerung wohl gut angenommen, Kinder spielen Fussball, Erwachsene rauchen in Gruppen und die Älteren schauen dem Ganzen Spektakel zu. Irgendwie ein bisschen wie in Tirana, nur mit leicht provinziellem Touch, oder mediterranem, da sind wir uns ein bisschen unsicher. Ein Springbrunnen, Palmen, helle Materialien und genügend Sitzmöglichkeiten beweisen die qualitativ hochwertige Platzgestaltung. Nicht nur einmal sahen wir – wahrscheinlich für social Media – posende junge Menschen. Insgesamt ist auch hier die Bevölkerung jung, die Älteren entlarven sich des öfteren als Tourist*innen. Unser Spaziergang reichte zeitlich nur für das Stadtzentrum. Wir konnten einen änhlichen Eindruck des öffentlichen Raumes wie in Tirana beobachten. Die Hauptplätze- und Straßen sind hergerichtet, bespielt und frequentiert, biegt man zweimal mehr in eine Nebenstraße ab geht es deutlich ungeordneter und ungeplanter zu. Man spürt aber auch so die Nähe zu Tirana: wir haben das Gefühl, Durres will garnicht mit seiner Nachbarstadt konkurieren und nutzt die positiven Aspekte der provinzielleren Meereslage für seine eigene Stadtidentität.

Nach Sonnenuntergang bestiegen wir einen kleinen, leeren Bus nach Tirana. Wann fährt dieser ab? Wenn er voll ist, wird uns verständigt. Das dauerte aber nicht lange. Im Zentrum angekommen sahen wir abgesperrte Straßen und eine hohe Polizeipräsenz vor Regierungsgebäuden. Eine Polizistin erklärt uns, dass die oppositionelle Demokratische Partei gegen Edi Rama und die Sozialistische Partei demonstriert. In den letzten Tagen haben wir erfahren, dass es gang und gebe ist, dass die Oppositionspartei gegen die regierende Partei demonstriert. Die Demo ging schon dem Ende hinzu, und nicht teilnehmend aber beobachtend bewegten wir uns entgegen des Demozuges. Die Teilnehmer*innen waren hauptsächlich ältere bis mittelalte Männer. Trompeten wurden geblasen und albanische Flaggen gezeigt. Es war durchaus interessant die Innenstadt komplett autofrei zu erleben und die breiten Straßen zum Spazieren zu verwenden.

Am Sonntag, unserem vorletzten Tag, besuchten wir das House Of Leaves: das Museum of Secret Surveillance. Für uns unvorstellbar, dass bis vor dreißig Jahren die Bevölkerung systematisch bespitzelt wurde. Ein Sprichwort aus dieser Zeit sagte, dass zwei von drei Albaner*innen Spitzeln des diktatorischen Regimes waren. Interessanter Fakt zum öffentlichen Raum: Die öffentlichen Toiletten waren zu dieser Zeit der einzige Ort für kritische Meinungsäußerung und Austausch. Auf die Frage, ob der öffentliche Raum für die Bevölkerung in dem Wissen dieser Umstände damals anders wahrgenommen wurde, haben wir unterschiedlichste Antworten erhalten. Natürlich waren die meisten unserer Zielgruppe damals noch nicht geboren. Von allen anderen gab es kontroverse Äußerungen, für manche war das Ende des Kommunismus ein Befreiungsschlag für den Öffentlichen Raum, für andere änderte sich wenig.

Der Rest des Tages wurde genutzt, um die morgige Präsentation unserer Ergebnisse an der polytechnischen Universität vorzubereiten. Abends steht ein allerletztes Treffen mit unseren neuen Freunden an, die uns die letzten elf Tage mit ihrer Zeit und ihrem Fachwissen eine große Unterstützung waren.

Die nächsten Tage, wenn wir unsere Ergebnisse ausgearbeitet haben, wird unser letzter Blogeintrag für Tirana folgen: Lessons learned über den öffentlichen Raum in Tirana.

Tschüss und bis bald!

Die Achse der Zerstörung. Turbowachstum vor Siedlungspolitik

Eines der wohl interessantesten Projekte im Öffentlichen Raum Tiranas hatten wir bis dato noch nicht besucht: den neuen Boulevard, bulevardi i ri genannt. Genau genommen ist dieser die Verlängerung der zentralen Achse Tiranas nach Norden hin bis zum Fluss Lumi. Hier geschieht wohl zurzeit eine der großflächigsten baulichen Entwicklungen in Albaniens Hauptstadt, durchaus auch brisant, geht es wie so oft um die Beseitigung von illegalem Wohnbau. Aber auch der Zugverkehr Albaniens hat mit dem Projekt sein vorzeitiges Ende endgültig gefunden.

Für den Besuch des Areals konnten wir wieder einmal auf lokale Unterstützung hoffen, so wollte uns Nebih, den wir bereits in Logu kennengelernt hatten, den Bereich unbedingt zeigen. Wir sagen gerne ja! Wir trafen uns in der Nähe des Skanderbeg Platzes und spazierten zuerst den schon länger bestehenden Bereich unmittelbar nördlich des Hautplatzes Tiranas hinauf. Hier wechselten sich noch Gebäude der kommunistischen Zeit mit farbloser 1990iger Jahre Architektur ab, hier und da fand sich ein Regierungsgebäude wieder, das auf die vielen umhergehenden Passant*innen schaute. Unmittelbar am 2. Ring hört diese Struktur auf und die schnurgerade, perfekt ausgebaute Achse zeigt nach Norden. Nur die Gebäude und die Menschen fehlen. Nach ein paar Schritten entlang der mit 4 Spuren, 2 Busspuren, 2 Fahrradwegen, 2 Erschließungsstraßen und einer möglichen Straßenbahnspur ausgestatteten Achse wissen wir auch, was hier komisch ist. Die Bebauung entlang der Straße ist entweder im Begriff abgerissen zu werden, befindet sich in einem desolaten Zustand oder zeichnet sich durch eine besonders ungeschickte Platzierung entlang der Straße aus. Oder platziert sich die Straße ungeschickt an die Gebäude? Die meisten der hier Siedelnden sind wohl Angehörige der Roma, so erzählt es uns Nebih. Und deren Behausungen entstanden zuhauf informell. Viele der Gebäude scheinen zum heutigen Zeitpunkt bereits abgerissen, hier und da können wir dennoch hinter den Bauzäunen auf einstöckige Gebäude hinabblicken, das Straßenniveau wurde wohl angehoben. Doch eine andere Frage: war hier nicht der Bahnhof? Bis 2014 konnte man hier noch Gleise finden, Züge fuhren da schon längst nichtmehr, aber irgendwie an dieser Stelle verlief die Trasse der ehemaligen Eisenbahn Albaniens, eine ausgestellte Lokomotive ist die einzige Erinnerung an vergangene Zeiten. Doch nun weiter, die Sonne brannte so langsam auf die hellen, penibel angeordneten Pflastersteine, hier alles neu, hinter dem Bauzaun alles alt.

Ein paar Hundert Meter weiter endet der Boulevard mitsamt seiner nicht enden wollenden Werbe-Renderings für prachtvollere Zeiten. Hinter dem Bauzaun Lärm, Staub und ein paar Arbeiter, die die Achse unermüdlich weiter durch die Wohnviertel treiben. Wir mussten hier links abbiegen, über ein Feld voller Müll – hier soll einmal ein Park entstehen – und durch einen kleinen Durchschlupf. Hier überfuhr uns fast ein Mofa, eine tote Schlange liegt auf dem Boden. Auf einmal befanden wir uns wieder in einer gewachsenen Siedlung, wie sie für Tiranas Urban Sprawl der 90iger Jahre typisch ist. Alles wirkte friedlich, ein Hund kam mit Müll im Mund vorbei. Plötzlich kreuzte wieder die Baustelle unsere Wege, wie eine zerstörerische Walze planierte sich der Pflasterstein durch die Vorstadt. Dann, ein wirklich bedrückendes Bild: Haufen voller Steine, Trümmerberge und aufgerissene Wasserleitungen vor uns. Kisten voller Hab und Gut der Menschen, die hier noch vor Kurzem lebten. Als wären sie über Nacht verschwunden und hätten dem Fortschritt Platz machen müssen. Wir bahnten uns einen Weg durch das Chaos, ein Sinnbild für kapitalorientiertes Stadtwachstum, wenn alles wirklich schnell gehen muss. Bald danach erreichten wir den Fluss, ein Fischer saß im Gras und suchte sein Glück. Wir waren von den Eindrücken etwas bedient und da die Hitze immer intensiver wurde, traten wir den Rückweg an. Das nächste Ziel sollte die Fakultät für Architektur und Urbanistik der polytechnischen Universität Tirana sein, an der Nebih auch studiert.

Nach einer halben Stunde kamen wir dort auch schon an, Nebih führte uns durch die Räume und zeige uns Ausstellungen sowie studentische Arbeiten, spontan hatte sich auch ein Professor angekündigt, der uns kennenlernen wollte. Eled Fagu war zugleich sehr von unserem Projekt angetan und wollte alles über unseren Fortschritt wissen. Netterweise konnte er uns sogleich auch ein spontanes Interview geben, in dem er aus seiner Sicht der Dinge die momentanen Geschehnisse im Öffentlichen Raum Tiranas wiedergab. Die Stadt sei gerade sehr spannend, wir würden zu einem guten Zeitpunkt kommen. Stimmt! So spontan das Treffen mit dem Professor war, so spontan wurde zugleich eine Präsentation organisiert. Thema: Öffentlicher Raum. Vortragende: Karina, Valentin und Joshua. Datum: Montag 27. Mai. Nebih ist sehr angetan von unserer Forschungsreise und will uns auch für seinen Blog interviewen. Er war es auch, der die Veranstaltung innerhalb eines Nachmittages mit dem Dekan kommuniziert und auch organisiert hat. Wir sind schon gespannt wie viele Studierende kommen werden. Auf Instagram wird unser Kommen bereits fleißig geteilt.

Morgen werden wir einen Ausflug nach Durres machen, auch auf Anraten von Saimir Kristo, dem Vize-Dekan der POLIS. Die Region wird im Volksmund schon „Durana“ genannt, eine große Ballungsregion ist im Entstehen und dabei wird die Stadt am Meer immer als das Anhängsel Tiranas abgetan. Ob das stimmt, wollen wir herausfinden und die 30 Kilometer auf der Autobahn dorthin fahren.

Bis morgen und ein gutes Wochenende wünscht euch das Tirana-Team!

 

Ein Tag im albanischen Hollywood

Erneut wurde die Mittagszeit genützt, um die Ergebnisse zu Verarbeiten und bevorstehende Treffen zu organisieren, der Blog wurde geschrieben und Inhalt für unseren Instagram Kanal erstellt. Spätnachmittags haben wir einen Stadtspaziergang mit Eneida und Mirjana durch Kinostudio, einem Stadtteil drei Kilometer nordöstlich des Zentrums ausgemacht. Dieser ist bekannt durch die ansässige Filmproduktionsgesellschaft, welche im Besitz des albanischen Staats war. In ihrer Glanzzeit während der 1970er und 80er Jahren produzierte sie bis zu 14 Filme pro Jahr. Der Charakter Kinostudios spiegelt sich auch durch die Firmensitze verschiedener Fernsehsender, Radiosender, Medienunternehmen und Kunstschulen für Film und Multimedia wieder. Auch das Kulturministerium ist hier ansässig.

Im einzigen Park Kinostudios breiteten wir wieder unseren Urban Carpet aus. Das hiesige Publikum, dominiert durch spielende Kinder und auch (Brett)spielenden Menschen der Generation +60, war zwar nicht unsere Zielgruppe, dennoch konnten wir aber mit ein paar jugendlichen über öffentlichen Raum reden. Generell war die Stimmung in der Bevölkerung ganz anders als in unserem Besuch von Kombinat. Wird auch wohl der Tageszeit geschuldet sein, so sind wir bereits um zehn Uhr vormittags nach Kombinat aufgebrochen, doch der Kinostudio Besuch begann erst um sechs Uhr abends. Viel mehr Menschen waren draußen auf der Straße und deutlich mehr Kinder. Während der Teppichmethode wurden wir umzingelt von einer Gruppe von ca. zehn jungen Burschen, alle um die zehn Jahre alt. Sie protzten durch Schimpfwörter mit ihren Englischkenntnissen und fragten uns viele Dinge, die wir geschuldet durch sprachliche Differenzen nicht verstanden. Zum Glück vielleicht. Sie belagerten uns quasi, fassten uns am Arm und so wurden wir auch Opfer einer Attacke durch einen hernsausenden Fußball. Sie verfolgten uns durch den ganzen Park. Wir ergriffen die Flucht.

Wir eilten ins nächste Viertel, welches durch kommunistische Plattenbauten geprägt war. Einzelne Stockwerke oder Wohneinheiten wurden renoviert und hatten eine Dämmung auf der Fassade, andere Teile des Blocks blieben kahl. Der Städtebau zur kommunistischen Zeit Albaniens sah eine Blockrandbebauung mit Innenhof vor. Er existiert doch, der öffentliche Raum am Stadtrand. Zwar bietet dieser kein hochqualitatives Design oder ist nicht selten durch das KFZ verstellt, aber er wird genutzt, hauptsächlich durch Kinder, Jugendlichen die es sich noch nicht leisten können in Bars und Cafés abzuhängen und älteren Frauen (ihr männliches Pendant befindet sich wahrscheinlich zurzeit im nächstgelegenen Café).

Der Kälte und einbrechender Dunkelheit geschuldet machten wir uns wieder auf den Weg von Kinostudio nach Kino, einer hippe Bar in einer ehemaligen Villa im nicht weniger hippen Stadtteil Blloku. Das Bier ist mit umgerechnet drei Euro für albanische Verhältnisse richtig teuer, doch der Schuppen ist voll. Mit Eneida und Mirjana ließen wir den Stadtspaziergang Revue passieren. Sie klärten uns auf, dass die jungen Albaner*innen auch ihr letztes Geld im Monat für ein Getränk in den angesagtesten Bars ausgeben. Um zu sehen und gesehen werden. Eine längere Abstinenz gleich einem Gesichtsverlust. Man muss zeigen wer man ist.

Gëzuar und bis morgen,

Euer Tirana Team

Wo öffentlicher Raum der Natur und dem KFZ überlassen wird

An diesen Morgen stand zum ersten Mal kein Termin an. Dadurch hatten wir die Möglichkeit auszuschlafen und uns der Sammlung von den bisherigen Ergebnissen und Eindrücken zu widmen. Die Zeit bisher war doch sehr intensiv und durch Treffen, Besichtigungen, Analysen, Interventionen und Spaziergängen geprägt. All das hat dann doch etwas an der Substanz gezerrt.

Diesen Mittwoch nutzten wir, um die Umgebung südöstlich des Zentrums zu erkunden, damit wir uns weiterhin ein Bild über den öffentlichen Raum abseits des Zentrums machen zu können. Unser Eindruck, der auch von den lokalen Bevölkerungen und den Expert*innen gestützt wird ist weiterhin, dass der wirklich qualitative öffentliche Raum wirklich nur in Zentrumslage entlang der Achse zu finden ist. Mag am Anfang vielleicht etwas Bedenken bezüglich der Wahl des Ausschnittes unserer Karte vorgeherrscht haben, so hat sich dieses bisher relativiert. Die Menschen scheinen tatsächlich nur den öffentlich Raum im Zentrum als diesen wahrzunehmen, außerhalb existiert er ebenso wenig in den Köpfen der Bevölkerung als auch bei unseren bisherigen Erkundungen. Ein Bild von Brachen, halböffentlichen Bauruinen, Wildwuchs in der Stadt, aber vor Allem der prägnanten Invasion des Zwischenraumes durch Autos fallen uns auf. Geradezu penibel scheinen die Platzverschwender einer jeden Stadt jede Lücke des Raumes zu nutzen, der für sie in Frage kommt. So entsteht in Tirana oftmals eher der „öffentliche Raum“ durch Lücken in der wahllosen Bebauung aus heruntergekommenen Wohnhäusern, Villen der Vergangenheit und ebendiesen undefinierbaren Zwischenräumen, die auch nur irgendetwas zu scheinen sein.

Am heutigen Tag gingen wir wie schon erwähnt durch Ali Demi, einem Viertel südlich des Lana Flusses. Ein kurzer Blick auf Google Earth verrät uns, es ist ein zusammengewürfeltes Labyrinth bestehend aus verschiedenen Gebäudetypologien. Und so war es auch, als wir durch die engen Straßen und Gassen schlenderten. Einzelne ansprechende Neubauprojekte stehen neben illegalen unverputzten Self-made Wohnungen. Gebäude aus der kommunistischen Ära blicken auf Einfamilienhäuser der chaotischen Zeit nach dessen Niedergang. Eine Straßenhierarchie sucht man vergeblich. Man kann sich in den Tiefen des Labyrinthes verlieren, aber zum Glück haben wir Google Maps und eine intakte Internetverbindung, denn unser nächstes Ziel war zwar nicht weit entfernt, aber umso schwieriger zu finden: der Parku i Madh Kodrat e Liqenit, Tiranas einzige innenstadtnahe Grün- und Waldfläche mit See. Aber vorher gingen wir noch durch das Qyteti Studenti, eine ca. zwölf Hektar große Anlage für Studierendenwohnheimen. Diese ist quasi die einzige Wohnmöglichkeit für Studierende, deren Eltern nicht nach Tirana gezogen sind. Einige Blöcke sind arg herabgekommen, andere frisch renoviert. Auf einem Lageplan sieht man, dass die Wohnblöcke geschlechtergetrennt sind. Interessanterweise sind mehr Zimmer für Studentinnen vorgesehen als für Studenten.

Unser Freund Dejan, ein Wiener Raumplanungsstudent aus Albanien, welcher uns eine sehr große Hilfe für die Kontaktaufnahmen vor Ort war, hat uns auf eine äußerst interessante Doku von Arte aufmerksam gemacht. Dauert nur eine halbe Stunde und fasst perfekt die derzeitige Situation für die Jugend von Albanien zusammen. Sehr empfehlenswert!

Eine erste kleine Überraschung beim Betreten des beliebtesten Stadtparkes: Fahrradfahren verboten! Trotzdem fanden wir Fahrradständer im Park, irgendwoher aus dem nirgendwo dann auch ein Fahrradweg, woher und wohin dieser führt ist ungewiss, genutzt wird er jedenfalls nicht. Im Park fanden wir erstmals einen Ort der Ruhe. Der hauptsächlich durch den motorisierten Individualverkehr erzeugte Lärm wird durch den Wald abgeschirmt. Die Menschen sind entspannt und schlendern langsam dahin. Die Promenade am See gilt als beliebter Treffpunkt, wiederum im Schnitt sehr junge Albaner*innen sitzen am Stausee und beobachten das rege Treiben, es wird Bier und Espresso serviert. An einer Ecke dann die Überraschung: ein Wiener Würstelstand! Der Versuchung konnten wir dann doch nicht wiederstehen, die Käsekrainer für umgerechnet 3,20 Euro spiegeln wohl die frequentierende Klientel dieses Bereichs des Parks wider.

Den Abschluss des Tages stellte ein Treffen mit Studierenden von Organizata Politike, einer politischen Organisation welche sich für eine bessere Situation von Studierende und Arbeiter*innen in prekären Verhältnissen einsetzt, dar. Mehr Informationen einschließlich einem Interview mit Bora Mema, einem Mitglied der Organisation, findet ihr hier! Die Organisation hat sich ein altes Haus inmitten der Altstadt gemietet. Die 6-stöckigen Appartementblocks links und rechts des Grundstücks bewachen das kleine Haus bedrohlich. Die Institution bietet eine Bibliothek, einen Raum für Plenen, Treffen, Poetry Nights, kulturelle Veranstaltungen, Filmnächte, Parties und auch eine Bar an. Um eine Runde Raki kommen wir nicht herum, Marke Eigenbräu aus der Plastikflasche und sehr scharf, danach ist uns auf jeden Fall warm. Bis in die späte Nacht diskutierten wir über die aktuelle Situation von Studierenden, über Korruption, Politik, Chancen am Arbeitsmarkt und die Flucht der Jugend aus Albanien. Unter anderem haben wir erfahren, wie schwer es ist eine eigene Partei zu gründen (ein Kleingeld von ca. 40.000 € ist nötig), dass die sozialistische Partei wirtschaftsliberaler ist als ihr Name verspricht, die jungen Frauen im Land viel zielstrebiger bezüglich Bildung sind als ihre männliche Kollegen, außerhalb von Tirana Armut herrscht wie sie nur in der Subsahara Gegend zu erwarten ist und dass die Arbeitsbedingungen im der Textilindustrie vergleichbar mit denen in Bangladesch sind. Im Gegenzug wurden wir von Nebih, Student auf der staatlichen polytechnischen Universität, um ein Interview gefragt. Er studiert Architektur und Urbanistik und will einen Artikel über Sicht von Westeuropäern auf Tirana schreiben. Da sagen wir natürlich nicht nein, der Termin ist jedenfalls für den Freitag angesetzt.

Bis dahin ein Prosit und viele Grüße aus Tirana!

“O tirona, ti je e jona!”

Heute Morgen trafen wir Eneida, eine Studienabsolventin der Architektur an der Epoka Universität. Sie hat einen Artikel über den Skanderbeg Platz in der Zeitschrift City Observer verfasst , was uns dazu führte sie auf einen Kaffee einzuladen und uns alles über den repräsentatisvsten Platz in Tirana zu erzählen. Ihren Artikel findet man hier (Seite 150 ff.). Nach einem hochspannendem Interview gab sie uns sogar noch einen Spaziergang durch das Zentrum und über den Skanderbeg Platz (dies sollte unser vierter Besuch in drei Tagen darstellen, ab morgen geht es dann weiter in die Vororte!). Zusammen gingen wir im Zuge des Spaziergangs dann noch zum nahegelegenen Parku Rinia, dem Park der Jugend, wo gerade die Tirana Pride stattfand. Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten, in denen traditionell Prides stattfinden, zeigte sich die Besucher*innenzahl in Tirana überschaubarer, doch immerhin etwas! An die siebzig Menschen im kollektivem Party-Modus wohnten der farbenfrohen kunterbunten Veranstaltung bei, begleitet von fünf Kamerateams. Gleich sprachen wir die geringere Beteiligung der Bevölkerung an. Unsere Frage wurde insofern plausibel beantwortet, als dass sich viele Junge Tiraner*innen nicht durch die hier anwesenden Medien „outen“ wollen. Und ja, das geht recht schnell. Wir bekamen Regenbogen Fahnen und T-Shirts geschenkt. Aufschrift: Chill Man, some people are gay. Nur halt auf Albanisch. Und siehe da, unsere Tu Wien-Sackerl zogen wohl sehr schnell die Aufmerksamkeit der Leute auf uns. So schnell konnten wir gar nicht gucken, da wurde bereits eine Kamera und ein Mikro vor Valentins Gesicht gehalten und gefragt, warum er hier ist und ob er die „LGBT supportet“. Antwort: Of course I do!

Nach dem intensiven Inputs des Vormittags verbrachten wir eine kurze Pause bei Tirana Ekspres, einem Kulturzentrum mit Veranstaltungen und Café. Zurzeit läuft dort unter anderem eine Aktion, bei der die eigene Unterstützung für LGBT in Worte gefasst werden kann. Auch auf unsere Frage nach einer Anbringung unserer Nadelmethode zeigten sich die Besitzer sehr kooperativ und hängten unsere mitgebrachten Karten von Tirana auf, damit die Gäste ihre Lieblingsorte markieren können. Danach ging es zurück in die Wohnung, damit wir den ersten großen Einsatz unsere Urban Carpets vorbereiten konnten.

Am frühen Abend trafen wir uns dann mit Arda und ihrer Freundin Flori im Parku i Galerise Kombetare te Arteve, wo auch das Cloud Festival stattfindet. Wir wollten unbedingt die Synergieeffekte zwischen unserer Methode und den verweilenden Menschen vor Ort nutzen und breiteten unsern Urban Carpet aus. Während der Interaktion mit Passanten halfen und Arda und Flori mit Übersetzungen (sie wurden mit Mozartkugeln und Mannerschnitten vergütet) während wir die jungen Menschen nach ihren Lieblingsorten und -Treffpunkten erfragten.Sehr schnell entwickelte sich eine starke Dynamik aus Diskussionen, Markierungen, Debatten und Erkenntnissen, genau das wollten wir erreichen! Viele der Passanten hielten an, ohne das wir sie explizit für uns gewinnen mussten, ihr Interesse bestand meist von selbst, was uns natürlich sehr freute und natürlich auch ob der Frage nach dem Funktionieren der Methode erleichterte. Die Ergebnisse präsentieren wir zwar erst am Ende, dennoch können wir bereits einige signifikante Aussagen der Bewohner*innen präsentieren.

“the real public spaces in Tirana only exist along the central axis, there happens the improvement”

“the bad places in the city are caused by the air- and noise pollution of the cars, these places are awful”

“bars and coffees are our public spaces”

Natürlich stellen diese Aussagen nur Momente einer jeden Meinung dar, dennoch finden wir diese sehr aussagekräftig. Vor allem die letzte Aussage sollte für uns in unserem weiteren Vorgehen noch interessant werden, aber dazu morgen mehr! Bis zum Ende unserer Intervention begleitete uns traditionelle Musik, oder um es mit dem Titel eines der dargebotenen Lieder zu sagen: “O tirona, ti je e jona! – Oh Tirana, du gehörst uns!” Fazit: Ein voller Erfolg. Ergebnisse folgen unter anderem auf unserem Instagram Account

@urban_carpet_tirana.

Der Abend wurde mit einem gemeinsamen Besuch im Nationalmuseum abgerundet. Eintritt frei und offen bis 01:00, aber nur weil es der vorletzte Samstag im Monat war. Unsere Locals führten uns durch das Museum und erzählten von der Geschichte Albaniens. Angefangen von den (umstrittenen) Vorfahren der Albaner*innen, den Illyrer*innen, bis zu den doch sehr bedrückenden Exponaten zu exekutierten Volksfeinden der Hoxha-Diktatur zeigte sich uns die diverse und doch sehr intensive Geschichte des Landes. Als wir wieder Heim kamen, waren wir überwältigt vom Tag und von den vielen Eindrücken die wir gesammelt haben. Jetzt erst mal alles verarbeiten!

 

 

Von Teppichen die auf Pyramiden liegen

Und täglich grüßt der Skanderbeg. Zweiter Tag, drittes Date mit unserem Lieblingsplatz. Alle Wege führen nach Rom, aber alle Wege führen auch über den Skanderbeg Platz, wenn es nach uns geht. Aber alles mal der Reihe nach.

Heute Morgen hatten wir ein Treffen mit Mirjana, einer Studentin der Epoka Universität, Department für Architektur. Sie ist Teil der vierten Edition von SpaRe.Life 2019, einer Summer School zum Thema “Pocket Gardens. Ephemeral Regeneration of super-blocks in Tirana”. Wir haben ein Treffen mit dem veranstalteten Professor auf der Universität ausgemacht und werden weiterhin die Kooperation aufleben lassen und die Synergien nutzen.

Nach einem stärkenden Kaffee ließen wir uns wieder auf den Skanderbeg Platz treiben. Diesmal mit keinem speziellen Grund. Wir machen liebend gerne einen kleinen Umweg über den zentralen Platz Tiranas. Unser Ziel heute war die Pyramide sowie ein Spaziergang durch das angesagte Blloku.

Auf dem Weg vom Skanderbeg Platz zur Pyramide geht man am besten entlang der zentralen Achse Tiranas, die den radialen Städtebau der albanischen Hauptstadt durchschneidet. Gleich fällt der kunterbunte städtebauliche Ensemblehaufen aus italienischer Kolonialarchitektur der Marke Toskana-Sehnsucht, neoklassizistischer Diktatorenfantasien und moderner Hochhausnadeln auf. Dieses Nebeneinander begegnet uns öfter und wir finden es zunehmend ansprechend. Weniger appetitlich erscheint die grün gestaltete Uferpromenade des Flusses “Lana”. Haben wir doch schon herausgefunden, dass für dieses Kleinod der ein oder andere (illegal) errichtete Wohnblock über Nacht weichen musste.

Aber dann, einmal über die große Prachtstraße, lugt die Pyramide aus dem Stadtwäldchen hervor. Andächtig verbrachten wir vor der Pyramide einige Minuten und staunten über die Architektur. Wir sehen auch Jugendliche, die die Spitze der Pyramide besteigen. Darf man das? Sollen wir auch? Nicht lange darüber nachgedacht, machten wir aus einem Wunsch eine Tat. Doch vorher vergewissern wir uns noch, ob der wachhabende, gut bewaffnete Polizist an der Pyramide etwas gegen unseren Plan hat. Nein? Ok dann los! Nicht ganz ungefährlich, aber trotzdem lustig. Die plattige Rampe, bis vor ein paar Jahren noch marmor- jetzt eher graffitibekleidet ist ganz schön rutschig. Oben herrscht eine wunderbare Aussicht über Tirana. Als wir ein paar Jugendliche ebenfalls die Pyramide erklimmen sehen, breiten wir prompt unseren Urban Carpet aus. “Are you from Tirana?” “Kosovo!” “Oh…nice!” Das war wohl nichts, aber es wird nicht unser letzter Besuch dort oben gewesen sein. Der Mix aus Aussichtspunkt, ruinöser urbaner Struktur und die durchaus abstrakte Struktur des Gebäudes wirken auf uns einfach anziehend. Und nicht nur auf uns, denn nach kurzer Zeit kommen doch noch einige junge BewohnerInnen Tiranas, die ihren Freitagnachmittag im Antlitz der Vergangenheit rauchend verbringen wollen.

Fazit: Beste Attraktion, die wir je in einer Stadt gesehen (und bestiegen) haben, da sind wir uns einig. Können wir nur empfehlen.

Next Stop: Universiteti Politeknik i Tiranës und der davorliegende Mutter Teresa Platz. Dieser steht auch auf unserer Liste der Orte für unserer Teppich-Methode. Doch heute leider nicht, denn dieser Tage ist der Platz schon für das Colour Day Festival genutzt, egal schauen wir trotzdem morgen hin. Dann starten wir halt das Urban Carpet Festival, wir bräuchten wohl nur etwas Musik und Getränke.

Aber Moment mal, diese Randbebauung und die ganze Aufmachung erinnern doch an was. Ach ja, richtig, an das EUR (Esposizione Universale di Roma) in Rom, Mussolinis etwas ausgeartete städtebauliche Intervention, die doch etwas martialisch rüberkommt. Im gleichen neoklassizistischen Stil präsentiert sich dann auch die polytechnische Universität in Tirana. Dort machten wir einen kleinen Regenstopp, auch weil uns ein Besuch der oft frequentierten Treppen davor empfohlen wurde. Heute ist alles verwaist.

Aus diesem Grund spazieren wir dann auch weiter durch Blloku, einer der wohl interessantesten Stadtteile Tiranas. Früher absolut prädestinierte Wohngegend für regimetreue BewohnerInnen, inklusive der einen ganzen “Blloku” einnehmenden Villa Hoxhas. Heute präsentiert sich das Viertel als hippe Ausgehmeile der mittleren hipster-Oberschicht, Bars und Restaurants wechseln sich mit Cafés ab. Aber auch die farbenfrohen Fassaden, die Tirana berühmt gemacht haben, finden sich hier in großer Zahl. Durch Blloku werden wir noch öfter laufen, deshalb hier nur einmal ein erster Eindruck des für uns als jungen Forschenden natürlich auch ansprechenden Ambientes.

Bis dahin, Servus, Habedieehre und Ciao!

 

Ankunft im verregneten Tirana. Uns gefällts trotzdem!

Nachdem wir am Flughafen Tirana angekommen sind, haben wir den nächstbesten Bus Richtung Zentrum genommen. Die Eindrücke vom Fenster aus waren schon sehr interessant. Bekannte Ketten reihten sich neben Brachflächen an der Einfallsstraße ins Zentrum:

Radfahrer*innen fahren auf der Busspur, Mopeds fahren am Fahrradweg, Fußgänger*innen auch. Ein Mann zieht eine Kuh hinter sich her, zwischen zwei Gebäuden grasen Schafe auf einer plastikverseuchten Wiese, ein Jugendlicher bedient einen kleinen Gemüsestand am Gehsteig, die Leute scheuen sich nicht vor dem Regen, das Leben läuft ganz normal weiter, überall bunte Regenschirme, auch die meisten Radfahrer*innen fahren mit einem Regenschirm in der Hand.

Man merkt eine leichte Anarchie auf der Straße. Der Nutzungsdruck ist hoch. Und was auch auffällt: Sehr viele Menschen, darunter sehr viele junge Menschen, sind draußen auf der Straße.

Im Zentrum angekommen heißt uns Tirana mit regnerischem Wetter willkommen. Wir machten einen Umweg über den bekannten Skanderbeg Platz und waren beeindruckt. Auch bei Regen und schlechtem Wetter war die Stimmung unglaublich. Nachdem wir lange Zeit im Regen auf der Suche nach unserer Unterkunft verbracht haben (das Adresssystem in Tirana ist nicht sehr präzise), waren wir erstmal ein bisschen niedergeschlagen. Man merkte, dass wir auch sichtlich gebeutelt durch den doch sehr ungewöhnlich kalten Mai sind. Ganz gesund ist keiner von uns. Unsere Bleibe für die nächsten 11 Tage liegt aber trotzdem zentral und eignet sich als guter Ausgangspunkt für unsere Interventionen in der Stadt.

Der Regen ließ nach und wir rafften uns auf um Einkäufe zu tätigen. Wieder machten wir einen Umweg, diesmal über Pazari i Ri, der neue Bazaar. Dort bewunderten wir richtig gut gestalteten öffentlichen Raum. Die Häuser sind angemalt und das ganze Flair hat etwas Südländisches an sich. Wir waren und sind immer noch beeindruckt. Wir sind uns sicher; hier müssen wir unsere Teppich-Methode anwenden. Danach gingen wir wieder zum Skanderbeg Platz. Er zieht uns irgendwie magisch an. Diesmal nicht mit Regen, sondern mit Sonnenuntergangsstimmung. Wir genossen wieder mindestens eine halbe Stunde die Stimmung am Platz.

Was uns aber am meisten freut: Unser community mapping (also das Markieren von lieblingsorten, Lieblings Treffpunkten und Angsträume) auf unserer Homepage als auch unser Instagram Account sind voll aufgegangen! Die Kommunikation mit den Institutionen als auch mit jungen Menschen geht plötzlich viel einfacher. Treffen und Kooperationen sind schon ausgemacht. Auch haben wir nun angefangen den Account voll zu bespielen. Also

don´t miss it! Follow us @urban_carpet_tirana

Das Gefühl endlich in der Stadt zu sein für die man zwei Monate lang recherchiert hat, ist schlicht großartig. Die Räume werden nicht nur gesehen, sondern sofort mit den Informationen, die wir durch die Recherche gefunden haben, assoziiert.

Wir verabschieden uns noch mit einer kleinen Galerie für den Tag.

natën e mirë \\ Gute Nacht

Das neue Tirana \\ Öffentlicher Schauplatz eines progressiven Albaniens?

Deni, eine Studentin aus Tirana, sagte: „Wer das Land nicht verlassen kann, geht nach Tirana. Hier hat man zumindest eine Chance auf eine bessere Zukunft und auf ein bisschen Spaß“.

Diese und noch viel mehr Fragen wollen wir auf den Grund gehen. Wer sind wir? Ein hoch motiviertes interdisziplinäres Team, welches sich auf den Urban Carpet schwingt und nach Tirana fliegt. Halt, was? Nein, wir sind nicht die ProtagonistInnen eines neuen Disney Film, wir sind Forschende, gesandt vom future.lab und der Stadt Wien!

Darf ich vorstellen? Unser dreiköpfiges Team besteht aus Karina Ruseva, eine Architektin die immer guter Laune ist. Valentin Promberger, ein Raumplaner der auch in seiner Freizeit politisiert. Und Joshua Lorenz, ein Urbanist der lieber zwei Vornamen hat als einen.

Der Urban Carpet ist unsere Forschungsstation. Wir fliegen mit diesem leider nicht nach Tirana, sondern mit den AUA. Aber er befindet sich in unserem Gepäck. In Tirana angekommen breiten wir unseren Teppich an ausgewählten Orten aus, und beginnen unsere Forschung. Wir intervenieren im öffentlichen Raum, provozieren mit unserer Anwesenheit die Bevölkerung und kommen dadurch ins Gespräch. Dabei wird erforscht, wie junge Menschen in Tirana den aktuellen Stand und städtebauliche Entwicklung ihrer Hauptstadt wahrnehmen.

•    Besteht eine Identifikation oder Ablehnung mit der gebauten Vergangenheit Tiranas?
•    Inwiefern lassen sich Differenzen zwischen den Altersgruppen feststellen?
•    Welche Orte oder Entwicklungen repräsentieren das moderne Tirana aus der Sicht der jungen Erwachsenen?

Die jüngeren Semester befinden sich in unserem Fokus der Forschung als Schnittpunkt Vergangenheit und Zukunft Tiranas und Albaniens. Wir generieren dabei unseren Forschungsaspekt unter der einzigen Feststellung des vermuteten Kontrasts zwischen junger Bevölkerung und alten Hinterlassenschaften der Diktatur. Es geht uns dabei immer um eine kontextuelle Erforschung und Portraitieren.

Folge uns weiterhin auf dem future.lab Blog oder auf Instagram, wir sind zu finden als “urban_carpet_tirana”. So bleibst du hautnah an unseren Urban Carpet dran und bekommst als erster die neuesten Forschungsergebnisse präsentiert.

Auf wiedersehen, oder wie man auf Albanisch sagen würde: lamtumirë
Euer Tirana Team.

Tirana_Impressionen

Bildquelle: Giovanni Kiace (2014). Exploring Tirana. A multi-project around the albanian city, exploring architecture, people and suburbs