(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT I: FISCHKONSERVENFABRIK

EIN STREIFZUG 

Schon aus der Ferne sehen wir die alte Fischkonservenfabrik. Wie ein Fels ragt sie zwischen den niedrigen Häusern hervor. Einst war das Areal von einem hohen Zaun umgeben, heute ist dieser löchrig und zum Teil schon ganz abgetragen. Obwohl, wir ohne jegliche Mühe das Areal betreten können, fühlt es sich an, als ob wir etwas Verbotenes tun. Heute sind wir die Einzigen am Gelände und verschaffen uns schleichend einen Überblick.

Das Areal ist verwildert, besonders die Rückseite zu Strada III ist von Müll übersät. Die Vorderseite, die sich zum Wasser orientiert, wirkt hingegen fast schon ordentlich. Der Platz ist ganz eben, frei von Müll und Schutt. Zwischen den Fugen der grauen Betonplatten wachsen hohe Gräser, die ein regelmäßiges, grünes Muster bilden.

Die Tore der Fischkonservenfabrik stehen offen und wir treten vorsichtig ein. Sowohl Innen als auch Außen zieht sich die Symmetrie der baulichen Überreste über das gesamte Areal. Wir streifen durch das Gebäude und entdecken riesige, leere Hallen mit hohen großen Fenstern. Die Sonne scheint durch die Blätter der Bäume und legt einen leichten grünen Schimmer über die helltürkisen Wände. Hier und da schauen Backsteine unter dem Putz hervor. In der Halle ist es still, so still, dass die eigenen Geräusche einem plötzlich viel lauter vorkommen. Außer dem Zwitschern der Vögeln dringt kein Geräusch von Außen in die große Halle. Wir sprechen nur wenig miteinander, zu beschäftig sind wir herauszufinden, wofür dieser Raum damals genutzt wurde. Man hört nur das Knirschen des Schutt unter den Sohlen und gelegentlich das Klappern leerer, verrosteter Konservendosen.

Neugierig schlüpfen wird durch eine unscheinbare Tür im Untergeschoss und gelangen in einen Raum, der nur ganz oben wenige, kleine Fenster besitzt und in einem satten Blau gestrichen ist. Mitten im Raum liegt ein blaues Floß aus Plastik. Hier ist es plötzlich viel kühler als in den Räumen zuvor und der Geruch verrät uns, dass das einmal das Fischbecken der Konservenfabrik war.

Wir entdecken weitere große Hallen und kleinere Räume. Alle sind in diesen zarten Grün-, Orange-, oder Rosatönen gestrichen. Die Überreste von Tapeten, Fliesen und gemusterten Glasfronten lassen erahnen, wie diese Räume einmal ausgesehen haben. Machmal versuchen sich Pflanzen von Außen einen Weg ins Gebäude zu verschaffen und ragen durch die glaslosen Fenster hinein. Hier und da wächst ein Strauch in der kleinen Ritze zwischen Boden und Wand. Die Fenster geben den Ausschnitt vor. Hin und wieder dringt ein Boot in das Bild und verändert das sonst so starre Motiv. 

Egal welchen Raum wir betreten, wir wissen, jemand war schon vor uns hier. Wir finden Feuerstellen, Zementmischer, Graffitis, leere Glasflaschen und angebrannte Bücher. Dieser Ort bietet jenen einen Unterschlupf, die nach Abgeschiedenheit und einem kleinen Abenteuer suchen. 

So klingt es in der Fischkonservenfabrik:

ERZÄHLUNGEN EINES BEWOHNERS

Im letzten Jahrhundert erfüllte die Fischkonservenfabrik vor allem wirtschaftlich eine zentrale Funktion für die Bevölkerung Sulinas. Unter Ceausescu und der damals vom Staat angeleiteten Planwirtschaft wurde jedem Industriezweig ein bestimmter Standort zugewiesen. So wurde Sulina zum Zentrum der Fischkonservenproduktion. 

Valentin, ein Lehrer der Schule von Sulina, erzählte uns während eines Stadtspaziergangs von den Hintergründen der Fischkonservenfabrik.

Zur Zeit des Kommunismus wurden hier jährlich bis zu 20.000 Tonnen Fisch konserviert und exportiert. Der Betrieb diente, trotz der harten Arbeitsbedingungen, einem großen Teil der Bevölkerung als Arbeitgeber. Der Wechsel zwischen warm und kalt strapazierte den Körper und erschwerte die Arbeit in der Fabrik enorm, so konnten die Schichten zum Entladen des Schiffes nur zwei Stunden dauern. Zur Stimulation des Körpers wurden kalte Räume in roter und heiße Räume mit blauer Farbe angestrichen. Auch heute sind die verblassten Farben noch an den bröckelnden Wänden der Fabrik erkennbar.

„In Rumänien gibt es einen Witz: Wer nicht in der Schule aufpasst, muss später einmal die Fische säubern. In Sulina würden wir das gerne wieder machen, aber es gibt keinen Fisch mehr.“

Die Fischkonservenfabrik diente ihren Angestellten in jeglicher Sicht als Lebensgrundlage. Zum Teil sollen sie sich heimlich Fisch, Salz, Öl und weitere Zutaten für den privaten Gebrauch mit nach Hause genommen haben. Trotz des gesicherten Arbeitsplatzes war der Job in der Fischkonservenfabrik kein angesehener. Es wurde gescherzt, dass, wenn man nicht lernt, man die Fische in der Konservenfabrik säubern muss.

Mit der Revolution im Jahr 1989 endete auch diese Ära und zwang die Fischkonservenfabrik in die Knie. Der technologische Fortschritt führte dazu, dass Fischkonservenfabriken nicht mehr benötigt wurden. Heutzutage wird der Fisch auf dem Schiff gesäubert und die Überreste direkt zurück ins Meer geworfen. Dadurch wird Platz, Zeit und Abfall eingespart.

FORM FOLLOWS DECAY

Wenn man die alte Fischkonservenfabrik betrachtet und dabei ihren Verfall ausblendet, dann erkennt man von Innen und Außen die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit der Architektur. Die Formen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Es sind eckige und kantige Formen, die sich lediglich in ihren Proportionen unterscheiden. Der Verfall durchbricht diese Ordnung. Die Oberflächen haben Flecken, klare Kanten bröckeln ab, Pflanzen wachsen willkürlich. Form follows Decay.

Die großen Fenster durchfluten die Hallen mit Licht, in dunklen Fluren sind die Löcher in der Decke und den Wänden die einzigen Lichtquellen. Zugänge und Verbindungen der Gebäudeteile sind nicht absehbar, was zu einer aufregenden Orientierungslosigkeit führt. Besonders in den oberen Etagen wird man daher mit unerwarteten Perspektiven überrascht: auf Prospect, dem Sulina-Kanal und auf die Gärten, die die Fabrik umgeben. Von unten aus betrachtet wirkt die alte Fabrik neben den benachbarten Gebäuden gigantisch. Als Landmark sticht sie mit ihren rohen und markanten Formen hervor und ihre verblassten, rostigen und gefleckten Muster verschmelzen mit den Farben der Landschaft.

Die Ästhetik der alten Fischkonservenfabrik setzt sich in unseren Augen aus dem Charakter der Architektur und dessen natürlichem Verfall zusammen.

Neben dem ästhetischen Wert ist diese (Nicht)Sehenswürdigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Identität Sulinas. Ein Ort der Nostalgie, der an wirtschaftlich-prosperierendere Zeiten und an viele gemeinsam verbrachte Stunden erinnert.

Was heute mit der Fischkonservenfabrik passiert, weiß niemand so wirklich. Manche munkeln ein Investor habe das Gelände aufgekauft, um darin ein Textilunternehmen zu betreiben. Andere behaupten es gehöre dem Besitzer des benachbarten Hotels „Delta Palace“, der eigene Pläne mit dem Gelände verfolgt.

weitere Bilder sind im Blogpost: Tour de Sulina I zu finden

ES IST, WIE ES IST

In Rumänien gibt es die Redewendung „Asta e“ – „Es ist, wie es ist“. Uns scheint, dass das dein Lebensmotto ist. Oft erscheinst du uns zu träge, um selbst Etwas aufzubauen und im selben Moment bist du zu stolz, um helfende Hände anzunehmen. Du bist eingefahren, hältst an Altem fest, ohne Neuem eine Chance zu geben. Bei dir fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt, weil du nicht mit der Zeit mitgehst. 

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Ausschnitt aus dem Film “Asta e” (Minute 17:48) von Thomas Ciulei, 2001 
GESELLSCHAFT 

Während der Gespräche, die wir hier mit den Bewohner*innen führten, wurde es uns ermöglicht einen Einblick in das Zusammenleben zu erhalten. Die Gemeinschaft ist in sich gekehrt, doch untereinander gut vernetzt. Man grüßt sich auf der Straße, plaudert und hilft einander. Dennoch bleibt man gerne unter sich, für Neuankömmlinge ist es eine Herausforderung Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. Anonym zu bleiben, ist aber auch unmöglich.

Die ältere Dame, die sich um das Museum kümmert, lebt schon ihr ganzes Leben in Sulina und kennt das Innenleben der Gemeinschaft. Ihrer Meinung nach erfolgt die soziale Abgrenzung nicht nur gegenüber Tourist*innen, sondern auch unter den Bewohner*innen. So gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebte oder deren Eltern diese Zeit miterlebt haben. Sie sind gegenüber Zugezogenen offen, kennen und schätzen dabei die Multiethnizität. Die zweite Gruppe setzt sich aus den Personen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sulina gezogenen sind. Unter Ceausescu wurden hier Arbeitsplätze geschaffen die vor allem von Rumän*innen besetzt werden sollten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase festigten sie ihre Stellung in der Gemeinschaft und treten seitdem Neuankömmlingen gegenüber skeptisch auf. Vor allem die in den letzten 10-20 Jahren Zugezogenen bekamen ihre Skepsis zu spüren und fühlen sich noch heute nicht ganz in die Gemeinschaft integriert.

Die Kirche spielt im gesellschaftlichen Leben Sulinas eine zentrale Rolle. Religion und Tradition sind eng miteinander verbunden. Jung und Alt fühlt sich den Traditionen verpflichtet und trägt sie weiter. Die traditionelle Rolle der Frau entspricht hier nicht dem modernen Frauenbild. Wir beobachten, dass in Lokalen und im öffentlichen Raum zu einem großen Teil die Männer beisammensitzen. Währenddessen tragen ihre Frauen die Einkäufe nach Hause, kümmern sich um Haushalt, Garten und Kinder.

POLITIK 

In Sulina lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit erkennen. Der Verdacht, dass Politiker*innen in korrupte Machenschaften verwickelt sind, besteht auch heute noch. Dieses Misstrauen zieht sich von der lokalen bis zur nationalen Ebene durch. Auf der regionalen Ebene macht sich das in einer von Bewohner*innen empfundenen Rivalität zwischen Sulina und der Kreishauptstadt Tulcea bemerkbar. Sie beschrieben uns die Einflussnahme Tulceas in das lokale Geschehen als bewusste Störung der Entwicklung. Oft hieß es, dass Tulcea sich mal wieder querstelle.

Nur auf europäischer Ebene zeigt man sich enthusiastischer. Seit dem Beitritt im Jahr 2007 ist die EU in den Köpfen der Rumän*innen sehr präsent. In Sulina ist die EU-Flagge überall zu sehen. Über den Eingängen öffentlicher Gebäude oder auf Schildern, die auf vergangene bzw. kommende Projekte hinweisen. Unser Eindruck ist, dass die EU den hier lebenden Menschen Hoffnung auf eine schönere Zukunft ihrer Stadt verleiht. Andererseits greift sie mit ihren Richtlinien regulierend in unterschiedliche Lebensbereiche ein. Egal ob man der EU gegenüber positiv oder negativ eingestimmt ist: es ist nicht gleichgültig, man hat eine Meinung. Vielleicht können Ausgang und Wahlbeteiligung der heutigen EU-Wahl diesen Eindruck bestärken. 

Es scheint uns als sei die Umsetzung von Projekten hier kompliziert. Unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind der Beweis. Bei vielen von ihnen traten private Unternehmer*innen von Außen mit ihren Plänen an die Gemeinde heran um die Gebäude zu sanieren und die verlassenen Orte wieder aufleben zu lassen. Die Verwaltung und Politik unterstützte in vielen Fällen die Projekte weder mit finanziellen Mitteln noch in der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen. Anstatt neue Projekte zu initiieren, nimmt die Gemeinde eine passive Stellung ein. Wenn etwas dann doch in die Wege geleitet wird, dann stellt wieder einmal die isolierte Lage der Kleinstadt und der damit einhergehende Mangel an Arbeitskräften eine Hürde dar.

Wir fragten uns woher diese Passivität kommt. In den letzten Tagen haben wir die Mentalität der Menschen dieser Stadt miterlebt, ihren Stolz, der es ihnen manchmal verwehrt fremde Hilfe anzunehmen. Sulina pocht auf ihre Autonomie, will die gute, alte Zeit wieder aufleben lassen und zwar aus eigener Kraft heraus. Vielleicht ist das die Erklärung.

ARMUT 

Ein Teil der Bevölkerung lebt in armutsgefährdeten Verhältnissen und vor allem von der finanziellen Unterstützung von Verwandten und all dem was Garten und Vieh hergibt. Besonders an den Rändern Sulinas sind diese Zustände zu erkennen. Die Siedlungen am Rand wirken informell, weil vieles willkürlich platziert und Materialien einfach zweckentfremdet als Baustoff verwendet werden. Wir haben Schiffsteile gesehen, die zu Gartentoren umfunktioniert wurden, alte Textilien dienen heute als Sichtschutz und der Abfall, der gar keine Verwendung findet, landet in der Natur.

Viele der Menschen wollen und können trotz ihrer Situation ihre Heimat nicht aufgeben und hoffen auf bessere Aussichten für ihre Kinder. Die jungen Menschen zieht es nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung in die größeren Städte der Region, um weitere Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Der rumänische Regisseur Thomas Ciulei thematisiert in seinem Film „Asta e“ (2001) die Armut der im Donaudelta lebenden Bevölkerung. Die Familien, deren Leben der Film porträtiert, stehen dabei sinnbildlich für die Krisen des postkommunistischen Rumäniens.

VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

TOUR DE SULINA II

An unserem zweiten Tag lernten wir dein anderes Gesicht kennen. Wir überquerten den Fluss, um das zu erforschen, was eigentlich direkt vor unserer Nase war. Erneut wurden wir von deiner Vielschichtigkeit überrascht. Wir haben verwilderte, private, idyllische und zerstörte Orte entdeckt. Diese Orte in der Peripherie der Peripherie sind ein wichtiger Teil deiner Geschichte und lassen uns in deine Vergangenheiten eintauchen. Für uns sind deine geschichtsträchtigen Orte, die sich nach und nach die Natur zurückerobert, jene (Nicht)Sehenswürdigkeiten, welchen wir auf die Spur gehen.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina II verfolgen

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An das linke Ufer des Sulina-Kanals gelangen wir mit einem kleinen, blauen Boot. Zwei ältere Personen steigen mit uns ein, um das südliche Ufer zu verlassen. Angekommen in Prospect weisen sie freundlich unsere helfenden Hände ab, steigen schwerfällig aus dem Boot und unsere Wege trennen sich.

Wir folgen einem schmalen Weg zwischen den Häusern und haben schon wenige Augenblicke später das Ende der Siedlung erreicht. An einem kleinen Kanal wandern wir einen leicht erhöhten Feldweg entlang in Richtung Westen. Die Boote am Ufer verschmelzen nahezu mit der Landschaft. Das hohe Schilf weht im Wind, nur selten hört man Kröten oder Insekten im Gebüsch. Prospect wirkt noch ruhiger, privater und ländlicher als die hinteren Straßen der südlichen Seite Sulinas.

Die stillen Gewässer grenzen Landschaft und Siedlung klar ab. Am Ende des Weges führt eine von Rost überdeckte, wackelige Brücke über einen weiteren Kanal. Wir folgen den Trampelpfaden unserer Vorgänger und befinden uns inmitten einer prärieähnlichen Landschaft. Das Gras wächst nicht hoch und nur die scheinbar willkürlich platzierten Betonklötze stellen echte Erhebungen dar. Eine ideale Kulisse für einen Alien-Film. Das Grau der Mauern ist im Laufe der Jahrzehnte vergilbt und von Flecken bedeckt. Die Rinder, die die Überreste der Industrieanlage heute bewohnen, haben sich farblich an ihre Behausungen angepasst. Neben den Tieren haben sich auch Menschen diesen Ort zu Eigen gemacht. Graffitis und verbrannte Böden sind das, was sie zurückgelassen haben.

An einer Anlegestelle befindet sich ein altes Schiff im Sulina-Kanal, >Print Constantin< steht in blauer Farbe auf der Außenwand. Das Innere des Schiffs wurde schamlos ausgeräumt und alles Verwertbare herausgerissen. Nur noch wenige Überbleibsel bedecken den blau-lackierten Boden.

Der Trampelpfad führt weiter zu einer schmalen Siedlung. Die Fläche zwischen den Zäunen der Grundstücke und dem Sulina-Kanal ist verwildert, das Gras wird nur durch die Radspuren der Autos unterbrochen, die sich selten in die Siedlung verirren.

Der Weg wirkt mehr wie eine Verlängerung des Vorgartens, als wie ein öffentlicher Raum. Männer lackieren dort ihre Booten und flechten Fischernetze. Je weiter wir dem Weg flusseinwärts folgen, desto größer werden die Abstände zwischen den Häusern.

Wir kehren um. An dem Mini-Markt der Siedlung vorbei führt eine zweite Brücke in den östlichen Teil von Prospect. Ein paar Häuser grenzen an das abgesperrte Gelände der Schiffswerft. Hier und da sehen wir ein eingestürztes Schilfdach. Schilder deuten darauf hin, dass das Betreten des Areals verboten ist, doch ein Grenzpolizist öffnet uns achselzuckend die Tore und wir betreten die Industriebrache.

Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes liegt die gesamte Werftanlage still, heute sind wir die Einzigen, die durch das großflächige Areal streifen. Wir wandern von Gebäude zu Gebäude und spähen durch zerbrochene Fenster. Die Böden sind mit Überbleibseln früherer Zeiten, Müll und Schutt bedeckt.

Die Tür des alten Verwaltungsgebäudes steht offen. Dahinter liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden verteilt. In einem Zimmer verstecken sich sogar sechs kleine Welpen, die sich schnell in ihrer Höhle in der Wand verstecken, als sie uns entdecken.

Wir gehen weiter, schauen durch zerbrochene Fenster, klettern durch blockierte Türen, bis wir das Ende des Areals erreicht haben. Das letzte Gebäude war einmal eine große Werkhalle. Mächtige, rote Tore verleihen dem Betonbau einen modernen Touch. Durch die zerbrochenen Fenster sehen wir Überreste aus vergangen Zeiten. Kräne hängen von der Decke, Helme und Werkzeuge liegen am Boden verstreut. Die Hallen sind gekennzeichnet durch die regelmäßige Anordnung ihrer Bestandteile. Rohre, Pfeiler, Balken sind geordnet und bilden klaren Strukturen. Die Landschaft umgibt diese alten Hallen. Die verblassten Farben der Gemäuer harmonieren mit den gräulichen Gräsern und Sträuchern.

Neben der Halle mit den roten Toren befinden sich Schienen, die zum Sulina-Kanal führen und darin verschwinden. Vier Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Von oben kann man bis zum Schwarze Meer blicken. Gewaltige Schiffe kämpfen sich flussaufwärts.

Bei unserer Reise zurück in vergangene Zeiten verlieren wir jegliches Zeitgefühl. Am Weg zurück zu unserer Unterkunft werfen wir erneut einen Blick auf das besondere Gelände, dessen Schönheit versteckt ist. Doch wenn man sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, entdeckt man ständig Neues und verliert den Blick in Details.

Denis, Mari und Viki

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

SALUT ROMANIA, SALUT BUCURESTI!

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Lange hat es gedauert bis wir unsere Expedition endlich beginnen konnten, doch jetzt ist es so weit und wir können es kaum mehr erwarten dich persönlich kennenzulernen. Es fühlt sich an als würden wir uns schon lange kennen, beinahe so als wären wir alte Bekannte.

Sulina, wir wissen schon so viel über dich, doch alles was wir wissen, stammt aus Büchern und Karten die wir gelesen, Filmen die wir gesehen und Gesprächen die wir geführt haben. Jetzt ist der Zeitpunkt an dem all dies mit eigenen Eindrücken vervollständigt wird.

Zu dir zu kommen, ist gar nicht so einfach. Unsere Anreise dauerte zwei Tage und wir mussten vier verschiedene Verkehrsmittel nutzen – nur um bei dir sein zu können. Damit wir deine Heimat und dein Umfeld besser verstehen, stoppten wir in Bukarest um die Hauptstadt und drei ihrer Bewohnerinnen kennenzulernen.

– – –

Nach einem kurzen Flug betreten wir drei zum ersten Mal am Bukarester Flughafen rumänischen Boden. Am Weg ins Zentrum sammeln wir erste Eindrücke. Aus dem Fenster des Busses sehen wir überdimensionierte Werbetafeln, EU-Flaggen und vor allem eines: Autos.

Nach einem Spaziergang durch das Stadtzentrum fällt auf, dass die baulichen Typologien der Stadt sich nicht in Vierteln konzentrieren, sondern überall aufeinandertreffen.

Alte Stadtvillen, Prunkbauten, Fabriken, Plattenbauten und moderne Bürohochhäuser bilden ein Mosaik. Zwischen den Gebäuden wuseln die Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und Autos. So wirkt Bukarest auf uns viel großstädtischer als Wien.

Wir drängten uns zwischen die parkenden Autos hin zum Green Hours Jazz Café. Geschützt vom Lärm der pulsierenden Stadt trafen wir uns mit drei jungen Architektinnen, um mit ihnen über Rumänien, Bukarest und Sulina zu sprechen.

Sie erzählten uns, dass rumänische Gemeinden nicht sehr bemüht sind Ortsbilder und baukulturelles Erbe zu erhalten und verglichen mit Wien nur sehr wenig reguliert wird. Das Besondere steckt daher nicht in einzelnen Bauten und Plätzen, sondern in der Überlagerung der einzelnen Stadtschichten. Als außenstehende Person sei das nicht immer zu erkennen, umso glücklicher sind wir Sulina für zehn Tage zu erkunden und hinter die (bröckelnden) Fassaden zu blicken.

Morgen gibt’s den nächsten Blogbeitrag!
Bis dann,
Denis, Mari und Viki

Tag 9: Auf den Spuren der Identität

Meine Forschungsreise in Sulina neigt sich langsam dem Ende zu und ich möchte in den letzten zwei Blogeinträgen Resümee ziehen und meine Forschungsfragen beantworten. Der  öffentliche Raum soll anhand von personaler und kollektiver Identität aus Sicht der Lipowaner analysiert werden. In diesem Blogeintrag soll es um die personale Identität gehen.

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Heute besuchte ich einige Dörfer im Delta von Sulina. Anhand von Periprava sieht man, dass die fehlende Identifikation mit dem Raum die Abnahme der Bevölkerung zur Folge hat. In dem Dorf sind mehr als 90% der Bevölkerung lipowanisch. Der öffentlliche Raum in Periprava ist durch seine ungepflasterte Straßen, welche von Einfamilienhäusern gesäumt werden, den eher ländlich geprägten Teilen Sulinas ähnlich. (siehe Titelbild) Die Bevölkerung Peripravas ist überaltert, die jungen Leute sind nach Sulina oder Tulcea abgewandert. Ich befragte eine ältere Frau und auf die Frage ob sie gerne hier lebe, antwortet sie resigniert, dass man keine andere Wahl habe.

Personale Identität in Bezug auf den öffentlichen Raum in Sulina

Nach Gabriela Christmann ist die personale Identität mit dem Gefühl der persönlichen Zugehörigkeit verbunden. (vgl. Christmann 2008: 1) Bezogen auf den Raum zeichnet sich diese Ebene dadurch aus, dass Menschen an einem Ort verbleiben, der soziale Zusammenhalt gestärkt wird und ein verantwortungsbewusstes Handeln für den Raum mit sich bringt. Letzteres bezieht Christmann beispielsweise auf die Mitwirkung in Vereinen. (vgl. Christmann 2008: 3)

Eine Erkenntnis aus der Forschung ist, dass die Lipowaner den öffentlichen Raum nicht anders nutzen als die Mehrheitsgesellschaft. In der Identifikation mit dem Raum, also dem Kontext Stadt in Bezug auf deren Tradition und Kultur, können schon Unterschiede festgestellt werden.

Die Urbanisierung einer ruralen Gemeinschaft

In meiner Forschung habe ich Hinweise darauf gefunden, dass sich die Gemeinschaft von seiner ruralen Kultur löst und zu einer von Urbanisierung geprägten Gemeinschaft wird. Die Gemeinschaft der Lipowaner kann als Verein betrachtet werden, welcher laut Christmann  zu einem verantwortungsbewussteren Handeln für den Raum betragen kann. Die Lipowaner befinden sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und das Bild dieser ethnischen Gruppe hat sich verändert. Wie auch die Mehrheitsgesellschaft sind die Lipowaner auch durch die Schrumpfung der Stadt, Arbeitskosigkeit und zunehmende Abhängigkeit vom Tourismus betroffen.

Für eine Urbanisierung der Gemeinschaft kann erstens der Wandel der Erwerbstätigkeit und sogar das Verlassen der Dörfer bzw. die Zuwanderung in die Städte als Indikator dafür gesehen werden. Zweitens werden Kultur und Religion im alltäglichen Leben vieler junger Menschen immer unwichtiger. Drittens kann die generelle Öffnung der Gemeinschaft und die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls für diesen Wandel sprechen.

Quelle: Christmann, G, „Statement Identität und Raum“, 2008: 1, 3

día trece

Nach einer zwanzig minütigen Autofahrt erreichen wir eine Parallelwelt – zurück in Madrid en el Barrío nuevo, ein neues Wohngebiet am Rande der Stadt. Wenige Stunden zuvor zu Fuss in glühender Hitze über eine Hügellandschaft, Bahngleise und die Autobahn. Direkt dahinter liegt die Straße Cañada Real und mit ihr die größte informelle Siedlung Europas. Vom Hügel aus erstreckt sich die 15 Kilometer lange und nur knapp 75 Meter Tiefe Stadt, eine bunte Landschaft aus unterschiedlichsten Materialien. Im Hintergrund die in die Höhe wachsende Stadt Madrid, daneben die sich in die Länge streckende Autobahn M50.

Wir gehen den Hügel hinunter und hinein in die Siedlung, große Aufregung, ein Polizeieinsatz. Eine nette Begegnung führt uns zur Nächsten. Wir nehmen das Angebot an und fahren im verriegelten Auto zurück in eine vertraute Welt, die plötzlich so fremd wurde.

día doce

Ciudad Lineal. Madrid hat eine Bandstadt.
Fährt man mit der Metro Nummer 4 in den Osten der Stadt und hält bei Station Arturo Soria gelangt man auf die Calle de Arturo Soria und wenn man aufmerksam schaut, kann man auch noch eine Statue, zu Ehren von Arturo Soria, entdecken. Es handelt sich um den spanischen Stadtplaner Arturo Soria y Marta, Entwickler des Bandstadt-Konzepts. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts plante er eine Struktur für eine 48 Kilometer lange und 200 Meter Tiefe Stadt. Aufgrund Finanzierungsschwierigkeiten konnten allerdings nur fünf Kilometer realisiert werden.

Hinter alten Mauern entstehen neue Häuser. Abseits der Hauptstraße befinden sich die Wohnsiedlungen, teilweise reges Treiben auf der Straße, die Orientierung ist nicht leicht zu verlieren.

día once

In bestimmten Gebieten des madrider Stadtrands ist kaum öffentliches Leben sichtbar. Die teils sorgfältig angelegten Parks geben den Spaziergängern eine genaue Route vor, viele Grünflächen sind Golfern vorbehalten oder aus unersichtlichen Gründen nicht zugänglich. Straßen dominieren die Landschaft. Es ist nicht möglich zwischen Gebäuden durchzugehen – no empty space between the buildings. Stundenlang kein einziger Supermarkt.

In einer Urbanización Privada wachsen Bäume am Kunstrasen. Kameras rücken Eindringlinge von allen Seiten ins Rampenlicht. Ein Security-Auto dreht seine Runde. Kein Mensch auf der Straße. Ab und zu bellt ein Hund.

día diez

One day off. Hinter dem Hügel beginnt die Stadt.
Je tiefer hinein in die Landschaft Spaniens, desto tiefer hängen die Wolken. Die Stadt, mit der ältesten noch bestehenden Universität Spaniens, hat eine geheimnisvolle Ausstrahlung. In Salamanca, wo schon so viel gedacht und studiert wurde, herscht heute ein unbeschwerter Lebensgenuss.

día nueve

Madrid hat ein Netzt aus großen Straßen, das die Stadt radial und zentrisch durchschneidet. Zwischen diesen Achsen ist die Stadt in den letzten Jahrzehnten punktual gewachsen. Die entstandenen Barríos sind vom Rest der Stadt oft komplett abgeschnitten. Der Austausch zwischen Zentrum und Peripherie findet kaum statt.

día siete

Nach einer abendfüllenden Vortragsreihe im Rahmen von Funding the Cooperative City-Madrid, in der sich unterschiedliche Protagonisten über urbane Handlungsfelder basierend auf selbstorganisiertem Engagement ausgetauscht haben, ist es naheliegend das hier gezeigte Projekt zu erwähnen; Autobarrios wurde 2012 von dem spanischen Kollektiv basurama in der Madrider Vorstadt San Critóbal ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit Akteuren aus der Nachbarschaft wurde der verlassene Ort, unter einer Autobahnbrücke, wiederbelebt und seine Funktion neu definiert.

Im angrenzenden Park duftet das frisch abgemähte Gras. Ein kleiner Teich mit Springbrunnen ergänzt die Idylle. Zwei Pensionistinnen üben sich am Freiluft-Hometrainer, pausieren aber gelegentlich um sich weiter zu unterhalten. Ich erwecke das Interesse zweier Kinder, Linda (10) und Juliano (8). Das Mädchen spricht gebrochen Deutsch und mit dem Mix aus meinem gebrochenen Spanisch kommen wir ins Gespräch. Die Familie komme aus Serbien und die kurze Zeit, die sie in Deutschland verbracht haben, war nicht gut, erzählt sie mir. Hier in Madrid lebt sie mit ihren Eltern und den zehn Geschwistern in einer Wohnung. In die Schule geht sie nicht gerne, da gäbe es viele Konflikte. Dankbar lass ich mir den Weg zur nächsten Metro-Station zeigen, der mich entlang einer stark befahrenen Straße führt.

día cinco

Wer lange Wege zurücklegt darf auf ein gutes Schuhwerk nicht vergessen! In diesem Fall sei das Casa Hernanz sehr zu empfehlen. Bei der Wahl der gewünschten Farbe und Größe können die Spanischkenntnisse geprüft werden. Der Schuhmacher reagiert mürrisch, aber mit vollster Gelassenheit.

día cuatro

Sobald die erste offene Metro-Station erreicht wird und die U-Bahn nicht mehr unterirdisch, sondern zwischen Wiesen und Wäldern durch die Landschaft fährt, hat man Madrid Centro verlassen. Ein junger Mann mit wehendem schwarzen Haar spielt ABBA auf der Panflöte, ein Sudoku lösender alter Herr pfeift fröhlich mit.

Inmitten der Pinienwälder taucht plötzlich eine weiße Mauer mit einem aufgemalten Stier am Eingang auf – Venta del Batán. Hier wurden Stiere für den Wettkampf gezüchtet, die Gehege scheinen nicht mehr in Verwendung zu sein. Gelegentlich hält ein Taxi, sonst nichts.

Zwischen den großen Verkehrsachsen im Westen der Stadt liegen unterschiedliche Siedlungstypen urbanizaciónes in unmittelbarer Nähe zu den Hauptstraßen. So auch die weiße Schlafstadt mit den schwarzen Katzen. Neben komplettem Verfall wird neu gebaut, Palmen schmücken den Eingangsbereich der Häuser, in deren Inneres man nur Gelegentlich einen Blick über die Mauer erhaschen kann.

día tres

Über den Pinien schwebend eröffnet sich der Blick auf ein unerwartet weitläufiges Grün der Stadt. Die Wolken stehen am Himmel wie in einer surrealistischen Darstellung René Magrittes. Aus der Ferne sind die Schreie der Kinder wahrnehmbar, die sich auf der orangefarbenen Hochschaubahn in Kurven durch die Lüfte bewegen. Hinter dem Vergnügungspark zeichnen sich die Wohnhaussilhouetten der Peripherie ab und geben einen ersten Fernblick auf den Randblick.

día dos

An madrider Regentagen erfreut man sich besonders der konstanten 24° inklusive Tropenfeeling in der alten Bahnhofshalle der Estación de Atocha. Wie es scheint, findet hier jede und jeder seinen Platz; Restaurants mit Palmenblick, nächstes Gleis, chinesische Schmuckwaren neben gebrannten Mandeln. Nächste Palme, vielleicht ehemals Gleis vier, ist zu einem temporär permanenten Schlafplatz geworden. Großer Fotoandrang bei den Schildkröten auf Gleis sechs.

Das alte Bahnhofsgebäude aus dem späten 19. Jahrhundert wurde zu Beginn der 1980er Jahre einer Modernisierung unterzogen. Die Anbindung zur Stadt konnte jedoch nicht erstellt werden, eine sechsspurige Fahrbahn erschwert den Zugang. Hat man es dennoch zum Eingang geschafft, führen einen Laufbänder und Treppen in das Innere der eleganten Jugendstilkonstruktion, in der Informations- und Fahrkartenschalter sowie Warteräume zwar noch an das Treiben der ehemaligen Ankunftshalle erinnern lassen, gegenwärtig aber nur noch die geschaffene Ruheoase flankieren.

día uno

Blaubeer-Muffin und fröhliche Musik zum Aufwachen auf über 10.000 Höhenmeter…Pasteles y café con leche, Welcome to Spain!

Nachdem sich die Expeditionsgruppe in ihrer durchaus gemütlichen und durch kreative Lösungen, trotz minimalem Fußabdruck, geräumigen Unterkunft eingefunden hatte, ging es auch schon los, mit der Ersterkundung von Madrid.

Es geht ein frischer angenehmer Wind, der möglicherweise auch mit der Höhenlage der Stadt einhergeht. Die Sonne scheint warm. Das Licht, das noch kein sommerliches ist, doch schon sehr gesättigt. Angeblich gibt es keinen Frühling in Madrid – die Bäume blühen rosa und weiß und der Geruch der Blüten löst sich in die verschiedenen Gerüche auf, aus denen die Stadt besteht. Lebhaftes Treiben auf der Straße und ein fröhliches Durcheinander der Fußgänger lädt zum Mitgehen ein.

Jamón, nein, doch das andere Brot, gibt es hier nur Haltbarmilch?, Erdbeeren (from Spain), Pimientos de Padrón…und der erste spanische Sommerregen.

Stadtrand und Peripherie

Der Stadtrand Wiens und seine Qualitäten für die Stadt werden im städtebaulichen Diskurs zunehmend abgebildet. Wie in vielen europäischen Hauptstädten verzeichnet auch Wien ein Großstadtwachstum seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch in den kommenden Jahren hat die Stadt mit einem Bevölkerungswachstum zu rechnen. Dadurch entsteht nicht nur ein baulicher Nutzungsdruck auf den Stadtrand Wiens, sondern auch auf den öffentlichen Raum. Der öffentliche Raum als Lebensraum dient als Raum des Austauschs, der Begegnung, aber auch des Konflikts. Manchmal müssen gewohnte Erwartungshaltungen an den öffentlichen Raum verändert werden um die Potentiale der Räume am Rande der Stadt zu erkennen.

Das Erkennen geschieht mittels Spaziergängen bzw. Streifzügen. Der Spaziergang, als Analysemethode, dient als Darstellungsform innerer und äußerer Welten und ist somit keine Darstellung ansich, sondern eine Wahrnehmung, die allerdings, geprägt durch Erfahrungen, frühere Darstellungen voraussetzt. Es geht darum eine Wahrnehmungsform zu finden, die es erlaubt eine bekannte Situation neu zu beurteilen.

Durch einen Vergleich mit einer anderen Stadt, die in ihrer Vergangenheit und auch Gegenwart ein starkes Stadt- und Bevölkerungswachstum erlebt hat, können Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie mit den öffentlichen Lebensräumen am Stadtrand umgegangen werden kann bzw. welche Prozesse sich aus den Bedürfnissen heraus entwickelt haben. Vielleicht bedarf es manchmal keiner Gestaltung im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine Neuinterpretation dieser bereits vorhandenen Räume.

„Die Stadt gedeiht an ihren Brüchen“Jörg Witte

Als zu untersuchender Raumtyp, beispielhaft hinsichtlich des Aspekts des sich verdichtenden Stadtraums, dienen die Transiträume in der Peripherie von Wien und Madrid. Entlang von Transiträumen treffen die unterschiedlichsten Nutzungen aufeinander. Es sind Orte wo Altes und Neues sich gegenüberstehen – aneinander gewachsen mit der Zeit. Mit Transiträumen sind hier nicht nur klassische Orte, wie Flughäfen oder Bahnhöfe gemeint, sondern Übergangsräume. Welche gesellschaftlichen Phänomene lassen sich dort ablesen und welche Relevanz spielt der öffentliche Raum, der in diesen Zonen oft eher als Bruch oder Restraum wahrgenommen wird?

„Die sich räumlich verändernden alten und neuen Peripherien erzählen uns von den Prozessen der Stadt.“ Thorsten Heitkamp

Madrid erlebte in den fünfziger bis siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen starken Bevölkerungszustrom. Ungefähr vierzig Prozent aller, in der autonomen Region ansässigen, Personen leben im Umland der Stadt Madrid. Die Stadt hatte in ihrer Vergangenheit keine hohe Regelungsdichte der Raumplanung zu verzeichnen, dadurch haben sich andere Suburbanisierungsprozesse abgezeichnet, als etwa in Wien. Trotzdem lassen sich ähnliche Entwicklungsstrukturen in beiden Städten ablesen.

Peripherie und öffentlicher Raum

von Klara Hrubicek

an den rand gehen, in die situation der peripherie. heterogenität, wandelbarkeit, widersprüchlichkeit. erwartungshaltung öffentlicher raum.

ein raumtyp als ausgangslage für erkundungen. bei beobachtenden streifzügen unvoreingenommen wahrnehmen.

phänomene aufspüren um unentdeckte oder diffuse räume zu erkennen und zu inszenieren. oder einfach auf das ganz normale stoßen. auf das, was es sonst nirgendwo gibt.

potentiale erkennen. abkehr von erwartungen. sichtweisen schärfen.

nach und nach…

Gebrauchsspuren. Periphere und Prekäre Stadträume

von Klara Hrubicek

Dieter Hoffmann-Axthelm bezeichnet die Peripherie als “eine Lage, keinen Ort”, die “… klar benennbare Vorteile, aber im Grunde keine Eigenschaften” hat. Falls diese Lage aber zu meinem persönlichen Handlungsfeld wird, kann sie neue Funktionen erhalten und zu einer gewissen Öffentlichkeit gelangen in der Spuren hinterlassen werden. Doch auch eine passive Haltung kann sich bemerkbar machen. Wenn ich den öffentlichen Raum “brauche”, nutze ich ihn. Dadurch bekommt er eine gewisse Abnutzung im Sinne einer Unschärfe. Diese Gebrauchsspuren, die aufgeriebenen Stellen in peripheren Stadträumen, erwecken mein Interesse für diese Arbeit.