AI GRIJA, SULINA!

Der Verfall geht um. Er färbt Wände, bricht Fenster und stürzt Dächer. Kein Halt wird vor Fabriken, Kirchen, Hotels, Kinos oder Wohnhäusern gemacht. Überall treibt der Verfall sein Unwesen, egal ob Peripherie oder Zentrum. Manchmal weint man den Verlusten hinterher, weil damit ein schöner Teil der Vergangenheit verblasst. In anderen Fällen zeigt man sich gleichgültig oder sogar erleichtert, irgendwann nicht mehr mit den Erinnerungen an schlechte Zeiten konfrontiert zu werden.
Nur selten ist Jemand tapfer genug sich dem Verfall in den Weg zu stellen, um die alten Häuser zu schützen. Wenn es doch Jemand wagt, dann ist die Trägheit dem Verfall sein Verbündeter und hält den Weg zu seinen Opfern frei.
Sulina, wir wünschen dir, dass du aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe dem Verfall in die Schranken weisen kannst, um in Einklang mit der umgebenen Natur zu einer gesunden Stadt  zu werden.

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EIN KLEINES RESÜMEE

Nun sind wir am Ende unserer Forschungsreise angelangt und es wird Zeit ein kleines Resümee zu ziehen. Wenig prägt den Öffentlichen Raum der Kleinstadt so sehr, wie der fortschreitende Verfall der Bausubstanz. Unsere sechs (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind die prominenten Beispiele dieser Entwicklung. Sie sind nicht nur versteckt in heruntergekommenen Vierteln in der Peripherie zu finden, sondern auch im Zentrum, dort wo sich Gemeinden den Besucher*innen und Bewohner*innen von ihrer besten Seite zeigen. Der gebaute Raum hat auf die Menschen, die ihre Vergangenheit kennen, eine starke symbolische Wirkung. Je nachdem, wie sie zu dieser Vergangenheit stehen, sind sie dem Ort positiv oder negativ eingestimmt.

Während unserer zehntägigen Expedition, haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Bevölkerung der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinterher trauert und dem Verfall der Zeitzeugnisse mit Frust mitverfolgt. Im Gegensatz dazu werden die baulichen Überbleibsel der kommunistischen Diktatur trotz ihrer Präsenz kaum thematisiert, sogar regelrecht verdrängt. Ihnen wird jegliche Relevanz und Ästhetik aberkannt. Man wünscht sich, dass der Natur sich diese Räume wieder zurückholt und sie so baldmöglichst aus dem Stadtbild verschwinden. Dabei verleiht die Mischung der Epochen dem Öffentlichen Raum verschiedene Facetten. Auch wenn nicht jeder Ort erhalten blieben kann oder sollte, spiegelt sich in dem Facettenreichtum der gesellschaftliche und politische Wandel einer Stadt und eines Landes wieder. Dieser ist aus unserer Sicht schützens- und sehenswert. Derzeit wirkt es als außenstehende Person so, als schätzen die Gemeindeverantwortlichen unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten als irrelevant ein.

Gelände und Gebäude waren zum Großteil zugänglich, in den meisten davon haben wir Hinweise auf Aneignungsprozesse gefunden. Kritzeleien und aufwendigere Graffitis, Feuerstellen und zurückgelassener Müll weisen darauf hin, dass sowohl Besucher*innen als auch Bewohner*innen sich in diese Räume zurückziehen. Wir wissen nicht, ob es die Stille und Ruhe, die damit verbundenen Erinnerungen oder die Möglichkeiten, die diese Orte bieten, die Menschen hierher gelockt haben. Wir machten uns auf eigene Weise unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten zu Eigen und entdeckten dabei ihre Qualitäten. Sie sind lebhaft, versteckt, schön, kontrastreich, bewegend, spirituell und voll von Aussichten auf Sulina.

Falls wir wiederkommen sollten, sind unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten verschwunden, restauriert oder sie verfallen weiter vor sich hin. Keinesfalls aber bleiben sie so, wie sie jetzt sind.

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT IV: SCHIFFSWERFT

SANTIERUL NAVAL

Wir folgen dem hohen Zaun um das abgesperrte Gelände. Zuerst verdeckt uns ein wuchtiger Plattenbau die Sicht, doch je weiter wir gehen, desto freier wird unser Blick. Wir sehen eingestürzte Dächer, verfallene Backsteinbauten und Flutlichtmasten zwischen groß-gewachsenen Bäumen.

Direkt am Ufer liegen viele Schiffe, zwischen ihnen steht ein Mann in Uniform. Wir winken ihm zu und fragen, ob wir das Gelände betreten dürfen. Ohne zu zögern öffnet er uns das Tor und bittet uns lediglich die anliegenden Schiffe nicht zu fotografieren, gleich darauf verschwindet er wieder.

Ein wenig zögerlich gehen wir entlang des Ufers und mustern die Häuser und Hallen, die zu unserer linken Seite stehen. Die Gebäude sind ganz verschieden: Formen, Farben, Materialien und Dimensionierungen unterscheiden sie voneinander. Die Bauwerke in der ersten Reihe stehen in einer Flucht geordnet nebeneinander. Sie verdecken den Blick auf die Gebäude dahinter, die wild platziert sind. Nur ein Zaun trennt das Gelände von den Weiten des Donaudeltas. Auf uns wirkt es so, als ob die Natur nach und nach durch den Zaun tritt und sich das stillgelegte Gelände wieder zurückerobert. Je weiter wir durch das immer höher werdende Gras schreiten, desto mehr Pflanzen ragen aus den Gebäuden und Bäume kratzen an den Fassaden. Wir hören einen Kuckuck und Wasser, das am Rand des Ufers plätschert, nur selten wird die Stille vom fernen Baustellenlärm durchbrochen.

Wir streifen zwischen den Bauwerken umher, spähen durch offene Fenster und setzen erste Schritte in das alte Verwaltungsgebäude, dessen weiße, hölzerne Flügeltür offen steht. Es ist ein filigranes Gebäude, umgeben von einem hellblauen Zaun. Aus der Mitte des Daches ragt ein Türmchen mit einem kleinen runden Loch, über dem in metallenen Buchstaben „santierul naval“ („die Werft“) geschrieben steht. Im Inneren liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden, sogar ehemaliges Inventar steht noch an Ort und Stelle.

Hinter dem Verwaltungsgebäude, abseits vom Wasser, bemerken wir eine eingeschossige Halle, auf der das Schild „Cantina Autoservire“, auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Halle ist komplett ausgeräumt, nur die weißen Fliesen an der Wand sind noch übrig geblieben.

Das Gelände endet mit der größten Halle. Durch ein fast quadratisches, rotes Metalltor betreten wir das Innere des Betonbaus. Tauben sitzen auf schweren, mal gelben, mal orangenen Laufkränen an der Decke. Wir stolpern hin und wieder über einen Schutzhelm.

So klingt es in der Schiffswerft:

DAS SCHALLEN DER HÄMMER

Zur Zeit als die Europäische Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, wurden die ersten Werkstätten und Hallen der Schiffswerft erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte man das Gelände östlich um neue Häuser und Werfthallen. In der großen Werkhalle am Rande der Werft wurden Motoren und zum Teil auch mittelgroße Schiffe repariert.

„Als ich mit 10 Jahren als Pfadfinder nach Sulina gekommen bin, habe ich am Morgen immer die Hammerschläge der Arbeiter gehört- gegen Mittag war es dagegen sehr still. “, erzählt uns Valentin.

Während der Ceausescu-Diktatur wurden weitere 250 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens nach Sulina gelotst, da die lokalen Arbeitskräfte nicht ausreichten. Aus dieser Zeit stammt auch ein massiver, fünfstöckiger Plattenbau, der direkt am Eingang der Schiffswerft die Arbeiter und ihre Familien unterbringen sollte.

„Ich habe ein Jahr lang in der Werft als Topograph gearbeitet und bin oft durch die Tür des Verwaltungsgebäudes gegangen. Auf dem kleinen Turm war einmal, da wo jetzt ein rundes Loch ist, eine Uhr mit einer Glocke, um Anfang und Ende der Schichten einzuläuten. Auch wenn ich nie wie die Arbeiter in den Werkhallen tätig war, wirkte für mich dieser Knochenjob sehr trist und grau.“, erfuhren wir von Liviu.

Die Schiffswerft steht heute großteils ungenutzt am nördlichen Ufer, nur einzelne Gebäude sollen zu Lagerzwecken verwendet werden und Schiffe der Grenzpolizei liegen am Steg der Werft. Die Leute reden davon, die Firma Bosch habe einen Teil des Geländes gekauft, wirklich wissen tut es jedoch keiner, geschweige denn was mit der alten Werft passieren soll.

AUSSTELLUNGSSTÜCKE VERGANGENER ZEITEN

Das Einzigartige an der verlassenen Schiffswerft ist die Überlagerung der Ebenen, die nicht nur diesen Ort, sondern ganz Sulina prägt. Die baulichen Reste der Europäischen Donaukommission und die, die aus der Diktatur stammen, koexistieren am linken Ufer des Sulina-Kanals und sind dabei im Bild der Stadt sehr präsent. Es sind zwei Epochen, die aufeinanderprallen und dabei ganz unterschiedliche Emotionen in den Bewohner*innen hervorrufen. Die „Goldene Zeit“, auf die nostalgisch und wehmütig zurückgeblickt wird und die einer gescheiterten Utopie, die sich in Frust und Abneigung niederschlägt. Die gegensätzlichen Paradigmen dieser Epochen spiegeln sich auch in deren Architektur wieder. Während am westlichen Teil des Werftgeländes der Anspruch auf Ästhetik und Repräsentativität mitklingt, hat sich im westlichen Teil Pragmatik und Funktionalität baulich manifestiert.

Wie der lange Gang eines Museums verläuft die Strada I mit ihren Trauerweiden entlang der Siedlung am südlichen Ufer. Auf der anderen Seite ist die Sicht auf die aneinandergereihten Ausstellungsstücke der Stadtgeschichte freigelegt, denn kein Baum und kein Schild verdeckt die Häuser und Hallen der Werft. Etwa 150 Meter trennen die Schiffswerft von den Gastgärten auf der gegenüberliegenden Seite. Usain Bolt hält mit 14,35 Sekunden den Weltrekord für diese Strecke. Die Werft ist so nah, dass die Gebäudestruktur erkennbar bleibt und so fern, dass der Verfall nur zur Randnotiz wird.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT II: HOTEL CAMBERI

SONNTAGSSTIMMUNG

Es ist Sonntag. Menschen schlendern entlang der Promenade. Sie sind herausgeputzt, lachen, tratschen und genießen das schöne Wetter. Boote kommen an und ziehen ab. Es herrscht Trubel in der Stada I. Inmitten dieser Szene steht ein altes Hotel, mit den drei Stockwerken kaum höher als die umliegenden Gebäude. Trotzdem tanzt es aus der Reihe. Nichts steht der Sicht auf das Gebäude im Weg, denn der Platz daneben ist frei.  So wirkt das alte Hotel höher und eindrucksvoller als es eigentlich ist. Dabei sind die Fassaden schlicht. Die Formen der Gebäudefront sind symmetrisch angeordnet, aufwendige Verzierungen sucht man aber vergeblich. Lediglich auf den rostigen Balkongeländern winden sich noch eiserne Ranken, im Zentrum ein Stern mit fünf Zacken. Die Türen sind mit schweren Ketten und Schlössern verriegelt, die Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wir streifen entlang der Mauern und finden eine Lücke, die groß genug ist, um in einem unbeobachteten Moment flink in das Hotel zu klettern. Im Inneren bröckelt der Putz schichtenweise von der Wand und verrät uns in welchen satten Farben die Räume und Zimmer einst gestrichen waren. Die unregelmäßigen Fliesen sind wie in einem Mosaik angeordnet, das sich weiter bis in den Platz neben dem Hotel fortsetzt. Oben stützen starke Holzbalken das Gebäude. Zwischen ihnen dringt Licht durch die löchrige Decke ein. In dem Raum, der zur Stada I orientiert ist, sind die Geräusche von außen sehr präsent. Das Geklacker von Stöckelschuhen, das Plätschern des Wassers und Stimmen aus den umliegenden Gastgärten füllen den so morbiden Raum mit Leben.

Im oberen Geschoss gelangt viel mehr Licht hinein, das alte Hotel wirkt freundlicher. Nur den Riss an der Wand, der das Gebäude beinahe in zwei Hälften teilt, nehmen wir als bedrohlich wahr.

Über einen Mittelgang gelangt man in zehn fast identische Zimmer. Jedes ist mit einem Graffiti versehen. Am Ende des Ganges befindet sich der langgestreckte Balkon, an dem man über der Strada I thront. Neben den Holzböden sind vor allem die Wände brüchig. Dort wo der Putz schon abgetragen ist, schauen Schilfrohre und Holzpaneele hervor. Ein kurzer Gang kreuzt den Mittelgang des ersten Obergeschosses. An einem Ende befindet sich die Steintreppe, die im Erdgeschoss beginnt. Am anderen Ende führt eine schmale, rote Holztreppe im Halbkreis ins zweite Obergeschoss.

So klingt es im Hotel Camberi:

 

EIN HOTEL FÜR DIE TOTEN

Wir trafen Liviu, den Fotografen des Ortes, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janine, die im vergangen Jahr von der Schweiz nach Sulina gezogen ist, in ihrem verwachsenen Garten. Liviu und Valentin erzählten uns die ungewöhnliche Geschichte des Hotel Camberi und warum es auch heute noch so viele positive Erinnerungen in der Bevölkerung hervorruft.

Das Hotel Camberi wurde Anfang des letzten Jahrhunderts von einem griechischen Kaufmann im Stil des Klassizismus erbaut. Es war ein besonderer Treffpunkt für die Bevölkerung, Besucher*innen und Offiziere der Garnison. Ein nobler Ort zu dem man sonntags spazierte, um in der Konfiserie ein Eis oder an der Bar einen Drink zu bestellen.

Es war das einzige Gebäude mit drei Geschossen in der Stadt und bot von seinen verzierten Balkonen einen einzigartigen Blick auf den Sulina-Kanal und das gegenüberliegende Ufer. Auch nach dem Krieg hatte das Hotel noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg leichte bauliche Veränderungen statt. Das Dach wurde angepasst, die Ornamente entfernt und der hinteren Teil das Hotel um vier Zimmer erweitert. Auch der Name änderte sich zu Hotel Farul („Leuchtturm“). Womöglich bekam es diesen Namen, weil es nahe dem alten Leuchtturm liegt oder aufgrund des besonderen Ausblicks, welchen man ansonsten nur vom Leuchtturm hatte.

„Heute erzählt man sich noch, dass die Toten, die vom Friedhof in die Stadt kommen im Hotel Camberi übernachten und sich hier, im wohl exklusivsten Hotel der Stadt, ein Zimmer nehmen“

– erzählt Valentin mit einem Grinsen.

Vielleicht ist es der Fluch der Geister, die die Renovierung des Hotels verhindern. Obwohl außenstehende Interessenten an die Stadt herantreten, verfällt das Gebäude allmählich. Vor einigen Jahren kaufte ein amerikanischer Investor das Hotel mit der Absicht es zu renovieren und in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Jedoch gab es ein Problem: Der Investor war nicht der Eigentümer des Grundstücks. Es kam es zu einem 10-jährigen Rechtsstreit, da die Umbauarbeiten an dem Hotel nicht begonnen werden konnten. Aus diesem Grund steht das historische Gebäude noch heute unverändert an der Promenade und fällt langsam in sich zusammen.

Liviu, Janine, Valentin sowie viele andere Bewohner*innen wünschen sich das alte Hotel Camberi zurück. Es soll wieder zu einem Ort werden, an dem man sich zum Sonntagskaffee verabredet oder mit seinen Kindern auf ein Eis geht. Für sie steht es sinnbildlich für die goldene Zeit, in der Sulina Europa in Miniatur darstellte.

 

DER CHARME DER ALTEN GEMÄUER

Das Besondere an dem Hotel Camberi sind die zentrale Lage und die Bedeutung des Ortes. Im Gegensatz zu der Fischkonservenfabrik war es nicht ein Ort der Arbeit, sondern ein Ort, den man in seiner Freizeit aufsuchte, um sich Luxus zu gönnen. Dort, wo Sulina sich den Bewohner*innen und Tourist*innen von der schönsten Seite zeigt, liegt das Denkmal vergangener Zeiten. Es hat vieles miterlebt, von der „Goldenen Zeit“ während die Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, bis zu der Periode als Kommunismus die zentrale Ideologie darstellte. Heute spiegelt sich im alten Hotel vor allem der Bedeutungsverlust der Stadt im Donaudelta wieder. Trotz des weiten Stadiums, den der Verfall schon angenommen hat, ist es von Außen und Innen noch klar als Hotel erkennbar. Die Gebäudefront hat den Anspruch auf Repräsentativität und Ästhetik, der Grundriss ist gespickt von aneinandergereihten Zimmern, die über lange Gänge erschlossen werden. Es steckt immer noch ein wenig Hotel in den alten Gemäuern.

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT I: FISCHKONSERVENFABRIK

EIN STREIFZUG 

Schon aus der Ferne sehen wir die alte Fischkonservenfabrik. Wie ein Fels ragt sie zwischen den niedrigen Häusern hervor. Einst war das Areal von einem hohen Zaun umgeben, heute ist dieser löchrig und zum Teil schon ganz abgetragen. Obwohl, wir ohne jegliche Mühe das Areal betreten können, fühlt es sich an, als ob wir etwas Verbotenes tun. Heute sind wir die Einzigen am Gelände und verschaffen uns schleichend einen Überblick.

Das Areal ist verwildert, besonders die Rückseite zu Strada III ist von Müll übersät. Die Vorderseite, die sich zum Wasser orientiert, wirkt hingegen fast schon ordentlich. Der Platz ist ganz eben, frei von Müll und Schutt. Zwischen den Fugen der grauen Betonplatten wachsen hohe Gräser, die ein regelmäßiges, grünes Muster bilden.

Die Tore der Fischkonservenfabrik stehen offen und wir treten vorsichtig ein. Sowohl Innen als auch Außen zieht sich die Symmetrie der baulichen Überreste über das gesamte Areal. Wir streifen durch das Gebäude und entdecken riesige, leere Hallen mit hohen großen Fenstern. Die Sonne scheint durch die Blätter der Bäume und legt einen leichten grünen Schimmer über die helltürkisen Wände. Hier und da schauen Backsteine unter dem Putz hervor. In der Halle ist es still, so still, dass die eigenen Geräusche einem plötzlich viel lauter vorkommen. Außer dem Zwitschern der Vögeln dringt kein Geräusch von Außen in die große Halle. Wir sprechen nur wenig miteinander, zu beschäftig sind wir herauszufinden, wofür dieser Raum damals genutzt wurde. Man hört nur das Knirschen des Schutt unter den Sohlen und gelegentlich das Klappern leerer, verrosteter Konservendosen.

Neugierig schlüpfen wird durch eine unscheinbare Tür im Untergeschoss und gelangen in einen Raum, der nur ganz oben wenige, kleine Fenster besitzt und in einem satten Blau gestrichen ist. Mitten im Raum liegt ein blaues Floß aus Plastik. Hier ist es plötzlich viel kühler als in den Räumen zuvor und der Geruch verrät uns, dass das einmal das Fischbecken der Konservenfabrik war.

Wir entdecken weitere große Hallen und kleinere Räume. Alle sind in diesen zarten Grün-, Orange-, oder Rosatönen gestrichen. Die Überreste von Tapeten, Fliesen und gemusterten Glasfronten lassen erahnen, wie diese Räume einmal ausgesehen haben. Machmal versuchen sich Pflanzen von Außen einen Weg ins Gebäude zu verschaffen und ragen durch die glaslosen Fenster hinein. Hier und da wächst ein Strauch in der kleinen Ritze zwischen Boden und Wand. Die Fenster geben den Ausschnitt vor. Hin und wieder dringt ein Boot in das Bild und verändert das sonst so starre Motiv. 

Egal welchen Raum wir betreten, wir wissen, jemand war schon vor uns hier. Wir finden Feuerstellen, Zementmischer, Graffitis, leere Glasflaschen und angebrannte Bücher. Dieser Ort bietet jenen einen Unterschlupf, die nach Abgeschiedenheit und einem kleinen Abenteuer suchen. 

So klingt es in der Fischkonservenfabrik:

ERZÄHLUNGEN EINES BEWOHNERS

Im letzten Jahrhundert erfüllte die Fischkonservenfabrik vor allem wirtschaftlich eine zentrale Funktion für die Bevölkerung Sulinas. Unter Ceausescu und der damals vom Staat angeleiteten Planwirtschaft wurde jedem Industriezweig ein bestimmter Standort zugewiesen. So wurde Sulina zum Zentrum der Fischkonservenproduktion. 

Valentin, ein Lehrer der Schule von Sulina, erzählte uns während eines Stadtspaziergangs von den Hintergründen der Fischkonservenfabrik.

Zur Zeit des Kommunismus wurden hier jährlich bis zu 20.000 Tonnen Fisch konserviert und exportiert. Der Betrieb diente, trotz der harten Arbeitsbedingungen, einem großen Teil der Bevölkerung als Arbeitgeber. Der Wechsel zwischen warm und kalt strapazierte den Körper und erschwerte die Arbeit in der Fabrik enorm, so konnten die Schichten zum Entladen des Schiffes nur zwei Stunden dauern. Zur Stimulation des Körpers wurden kalte Räume in roter und heiße Räume mit blauer Farbe angestrichen. Auch heute sind die verblassten Farben noch an den bröckelnden Wänden der Fabrik erkennbar.

„In Rumänien gibt es einen Witz: Wer nicht in der Schule aufpasst, muss später einmal die Fische säubern. In Sulina würden wir das gerne wieder machen, aber es gibt keinen Fisch mehr.“

Die Fischkonservenfabrik diente ihren Angestellten in jeglicher Sicht als Lebensgrundlage. Zum Teil sollen sie sich heimlich Fisch, Salz, Öl und weitere Zutaten für den privaten Gebrauch mit nach Hause genommen haben. Trotz des gesicherten Arbeitsplatzes war der Job in der Fischkonservenfabrik kein angesehener. Es wurde gescherzt, dass, wenn man nicht lernt, man die Fische in der Konservenfabrik säubern muss.

Mit der Revolution im Jahr 1989 endete auch diese Ära und zwang die Fischkonservenfabrik in die Knie. Der technologische Fortschritt führte dazu, dass Fischkonservenfabriken nicht mehr benötigt wurden. Heutzutage wird der Fisch auf dem Schiff gesäubert und die Überreste direkt zurück ins Meer geworfen. Dadurch wird Platz, Zeit und Abfall eingespart.

FORM FOLLOWS DECAY

Wenn man die alte Fischkonservenfabrik betrachtet und dabei ihren Verfall ausblendet, dann erkennt man von Innen und Außen die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit der Architektur. Die Formen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Es sind eckige und kantige Formen, die sich lediglich in ihren Proportionen unterscheiden. Der Verfall durchbricht diese Ordnung. Die Oberflächen haben Flecken, klare Kanten bröckeln ab, Pflanzen wachsen willkürlich. Form follows Decay.

Die großen Fenster durchfluten die Hallen mit Licht, in dunklen Fluren sind die Löcher in der Decke und den Wänden die einzigen Lichtquellen. Zugänge und Verbindungen der Gebäudeteile sind nicht absehbar, was zu einer aufregenden Orientierungslosigkeit führt. Besonders in den oberen Etagen wird man daher mit unerwarteten Perspektiven überrascht: auf Prospect, dem Sulina-Kanal und auf die Gärten, die die Fabrik umgeben. Von unten aus betrachtet wirkt die alte Fabrik neben den benachbarten Gebäuden gigantisch. Als Landmark sticht sie mit ihren rohen und markanten Formen hervor und ihre verblassten, rostigen und gefleckten Muster verschmelzen mit den Farben der Landschaft.

Die Ästhetik der alten Fischkonservenfabrik setzt sich in unseren Augen aus dem Charakter der Architektur und dessen natürlichem Verfall zusammen.

Neben dem ästhetischen Wert ist diese (Nicht)Sehenswürdigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Identität Sulinas. Ein Ort der Nostalgie, der an wirtschaftlich-prosperierendere Zeiten und an viele gemeinsam verbrachte Stunden erinnert.

Was heute mit der Fischkonservenfabrik passiert, weiß niemand so wirklich. Manche munkeln ein Investor habe das Gelände aufgekauft, um darin ein Textilunternehmen zu betreiben. Andere behaupten es gehöre dem Besitzer des benachbarten Hotels „Delta Palace“, der eigene Pläne mit dem Gelände verfolgt.

weitere Bilder sind im Blogpost: Tour de Sulina I zu finden

ES IST, WIE ES IST

In Rumänien gibt es die Redewendung „Asta e“ – „Es ist, wie es ist“. Uns scheint, dass das dein Lebensmotto ist. Oft erscheinst du uns zu träge, um selbst Etwas aufzubauen und im selben Moment bist du zu stolz, um helfende Hände anzunehmen. Du bist eingefahren, hältst an Altem fest, ohne Neuem eine Chance zu geben. Bei dir fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt, weil du nicht mit der Zeit mitgehst. 

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Ausschnitt aus dem Film “Asta e” (Minute 17:48) von Thomas Ciulei, 2001 
GESELLSCHAFT 

Während der Gespräche, die wir hier mit den Bewohner*innen führten, wurde es uns ermöglicht einen Einblick in das Zusammenleben zu erhalten. Die Gemeinschaft ist in sich gekehrt, doch untereinander gut vernetzt. Man grüßt sich auf der Straße, plaudert und hilft einander. Dennoch bleibt man gerne unter sich, für Neuankömmlinge ist es eine Herausforderung Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. Anonym zu bleiben, ist aber auch unmöglich.

Die ältere Dame, die sich um das Museum kümmert, lebt schon ihr ganzes Leben in Sulina und kennt das Innenleben der Gemeinschaft. Ihrer Meinung nach erfolgt die soziale Abgrenzung nicht nur gegenüber Tourist*innen, sondern auch unter den Bewohner*innen. So gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebte oder deren Eltern diese Zeit miterlebt haben. Sie sind gegenüber Zugezogenen offen, kennen und schätzen dabei die Multiethnizität. Die zweite Gruppe setzt sich aus den Personen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sulina gezogenen sind. Unter Ceausescu wurden hier Arbeitsplätze geschaffen die vor allem von Rumän*innen besetzt werden sollten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase festigten sie ihre Stellung in der Gemeinschaft und treten seitdem Neuankömmlingen gegenüber skeptisch auf. Vor allem die in den letzten 10-20 Jahren Zugezogenen bekamen ihre Skepsis zu spüren und fühlen sich noch heute nicht ganz in die Gemeinschaft integriert.

Die Kirche spielt im gesellschaftlichen Leben Sulinas eine zentrale Rolle. Religion und Tradition sind eng miteinander verbunden. Jung und Alt fühlt sich den Traditionen verpflichtet und trägt sie weiter. Die traditionelle Rolle der Frau entspricht hier nicht dem modernen Frauenbild. Wir beobachten, dass in Lokalen und im öffentlichen Raum zu einem großen Teil die Männer beisammensitzen. Währenddessen tragen ihre Frauen die Einkäufe nach Hause, kümmern sich um Haushalt, Garten und Kinder.

POLITIK 

In Sulina lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit erkennen. Der Verdacht, dass Politiker*innen in korrupte Machenschaften verwickelt sind, besteht auch heute noch. Dieses Misstrauen zieht sich von der lokalen bis zur nationalen Ebene durch. Auf der regionalen Ebene macht sich das in einer von Bewohner*innen empfundenen Rivalität zwischen Sulina und der Kreishauptstadt Tulcea bemerkbar. Sie beschrieben uns die Einflussnahme Tulceas in das lokale Geschehen als bewusste Störung der Entwicklung. Oft hieß es, dass Tulcea sich mal wieder querstelle.

Nur auf europäischer Ebene zeigt man sich enthusiastischer. Seit dem Beitritt im Jahr 2007 ist die EU in den Köpfen der Rumän*innen sehr präsent. In Sulina ist die EU-Flagge überall zu sehen. Über den Eingängen öffentlicher Gebäude oder auf Schildern, die auf vergangene bzw. kommende Projekte hinweisen. Unser Eindruck ist, dass die EU den hier lebenden Menschen Hoffnung auf eine schönere Zukunft ihrer Stadt verleiht. Andererseits greift sie mit ihren Richtlinien regulierend in unterschiedliche Lebensbereiche ein. Egal ob man der EU gegenüber positiv oder negativ eingestimmt ist: es ist nicht gleichgültig, man hat eine Meinung. Vielleicht können Ausgang und Wahlbeteiligung der heutigen EU-Wahl diesen Eindruck bestärken. 

Es scheint uns als sei die Umsetzung von Projekten hier kompliziert. Unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind der Beweis. Bei vielen von ihnen traten private Unternehmer*innen von Außen mit ihren Plänen an die Gemeinde heran um die Gebäude zu sanieren und die verlassenen Orte wieder aufleben zu lassen. Die Verwaltung und Politik unterstützte in vielen Fällen die Projekte weder mit finanziellen Mitteln noch in der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen. Anstatt neue Projekte zu initiieren, nimmt die Gemeinde eine passive Stellung ein. Wenn etwas dann doch in die Wege geleitet wird, dann stellt wieder einmal die isolierte Lage der Kleinstadt und der damit einhergehende Mangel an Arbeitskräften eine Hürde dar.

Wir fragten uns woher diese Passivität kommt. In den letzten Tagen haben wir die Mentalität der Menschen dieser Stadt miterlebt, ihren Stolz, der es ihnen manchmal verwehrt fremde Hilfe anzunehmen. Sulina pocht auf ihre Autonomie, will die gute, alte Zeit wieder aufleben lassen und zwar aus eigener Kraft heraus. Vielleicht ist das die Erklärung.

ARMUT 

Ein Teil der Bevölkerung lebt in armutsgefährdeten Verhältnissen und vor allem von der finanziellen Unterstützung von Verwandten und all dem was Garten und Vieh hergibt. Besonders an den Rändern Sulinas sind diese Zustände zu erkennen. Die Siedlungen am Rand wirken informell, weil vieles willkürlich platziert und Materialien einfach zweckentfremdet als Baustoff verwendet werden. Wir haben Schiffsteile gesehen, die zu Gartentoren umfunktioniert wurden, alte Textilien dienen heute als Sichtschutz und der Abfall, der gar keine Verwendung findet, landet in der Natur.

Viele der Menschen wollen und können trotz ihrer Situation ihre Heimat nicht aufgeben und hoffen auf bessere Aussichten für ihre Kinder. Die jungen Menschen zieht es nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung in die größeren Städte der Region, um weitere Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Der rumänische Regisseur Thomas Ciulei thematisiert in seinem Film „Asta e“ (2001) die Armut der im Donaudelta lebenden Bevölkerung. Die Familien, deren Leben der Film porträtiert, stehen dabei sinnbildlich für die Krisen des postkommunistischen Rumäniens.

VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

TOUR DE SULINA II

An unserem zweiten Tag lernten wir dein anderes Gesicht kennen. Wir überquerten den Fluss, um das zu erforschen, was eigentlich direkt vor unserer Nase war. Erneut wurden wir von deiner Vielschichtigkeit überrascht. Wir haben verwilderte, private, idyllische und zerstörte Orte entdeckt. Diese Orte in der Peripherie der Peripherie sind ein wichtiger Teil deiner Geschichte und lassen uns in deine Vergangenheiten eintauchen. Für uns sind deine geschichtsträchtigen Orte, die sich nach und nach die Natur zurückerobert, jene (Nicht)Sehenswürdigkeiten, welchen wir auf die Spur gehen.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina II verfolgen

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An das linke Ufer des Sulina-Kanals gelangen wir mit einem kleinen, blauen Boot. Zwei ältere Personen steigen mit uns ein, um das südliche Ufer zu verlassen. Angekommen in Prospect weisen sie freundlich unsere helfenden Hände ab, steigen schwerfällig aus dem Boot und unsere Wege trennen sich.

Wir folgen einem schmalen Weg zwischen den Häusern und haben schon wenige Augenblicke später das Ende der Siedlung erreicht. An einem kleinen Kanal wandern wir einen leicht erhöhten Feldweg entlang in Richtung Westen. Die Boote am Ufer verschmelzen nahezu mit der Landschaft. Das hohe Schilf weht im Wind, nur selten hört man Kröten oder Insekten im Gebüsch. Prospect wirkt noch ruhiger, privater und ländlicher als die hinteren Straßen der südlichen Seite Sulinas.

Die stillen Gewässer grenzen Landschaft und Siedlung klar ab. Am Ende des Weges führt eine von Rost überdeckte, wackelige Brücke über einen weiteren Kanal. Wir folgen den Trampelpfaden unserer Vorgänger und befinden uns inmitten einer prärieähnlichen Landschaft. Das Gras wächst nicht hoch und nur die scheinbar willkürlich platzierten Betonklötze stellen echte Erhebungen dar. Eine ideale Kulisse für einen Alien-Film. Das Grau der Mauern ist im Laufe der Jahrzehnte vergilbt und von Flecken bedeckt. Die Rinder, die die Überreste der Industrieanlage heute bewohnen, haben sich farblich an ihre Behausungen angepasst. Neben den Tieren haben sich auch Menschen diesen Ort zu Eigen gemacht. Graffitis und verbrannte Böden sind das, was sie zurückgelassen haben.

An einer Anlegestelle befindet sich ein altes Schiff im Sulina-Kanal, >Print Constantin< steht in blauer Farbe auf der Außenwand. Das Innere des Schiffs wurde schamlos ausgeräumt und alles Verwertbare herausgerissen. Nur noch wenige Überbleibsel bedecken den blau-lackierten Boden.

Der Trampelpfad führt weiter zu einer schmalen Siedlung. Die Fläche zwischen den Zäunen der Grundstücke und dem Sulina-Kanal ist verwildert, das Gras wird nur durch die Radspuren der Autos unterbrochen, die sich selten in die Siedlung verirren.

Der Weg wirkt mehr wie eine Verlängerung des Vorgartens, als wie ein öffentlicher Raum. Männer lackieren dort ihre Booten und flechten Fischernetze. Je weiter wir dem Weg flusseinwärts folgen, desto größer werden die Abstände zwischen den Häusern.

Wir kehren um. An dem Mini-Markt der Siedlung vorbei führt eine zweite Brücke in den östlichen Teil von Prospect. Ein paar Häuser grenzen an das abgesperrte Gelände der Schiffswerft. Hier und da sehen wir ein eingestürztes Schilfdach. Schilder deuten darauf hin, dass das Betreten des Areals verboten ist, doch ein Grenzpolizist öffnet uns achselzuckend die Tore und wir betreten die Industriebrache.

Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes liegt die gesamte Werftanlage still, heute sind wir die Einzigen, die durch das großflächige Areal streifen. Wir wandern von Gebäude zu Gebäude und spähen durch zerbrochene Fenster. Die Böden sind mit Überbleibseln früherer Zeiten, Müll und Schutt bedeckt.

Die Tür des alten Verwaltungsgebäudes steht offen. Dahinter liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden verteilt. In einem Zimmer verstecken sich sogar sechs kleine Welpen, die sich schnell in ihrer Höhle in der Wand verstecken, als sie uns entdecken.

Wir gehen weiter, schauen durch zerbrochene Fenster, klettern durch blockierte Türen, bis wir das Ende des Areals erreicht haben. Das letzte Gebäude war einmal eine große Werkhalle. Mächtige, rote Tore verleihen dem Betonbau einen modernen Touch. Durch die zerbrochenen Fenster sehen wir Überreste aus vergangen Zeiten. Kräne hängen von der Decke, Helme und Werkzeuge liegen am Boden verstreut. Die Hallen sind gekennzeichnet durch die regelmäßige Anordnung ihrer Bestandteile. Rohre, Pfeiler, Balken sind geordnet und bilden klaren Strukturen. Die Landschaft umgibt diese alten Hallen. Die verblassten Farben der Gemäuer harmonieren mit den gräulichen Gräsern und Sträuchern.

Neben der Halle mit den roten Toren befinden sich Schienen, die zum Sulina-Kanal führen und darin verschwinden. Vier Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Von oben kann man bis zum Schwarze Meer blicken. Gewaltige Schiffe kämpfen sich flussaufwärts.

Bei unserer Reise zurück in vergangene Zeiten verlieren wir jegliches Zeitgefühl. Am Weg zurück zu unserer Unterkunft werfen wir erneut einen Blick auf das besondere Gelände, dessen Schönheit versteckt ist. Doch wenn man sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, entdeckt man ständig Neues und verliert den Blick in Details.

Denis, Mari und Viki

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

(Nicht)Sehenswürdigkeiten & wo sie zu finden sind

Wir, Denis, Marion und Viktoria, hissen unsere Segel und begeben uns auf eine zehn-tägige Expedition nach Sulina. Mit unserem eigenen Feldzugang machen wir uns auf den Weg die schrumpfende Stadt im Donaudelta zu untersuchen.

Dabei wenden wir den Blick ab von Orten, die ohnehin schon die Aufmerksamkeit auf sich ziehen – weg von
all dem, was als sehenswert angepriesen wird. Hin zu den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, vergessenen Orten,
an denen nur noch bröckelnde Fassaden und eingestürzte Dächer an Blütezeiten erinnern. Es geht um
Rohlinge, deren Irrelevanz Aneignungsprozesse erleichtert, um Nischen in denen sich Menschen einnisten
und sich einfach das nehmen, was sie brauchen.

Wir wollen herausfinden, wo sich diese (Nicht)Sehenswürdigkeiten in Sulina verstecken, welche Qualitäten diese Räume bieten und ob sich dort Aneignungsprozesse ausfindig machen lassen.
Bald geht’s los! Wir freuen uns und halten euch auf dem Laufenden.
Denis, Mari, Vicky

Titelbild: Kanal im Donaudelta. M.G. Versa. Bukarest. Verlag “Adeverul” .1932. (02.05.2019)