ArchitektInnen, KünstlerInnen oder BewohnerInnen – wer plant eigentlich den Raum?

Und es ist dazu gekommen…es ist schon der vorletzte Tag der Expedition… ein Samstag, an dem man glauben würde, dass Menschen ihre Ruhe haben möchten und keine Zeit für uns hätten. Aber nein.. gleich 3 Interviews waren für heute vereinbart. Also ab an die Arbeit.

Als erster an der Reihe stand Architekt Bogdan Demetrescu, Senior Lecturer an der Polytechnischen Universität Temeswar. In den Jahren 2005 bis 2006 war er an der Neugestaltung des Trajansplatzes beteiligt. Die Administration habe anfänglich nicht gewusst, welche Maßnahmen am Trajansplatz notwendig seien. Es sei eine Baufirma beauftrag worden, deren Entwürfe rein “technisch” gewesen seien, das heißt, es sei lediglich auf Aspekte wie die Anzahl der Parkplätze geachtet worden, die Bäume seien gefällt worden. Als ein Gestaltungskonzept für den Platz erstellt werden sollte, sei der Umbau bereits im Gange gewesen. Insgesamt seien nur ca. 5 Wochen Zeit gewesen. Es habe dabei nicht den geringsten Dialog zwischen der Verwaltung und der lokalen Bevölkerung gegeben. Das Rathaus habe die Idee gehabt, am Platz Events zu organisieren, zusätzlich habe es unter der Oberfläche bereits Leitungen und einen Stromanschluss gegeben.

Ein Jahr nach Abschluss der Arbeiten habe man die lokale Bevölkerung befragt, wobei sich herausstellte, dass diese mit den Arbeiten im öffentlichen Raum sehr zufrieden gewesen sei. Weiters fragen wir nach der von Protopop Stancovici gestern angesprochenen Verbindung zwischen Kirche und Kreuz am Trajansplatz, welche durch ein Revolutionsdenkmal unterbrochen wurde. Er sagt, dass eine Verschiebung des Denkmals in der Vergangenheit undenkbar gewesen sei, da es sich um frische Wunden gehandelt habe. Für die Zukunft bleibe abzuwarten, ob eine Alternative denkbar sei. Generell habe man am Trajansplatz das Problem, dass die Gestaltungsmaßnahmen oft keine Relevanz für die lokale Bevölkerung gehabt hätten. Aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen meint Demetrescu, dass sich der Trajansplatz in nächster Zeit stark verändern werde, wobei jedoch generell mit großen bürokratischen Hürden zu kämpfen sei – beispielsweise habe die Genehmigung für den Umbau eines Café im Stadtzentrum ein Jahr gebraucht, wobei die eigentlichen Arbeiten innerhalb weniger Wochen abgeschlossen sein könnten. Beim Mall dauere der Prozess nur sechs Monate.

Im Vergleich dazu sei habe die Umwandlung des Stadtzentrums in eine FußgängerInnenzone auf der Idee einer Reduktion bzw. Entfernung des Autoverkehrs basiert. Dabei seien manche Dinge schiefgelaufen, beispielsweise die Entfernung der Bäume der Freiheitsplatz.

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Cristian im Gespräch mit Bogdan Demetrescu

Danach fahren wir zum Trajansplatz, um Victor Dragos und Andrei Ursu zu treffen, Mitglieder der Künstler und Aktivistengruppe Basca. Die jungen Künstler verlegen zurzeit ihr Theater in eine Seitengasse des Trajansplatzes. Obwohl die Kosten ein entscheidender Faktor bei der Standortwahl waren und sie mehr oder weniger durch Zufall auf diesen Ort gestoßen sind, haben dennoch beide von früher eine Verbindung zu diesem Ort. Mit der Theaterarbeit wollen sie u. a. die lokale Bevölkerung in Aktivitäten involvieren. Diese Gruppe ist von der Idee überzeugt, dass sie eine Änderung in ihrer Umgebung produzieren können.

Sie berichten von einer Überflutung des Stadtzentrums mit Schanigärten, es seien mittlerweile zu viele, es handle sich um eine Behinderung des FußgängerInnenverkehrs. Nicht dass sie schlecht seien, aber die Hälfte würde reichen. Auch sonst gäbe es im Stadtkern viele Maßnahmen, die für die Stadt nicht gut seien…z. B. das Fällen der Bäume am Freiheitsplatz, wo man die Proteste der Bevölkerung ignoriert habe.

Gegen die Mall hätten sie eine Phobie. Es habe einen Vertrag zwischen dem Mallbetreiber und der Stadt gegeben, um öffentliche Einrichtungen dort anzusiedeln. Die breite Masse sei mit der Mall jedoch sehr zufrieden…die Strategie der Stadt gehe auf. Selbst TouristInnen aus Serbien machten Tagesausflüge dorthin. Die Mall sei zu einem Wahrzeichen geworden. Das “Immobilienpotenzial” habe man voll ausgenutzt…man habe das Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung erkannt…etwas, was man im Kommunismus jahrzehntelang nicht gehabt habe. Heute habe man einen Vergleich und wisse, wie gut es den Menschen im Westen gehe.

Es stelle sich dabei jedoch die Frage, wie ganzheitlich die Entwicklung geplant worden sei. Der Bürgermeister habe vor einiger Zeit erklärt, dass dies das Zeitalter des Autos sei, dementsprechend versuche man, die ganze Stadt auf das Auto auszurichten. Am Trajansplatz habe sich der Bürgermeister mit dem Rausschmiss einiger illegal hausender Menschen gebrüstet…man kümmere sich jedoch nicht um deren weitere Zukunft…die Gegend werde bald gentrifiziert sein. Große Immobilienprojekte in der Umgebung wie ISHO fungierten als Katalysator. Wir erkundigen uns bei unseren Gesprächspartner nach möglichen Alternativen, also was die Stadt tun könnte, um eine Aufwertung des Trajansplatzes sozial ausgewogener zu gestalten. Man spricht von Investitionen in leistbares Wohnen (social housing)…man müsse dafür sorgen, dass alle BewohnerInnen zur Schule gehen könnten – zurzeit bestehe seitens der Verwaltung kein Interesse, diesen Menschen zu helfen. Insgesamt sei ein massiver Boom der Stadt in den kommenden Jahren zu erwarten – nicht zuletzt aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage…die Stadt werde jedoch zurzeit falsch entwickelt.

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Die Räumlichkeiten des neuen Theaters von Basca
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Mathias im Gespräch mit Dragos und Andrei von Basca
Kind im Trajansplatz
Die Welt braucht mutige Menschen.

Das letztes Interview unserer Expedition haben wir mit Oana Simionescu, Architektin und Mitgründerin der Plattform bei FOR. Sie glaube nicht unbedingt, dass der Trajansplatz gentrifiziert werde.. sie habe auf diese Themen schon vor 10 Jahren aufmerksam gemacht, damals als der Platz umgestaltet und das erste Haus saniert wurde. Wir fragen nach dem Grund, weshalb es noch nicht wirklich passiert ist und kommen auf die Hypothese, dass es etwas mit der Finanzkrise zu tun haben könnte. Diesmal, sagt sie jedoch, könne es womöglich tatsächlich passieren. Sie selbst plane, in nächster Zeit in diesen Stadtteil zu ziehen. Zusammen mit einigen Freunden sei sie auf der Suche nach einem passenden Grundstück, man wolle sich als Baugruppe ein Eigenheim errichten. Es sei ein guter Zeitpunkt, um zu investieren. Eine interessante Situation also, in der die Planerin selbst zur Bewohnerin wird.

Ihre Meinung zum Freiheitsplatz weicht etwas von den Ansichten unserer bisherigen InterviewpartnerInnen ab. Er sei jetzt schon besser, vor allem wegen der einheitlichen Oberfläche. Er sei ein raum voller Potential und die Änderungen, die man dafür machen müsste, wären leicht umsetzbar…der alte Platz sei ein Patchwork an verschiedenen unkoordinierten Planungen der Vergangenheit gewesen…darüber hinaus sei er von Auto bedeckt gewesen. Die nun fehlenden Elemente, z. B. städtisches Grün, könne man leicht ergänzen. Es werde schon jemand kommen und das tun.

Und bezüglich Mall: Nein, sie geht nicht gerne hin und empfindet die Mall auch nicht als Erholungsraum. Sie versteht aber sehr wohl, dann manche Leute sie Mall praktisch finden, vor allen wenn es um die Minimierung der Wartezeiten für Pässen usw. Sie hofft auf eine bessere Zukunft.

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Mathias im Gespräch mit Oana Simionescu

 

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Ein Abschlussbild. Jetzt müssen wir etwas trinken!

Eine Schwäbin, ein Sozialwissenschaftler und ein Priester treffen sich im öffentlichen Raum…

Seit Beginn unserer Expedition versuchen wir, mit Angehörigen der Banater Schwaben in Kontakt zu treten. Grundsätzlich ist das gar nicht so einfach. Die meisten von ihnen sind spätestens nach dem Kommunismus nach Deutschland (ihre ursprüngliche Heimat) ausgewandert, nur wenige sind geblieben. In den vergangenen Tagen haben wir immer wieder Nachrichten geschrieben, eine Terminzusage konnten wir nicht kriegen. Gestern Abend jedoch die Wende: Wir sollen morgen (also heute) um 11 Uhr im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus (benannt nach dem berühmten Banater Dichter) erscheinen. Wir verspäten uns ein kleines bisschen, erkennen jedoch bereits im Eingangsbereich des Hauses, dass hier die deutsche Abstammung gepflegt wird. Wir fragen beim Portier nach Frau Singer, in deutscher Sprache, und werden verstanden.

Edith Singer ist Deutsche aus dem Banat und Vorsitzende des Ortsforums in Temeswar des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Sie ist als Gesprächspartnerin für uns besonders interessant, da sie eine der letzten VertreterInnen einer Volksgruppe ist, die diesen Raum (und in besonderem Maße auch den öffentlichen Raum) rund zwei Jahrhunderte geprägt hat. Die Informationen, die wir von ihr erhalten, sind äußerst vielfältig. Zum einen erzählt sie von vergangenen Zeiten…viele Gebäude seien früher im Kommunismus verwahrlost gewesen, seit den 1990ern habe die Stadt versucht, soweit es ihr möglich war, das Stadtbild wieder in Ordnung zu bringen. An schönen Gebäuden können man sich im Alltag erfreuen.

Dann aber sprechen wir ein sensibleres Thema an: Wie die verbliebenen Deutschen mit der Situation umgehen, dass nur noch so wenige von ihnen da sind. Sie erzählt uns vom Schock der frühen 1990er Jahre, als sich quasi über Nacht ganze Straßen und Dörfer leerten…darüber betroffen zu sein, heute kaum mehr Deutsch auf der Straße zu hören…vom guten Auskommen der verschiedenen Ethnien untereinander in der Vergangenheit, also einer authentischen Multikulturalität, die es viele Jahre lang gab…aber auch vom “Sich-Abfinden” mit der Situation, den gemeinsam mit jungen Interessierten organisierten Kulturprojekten, der Veränderung des Wohlstandes nach dem Kommunismus.

Wir versuchen dann, das Gespräch wieder auf den öffentlichen Raum zu lenken: Unsere Gesprächspartnerin zieht einen Vergleich zwischen den Paradezimmern in der Häusern der Banater Schwaben und dem historischen Stadtkern innerhalb Temeswars. Für sie ist der Vereinigungsplatz der wichtigste öffentliche Raum innerhalb Cetates, da hier der römisch-katholische Dom steht, der für viele Deutsche als Versammlungsort für die Kirchweihe fungierte. Die Neugestaltung des Freiheitsplatzes sieht sie hingegen kritisch: Einst sei er ein Ort gewesen, an dem die Menschen sich trafen…die jetzige Gestaltung verhindere das. Weiter betont sie die Wichtigkeit einer Unterstreichung des kulturellen Erbes, wobei sich Traditionen der Zeit anpassen müssten. Der Trajansplatz sei für sie immer zu weit entfernt gewesen, als dass sie zu diesem eine Verbindung aufbauen hätte können. Die Iulius Mall sei für die Menschen wichtig, insbesondere für die Jungen sei sie ein wichtiger Attraktor. Sie spricht sich für die Heranziehung einer breiteren Palette von SpezialistInnen sowie die bessere Beteiligung der Bevölkerung bei der Gestaltung von Plätzen aus. Frau Singer spricht perfekt Hochdeutsch. Zu guter Letzt bekommen wir noch eine Sprachsprobe des Schwäbischen.

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Plausch mit Frau Singer im Banater Schwaben-Dialekt

Wir begeben uns zur West Universität Temeswar, um mit Robert Reisz zu sprechen…er ist Professor sowie Dekan an der Fakultät für Politik-, Philosophie- und Kommunikationswissenschaften. Wir müssen in den siebten Stock, Aufzüge suchen wir vergebens. Am Weg nach oben erhalten wir einen Anruf vom gestern von uns kontaktierten serbisch-orthodoxen Priester am Trajansplatz. Wir werden in zehn Minuten erwartet. Der Stressfaktor steigt.

Seit 2017 ist Robert Reisz externer Berater bei der Erarbeitung eines “Barometers für Lebensqualität” in Temeswar. Die Untersuchungen basieren auf klassischer “Old-School-Statistik” (also Hausbesuche mit standardisierten Fragebögen) und decken u. a.Themenbereiche wie Zufriedenheit mit der allgemeinen Entwicklung der Stadt, der Infrastruktur und den öffentlichen Einrichtungen, dem Öffentlichen Verkehr, dem Angebot an Spielplätzen, der Wahrnehmung der städtischen Probleme durch die Verwaltung, dem Sicherheitsgefühl in der Stadt, der Luftqualität usw. ab. Die Untersuchungen sollen in Zukunft in regelmäßigen Abständen stattfinden, womit Trends bzw. Tendenzen erkannt werden sollen. Er berichtet von der generellen Erkenntnis, dass Temeswar eine attraktive Stadt für junge Menschen sei, oder anders gesagt: Wenn man hier jung und reich ist, fühlt man sich gut. Wenn man jung ist, ist man zufriedener, selbst wenn man nicht reich ist. Die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Raum sei generell hoch, was er mit den Entwicklungen der letzten Jahren (z. B. der Umwandlung des Stadtkerns in eine FußgängerInnenzone) in Verbindung bringt. Die entwickelten Indikatoren sollen in Zukunft auf ganz Rumänien ausgeweitet werden. Die Arbeit beruht auf der Annahme, dass man Zufriedenheit mit sozioökonomischen Daten korrelieren könne. Meistens seien es junge und reiche Leute, die den öffentlichen Raum nutzen, was auch mit Konsum zu tun habe. Wir diskutieren dann die Möglichkeiten einer Triangulation quantitativer Daten mit qualitativen Aspekten, beispielsweise bei der Umgestaltung eines öffentlichen Raumes, wie im Falle des Trajansplatzes. So können wir die Informationen von verschiedenen Quellen aufeinander beziehen.

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Uni-Zeit ist Freizeit.
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Prof. Robert Reisz in seinem Büro
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Blick über die Stadt vom 7. Stock der West-Uni

 

Wir wollen nun möglichst schnell zum Trajansplatz gelangen, um Branislav Stancovici zu treffen. Er ist seit 25 Jahren Piester (Protopop) der serbisch-orthodoxen Gemeinde in Fabric. Wir unterhalten uns zunächst draußen. Wir erfahren, dass neben dem Sakralbau noch vier weitere Gebäude am Trajansplatz der Kirche gehören. Einst bestand eine Sichtachse zwischen der im 18. Jahrhundert erbauten Kirche und der Kreuzstatue auf der anderen Seite des Platzes. Nach der Revolution entstand zwischen den beiden Punkten ein zusätzliches Denkmal in Form einer großen Glocke. Jahre lang habe er versucht, das Denkmal seitlich verschieben zu lassen…vergebens. Es lässt sich dabei erkennen, wie die ursprüngliche Identität des Platzes in Form dieser Verbindung von dem Zeugnis eines weiteren historischen Ereignisses überlagert wurde. Nach einer Führung durch die Kirche begleiten wir ihn in sein Büro. Seine besondere Position als Verwalter eines beträchtlichen Teils der Gebäude um den Platz erlaubt es ihm seit Jahren, besondere Einblicke in die lokale Stadtentwicklung zu bekommen…und er teilt diese gerne mit uns. Er  zeigt uns Bilder vom Trajansplatz von vor hundert Jahren. Damals habe es hier ein reges urbanes Leben gegeben, die Menschen hätten sich am Platz versammelt, sich über die verschiedensten Themen ausgetauscht, die vielfältigen Unternehmen hätten zusätzlich Menschen von außen angezogen. Das alles habe im Kommunismus ein jähes Ende gefunden. Die Geschäfte seien gebündelt worden und aus den Gebäuden des Platzes verschwunden, es seien Menschen vom Land gefolgt, die kein Bewusstsein für die Stadt und die Bausubstanz gehabt hätten. Zusehends sei der Platz verkommen. Es habe in die letzten Jahren Initiativen zur Restaurierung der Gebäude gegeben. Begeistert zeigt er uns die Pläne für die Fassaden. Vor etwa 10 Jahren habe er von einer deutschen Entwicklungsgesellschaft den Tipp bekommen, die leerstehenden Objekte nicht mehr als Wohnungen zu vergeben, sondern sie stattdessen Unternehmen anzubieten. Obwohl es anfänglich kein Interesse dafür gegeben habe, seien mittlerweile fünf der Einheiten an Unternehmen vermietet.

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Priester und Zaun – die Wächter der Kirche
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Im Büro des Priesters werden Fassaden-Alternativen besprochen.
Mathias und der Priester
Mathias und Protopop Stancovici im Gespräch

 

Danach folgen Teswalks im Trajansplatz.

 

 

 

Wort des Tages: Gentrifizierung

Heute steht uns ein voller Tag bevor.

Schon im Vorfeld haben wir Gespräche mit Architekt Dr. Cristian Blidariu, Senior Lecturer an der Fakultät für Architektur der Polytechnischen Universität in Temeswar, geführt. Er hat uns vorgeschlagen, zu einem Vortrag von Joar Nango zu kommen, damit er uns anschließend einige Frage zum öffentlichen Raum in Temeswar beantworten kann.

Der Vortrag von Joar Nango, einem Angehörigen des nordischen Eingeborenenvolkes der Samen (landläufig Lappen), dessen Arbeit von der Umfunktionierung westlicher kommerzieller Produkte durch Eingeborene handelt. Er plant, in den nächsten Monaten im Rahmen des Kunstfestivals “Art Encounter” manche seiner Arbeiten als Kunst im öffentlichen Raum auszustellen. Zunächst wollte er einen Dachboden in Cetate gemeinsam mit einem Roma-Künstler aus Transsilvanien umbauen, doch die Vielzahl der Interessen und lokalen Vorhaben verhinderte dies. Jetzt ist er auf der Suche nach einem passenden Ausstellungsort. Nach seinem Vortrag kommen wir ins Gespräch und empfehlen ihm, den Trajansplatz noch einmal genauer anzuschauen, da dieser fernab der umkämpften Innenstadtbereiche liegt und förmlich nach einer Belebung des öffentlichen Raumes schreit.

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Joar Nango beim Präsentieren

Hier treffen außerdem – wie vereinbart – mit Cristian Blidariu zusammen. Wir spazieren gemeinsam durch den Stadtteil, gehen in ein Café und führen ein ausführliches Gespräch. Wir können ihm in aller Offenheit Fragen stellen, auf alles antwortet er mit Begeisterung. Seine Antworten werfen außerdem ein neues Licht auf vieler der von uns bisher aufgegriffenen Themen und wir erlangen ein neues Verständnis verschiedener Zusammenhänge. Er berichtet von den für den urbanen Raum teils katastrophalen Maßnahmen für den öffentlichen Raum seitens der städtischen Administration und verweist dabei auch auf die Guerilla-Initiativen der AktivistInnegruppe A. U. (Actiunea Urbana). Auf die Frage, warum diese Maßnahmen nicht früher oder später politische Umwälzungen nach sich ziehen, antwortet er, dass die Menschen oft aufgrund der politischen Geschichte des Landes kein ausreichendes Bewusstsein für den öffentlichen Raum als Lebensraum hätten und es außerdem an Alternativen mangle. Der Freiheitsplatz in Cetate habe ursprünglich die Funktionen eines Verweilraumes für Menschen aus dem Stadtteil sowie eines Durchzugsraumes für die restlichen Menschen der Stadt gehabt. Nach der Neugestaltung sei der Platz immer noch ein Durchzugsraum, jedoch könne er nicht mehr als Lebensraum für die lokale Bevölkerung fungieren. In Verbindung mit dem Trajansplatz taucht nun zum ersten Mal der Begriff “Gentrifizierung” auf. Blidariu meint jedoch, dass die in anderen Städten der Welt beobachteten Probleme (die Verdrängung der finanziell schwächeren lokalen Bevölkerung) in Temeswar weniger ein Problem darstelle, da sich die Wohnhäuser größtenteils im Eigentum der Bewohnenden befänden. Spontan vermittelt er uns an Vladimir Obradovici, Mitarbeiter eines Architekturbüros in Fabric. In einer Stunden sollen wir ihn dort treffen.

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Mathias im Gespräch mit Cristian Blidariu

Bald bemerken wir allerdings, dass wir uns verplaudert haben. Bevor wir uns nach Fabric begeben können, benötigen wir dringend eine Stärkung. Wir beschließen, in “Omas Haus” zu Mittag zu essen, haben allerdings nur sehr wenig Zeit. Das Essen lässt viel zu lang auf sich warten, wir müssen den Termin um eine Viertelstunde verschieben. Die Goulashsuppe müssen wir runterstürzen und zum Taxi laufen. Eine Viertelstunde später kommen wir am Trajansplatz an. Unser Gesprächspartner wartet bereits auf uns.

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Goulash-Suppe in Omas Laden

Seit Vladimir Obradovici, Mitarbeiter des lokalen Planungsbüros CEVA Patrimoniu für Landschaftsarchitektur und Denkmalpflege, am Trajansplatz arbeitet, hat er die Gelegenheit, diesen tagtäglich zu beobachten und ein Verständnis für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu entwickeln. Er erzählt uns, dass der Trajansplatz rasant an Lebendigkeit gewann, als er als Ausweichquartier während der Renovierung des nahegelegenen Badea-Cartan-Marktes dienen musste. Nach der Fertigstellung der Arbeiten kehrte er zu seinem ursprünglichen Zustand zurück. Seiner Meinung nach könne der Platz den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung nicht gerecht werden, er biete ihnen nichts. Das zeige sich daran, dass Kinder mit lockeren Pflastersteinen spielten – in Ermangelung anderer Angebote. Früher sei der Platz für ihn selbst kein Attraktor gewesen. Seit sich jedoch sein Arbeitsplatz hier befindet, habe er begonnen, manche der Angebote der Umgebung (z. B. manche der Lokale und besseren Geschäfte) zu nutzen. Auch er sieht im langsamen Auftauchen besserer Geschäfte erste Anzeichen von Gentrifizierung. Über ihn können wir Kontakt zum serbischen Priester der hier gelegenen orthodoxen Kirche herstellen, morgen sollen wir uns erneut bei ihm melden.

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Vladimirs Hund wollte auch etwas beitragen.

Wir haben bis zum nächsten Termin ein wenig Zeit und schauen uns einen neu eröffneten “Taproom” am Platz an, in welchem Craft Beer ausgeschenkt wird. Wir kommen mit dem Besitzer, Alexandru Bernaz, ins Gespräch. Hier gibt es für das Thema Gentrifizierung gar kein Verständnis. Der Besitzer meint, dass diese Entwicklung unaufhaltsam sei, sowieso früher oder später käme und ihm das Thema nicht besonders wichtig sei. Darüber hinaus sei in seinem Fall die Wahl des Standortes fast egal gewesen, da er mittlerweile einen festen Kundenstock habe und ihm dieser folge. Auf unsere Frage, ob er selbst in die Mall ziehen würde, antwortet er, dass er dort sicher nicht hinwolle, da er die Menschen dort nicht möge, ein Besuch des Einkaufszentrums viel zu viel Zeit in Anspruch nehme und er die Atmosphäre erschöpfend finde. Zu guter Letzt meint er, mittlerweile aber doch eine Verbindung zum Trajansplatz aufgebaut zu haben.

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Der Taproom-Besitzer von hinten: Es gibt neues Bier.

Um 18 Uhr findet unser letztes Treffen für heute statt. Architekt Sergiu Ioan Sabau arbeitet für die NGO “Tur de Arhitectura“, eine Gruppe von ArchitektInnen, die Führungen für BewohnerInnen der Statd organisieren. Er macht regelmäßig Führungen durch Cetate und erklärte sich bereit, mit uns vom Trajansplatz quer durch die Stadt bis zum Freiheitsplatz zu spazieren. Zunächst bleiben wir noch am Trajansplatz, wir gehen erneut in die Bar, holen dort Bier und plaudern noch etwa eine Dreiviertelstunde über die gegenwärtigen Entwicklungen im öffentlichen Raum. Auch Sabau gegenüber können wir mit großer Offenheit alle relevanten Themen ansprechen, er antwortet gerne schonungslos. Er schenkt uns insgesamt mehr als zwei Stunden Zeit. Er liefert uns Einblicke in die Wohnverhältnisse von Fabric sowie zur Rolle der Verwaltung. Darüber hinaus macht der auf die Prioritäten der Restaurierung und Denkmalpflege aufmerksam, welche in Fabric trotz ähnlicher Bausubstanz andere als in Cetate seien. Wir bitten ihn um soziodemographische Daten zur Stadt, er empfiehlt uns die Kontaktaufnahme mit einem Temeswarer Soziologen. Drei Gesprächspartner von heute bringen uns drei Kontakte für morgen. Kann denn das so weiter gehen? Obwohl sich seine Tour nicht bis nach Fabric erstreckt, wird überlegt, in Zukunft eine weitere für diesen Stadtteil anzubieten. Der Architekt kann sich vorstellen, dass sich Fabric in nächster Zeit verändern wird…z. B. aufgrund von Gentrification.

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Mathias interviewt voller Elan Sergiu Sabau.

Fabric – so nah und doch so fern

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Aus heiterem Himmel bekamen wir einen Stapel an Büchern über die Geschichte Temeswars, welche wir alsbald nach interessanten Informationen zu durchforsten begannen.

“Der Eindruck, den die Stadt Temesvár auf den Fremden zu machen pflegt, ist durchgehends ein günstiger. Er darf zwar keinen Pariser, Wiener oder überhaupt einen grossen Residenzmassstab mitbringen, er sähe sich natürlich getäuscht. Es ist aber die Stadt, besonders die innere und die Vorstadt Josephstadt, in geraden, rechtwinkeligen Gassen angelegt, die innere Stadt ganz, die Vorstädte zum grössten Theil gepflastert, erstere fast gänzlich mit vortrefflichem Trottoir versehen; mit Ausnahme weniger, in einigen Seitengassen gelegener ebenerdiger Häuser, ist sie mit ein, zwei und drei Stockwerken hohen Gebäuden ausgebaut, die sämmtlich mit Dachziegel gedeckt, im ebenerdigen Geschosse fast ausschließlich Gewölbe enthalten, deren elegante Auslagen mit jenen grosser Städte rivalisiren und der Stadt ein sehr freundliches Aussehen geben. Zwei Plätze von seltener Grösse und Regelmässigkeit, und mehrere kleinere bieten dem regen Getreibe der Bewohner Raum und Luft; die Reinlichkeit kontrastirt angenehm mit dem Zustande anderer Provinzstädte, und die vortreffliche Beleuchtung, die bald mit Gas bewerkstelligt werden wird, ist anerkanntermassen von keiner in ganz Ungarn übertroffen. Temesvár mag daher allen billigen Anforderungen, die an eine Stadt zweiten oder dritten Ranges gestellt werden können, genügen, selbst bis auf Fiaker.” (Preyer 1853, 155)

So liest sich ein Zitat des berühmten Temeswarer Historikers und Bürgermeisters Johann Nepomuk Preyer (1805 – 1888). Da die Stadt seit jeher gewachsen ist und viele Veränderungen durchlebt, lässt sich obiges Zitat heute wohl nicht mehr überprüfen. Wir wissen jedoch bereits, dass die Vielfalt dieser Stadt zu groß ist, als dass Verallgemeinerungen angebracht wären. Wir entdecken heute eine neue Facette dieser Vielfalt.

Den Stadtkern Cetate glauben wir mittlerweile schon gut zu kennen. Wir beginnen deshalb, die Verbindung von Cetate nach Fabric zu untersuchen, und sehen die heutige Herausforderung in der Entdeckung eines anderen Gesichtes der Stadt.

Es lässt sich feststellen, dass der von Cetate nach Fabric verlaufende “Boulevard der Revolution 1989”, welcher nach der Überbrückung des Flusses Bega seinen Name in “Der Dritte August 1919” ändert, in verschiedene Abschnitte aufgeteilt werden kann:

Abschnitt 1 (von Cetate bis zum Fluss): Hier finden sich unwahrscheinlich viele öffentliche Einrichtungen (u. a. die Temeswarer Post-Zentrale, ein Gebäude der Nationalbank, die Fakultäten für Medizin und Zahntechnik, ein Kinderpark, die Präfektur des Kreises Timis). Die Gehsteige sind relativ schmal gehalten. Selbst an einem “offiziellen Ort” wie diesem setzen die Menschen ihre eigenen Interventionen und drücke ihre Bedrüfnisse im Raum aus, z. B. in Form von Graffitinachrichten. Am Bega-Fluss trifft der Boulevard auf den beidseitig am Ufer verlaufenden Grüngürtel der Stadt.

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Die Fassade des Postamtes fungiert hier als Wunschzettel für einen Skatepark.
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Der Eingang in den Park lässt Kinderherzen höher schlagen!
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Der Grüngürtel entlang des Bega-Kanals

Abschnitt 2 (zwischen Bega und Trajansplatz):  Hier ist es deutlich ruhiger. Die Bausubstanz ist alt (größtenteils wohl aus dem frühen 20. Jahrhundert), prächtig, imposant, jedoch leer. Es kommt einem unweigerlich so vor, als ob die verlassen anmutende Synagoge des Stadtteils nichts Gutes verheiße. Gleich daneben finden sich Schornsteine eines Wärmeanbieters, aus denen Dampf austritt. Die Bebauungsstruktur wird hin zum Stadtrand hin zusehends kleinteiliger. Hier wird auch Leerstand allgegenwärtig.

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Die Synagoge in Fabric scheint verlassen.
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Die Warnung vor der bröckelnden Fassade läuft Gefahr, den Gewarnten zu spät zu erreichen.
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Trajansplatz in Sicht

Trajansplatz: Nachdem wir am Trajansplatz angekommen sind, verfallen wir unweigerlich ins Staunen. Das Zurücklegen des Weges vom alten Stadtkern hat kaum mehr als fünfzehn Minuten beansprucht, fünf Straßenbahnhaltestellen vom Freiheitsplatz, etwa 1,8 km Luftlinienentfernung. Die Bebauung erinnert noch an Teile des alten Stadtkernes, ihr Zustand ist jedoch sehr schlecht und die Stimmung eine ganz andere. Wir spazieren auf dem Platz herum und schauen uns im Detail alle Erdgeschoßnutzungen an. Es kommt uns so vor, als ob es in diesem Stadtteil eigentlich viel mehr Geschäfte als in manchen Teilen Cetates gäbe, jedoch handelt es sich fast ausschließlich um Billig-Kleidergeschäfte und Second-Hand-Läden. Ein paar Jugendliche scheinen zu den wenigen NutzerInnen des Platzes zu gehören, ihr “Quartier” haben sie am Fuße einer Statue aufgeschlagen. Ansonsten ist der Platz ziemlich leer, die wenige Aktivität scheint auf die Ränder begrenzt, sonst scheint sie der Straßenbahn-Linie zu folgen. Eigentlich ist der Platz gut an das ÖV-Netz angeknüpft. Hier befindet sich ein Knotenpunkt zweier Straßenbahnstrecken (sowohl in Nord-Süd-Richtung tangential zum Zentrum als auch in Ost-West-Richtung hin zum Zentrum).

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Das Skelett ist geblieben, das (soziale) Leben längst davongetrieben.
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An den Rändern des Trajansplatzes

 

Richtung Osten (also in Richtung Stadtrand) häufen sich die Anzeichen des Verfalls, immer mehr Häuser stehen zum Verkauf oder gleichen Ruinen. Die von Norden nach Süden verlaufende Straßenbahnstrecke führt durch den gesamten Stadtteil und von der lokalen Bierfabrik am südlichen Rand beim Trajansplatz vorbei über den Bega-Fluss, dann verläuft sie seitlich eines großen Marktes und endet schließlich am Ostbahnhof. Am Markt bleiben wir stehen und “saugen das dortige Leben auf”. Cristian kommt mit Markt-VerkäuferInnen ins Gespräch und erhält spannende Infos zu den MarktbesucherInnen, der Wechselwirkung zwischen Markt und Lebensmittelgeschäften der Umgebung sowie allgemein über die Bedeutung des Marktes für die Menschen des Stadtteils. Eine Verkäuferin, die vor einigen Jahren ihr Jus-Studium abgeschlossen hat, erzählt uns über den Zustand des öffentlichen Raumes um den Markt…dass dieser zusätzlich als Marktfläche genutzt werde…dass für ihren Verkaufsstand eine Nutzungsgebühr zu entrichten sei. Sie berichtet über die sozial schwierige Situation von Fabric und dass dort viele Investitionen dringend nötig seien. Trotzdem scheine der Markt ein gutes Gleichgewicht zu schaffen: Die Menschen des Stadtteils kämen eher zum Markt als im Supermarkt einzukaufen, weil hier die Qualität der Produkte höher sei und man außerdem den Preis noch verhandeln könne. Aus heiterem Himmel kommt ein Ratschlag von ihr: Studiert fertig und geht ins Ausland, bleibt nicht in Rumänien! Wir begeben uns zum Flussufer und sehen den harten Kontrast zwischen dem hochmodernen Stadtentwicklungsgebiet ISHO und dem verfallenden Stadttei Fabric – lediglich durch den Fluss getrennt. Wir debattieren über mögliche Lösungsansätze für diese komplizierte Lage.

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Fleischstand am Trajansplatz
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Die Natur holt sich Fabriken in Fabric zurück.
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Verkäuferin am Markt in Fabric

Am Abend hätten ein oder sogar zwei Interviews folgen sollen, die Personen hatten jedoch zuletzt aus unerfindlichen Gründen keine Zeit und die Termine wurde auf morgen verschoben. Morgen haben wir drei Interviews und 2 Events, heute Abend wird Pause gemacht…

Literatur:

Preyer, J. N. (1853). Monographie der königlichen Freistadt Temesvár. Rösch.
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Und jetzt alle gemeinsam, Kinder: “Zu Fuß ist die Stadt schöner.” Bis morgen!

Der Doyen der Temeswarer Stadtplanung

Der heutige Tag stellt für uns ein besonderes Highlight dar: Wir erhalten die Gelegenheit, Radu Radoslav, Baudirektor der Stadt in den Jahren 1997 bis 2006 sowie Universitätsprofessor für Stadtplanung am Polytechnikum in Temeswar, zu interviewen. Obwohl es wahrscheinlich übertrieben wäre, Radoslav als den “Robert Moses” Timisoaras zu bezeichnen, hat er dennoch viele Jahre die Geschicke der hiesigen Stadtplanung gelenkt und die Entwicklung des Raumes maßgeblich geprägt.

Radoslav schloss sein Architekturstudium an der Ion Mincu Universität in Bukarest im Jahr 1975 ab und erwarb ebenda 1998 seinen Doktor in Urbanismus. Schon seit vielen Jahren führt Radoslav einen Blog zu Stadtentwicklungsthemen, in erster Linie mit Fokus auf Temeswar. Seine Beiträge erschienen 2017 gesammelt als Buch.

Radoslav liefert interessante Einblicke, da er bis heute in der lokalen Stadtplanung involviert ist, z. B.:

Zunächst hat er etwa zwanzig Minuten die Geschichte der Stadt und wichtige Etappen in der Planung seit der Eroberung durch die Habsburger erklärt, z. B. dass sie nach der Eroberung durch die Habsburger völlig neu aufgebaut wurde – die einzige Stadt Europas, die komplett neugebaut wurde, die letzten Abtragungen der Stadtmauer erst sehr spät erfolgten, ambivalente Positionen zu Fußgängerbereichen, eine generell positive Einstellung der Iulius Mall gegenüber… darüber hinaus berichtet er von Initiativen zur Wiederaufwertung des Trajansplatzes, an den en er beteiligt war, die jedoch nicht umgesetzt wurden…

Zwei große Fehler habe es in Temeswar in den letzten Jahren gegeben: Einerseits sei die Umwandlung des Stadtkerns in eine FußgängerInnen-Zone viel zu schnell erfolgt. Das habe zu rasanter Gentrifizierung geführt. Darüber hinaus habe die Nominierung Temeswars als Kulturhauptstadt Europas 2021 der Stadt angesichts dieser problematischen Vorentwicklung den Todesstoß versetzt.

Er gibt uns außerdem für unseres weiteres Studium und Berufsleben einen Tipp: Stadtplanung sei eine hoch komplexe und schwierige Angelegenheit, man müsse verstehen, dass das Geld entscheide und der Planer / die Planerin auf die Situation so einwirken müsse, dass das Geld in die richtigen Maßnahmen fließe.

 

Am Abend…

…(ca. um 19.00 Uhr) beginnt es zu regnen. Es ist ein Platzregen. Nach ungefähr zwanzig Minuten ist das Gröbste überstanden. Wir folgen dem Regenbogen. Am Ende entdecken wir jedoch keinen Goldtopf, sondern befinden uns am Freiheitsplatz. Wir nützen die Chance, um die Auswirkungen dieses Naturereignisses auf den öffentlichen Raum im Stadtkern und das in ihm stattfindende Leben zu untersuchen. Wir stellen fest, dass die Straßen jetzt viel ruhiger sind, größtenteils spazieren nur noch vereinzelt Menschen durch den Stadtraum, die Schanigärten sind leer, die Sessel eng an die Tische gerückt. Wir steigen ins Auto und fahren Richtung Iulius Mall. Wir möchten überprüfen, ob sich das Leben ganz einfach in die geschützten Bereiche des Einkaufszentrums verlagert hat. Obwohl dort um halb neun am Abend die Geschäfte noch fast zur Gänze geöffnet sind und in einigen Bereichen des Gebäudekomplexes noch ein reges Leben beobachtet werden kann, ist es auch hier insgesamt viel ruhiger geworden.  Die meisten Geschäfte sind leer, obwohl die Mall noch bis 1 Uhr in der Früh geöffnet sein wird – wenn auch nicht alle Geschäfte.

 

 

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Der Freiheitsplatz ist nach dem Platzregen leer.
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Ähnlich verhält es sich mit den Schanigärten.
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In Teilen der Mall ist auch noch abends reges Leben.
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Dem Modell kann der Regen jedoch nichts anhaben.

Künstliche Idylle vs. urbane Atmosphäre

Am fünften Tag unserer Expedition begeben wir uns erneut zur Iulius Mall, um unsere bisherigen Analysen zu vertiefen. Die Geschäfte im Einkaufszentrum haben sieben Tage die Woche geöffnet. Wir möchten uns deshalb auf die öffentlichen Einrichtungen innerhalb der Mall konzentrieren und einen genaueren Blick auf deren Wechselwirkung mit den sonstigen (vorwiegend kommerziellen) Nutzungen, aber auch mit dem halböffentlichen Raum und seinen verschiedenen Elementen werfen. Die von uns dabei betrachteten öffentlichen Einrichtungen sind folgende: ein Passamt (zum Beantragen bzw. Abholen von Reisepässen), eine Stelle einer Steuerbehörde mit Schaltern, eine Führerschein-Ausstellungsstelle, -Zulassungsstelle und -Prüfstelle. In diesem Beitrag soll unser Vorgehen exemplarisch dargestellt werden.

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Preisgünstige Betten laden die von den Behördenwegen erschöpften Stadtmenschen zum Ausruhen und Krafttanken ein.
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Die kleine Tochter eines Besuchers plantscht im Brunnen.
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Wer glaubt, hier ein Auto gewinnen zu können, liegt leider falsch…es handelt sich lediglich um ein Ausstellungsstück.
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Ansicht der Platzsituation um die Pass-Ausstellungsstelle von oben

Testwalks

Zunächst führen wir Testwalks durch: Von jeweils einem Eingang des Einkaufszentrums geht es zu den öffentlichen Einrichtungen. Wir wollen uns in jene Personen hineinversetzen können, die gerade einen Behördenweg vor sich haben. Jan Gehl verwendete diese Methode in der Forschung, um die tatsächlich benötigte Zeit für die Durchquerung von öffentlichen Räumen zu untersuchen. Ampeln und sonstige Hindernisse im Raum können die Zeit erhöhen oder die Durchquerung selbst unangenehm werden lassen (vgl. Gehl & Svarre 2013, 34). Seine ursprüngliche Methode ändern wir insofern ab, als wir versuchen, mögliche Elemente im Raum ausfindig zu machen, welche eine(n) vom ursprünglichen Ziel ablenken, zum Verweilen einladen oder ganz einfach dafür sorgen, dass man sich wohl fühlt oder das Gegenteil bewirken.

 

Kartierungen

Im nächsten Schritt sollen die beobachteten Elemente rund um die öffentlichen Einrichtungen in einer Karte verortet und die vor Ort gewonnenen Eindrücke bezüglich des Verhaltens der Menschen geschildert werden. Für die anderen öffentlichen Räume (Freiheitsplatz und Trajansplatz) wurden die Kartierungen bereits im Vorfeld erstellt. Die Mall befindet sich jedoch gegenwärtig im Umbau, deswegen konnte eine erste Kartierung erst vor Ort erfolgen. Unsere bisher gewonnenen Impressionen lassen sich verkürzt folgendermaßen darstellen: Es finden sich um die öffentlichen Einrichtungen diverse Elemente, die man normalerweise mit städtischem Freiraum in Verbindung bringen könnt, z. B. zahlreiche Sitzmöglichkeiten und Brunnen. Einerseits wirkt die hier geschaffene Atmosphäre künstlich, andererseits fehlt irgendetwas. Zum einen denken wir da an die vielen StraßenkünstlerInnen, die wir im alten Stadtzentrum sehen konnten. Als wir dort in einem Schanigarten saßen, wurden wir von einem kleinen Jungen angebettelt…hier müssen wir selbst aufpassen, nicht mit unserer Kamera aufzufallen…das Filmen und Fotografieren ist verboten, alle paar Minuten kommt uns ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes entgegen. Es lässt sich schwer in Worte fassen, doch irgendeine “urbane” Qualität, die wir wohl bisher im Stadtzentrum als selbstverständlich erachtet haben, fehlt hier ganz einfach…und ehrlich gesagt ändern da auch nichts die Goldtöne und ästhetischen Gestaltungselemente, denn rein optisch gefällt uns das Einkaufszentrum durchaus.

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Zu Mittag findet sich im Food-Court eine junge Frau, welche in einem Bürogebäude der Mall für einen internationalen Konzern arbeitet und gerne für ein spontanes Interview zur Verfügung steht. Die Frau ist der Ansicht, dass es unter anderem die Kombination aus Konsummöglichkeiten und “zu erledigenden” Behördenwegen ist, die den großen Erfolg des Einkaufszentrums ausmacht. Menschen können hier wichtige Erledigungen machen, z. B. einen neuen Pass beantragen, und die Wartezeiten sinnvoll anderweitig nutzen…es handelt sich hierbei wohl um eine Synergie, die das historische Stadtzentrum mit seiner jetzigen Gestaltung in dieser Form nicht bieten kann.

 

 

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Auch wir sind dem Mall-Zauber verfallen und können diesem raffinierten, Geschenke in Aussicht stellenden Spielautomaten nicht widerstehen.

 

Verwendete Literatur:

Gehl, J., & Svarre, B. (2013). How to study public life. Island press.

Von vibrierenden Fensterscheiben und leeren Ämtern.

Beschreibung des gestrigen Abends:

Am Abend begeben wir uns zurück zum Freiheitsplatz, wo die Feierlichkeiten der vergangenen Tage immer noch weitergehen. Heute finden hier Konzerte der rumänischen Bands Byron und Phoenix (die identitätsstiftende Temeswarer Rockband schlichthin, deren Ursprünge bis in den Kommunismus zurückreichen). Es befinden sich derartig viele Menschen auf dem Platz, dass eine Überquerung fast unmöglich scheint. Wir schaffen es jedoch, uns durchzukämpfen und in eine der Seitengassen einzubiegen.

Hinter dem Gerichtsgebäude findet eine Technoparty statt, die gesamte Straße wird dadurch blockiert. Hunderte von Menschen sind am Tanzen, Essen und Trinken – und das, obwohl der Konsum von alkoholischen Getränken im öffentlichen Raum strengstens verboten ist – natürlich mit Ausnahme von Schanigärten von gastronomischen Betrieben.

Erneut kommt es uns so vor, als würde der gesamte Stadtkern vibrieren – als wären wir in eine große Open-Air-Disco geraten. Wir marschieren Richtung Vereinigungsplatz und bemerken, zu unserer Überraschung, einen unwahrscheinlichen Kontrast. Es ist ruhig, von der Rockmusik ist kaum mehr etwas wahrzunehmen…auch hier befinden sich sehr viele Menschen, doch sie stehen gemütlich beisammen oder sitzen in Grüppchen auf dem Rasen. Doch plötzlich ist aus der Entfernung Getrommel zu vernehmen, es zieht eine Ehrenformation in habsburgischen Uniformen samt Kanone ein. Nach einem abrupten Halten und Ausrichten präsentieren die einzelnen “Soldaten” (es handelt sich um Darsteller) ihr Gewehr und schultern dieses. Die begeisterte Menge stürmt auf die Traditionsbewussten zu und es folgt ein Selfie-Session. Wenn das nicht ein Beispiel für gelebtes Geschichtsbewusstsein und Identität ist.

Durch Zufall treffen wir einen Freund Cristians, der einst die Nikolaus-Lenau-Schule besuchte und Deutsch spricht. Wir beschließen, essen zu gehen, und zwar Pleskawita, eigentlich aus dem südslawischen Raum stammende Spezialität, die es im rumänischen Banat jedoch ebenfalls gibt. An verschiedenen Stellen äußert der Freund seine Meinung zum (neu gestalteten) öffentlichen Raum in der Innenstadt. Da wir unser Aufnahmegerät natürlich immer dabei haben, nutzen wir die Gelegenheit für ein spontanes Interview.

Die Lange Nacht der Museen will ausgenutzt werden. Wir besuchen den Barocken Palast, das bedeutendste Kunstmuseum der Stadt. Die Menschen drängen sich um den Eingang, als gäbe es dort etwas gratis. Ach ja: Der Eintritt ist heut frei. Die hier ausgestellte Kunst ist ebenfalls Zeugnis der ethnisch wie kulturell vielfältigen Geschichte des Banats, neben modernen Skulpturen und religiöser Kunst gibt es zahlreiche Porträts von Adeligen, wie z. B. vom habsburgischen Kaiser Joseph II. Eine junge Frau sticht aus der Menge hervor…sie ist sich bezüglich des für ein Bild verwendeten Materials nicht sicher und fährt kurzerhand mit dem Finger drüber. Dann bemerkt sie lautstark, dass es sich wie Holz anfühle. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male.

 

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Eine Technoparty legt die Straße lahm
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Ehrenformation beim Exerzieren
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Die Band Phoenix lässt Temeswarer Herzen höher schlagen
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Am Eingangsbereich des Barocken Palastes tümmeln sich die Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag…

…sind wir mit zwei KünsterInnen verabredet, welche direkt am Freiheitsplatz ein Atelier haben und sich unter anderem mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigen. Sie haben deshalb ein besonderes Bewusstsein für die gegenwärtigen räumlichen Trends entwickelt und liefern uns interessante Informationen und Sichtweise zu den verschiedensten Themen, z. B. den Erlebnis-Bedürfnissen der Menschen, den langsamen Veränderungen der typischen Nutzungsstrukturen, der Dynamik zwischen Stadtkern und Mall, der Rolle der Politik usw. Diese Wahrnehmung sind umso greifbarer, als die Musik der Feierlichkeiten das gesamte Atelier vibrieren lässt und man – wenn auch nur für einen kurzen Moment – in Partystimmung geraten kann. Die KünstlerInnen leiden jedoch unter Verwendung des öffentlichen Raumes und sehen das Ganze weit weniger entspannt. Insgesamt sind wir begeistert von den gewonnen Einblicken. (Anmerkung: Den Freiheitsplatz werden wir uns wieder ansehen, wenn die Feierlichkeiten vorbei sind, um einen Vergleich anstellen zu können.)

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Künstleratelier am Freiheitsplatz

Im Anschluss an das Interview geht es erneut zur Iulius-Mall…

…die gestern gewonnenen Eindrücke wollen überprüft, die Informationen vertieft werden. Beim Betreten des Einkaufszentrum sehen wir, dass in einigen Gängen Verkaufsstände mit Schmuck und sonstigem Firlefanz stehen, wie man diese sonst vielleicht von Jahrmärkten kennt. Schon länger war uns bewusst, dass sich in der Mall einige öffentliche Einrichtungen befinden…wir beginnen, nach diesen zu suchen. Wir entdecken eine KFZ-Zulassungsstelle, eine Stelle der Steuerbehörde, eine Führerschein-Prüfstelle sowie -Ausstellungsstelle, ein Passamt, ein Postamt…Da heute Sonntag ist, haben diese Einrichtungen (anders als die Geschäfte, die haben alle offen) geschlossen. Wir werden an einem anderen Tag wiederkommen und uns die Dynamik öffentlicher Einrichtungen innerhalb eines halböffentlichen Raumes genauer ansehen.

Aufzug
Im Aufzug gibt es keine Entfaltung – wir wissen den öffentlichen Raum zunehmend zu schätzen

Vom Alten zum Neuen – eine Reise ohne Wiederkehr?

Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und gehen heute den gesamten Weg vom Quartier bis ins Stadtzentrum zu Fuß. Am Weg dorthin durchqueren wir leicht dörflich anmutende Wohnviertel, mehr oder weniger instandgehaltene öffentliche Parks, eine lebendige Promenade entlang des Flussufers und wir besuchen die orthodoxe Kathedrale am Rand des Stadtkerns. Mathias war bis heute nicht bewusst, dass hier mehrere Hochzeiten auf einmal gefeiert werden. Trotz der vielen Dinge, die wir uns für den heutigen Tag vorgenommen haben, wollen wir nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen: Wir beschließen, uns auf die Verbindung zwischen Freiheitsplatz und Iulius-Mall zu konzentrieren. Es ist ein Vormittag des “schamlosen” Entdeckens und des unaufhörlichen Staunens. Selbst für Cristian, der viele Jahre seines Lebens in dieser Stadt verbracht hat…den Zustand der Parks und Wohnviertel beschreibt er als “ziemlich gut”.

Impressionen der Verbindung Quartier – Cetate:

Ufer des Bega Flusses
Das urbane Leben fängt erst jenseits der Bega an.
Open-Air-Theater
Eine Open-Air-Arena, welche nicht mehr genutzt wird und schon lange auf Gäste wartet.
Kirche
Platzsituation vor der orthodoxen Kathedrale.

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute führen wir Testwalks am Freiheitsplatz selbst sowie in seiner Umgebung durch. Es findet hier noch bis Ende dieser Woche ein großes Fest (des Einzelhändlers Profi) statt. Ununterbrochen wird Musik gespielt. Der ganze Platz vibriert. Es fühlt sich an, als hätte man das Zentrum in einen großen Club umfunktioniert. Wir wissen also bereits, dass wir uns den öffentlichen Raum nochmal ansehen müssen, wenn die Stände wieder verschwunden sind, da es sich hier wohl um eine “Ausnahmesituation” handelt, oder vielleicht doch nicht?

Des Weiteren untersuchen wir jene Strecke, welche FußgängerInnen (mehr oder weniger) direkt vom Freiheitsplatz zur Iulius-Mall führt. Dies fällt uns umso leichter, da wir das Gefühl haben, den Freiheitsplatz und seine Nutzungen mittlerweile gut genug zu kennen, um unsere Untersuchungen auf einen zweiten Ort auszuweiten.

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Der Radfahrer ist vor kurzem aus England zurückgekehrt ;)
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Schichtwechsel auf der Iulius Mall-Open Ville Baustelle
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Zwei Helden auf ihrem Weg zur Entdeckung des Konsum-Hotspots Iiulius Mall – am Ende des Labyrinths befindet sich der Eingang. Viele Menschen sollen aus diesem Irrgarten ins Stadtzentrum nicht mehr zurückgekehrt sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es geht weiter mit unserem Abendprogramm.  Mehr dazu erfahrt ihr morgen. Hier ein kleiner Teaser:Phoenix – Timisoara

Am Freiheitsplatz – zwischen Profis und Politikern

Nach einer erholsamen Nacht begeben wir uns gleich in der Früh ins Zentrum der Stadt, um die bereits ausgearbeiteten Kartierungen des Freiheitsplatzes zu überprüfen und weitere wichtige Details zu ergänzen. Um möglichst mobil zu sein, entscheiden wir uns, mit dem Auto bis an den Rand des Stadtkerns zu fahren. Die Entscheidung erweist sich schnell als Fehler. Wir bleiben im morgendlichen Stau stecken und verlieren etwa eine halbe Stunde. Das soll uns eine Lehre sein! Nachdem wir endlich einen Parkplatz gefunden haben, geht’s zu Fuß weiter. Bereits gestern Abend hat man uns von einem Fest am Freiheitsplatz erzählt. Noch am Rand des Stadtkerns kommt uns eine Gruppe junger Frauen entgegen, die Blumen verteilen. Es handelt sich dabei um eine Einladung zu besagtem Fest. Einer der größten Einzelhändler Rumäniens feiert die Eröffnung seiner 1000. Filiale –  und zwar am gesamten Freiheitsplatz (also im öffentlichen Raum). Wir fühlen uns in unserer Annahme bestätigt, dass der öffentliche Raum zunehmend als Spielwiese privater Unternehmer fungiert.

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Einige gesammelte Impressionen:

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In einer der Seitengassen des Platzes entdecken wir ein Bauprojekt, dass eine detailgetreue Weiterführung eines bestehenden historischen Gebäudes zum Ziel hat.
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Eines der öffentlichen Gebäude des Freiheitsplatzes ist die Musikuniversität. Wir beschließen, einen genaueren Blick ins Innere zu werfen und sind erstaunt über den starken Kontrast zwischen der Platzsituation außen und dem Zustand des Gebäudes im Inneren.
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In einer der Seitengassen des Platzes befindet sich seit Jahren eine Baulücke. Eine Metallverkleidung wurde angebracht, um die innerstädtische Brache zu verbergen. Wir heben kurzerhand die Kamera über die obere Kante der Absperrung und können so doch noch einen genaueren Blick erhaschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Neben einem Gastgarten befinden sich Verweilflächen um einen Baum – das Einzige, was im Moment fehlt, sind die Menschen.

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Wir erfahren, dass der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis, ein Siebenbürger Sachse aus Hermannstadt, in der Stadt ist. Wie durch ein Wunder erblicken wir ihn gemeinsam mit dem Temeswarer Bürgermeisters Nicolae Robu. Sie befinden sich inmitten einer Menschenmenge, doch auch von ihnen können wir Fotos erhaschen. Obwohl dies wenig fachlichen Gehalt hat, ist es dennoch das Highlight dieses Tages…immerhin ist Mathias zum ersten Mal in Rumänien und trifft schon auf das Staatsoberhaupt.

 

 

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Wir betreten das Gebäude des deutschsprachigen Nikolaus-Lenau-Lyzeum und bitten um ein spontanes Interview mit Helene Wolf, der Direktorin. Sie berichtet über die Bedeutung der Umgestaltung des Freiheitsplatzes für ihre Schülerinnen und Schüler, das Zusammenwirken von EU-Fördermitteln und der Stadtpolitik sowie ihre Einschätzungen zur Bedeutung des öffentlichen Raumes für die Identität von Temeswar.

 

 

 

Grüße von Mathias und Cristian, bis morgen

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Vom “Großen Wien” ins “Kleine Wien”

Wir treten unsere Reise von Wien nach Temeswar (das „Kleine Wien“) voller Euphorie an. Um 13 Uhr fahren wir ab. Während der Fahrt empfangen wir wiederholt Geisterfahrerwarnungen und sind froh, dass diese nicht uns betreffen. Nach anderthalb Stunden erreichen wir die ungarische Grenze. Wir kaufen eine Vignette und halten Ausschau nach einem geeigneten Platz für eine Fahrpause. Wir halten an einer Raststation und begeben uns ins Restaurant. Obwohl am Buffet eine reiche Auswahl an Gulyas-Spezialitäten geboten wird, entscheiden wir uns für ein Wiener Schnitzel und Würstel, die Ähnlichkeiten mit der Wiener Käsekrainer aufweisen. Wir sehen darin eine letzte Erinnerung an das „Große Wien“, bevor es ins „Kleine Wien“ geht.

Bei Budapest geraten wir in einen Stau. Unverzüglich bilden (fast) alle Fahrzeuge die Rettungsgasse. Nachdem wir bemerkt haben, dass ein Fahrzeug vor uns Fahrräder auf dem Dach transportiert und wir die Qualität der Halterung infrage stellen, wechseln wir auf einen anderen Fahrstreifen.

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An der rumänischen Grenze kaufen wir erneut eine Vignette. Mathias ist ganz aufgeregt, weil er zum ersten Mal in seinem Leben rumänisches Hoheitsgebiet betritt. Uns fällt der alarmierende Stand der Tankanzeige auf und wir müssen von der Autobahn abfahren, um zur nächstgelegenen Tankstelle zu gelangen und erhalten erste Impressionen vom rumänischen Dorfleben. Nach der Überquerung des Flusses Mureş (deutsch Morasch) befinden wir uns endlich im sagenumwobenen Banat. In der Ferne erblicken wir Temeswar (das „Kleine Wien“), aufgrund des schlechten Wetters können wir die Umrisse der Gebäude jedoch nur schlecht erkennen. Nach insgesamt etwa sieben Stunden Autofahrt kommen wir gegen 21 Uhr in Temeswar an. Wir hören den Temeswarer Radiosender.

Beim Durchqueren eines Wohngebietes erkennen wir, dass in Sache KFZ-Dichte das „Kleine Temeswar“ seiner großen Schwester gehörig Konkurrenz macht.

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Wir werden von Cristians Eltern herzlich empfangen und verköstigt. Gleich danach beziehen wir Quartier und beginnen, die Pläne für unseren ersten Forschungstag zu finalisieren. Wir hoffen auf eine erholsame Nacht, um voll durchstarten zu können.

Räumliche Identitäten in Temeswar

Servus! Salut! Hallo allerseits!

Unser hoch motiviertes und schon leicht aufgeregtes Expeditionsteam setzt sich zusammen aus Cristian Andronic und Mathias Seelmann. Wir sind beide Masterstudenten der Richtung Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Field Trips in Public Space – Städte am Rand“ begeben wir uns im Mai 2019 für elf Tage nach Timisoara (Temeswar) in Westrumänien und erforschen den öffentlichen Raum der Stadt. Was empfinden die Menschen vor Ort als typisch im öffentlichen Raum der Stadt? Was soll der öffentliche Raum bieten, wie und von wem soll er gestaltet werden? Welche Rolle spiele dabei Geschichte und Pläne für die Zukunft? Was haben die Menschen im öffentlichen Raum erlebt? Wie identifizieren sie sich mit ihm und woher stammt diese Identifikation? Das sind alles Fragen, die uns in nächster Zeit beschäftigen werden. Wir untersuchen dazu drei öffentlichen Räume in drei verschiedenen Stadtgebieten (den Freiheitsplatz im historischen Stadtkern Cetate, den Trajansplatz im Stadtteil Fabric und das Einkaufszentrum und Stadtentwicklungsprojekt Iulius Mall in unmittelbarer Nähe des historischen Zentrums). Zum einen erstellen wir Kartierungen des öffentlichen Raumes nach verschiedenen Themen (u. a. Ursprung der Bausubstanz und historische Planungen, gegenwärtige Nutzung, Siedlungsstrukturen, Freiraumverbindungen im Stadtgefüge). Interviews mit diversen Personen aus der Stadt (z. B. StadtbewohnerInnen verschiedenen Alters, BesucherInnen, Wirtschaftstreibende, AktivistInnen, ArchitektInnen und PlanerInnen sowie sonstigen Personen mit einer Verbindung zu dem Raum) bilden das Herzstück unserer Forschung. Mithilfe der dabei gewonnenen Erkenntnisse wollen wir unsere Forschungsfragen beantworten. Die Ergebnisse werden dann für einen Beitrag für die Radiosendung A Palaver (Architektur im Radio) sowie für eine Ausstellung im Mobilen Stadtlabor aufbereitet.