Tag 8: Farewell, Sarajevo!

On our final day, before leaving the city, we visited two important museums. The first one, The Historical Museum, is located on the prominent axis of Sarajevo, Zmaja od Bosne. The building is a simple, floating volume covered with stone cladding. It’s architecture is strongly influenced by Mies van der Rohe. The exhibition focused on the Siege, showing all sorts of items used in daily life, hand-crafter weapons, international newspapers informing about the situation in the city and lot of photos.

The second one was right next to the airport and it’s called Tunnel of Life. It follows an exciting story of an 800m long tunnel, that was secretly built underneath the Sarajevo airport and helped to transfer food, medicine into the city or help refugees escape the siege. We all agreed that the quality of the exhibition was questionable – it consists of a 16 minute-long movie that was more of an action film than a documentary, very brief exhibition showing several items and uniforms and a 25 meters long part of the tunnel itself. For an element that prominent, since it vastly contributed to survival of the whole city, this tunnel would deserve a more dignifying museum. 

As our journey comes to an end, we can say that it was an intensive, stimulative trip which made us rethink many things about Sarajevo that we initially thought. During the semester we were focusing on the siege, war and violence, whereas what we realised already on the second day is that that’s exactly what people in Sarajevo can’t stand to listen anymore and want to focus on positive message. Some things just can’t be seen from afar and needed to be examined on site, as this trip clearly shows.

At the very end we want to sincerely thank all those people in Sarajevo that made us feel very welcome and helped us with our research trip. But our biggest thanks go to the whole future.lab team for making this awesome experience possible.

Tag 7: Escaping town, escaping history

An diesem Tag entschlossen wir uns, die Umgebung von Sarajevo zu erkunden, um den Geist und das Herz der Stadt besser zu verstehen.

Kozija Cuprija war der erste Ort, den wir über Güterwege und alte Straßen erreichten. Kozja Cuprija ist eine Steinbrücke über den Fluss Miljacka, ein paar Kilometer östlich des alten Zentrums von Sarajevo, erbaut im 16. Jahrhundert. Die Brücke ist Teil der Carigrader Straße, die während der osmanischen Herrschaft von Sarajevo in die östlichen Teile des Reiches bis nach Konstantinopel zog. Die Kozja Cuprija ist eine der vier alten osmanischen Brücken in der Stadt, die noch erhalten sind.

Mit der Seilbahn gelangten wir auf den Hausberg Sarajevos, den Trebević. So konnten wir uns einen Blick über die Topographie und Stadtstruktur des östlichen Teils der Stadt machen. Abgesehen von einem herausstechenden Wolkenkratzern, einer handvoll Hochhäusern und kleinen Siedlungen mit Mehrfamilienwohnhäusern, wird diese Stadt von Einfamilienhäusern dominiert, welche quer über die Hänge verstreut sind. Der avantgardistische österreichisch-ungarische Städtebau um 1900 wurde nicht bis ins 21. Jahrhundert weitergetragen. Heute investieren österreichische Firmen vielmehr in sehr dichte Wohnbauprojekte ohne soziale Infrastruktur, um jeden Quadratmeter finanziell auszuschlachten.

Nach der Ankunft bei der Bergstation des Trebevićs, erkundeten wir die 400m lange Bobbahn, die für die Olympischen Spiele 1984 errichtet wurde und während der Belagerung im Herrschaftsgebiet der serbischen Truppen lag. Jetzt ist die halbzerfallene Bobbahn mit Graffiti und wuchernder Vegetation überseht, eine Augenweide der Vergänglichkeit. Durch die seit April in Betrieb gegangen Seilbahn ist sie auch leicht erreichbar für Touristen und somit bereits vom Geheimtipp zum Bestandteil jeder herkömmlichen Sarajevoreise geworden.

Wir gingen weiter zum Hotel Pino Nature, das vom Architekten Sirkovec Amir Vuk-Zec entworfen wurde. Das Hotel soll dem Trebević den alten Glanz der Olympischen Winterspiele wieder zurückbringen, welches der Berg noch immer für die Sarajile hat. Das Hotel liegt in einem Pinienwald, in der Gegend des ehemaligen Lieblingsortes der Sarajlije, dem Hotel Prvi Šumar.

Die Rückkehr auf das Straßenniveau machte uns Unbehagen und so begaben wir uns in den etwas schwer zu findenden 10. Stock eines Hotels an der Maršala Tita Straße, dem höchsten Gebäude -so far- im Zentrum der Altstadt.

Danach besuchten wir das War Childhood Museum, dessen Ausstellungsstücke ausnahmslos gesammelte Erinnerungsstücke an den Krieg beinhaltet. Diese sind persönliche Erinnerungen von Personen, welche damals Kinder waren. Trotz der gelungenen Gestaltung machte und die Ausstellung hauptsächlich traurig. Anna empfand, dass man den Fokus auf die Kindheit noch weiterdenken könnte und z.B. den vor dem Museum spielenden Kindern einen Spielplatz zur Verfügung stellen könnte.

Die eigenen Kindheitserinnerungen während des Krieges kehrten zu Marijana zurück und sie erzählte uns, wie sie als Kind auf den Straßen und in den Kellern spielte. Anna kamen diese Erzählungen sehr bekannt vor. Ihre beiden Omas hatten im 2. Weltkrieg Ähnliches erlebt. Dies brachte uns zur Konklusion des Tages, dass sich die Geschichte im Kreis zu drehen scheint. Vielleicht können wir dem Loop eines Tages entkommen…

Tag 6: The search for beauty goes on

This day was one of the most productive ones during the whole research trip, as we managed to analyse up to three different areas. This time we didn’t choose any places that we’ve never been to, but rather areas that were already known to us.

The first one is located around Pijaca Markale,  an open air market, infamous for two mortar bombardments that took place in February 1994 and August 1995, killing 68 civilians and injuring many more. That is why the war remembrance has a strong presence here, especially in form of Sarajevo roses, memorial plaques or a genocide museum. The plaques often use a term ‘Serbian criminals’, which only demonstrates the fact, that the war never really ceased to exist and that only the weapons disappeared. There were a lot of people wandering through the promenade, since it was a very pleasant Saturday day.

The second one is situated around two important buildings – Marijin Dvor and Sarajevo City Center. The first one is important because of it’s history, as it’s the first closed block in Sarajevo, built by an Austrian entrepreneur August Braun. It has a very convenient inner courtyard with three large, old plane trees. Organisers of ‘Dani arhitekture’ festival focused on this space in 2014, when they rented an apartment in this block. That lead them to realise that the courtyard is actually a public space and they tried to network it’s inhabitants. As a result of this experiment, a nice bench shaped like the block was created and installed in the space. Who knows how many inner courtyards with such qualities are there in Sarajevo to discover. The other important place, Sarajevo City Centre, is actually a shopping centre. Possibly it is a very popular space, as it was quite crowded during the day and it possibly belongs to an muslim investor, as no alcohol was sold in the grocery shop in the basement level. The whole area behind the shopping mall looked very empty and untouched, possibly awaiting to be redeveloped in a similar, commercial fashion.

The final focus area was even further away from the centre, in the modernistic part of the city, next to the Holiday Inn Hotel. As a typical modernistic urban structure, the spaces between buildings are much broader, giving them sort of an iconic look. This corresponds with their functions, because apart from a hotel, there was also a school of philosophy, a technical school and the National Museum –  with a lot of parkings spaces in between.

Tag 5: Die Entdeckung der Schönheit Sarajevos

Wir haben es endlich geschafft und sind zum letzten unserer 6 ausgewählten Schauplätze gefahren: in das Viertel Grbavica. Die exakt gleiche Planung aus dem Jahre 1948 existiert auch im serbischen Novi Sad, ein weiteres Indiz eines modernistischen copy-paste Städtebaus. Bis 1992 galt Grbavica als modernes Nobelviertel, in welchem viele Offiziere wohnten. Während der Belagerung wurde es stark umkämpft und schliesslich von den serbischen Truppen eingenommen. Demnach erwarteten wir uns ein zerschossenes Ghetto…

Promenade am zerschossenen Gebäude

Wir verglichen unser Foto von der Belagerung mit der aktuellen Situation und mussten feststellen, dass vor allem das Stadion, wieder so rekonstruiert wurde, wie es vor dem Krieg war. Die Wohnblock wurden großteils renoviert, nur bei einigen wenigen sind die Einschüsse noch zu sehen. Geschockt waren wir, als wir im 10. Stock noch die schwarzen Plastikplanen erkannten, welche man während der Belagerung statt den Fensterscheiben anbrachte, damit in der Nacht nicht die Wohnraumbeleuchtung nach aussen drang. Ansonsten stellten wir fest, dass man die Belagerung an diesem Ort nicht mehr spürt. Das Viertel ist zwar definitiv arm, aber es wird gerade an einer neuen Strasse gebaut, die zum Teil auch schon fertig gestellt ist und zu unserer großen Überraschung eine Fahrradspur beinhaltet. (Anm.: Wir haben heute den 20. Fahrradfahrer in der Stadt gezählt.)

Obwohl das Viertel (und in einem kleineren Ausmass die gesamte Stadt) ein Parkplatzproblem hat, da das Stadtbild von PKWs dominiert wird, waren einige Innenhöfe zwischen den kreuz und quer gestellten Wohnblock sehr idyllisch. Von angepflanzten Blumenbeeten, über neu asphaltierte Wege bis zu überwucherten Gstetten haben wir alles gefunden.

grüner Innenhof die Überwucherung

Nachdem wir wieder eine Reise ins Ungewisse machten (an Bushaltestellen gibt es keine Informationen ob wann welcher Bus kommt) und uns so Richtung Zentrum begaben, fuhren wir dort angekommen mit dem Mapping fort. Während in der untersuchten Zone die Zmaja od Bosne durch den Autoverkehr beinahe zu einer unüberwindbare Barriere wird, kann man in den Parallelstrassen wunderschöne Ausblicke auf den von kleinen Häuschen gesäumten Gegenhang erhaschen oder im Park neben der Moschee dem Plätschern des Kanals, der beinahe den Autolärm übertönt lauschen.

beauty of Sarajevo

 

Zurück in Wien – unser Fazit

Heute morgen sind wir drei wieder nach Wien zurückgekehrt. Damit ist der erste Teil unseres Projektes, die Forschungsexpedition nach Belgrad, zur Erforschung des öffentlichen Raumes in Kaludjerica, beendet. Es wartet aber noch viel Arbeit auf uns, wie wir im gestrigen Blogeintrag anklingen ließen. Während der letzen sieben Tage haben wir versucht so viele Eindrücke und Meinungen wie möglich in Kaludjerica zu sammeln. Insgesamt blicken wir sehr positiv auf unsere Forschungsexpedition zurück. Obwohl wir etwas überfordert in Belgrad ankamen, fanden wir sehr schnell Zugang zur Siedlung und deren BewohnerInnen. Wir lernten sehr hilfsbereite und nette Leute kennen, die viel zu unserem Verständnis der Siedlung beitrugen. Mit so viel Offenheit und Interesse hätten wir nicht gerechnet. Überraschenderweise war es viel einfacher als erwartet, Anschluss zu finden, obwohl uns die BewohnerInnen von Kaludjerica anfangs eher skeptisch gegenüberstanden.

Insgesamt besuchten wir die Siedlung fünf mal, wir durchquerten sie mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Bus. Wir schossen zirka 900 Fotos, nahmen fast vier Stunden Audiomaterial bei Gesprächen und Interviews auf. Diese führten wir auf drei verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch und Serbisch. Wir führten Interviews mit den ExpertInnen Prof. Eva Vanista Lazarevic und Vladimir Parezanin, den BewohnerInnen Danijela, Mladen und Sladjana, sowie den Angehörigen der Kirchengemeinde Djordje und Jovan, die sich beide aufgrund ihrer Arbeit sehr gut mit der sozialen Struktur der Siedlung auskennen.

Wir haben nun nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl die Vorgänge und Strukturen in der Siedlung sehr gut zu verstehen. Den öffentlichen Raum in Kaludjerica kann man auf zwei Ebenen betrachten. Einerseits als den klassischen institutionellen öffentlichen Raum, also Plätze, Märkte, die Kirche, den Friedhof, Spielplätze, usw., der zum Großteil in den letzten Jahren geschaffen wurden um die Siedlung aufzuwerten. Andererseits als jenes nachbarschaftliches Zusammenleben, durch das die lange Nicht-Existenz der oben genannten Treffpunkte kompensiert wird. Das gesellschaftliche Leben und die Öffentlichkeit in dieser Siedlung funktioniert wohl noch immer sehr niederschwellig über Nachbarschaftstreffen in privaten Gärten, gemeinsames Essen und Trinken nach der Kirche, am Vorplatz des Supermarktes reden usw., also klassisches dörfliches Gemeinschaftsleben.

In den nächsten Wochen werden wir euch weiterhin über die Aufarbeitung unserer Forschungsergebnisse auf dem Laufenden halten und euch im Herbst unsere Ergebnisse präsentieren. Wir werden dazu einen kleinen Radiobeitrag in der Architektursendung A Palaver auf Radio Orange produzieren und gemeinsam mit den anderen Fieldtrips Teams die Publikation Fieldtrips 3 des Future Labs gestalten.

Also bleibt dran – es geht spannend weiter…

Vielen Dank für euer Interesse und bis bald!!

Hannes, Danijel und Rafael

Der letzte Tag in Kaluđerica

Der letzte Tag unserer Forschungsreise nach Belgrad ist vergangen und verbrachten ihn natürlich wieder in Kaludjerica. Wir versuchten in Kontakt mit den BewohnerInnen der Siedlung zu kommen, um die Forschungsergebnisse, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben zu überprüfen und außerdem noch weitere Details herauszufinden. Wir sprachen deswegen mit Schülern in einer Bäckerei über ihre Treffpunkte und mit einer Kellnerin in einem Café über die BewohnerInnen der Siedlung. Die Schüler erzählten uns, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem vor den beiden größeren Grundschulen in Kaludjerica treffen oder in den Gärten ihrer Eltern. Die Kellnerin empfahl uns ein weiteres Mal in ihr Café zu kommen, und zwar früh am Morgen, um mit älteren BewohnerInnen zu reden. Diese Aufgabe müssen wir leider Danijel übertragen, der im Juli wieder nach Belgrad kommen wird. Wir hatten unmittelbar danach aber ohnehin ein Gespräch mit einem älteren Bewohner der Siedlung, nämlich mit Mladen, einem serbokroatischen Einwanderer, den wir am Samstag in der Kirche kennengelernt hatten. Er wohnt schon seit fast 40 Jahren in Kaludjerica und erzählte uns bereitwillig von der Geschichte der Siedlung und den früheren Treffpunkten, beispielsweise von der ehemaligen Kegelbahn am heutigen Schulgelände.

Danach dokumentierten wir eine der größten Bauruinen in der Siedlung, von der wir annehmen, dass sie von Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wird und außerdem die Busstationen der Linie 309, die die Verbindung nach Belgrad darstellen und um die sich deshalb auch kleinere Zentren mit Geschäften und Verkaufsständen entwickelt haben.

Obwohl wir heute den letzten Abend in Belgrad verbringen und wir eine intensive Forschungswoche hinter uns haben, ist die Arbeit damit natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Interviews die Danijel auf Serbisch geführt hat müssen übersetzt und unsere Forschungsergebnisse dokumentiert und verarbeitet werden. Außerdem werden wir weiter Informationen zusammentragen. Danijel wird im Juli ein weiteres Mal nach Kaludjerica kommen, um dem Tipp der Kellnerin, mit den älteren BewohnerInnen im Café zu sprechen, nachzukommen. Außerdem werden wir von Wien aus noch ein letztes Interview mit Tiana, einer Architekturstudentin, die in Kaludjerica aufgewachsen ist, führen. Sie hatte leider unser heutiges Interview kurzfristig absagen müssen.

Es ist ein komisches Gefühl morgen nach Wien zurückzukehren. Die Woche in Belgrad war echt spannend, vielfältig und es gab viele Gelegenheiten Rakia zu trinken (vor allem mit den Interviewpartnern…), wir haben viel erlebt und einige neue Erfahrungen gemacht. Während unseres Aufenthaltes gab es Ups and Downs, sowohl was unseren Anspruch an den Erwartungen der Reise, als auch die Dynamiken in der Gruppe betrifft, was aber bei so einer intensiven Reise normal ist.

Unser letzter Tipp ist keine Literatur, sondern die Empfehlung euch die Stadt Belgrad (und vielleicht auch die Siedlung Kaludjerica) selbst anzusehen. Die Stadt ist von Tourismus noch sehr unberührt, wirkt sehr lebendig und nicht angepasst. Wie ihr seht lohnt es sich ihr einen Besuch abzustatten…

Im Labyrinth von Kaluđerica

Auch der sechste Tag unserer Forschungsreise neigt sich dem Ende zu. Damit bleibt uns nur noch ein Tag in Belgrad – am Freitag früh machen wir uns auf den Rückweg nach Wien. In den letzten Tagen haben wir viel erlebt, erforscht und dokumentiert.

Heute stand nach einem kurzen Besuch in der Belgrader Innenstadt die nähere Erforschung Kaludjericas am Plan. Nachdem uns gestern Danijela und Sladjana im Gespräch erzählt haben, dass sie als Kinder oft in Ruinen spielten, und wir bei unserer ersten Ankunft in Kaludjerica ebenfalls Kinder in einer Häuserruine spielen sahen, fanden wir es wichtig diese informellen öffentlichen Freiräume, die sich Kinder aneignen, zu finden und zu kartografieren. Mit einer Karte ausgerüstet durchquerten wir die Siedlung auf der Suche nach diesen Plätzen und wurden fündig! Über die ganze Siedlung verteilt stehen unvollendete Häuser. Laut den Friseurinnen gibt es in Kaludjerica zu wenig Orte für Kinder und diese sind alle im Zentrum der Siedlung. Deswegen spielen die Kinder in den Bauruinen. Da die informelle Bautätigkeit von Seiten der Stadt Belgrad beendet wurde, gibt es heute aber nicht mehr so viele unvollendete Häuser wie früher.

Bei der Durchquerung der Siedlung, fanden wir außerdem ein verstecktes Freibad auf das uns die Friseurinnen hingewiesen haben, außerdem Bienenstöcke (urban beekeeping), einen landwirtschaftlichen Betrieb (urban farming) im Zentrum der Siedlung und die Kanalisation Kaludjericas, den Bach der die Siedlung durchkreuzt. Heute wurde uns die labyrinthische Wegstruktur der Siedlung mehrmals zum Verhängnis. Die zahlreichen Sackgassen und schlechte Kartierung wurden uns erst heute so richtig bewusst.

Der heutige Lesetipp “Informelles Wohnen als Routine? Multiple urbane Transformationen in der Agglomeration Belgrad: Das Beispiel Kaludjerica” von Daniel Göhler, Marija Bamberg, Ivan Ratkaj, und Danica Santic befasst sich mit der Entwicklung informeller Siedlungen im ehemaligen Jugoslawien und im speziellen mit der Entwicklung von Kaludjerica. Wenn euch das Thema Informalität im Bezug auf den Wohnraum interessiert seid ihr mit diesem Text gut aufgehoben.

Do skorog vidienja, s postovanjem / bis bald und liebe Grüße!

Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

Kaluđerica aus einem anderen Blickwinkel…

Wir haben heute versucht die vielen Eindrücke vom gestrigen Tag in Kaludjerica zu verarbeiten und zu besprechen und außerdem Material für die nächsten Tage vorbereitet. Genauer gesagt haben wir Interviewfragen vorbereitet und eine Karte erstellt, die wir gemeinsam mit den BewohnerInnen von Kaludjerica ausfüllen wollen um eine Verortung der öffentlichen Treffpunkte und Zentren in Kaludjerica zu ermöglichen. Genaueres dazu werdet ihr von uns in den nächsten Tagen erfahren.

Am Nachmittag haben wir uns erneut nach Kaludjerica begeben, allerdings diesmal mit dem Auto. So konnten wir einerseits die Siedlung großflächiger observieren und sie andererseits mit demselben Fortbewegungsmittel erreichen und durchfahren, mit dem die meisten BewohnerInnen das tagtäglich tun. Wir haben so das gesamte Ausmaß der Siedlung erlebt, vom Übergang Kaludjericas zu den angrenzenden Gemeinden bis zu den unzähligen Sackgassen, die uns diese „Stadtrundfahrt“ erschwert haben. Dabei konnten wir weitere Besonderheiten entdecken, wie zum Beispiel die Vielschichtigkeit der Siedlung. Es gibt klare Unterschiede zwischen dem Zentrum Kaludjericas, das wir gestern bereits intersiv erforscht haben, und der „Pheripherie“, wie beispielsweise die Größe und Gestaltung der Häuser, aber auch der Infrastruktur und der öffentlichen Räume, die am Rand der Siedlung kaum mehr zu finden sind, zumindest nicht in jener Qualität, die wir gestern rund um die Schulen und die Kirche ausgemacht haben.

Wir werden immer vertrauter mit der Siedlung und finden uns bereits gut zurecht. Überrascht sind wir immer noch, über die Ähnlichkeit zu typischen österreichischen Vorstadtsiedlungen und. Teilweise gibt es in Kaludjerica sehr charmante und qualitätsvolle Straßen, was wir im Zuge der Vorbereitung so nicht erwartet hätten. Allgemein stellt sich uns die Frage ob man Kaludjerica in seiner heutigen Form überhaupt noch als illegale beziehungsweise informelle Siedlung bezeichnen kann, es hat sich hier in den letzten Jahren offenbar sehr viel verändert.

Wir haben Kaludjerica gestern mit einem Stadtspaziergang intensiv erforscht und waren heute mit dem Auto in der Siedlung unterwegs. Die gegensätzlichen Wahrnehmungen die durch das unterschiedliche Fortbewegen in (öffentlichen) Räumen entstehen, werden im heutigen Literaturtipp, „Warum ist Landschaft schön? : Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, anhand von Beispielen beschrieben.

Ankommen in Belgrad

Nachdem wir dank Danijel gut in Belgrad angekommen sind hatten wir nach einer kurzen Nacht zu Mittag unser erstes Interview mit Professorin Eva Vanista Lazarevic – Leiterin des Städtebau Institutes an der Belgrader Fakultät für Architektur und Beirätin im serbischen Ministerium für Stadtentwicklung.

Ursprünglich war geplant das Interview in Englisch abzuhalten, jedoch nach kurzem Besprechen meinte sie es wäre für den Inhalt besser wenn wir es auf Serbisch führen würden, also sprang Danijel spontan ein und übernahm das Interview. Zu unserer Überraschung war Prof. Vanista Lazarevic informellen Siedlungen in Belgrad gegenüber eher negativ eingestellt. Sie sieht diese als Problem der Vergangenheit, das großes Chaos verursacht. Am Ende bekamen wir auch einen Literaturtipp von ihr über Kaludjerica, welche wir uns gleich an der Fakultätsbibliothek ausleihen konnten. Alles in allem verlief unser erstes Interview weniger holprig als befürchtet. Das Aufnahmegerät funktionierte bestens und Prof. Lazarevic war sehr bemüht uns weiterzuhelfen.

Der heutige Buchtipp ist Formal / Informal: A Research on Urban Transformation, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, genauer gesagt das Kapitel “Brick and Gold” verfasst von Milica Topalović. Passend zum heutigen Interview mit Prof. Vanista Lazarevic reflektiert der Beitrag den Umgang der legalen Bevölkerung und Leitenden Personen in der Stadtregierung mit (vermeintlich) dort illegal lebenden Personen. Ein interessanter Beitrag, der den Status dieser BewohnerInnen gut veranschaulicht.

Abseits des Interviews war unser heutiger Tag geprägt vom Ankommen in Belgrad. Wir investierten mehr Zeit in Vorbereitungs- und Organisationsarbeit. Die Stadt tickt anders als Wien – das betrifft das Organisieren von Bustickets, Ausdrucken von Forschungsmaterial und das Fortbewegen in der Stadt. Morgen werden wir am Morgen (ohne Danijel, weil er die Siedlung ja schon kennt) zum ersten Mal nach Kaludjerica fahren und die Siedlung mit einem Spaziergang zu entdecken um erste Eindrücke zu sammeln. Wir sind schon gespannt wie es dort werden wird!

Grüße aus Belgrad!

Die Reise ins Ungewisse

Jetzt ist es also soweit, unser Fieldtrip in die „Weiße Stadt“, wie Belgrad auf Serbisch heißt, hat begonnen. Dies ist der erste Versuch, euch an unseren Gedanken und Gefühlen, die wir über die Reise haben, teilhaben zu lassen. Wir werden euch über die nächsten acht Tage täglich mit „frischen“ Blogeinträgen über verschiedenste Erlebnisse, Eindrücke und natürlich unsere Forschung aus Belgrad versorgen, damit Ihr unsere Reise hautnah miterleben, aber vor allem auch nachvollziehen könnt was wir hier erleben.

Warum starten wir unsere Blogserie mit dem Titel „Eine Reise ins Ungewisse“?
Wir fühlen uns etwas wie die Vorhut der anderen Field Trip Teams, immerhin ist dies die erste Forschungsreise der diesjährigen Serie. Die letzten Wochen sind sehr schnell vergangen und wir sind uns nicht sicher was uns genau in Belgrad erwarten wird. Immerhin hat Danijel uns vor dem Abflug noch eine Aufgabe gegeben: „Nehmt drei Flaschen österreichischen Schnaps und zwei Mozartkugeln als Geschenke für die Interviewpartner mit“. Notfalls können wir sie wohl auch zur Bestechung serbischer BeamtInnen verwenden…
Als erste Forschungsgruppe können wir nicht auf die Erfahrungen der anderen Teams zurückgreifen, im Moment fühlt es sich eher so an, als ob wir ihnen umgekehrt zumindest übermitteln können, was man alles falsch machen kann.

Wir sind sehr gespannt was uns während der nächsten Tage erwartet und wie wir in der Siedlung Kaludjerica wahrgenommen und aufgenommen werden – wir sind gespannt ob uns die BewohnerInnen die erhofften Informationen zur Struktur und den öffentlichen Räumen in der Siedlung geben können? Wie werden wir die Siedlung wahrnehmen, die wir in den letzten Monaten intensiv von Wien aus erforscht haben?
Ihr seht – die Reise ins Ungewisse hat begonnen…

Eine kleine Besonderheit führen wir mit diesem Blogeintrag noch ein: Jeden Tag werden wir euch einen Buchtipp geben, über Lektüren, die uns bei der Vorbereitung auf den Field Trip sehr geholfen haben, und die unserer Meinung nach sehr informativ waren.
Der erste Tipp ist die Diplomarbeit von Laura A. Bürgermeister über „Informelle Siedlungen und Schwarzbauten in Belgrad“, erhältlich an der TU Wien Bibliothek. Sie liefert in ihrer Arbeit fundiertes Backgroundwissen über informelle Bauten in Belgrad, besonders die in Kaludjerica, für all diejenigen die sich dafür interessieren.

We will keep you updated!

Bucharest: Public life in protest

We are Anna and Sarah, urban planning and architecture students, looking forward to our journey to Bucharest in September 2018. Our research focus is on the romanian capital, its public space and protest culture.

What we are interested in are the connections between public space and protests, demonstrations, marches etc. as one of the main uses of public space in Bucharest – if not the main, predominant one. We have already heard from Stefan Ghenciulescu that public life takes place mostly at home or in what we have started calling ‘privatised public spaces‘ like shopping malls. That was sort of the starting point for our research interest.

Our research pointed out that there are some spots in the city, where public space isn’t used on a daily basis. We think that these public spaces are often too big, monumental and politically charged to be adopted by individuals and small groups. We want to explore the meaning of those largely unused public spaces, focusing specifically on what we call spaces of power and propaganda. From what we‘ve read and again, from what Stefan has told us, we are wondering whether there‘s a continuity regarding those spaces: Once a space of power and propaganda, always a space of power and propaganda?

We know by now that many of those public spaces have been built in the Ceausescu era, with the very specific purpose to show the power of the party, but especially Ceausescu‘s power over the people and to have spaces to be able to address and control them. So this is why we have formulated the hypothesis/assumption that those spaces might not only be too big in their dimensions and too unflexible but also a reminder of the past and this is why people might be hesitant to use them. Protests, demonstrations and marches might be the only possible ways to use and (re-)appropriate those spaces due to the large number of people involved.

Another reason for the lack of use of these politically charged public spaces could also be that people have become used to living their public lives at home, at other people’s homes or in shopping malls, so that they don’t even consider using actual public spaces in the city. But why is there this vacuum of use of public space?

This is what we want to investigate – with a focus on the role and function of protests in public spaces.

Looking forward to seeing and reading you soon on our blog!

Anna & Sarah

image source: Vlad Petri – http://www.vladpetri.ro/portfolios/proteste/

Aktivismus und öffentlicher Raum

Die zweitgrößte Stadt Rumäniens und Hauptstadt der Region Siebenbürgen ist das Ziel unserer Forschungsreise. Cluj hat sich seit dem Ende des Ceaușescu-Regimes 1989 stark gewandelt und hat internationale Bekanntheit vor allem durch eine renommierte Kunstszene erlangt. Dabei geht die starke Kunstszene aus einer aktivistischen Szene hervor, die in den 1990er Jahren den damaligen nationalistischen Strömungen entgegentreten wollte. Gleichzeitig ist Cluj historisch bedingt stets von verschiedenen kulturellen Einflüssen geprägt worden. Die verschiedenen Epochen und politischen Phasen haben sich sowohl architektonisch manifestiert als auch deutliche Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen, die bis heute sichtbar sind. Bis heute ist der Aktivismus wesentlicher Bestandteil des Stadtgeschehens von dem angenommen wird, dass er ebenfalls den öffentlichen Raum stark geprägt hat.

Der Frage ob und in wie fern, der Aktivismus auch heute noch den Raum in Cluj prägt, werden wir, Kati (Architektur), Moni (Architektur) und Sophia (Raumplanung & Raumordnung) im Zuge unserer Forschungsreise nachgehen.

Schaut mal wieder vorbei.

Eure Kati, Moni und Sophia

Bildquelle

Kaluđerica – Öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität

Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Blogeintrag zum Thema Informelles Bauen in Belgrad!

Kurz zu unserer Gruppe: Wir sind drei Architekturstudenten – Rafael Essl (24), Danijel Obradovic (25) und Hannes Schachner (24). Da wir alle drei aus der Architektur kommen haben wir bisher noch nicht so viel Erfahrung mit der Untersuchung von öffentlichen Räumen gemacht, wir sind aber motiviert uns dem Thema zu stellen und Euch an unseren Fortschritten und Erkenntnissen teilhaben zu lassen!

Unser Thema: Nachdem wir uns länger mit Belgrad und dessen unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Raumes, welche für uns zu untersuchen wert schienen, beschäftigt haben (Welche es noch gab wird später in einem eigenen Blogeintrag beschrieben, da Belgrad da einiges zu bieten hat), haben wir uns schlussendlich auf das Thema des informellen Bauens am Stadtrand von Belgrad spezialisiert. Wir beschäftigen uns genauer gesagt mit der größten dieser Siedlungen – Kaludjerica im Südosten der Stadt und werden dort den öffentlichen Raum analysieren. Was uns ebenfalls sehr helfen wird ist, dass Danijel direkt aus Belgrad kommt und uns sehr mit seinem Vorwissen hilft und natürlich auch wenn es um das Ansprechen von Partnern vor Ort geht.

Anbei ist das Abstract unseres Forschungsantrages für die Stadt Wien, bei der wir Fördermittel für eine Forschungsreise beantragen werden. Das Abstract gibt einen guten Überblick über die Geschichte Belgrads, wie informelle Siedlungen am Stadtrand entstehen konnten und was unsere Motivation dahinter ist. Viel Spaß beim Lesen!

“Belgrad, zu Deutsch die “weiße Stadt” und heutige Hauptstadt Serbiens ist gezeichnet von einer über 2000 Jahre zurückreichenden Geschichte. Die Stadt, gelegen an der Mündung von Save und Donau liegt seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Besetzung der Osmanen und der Habsburger, sowie der Stellenwert den Belgrad als Hauptstadt des kommunistisch geführten Jugoslawiens einnahm, und zuletzt dessen Zerfall hinterließen tiefe Spuren in der Stadtmorphologie, welche noch heute sichtbar und im Stadtbild omnipräsent sind.

Ein Beispiel dieser prägenden Gebiete stellen informelle Siedlungen am Rande Belgrads dar, insbesondere die größte Siedlung dieser Art, Kaludjerica im Südosten der Stadt.

Entstanden durch die Parzellierung von Ackerland im Kommunismus entwickelte sich die Siedlung in den 1990er Jahren zur größten illegalen Siedlung am Balkan. Der Jugoslawienkrieg und dadurch ausgelöste Flüchtlingsströme gepaart mit einer überforderten Politik und fehlender stadtplanerischer Vorkehrungen führten zu einem rasanten Anstieg illegaler Bauten. Von der Politik weitestgehend ignoriert, konnte sich die serbische Mittelschicht Kaludjerica aneignen. Gerade deswegen ist diese Siedlung mit anderen informellen Siedlungen abseits von Europa nicht vergleichbar.

Der öffentliche Raum ist in Kaludjerica einer der brisantesten Aspekte den es zu erforschen gilt. Auf den ersten Blick ist dieser kaum fassbar, er existiert nur als Verbindung zwischen privaten Grundstücken, oder als Vorplatz vor wenigen öffentlichen Gebäuden. Diese Forschungsreise stellt den Anspruch zu untersuchen, wie sich öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität zeigt, in welcher Form sich dieser entwickelt hat, und wie dieser verwaltet wird.”

Wir hoffen Ihr konntet Euch einen ersten Überblick über unser Projekt machen – bis bald,

Team Informelles Bauen in Belgrad

Von einer Dusche im Bus zu einem Haus am Meer.

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Zwei

Den heutigen Expeditionstag beginnen wir mit einem Spaziergang in den Straßen und Plätzen des historischen Athens.

Die Formation der Plätze bilden in Beziehung zu den umliegenden Bauwerken wie z.B. dem Parthenon, ein Dreieck. Vom Syntagma Platz im Osten begeben wir uns über die Einkaufsstraße Ermou in Richtung der Metrostation Thissio. Der Spaziergang wird mit zwei Kameras und einem Tonaufnahmegerät dokumentiert.

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Drei Wochen vor unserer Ankunft war die Ermou Street Schauplatz einer Demonstration gegen die Festnahme einer Studentin, außerdem wurde gegen die Geschäftsöffnungszeiten an Sonntagen protestiert. Während der Demonstration wurden einige Schaufenster der Geschäfte zerstört. Davon ist heute nichts mehr viel zu sehen. Die Läden, die die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgetauscht haben, verstecken die gesprungenen Scheiben unter Aufklebern für aktuelle Rabattaktionen.

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In der Nähe der Metrostation Thissio verkaufen einige Menschen gebrauchte Gegenstände am Straßenrand. Die Waren sind auf einer Decke ausgelegt. Im selben Moment, in dem wir passieren kommen vier Polizei Motorräder mit Blaulicht auf sie zugefahren. Die Händler packen eilig ihre Sachen zusammen. An vielen Ecken in Athen werden Dinge angeboten – eine Genehmigung dafür gibt es vermutlich in den meisten Fällen nicht.

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Unser Spaziergang führt uns weiter: Nun von Thissio im Westen des Stadtgrundrissbestimmenden Dreiecks nach Omonia, der nördlichen Spitze. Dort sind wir um 14:00 Uhr mit der Architektin Nelly Sfakianaki verabredet. Auf halber Strecke liegt der Platz Koumoundourou – die Szenerie erweckt unserer Aufmerksamkeit. Vor der Parteizentrale der derzeitigen Regierungspartei Syriza stehen viele Polizisten und auf dem Platz steht ein Bus. Wir schauen ihn genauer an – die Aufschrift des Busses und die sich davor versammelnden Menschen lässt  seinen Zweck erahnen. Es ist ein mobiler Bus, der obdachlosen und Drogenabhängigen Menschen eine Möglichkeit bietet sich zu waschen und mit Medikamenten versorgt zu werden.

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Im Bus kommen wir ins Gespräch mit Simona. Sie ist Psychologin und die Ansprechpartnerin für die Nutzer und Nutzerinnen des Busses. Gerne würden wir sie interviewen und Photos machen. Dafür müssen wir uns aber erst die Erlaubnis der Dachorganisation Praksis einholen. Die Arbeit mit marginalisierrten Gruppen und mobilen Busen erinnert uns an Projekte in Wien. Wir werden wiederkommen und uns genauer mit dem Bus und dem Platz beschäftigen.

Für unsere nächste Verabredung mit Nelly sind wir auf Grund unserer spontanen Entdeckung spät dran. Wir begeben uns vor das Shopping-Center Hondras am Omonia Platz und warten auf sie. Nelly hat bei einem Projekt mitgewirkt von dem sie denkt es würde in unsere Forschungsarbeit passen. Wir wissen bislang nur, dass es ein Projekt im „Public Space“ ist. Alles andere sollen wir gleich erfahren.

Die Gegend um den Omonia Platz wirkt heruntergekommen. Sexarbeit und Drogenkonsum prägen das Bild des Viertels. Es ist dringend nötig, dass hier mehr gemacht wird, sagt die Architektin – doch dafür fehlt Geld oder Energie.

Wir laufen durch eine enge Straße, die auf den kleinen Park zuläuft den Nelly uns zeigen möchte – neben uns reinigt ein Mann in gekauerter Haltung eine Heroinspritze.

Nelly ist 37, selbständige Architektin, und wollte etwas verändern „einfach etwas machen, statt zusehen“– so hat sie sich mit anderen Menschen zusammengetan, um den Park in dem wir jetzt stehen auf einer Brache zu initiieren. Hätten sie es nicht getan, wäre womöglich an diesem Ort auch ein Parkplatz, wie üblicherweise auf den Brachen in Athen. Für Nelly ist es eine Premiere. Sie sieht den fertiggestellten Park auch zum ersten Mal. Aus persönlichen Gründen konnte die Architektin nicht bis zur Fertigstellung an dem Projekt teilnehmen – nun ist sie sehr glücklich den begrünten Park zu sehen.

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Entstanden ist ein offen zugänglicher Platz mit grünem Rasen und einigen Palmen und Blumenbeeten. Sitzbänke und Sträucher gibt es nicht. Eine bewusste Entscheidung. Junge Männer liegen auf dem Rasen, ein älterer Mann wäscht sich am Wasseranschluss der Rasenbewässerung. Die Verwaltung des Parks liegt nun in der Hand der Stadt.

Wir fragen uns: Was kann dieser Park in der Nachbarschaft ändern? Kann  er die Identifikation mit dem Ort positiv beeinflussen? Regt er zum Mitreden an? Erzeugt er Reibung oder löst er Konflikte? Wie nachhaltig funktioniert er?

Nelly berichtet, dass die Treffen für die Initiative des Parks beim Kiosk von Synathina abgehalten wurden. Auf Synathina sind wir schon in unserer vorherigen Recherche gestoßen. Die Fäden laufen langsam zusammen. Nelly gibt uns weitere Kontaktdaten von Menschen die uns bei der Forschung behilflich sein könnten. Zufälligerweise ist eine Person davon für morgen mit uns verabredet.

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Nach einem Bier und Pita Souvlaki am Nahe gelegenen Imbiss verabschieden wir uns von ihr – sie ist ab Montag in Frankreich, am Donnerstag kommt sie wieder – vielleicht sehen wir uns dann noch einmal.

Die zweite Hälfte des Tages beginnt: Wir laufen zum Syntagma Platz. Unser Ziel ist das „Stavros Niarchos Foundation Cultural Center“. Ein kostenlosen Shuttelbus der Stiftung soll uns hinbringen..

Bei unserer Ankunft am Syntagma Platz ist der sonst üblich starke Verkehr am Syntagma Platz sehr ruhig – er steht nahezu still. Die Traube aus sich versammelnden Paparazzi klärt uns auf Nachfrage hin auf: Emmanuel und Brigitte Macron spazieren ebenfalls auf der Ermou Straße. Bald werden sie eintreffen. Vorher hielt der französische Präsident eine Rede vor griechischen Wirtschaftsvertreter*innen in SNFCC. Der Syntagma Platz ist in heller Aufregung als das Präsindentenpaar umringt von Bodyguards über den Platz schreitet. Wir setzen uns an die Bushaltestelle und schauen dem Treiben zu. Die sie umringenden Griechen jubeln den Macrons zu.

Es dauert eine Weile bis der Verkehr zu dem gewohnten Chaos am Syntagma Platz wiedergefunden hat – der Shuttlebus kommt und nimmt uns mit an die (ehemalige?) Peripherie der Stadt ans Meer. Dort angekommen sind wir beeindruckt von dem imposanten Gebäude – mitsamt Park hat es rund 670 Millionen Euro gekostet.

In dem Gebäude befindet sich die neue Staatsoper und die Nationalbibliothek – wichtige öffentliche Einrichtungen. Geldgeber und Inititor war aber nicht etwa der Staat – sondern die Stiftung des Reederers Stavros Niarchos. Das “Stavros-Niarchos-Foundation-Cultural-Center” wurde Anfang des Jahres dem Staat übergeben – ein Geschenk mit Prämissen.

Wenn der Staat die Qualitätsansprüche der Stiftung nicht halten kann, muss er zahlen und sich rückwirkend an den exorbitanten Baukosten beteiligen. In vier Jahren soll das Cultural Center komplett vom Staat betrieben werden. Das Programm des Centers ist momentan umsonst. Es werden Pilates, Running und weitere Aktivitäten angeboten. Der Park verfügt über dutzenden Installationen, die den Park aktiv erlebbar machen.

Eigentlich gibt es heute keine Führung auf Englisch. Doch eine Mitarbeiterin des SNFCC erklärt sich freundlicherweise bereit unseine private Führung durch den Park bis auf das Dach des Geäudes zu geben.

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Ein Verbindung der Stadt zum Meer gab es früher nicht – der Park und das Gebäude des international renommierten Architekten Renzo Piano stellen diese nun her. Der Park ist von der nördlichen / nordöstlichen Seite erschlossen. Die Eingänge des Parks knüpfen an die Straßen an die in die Stadt führen – vom höher gelgenen Teil des Parks sieht man wie die Pfade in die Stadt übergehen – insgesamt hat der Park somit 9  Eingänge. Der etwa 500m lange Park steigt auf eine Höhe von 32m bis über die Dächer der beiden Kulturbauten an. Am höchsten Punkt des Parks angelangt eröffnet sich dem Besucher und der Besucherin eine herausragende Aussicht bis zum ehemaligen Hafen Phalerum.

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Vom SNFCC-Gelände gibt es eine Rad- und Fußgängerbrücke über die breite dichtbefahrene Straße zur Faliro-Hafenbucht. Eine Besonderheit in der weitestgehend autogerechten Stadt Athen. Der Park ist umzäunt und Securities bewachen die Pfade des Parks.

Wir genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf das Meer bei einem Bier auf dem Dach des Gebäudes und begeben uns zum Ausgang des Parks in dem sich gerade Menschen versammeln, um gemeinsam unter freien Himmel einen Film zusehen. Heute Abend wird “Jenseits von Afrika” gezeigt.

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Filmvorführung – Parko – A documentary about a selforganized park in Athens (2015)

Die Dokumentation “Parko” befasst sich mit einem besetzen Raum in Athen, der einst ein kommerzieller Parkplatz war und während der Proteste 2008 in einen lebendigen Park transfomiert wurde. Die Dokumentation vermittelt einen intensiven und atmosphärischen Einblick in das Leben während der Krise.

Ein Kollektiv aus AktivistInnen wird in der Dokumentation begleitet und der Dialog mit der Nachbarschaft über Selbstorganisation und “die Stadt von unten” skizziert. Die Dokumentation erzählt die Geschichte des Parkes, die Aktivitäten der Nachbarschaft, zeigt, wie er besetzt wurde und was den kollektiven Glauben an einen selbstgestalteten Raum trägt.

Der Film hebt die durch die Krise ausgelösten und symbolhaften Aneignungs- und Veränderungsprozesse im öffentlichen Raum im Zeichen der Stadt von unten hervor und lädt auch ein, über die eigene Nachbarschaft nachzudenken.

http://parkofilm.net/