(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT IV: SCHIFFSWERFT

SANTIERUL NAVAL

Wir folgen dem hohen Zaun um das abgesperrte Gelände. Zuerst verdeckt uns ein wuchtiger Plattenbau die Sicht, doch je weiter wir gehen, desto freier wird unser Blick. Wir sehen eingestürzte Dächer, verfallene Backsteinbauten und Flutlichtmasten zwischen groß-gewachsenen Bäumen.

Direkt am Ufer liegen viele Schiffe, zwischen ihnen steht ein Mann in Uniform. Wir winken ihm zu und fragen, ob wir das Gelände betreten dürfen. Ohne zu zögern öffnet er uns das Tor und bittet uns lediglich die anliegenden Schiffe nicht zu fotografieren, gleich darauf verschwindet er wieder.

Ein wenig zögerlich gehen wir entlang des Ufers und mustern die Häuser und Hallen, die zu unserer linken Seite stehen. Die Gebäude sind ganz verschieden: Formen, Farben, Materialien und Dimensionierungen unterscheiden sie voneinander. Die Bauwerke in der ersten Reihe stehen in einer Flucht geordnet nebeneinander. Sie verdecken den Blick auf die Gebäude dahinter, die wild platziert sind. Nur ein Zaun trennt das Gelände von den Weiten des Donaudeltas. Auf uns wirkt es so, als ob die Natur nach und nach durch den Zaun tritt und sich das stillgelegte Gelände wieder zurückerobert. Je weiter wir durch das immer höher werdende Gras schreiten, desto mehr Pflanzen ragen aus den Gebäuden und Bäume kratzen an den Fassaden. Wir hören einen Kuckuck und Wasser, das am Rand des Ufers plätschert, nur selten wird die Stille vom fernen Baustellenlärm durchbrochen.

Wir streifen zwischen den Bauwerken umher, spähen durch offene Fenster und setzen erste Schritte in das alte Verwaltungsgebäude, dessen weiße, hölzerne Flügeltür offen steht. Es ist ein filigranes Gebäude, umgeben von einem hellblauen Zaun. Aus der Mitte des Daches ragt ein Türmchen mit einem kleinen runden Loch, über dem in metallenen Buchstaben „santierul naval“ („die Werft“) geschrieben steht. Im Inneren liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden, sogar ehemaliges Inventar steht noch an Ort und Stelle.

Hinter dem Verwaltungsgebäude, abseits vom Wasser, bemerken wir eine eingeschossige Halle, auf der das Schild „Cantina Autoservire“, auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Halle ist komplett ausgeräumt, nur die weißen Fliesen an der Wand sind noch übrig geblieben.

Das Gelände endet mit der größten Halle. Durch ein fast quadratisches, rotes Metalltor betreten wir das Innere des Betonbaus. Tauben sitzen auf schweren, mal gelben, mal orangenen Laufkränen an der Decke. Wir stolpern hin und wieder über einen Schutzhelm.

So klingt es in der Schiffswerft:

DAS SCHALLEN DER HÄMMER

Zur Zeit als die Europäische Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, wurden die ersten Werkstätten und Hallen der Schiffswerft erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte man das Gelände östlich um neue Häuser und Werfthallen. In der großen Werkhalle am Rande der Werft wurden Motoren und zum Teil auch mittelgroße Schiffe repariert.

„Als ich mit 10 Jahren als Pfadfinder nach Sulina gekommen bin, habe ich am Morgen immer die Hammerschläge der Arbeiter gehört- gegen Mittag war es dagegen sehr still. “, erzählt uns Valentin.

Während der Ceausescu-Diktatur wurden weitere 250 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens nach Sulina gelotst, da die lokalen Arbeitskräfte nicht ausreichten. Aus dieser Zeit stammt auch ein massiver, fünfstöckiger Plattenbau, der direkt am Eingang der Schiffswerft die Arbeiter und ihre Familien unterbringen sollte.

„Ich habe ein Jahr lang in der Werft als Topograph gearbeitet und bin oft durch die Tür des Verwaltungsgebäudes gegangen. Auf dem kleinen Turm war einmal, da wo jetzt ein rundes Loch ist, eine Uhr mit einer Glocke, um Anfang und Ende der Schichten einzuläuten. Auch wenn ich nie wie die Arbeiter in den Werkhallen tätig war, wirkte für mich dieser Knochenjob sehr trist und grau.“, erfuhren wir von Liviu.

Die Schiffswerft steht heute großteils ungenutzt am nördlichen Ufer, nur einzelne Gebäude sollen zu Lagerzwecken verwendet werden und Schiffe der Grenzpolizei liegen am Steg der Werft. Die Leute reden davon, die Firma Bosch habe einen Teil des Geländes gekauft, wirklich wissen tut es jedoch keiner, geschweige denn was mit der alten Werft passieren soll.

AUSSTELLUNGSSTÜCKE VERGANGENER ZEITEN

Das Einzigartige an der verlassenen Schiffswerft ist die Überlagerung der Ebenen, die nicht nur diesen Ort, sondern ganz Sulina prägt. Die baulichen Reste der Europäischen Donaukommission und die, die aus der Diktatur stammen, koexistieren am linken Ufer des Sulina-Kanals und sind dabei im Bild der Stadt sehr präsent. Es sind zwei Epochen, die aufeinanderprallen und dabei ganz unterschiedliche Emotionen in den Bewohner*innen hervorrufen. Die „Goldene Zeit“, auf die nostalgisch und wehmütig zurückgeblickt wird und die einer gescheiterten Utopie, die sich in Frust und Abneigung niederschlägt. Die gegensätzlichen Paradigmen dieser Epochen spiegeln sich auch in deren Architektur wieder. Während am westlichen Teil des Werftgeländes der Anspruch auf Ästhetik und Repräsentativität mitklingt, hat sich im westlichen Teil Pragmatik und Funktionalität baulich manifestiert.

Wie der lange Gang eines Museums verläuft die Strada I mit ihren Trauerweiden entlang der Siedlung am südlichen Ufer. Auf der anderen Seite ist die Sicht auf die aneinandergereihten Ausstellungsstücke der Stadtgeschichte freigelegt, denn kein Baum und kein Schild verdeckt die Häuser und Hallen der Werft. Etwa 150 Meter trennen die Schiffswerft von den Gastgärten auf der gegenüberliegenden Seite. Usain Bolt hält mit 14,35 Sekunden den Weltrekord für diese Strecke. Die Werft ist so nah, dass die Gebäudestruktur erkennbar bleibt und so fern, dass der Verfall nur zur Randnotiz wird.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT II: HOTEL CAMBERI

SONNTAGSSTIMMUNG

Es ist Sonntag. Menschen schlendern entlang der Promenade. Sie sind herausgeputzt, lachen, tratschen und genießen das schöne Wetter. Boote kommen an und ziehen ab. Es herrscht Trubel in der Stada I. Inmitten dieser Szene steht ein altes Hotel, mit den drei Stockwerken kaum höher als die umliegenden Gebäude. Trotzdem tanzt es aus der Reihe. Nichts steht der Sicht auf das Gebäude im Weg, denn der Platz daneben ist frei.  So wirkt das alte Hotel höher und eindrucksvoller als es eigentlich ist. Dabei sind die Fassaden schlicht. Die Formen der Gebäudefront sind symmetrisch angeordnet, aufwendige Verzierungen sucht man aber vergeblich. Lediglich auf den rostigen Balkongeländern winden sich noch eiserne Ranken, im Zentrum ein Stern mit fünf Zacken. Die Türen sind mit schweren Ketten und Schlössern verriegelt, die Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wir streifen entlang der Mauern und finden eine Lücke, die groß genug ist, um in einem unbeobachteten Moment flink in das Hotel zu klettern. Im Inneren bröckelt der Putz schichtenweise von der Wand und verrät uns in welchen satten Farben die Räume und Zimmer einst gestrichen waren. Die unregelmäßigen Fliesen sind wie in einem Mosaik angeordnet, das sich weiter bis in den Platz neben dem Hotel fortsetzt. Oben stützen starke Holzbalken das Gebäude. Zwischen ihnen dringt Licht durch die löchrige Decke ein. In dem Raum, der zur Stada I orientiert ist, sind die Geräusche von außen sehr präsent. Das Geklacker von Stöckelschuhen, das Plätschern des Wassers und Stimmen aus den umliegenden Gastgärten füllen den so morbiden Raum mit Leben.

Im oberen Geschoss gelangt viel mehr Licht hinein, das alte Hotel wirkt freundlicher. Nur den Riss an der Wand, der das Gebäude beinahe in zwei Hälften teilt, nehmen wir als bedrohlich wahr.

Über einen Mittelgang gelangt man in zehn fast identische Zimmer. Jedes ist mit einem Graffiti versehen. Am Ende des Ganges befindet sich der langgestreckte Balkon, an dem man über der Strada I thront. Neben den Holzböden sind vor allem die Wände brüchig. Dort wo der Putz schon abgetragen ist, schauen Schilfrohre und Holzpaneele hervor. Ein kurzer Gang kreuzt den Mittelgang des ersten Obergeschosses. An einem Ende befindet sich die Steintreppe, die im Erdgeschoss beginnt. Am anderen Ende führt eine schmale, rote Holztreppe im Halbkreis ins zweite Obergeschoss.

So klingt es im Hotel Camberi:

 

EIN HOTEL FÜR DIE TOTEN

Wir trafen Liviu, den Fotografen des Ortes, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janine, die im vergangen Jahr von der Schweiz nach Sulina gezogen ist, in ihrem verwachsenen Garten. Liviu und Valentin erzählten uns die ungewöhnliche Geschichte des Hotel Camberi und warum es auch heute noch so viele positive Erinnerungen in der Bevölkerung hervorruft.

Das Hotel Camberi wurde Anfang des letzten Jahrhunderts von einem griechischen Kaufmann im Stil des Klassizismus erbaut. Es war ein besonderer Treffpunkt für die Bevölkerung, Besucher*innen und Offiziere der Garnison. Ein nobler Ort zu dem man sonntags spazierte, um in der Konfiserie ein Eis oder an der Bar einen Drink zu bestellen.

Es war das einzige Gebäude mit drei Geschossen in der Stadt und bot von seinen verzierten Balkonen einen einzigartigen Blick auf den Sulina-Kanal und das gegenüberliegende Ufer. Auch nach dem Krieg hatte das Hotel noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg leichte bauliche Veränderungen statt. Das Dach wurde angepasst, die Ornamente entfernt und der hinteren Teil das Hotel um vier Zimmer erweitert. Auch der Name änderte sich zu Hotel Farul („Leuchtturm“). Womöglich bekam es diesen Namen, weil es nahe dem alten Leuchtturm liegt oder aufgrund des besonderen Ausblicks, welchen man ansonsten nur vom Leuchtturm hatte.

„Heute erzählt man sich noch, dass die Toten, die vom Friedhof in die Stadt kommen im Hotel Camberi übernachten und sich hier, im wohl exklusivsten Hotel der Stadt, ein Zimmer nehmen“

– erzählt Valentin mit einem Grinsen.

Vielleicht ist es der Fluch der Geister, die die Renovierung des Hotels verhindern. Obwohl außenstehende Interessenten an die Stadt herantreten, verfällt das Gebäude allmählich. Vor einigen Jahren kaufte ein amerikanischer Investor das Hotel mit der Absicht es zu renovieren und in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Jedoch gab es ein Problem: Der Investor war nicht der Eigentümer des Grundstücks. Es kam es zu einem 10-jährigen Rechtsstreit, da die Umbauarbeiten an dem Hotel nicht begonnen werden konnten. Aus diesem Grund steht das historische Gebäude noch heute unverändert an der Promenade und fällt langsam in sich zusammen.

Liviu, Janine, Valentin sowie viele andere Bewohner*innen wünschen sich das alte Hotel Camberi zurück. Es soll wieder zu einem Ort werden, an dem man sich zum Sonntagskaffee verabredet oder mit seinen Kindern auf ein Eis geht. Für sie steht es sinnbildlich für die goldene Zeit, in der Sulina Europa in Miniatur darstellte.

 

DER CHARME DER ALTEN GEMÄUER

Das Besondere an dem Hotel Camberi sind die zentrale Lage und die Bedeutung des Ortes. Im Gegensatz zu der Fischkonservenfabrik war es nicht ein Ort der Arbeit, sondern ein Ort, den man in seiner Freizeit aufsuchte, um sich Luxus zu gönnen. Dort, wo Sulina sich den Bewohner*innen und Tourist*innen von der schönsten Seite zeigt, liegt das Denkmal vergangener Zeiten. Es hat vieles miterlebt, von der „Goldenen Zeit“ während die Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, bis zu der Periode als Kommunismus die zentrale Ideologie darstellte. Heute spiegelt sich im alten Hotel vor allem der Bedeutungsverlust der Stadt im Donaudelta wieder. Trotz des weiten Stadiums, den der Verfall schon angenommen hat, ist es von Außen und Innen noch klar als Hotel erkennbar. Die Gebäudefront hat den Anspruch auf Repräsentativität und Ästhetik, der Grundriss ist gespickt von aneinandergereihten Zimmern, die über lange Gänge erschlossen werden. Es steckt immer noch ein wenig Hotel in den alten Gemäuern.

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT I: FISCHKONSERVENFABRIK

EIN STREIFZUG 

Schon aus der Ferne sehen wir die alte Fischkonservenfabrik. Wie ein Fels ragt sie zwischen den niedrigen Häusern hervor. Einst war das Areal von einem hohen Zaun umgeben, heute ist dieser löchrig und zum Teil schon ganz abgetragen. Obwohl, wir ohne jegliche Mühe das Areal betreten können, fühlt es sich an, als ob wir etwas Verbotenes tun. Heute sind wir die Einzigen am Gelände und verschaffen uns schleichend einen Überblick.

Das Areal ist verwildert, besonders die Rückseite zu Strada III ist von Müll übersät. Die Vorderseite, die sich zum Wasser orientiert, wirkt hingegen fast schon ordentlich. Der Platz ist ganz eben, frei von Müll und Schutt. Zwischen den Fugen der grauen Betonplatten wachsen hohe Gräser, die ein regelmäßiges, grünes Muster bilden.

Die Tore der Fischkonservenfabrik stehen offen und wir treten vorsichtig ein. Sowohl Innen als auch Außen zieht sich die Symmetrie der baulichen Überreste über das gesamte Areal. Wir streifen durch das Gebäude und entdecken riesige, leere Hallen mit hohen großen Fenstern. Die Sonne scheint durch die Blätter der Bäume und legt einen leichten grünen Schimmer über die helltürkisen Wände. Hier und da schauen Backsteine unter dem Putz hervor. In der Halle ist es still, so still, dass die eigenen Geräusche einem plötzlich viel lauter vorkommen. Außer dem Zwitschern der Vögeln dringt kein Geräusch von Außen in die große Halle. Wir sprechen nur wenig miteinander, zu beschäftig sind wir herauszufinden, wofür dieser Raum damals genutzt wurde. Man hört nur das Knirschen des Schutt unter den Sohlen und gelegentlich das Klappern leerer, verrosteter Konservendosen.

Neugierig schlüpfen wird durch eine unscheinbare Tür im Untergeschoss und gelangen in einen Raum, der nur ganz oben wenige, kleine Fenster besitzt und in einem satten Blau gestrichen ist. Mitten im Raum liegt ein blaues Floß aus Plastik. Hier ist es plötzlich viel kühler als in den Räumen zuvor und der Geruch verrät uns, dass das einmal das Fischbecken der Konservenfabrik war.

Wir entdecken weitere große Hallen und kleinere Räume. Alle sind in diesen zarten Grün-, Orange-, oder Rosatönen gestrichen. Die Überreste von Tapeten, Fliesen und gemusterten Glasfronten lassen erahnen, wie diese Räume einmal ausgesehen haben. Machmal versuchen sich Pflanzen von Außen einen Weg ins Gebäude zu verschaffen und ragen durch die glaslosen Fenster hinein. Hier und da wächst ein Strauch in der kleinen Ritze zwischen Boden und Wand. Die Fenster geben den Ausschnitt vor. Hin und wieder dringt ein Boot in das Bild und verändert das sonst so starre Motiv. 

Egal welchen Raum wir betreten, wir wissen, jemand war schon vor uns hier. Wir finden Feuerstellen, Zementmischer, Graffitis, leere Glasflaschen und angebrannte Bücher. Dieser Ort bietet jenen einen Unterschlupf, die nach Abgeschiedenheit und einem kleinen Abenteuer suchen. 

So klingt es in der Fischkonservenfabrik:

ERZÄHLUNGEN EINES BEWOHNERS

Im letzten Jahrhundert erfüllte die Fischkonservenfabrik vor allem wirtschaftlich eine zentrale Funktion für die Bevölkerung Sulinas. Unter Ceausescu und der damals vom Staat angeleiteten Planwirtschaft wurde jedem Industriezweig ein bestimmter Standort zugewiesen. So wurde Sulina zum Zentrum der Fischkonservenproduktion. 

Valentin, ein Lehrer der Schule von Sulina, erzählte uns während eines Stadtspaziergangs von den Hintergründen der Fischkonservenfabrik.

Zur Zeit des Kommunismus wurden hier jährlich bis zu 20.000 Tonnen Fisch konserviert und exportiert. Der Betrieb diente, trotz der harten Arbeitsbedingungen, einem großen Teil der Bevölkerung als Arbeitgeber. Der Wechsel zwischen warm und kalt strapazierte den Körper und erschwerte die Arbeit in der Fabrik enorm, so konnten die Schichten zum Entladen des Schiffes nur zwei Stunden dauern. Zur Stimulation des Körpers wurden kalte Räume in roter und heiße Räume mit blauer Farbe angestrichen. Auch heute sind die verblassten Farben noch an den bröckelnden Wänden der Fabrik erkennbar.

„In Rumänien gibt es einen Witz: Wer nicht in der Schule aufpasst, muss später einmal die Fische säubern. In Sulina würden wir das gerne wieder machen, aber es gibt keinen Fisch mehr.“

Die Fischkonservenfabrik diente ihren Angestellten in jeglicher Sicht als Lebensgrundlage. Zum Teil sollen sie sich heimlich Fisch, Salz, Öl und weitere Zutaten für den privaten Gebrauch mit nach Hause genommen haben. Trotz des gesicherten Arbeitsplatzes war der Job in der Fischkonservenfabrik kein angesehener. Es wurde gescherzt, dass, wenn man nicht lernt, man die Fische in der Konservenfabrik säubern muss.

Mit der Revolution im Jahr 1989 endete auch diese Ära und zwang die Fischkonservenfabrik in die Knie. Der technologische Fortschritt führte dazu, dass Fischkonservenfabriken nicht mehr benötigt wurden. Heutzutage wird der Fisch auf dem Schiff gesäubert und die Überreste direkt zurück ins Meer geworfen. Dadurch wird Platz, Zeit und Abfall eingespart.

FORM FOLLOWS DECAY

Wenn man die alte Fischkonservenfabrik betrachtet und dabei ihren Verfall ausblendet, dann erkennt man von Innen und Außen die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit der Architektur. Die Formen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Es sind eckige und kantige Formen, die sich lediglich in ihren Proportionen unterscheiden. Der Verfall durchbricht diese Ordnung. Die Oberflächen haben Flecken, klare Kanten bröckeln ab, Pflanzen wachsen willkürlich. Form follows Decay.

Die großen Fenster durchfluten die Hallen mit Licht, in dunklen Fluren sind die Löcher in der Decke und den Wänden die einzigen Lichtquellen. Zugänge und Verbindungen der Gebäudeteile sind nicht absehbar, was zu einer aufregenden Orientierungslosigkeit führt. Besonders in den oberen Etagen wird man daher mit unerwarteten Perspektiven überrascht: auf Prospect, dem Sulina-Kanal und auf die Gärten, die die Fabrik umgeben. Von unten aus betrachtet wirkt die alte Fabrik neben den benachbarten Gebäuden gigantisch. Als Landmark sticht sie mit ihren rohen und markanten Formen hervor und ihre verblassten, rostigen und gefleckten Muster verschmelzen mit den Farben der Landschaft.

Die Ästhetik der alten Fischkonservenfabrik setzt sich in unseren Augen aus dem Charakter der Architektur und dessen natürlichem Verfall zusammen.

Neben dem ästhetischen Wert ist diese (Nicht)Sehenswürdigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Identität Sulinas. Ein Ort der Nostalgie, der an wirtschaftlich-prosperierendere Zeiten und an viele gemeinsam verbrachte Stunden erinnert.

Was heute mit der Fischkonservenfabrik passiert, weiß niemand so wirklich. Manche munkeln ein Investor habe das Gelände aufgekauft, um darin ein Textilunternehmen zu betreiben. Andere behaupten es gehöre dem Besitzer des benachbarten Hotels „Delta Palace“, der eigene Pläne mit dem Gelände verfolgt.

weitere Bilder sind im Blogpost: Tour de Sulina I zu finden

ES IST, WIE ES IST

In Rumänien gibt es die Redewendung „Asta e“ – „Es ist, wie es ist“. Uns scheint, dass das dein Lebensmotto ist. Oft erscheinst du uns zu träge, um selbst Etwas aufzubauen und im selben Moment bist du zu stolz, um helfende Hände anzunehmen. Du bist eingefahren, hältst an Altem fest, ohne Neuem eine Chance zu geben. Bei dir fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt, weil du nicht mit der Zeit mitgehst. 

– – –

Ausschnitt aus dem Film “Asta e” (Minute 17:48) von Thomas Ciulei, 2001 
GESELLSCHAFT 

Während der Gespräche, die wir hier mit den Bewohner*innen führten, wurde es uns ermöglicht einen Einblick in das Zusammenleben zu erhalten. Die Gemeinschaft ist in sich gekehrt, doch untereinander gut vernetzt. Man grüßt sich auf der Straße, plaudert und hilft einander. Dennoch bleibt man gerne unter sich, für Neuankömmlinge ist es eine Herausforderung Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. Anonym zu bleiben, ist aber auch unmöglich.

Die ältere Dame, die sich um das Museum kümmert, lebt schon ihr ganzes Leben in Sulina und kennt das Innenleben der Gemeinschaft. Ihrer Meinung nach erfolgt die soziale Abgrenzung nicht nur gegenüber Tourist*innen, sondern auch unter den Bewohner*innen. So gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebte oder deren Eltern diese Zeit miterlebt haben. Sie sind gegenüber Zugezogenen offen, kennen und schätzen dabei die Multiethnizität. Die zweite Gruppe setzt sich aus den Personen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sulina gezogenen sind. Unter Ceausescu wurden hier Arbeitsplätze geschaffen die vor allem von Rumän*innen besetzt werden sollten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase festigten sie ihre Stellung in der Gemeinschaft und treten seitdem Neuankömmlingen gegenüber skeptisch auf. Vor allem die in den letzten 10-20 Jahren Zugezogenen bekamen ihre Skepsis zu spüren und fühlen sich noch heute nicht ganz in die Gemeinschaft integriert.

Die Kirche spielt im gesellschaftlichen Leben Sulinas eine zentrale Rolle. Religion und Tradition sind eng miteinander verbunden. Jung und Alt fühlt sich den Traditionen verpflichtet und trägt sie weiter. Die traditionelle Rolle der Frau entspricht hier nicht dem modernen Frauenbild. Wir beobachten, dass in Lokalen und im öffentlichen Raum zu einem großen Teil die Männer beisammensitzen. Währenddessen tragen ihre Frauen die Einkäufe nach Hause, kümmern sich um Haushalt, Garten und Kinder.

POLITIK 

In Sulina lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit erkennen. Der Verdacht, dass Politiker*innen in korrupte Machenschaften verwickelt sind, besteht auch heute noch. Dieses Misstrauen zieht sich von der lokalen bis zur nationalen Ebene durch. Auf der regionalen Ebene macht sich das in einer von Bewohner*innen empfundenen Rivalität zwischen Sulina und der Kreishauptstadt Tulcea bemerkbar. Sie beschrieben uns die Einflussnahme Tulceas in das lokale Geschehen als bewusste Störung der Entwicklung. Oft hieß es, dass Tulcea sich mal wieder querstelle.

Nur auf europäischer Ebene zeigt man sich enthusiastischer. Seit dem Beitritt im Jahr 2007 ist die EU in den Köpfen der Rumän*innen sehr präsent. In Sulina ist die EU-Flagge überall zu sehen. Über den Eingängen öffentlicher Gebäude oder auf Schildern, die auf vergangene bzw. kommende Projekte hinweisen. Unser Eindruck ist, dass die EU den hier lebenden Menschen Hoffnung auf eine schönere Zukunft ihrer Stadt verleiht. Andererseits greift sie mit ihren Richtlinien regulierend in unterschiedliche Lebensbereiche ein. Egal ob man der EU gegenüber positiv oder negativ eingestimmt ist: es ist nicht gleichgültig, man hat eine Meinung. Vielleicht können Ausgang und Wahlbeteiligung der heutigen EU-Wahl diesen Eindruck bestärken. 

Es scheint uns als sei die Umsetzung von Projekten hier kompliziert. Unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind der Beweis. Bei vielen von ihnen traten private Unternehmer*innen von Außen mit ihren Plänen an die Gemeinde heran um die Gebäude zu sanieren und die verlassenen Orte wieder aufleben zu lassen. Die Verwaltung und Politik unterstützte in vielen Fällen die Projekte weder mit finanziellen Mitteln noch in der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen. Anstatt neue Projekte zu initiieren, nimmt die Gemeinde eine passive Stellung ein. Wenn etwas dann doch in die Wege geleitet wird, dann stellt wieder einmal die isolierte Lage der Kleinstadt und der damit einhergehende Mangel an Arbeitskräften eine Hürde dar.

Wir fragten uns woher diese Passivität kommt. In den letzten Tagen haben wir die Mentalität der Menschen dieser Stadt miterlebt, ihren Stolz, der es ihnen manchmal verwehrt fremde Hilfe anzunehmen. Sulina pocht auf ihre Autonomie, will die gute, alte Zeit wieder aufleben lassen und zwar aus eigener Kraft heraus. Vielleicht ist das die Erklärung.

ARMUT 

Ein Teil der Bevölkerung lebt in armutsgefährdeten Verhältnissen und vor allem von der finanziellen Unterstützung von Verwandten und all dem was Garten und Vieh hergibt. Besonders an den Rändern Sulinas sind diese Zustände zu erkennen. Die Siedlungen am Rand wirken informell, weil vieles willkürlich platziert und Materialien einfach zweckentfremdet als Baustoff verwendet werden. Wir haben Schiffsteile gesehen, die zu Gartentoren umfunktioniert wurden, alte Textilien dienen heute als Sichtschutz und der Abfall, der gar keine Verwendung findet, landet in der Natur.

Viele der Menschen wollen und können trotz ihrer Situation ihre Heimat nicht aufgeben und hoffen auf bessere Aussichten für ihre Kinder. Die jungen Menschen zieht es nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung in die größeren Städte der Region, um weitere Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Der rumänische Regisseur Thomas Ciulei thematisiert in seinem Film „Asta e“ (2001) die Armut der im Donaudelta lebenden Bevölkerung. Die Familien, deren Leben der Film porträtiert, stehen dabei sinnbildlich für die Krisen des postkommunistischen Rumäniens.

Ein Tag im albanischen Hollywood

Erneut wurde die Mittagszeit genützt, um die Ergebnisse zu Verarbeiten und bevorstehende Treffen zu organisieren, der Blog wurde geschrieben und Inhalt für unseren Instagram Kanal erstellt. Spätnachmittags haben wir einen Stadtspaziergang mit Eneida und Mirjana durch Kinostudio, einem Stadtteil drei Kilometer nordöstlich des Zentrums ausgemacht. Dieser ist bekannt durch die ansässige Filmproduktionsgesellschaft, welche im Besitz des albanischen Staats war. In ihrer Glanzzeit während der 1970er und 80er Jahren produzierte sie bis zu 14 Filme pro Jahr. Der Charakter Kinostudios spiegelt sich auch durch die Firmensitze verschiedener Fernsehsender, Radiosender, Medienunternehmen und Kunstschulen für Film und Multimedia wieder. Auch das Kulturministerium ist hier ansässig.

Im einzigen Park Kinostudios breiteten wir wieder unseren Urban Carpet aus. Das hiesige Publikum, dominiert durch spielende Kinder und auch (Brett)spielenden Menschen der Generation +60, war zwar nicht unsere Zielgruppe, dennoch konnten wir aber mit ein paar jugendlichen über öffentlichen Raum reden. Generell war die Stimmung in der Bevölkerung ganz anders als in unserem Besuch von Kombinat. Wird auch wohl der Tageszeit geschuldet sein, so sind wir bereits um zehn Uhr vormittags nach Kombinat aufgebrochen, doch der Kinostudio Besuch begann erst um sechs Uhr abends. Viel mehr Menschen waren draußen auf der Straße und deutlich mehr Kinder. Während der Teppichmethode wurden wir umzingelt von einer Gruppe von ca. zehn jungen Burschen, alle um die zehn Jahre alt. Sie protzten durch Schimpfwörter mit ihren Englischkenntnissen und fragten uns viele Dinge, die wir geschuldet durch sprachliche Differenzen nicht verstanden. Zum Glück vielleicht. Sie belagerten uns quasi, fassten uns am Arm und so wurden wir auch Opfer einer Attacke durch einen hernsausenden Fußball. Sie verfolgten uns durch den ganzen Park. Wir ergriffen die Flucht.

Wir eilten ins nächste Viertel, welches durch kommunistische Plattenbauten geprägt war. Einzelne Stockwerke oder Wohneinheiten wurden renoviert und hatten eine Dämmung auf der Fassade, andere Teile des Blocks blieben kahl. Der Städtebau zur kommunistischen Zeit Albaniens sah eine Blockrandbebauung mit Innenhof vor. Er existiert doch, der öffentliche Raum am Stadtrand. Zwar bietet dieser kein hochqualitatives Design oder ist nicht selten durch das KFZ verstellt, aber er wird genutzt, hauptsächlich durch Kinder, Jugendlichen die es sich noch nicht leisten können in Bars und Cafés abzuhängen und älteren Frauen (ihr männliches Pendant befindet sich wahrscheinlich zurzeit im nächstgelegenen Café).

Der Kälte und einbrechender Dunkelheit geschuldet machten wir uns wieder auf den Weg von Kinostudio nach Kino, einer hippe Bar in einer ehemaligen Villa im nicht weniger hippen Stadtteil Blloku. Das Bier ist mit umgerechnet drei Euro für albanische Verhältnisse richtig teuer, doch der Schuppen ist voll. Mit Eneida und Mirjana ließen wir den Stadtspaziergang Revue passieren. Sie klärten uns auf, dass die jungen Albaner*innen auch ihr letztes Geld im Monat für ein Getränk in den angesagtesten Bars ausgeben. Um zu sehen und gesehen werden. Eine längere Abstinenz gleich einem Gesichtsverlust. Man muss zeigen wer man ist.

Gëzuar und bis morgen,

Euer Tirana Team

VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

Wo öffentlicher Raum der Natur und dem KFZ überlassen wird

An diesen Morgen stand zum ersten Mal kein Termin an. Dadurch hatten wir die Möglichkeit auszuschlafen und uns der Sammlung von den bisherigen Ergebnissen und Eindrücken zu widmen. Die Zeit bisher war doch sehr intensiv und durch Treffen, Besichtigungen, Analysen, Interventionen und Spaziergängen geprägt. All das hat dann doch etwas an der Substanz gezerrt.

Diesen Mittwoch nutzten wir, um die Umgebung südöstlich des Zentrums zu erkunden, damit wir uns weiterhin ein Bild über den öffentlichen Raum abseits des Zentrums machen zu können. Unser Eindruck, der auch von den lokalen Bevölkerungen und den Expert*innen gestützt wird ist weiterhin, dass der wirklich qualitative öffentliche Raum wirklich nur in Zentrumslage entlang der Achse zu finden ist. Mag am Anfang vielleicht etwas Bedenken bezüglich der Wahl des Ausschnittes unserer Karte vorgeherrscht haben, so hat sich dieses bisher relativiert. Die Menschen scheinen tatsächlich nur den öffentlich Raum im Zentrum als diesen wahrzunehmen, außerhalb existiert er ebenso wenig in den Köpfen der Bevölkerung als auch bei unseren bisherigen Erkundungen. Ein Bild von Brachen, halböffentlichen Bauruinen, Wildwuchs in der Stadt, aber vor Allem der prägnanten Invasion des Zwischenraumes durch Autos fallen uns auf. Geradezu penibel scheinen die Platzverschwender einer jeden Stadt jede Lücke des Raumes zu nutzen, der für sie in Frage kommt. So entsteht in Tirana oftmals eher der „öffentliche Raum“ durch Lücken in der wahllosen Bebauung aus heruntergekommenen Wohnhäusern, Villen der Vergangenheit und ebendiesen undefinierbaren Zwischenräumen, die auch nur irgendetwas zu scheinen sein.

Am heutigen Tag gingen wir wie schon erwähnt durch Ali Demi, einem Viertel südlich des Lana Flusses. Ein kurzer Blick auf Google Earth verrät uns, es ist ein zusammengewürfeltes Labyrinth bestehend aus verschiedenen Gebäudetypologien. Und so war es auch, als wir durch die engen Straßen und Gassen schlenderten. Einzelne ansprechende Neubauprojekte stehen neben illegalen unverputzten Self-made Wohnungen. Gebäude aus der kommunistischen Ära blicken auf Einfamilienhäuser der chaotischen Zeit nach dessen Niedergang. Eine Straßenhierarchie sucht man vergeblich. Man kann sich in den Tiefen des Labyrinthes verlieren, aber zum Glück haben wir Google Maps und eine intakte Internetverbindung, denn unser nächstes Ziel war zwar nicht weit entfernt, aber umso schwieriger zu finden: der Parku i Madh Kodrat e Liqenit, Tiranas einzige innenstadtnahe Grün- und Waldfläche mit See. Aber vorher gingen wir noch durch das Qyteti Studenti, eine ca. zwölf Hektar große Anlage für Studierendenwohnheimen. Diese ist quasi die einzige Wohnmöglichkeit für Studierende, deren Eltern nicht nach Tirana gezogen sind. Einige Blöcke sind arg herabgekommen, andere frisch renoviert. Auf einem Lageplan sieht man, dass die Wohnblöcke geschlechtergetrennt sind. Interessanterweise sind mehr Zimmer für Studentinnen vorgesehen als für Studenten.

Unser Freund Dejan, ein Wiener Raumplanungsstudent aus Albanien, welcher uns eine sehr große Hilfe für die Kontaktaufnahmen vor Ort war, hat uns auf eine äußerst interessante Doku von Arte aufmerksam gemacht. Dauert nur eine halbe Stunde und fasst perfekt die derzeitige Situation für die Jugend von Albanien zusammen. Sehr empfehlenswert!

Eine erste kleine Überraschung beim Betreten des beliebtesten Stadtparkes: Fahrradfahren verboten! Trotzdem fanden wir Fahrradständer im Park, irgendwoher aus dem nirgendwo dann auch ein Fahrradweg, woher und wohin dieser führt ist ungewiss, genutzt wird er jedenfalls nicht. Im Park fanden wir erstmals einen Ort der Ruhe. Der hauptsächlich durch den motorisierten Individualverkehr erzeugte Lärm wird durch den Wald abgeschirmt. Die Menschen sind entspannt und schlendern langsam dahin. Die Promenade am See gilt als beliebter Treffpunkt, wiederum im Schnitt sehr junge Albaner*innen sitzen am Stausee und beobachten das rege Treiben, es wird Bier und Espresso serviert. An einer Ecke dann die Überraschung: ein Wiener Würstelstand! Der Versuchung konnten wir dann doch nicht wiederstehen, die Käsekrainer für umgerechnet 3,20 Euro spiegeln wohl die frequentierende Klientel dieses Bereichs des Parks wider.

Den Abschluss des Tages stellte ein Treffen mit Studierenden von Organizata Politike, einer politischen Organisation welche sich für eine bessere Situation von Studierende und Arbeiter*innen in prekären Verhältnissen einsetzt, dar. Mehr Informationen einschließlich einem Interview mit Bora Mema, einem Mitglied der Organisation, findet ihr hier! Die Organisation hat sich ein altes Haus inmitten der Altstadt gemietet. Die 6-stöckigen Appartementblocks links und rechts des Grundstücks bewachen das kleine Haus bedrohlich. Die Institution bietet eine Bibliothek, einen Raum für Plenen, Treffen, Poetry Nights, kulturelle Veranstaltungen, Filmnächte, Parties und auch eine Bar an. Um eine Runde Raki kommen wir nicht herum, Marke Eigenbräu aus der Plastikflasche und sehr scharf, danach ist uns auf jeden Fall warm. Bis in die späte Nacht diskutierten wir über die aktuelle Situation von Studierenden, über Korruption, Politik, Chancen am Arbeitsmarkt und die Flucht der Jugend aus Albanien. Unter anderem haben wir erfahren, wie schwer es ist eine eigene Partei zu gründen (ein Kleingeld von ca. 40.000 € ist nötig), dass die sozialistische Partei wirtschaftsliberaler ist als ihr Name verspricht, die jungen Frauen im Land viel zielstrebiger bezüglich Bildung sind als ihre männliche Kollegen, außerhalb von Tirana Armut herrscht wie sie nur in der Subsahara Gegend zu erwarten ist und dass die Arbeitsbedingungen im der Textilindustrie vergleichbar mit denen in Bangladesch sind. Im Gegenzug wurden wir von Nebih, Student auf der staatlichen polytechnischen Universität, um ein Interview gefragt. Er studiert Architektur und Urbanistik und will einen Artikel über Sicht von Westeuropäern auf Tirana schreiben. Da sagen wir natürlich nicht nein, der Termin ist jedenfalls für den Freitag angesetzt.

Bis dahin ein Prosit und viele Grüße aus Tirana!

TOUR DE SULINA II

An unserem zweiten Tag lernten wir dein anderes Gesicht kennen. Wir überquerten den Fluss, um das zu erforschen, was eigentlich direkt vor unserer Nase war. Erneut wurden wir von deiner Vielschichtigkeit überrascht. Wir haben verwilderte, private, idyllische und zerstörte Orte entdeckt. Diese Orte in der Peripherie der Peripherie sind ein wichtiger Teil deiner Geschichte und lassen uns in deine Vergangenheiten eintauchen. Für uns sind deine geschichtsträchtigen Orte, die sich nach und nach die Natur zurückerobert, jene (Nicht)Sehenswürdigkeiten, welchen wir auf die Spur gehen.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina II verfolgen

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An das linke Ufer des Sulina-Kanals gelangen wir mit einem kleinen, blauen Boot. Zwei ältere Personen steigen mit uns ein, um das südliche Ufer zu verlassen. Angekommen in Prospect weisen sie freundlich unsere helfenden Hände ab, steigen schwerfällig aus dem Boot und unsere Wege trennen sich.

Wir folgen einem schmalen Weg zwischen den Häusern und haben schon wenige Augenblicke später das Ende der Siedlung erreicht. An einem kleinen Kanal wandern wir einen leicht erhöhten Feldweg entlang in Richtung Westen. Die Boote am Ufer verschmelzen nahezu mit der Landschaft. Das hohe Schilf weht im Wind, nur selten hört man Kröten oder Insekten im Gebüsch. Prospect wirkt noch ruhiger, privater und ländlicher als die hinteren Straßen der südlichen Seite Sulinas.

Die stillen Gewässer grenzen Landschaft und Siedlung klar ab. Am Ende des Weges führt eine von Rost überdeckte, wackelige Brücke über einen weiteren Kanal. Wir folgen den Trampelpfaden unserer Vorgänger und befinden uns inmitten einer prärieähnlichen Landschaft. Das Gras wächst nicht hoch und nur die scheinbar willkürlich platzierten Betonklötze stellen echte Erhebungen dar. Eine ideale Kulisse für einen Alien-Film. Das Grau der Mauern ist im Laufe der Jahrzehnte vergilbt und von Flecken bedeckt. Die Rinder, die die Überreste der Industrieanlage heute bewohnen, haben sich farblich an ihre Behausungen angepasst. Neben den Tieren haben sich auch Menschen diesen Ort zu Eigen gemacht. Graffitis und verbrannte Böden sind das, was sie zurückgelassen haben.

An einer Anlegestelle befindet sich ein altes Schiff im Sulina-Kanal, >Print Constantin< steht in blauer Farbe auf der Außenwand. Das Innere des Schiffs wurde schamlos ausgeräumt und alles Verwertbare herausgerissen. Nur noch wenige Überbleibsel bedecken den blau-lackierten Boden.

Der Trampelpfad führt weiter zu einer schmalen Siedlung. Die Fläche zwischen den Zäunen der Grundstücke und dem Sulina-Kanal ist verwildert, das Gras wird nur durch die Radspuren der Autos unterbrochen, die sich selten in die Siedlung verirren.

Der Weg wirkt mehr wie eine Verlängerung des Vorgartens, als wie ein öffentlicher Raum. Männer lackieren dort ihre Booten und flechten Fischernetze. Je weiter wir dem Weg flusseinwärts folgen, desto größer werden die Abstände zwischen den Häusern.

Wir kehren um. An dem Mini-Markt der Siedlung vorbei führt eine zweite Brücke in den östlichen Teil von Prospect. Ein paar Häuser grenzen an das abgesperrte Gelände der Schiffswerft. Hier und da sehen wir ein eingestürztes Schilfdach. Schilder deuten darauf hin, dass das Betreten des Areals verboten ist, doch ein Grenzpolizist öffnet uns achselzuckend die Tore und wir betreten die Industriebrache.

Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes liegt die gesamte Werftanlage still, heute sind wir die Einzigen, die durch das großflächige Areal streifen. Wir wandern von Gebäude zu Gebäude und spähen durch zerbrochene Fenster. Die Böden sind mit Überbleibseln früherer Zeiten, Müll und Schutt bedeckt.

Die Tür des alten Verwaltungsgebäudes steht offen. Dahinter liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden verteilt. In einem Zimmer verstecken sich sogar sechs kleine Welpen, die sich schnell in ihrer Höhle in der Wand verstecken, als sie uns entdecken.

Wir gehen weiter, schauen durch zerbrochene Fenster, klettern durch blockierte Türen, bis wir das Ende des Areals erreicht haben. Das letzte Gebäude war einmal eine große Werkhalle. Mächtige, rote Tore verleihen dem Betonbau einen modernen Touch. Durch die zerbrochenen Fenster sehen wir Überreste aus vergangen Zeiten. Kräne hängen von der Decke, Helme und Werkzeuge liegen am Boden verstreut. Die Hallen sind gekennzeichnet durch die regelmäßige Anordnung ihrer Bestandteile. Rohre, Pfeiler, Balken sind geordnet und bilden klaren Strukturen. Die Landschaft umgibt diese alten Hallen. Die verblassten Farben der Gemäuer harmonieren mit den gräulichen Gräsern und Sträuchern.

Neben der Halle mit den roten Toren befinden sich Schienen, die zum Sulina-Kanal führen und darin verschwinden. Vier Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Von oben kann man bis zum Schwarze Meer blicken. Gewaltige Schiffe kämpfen sich flussaufwärts.

Bei unserer Reise zurück in vergangene Zeiten verlieren wir jegliches Zeitgefühl. Am Weg zurück zu unserer Unterkunft werfen wir erneut einen Blick auf das besondere Gelände, dessen Schönheit versteckt ist. Doch wenn man sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, entdeckt man ständig Neues und verliert den Blick in Details.

Denis, Mari und Viki

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

1 Kilometer Park

Heute stand unser erstes Experteninterview mit Saimir Kristo, dem Vizedekan für Architektur und Design an der Polis Universität an. Am Tag davor haben wir uns extra noch informiert, wie wir denn zu der für österreichische Verhältnisse weit außerhalb liegenden Universität kommen würden. So weit so gut, sollte doch nicht so schwer sein. An der Station angekommen kam dann doch die große Verwirrung. Wir fragten eine Person, gekennzeichnet mit Warnweste und äußerst kompetent wirkend, nach dem Bus zum Einkaufszentrum QTU. Er verwies uns auf die andere Seite des Platzes. Dort fragten wir erneut ältere Männer, die den Anschein erweckten für den öffentlichen Verkehr zu arbeiten. Nach einer kurzen Diskussion wollten sie uns auf die andere Seite des Zentrums schicken. Verwirrt nahmen wir diese Aussage zur Kenntnis und fragten den Busfahrer im danebenstehenden Bus. Dieser verwies uns auf den Pepsi Stand nebenan. Diese Verkäuferin verwies uns wiederum auf die schon vorher angefragten Männer. Puh! Aber dann kam die Erleuchtung. Der ältere Mann deutete auf einen wegfahrenden Bus ca. 50 Meter vor uns. Er verständigte uns wir sollten uns doch beeilen. Wir erblickten die Aufschrift QTU. Nah endlich! Wir waren schon kurz davor ein Taxi zu nehmen, als wir uns in den alten BVG-Bus setzten, nicht ohne, dass der ältere Mann den Busfahrer noch ob unseres Zieles instruierte.

Pünktlich kamen wir dann in der Polis Universität an, die Sekretärin erwartete uns schon im Eingang. In einem sehr transparenten Besprechungszimmer ausgestattet mit Fenster anstatt von Wänden inmitten der Polis Universität breiteten wir unseren Urban Carpet aus. Überhaupt wirkte hier jede Wand transparent. Saimir begrüßte uns herzlich und konnte uns nach einer kurzen Einführung, warum auf dem Tisch ein vollgeschmierter Teppich liegt, nur beeindrucken. Sein Wissen über Tirana, aktuelle Projekte, die politische Situation in Albanien oder die U4-Verbindung in Wien ließen unser Aufnahme-Handy merklich Akku verschwitzen. So erzählte er uns nicht nur von der baulichen Strukturierung Tiranas, sondern auch von eigenen Problemen in der Stadt einen kostenlosen Fußballplatz für sein Hobby zu finden. Insgesamt waren seine Antworten so umfangreich, dass wir morgen erst einmal eine Transkript-Session im Kaffeehaus unseres Vertrauens starten müssen. Immer wieder wurden wir auch von vorbeigehenden Studierenden interessiert beobachtet. Nach dem Austausch von kleinen Geschenken – das Buch ´Visions for a new Tirana´ für uns und Mozartkugeln sowie Mannerschnitten für ihn – führte uns Saimir in die Bibliothek und zeigte uns nützliche Literatur. Nach der Literaturstudie verabschiedeten wir uns noch der Sekretärin. „Was, ihr seid ja immer noch da?“. Tatsächlich verbrachten wir doch gut fünf Stunden in der Polis Universität. Die Zeit geht wohl hier unten in Albanien um einiges schneller rum.

Am Heimweg machten wir dann noch einen Umweg über den Parku 1 Kilometer. Der Name ist Programm. Neben den auf der nördlichen Seite durch gesichtslose in die Höhe steigende Appartementblocks streckt sich eine ca. 20 Breite grüne Promenade. Die Südseite wirkt dagegen noch fast ländlich. Neben heruntergekommenen Sportplätzen, Basketballplätzen ohne Basketballkörbe und Zäune ohne Maschendraht reiht sich Sitzmobiliar aus Holz. Cafe´s und Bars findet man hier wie gefühlt an allen urbaneren Stellen zu genüge. Wir entschieden uns für die nächste Spontanintervention mit unserem Urban Carpet. Fazit: richtiger Ort zur Falschen Zeit. Wir konnten zwar mit unserem Zielpublikum ins Gespräch kommen und uns neue Orte zeigen lassen. Jedoch bemerkten wir am Heimweg – es war dann schon so ca. 18:00 Uhr – um die jüngere Generation zu erreichen, muss man später rauskommen. Alle Straßen waren voll mit Jungen Menschen, die es alle eilig hatten, die verkehrsbelärmten Hauptstraßen zu passieren. Unser Heimweg führte uns dann noch durch eine der städtebaulich interessantesten Gegenden Tiranas. Die bereits von Saimir erwähnten Strukturen im Stadtzentrum zeigten sich uns nun bildhaft vor Augen. Riesige kommunistische Scheiben- und Zeilenbauten türmten sich hinter den zumeist erdgeschosshohen orientalisch anmutenden Bauten der ottomanischen Zeit auf. Die Kleinteiligkeit mit all dem Charme von halböffentlich verwinkelten Gassen und Straßen wurde so in das strenge Korsett der diese flankierenden und umrahmenden diktatorischen Interventionen gezwängt. Sollte etwa die Vergangenheit zugunsten des damals propagierten starken und selbstständigen Albanien von den neugierigen Augen der Passanten der großen Boulevards abgeschirmt werden? Zumindest wir denken uns: ja. Und auch Saimir schilderte uns ähnliche Zusammenhänge. Auf dieses Thema werden wir aber in den nächsten Tagen genauer eingehen. Morgen steht der nächste Universitäts-Besuch an, dieses Mal an der Epoka-Universität.

Insofern bis morgen!

SALUT ROMANIA, SALUT BUCURESTI!

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Lange hat es gedauert bis wir unsere Expedition endlich beginnen konnten, doch jetzt ist es so weit und wir können es kaum mehr erwarten dich persönlich kennenzulernen. Es fühlt sich an als würden wir uns schon lange kennen, beinahe so als wären wir alte Bekannte.

Sulina, wir wissen schon so viel über dich, doch alles was wir wissen, stammt aus Büchern und Karten die wir gelesen, Filmen die wir gesehen und Gesprächen die wir geführt haben. Jetzt ist der Zeitpunkt an dem all dies mit eigenen Eindrücken vervollständigt wird.

Zu dir zu kommen, ist gar nicht so einfach. Unsere Anreise dauerte zwei Tage und wir mussten vier verschiedene Verkehrsmittel nutzen – nur um bei dir sein zu können. Damit wir deine Heimat und dein Umfeld besser verstehen, stoppten wir in Bukarest um die Hauptstadt und drei ihrer Bewohnerinnen kennenzulernen.

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Nach einem kurzen Flug betreten wir drei zum ersten Mal am Bukarester Flughafen rumänischen Boden. Am Weg ins Zentrum sammeln wir erste Eindrücke. Aus dem Fenster des Busses sehen wir überdimensionierte Werbetafeln, EU-Flaggen und vor allem eines: Autos.

Nach einem Spaziergang durch das Stadtzentrum fällt auf, dass die baulichen Typologien der Stadt sich nicht in Vierteln konzentrieren, sondern überall aufeinandertreffen.

Alte Stadtvillen, Prunkbauten, Fabriken, Plattenbauten und moderne Bürohochhäuser bilden ein Mosaik. Zwischen den Gebäuden wuseln die Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und Autos. So wirkt Bukarest auf uns viel großstädtischer als Wien.

Wir drängten uns zwischen die parkenden Autos hin zum Green Hours Jazz Café. Geschützt vom Lärm der pulsierenden Stadt trafen wir uns mit drei jungen Architektinnen, um mit ihnen über Rumänien, Bukarest und Sulina zu sprechen.

Sie erzählten uns, dass rumänische Gemeinden nicht sehr bemüht sind Ortsbilder und baukulturelles Erbe zu erhalten und verglichen mit Wien nur sehr wenig reguliert wird. Das Besondere steckt daher nicht in einzelnen Bauten und Plätzen, sondern in der Überlagerung der einzelnen Stadtschichten. Als außenstehende Person sei das nicht immer zu erkennen, umso glücklicher sind wir Sulina für zehn Tage zu erkunden und hinter die (bröckelnden) Fassaden zu blicken.

Morgen gibt’s den nächsten Blogbeitrag!
Bis dann,
Denis, Mari und Viki

Kombinat – Lost Places in der Industriestadt

Unser heutiger Sonntag war für einen Ausflug reserviert, also hieß es wiederum früh aufstehen und alles Nötige einzupacken, um einen langen Tag im suburbanen Tirana verbringen zu können. Denn heute stand der ehemalige Textilindustrie-Vorort „Kombinat“ auf dem Programm. Hierfür hat uns Mirjana – wir haben sie bereits am Freitag kennengelernt – durch den Stadtteil geführt.

Bevor es jedoch nach Kombinat gehen sollte, trafen wir uns wieder mal auf einen Café um aufgekommene Fragen zu beantworten. Im Laufe der Konversation stellten sich einige interessante Thesen auf, die uns Mirjana auch bestätigen konnte. So fanden wir heraus, dass nach der kommunistischen Herrschaft im Zuge der Kapitalisierung des Landes auch eine osmanische Tradition, nämlich die der Café- und Teerunde im Privaten in den öffentlichen Raum reinterpretiert wurde. Als Dienstleistung in Form von Erdgeschossnutzungen finden sich so heute in Tirana eine bemerkenswerte Zahl an Cafés wieder. Denn nach dem Fall des Kommunismus, in einer Zeit, in der Chaos und wenig Strukturiertheit herrschten, öffneten die Menschen ihre Geschäfte ohne Erlaubnis heimlich und besetzten Räume für ihre Nutzung oder sie verwandelten ihre Häuser in gewerbliche Nutzungen.

Heute bestimmt so in Tirana zumindest im innerstädtischen Bereich, aber auch in den Vororten zumindest auf den Hauptstraßen die gesamte Nutzung im Erdgeschoss den öffentlichen Raum. Diese Beziehung löste sich wohl erst in den vergangenen Jahren etwas, als die Re-Inwertsetzung von öffentlichem Frei- und Grünraum in innerstädtischen Bereich ebenfalls hohen Anklang fand (siehe hierzu vor Allem die Einträge der Tage 2 und 3).

Inzwischen belegen die Cafés mit ihren Sitzmöbeln immer mehr die öffentlichen Plätze und Straßen, sowie Bürgersteige. Dies ist insofern problematisch, als dass es immer noch keine Vorschriften gibt. Doch dies war nur der Input bevor es nun zum eigentlichen Tagesziel ging.

Wir bestiegen den Bus 15, der von Kinostudio nach Kombinat fährt. Die Viertel heißen wirklich so, in ersterem Falle nach einem ehemals dort angesiedelten Filmstudio, das macht Sinn. Für 20 ct ist man dann in rund 15 Minuten in Kombinat. Die Einwohner*innen Tiranas, die das Glück einer zentralen Wohnung haben, sprechen bereits vom „zurück nach Tirana fahren“, wenn sie ins Stadtzentrum wollen. Alles klar, wir sind alle offiziell sehr weit draußen.

Als erstes führt Mirjana uns von der verkehrsinfrastrukturellen durchaus fuß- und radfreundlichen Hauptstraße, die mit unzähligen Cafes, Grills und Bars bespielt ist, in eine Seitenstraße. Dort entdeckten wir zwei doch sehr unterschiedliche, kleine Quartiersplätze. Der eine war lebendig, Kinder spielten Fußball, während die älteren ihnen dabei zusahen. Ein typisches Sonntagsszenario also. Der andere Platz, nur 30 Meter weiter, war komplett leer. Und woran lag das? Am ersten Platz sorgten Bäume, Sitzgelegenheiten und Spielinfrastruktur für eine lebendige Atmosphäre. Also gilt weiterhin eine der Grundregeln der Stadtplanung, dass nämlich erst die nötige Grundlage für eine gewünschte Belebung gegeben wird.

Weiter ging es dann wieder auf die andere Seite des Viertels, das im Großen und Ganzen fußläufig sehr angenehm zu begehen ist. Immer informeller muteten die Häuser, immer holpriger wurden die Straßen, immer argwöhnischer wurden die Blicke, als wir uns dem verlassenen Textilkombinat näherten, nachdem das Viertel auch benannt ist. Mirjana klärte die misstrauischen Bewohner*innen ob unseres Interesses auf und sofort verwandelte sich das Stirnrunzeln in den Gesichtern in ein höfliches Lächeln. So entdeckten wir die ein oder andere sehr inspirative Nachnutzung der teilweise baufälligen Fabrikgebäude, Blumenkästen machten das Grau der Vergangenheit bunter und hier und da belebten kleine Läden die langen Straßen.

Mirjana lotste uns dann durch einen wirklich schmalen Spalt zwischen zwei halbverlassenen Barracken, der nach etwa 20 Metern den Blick auf den düster anmuteten Kühlturm der Fabrik freigab. Die Szenerie öffnete sich bei jedem Schritt durch das hohe Grün der verwilderten Freifläche, die hier und da mit Hinterlassenschaften und Feuerstellen von Raumaneignenden gemustert war. Wir konnten uns nicht zurückhalten, in den betongewordenen Monolith des Kühlturms zu steigen, in dem wir die beeindruckenden Sichten genossen. Lost places in Reinform! Danach gingen wir noch etwas weiter in Richtung des beängstigend schiefen zweiten Schlotes, dessen Vorbau auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Mirjana erzählte uns weiteres Interessantes über das Viertel und die gelegentliche Nutzung des verlassenen Areals durch Partyfeiernde bevor lauter werdendes Gebell uns einen schnellen Rückzug antreten ließ.

An der Busstation angekommen, verließ uns Mirjana wegen einem Termin, jedoch nicht ohne uns vorher noch eine Empfehlung für eines der Grillrestaurants an der Hauptstraße zu geben, in dem wir dann diese beeindruckende Führung Revue passieren ließen. Typischerweise waren die Augen dann wie immer größer als der Magen, weshalb wir nun ersteimal die ausgezeichnete Schlachtplatte und den Fladen verdauen müssen.

Bis morgen und Gute Nacht wünschen Vali, Karina und Joshua

 

 

 

“O tirona, ti je e jona!”

Heute Morgen trafen wir Eneida, eine Studienabsolventin der Architektur an der Epoka Universität. Sie hat einen Artikel über den Skanderbeg Platz in der Zeitschrift City Observer verfasst , was uns dazu führte sie auf einen Kaffee einzuladen und uns alles über den repräsentatisvsten Platz in Tirana zu erzählen. Ihren Artikel findet man hier (Seite 150 ff.). Nach einem hochspannendem Interview gab sie uns sogar noch einen Spaziergang durch das Zentrum und über den Skanderbeg Platz (dies sollte unser vierter Besuch in drei Tagen darstellen, ab morgen geht es dann weiter in die Vororte!). Zusammen gingen wir im Zuge des Spaziergangs dann noch zum nahegelegenen Parku Rinia, dem Park der Jugend, wo gerade die Tirana Pride stattfand. Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten, in denen traditionell Prides stattfinden, zeigte sich die Besucher*innenzahl in Tirana überschaubarer, doch immerhin etwas! An die siebzig Menschen im kollektivem Party-Modus wohnten der farbenfrohen kunterbunten Veranstaltung bei, begleitet von fünf Kamerateams. Gleich sprachen wir die geringere Beteiligung der Bevölkerung an. Unsere Frage wurde insofern plausibel beantwortet, als dass sich viele Junge Tiraner*innen nicht durch die hier anwesenden Medien „outen“ wollen. Und ja, das geht recht schnell. Wir bekamen Regenbogen Fahnen und T-Shirts geschenkt. Aufschrift: Chill Man, some people are gay. Nur halt auf Albanisch. Und siehe da, unsere Tu Wien-Sackerl zogen wohl sehr schnell die Aufmerksamkeit der Leute auf uns. So schnell konnten wir gar nicht gucken, da wurde bereits eine Kamera und ein Mikro vor Valentins Gesicht gehalten und gefragt, warum er hier ist und ob er die „LGBT supportet“. Antwort: Of course I do!

Nach dem intensiven Inputs des Vormittags verbrachten wir eine kurze Pause bei Tirana Ekspres, einem Kulturzentrum mit Veranstaltungen und Café. Zurzeit läuft dort unter anderem eine Aktion, bei der die eigene Unterstützung für LGBT in Worte gefasst werden kann. Auch auf unsere Frage nach einer Anbringung unserer Nadelmethode zeigten sich die Besitzer sehr kooperativ und hängten unsere mitgebrachten Karten von Tirana auf, damit die Gäste ihre Lieblingsorte markieren können. Danach ging es zurück in die Wohnung, damit wir den ersten großen Einsatz unsere Urban Carpets vorbereiten konnten.

Am frühen Abend trafen wir uns dann mit Arda und ihrer Freundin Flori im Parku i Galerise Kombetare te Arteve, wo auch das Cloud Festival stattfindet. Wir wollten unbedingt die Synergieeffekte zwischen unserer Methode und den verweilenden Menschen vor Ort nutzen und breiteten unsern Urban Carpet aus. Während der Interaktion mit Passanten halfen und Arda und Flori mit Übersetzungen (sie wurden mit Mozartkugeln und Mannerschnitten vergütet) während wir die jungen Menschen nach ihren Lieblingsorten und -Treffpunkten erfragten.Sehr schnell entwickelte sich eine starke Dynamik aus Diskussionen, Markierungen, Debatten und Erkenntnissen, genau das wollten wir erreichen! Viele der Passanten hielten an, ohne das wir sie explizit für uns gewinnen mussten, ihr Interesse bestand meist von selbst, was uns natürlich sehr freute und natürlich auch ob der Frage nach dem Funktionieren der Methode erleichterte. Die Ergebnisse präsentieren wir zwar erst am Ende, dennoch können wir bereits einige signifikante Aussagen der Bewohner*innen präsentieren.

“the real public spaces in Tirana only exist along the central axis, there happens the improvement”

“the bad places in the city are caused by the air- and noise pollution of the cars, these places are awful”

“bars and coffees are our public spaces”

Natürlich stellen diese Aussagen nur Momente einer jeden Meinung dar, dennoch finden wir diese sehr aussagekräftig. Vor allem die letzte Aussage sollte für uns in unserem weiteren Vorgehen noch interessant werden, aber dazu morgen mehr! Bis zum Ende unserer Intervention begleitete uns traditionelle Musik, oder um es mit dem Titel eines der dargebotenen Lieder zu sagen: “O tirona, ti je e jona! – Oh Tirana, du gehörst uns!” Fazit: Ein voller Erfolg. Ergebnisse folgen unter anderem auf unserem Instagram Account

@urban_carpet_tirana.

Der Abend wurde mit einem gemeinsamen Besuch im Nationalmuseum abgerundet. Eintritt frei und offen bis 01:00, aber nur weil es der vorletzte Samstag im Monat war. Unsere Locals führten uns durch das Museum und erzählten von der Geschichte Albaniens. Angefangen von den (umstrittenen) Vorfahren der Albaner*innen, den Illyrer*innen, bis zu den doch sehr bedrückenden Exponaten zu exekutierten Volksfeinden der Hoxha-Diktatur zeigte sich uns die diverse und doch sehr intensive Geschichte des Landes. Als wir wieder Heim kamen, waren wir überwältigt vom Tag und von den vielen Eindrücken die wir gesammelt haben. Jetzt erst mal alles verarbeiten!

 

 

Tag 10: Ein schöner Abschluss der Forschungsreise

Am letzten Tag hatte ich echtes Glück, denn an diesem Tag fand in Sulina das Folklore-Festival „Festival Scrumbiei“ statt. Es traten unterschiedliche Ensembles ethnischer Minderheiten aus der Region auf einem kleinen Platz vor dem Palast der ehemaligen Europäischen Donaukommission auf. Da solche Festivals eher verhältnismäßig selten stattfinden, freute ich es mich besonders dieses mitzuerleben. Durch die vielen Besucher wirkte die Stadt sehr belebt und auf der Straße 1 strömten die Menschen wie auf einem Boulevard Richtung Festivalgelände.

In diesem Blogeintrag werde ich mich der kollektiven Identität der Lipowaner und deren Bezug zum öffentlichen Raum widmen. Durch den heutigen Tag habe ich wieder neuen Input zu diesem Thema bekommen.

Laut Christmann kann kollektive Identität als einen auf einen Raum bezogenen gesellschaftlichen Wissensvorrat gesehen werden. Neben Landschaftsmerkmalen, Bauwerken und Bekleidungsvorschriften können auch Bräuche, Feste und Dialekte als Referenzpunkt für diesen Wissensvorrat dienen. In Bezug auf den Raum stellt es sich als notwendig dar, dass um Investoren und Touristen zu gewinnen zu können, müssen Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit vermittelt werden.

Angefangen über die Lage Sulinas im Delta, welche durch sein artenreiches Ökosystem ein hohes touristisches Potential birgt, ist die Präsenz von Tradition im öffentlicher Raum in der Stadt als wichtig zu erachten wird wichtiger für den Tourismus in der Stadt. Tradition kann in Form von der gebauten Umwelt, beispielsweise durch Gebäude, aber auch durch kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum präsent sein.

Die typischen Wohnhäuser der Lipowaner mit ihren weiß-blauen Fassaden stellen beispielsweise einen Referenzpunkt zur kollektiven Identität dar.  Menschen in Sulina und andere Dörfern, wie beispielsweise dem touristisch orientierten Mila 23, haben dieses Potential erkannt und den Stil des lipowanischen Hauses für Hotels und Restaurant adaptiert.

Festivalisierung der Stadt

Die Festivals repräsentieren nicht nur die Tradition und Kultur der Lipowaner im öffentlichen Raum in der Stadt, sondern dienen hauptsächlich dem tertiären Wirtschaftssektor, vor allem der Gastronomie. Daher kann auch davon ausgegangen werden, dass durch die Festivalisierung der Stadt ein wesentlicher Beitrag zum Tourismus und damit zum wachsenden Wohlstand Sulinas beigetragen werden kann.

 

Damit beende ich meinen Blog mit diesem Eintrag und bedanke mich bei allen Menschen, welche mich auf dieser Forschungsreise unterstützt haben.

La Revedere, Sulina!

Tag 9: Auf den Spuren der Identität

Meine Forschungsreise in Sulina neigt sich langsam dem Ende zu und ich möchte in den letzten zwei Blogeinträgen Resümee ziehen und meine Forschungsfragen beantworten. Der  öffentliche Raum soll anhand von personaler und kollektiver Identität aus Sicht der Lipowaner analysiert werden. In diesem Blogeintrag soll es um die personale Identität gehen.

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Heute besuchte ich einige Dörfer im Delta von Sulina. Anhand von Periprava sieht man, dass die fehlende Identifikation mit dem Raum die Abnahme der Bevölkerung zur Folge hat. In dem Dorf sind mehr als 90% der Bevölkerung lipowanisch. Der öffentlliche Raum in Periprava ist durch seine ungepflasterte Straßen, welche von Einfamilienhäusern gesäumt werden, den eher ländlich geprägten Teilen Sulinas ähnlich. (siehe Titelbild) Die Bevölkerung Peripravas ist überaltert, die jungen Leute sind nach Sulina oder Tulcea abgewandert. Ich befragte eine ältere Frau und auf die Frage ob sie gerne hier lebe, antwortet sie resigniert, dass man keine andere Wahl habe.

Personale Identität in Bezug auf den öffentlichen Raum in Sulina

Nach Gabriela Christmann ist die personale Identität mit dem Gefühl der persönlichen Zugehörigkeit verbunden. (vgl. Christmann 2008: 1) Bezogen auf den Raum zeichnet sich diese Ebene dadurch aus, dass Menschen an einem Ort verbleiben, der soziale Zusammenhalt gestärkt wird und ein verantwortungsbewusstes Handeln für den Raum mit sich bringt. Letzteres bezieht Christmann beispielsweise auf die Mitwirkung in Vereinen. (vgl. Christmann 2008: 3)

Eine Erkenntnis aus der Forschung ist, dass die Lipowaner den öffentlichen Raum nicht anders nutzen als die Mehrheitsgesellschaft. In der Identifikation mit dem Raum, also dem Kontext Stadt in Bezug auf deren Tradition und Kultur, können schon Unterschiede festgestellt werden.

Die Urbanisierung einer ruralen Gemeinschaft

In meiner Forschung habe ich Hinweise darauf gefunden, dass sich die Gemeinschaft von seiner ruralen Kultur löst und zu einer von Urbanisierung geprägten Gemeinschaft wird. Die Gemeinschaft der Lipowaner kann als Verein betrachtet werden, welcher laut Christmann  zu einem verantwortungsbewussteren Handeln für den Raum betragen kann. Die Lipowaner befinden sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und das Bild dieser ethnischen Gruppe hat sich verändert. Wie auch die Mehrheitsgesellschaft sind die Lipowaner auch durch die Schrumpfung der Stadt, Arbeitskosigkeit und zunehmende Abhängigkeit vom Tourismus betroffen.

Für eine Urbanisierung der Gemeinschaft kann erstens der Wandel der Erwerbstätigkeit und sogar das Verlassen der Dörfer bzw. die Zuwanderung in die Städte als Indikator dafür gesehen werden. Zweitens werden Kultur und Religion im alltäglichen Leben vieler junger Menschen immer unwichtiger. Drittens kann die generelle Öffnung der Gemeinschaft und die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls für diesen Wandel sprechen.

Quelle: Christmann, G, „Statement Identität und Raum“, 2008: 1, 3

Tag 8: Perspektivenwechsel

An diesem Tag machte ich einen Perspektivenwechsel: Ich fuhr mit einem kleinen Motorboot über die Donau und erreichte zum ersten Mal den nördlichen Stadtteil. Von Norden her blickt man anders auf die Stadt und die starke West-Ost-Ausrichtung wird aus dieser Perspektive besonders deutlich.

Hier sprach ich mit einem Fischer, welcher meint, dass die Lage Sulinas an der Donau, den vielen Kanälen des Donaudeltas und am Schwarzen Meer viele Vorteile für das Fischen hat, doch die hohen Steuern und fehlenden Subventionen diesen Beruf zunehmend unattraktiver machen. Neben dem freien Fischen sollte es außerdem erlaubt sein auch in den alten Armen der Donau, welche im Zuge der Regulierung dieses Donauarms abgeschnitten wurden, dieses Gewerbe auszuüben.

Er meint, dass es eigentlich keinen Unterschied der beiden Donauseiten Sulinas gibt. Mir fällt auf, dass die Nordseite durch seine geringe Bebauung viel ruraler wirkt, auch das Fehlen einer Promenade lässt dieses Donauufer nicht so elegant wirken. Die Menschen gehen hier ihren täglichen Aktivitäten nach, Touristen verirren sich hierher kaum. Die rote Fußgängerbrücke ist hingegen ein schönes Motiv zum Fotografieren und kann als Sehenswürdigkeit dieses Stadtteils gesehen werden.  (siehe Titelbild)

In den letzten Tagen konnte ich vieles über die Stadt, den öffentlichen Raum und die Lipowaner erfahren. Die nächsten zwei Blogeinträgen sollen dazu dienen meine Forschungsreise zu reflektieren und anhand der Theorie über den öffentlichen Raum meine Fragestellung zu beantworten.

Tag 7: Hat der Tourismus in Sulina eine Chance?

Die Stadt benötigt dringend Geldmittel, um seine Lage zu verbessern, Jobs zu schaffen und die Abwanderung von jungen Menschen im erwerbsfähigen Alter zu verhindern. Heute sprach ich mit zwei Menschen über deren Sicht auf dieses Thema.

Eine Barfrau, welche an der Straße 1 arbeitet, meint, dass Sulina dringend Investitionen bräuchte, um Infrastrukturen bzw. sein Stadtbild zu erhalten. Ihrer Meinung nach ist die Korruption in Rumänien leider zu hoch und aus diesem Grund hat die Regierung kein Geld für die Stadt übrig. Die fehlenden Investitionen wirken sich auch negativ auf den Tourismus aus, welches in Sulina heute noch in den Kinderschuhen steckt.

Der zweite Gesprächspartner war ein Matrose, welcher davon berichtete, dass Sulina im internationalen Vergleich mit seinen Bedingungen für die Schifffahrt nicht mithalten kann. Es werden zwar Fonds für die Erhaltung der Infrastrukturen vergeben, doch der Sitz der Behörde befindet sich in Galatz. Da Sulina aus heutiger Sicht keine bedeutende Rolle im internationalen Schiffsverkehrs mehr spielt und der Fonds nur begrenzte Ressourcen zu vergeben hat, werden die Gelder eher an den Hafen von Galatz vergeben, welcher durch seine Lage an der Donau eine direkte Konkurrenz zu Sulina darstellt.

Tag 6: Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte

In diesem Blogeintrag werde ich mich mehr auf die Stadt und den öffentlichen Raum konzentrieren. Der heutige Tag war für mich wieder produktiv, da ich die Gelegenheit hatte mit verschiedenen interessanten Menschen über ihre Sicht auf die Stadt sprechen zu können. Im Folgenden möchte ich thematisch sortiert über die verschiedenen Felder berichten über welche ich heute und in den letzten Tagen Erkenntnisse gewinnen konnte.

Das rasterförmige Straßennetz

Das rasterförmige Straßennetz Sulinas folgt demselben Prinzip wie das von New York. Es spiegelt wieder das Sulina damals eine entwickelte Stadt war, welche durch das Raster schnell erweitert werden sollte. Zwar erleichtert diese Form des Straßennetzes die Erschließung der Stadt, jedoch nehmen die Wege durch die weite West-Ost-Ausdehnung des Stadtgebietes zu. Das Auto spielt eher eine untergeordnete Rolle im Straßenraum, da es für viele nicht leistbar ist. Die meisten Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Die Nutzung des öffentlichen Raums

Das Wetter, der Wochentag und die Uhrzeit haben auf jeden Fall einen Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raumes in Sulina. Besonders am Abend füllt sich die Straße1 mit Leben, welche direkt an der Donau liegt, und wird dabei zur Flaniermeile. Hier findet im Gegensatz zu den restlichen Querstraßen, welche fast ausschließlich an Wohngebieten liegen, das öffentliche Leben statt.  Häufig sieht man wie Gruppen von Menschen zusammenstehen, reden und rauchen. Es finden auch Gespräche statt, welche meist aus dem spontanen Begegnen entstehen. Die niedrige Mauer, welche die Straße 1 von der Donau trennt, wird häufig als Sitzgelegenheiten von einzelnen Personen oder Gruppen benutzt. Parkbänke existieren zwar, wurden aber nach bei meinen Beobachtungen eher selten genutzt.

Meiner Meinung nach nutzen die Lipowaner den öffentlichen Raum in Sulina nicht anders als andere Gruppen. Eine junge Frau der Gemeinschaft meint, dass sie dieselben Aktivitäten wie ihre rumänischen Freunde aus der Schule betreibt.

Die schrumpfende Stadt

Einst war Sulina war kein isolierter Ort wie heute, denn die internationale Schifffahrt verband es mit dem Rest der Welt. Die Leute kamen in die Stadt um Geld zu verdienen. Ein Mann verglich es in einem Gespräch mit dem Goldrausch in Kalifornien. Doch Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte, denn heute ist die Stadt von Schrumpfung betroffen. Diese ist nicht auf die exponierte geopolitische Lage zurückzuführen, sondern hat rein ökonomische Ursachen, wie man mir erzählte. Fehlende Jobs führen zu Armut und bieten keine Perspektive für die kommenden Generationen, weshalb die Jugendlichen nach dem Abschluss der Schule Sulina verlassen und in andere Städte ziehen. Zwar existieren die Fischfabrik und Werft noch, doch die Industrie ist schon lange zusammengebrochen. Es ist nicht mehr wie es in der Vergangenheit einmal war. Nicht mal mehr durch die Frachtschiffe, welche fast täglich durch Sulina fahren, kann die Stadt bzw. der Hafen Geld verdienen.

Historische Aufnahmen von Sulinas Blütezeit findet man hier: Monografia Orasului Sulina

Die Zukunft des Tourismus

Nur wenige Touristen erreichen heute Sulina. Die Stadt könnte durch seine Lage im Donaudelta und ihrem Zugang zum Schwarzen Meer profitieren, doch die unterschiedlichen Anbieter in der Stadt kooperieren nicht miteinander und arbeiten lieber für sich. Es ist wie ein Orchester ohne Dirigenten, erklärte man mir. Da die Saison mit nur eineinhalb Monaten im Sommer recht kurz ist, setzt man in Sulina eher auf Qualität statt Quantität und hofft mit sanftem Ökotourismus eher die gebildeteren Touristen anzulocken.

Tag 5: Von den Toten zu den Lebenden

„Zwischen verlassenen Baustellen, Schutt von Straßenarbeiten, zwischen Erikagestrüpp und Teergeruch reihen sich auf dem stoppeligen Heideland zahlreiche Friedhöfe aneinander – der Orthodoxen, der Türken, der Juden, der Altgläubigen in unmittelbarer Nachbarschaft“

So beschrieb Claudio Magris 1988 in seinem Werk „Donau. Biographie eines Flusses“ den Friedhof von Sulina, welchen ich heute Vormittag besuchte und menschenleer vorfand. (siehe Titelbild) Ich habe den Eindruck, auch durch die Interviews der letzten Tage, dass die Menschen eher Friedhöfe meiden und im Hier und Jetzt leben möchten. Trotzdem wirken die Grabstellen gepflegt und sind nach der Tradition der altgläubigen orthodoxen Christen gestaltet worden.

Nach dem Besuch des Friedhofs begann ich mit dem Mapping der relevanten Orte der Lipowaner und fuhr deshalb wieder an den westlichen Stadtrand, um die genaueren Positionen einiger Siedlungsschwerpunkte zu eruieren.

Am Nachmittag traf ich im Haus der lipowanischen Gemeinschaft die Russischlehrerin und den Präsidenten der Gemeinschaft zum Interview. Ich erfuhr, dass die Kinder in der Schule Russisch lernen und in der Gemeinschaft dann traditionelle Tänze und Lieder proben. An diesem Tag war die Probe für das Festival, welches am kommenden Samstag in Sulina stattfinden wird. Die Lehrerein meint, dass durch die Tänze und Lieder die Tradition leichter weitergegeben werden kann.

Durch den Präsident der Gemeinschaft erfuhr ich mehr über die Organisation der Gemeinschaften. Er erklärte, dass jede Stadt bzw. jedes Dorf seine eigene Gemeinschaft hat, welche die Traditionen pflegt. Er meinte auch, dass die Gemeinschaft in Sulina akzeptiert werde und auch die unterschiedlichen Kirchengemeinden seit jeher friedlich nebeneinander existieren.  Seiner Meinung nach ist neben der Kirche die Gemeinschaft die wichtigste Institution der Lipowaner in Sulina.

Tag 4: Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft

Nachdem ich am Vortag den westlichen Stadtrand näher betrachtet hatte, wiederholte ich das heute wieder mit dem östlichen bzw. südlichen Stadtrand. Dort konnte ich rund um ein kleines Hafenbecken bzw. entlang der Straße 6 ebenfalls einige typisch Wohnhäuser identifizieren. Damit steht fest, dass die Lipowaner in Sulina eher am Stadtrand leben, vermutlich weil sie dort eher ihrer traditionellen und naturverbundenen Lebensweise gerecht werden können.

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Am Nachmittag nahm ich an der Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft, welches sehr zentral in Sulina liegt, teil. (siehe Titelbild) Die Gruppe bestand aus älteren Frauen. Neben dieser Gruppe  gibt es auch eine, welche eher aus jüngeren Frauen besteht. Im Gegensatz zu der älteren Gruppe, ist die jüngere auch mit rumänischen Frauen gemischt.  Besonders für die älteren Frauen ist neben der Gemeinschaft die Kirche ein wichtiger Teil in ihrem Alltag. Der Ort der Gemeinschaft scheint also für ältere Personen eine wichtigere Rolle zu spielen als für jüngere, dennoch wird er als wichtige Stätte zur Weiterhabe der Kultur und Tradition verstanden.

Nach der Probe traf ich mit meinem Übersetzer  einen Fischer, welcher spontan einem Gespräch zugestimmt hatte. Die Kirche hat für den Mann keine große Bedeutung in seinem Alltag mehr, da er auch zeitweise in einer anderen Stadt arbeitet. So wie er gehen auch viele jüngere Lipowaner nur mehr zu den wichtigsten Feiertagen in die Kirche. Der restliche Sonntagabend verlief sehr ruhig in Sulina und ich bemerkte, dass viel weniger Menschen auf den Straßen unterwegs waren als an den Abenden zuvor.

Tag 3: Am Stadtrand von einer „Stadt am Rand“

An diesem Tag lag der Fokus der Betrachtung auf den Stadträndern von Sulina. Besonders am westlichen Stadtrand reiht sich an der Donaupromende ein typisch lipowanisches Haus an das andere. Die Menschen, die hier leben, üben vor allem Fischfang aus und ihre Wohnhäuser liegen beinahe direkt an der Donau. Die Straße, welche bis hierhin führt, wurde vor ein paar Jahren sogar befestigt und kann problemlos mit dem Fahrrad befahren werden.

Die lipowanischen Wohnviertel liegen an den Rändern der Stadt, erklärt mir mein Übersetzer, da Fischfang und Jagd zu den ursprünglichen Erwerbstätigkeiten der ethnischen Gruppen gehören. Charakteristisch sind die blaue Farbe der Wohnhäuser, die riedgedeckten Dächer oder die charakteristisch gestaltete Gartentür, welche den Eingangsbereich zum Grundstück darstellt. (siehe Titelbild) Anhand dieser Merkmale kann einfach festgestellt werden welchen ethnischen Ursprung deren Bewohner haben.

Die Bar „Lebada Vesela“, welche ich am Nachmittag besuchte, liegt ebenfalls dort, fast mitten in der Natur und ist bei den Fischern durch die Nähe zu ihren Wohnorten recht beliebt. Doch an diesem Nachmittag kamen eher nur rumänische Männer mittleren Alters. Der Barmann erklärt mir, dass einige Lipowaner auch als Bauarbeiter arbeiten, aber das stellt eher einen Kompromiss zu ihrer ursprünglichen Lebensweise dar. Die Bauarbeit dient vor allem dem Verdienst und dem Aufbau eines guten Lebens.

Eine Erkenntnis dieses Tages ist, dass Bars die eigentlichen Treffpunkte der Lipowaner sind, obwohl sich das heute leider nicht anhand dieser Bar bestätigen lassen konnte. Besonders am späten Nachmittag werden die Bars gut besucht, versicherte mir der Barmann. Die Kirche und die Gemeinschaft verfolgen eher Erhalt und Weitergabe religiöser und kultureller Werte und Traditionen, während Bars jedermann offenstehen und Orte der Kommunikation darstellen. Die Bars in der Innenstadt von Sulina werrden zwar eher weniger von den Fischern besucht, können aber eher als Treffpunkte von der jüngeren Generation von Lipowanern gesehen werden. Dennoch sind jene an den Stadträndern authentischer, weil es näher an ihren Wohnorten liegt.

Morgen ist Sonntag und ich werde an einer Probe für einen Tanz- bzw. Gesangauftritt der Gemeinschaft der Lipowaner teilnehmen. Diese Gemeinschaft ist eine wichtige Institution in Sulina, um das Brauchtum zu erhalten und an die weiteren Generationen weiterzugeben. Der Field Trip bleibt also weiterhin spannend!

Tag 2: Erste Erkundungen und Gespräche

Am Vormittag erkundete ich die Stadt auf eigene Faust und legte den Fokus auf den öffentlichen Raum. Sulina besteht vereinfacht aus sechs parallel zur Donau verlaufenden Straßen, welche entsprechend als Straßen 1 bis 6 bezeichnet werden. Die donaunahen Straßen sind eher befestigt und die umgebende Gebäude mehrgeschossig. Einige Bänke an der Donauuferpromenade und an einigen Wohnblocks sorgen für Aufenthaltsqualität in diesem Bereich der Stadt. Die Straßen 3 bis 6 hingegen sind eher unbefestigt und Einfamilienhäuser dominieren das Straßenbild. In diesem Gebiet ist die scharfe Trennung zwischen dem öffentlichen und privaten Raum durch Zäune sehr auffällig und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum ist durch das Fehlen von Sitzmöglichkeiten sehr gering. (siehe Titelbild)

Den Nachmittag und Abend verbrachte ich wieder mit meinem Übersetzer. Er organisierte für mich ein Leihrad und führte mich zuerst zu dem Haus einer älteren Lipowanerin. In ihrem Vorgarten tranken wir zuerst ihren Schnaps und begonnen anschließend das Interview im Laufe dessen eine Freundin dazukam. Ich erfuhr, dass beide in der Gesangsgruppe der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina aktiv sind und wurde sogleich zu der nächsten Probe eingeladen. Sie beide sind stolz auf ihre Herkunft und ich erfuhr etwas über ihre Lebensgeschichte. Sie  meinen, dass Sulina früher, zur Zeit der Donaukommission, eine offenere Stadt war. Für sie ist es wichtig in die Kirche zu gehen, da man dort andere Leute trifft und es für sie eine gewisse Tradition in ihrem Alltag hat.

Die nächste Station war die Bar „La Autogara“, welche das günstigste Bier der Stadt anbietet und aus diesem Grund viele Fischer, welche vor allem auch Lipowaner sind, zum Feierabend anlockt. Leider blieben die Versuche meines Übersetzers jemanden zum Interview zu bewegen erfolglos.

In der Bar des Vorabends organisierte er mir dann zwei Interviewpartner, einen Bauarbeiter und einen Schüler. Ich lernte in den Gesprächen, dass auch für die jüngeren Generationen ihre ethnische Herkunft und die Pflege der russischen Sprache wichtig sind. Die zwei Männer meinten aber, dass sie nicht aktiv an der lipowanischen Gemeinschaft teilnehmen und dieser Ort in ihrem Alltag keine so große Rolle spielt.

Tag 1: Ankunft in Sulina

Nachdem ich am Vorabend von Wien nach Bukarest flog, benötigte ich trotzdem noch fast den gesamten Tag 1 um nach Sulina zu reisen. Zuerst ging es von Bukarest mit dem Zug nach Tulcea und dann weiter mit dem Boot nach Sulina.

Nachdem man Tulcea verlassen hat, tauchen links und rechts der Donauufer eher kleinere Siedlungen auf, welche praktisch fast nur über den Wasserweg erreichbar sind. Nach dem Anlegen am späten Nachmittag, begrüßte mich gleich mein Übersetzer, welcher mich später treffen wollte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Wir trafen uns dann in einer Bar direkt an der Uferpromenade der Donau und er bot mir an Gespräche mit unterschiedlichen Akteuren in Sulina bzw. verschiedenen Dörfern im Delta zu ermöglichen. Er lud zu dem Gespräch auch eine lipowanische ältere Frau und den ehemaligen Präsidenten der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina zeitversetzt ein und ich bekam den ersten Eindruck, dass Interviews in Rumänien anders funktionieren als in Österreich. Dieses erste Gespräch mit diesen Menschen, so meinte mein Übersetzer, dient zum „Warmwerden“. Die Menschen müssen zuerst vertrauen schöpfen, um dann später, bei einem weiteren Treffen in den nächsten Tagen, mehr Dinge von sich preiszugeben.

Nach diesem ersten Tag bin ich nun zuversichtlich einen Zugang zu Lipowanern in Sulina im Laufe des Field Trip herstellen zu können und bleibe gespannt wie sich die Forschungsreise entwickeln wird.

Tag 8: Farewell, Sarajevo!

On our final day, before leaving the city, we visited two important museums. The first one, The Historical Museum, is located on the prominent axis of Sarajevo, Zmaja od Bosne. The building is a simple, floating volume covered with stone cladding. It’s architecture is strongly influenced by Mies van der Rohe. The exhibition focused on the Siege, showing all sorts of items used in daily life, hand-crafter weapons, international newspapers informing about the situation in the city and lot of photos.

The second one was right next to the airport and it’s called Tunnel of Life. It follows an exciting story of an 800m long tunnel, that was secretly built underneath the Sarajevo airport and helped to transfer food, medicine into the city or help refugees escape the siege. We all agreed that the quality of the exhibition was questionable – it consists of a 16 minute-long movie that was more of an action film than a documentary, very brief exhibition showing several items and uniforms and a 25 meters long part of the tunnel itself. For an element that prominent, since it vastly contributed to survival of the whole city, this tunnel would deserve a more dignifying museum. 

As our journey comes to an end, we can say that it was an intensive, stimulative trip which made us rethink many things about Sarajevo that we initially thought. During the semester we were focusing on the siege, war and violence, whereas what we realised already on the second day is that that’s exactly what people in Sarajevo can’t stand to listen anymore and want to focus on positive message. Some things just can’t be seen from afar and needed to be examined on site, as this trip clearly shows.

At the very end we want to sincerely thank all those people in Sarajevo that made us feel very welcome and helped us with our research trip. But our biggest thanks go to the whole future.lab team for making this awesome experience possible.

Tag 7: Escaping town, escaping history

An diesem Tag entschlossen wir uns, die Umgebung von Sarajevo zu erkunden, um den Geist und das Herz der Stadt besser zu verstehen.

Kozija Cuprija war der erste Ort, den wir über Güterwege und alte Straßen erreichten. Kozja Cuprija ist eine Steinbrücke über den Fluss Miljacka, ein paar Kilometer östlich des alten Zentrums von Sarajevo, erbaut im 16. Jahrhundert. Die Brücke ist Teil der Carigrader Straße, die während der osmanischen Herrschaft von Sarajevo in die östlichen Teile des Reiches bis nach Konstantinopel zog. Die Kozja Cuprija ist eine der vier alten osmanischen Brücken in der Stadt, die noch erhalten sind.

Mit der Seilbahn gelangten wir auf den Hausberg Sarajevos, den Trebević. So konnten wir uns einen Blick über die Topographie und Stadtstruktur des östlichen Teils der Stadt machen. Abgesehen von einem herausstechenden Wolkenkratzern, einer handvoll Hochhäusern und kleinen Siedlungen mit Mehrfamilienwohnhäusern, wird diese Stadt von Einfamilienhäusern dominiert, welche quer über die Hänge verstreut sind. Der avantgardistische österreichisch-ungarische Städtebau um 1900 wurde nicht bis ins 21. Jahrhundert weitergetragen. Heute investieren österreichische Firmen vielmehr in sehr dichte Wohnbauprojekte ohne soziale Infrastruktur, um jeden Quadratmeter finanziell auszuschlachten.

Nach der Ankunft bei der Bergstation des Trebevićs, erkundeten wir die 400m lange Bobbahn, die für die Olympischen Spiele 1984 errichtet wurde und während der Belagerung im Herrschaftsgebiet der serbischen Truppen lag. Jetzt ist die halbzerfallene Bobbahn mit Graffiti und wuchernder Vegetation überseht, eine Augenweide der Vergänglichkeit. Durch die seit April in Betrieb gegangen Seilbahn ist sie auch leicht erreichbar für Touristen und somit bereits vom Geheimtipp zum Bestandteil jeder herkömmlichen Sarajevoreise geworden.

Wir gingen weiter zum Hotel Pino Nature, das vom Architekten Sirkovec Amir Vuk-Zec entworfen wurde. Das Hotel soll dem Trebević den alten Glanz der Olympischen Winterspiele wieder zurückbringen, welches der Berg noch immer für die Sarajile hat. Das Hotel liegt in einem Pinienwald, in der Gegend des ehemaligen Lieblingsortes der Sarajlije, dem Hotel Prvi Šumar.

Die Rückkehr auf das Straßenniveau machte uns Unbehagen und so begaben wir uns in den etwas schwer zu findenden 10. Stock eines Hotels an der Maršala Tita Straße, dem höchsten Gebäude -so far- im Zentrum der Altstadt.

Danach besuchten wir das War Childhood Museum, dessen Ausstellungsstücke ausnahmslos gesammelte Erinnerungsstücke an den Krieg beinhaltet. Diese sind persönliche Erinnerungen von Personen, welche damals Kinder waren. Trotz der gelungenen Gestaltung machte und die Ausstellung hauptsächlich traurig. Anna empfand, dass man den Fokus auf die Kindheit noch weiterdenken könnte und z.B. den vor dem Museum spielenden Kindern einen Spielplatz zur Verfügung stellen könnte.

Die eigenen Kindheitserinnerungen während des Krieges kehrten zu Marijana zurück und sie erzählte uns, wie sie als Kind auf den Straßen und in den Kellern spielte. Anna kamen diese Erzählungen sehr bekannt vor. Ihre beiden Omas hatten im 2. Weltkrieg Ähnliches erlebt. Dies brachte uns zur Konklusion des Tages, dass sich die Geschichte im Kreis zu drehen scheint. Vielleicht können wir dem Loop eines Tages entkommen…

Tag 6: The search for beauty goes on

This day was one of the most productive ones during the whole research trip, as we managed to analyse up to three different areas. This time we didn’t choose any places that we’ve never been to, but rather areas that were already known to us.

The first one is located around Pijaca Markale,  an open air market, infamous for two mortar bombardments that took place in February 1994 and August 1995, killing 68 civilians and injuring many more. That is why the war remembrance has a strong presence here, especially in form of Sarajevo roses, memorial plaques or a genocide museum. The plaques often use a term ‘Serbian criminals’, which only demonstrates the fact, that the war never really ceased to exist and that only the weapons disappeared. There were a lot of people wandering through the promenade, since it was a very pleasant Saturday day.

The second one is situated around two important buildings – Marijin Dvor and Sarajevo City Center. The first one is important because of it’s history, as it’s the first closed block in Sarajevo, built by an Austrian entrepreneur August Braun. It has a very convenient inner courtyard with three large, old plane trees. Organisers of ‘Dani arhitekture’ festival focused on this space in 2014, when they rented an apartment in this block. That lead them to realise that the courtyard is actually a public space and they tried to network it’s inhabitants. As a result of this experiment, a nice bench shaped like the block was created and installed in the space. Who knows how many inner courtyards with such qualities are there in Sarajevo to discover. The other important place, Sarajevo City Centre, is actually a shopping centre. Possibly it is a very popular space, as it was quite crowded during the day and it possibly belongs to an muslim investor, as no alcohol was sold in the grocery shop in the basement level. The whole area behind the shopping mall looked very empty and untouched, possibly awaiting to be redeveloped in a similar, commercial fashion.

The final focus area was even further away from the centre, in the modernistic part of the city, next to the Holiday Inn Hotel. As a typical modernistic urban structure, the spaces between buildings are much broader, giving them sort of an iconic look. This corresponds with their functions, because apart from a hotel, there was also a school of philosophy, a technical school and the National Museum –  with a lot of parkings spaces in between.

Tag 5: Die Entdeckung der Schönheit Sarajevos

Wir haben es endlich geschafft und sind zum letzten unserer 6 ausgewählten Schauplätze gefahren: in das Viertel Grbavica. Die exakt gleiche Planung aus dem Jahre 1948 existiert auch im serbischen Novi Sad, ein weiteres Indiz eines modernistischen copy-paste Städtebaus. Bis 1992 galt Grbavica als modernes Nobelviertel, in welchem viele Offiziere wohnten. Während der Belagerung wurde es stark umkämpft und schliesslich von den serbischen Truppen eingenommen. Demnach erwarteten wir uns ein zerschossenes Ghetto…

Promenade am zerschossenen Gebäude

Wir verglichen unser Foto von der Belagerung mit der aktuellen Situation und mussten feststellen, dass vor allem das Stadion, wieder so rekonstruiert wurde, wie es vor dem Krieg war. Die Wohnblock wurden großteils renoviert, nur bei einigen wenigen sind die Einschüsse noch zu sehen. Geschockt waren wir, als wir im 10. Stock noch die schwarzen Plastikplanen erkannten, welche man während der Belagerung statt den Fensterscheiben anbrachte, damit in der Nacht nicht die Wohnraumbeleuchtung nach aussen drang. Ansonsten stellten wir fest, dass man die Belagerung an diesem Ort nicht mehr spürt. Das Viertel ist zwar definitiv arm, aber es wird gerade an einer neuen Strasse gebaut, die zum Teil auch schon fertig gestellt ist und zu unserer großen Überraschung eine Fahrradspur beinhaltet. (Anm.: Wir haben heute den 20. Fahrradfahrer in der Stadt gezählt.)

Obwohl das Viertel (und in einem kleineren Ausmass die gesamte Stadt) ein Parkplatzproblem hat, da das Stadtbild von PKWs dominiert wird, waren einige Innenhöfe zwischen den kreuz und quer gestellten Wohnblock sehr idyllisch. Von angepflanzten Blumenbeeten, über neu asphaltierte Wege bis zu überwucherten Gstetten haben wir alles gefunden.

grüner Innenhof die Überwucherung

Nachdem wir wieder eine Reise ins Ungewisse machten (an Bushaltestellen gibt es keine Informationen ob wann welcher Bus kommt) und uns so Richtung Zentrum begaben, fuhren wir dort angekommen mit dem Mapping fort. Während in der untersuchten Zone die Zmaja od Bosne durch den Autoverkehr beinahe zu einer unüberwindbare Barriere wird, kann man in den Parallelstrassen wunderschöne Ausblicke auf den von kleinen Häuschen gesäumten Gegenhang erhaschen oder im Park neben der Moschee dem Plätschern des Kanals, der beinahe den Autolärm übertönt lauschen.

beauty of Sarajevo

 

Zurück in Wien – unser Fazit

Heute morgen sind wir drei wieder nach Wien zurückgekehrt. Damit ist der erste Teil unseres Projektes, die Forschungsexpedition nach Belgrad, zur Erforschung des öffentlichen Raumes in Kaludjerica, beendet. Es wartet aber noch viel Arbeit auf uns, wie wir im gestrigen Blogeintrag anklingen ließen. Während der letzen sieben Tage haben wir versucht so viele Eindrücke und Meinungen wie möglich in Kaludjerica zu sammeln. Insgesamt blicken wir sehr positiv auf unsere Forschungsexpedition zurück. Obwohl wir etwas überfordert in Belgrad ankamen, fanden wir sehr schnell Zugang zur Siedlung und deren BewohnerInnen. Wir lernten sehr hilfsbereite und nette Leute kennen, die viel zu unserem Verständnis der Siedlung beitrugen. Mit so viel Offenheit und Interesse hätten wir nicht gerechnet. Überraschenderweise war es viel einfacher als erwartet, Anschluss zu finden, obwohl uns die BewohnerInnen von Kaludjerica anfangs eher skeptisch gegenüberstanden.

Insgesamt besuchten wir die Siedlung fünf mal, wir durchquerten sie mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Bus. Wir schossen zirka 900 Fotos, nahmen fast vier Stunden Audiomaterial bei Gesprächen und Interviews auf. Diese führten wir auf drei verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch und Serbisch. Wir führten Interviews mit den ExpertInnen Prof. Eva Vanista Lazarevic und Vladimir Parezanin, den BewohnerInnen Danijela, Mladen und Sladjana, sowie den Angehörigen der Kirchengemeinde Djordje und Jovan, die sich beide aufgrund ihrer Arbeit sehr gut mit der sozialen Struktur der Siedlung auskennen.

Wir haben nun nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl die Vorgänge und Strukturen in der Siedlung sehr gut zu verstehen. Den öffentlichen Raum in Kaludjerica kann man auf zwei Ebenen betrachten. Einerseits als den klassischen institutionellen öffentlichen Raum, also Plätze, Märkte, die Kirche, den Friedhof, Spielplätze, usw., der zum Großteil in den letzten Jahren geschaffen wurden um die Siedlung aufzuwerten. Andererseits als jenes nachbarschaftliches Zusammenleben, durch das die lange Nicht-Existenz der oben genannten Treffpunkte kompensiert wird. Das gesellschaftliche Leben und die Öffentlichkeit in dieser Siedlung funktioniert wohl noch immer sehr niederschwellig über Nachbarschaftstreffen in privaten Gärten, gemeinsames Essen und Trinken nach der Kirche, am Vorplatz des Supermarktes reden usw., also klassisches dörfliches Gemeinschaftsleben.

In den nächsten Wochen werden wir euch weiterhin über die Aufarbeitung unserer Forschungsergebnisse auf dem Laufenden halten und euch im Herbst unsere Ergebnisse präsentieren. Wir werden dazu einen kleinen Radiobeitrag in der Architektursendung A Palaver auf Radio Orange produzieren und gemeinsam mit den anderen Fieldtrips Teams die Publikation Fieldtrips 3 des Future Labs gestalten.

Also bleibt dran – es geht spannend weiter…

Vielen Dank für euer Interesse und bis bald!!

Hannes, Danijel und Rafael

Der letzte Tag in Kaluđerica

Der letzte Tag unserer Forschungsreise nach Belgrad ist vergangen und verbrachten ihn natürlich wieder in Kaludjerica. Wir versuchten in Kontakt mit den BewohnerInnen der Siedlung zu kommen, um die Forschungsergebnisse, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben zu überprüfen und außerdem noch weitere Details herauszufinden. Wir sprachen deswegen mit Schülern in einer Bäckerei über ihre Treffpunkte und mit einer Kellnerin in einem Café über die BewohnerInnen der Siedlung. Die Schüler erzählten uns, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem vor den beiden größeren Grundschulen in Kaludjerica treffen oder in den Gärten ihrer Eltern. Die Kellnerin empfahl uns ein weiteres Mal in ihr Café zu kommen, und zwar früh am Morgen, um mit älteren BewohnerInnen zu reden. Diese Aufgabe müssen wir leider Danijel übertragen, der im Juli wieder nach Belgrad kommen wird. Wir hatten unmittelbar danach aber ohnehin ein Gespräch mit einem älteren Bewohner der Siedlung, nämlich mit Mladen, einem serbokroatischen Einwanderer, den wir am Samstag in der Kirche kennengelernt hatten. Er wohnt schon seit fast 40 Jahren in Kaludjerica und erzählte uns bereitwillig von der Geschichte der Siedlung und den früheren Treffpunkten, beispielsweise von der ehemaligen Kegelbahn am heutigen Schulgelände.

Danach dokumentierten wir eine der größten Bauruinen in der Siedlung, von der wir annehmen, dass sie von Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wird und außerdem die Busstationen der Linie 309, die die Verbindung nach Belgrad darstellen und um die sich deshalb auch kleinere Zentren mit Geschäften und Verkaufsständen entwickelt haben.

Obwohl wir heute den letzten Abend in Belgrad verbringen und wir eine intensive Forschungswoche hinter uns haben, ist die Arbeit damit natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Interviews die Danijel auf Serbisch geführt hat müssen übersetzt und unsere Forschungsergebnisse dokumentiert und verarbeitet werden. Außerdem werden wir weiter Informationen zusammentragen. Danijel wird im Juli ein weiteres Mal nach Kaludjerica kommen, um dem Tipp der Kellnerin, mit den älteren BewohnerInnen im Café zu sprechen, nachzukommen. Außerdem werden wir von Wien aus noch ein letztes Interview mit Tiana, einer Architekturstudentin, die in Kaludjerica aufgewachsen ist, führen. Sie hatte leider unser heutiges Interview kurzfristig absagen müssen.

Es ist ein komisches Gefühl morgen nach Wien zurückzukehren. Die Woche in Belgrad war echt spannend, vielfältig und es gab viele Gelegenheiten Rakia zu trinken (vor allem mit den Interviewpartnern…), wir haben viel erlebt und einige neue Erfahrungen gemacht. Während unseres Aufenthaltes gab es Ups and Downs, sowohl was unseren Anspruch an den Erwartungen der Reise, als auch die Dynamiken in der Gruppe betrifft, was aber bei so einer intensiven Reise normal ist.

Unser letzter Tipp ist keine Literatur, sondern die Empfehlung euch die Stadt Belgrad (und vielleicht auch die Siedlung Kaludjerica) selbst anzusehen. Die Stadt ist von Tourismus noch sehr unberührt, wirkt sehr lebendig und nicht angepasst. Wie ihr seht lohnt es sich ihr einen Besuch abzustatten…

Im Labyrinth von Kaluđerica

Auch der sechste Tag unserer Forschungsreise neigt sich dem Ende zu. Damit bleibt uns nur noch ein Tag in Belgrad – am Freitag früh machen wir uns auf den Rückweg nach Wien. In den letzten Tagen haben wir viel erlebt, erforscht und dokumentiert.

Heute stand nach einem kurzen Besuch in der Belgrader Innenstadt die nähere Erforschung Kaludjericas am Plan. Nachdem uns gestern Danijela und Sladjana im Gespräch erzählt haben, dass sie als Kinder oft in Ruinen spielten, und wir bei unserer ersten Ankunft in Kaludjerica ebenfalls Kinder in einer Häuserruine spielen sahen, fanden wir es wichtig diese informellen öffentlichen Freiräume, die sich Kinder aneignen, zu finden und zu kartografieren. Mit einer Karte ausgerüstet durchquerten wir die Siedlung auf der Suche nach diesen Plätzen und wurden fündig! Über die ganze Siedlung verteilt stehen unvollendete Häuser. Laut den Friseurinnen gibt es in Kaludjerica zu wenig Orte für Kinder und diese sind alle im Zentrum der Siedlung. Deswegen spielen die Kinder in den Bauruinen. Da die informelle Bautätigkeit von Seiten der Stadt Belgrad beendet wurde, gibt es heute aber nicht mehr so viele unvollendete Häuser wie früher.

Bei der Durchquerung der Siedlung, fanden wir außerdem ein verstecktes Freibad auf das uns die Friseurinnen hingewiesen haben, außerdem Bienenstöcke (urban beekeeping), einen landwirtschaftlichen Betrieb (urban farming) im Zentrum der Siedlung und die Kanalisation Kaludjericas, den Bach der die Siedlung durchkreuzt. Heute wurde uns die labyrinthische Wegstruktur der Siedlung mehrmals zum Verhängnis. Die zahlreichen Sackgassen und schlechte Kartierung wurden uns erst heute so richtig bewusst.

Der heutige Lesetipp “Informelles Wohnen als Routine? Multiple urbane Transformationen in der Agglomeration Belgrad: Das Beispiel Kaludjerica” von Daniel Göhler, Marija Bamberg, Ivan Ratkaj, und Danica Santic befasst sich mit der Entwicklung informeller Siedlungen im ehemaligen Jugoslawien und im speziellen mit der Entwicklung von Kaludjerica. Wenn euch das Thema Informalität im Bezug auf den Wohnraum interessiert seid ihr mit diesem Text gut aufgehoben.

Do skorog vidienja, s postovanjem / bis bald und liebe Grüße!

Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

Kaluđerica aus einem anderen Blickwinkel…

Wir haben heute versucht die vielen Eindrücke vom gestrigen Tag in Kaludjerica zu verarbeiten und zu besprechen und außerdem Material für die nächsten Tage vorbereitet. Genauer gesagt haben wir Interviewfragen vorbereitet und eine Karte erstellt, die wir gemeinsam mit den BewohnerInnen von Kaludjerica ausfüllen wollen um eine Verortung der öffentlichen Treffpunkte und Zentren in Kaludjerica zu ermöglichen. Genaueres dazu werdet ihr von uns in den nächsten Tagen erfahren.

Am Nachmittag haben wir uns erneut nach Kaludjerica begeben, allerdings diesmal mit dem Auto. So konnten wir einerseits die Siedlung großflächiger observieren und sie andererseits mit demselben Fortbewegungsmittel erreichen und durchfahren, mit dem die meisten BewohnerInnen das tagtäglich tun. Wir haben so das gesamte Ausmaß der Siedlung erlebt, vom Übergang Kaludjericas zu den angrenzenden Gemeinden bis zu den unzähligen Sackgassen, die uns diese „Stadtrundfahrt“ erschwert haben. Dabei konnten wir weitere Besonderheiten entdecken, wie zum Beispiel die Vielschichtigkeit der Siedlung. Es gibt klare Unterschiede zwischen dem Zentrum Kaludjericas, das wir gestern bereits intersiv erforscht haben, und der „Pheripherie“, wie beispielsweise die Größe und Gestaltung der Häuser, aber auch der Infrastruktur und der öffentlichen Räume, die am Rand der Siedlung kaum mehr zu finden sind, zumindest nicht in jener Qualität, die wir gestern rund um die Schulen und die Kirche ausgemacht haben.

Wir werden immer vertrauter mit der Siedlung und finden uns bereits gut zurecht. Überrascht sind wir immer noch, über die Ähnlichkeit zu typischen österreichischen Vorstadtsiedlungen und. Teilweise gibt es in Kaludjerica sehr charmante und qualitätsvolle Straßen, was wir im Zuge der Vorbereitung so nicht erwartet hätten. Allgemein stellt sich uns die Frage ob man Kaludjerica in seiner heutigen Form überhaupt noch als illegale beziehungsweise informelle Siedlung bezeichnen kann, es hat sich hier in den letzten Jahren offenbar sehr viel verändert.

Wir haben Kaludjerica gestern mit einem Stadtspaziergang intensiv erforscht und waren heute mit dem Auto in der Siedlung unterwegs. Die gegensätzlichen Wahrnehmungen die durch das unterschiedliche Fortbewegen in (öffentlichen) Räumen entstehen, werden im heutigen Literaturtipp, „Warum ist Landschaft schön? : Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, anhand von Beispielen beschrieben.

Ankommen in Belgrad

Nachdem wir dank Danijel gut in Belgrad angekommen sind hatten wir nach einer kurzen Nacht zu Mittag unser erstes Interview mit Professorin Eva Vanista Lazarevic – Leiterin des Städtebau Institutes an der Belgrader Fakultät für Architektur und Beirätin im serbischen Ministerium für Stadtentwicklung.

Ursprünglich war geplant das Interview in Englisch abzuhalten, jedoch nach kurzem Besprechen meinte sie es wäre für den Inhalt besser wenn wir es auf Serbisch führen würden, also sprang Danijel spontan ein und übernahm das Interview. Zu unserer Überraschung war Prof. Vanista Lazarevic informellen Siedlungen in Belgrad gegenüber eher negativ eingestellt. Sie sieht diese als Problem der Vergangenheit, das großes Chaos verursacht. Am Ende bekamen wir auch einen Literaturtipp von ihr über Kaludjerica, welche wir uns gleich an der Fakultätsbibliothek ausleihen konnten. Alles in allem verlief unser erstes Interview weniger holprig als befürchtet. Das Aufnahmegerät funktionierte bestens und Prof. Lazarevic war sehr bemüht uns weiterzuhelfen.

Der heutige Buchtipp ist Formal / Informal: A Research on Urban Transformation, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, genauer gesagt das Kapitel “Brick and Gold” verfasst von Milica Topalović. Passend zum heutigen Interview mit Prof. Vanista Lazarevic reflektiert der Beitrag den Umgang der legalen Bevölkerung und Leitenden Personen in der Stadtregierung mit (vermeintlich) dort illegal lebenden Personen. Ein interessanter Beitrag, der den Status dieser BewohnerInnen gut veranschaulicht.

Abseits des Interviews war unser heutiger Tag geprägt vom Ankommen in Belgrad. Wir investierten mehr Zeit in Vorbereitungs- und Organisationsarbeit. Die Stadt tickt anders als Wien – das betrifft das Organisieren von Bustickets, Ausdrucken von Forschungsmaterial und das Fortbewegen in der Stadt. Morgen werden wir am Morgen (ohne Danijel, weil er die Siedlung ja schon kennt) zum ersten Mal nach Kaludjerica fahren und die Siedlung mit einem Spaziergang zu entdecken um erste Eindrücke zu sammeln. Wir sind schon gespannt wie es dort werden wird!

Grüße aus Belgrad!

Die Reise ins Ungewisse

Jetzt ist es also soweit, unser Fieldtrip in die „Weiße Stadt“, wie Belgrad auf Serbisch heißt, hat begonnen. Dies ist der erste Versuch, euch an unseren Gedanken und Gefühlen, die wir über die Reise haben, teilhaben zu lassen. Wir werden euch über die nächsten acht Tage täglich mit „frischen“ Blogeinträgen über verschiedenste Erlebnisse, Eindrücke und natürlich unsere Forschung aus Belgrad versorgen, damit Ihr unsere Reise hautnah miterleben, aber vor allem auch nachvollziehen könnt was wir hier erleben.

Warum starten wir unsere Blogserie mit dem Titel „Eine Reise ins Ungewisse“?
Wir fühlen uns etwas wie die Vorhut der anderen Field Trip Teams, immerhin ist dies die erste Forschungsreise der diesjährigen Serie. Die letzten Wochen sind sehr schnell vergangen und wir sind uns nicht sicher was uns genau in Belgrad erwarten wird. Immerhin hat Danijel uns vor dem Abflug noch eine Aufgabe gegeben: „Nehmt drei Flaschen österreichischen Schnaps und zwei Mozartkugeln als Geschenke für die Interviewpartner mit“. Notfalls können wir sie wohl auch zur Bestechung serbischer BeamtInnen verwenden…
Als erste Forschungsgruppe können wir nicht auf die Erfahrungen der anderen Teams zurückgreifen, im Moment fühlt es sich eher so an, als ob wir ihnen umgekehrt zumindest übermitteln können, was man alles falsch machen kann.

Wir sind sehr gespannt was uns während der nächsten Tage erwartet und wie wir in der Siedlung Kaludjerica wahrgenommen und aufgenommen werden – wir sind gespannt ob uns die BewohnerInnen die erhofften Informationen zur Struktur und den öffentlichen Räumen in der Siedlung geben können? Wie werden wir die Siedlung wahrnehmen, die wir in den letzten Monaten intensiv von Wien aus erforscht haben?
Ihr seht – die Reise ins Ungewisse hat begonnen…

Eine kleine Besonderheit führen wir mit diesem Blogeintrag noch ein: Jeden Tag werden wir euch einen Buchtipp geben, über Lektüren, die uns bei der Vorbereitung auf den Field Trip sehr geholfen haben, und die unserer Meinung nach sehr informativ waren.
Der erste Tipp ist die Diplomarbeit von Laura A. Bürgermeister über „Informelle Siedlungen und Schwarzbauten in Belgrad“, erhältlich an der TU Wien Bibliothek. Sie liefert in ihrer Arbeit fundiertes Backgroundwissen über informelle Bauten in Belgrad, besonders die in Kaludjerica, für all diejenigen die sich dafür interessieren.

We will keep you updated!

Bucharest: Public life in protest

We are Anna and Sarah, urban planning and architecture students, looking forward to our journey to Bucharest in September 2018. Our research focus is on the romanian capital, its public space and protest culture.

What we are interested in are the connections between public space and protests, demonstrations, marches etc. as one of the main uses of public space in Bucharest – if not the main, predominant one. We have already heard from Stefan Ghenciulescu that public life takes place mostly at home or in what we have started calling ‘privatised public spaces‘ like shopping malls. That was sort of the starting point for our research interest.

Our research pointed out that there are some spots in the city, where public space isn’t used on a daily basis. We think that these public spaces are often too big, monumental and politically charged to be adopted by individuals and small groups. We want to explore the meaning of those largely unused public spaces, focusing specifically on what we call spaces of power and propaganda. From what we‘ve read and again, from what Stefan has told us, we are wondering whether there‘s a continuity regarding those spaces: Once a space of power and propaganda, always a space of power and propaganda?

We know by now that many of those public spaces have been built in the Ceausescu era, with the very specific purpose to show the power of the party, but especially Ceausescu‘s power over the people and to have spaces to be able to address and control them. So this is why we have formulated the hypothesis/assumption that those spaces might not only be too big in their dimensions and too unflexible but also a reminder of the past and this is why people might be hesitant to use them. Protests, demonstrations and marches might be the only possible ways to use and (re-)appropriate those spaces due to the large number of people involved.

Another reason for the lack of use of these politically charged public spaces could also be that people have become used to living their public lives at home, at other people’s homes or in shopping malls, so that they don’t even consider using actual public spaces in the city. But why is there this vacuum of use of public space?

This is what we want to investigate – with a focus on the role and function of protests in public spaces.

Looking forward to seeing and reading you soon on our blog!

Anna & Sarah

image source: Vlad Petri – http://www.vladpetri.ro/portfolios/proteste/

Aktivismus und öffentlicher Raum

Die zweitgrößte Stadt Rumäniens und Hauptstadt der Region Siebenbürgen ist das Ziel unserer Forschungsreise. Cluj hat sich seit dem Ende des Ceaușescu-Regimes 1989 stark gewandelt und hat internationale Bekanntheit vor allem durch eine renommierte Kunstszene erlangt. Dabei geht die starke Kunstszene aus einer aktivistischen Szene hervor, die in den 1990er Jahren den damaligen nationalistischen Strömungen entgegentreten wollte. Gleichzeitig ist Cluj historisch bedingt stets von verschiedenen kulturellen Einflüssen geprägt worden. Die verschiedenen Epochen und politischen Phasen haben sich sowohl architektonisch manifestiert als auch deutliche Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen, die bis heute sichtbar sind. Bis heute ist der Aktivismus wesentlicher Bestandteil des Stadtgeschehens von dem angenommen wird, dass er ebenfalls den öffentlichen Raum stark geprägt hat.

Der Frage ob und in wie fern, der Aktivismus auch heute noch den Raum in Cluj prägt, werden wir, Kati (Architektur), Moni (Architektur) und Sophia (Raumplanung & Raumordnung) im Zuge unserer Forschungsreise nachgehen.

Schaut mal wieder vorbei.

Eure Kati, Moni und Sophia

Bildquelle

Kaluđerica – Öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität

Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Blogeintrag zum Thema Informelles Bauen in Belgrad!

Kurz zu unserer Gruppe: Wir sind drei Architekturstudenten – Rafael Essl (24), Danijel Obradovic (25) und Hannes Schachner (24). Da wir alle drei aus der Architektur kommen haben wir bisher noch nicht so viel Erfahrung mit der Untersuchung von öffentlichen Räumen gemacht, wir sind aber motiviert uns dem Thema zu stellen und Euch an unseren Fortschritten und Erkenntnissen teilhaben zu lassen!

Unser Thema: Nachdem wir uns länger mit Belgrad und dessen unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Raumes, welche für uns zu untersuchen wert schienen, beschäftigt haben (Welche es noch gab wird später in einem eigenen Blogeintrag beschrieben, da Belgrad da einiges zu bieten hat), haben wir uns schlussendlich auf das Thema des informellen Bauens am Stadtrand von Belgrad spezialisiert. Wir beschäftigen uns genauer gesagt mit der größten dieser Siedlungen – Kaludjerica im Südosten der Stadt und werden dort den öffentlichen Raum analysieren. Was uns ebenfalls sehr helfen wird ist, dass Danijel direkt aus Belgrad kommt und uns sehr mit seinem Vorwissen hilft und natürlich auch wenn es um das Ansprechen von Partnern vor Ort geht.

Anbei ist das Abstract unseres Forschungsantrages für die Stadt Wien, bei der wir Fördermittel für eine Forschungsreise beantragen werden. Das Abstract gibt einen guten Überblick über die Geschichte Belgrads, wie informelle Siedlungen am Stadtrand entstehen konnten und was unsere Motivation dahinter ist. Viel Spaß beim Lesen!

“Belgrad, zu Deutsch die “weiße Stadt” und heutige Hauptstadt Serbiens ist gezeichnet von einer über 2000 Jahre zurückreichenden Geschichte. Die Stadt, gelegen an der Mündung von Save und Donau liegt seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Besetzung der Osmanen und der Habsburger, sowie der Stellenwert den Belgrad als Hauptstadt des kommunistisch geführten Jugoslawiens einnahm, und zuletzt dessen Zerfall hinterließen tiefe Spuren in der Stadtmorphologie, welche noch heute sichtbar und im Stadtbild omnipräsent sind.

Ein Beispiel dieser prägenden Gebiete stellen informelle Siedlungen am Rande Belgrads dar, insbesondere die größte Siedlung dieser Art, Kaludjerica im Südosten der Stadt.

Entstanden durch die Parzellierung von Ackerland im Kommunismus entwickelte sich die Siedlung in den 1990er Jahren zur größten illegalen Siedlung am Balkan. Der Jugoslawienkrieg und dadurch ausgelöste Flüchtlingsströme gepaart mit einer überforderten Politik und fehlender stadtplanerischer Vorkehrungen führten zu einem rasanten Anstieg illegaler Bauten. Von der Politik weitestgehend ignoriert, konnte sich die serbische Mittelschicht Kaludjerica aneignen. Gerade deswegen ist diese Siedlung mit anderen informellen Siedlungen abseits von Europa nicht vergleichbar.

Der öffentliche Raum ist in Kaludjerica einer der brisantesten Aspekte den es zu erforschen gilt. Auf den ersten Blick ist dieser kaum fassbar, er existiert nur als Verbindung zwischen privaten Grundstücken, oder als Vorplatz vor wenigen öffentlichen Gebäuden. Diese Forschungsreise stellt den Anspruch zu untersuchen, wie sich öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität zeigt, in welcher Form sich dieser entwickelt hat, und wie dieser verwaltet wird.”

Wir hoffen Ihr konntet Euch einen ersten Überblick über unser Projekt machen – bis bald,

Team Informelles Bauen in Belgrad

Von einer Dusche im Bus zu einem Haus am Meer.

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Zwei

Den heutigen Expeditionstag beginnen wir mit einem Spaziergang in den Straßen und Plätzen des historischen Athens.

Die Formation der Plätze bilden in Beziehung zu den umliegenden Bauwerken wie z.B. dem Parthenon, ein Dreieck. Vom Syntagma Platz im Osten begeben wir uns über die Einkaufsstraße Ermou in Richtung der Metrostation Thissio. Der Spaziergang wird mit zwei Kameras und einem Tonaufnahmegerät dokumentiert.

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Drei Wochen vor unserer Ankunft war die Ermou Street Schauplatz einer Demonstration gegen die Festnahme einer Studentin, außerdem wurde gegen die Geschäftsöffnungszeiten an Sonntagen protestiert. Während der Demonstration wurden einige Schaufenster der Geschäfte zerstört. Davon ist heute nichts mehr viel zu sehen. Die Läden, die die eingeschlagenen Scheiben noch nicht ausgetauscht haben, verstecken die gesprungenen Scheiben unter Aufklebern für aktuelle Rabattaktionen.

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In der Nähe der Metrostation Thissio verkaufen einige Menschen gebrauchte Gegenstände am Straßenrand. Die Waren sind auf einer Decke ausgelegt. Im selben Moment, in dem wir passieren kommen vier Polizei Motorräder mit Blaulicht auf sie zugefahren. Die Händler packen eilig ihre Sachen zusammen. An vielen Ecken in Athen werden Dinge angeboten – eine Genehmigung dafür gibt es vermutlich in den meisten Fällen nicht.

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Unser Spaziergang führt uns weiter: Nun von Thissio im Westen des Stadtgrundrissbestimmenden Dreiecks nach Omonia, der nördlichen Spitze. Dort sind wir um 14:00 Uhr mit der Architektin Nelly Sfakianaki verabredet. Auf halber Strecke liegt der Platz Koumoundourou – die Szenerie erweckt unserer Aufmerksamkeit. Vor der Parteizentrale der derzeitigen Regierungspartei Syriza stehen viele Polizisten und auf dem Platz steht ein Bus. Wir schauen ihn genauer an – die Aufschrift des Busses und die sich davor versammelnden Menschen lässt  seinen Zweck erahnen. Es ist ein mobiler Bus, der obdachlosen und Drogenabhängigen Menschen eine Möglichkeit bietet sich zu waschen und mit Medikamenten versorgt zu werden.

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Im Bus kommen wir ins Gespräch mit Simona. Sie ist Psychologin und die Ansprechpartnerin für die Nutzer und Nutzerinnen des Busses. Gerne würden wir sie interviewen und Photos machen. Dafür müssen wir uns aber erst die Erlaubnis der Dachorganisation Praksis einholen. Die Arbeit mit marginalisierrten Gruppen und mobilen Busen erinnert uns an Projekte in Wien. Wir werden wiederkommen und uns genauer mit dem Bus und dem Platz beschäftigen.

Für unsere nächste Verabredung mit Nelly sind wir auf Grund unserer spontanen Entdeckung spät dran. Wir begeben uns vor das Shopping-Center Hondras am Omonia Platz und warten auf sie. Nelly hat bei einem Projekt mitgewirkt von dem sie denkt es würde in unsere Forschungsarbeit passen. Wir wissen bislang nur, dass es ein Projekt im „Public Space“ ist. Alles andere sollen wir gleich erfahren.

Die Gegend um den Omonia Platz wirkt heruntergekommen. Sexarbeit und Drogenkonsum prägen das Bild des Viertels. Es ist dringend nötig, dass hier mehr gemacht wird, sagt die Architektin – doch dafür fehlt Geld oder Energie.

Wir laufen durch eine enge Straße, die auf den kleinen Park zuläuft den Nelly uns zeigen möchte – neben uns reinigt ein Mann in gekauerter Haltung eine Heroinspritze.

Nelly ist 37, selbständige Architektin, und wollte etwas verändern „einfach etwas machen, statt zusehen“– so hat sie sich mit anderen Menschen zusammengetan, um den Park in dem wir jetzt stehen auf einer Brache zu initiieren. Hätten sie es nicht getan, wäre womöglich an diesem Ort auch ein Parkplatz, wie üblicherweise auf den Brachen in Athen. Für Nelly ist es eine Premiere. Sie sieht den fertiggestellten Park auch zum ersten Mal. Aus persönlichen Gründen konnte die Architektin nicht bis zur Fertigstellung an dem Projekt teilnehmen – nun ist sie sehr glücklich den begrünten Park zu sehen.

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Entstanden ist ein offen zugänglicher Platz mit grünem Rasen und einigen Palmen und Blumenbeeten. Sitzbänke und Sträucher gibt es nicht. Eine bewusste Entscheidung. Junge Männer liegen auf dem Rasen, ein älterer Mann wäscht sich am Wasseranschluss der Rasenbewässerung. Die Verwaltung des Parks liegt nun in der Hand der Stadt.

Wir fragen uns: Was kann dieser Park in der Nachbarschaft ändern? Kann  er die Identifikation mit dem Ort positiv beeinflussen? Regt er zum Mitreden an? Erzeugt er Reibung oder löst er Konflikte? Wie nachhaltig funktioniert er?

Nelly berichtet, dass die Treffen für die Initiative des Parks beim Kiosk von Synathina abgehalten wurden. Auf Synathina sind wir schon in unserer vorherigen Recherche gestoßen. Die Fäden laufen langsam zusammen. Nelly gibt uns weitere Kontaktdaten von Menschen die uns bei der Forschung behilflich sein könnten. Zufälligerweise ist eine Person davon für morgen mit uns verabredet.

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Nach einem Bier und Pita Souvlaki am Nahe gelegenen Imbiss verabschieden wir uns von ihr – sie ist ab Montag in Frankreich, am Donnerstag kommt sie wieder – vielleicht sehen wir uns dann noch einmal.

Die zweite Hälfte des Tages beginnt: Wir laufen zum Syntagma Platz. Unser Ziel ist das „Stavros Niarchos Foundation Cultural Center“. Ein kostenlosen Shuttelbus der Stiftung soll uns hinbringen..

Bei unserer Ankunft am Syntagma Platz ist der sonst üblich starke Verkehr am Syntagma Platz sehr ruhig – er steht nahezu still. Die Traube aus sich versammelnden Paparazzi klärt uns auf Nachfrage hin auf: Emmanuel und Brigitte Macron spazieren ebenfalls auf der Ermou Straße. Bald werden sie eintreffen. Vorher hielt der französische Präsident eine Rede vor griechischen Wirtschaftsvertreter*innen in SNFCC. Der Syntagma Platz ist in heller Aufregung als das Präsindentenpaar umringt von Bodyguards über den Platz schreitet. Wir setzen uns an die Bushaltestelle und schauen dem Treiben zu. Die sie umringenden Griechen jubeln den Macrons zu.

Es dauert eine Weile bis der Verkehr zu dem gewohnten Chaos am Syntagma Platz wiedergefunden hat – der Shuttlebus kommt und nimmt uns mit an die (ehemalige?) Peripherie der Stadt ans Meer. Dort angekommen sind wir beeindruckt von dem imposanten Gebäude – mitsamt Park hat es rund 670 Millionen Euro gekostet.

In dem Gebäude befindet sich die neue Staatsoper und die Nationalbibliothek – wichtige öffentliche Einrichtungen. Geldgeber und Inititor war aber nicht etwa der Staat – sondern die Stiftung des Reederers Stavros Niarchos. Das “Stavros-Niarchos-Foundation-Cultural-Center” wurde Anfang des Jahres dem Staat übergeben – ein Geschenk mit Prämissen.

Wenn der Staat die Qualitätsansprüche der Stiftung nicht halten kann, muss er zahlen und sich rückwirkend an den exorbitanten Baukosten beteiligen. In vier Jahren soll das Cultural Center komplett vom Staat betrieben werden. Das Programm des Centers ist momentan umsonst. Es werden Pilates, Running und weitere Aktivitäten angeboten. Der Park verfügt über dutzenden Installationen, die den Park aktiv erlebbar machen.

Eigentlich gibt es heute keine Führung auf Englisch. Doch eine Mitarbeiterin des SNFCC erklärt sich freundlicherweise bereit unseine private Führung durch den Park bis auf das Dach des Geäudes zu geben.

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Ein Verbindung der Stadt zum Meer gab es früher nicht – der Park und das Gebäude des international renommierten Architekten Renzo Piano stellen diese nun her. Der Park ist von der nördlichen / nordöstlichen Seite erschlossen. Die Eingänge des Parks knüpfen an die Straßen an die in die Stadt führen – vom höher gelgenen Teil des Parks sieht man wie die Pfade in die Stadt übergehen – insgesamt hat der Park somit 9  Eingänge. Der etwa 500m lange Park steigt auf eine Höhe von 32m bis über die Dächer der beiden Kulturbauten an. Am höchsten Punkt des Parks angelangt eröffnet sich dem Besucher und der Besucherin eine herausragende Aussicht bis zum ehemaligen Hafen Phalerum.

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Vom SNFCC-Gelände gibt es eine Rad- und Fußgängerbrücke über die breite dichtbefahrene Straße zur Faliro-Hafenbucht. Eine Besonderheit in der weitestgehend autogerechten Stadt Athen. Der Park ist umzäunt und Securities bewachen die Pfade des Parks.

Wir genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf das Meer bei einem Bier auf dem Dach des Gebäudes und begeben uns zum Ausgang des Parks in dem sich gerade Menschen versammeln, um gemeinsam unter freien Himmel einen Film zusehen. Heute Abend wird “Jenseits von Afrika” gezeigt.

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Filmvorführung – Parko – A documentary about a selforganized park in Athens (2015)

Die Dokumentation “Parko” befasst sich mit einem besetzen Raum in Athen, der einst ein kommerzieller Parkplatz war und während der Proteste 2008 in einen lebendigen Park transfomiert wurde. Die Dokumentation vermittelt einen intensiven und atmosphärischen Einblick in das Leben während der Krise.

Ein Kollektiv aus AktivistInnen wird in der Dokumentation begleitet und der Dialog mit der Nachbarschaft über Selbstorganisation und “die Stadt von unten” skizziert. Die Dokumentation erzählt die Geschichte des Parkes, die Aktivitäten der Nachbarschaft, zeigt, wie er besetzt wurde und was den kollektiven Glauben an einen selbstgestalteten Raum trägt.

Der Film hebt die durch die Krise ausgelösten und symbolhaften Aneignungs- und Veränderungsprozesse im öffentlichen Raum im Zeichen der Stadt von unten hervor und lädt auch ein, über die eigene Nachbarschaft nachzudenken.

http://parkofilm.net/