[Tag 10] Taxi Bukarest

Taxi Bukarest, rein in die Stadt! Heute verlassen wir unser Forschungslager bequem per Vierrad. Valentin Nelu ist unser erster Fahrer. Er ist trotz des zähen Stadtverkehrs schneller vor Ort, als wir mit dem Lift ins Erdeschoss brauchen und wartet bereits in seinem grauen Toyota Prius auf uns, als wir aus Haustür treten.

Bună. Bună!

Der Wagen rollt.
Roman beginnt die Unterhaltung und fragt den Fahrer, ob er den Naturpark kenne, der sich hinter dem Hügel der Asmita Gardens verbirgt. Der Fahrer bejaht “Er kenne den Park schon lange” und, dass er die Asmita Gardens oft ansteuere. Wir fragen ihn, ob er etwas dagegen hat, wenn wir die Unterhaltung aufzeichnen. “No Problem for me!”

Valentnin Nelu erzählt uns einige spannende Dinge über den Park, die wir so noch nicht gehört haben. Zum Beispiel wollte Ceausescu auf dem künstlichen See Wassersport veranstalten. Außerdem kam der 57 Jährige auf gesellschaftspolitische Themen zu sprechen und verglich die Zeit des Kommunismus mit der Heutigen.

Andrea unsere erste weibliche Fahrerin hat sich ihren Mercedes Benz frisch aus Nürnberg geholt. “Die deutschen Autos sind einfach besser” sagt sie. Erneut kommen wir auf den Vacaresti Naturpark zu sprechen und hören ihre Meinung darüber und wie man damit umgehen sollte. Auch sie kennt das Gebiet vor allem daher, da sie sehr häufig Leute zu den Asmita Gardens oder der Sun Plaza fährt.

Traian hingegen, ein weiterer Fahrer der vergangenen Tage, mit dem wir unter anderem am Parlamentspalast, dem Palatul Parlamentului, vorbeikommen, kennt den Parcul Natural Văcărești nicht. Erzählt uns aber, was er von dem Mega-Bauprojekt hält, dass sich seit 2010 neben dem Parlamentspalatz befindet und bereits beachtlich in die Höhe ragt.

Die Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes!

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Das beeindruckende Bauwerk wirkt auf uns, als wolle es sich mit dem Prestigebau Nicolae Ceaușescus messen.

Wieder zuhause angekommen, fangen wir an, uns Gedanken zu machen. Große Teile des Stadt wirken als bräuchte es einer Generalüberholung, kaputte Straßen, fehlende Haltestellen, offene Leitungen, um nur ein paar Baustellen zu nennen. Dennoch finanziert der Staat lieber 50% der Baukosten für die Kathedrale.

Die “Kathedrale der Erlösung” spaltet die Nation, titelte die wienerzeitung.at. Laut dem Artikel den wir im Anschluss finden, sei eine Mehrheit von 61 Prozent der Meinung, dass der Bau ganz oder größtenteils aus Eigenmitteln der Kirche finanziert werden sollte. Die Regierung scheint jedoch anders eingestellt zu sein als die Bevölkerung, die sie eigentlich repräsentieren sollte.

Internetquelle:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europaarchiv/399803_Die-Kathedrale-der-Erloesung-spaltet-die-Nation.html
Bildquelle:
https://a1.ro/galerie/cand-va-fi-sfintita-catedrala-manturii-neamului-va-fi-gata-mai-devreme-id736614-play1249610.html

[Tag 9] La Revedere Prieteni

Was sollen wir nur sagen? Auch uns hat die Stadt angesteckt und in ihren Bann gezogen. Wir kennen inzwischen die Wege, wir treffen täglich viele Menschen mit denen wir bereits in Kontakt kamen. Alles festigt sich und wir haben schon ein paar feine Wurzeln geschlagen.

Heute waren wir noch ein mal bei Costel, um sowohl seine persönliche Idee und die seiner Familie über den Park abzuholen. Als kleines Gastgeschenk haben wir ihm die Fotos des letzten Besuches entwickeln lassen und mit einem Gruß versehen überbracht. Wieder einmal hatten wir eine nette Unterhaltung. Diesmal sogar in größerer Runde, nachdem auch noch sein Nachbar mit dabei war. Nachdem wir die Ideen, Vorstellungen und Wünsche der Familie entgegengenommen haben verabschieden wir uns endgültig von ihnen, da wir die nächsten Tage nicht vorhaben sie noch einmal aufzusuchen.

La revedere Costel!

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Anschließend besorgten wir wir uns auf dem Markt, neben dem Sun Plaza einen Sack voll typisch rumänischem Gebäck, um der Romafamilie, auf welche wir am zweiten Tag gestoßen sind eine kleine Freude zu bereiten.

Das Gebäck wurde übergeben, freundlichere Blicke ausgetauscht. Mit einem guten Gefühl im Bauch konnten wir uns nun auch hier verabschieden.

La revedere Romafamilie!

Gestern Abend sind wir nochmal auf dem Damm spazieren gegangen und aufs Neue ist uns diese atemberaubende Kulisse ins Auge gefallen. Uns sind verschieden Zukunftsszenarien durch den Kopf geschossen und auch eine Assoziation als Rennstrecke kam auf.

Schnell sind zwei Spielzeugautos und drei kleinere Off-Road Racer besorgt. Unser Ziel: Mit jedem der Lust hat, den Damm spielend zu erkunden.

Wir machten uns nun bei der Roma Familie auf und da uns der restliche Weg rund um den Damm heute etwas weit vorkam, kürzten wir durch den Park ab. Ein wenig später saßen wir auch schon in den immer großer werdenden Schatten der Asmita Gardens. Per Zufall kam just in diesem Moment Alex vorbei uns wir kamen wieder ins Gespräch. Jedes mal erfährt man ein wenig mehr…

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Seid gespannt was die Tage passiert.

[Tag 8] Garten Eden

Element des Zauns an der Calea Vacaresti —-“Wenn die Intelligenz fehlt, dann wird Geld gefährlich”

Das Gespräch mit Ștefan Ghenciulescu war für uns eine Möglichkeit unsere bisher erlebten Tage zu reflektieren und die Erfahrungen zu ordnen. Über den Austausch mit ihm haben wir es geschafft eine Struktur in unsere Gedanken zu bekommen und Inhalte in ihren Zusammenhängen zu verstehen. Ștefan Ghenciulescu selbst ist Bukarester, Architekt, Herausgeber der Architekturzeitschrift Zeppelin und dieses Jahr unser Gastprofessor an der Technischen Universität Wien.

Im Grunde hatten wir ein lockeres Gespräch in einem hippen bukarester Gastgarten mit dem Namen Grădina Eden. Hier ist ein Hochhaus- und Sanierungsvorhaben des Herrenhauses aufgrund von Konflikten zum Erliegen gekommen und in der kultivierten Wildnis des Hofes wurde mit einfachen aber wirkungsvollen Mitteln ein sozialer Treffpunkt geschaffen.

Wir kamen auf das Thema der Partizipation zu sprechen, weil uns aufgefallen war, dass in Zusammenhang mit dem Vacaresti Naturpark sehr wenig Wert auf Zusammenarbeit mit der Bevölkerung gelegt wird. Ștefan meinte, das wäre ein schwieriges Thema hier, da die Menschen dafür noch nicht bereit seien und der Egoismus noch zu stark haftet. Partizipation hat in Rumänien noch ein Nieschendasein. Doch eine Entwicklung sei bereits zu erkennen. Ștefan erzählte uns von Studio Basar und eine Gruppe, die sich “de Architectura” nennt. Hier werden Architekturkurse für Kinder an Schulen eingerichtet. “Aber nicht um kleine Architekten zu schaffen, sondern mündige Bürger”, so Ștefan Ghenciulescu. Eine demokratisch organisierte Gesellschaft ist wie ein Gebäude. Ist es einmal errichtet, muss man sich fortwährend um die Instandhaltung kümmern, möchte man verhindern, dass es zerfällt und verwahrlost.

Auch haben wir versucht zu erfahren, was die Bukarester denn an ihrer Stadt lieben und worauf sie stolz sind. Bukarest, als Großstadt und wirtschaftliche Macht innerhalb Rumäniens ist Anziehungspunkt derer, die einen festen und gerecht bezahlten Job suchen. Wir haben herausgehört, dass Bukarest oft nur als Mittel zum Zweck für ein privat erfülltes Leben dienen soll. So ist das Ziel der Stadtverwaltung auch ein wirtschaftlich starkes Bukarest und anlehnend an das Vorbild der Städte der vereinigten arabischen Emirate, wie zum Beispiel Dubai, zu gestalten. Wir wollten wissen, was ein vermutliches Ziel der öffentlichen Hand in Bezug auf die Zukunft des Vacaresti Naturparks sein könnte und Ștefan meinte, das würde eher wie ein Freizeitpark aussehen. Laut dieser Meinung finden wir hier also kein Stoff für einen Schutzteppich des Naturschutzgebietes. Wir sagen, die Politiker erkennen nicht das Besondere an diesem Park und die Potentiale, welche diesem Gebiet zugesprochen werden können und Ștefan antwortete, man erkenne das Besondere eher an dem was außerordentlich ist oder scheint und immer mit Konsum und dem Spektakulären zu tun hat.

Auch streiften wir die Themen Tourismus und UNESCO und kamen darüber auf den Denkmalschutz zu sprechen. Ein Diskurs welcher auch den Damm betrifft. Auf jeden Fall und was uns überrascht hat, es gibt Denkmalschutzämter und Denkmalschutzgesetze hier in Bukarest. Natürlich kann das nicht mit dem System, das wir kennen, gleichgesetzt werden. Auch wird hier ausschließlich “punitiv”, also bestrafend gehandelt. Subventionen, Steuererleichterungen und solche Dinge gibt es nicht. Ștefan meinte zu unserem erstaunen, dass die Denkmalbehörden kein Interesse am Vacaresti Naturpark zeigen und eher dagegen sind, diesen zu erhalten. Hilfe aus von dieser Seite brauchen wir uns nicht erhoffen.

Richard lenkt das Gespräch nun auf das Thema der internationalen Wettbewerbe. Der Naturpark stellt ebenfalls eine Bühne für Wettbewerbe dar. Mit  Frau Tudora haben wir uns darüber zuvor auch schon ausgetauscht, daher interessiert uns eine weitere Meinung. Für Ștefan ist es dies ein schwieriges Thema, da solche Wettbewerbe hinterher oft nicht wirklich ernst genommen und abweichend von der ursprünglichen Gestaltung ausgeführt werden.

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Rückseite des Zauns an der Calea Vacaresti

[Tag 7] Stimmen aus dem Umfeld

Für den heutigen Tag haben wir uns vorgenommen weitere Stimmen aus dem Umfeld des Parks einzuholen. Konkret haben wir dafür den Park Parcul Tineretului, sowie die Wohnhäuser entlang der Calea Vacaresti, angesteuert.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, beschert durch das schlechte Wetter der letzten Tage sowie den erneut regnerisch beginnenden Tag, kamen wir über den Nachmittag verteilt mit zahlreichen AnrainerInnen und ParkbesucherInnen in Kontakt. Aus den daraus resultierenden Gesprächen halten wir folgendes fest

Die Mehrzahl der angetroffenen AnrainerInnen kennen den Park zwar, haben allerdings keine wirkliche Meinung zu dem Gebiet. Häufig lässt sich ein negatives Bild über den Naturpark erkennen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Funktionalität des Naturparks nicht wirklich attraktiv, zum anderen befindet sich in unmittelbarer Nähe natürlich der städtisch-gepflegte Park Parcul Tineretului, welcher im Gegenzug vielfältige Nutzungsmöglichkeiten anbietet und daher im direkten Vergleich besser abschneidet. Vielfach hören wir im Vacarest Naturpark sei es dreckig und gefährlich. Man wisse nicht was man dort machen soll. Und hier bin ich unter Leuten, hier kann ich Fußballspielen.

Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului

Wir wollen wissen, was passieren müsste, dass die Befragten auch den Vacaresti Naturpark besuchen würden und ob ihnen das Konzept eines Naturparks innerhalb der Stadt gefällt.

Die Meinungen dazu gehen auseinander, jedoch überwiegt aus unserer Beurteilung Rückblickend folgendes. Die Befragten die den Naturpark gut heißen finden überwiegend Kritik für die Verwahrlosten Randbereiche. Hier wird sich eine Aufwertung gewünscht, der Naturschutzcharakter solle aber beibehalten werden.

Die Befragten, die den Naturpark hingegen negativ beurteilen haben bereits zu Beginn eine abwertende Haltung zu dem Areal. Der Naturschutz ist zweitrangig. Gewünscht wird sich eine Veränderung und Umgestaltung des ganzen Areals. Das Sicherheitsbedürfnis scheint uns einen wichtiges Thema in Bukarest zu sein. So wird neben der Mall auch der Park Tineretului an den Eingängen von Sicherheitskräften bewacht.

Unseren siebten Fieldtrips Tag schließen wir vor unseren Wohnort, den Asmita Gardens ab, um zuletzt auch Stimmen und Meinungen aus dem erst vor wenigen Jahren errichteten Wohnquartier einzuholen.

Für heute Abend steht übrigens noch ein treffen mit Stefan Ghenciulescu an. Ihn werden wir auf ein gemütliches Bier in der Altstadt treffen. Bleibt gespannt!

[Tag 6] Räumliche Praxis

Die Produktion von Raum entsteht für Henri Lefebvre aus drei unterschiedlichen Ebenen, welche immer aufeinander bezogen zu betrachten sind. Diese sind

1. Räumliche Praxis

2. Repräsentation von Raum

3. Räume der Repräsentation

Diese drei Raumdimensionen beschreiben einen differentiellen Raum, was wiederum auf einen der Kernaspekte Lefebvres verweist: die Differenz, welche sich wiederum aus einer drei-dialektischen Beziehung heraus manifestiert. Um ein bessere Verständnis zu ermöglichen soll hier kurz der Vacaresti Naturpark als beispiel herangezogen werden.

Repräsentation von Raum - konzeptualisierter, erdachter Raum
Repräsentation von Raum – konzeptualisierter, erdachter Raum nach Lefebvre

Das Konzept, der APNV sowie konkrete Pläne der Stadt Bukarest oder der Politik geben dem Raum virtuelle Vorgaben vor. Diese zeigen sich in der konkreten Gestaltung des Parks und schlagen sich dadurch in den jeweiligen individuellen Wahrnehmungen der BesucherInnen nieder. Die dritte Ebene zeigt, wie diese BesucherInnen damit umgehen und diese Materialität oder die dortigen Praktiken aufnehmen. Dieser Ebene ist die Möglichkeit geboten Vorhandenes zu kritisieren und zu transformieren.

Die Räumliche Praxis beschreibt, was Menschen im und mit dem Raum tun: Was sie wo bauen, aufstellen, platzieren, wie und wozu der Raum genutzt wird, wer sich darin bewegt.

Die Räumliche Praxis am Beispiel des Vacaresti Naturparks in Form einer Fotostrecke:

Der Damm

Ein älterer Herr löst Kreuzworträtsel am Fuße des Damms
Ein älterer Herr löst Kreuzworträtsel am Fuße des Damms
Zwei Mädchen sitzen auf dem Damm und trinken Bier
Zwei Mädchen sitzen auf dem Damm und trinken Bier
Zwei Frauen mit Hunden sind in Begleitung eines Jungen dammabwärts unterwegs in Richtung Park
Zwei Frauen mit Hunden sind in Begleitung eines Jungen Damm abwärts unterwegs in Richtung Park
Ein provisorisch anmutender Zugang
Ein provisorisch anmutender Zugang
Sport in der Natur
Sport in der Natur

 Innenraum – Naturpark

Der durch die APNV errichtete Aussichtsturm inmitten des Parks
Der durch die APNV errichtete Aussichtsturm inmitten des Parks
[Tag 1] Alex führt uns durch den Park
[Tag 1] Alex führt uns durch den Park
Kunstinstallationen wie diese lassen sich im Nordwestlichen Bereich des Parkes finden
Kunstinstallationen wie diese befinden sich im nordwestlichen Bereich des Parks
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Drei Frauen durchqueren den Park zielstrebig

 Randbereich

Jogger unterwegs entlang des Naturparks
Jogger unterwegs entlang des Naturparks
Kinder spielen vor der Haustür entlang des Weges
Kinder spielen vor der Haustür entlang des Weges
Eine Sitzbank vor einem Haus mit Blickrichtung auf den Naturpark
Eine Sitzbank vor einem Haus mit Blickrichtung auf den Naturpark

 

Literatur:

Lefebvre, Henri: “Die Produktion des Raums”. In: Jörg Dünne; Stephan Günzel (Hrsg.): Raumtheorien. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006

Vogelpohl, Anne (Hrsg.): Städte und die beginnende Urbanisierung. Henri Lefebvre in der aktuellen Stadtforschung. Online: Springer-Verlag 2011

[Tag 5] Geschichten rund um den Damm

Der fünfte Tag unseres Aufenthalts beginnt ruhiger als die Vorherigen. Ausgeschlafen und wieder voller Energie machen wir uns auf den Weg zu Costel. Wir sind zum Café verabredet. Das Unwetter der letzten Nacht hat sich verzogen, trotz schlechter Wetterprognosen knallt uns schon wieder die Sonne auf den Kopf, während wir auf dem Weg sind.

Zu Besuch bei Costel

Im Halbschatten sitzend erwartet uns Costel bereits. Ein reich gedeckter Tisch voll Obst und kühlen Getränken steht bereit. Ein wenig später folgt türkischer Café, dann Costels eigener Zwetschgenschnaps.

“Sănătate!” – Prost auf Rumänisch!

Costel ist unser Erster und bis dahin einziger Anrainer des Naturparks mit dem wir ins Gespräch kommen. Daher haben wir jede menge Fragen an den 63 Jährigen Rentner.

Zufahrt zu Costels Anwesen
Zufahrt zu Costels Anwesen

Seit zehn Jahren wohnt er nun schon hier. Probleme, obwohl er weder über Strom noch fließend Wasser verfügt, hat er hier nie gehabt. Außer mit Langfingern, aber die sind in den letzten Jahren auch immer weniger geworden. Er lebt autark. Sein Nachbar besitzt Ziegen, Enten und Gänse. Costel hingegen Obstbäume und eine Destillation. Man hilft sich, erfahren wir…

Nach dem sehr offenen Beginn der Unterhaltung lenken wir das Gespräch in Richtung Naturpark. Zu gerne hätten wir ihn einfach Reden lassen, aber seine Meinung zum Park der an sein Grundstück grenzt interessiert uns natürlich auch. Wir wollen wissen, wie er die Arbeit der Asociația Parcul Natural Văcărești (APNV) beurteilt, welche Vorstellungen er zur Zukunft des Naturparks hat und ob ihm die heute angerollte Betoniermaschine, die nur gut 100 Meter von seinem Grundstück entfernt in die Höhe ragt, beunruhigt.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Sichtlich wohl fühlen wir uns bei Costel. Die einfache, naturverbundene Lebensweise und freundliche Art, sorgt dafür, dass uns der Aufbruch nicht leicht fällt.
Doch wir wollen noch weiter.

Den Randbereich, den auch Costel bewohnt, wollen wir genauer unter die Lupe nehmen. Gestärkt brechen wir auf in Richtung Sun Plaza. Wir wollen herausfinden wie die Shoppingmall mit dem sich vor der Haustür befindenden Vacaresti Naturpark umgeht und werden enttäuscht. Es besteht keine Verbindung, der “offizielle” Zugang: eine Lücke im Zaun.

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Nicht gerade schön sieht es hier aus. Der südliche Teil des Naturparks ist besonders schmutzig.

Blick in Richtung Süden
Blick in Richtung Süden
Südhang
Südhang

Ein Stück weiter treffen wir auf eine Romafamilie, die sich unterhalb eines Sendemasten sesshaft gemacht hat. Wir begrüßen alle freundlich, doch stoßen auf eine verschlossene bis abwertend-aggressive Haltung. Wir gehen weiter…

Kurz darauf treffen wir auf einen weiteren Roma. Er heißt Vasile. Wir vertiefen uns in ein Gespräch. Fünfzehn Jahre hat er in dem Park mit seiner Familie gelebt, dort gefischt, gejagt und geerntet. Der Park ist seine Heimat. Als der Park zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, war er gezwungen den Park zu verlassen.

Vasile
Vasile

Weiter gehts… entlang eines Wellblechzauns kommen wir an Ein- und Mehrfamilienhäusern vorbei. Teils schön hergerichtet, teils schäbig, teils unfertig. Ein einheitliches Bild wird hier nicht vermittelt.

Am Wegrand pflückt ein Mann Beeren. Sein Fahrrad liegt neben ihm am Boden. Wir sind neugierig und sprechen ihn an. Der Herr nennt sich Mihai B. und kann eine tiefe Verbindung mit dem Vacaresti Naturpark vorweisen. Er war bei der Errichtung des Dammes beteiligt. Er kennt die Gegend bereits seit kommunistischer Zeit. Seine Meinung dazu ist recht sachlich: “Da gab es keine Disskusionen.”

Mihai B.
Mihai B.

Mihai besteht darauf, dass wir seine Himbeeren probieren. Es wäre unhöflich sie abzulehnen, überstetz uns Richard. Am Markt neben dem Sun Plaza verkaufen sie ein Glas Himbeeren, wie Mihai es in der Hand hält, für fünf Lei, erzählt er uns. Er pflückt diese allerdings nur für sich selbst um vișinată, einen Beerenlikör, daraus anzufertigen.

Von Mihai erfahren wir außerdem, dass der Damm während der Errichtung sabotiert worden sei. Ob diese Aussage der Wahrheit entsprich, kann nicht überprüft werden. Wer dafür verantwortlich war, möchte oder kann er uns jedoch auch nicht sagen.

Aufziehende Regenwolken verleiten uns zum Aufbruch. Gut zwei Drittel der erneuten Umrundung stehen noch bevor. Wir halten Ausschau nach Zugängen. Auf welchen Wegen kommt man überhaupt in den Naturpark. Neben ein paar wenigen offiziellen Zugängen entdecken wir Trampelpfade und provisorische Konstruktionen.

Südöstlicher EIngang an der Strada Savinesti
Südöstlicher Eingang an der Strada Săvinești

Die Spuren weisen darauf hin, dass die Zugänglichkeit zum Gelände vielfach gesucht wird. Viele Trampelpfade säumen die Straße am RIN Grand Hotel.

Zugang östlich entlang der Straße am Rin Hotel
Zugang östlich entlang der Straße am RIN Grand Hotel
Nördlicher Zugang von der Splaia Unirii
Nördlicher Zugang vom Splaiul Unirii

Verteilt bewegen wir uns auf dem Dammhügel und stoßen auf die hydrotechnischen Zu- und Abflussanlagen. Roman und Max entdecken den Zufluss unterhalb des Dammes, der mit einem Falltor blockiert werden konnte. Richard ruft uns von oben zu sich. Dort befindet sich der Sicherheitsabfluss. Das kann man sich vorstellen, wie einen Überlauf bei einem Waschbecken. Wir staunen nicht schlecht über die gut 10 Meter tiefen Belüftungs- und Zugangsschächte die sich vor uns befinden.

Schiene des Falltors
Schiene des Falltors
Abfluss unterhalb des Dammes
Abfluss unterhalb des Dammes
Überlauf
Überlauf
Überlauf Entwässerung in den Dambovita
Überlauf Entwässerung in den Fluss Dâmbovița

Wir gehen weiter.. Das Erscheinungsbild und die Nähe zu den Wasserflächen von der östlichen Seite aus gesehen sind atemberaubend.

Idyllische Wasserflächen

Abendstimmung
Abendstimmung

Zurück in unserem Forschungszentrum genießen wir die Abendstimmung aus der dreizehnten Etage und lassen das Erlebte Revue passieren.

[Tag 4] Raus aus der Filterblase

Heute ist der vierte Tag unserer Reise und langsam fühlen wir uns schon wie in einer “Vacaresti-Bubble“. Umso mehr freuen wir uns auf den Besuch der Hochschule in Bukarest. Vor der Tür des Instituts für Gartenbau werden wir bereits von Luana Andrea Simion, einer ehemaligen Studentin, welche ihre Masterarbeit über den Vacaresti Naturpark verfasste, abgeholt. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zur Professorin Ioana Tudora, einer Architektin und Landschaftsarchitektin mit einem Doktorat der Soziologie. Ein wenig später kommt noch ihre Kollegin Claudia Fabian dazu.

In einer gemeinsamen Runde führen wir ein lebhaftes Gespräch über mehrere Stunden. Mit einer unglaublichen Energie und einem schier unermesslichen Wissen schildert uns Frau Tudora, wie sie den aktuellen, materiellen und immateriellen Zustand des Parks einschätzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht gibt, um den Park sowohl zu schützen als auch zu erhalten. Aufgrund ihrer soziologischen Sichtweise schätzt sie das Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht für mündig, um den Erhalt zu sichern. Nein, ganz im Gegenteil würde eine rücksichtslose bis profitorientierte Haltung der Bevölkerung dafür sorgen, dass etwas Besonderes schnell verschluckt werden würde.

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Einen kleinen Ausschnitt aus der heutige Diskussion wollen wir euch nicht vorenthalten. Richard begibt sich in die inzwischen vertraute Rolle des Dolmetschers.

Ioana Tudora verabschiedet sich nach ungefähr 90 Minuten. Nun kommen Claudia und Luana auch zu Wort und wir hören deren Vorstellungen, wie der Vacaresti Naturpark langsam und schonend für die Menschen geöffnet werden könnte, um eben genau dieses angesprochene Bewusstein zu stärken, welches in einer demokratischen Ordnung Grundlage sein muss, weil eben nicht aus einem autoritären Standpunkt aus “das Beste” beschlossen werden kann.

Schon wieder hungrig verlassen wir zusammen mit Luana die Universität und bekommen von ihr zuletzt noch einen Tipp, wo Studenten hier gute Hausmannskost finden. Gestresst durch den Großstadtwahnsinn wünschen wir uns die Ruhe des Naturparks zurück und treten den Heimweg an.

Von einer Regenwolke lassen wir uns nicht abhalten und finden uns von einem heftigen Unwetter überrascht plötzlich wieder im Park vor.

Blick auf die, am Tag 1 angesprochene Siedlung, von Costel vom Damm aus
Blick auf die, am Tag 1 angesprochene Siedlung, von Costel vom Damm aus

 

Ioana Tudora: “Mit einer passiven Haltung wird es heute nicht mehr möglich sein, den Park in seinem jetzigen Zustand zu erhalten.”

 

[Tag 3] Außenminister im Innenraum

Um 11 Uhr betreten wir das Büro der Administrația Parcului Natural Văcărești (APNV), welches sich ebenfalls in den Asmita Gardens befindet. Wir sind mit Nicoleta Marin für ein Interview verabredet. In dem folgenden dreistündigen Gespräch erfahren wir unter anderem

– Welche Einstellung die Stadtbevölkerung, laut Expertin, über den Naturpark hat
– Welche Vor- und Nachteile sie im derzeitigen Zustand des Vacaresti Naturparks sieht
– Welche Funktionen der Damm heute übernimmt und zukünftig übernehmen könnte
– Wie sich das Bewusstsein der Stadtbevölkerung gegenüber dem Park schärfen ließe
– Wie die APNV sich eine gesunde Mischung aus Naturschutz und öffentlichem Raum vorstellt
– Welche Schutzmechanismen auf den Park wirken und ob er dem zunehmenden Druck durch die
Immobilienbranche standhalten wird
– Welche Zukunftsszenarien die NGO für wünschenswert hält

Richard Zaiser im Gespräch mit Nicoleta Marin
Richard Zaiser im Gespräch mit Nicoleta Marin

Anschließend darf sich jeder von uns ein Fernglas nehmen, um von der obersten Etage einen Blick auf den uns mittlerweile schon vertrauten Naturpark zu werfen. Die Aussicht aus dem für uns noch besser gelegenen Rooftop schlägt alles bisher Gesehene und Nicoleta lässt uns netterweise so lange bleiben wie wir wollen. Sie selbst muss jedoch wieder ins Büro, um noch letzte Vorbereitungen durchzuführen. Für den Nachmittag ist nämlich noch hoher Besuch angemeldet. Das Eintreffen der österreichischen Ministerin für Europa, Integration und Äußeres, Karin Kneissl, wird gegen 17 Uhr erwartet. Freundlicherweise wurden wir ebenfalls eingeladen und somit stand auch schon der nächste Termin vor der Tür.

Von Richards Kochkünsten gestärkt verlassen wir gegen kurz nach halb 5 erneut unser Appartement. Die Staatslimousine vor dem Gebäudeeingang der NGO verrät uns – wir sind zu spät. Die Abordnung der Delegierten um Frau Kneissel genießt ebenfalls wie wir zuvor schon die kühle Briese des Rooftops.

Gabriela, das jüngste Mitglied der NGO, fängt uns ab und schlägt vor mit ihr und einer Hand voll Kollegen schon einmal vorzugehen, um im Park auf die anderen Personen zu warten. Was für ein Glück für uns! Auf diese Weise kommen wir sowohl mit Florin, dem Präsidenten der APNV und dem Geologen Christian Lascu der NGO, in Kontakt. Knapp eine halbe Stunde haben wir Zeit, bis die Umgebungsgeräusche leiser werden und immer mehr Stimmen zu hören sind. Die Delegation trifft ein! Angeführt durch das uns schon vertraute Gesicht Nicoletas.

Kneissl
Bundesministerin für Europa, Integration und Äußeres, Karin Kneissl, beim Abstieg des Hochstands

Ein wenig später ist der ganze Trubel auch schon vorbei und der Park macht sich wieder lautstark bemerkbar. Wir beschließen die erst kürzlich errichteten Beobachtungsposten des Parks aufzusuchen, die uns Christian Lascu empfohlen hat. In Richtung Süden unterwegs verlassen wir den Park und schnappen uns kurz vor Marktschluss noch etwas Brot und eine Lubenita (Wassermelone) für umgerechnet 1,20 Euro.

 

 

 

[Tag 2] HALLO VACARESTI – ein Naturpark im Überblick

Ein neuer Tag bricht an.

Nicht nur die Zeitumstellung hat uns letzte Nacht eine Stunde Schlaf geraubt, auch Roman sein Geburtstag und die damit verbundenen nächtlichen Biere haben zum kollektiven Schlafentzug beigetragen. Richards Handywecker klingelt jedoch erbarmungslos und treibt uns nach nur wenigen Stunden aus den Federn.

Heute wollen wir uns einen Überblick verschaffen. Während wir gestern trotz zweistündiger Tour nur den nordwestlichen Bereich des Naturparks erkundet haben, steht heute ein Rundgang um den gesamten Park an. Obwohl wir von unserer Terrasse aus bereits einen tollen Blick auf den Park haben wollen wir auch die Aussichtsplattform im Nachbargebäude aufsuchen. Außerdem stehen letzte wichtige Terminkoordinationen mit den ExpertInnen der nächsten Tage auf dem Programm.

 

Wir ziehen los und melden uns später wieder

 

Von der bevorstehenden Mittagshitze haben wir uns nicht abschrecken lassen und sind im Anschluss an das vorangegangene Posting direkt losgezogen. Das Ziel bestand darin, einmal den gesamten Park zu Fuß zu umrunden. Davon haben wir uns auf der einen Seite erhofft die Dimensionen besser zu verstehen, auf der anderen Seite den Naturpark aus verschiedenen Blickwinkeln kennen zu lernen.
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Die gesamte Umrundung hat, nicht zuletzt auch aufgrund zahlreicher Stopps, gute 2 Stunden in Anspruch genommen. Im Laufschritt lässt sich eine Umrundung allerdings auch schon in einer halben Stunde schaffen, erfahren wir von Vlad, einem Jogger, der von seiner Hündin begleitet wird.

Hungrig und vor allem durstig machen wir kurz bevor wir die ganze Runde absolviert haben einen Abstecher in die nahe gelegene Sun Plaza Shopping Mall. Ein Einkaufszentrum von gigantischem Ausmaß. Wir staunen nicht schlecht über die vielen Menschen die wir hier antreffen, obgleich wir den Naturpark vorziehen, scheinen die BewohnerInnen Bukarests andere Präferenzen für die Gestaltung ihres Nachmittags zu haben.

Gekräftigt verlassen wir wieder die Mall und begeben uns auf die letzte Etappe.Wir kommen an Gebäuden vorbei, die uns den Eindruck von informellen Häusern, fast schon einer provisorisch errichteten Siedlung, vermitteln. Beinahe hätten wir sie überhaupt nicht gesehen, doch die vielen frei herumlaufenden, bellenden Hunde waren nicht zu überhören. Die anfänglichen Zweifel uns zu nähern legen sich schnell, als ein älterer Mann unsere Handzeichen mit freundlicher Mine erwidert und auf uns zugeht. Der Herr mit dem wir ins Gespräch kommen heißt Costel und lädt uns nach einem kurzen Plausch ein, ihn in den kommenden Tagen auf einen Kaffee zu besuchen.

 

 

Schlussendlich kehren wir mit müden Füßen zurück in unser Forschungszentrum, die Asmita Gardens.

Für heute wünschen wir allen LeserInnen eine gute Nacht und bis morgen!

 

[Tag 1] HALLO BUKAREST

Angekommen… nach einer guten Stunde Flugzeit sagen wir “Hallo Bukarest”. Wir verlassen den Flughafen und begeben uns auf die Suche nach einem Stadtbus. Nachdem wir die richtige Linie gefunden haben, geht es direkt los, quer durch die Stadt. Der Bus ist überfüllt und Richard muss stehen. Die offenen Fenster sorgen, zumindest solange der Bus in Bewegung ist, für eine frische Briese. Erste Eindrücke rollen an uns vorbei. So auch der Victoria Palast – nun können wir sicher sein, wir sind in Rumänien!

Nach der Busfahrt, die so lange dauert, wie der Flug selbst, erreichen wir schlussendlich unser Forschungszentrum im 13. Stock der Asmita Gardens. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Stadt Wien. Der atemberaubende Blick von hier oben auf den Vacaresti Naturpark überzeugt uns sofort. Neugier schlägt Müdigkeit. Nach einer kurzen Erfrischung wollen wir los.

Kaffee, Tschick und ab in den Park!

Treppe

Nur wenige Meter trennen uns und den Park. Wir erklimmen die letzten Stufen der Böschung und tauchen ein in eine neue, uns unbekannte Umgebung. Der bis gerade noch gut zu hörende städtische Lärm schwindet mit jedem Schritt den wir den Wall tiefer hinuntersteigen. Wir können es kaum glauben, nach nur so wenigen Metern haben wir die Großstadt völlig hinter uns gelassen. Wir folgen dem Pfad und lassen uns von ihm leiten. Warnschilder entlang des Weges weisen auf die größten Gefahren hin, die es hier gibt. Zecken!

Der Hinweis hält uns jedoch nicht davon ab, auch kleinere Trampelpfade zu wählen, schließlich sind zwei von uns dreien geimpft.

So kommt es dazu, dass wir Alex begegnen. Gute zwei Stunden führt uns unser neu gewonnener Guide durch sein Revier. Von ihm erhalten wir neue und bisher unbekannte Hintergründe. Laut Alex ist die nordwestliche Ecke des Naturparks, in der wir uns aktuell befinden, ein stadtbekannter Treffpunkt für liebessuchende Großstadtromantiker. Romantiker wohl gemerkt. Doch nicht nur das erfahren wir. Unser redefreudiger neuer Freund meint außerdem:

“Die meisten Bukarester kennen diesen Park gar nicht, ich selbst habe ihn auch erst vor einem Jahr für mich entdeckt.”

Während wir mit Alex durch das Gelände spazieren begegnen uns weitere Naturfreunde. Viele sind es jedoch nicht. Rückblickend haben wir in den zwei stunden nur eine Hand voll Leute gesehen. Alex findet das gut. Auf die Frage, was er von der Umgestaltung des Parks halten würde, erwidert er mit skeptischem Blick:

“Davon halte ich gar nichts, der Park gefällt mir so wie er ist und ich finde es auch schön, dass ihn nur so wenige Leute kennen und nutzen.”

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Mittlerweile ist es spät geworden und die untergehende Sonne lässt uns für heute den Heimweg antreten…

 

 

= Die meisten Bukarester kennen diesen Park gar nicht =

 

 

[PASSIVE AKTIVITÄT] – Naturschutz in der Stadt

Auf geht´s nach Rumänien!
Auf geht´s in die grüne Lunge von Bukarest!

Lasst uns Aufbrechen in ein Terrain der ursprünglichen Wahrnehmung von Mensch und Natur.

Lasst uns unsere Kultur, unsere Städte, uns als Menschen betrachten und bauen wir einen Bezug zur Außenwelt auf.

Über den physischen Raum entsteht die Idee des Mensch-Sein und es entwickelt sich die Kultur der Menschen. Ohne die Natur wäre das Dasein selbst eine irreale Fiktion.

Bukarest und der Vacaresti Naturpark

Die Hauptstadt galt einst als eine Stadt der Gärten, die heutzutage aber durch den Einfluss der Autos und dem damit verbunden Ausbau von Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen geprägt ist. Die entstandene Notwendigkeit an Parkplätzen und Infrastruktur verdrängte nach und nach die Wichtigkeit von Grünflächen und Freiräumen, sodass Bukarest heute, laut Beschreibung von Street Delivery, als eine der meist verschmutzten und verstopften Hauptstädte der Europäischen Union gilt.

Unsere Forschungsreise befasst sich mit dem Gebiet des Văcărești Naturparks.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts stellte das heutige Gebiet des Văcărești Naturparks eine bloßes Stück Land, in unmittelbarer Nachbarschaft der „Valea Plângerii“ (dt. Tal des Klages), dar. Ein unbedeutendes Gebiet in der damaligen Peripherie der Stadt. Im Gegensatz zur vorherrschender Schönheit des Stadtzentrums, welches damals als „Kleines Paris“ bezeichnet wurde, war die Peripherie, eine weite und ungepflegte Zone, die eher dem ärmeren Teil der Bevölkerung ausgelegt war.

Vacaresrti

Das Tal des Klagens wurde lange Zeit als Müllhalde der Stadt genutzt und kann innerhalb eines Dreiecks verortet werden, welches sich über den noch heute erhaltenen, südwestlich gelegenen Bellu Friedhof, dem im Norden gelegenen Krematorium „Cenușa“ und dem östlichen gelegenen Schlachthaus erstreckt, welches dieses „makabere“ Dreieck abschließt.1921 beschloss König Ferdinand I. das Gebiet des heutigen Văcărești Naturparks Privatpersonen zuzuteilen, um dort Gemüse- und Blumengärten zu kultivieren. Während das angrenzende Tal des Klagens im Zuge der kommunistischen Planung in den heute zweitgrößten Park der Stadt verwandelt wurde, dem Parcul Tineretului, blieb der landwirtschaftliche Charakter im Nachbargebiet, dem heutigen Văcărești Naturpark, bis circa 1988 erhalten. Die Charakteristik des Gebiets blieb, trotz dessen, dass das Areal 1948 größtenteils zum Staatseigentum erklärt wurde, bestehen.

Ein anderes spezifisches Merkmal der heutigen Văcărești Naturparkzone stellte das Kloster Văcărești dar. Dem Kloster, welches in der Zeit zwischen 1984 bis 1985 unter der Herrschaft Ceaușescus abgerissen wurde, folgte 1988 die radikale Enteignung der verbliebenen Landbesitzer. Grund dafür war ein von Ceaușescu in Auftrag gegebener Entwicklungsplan, der den Titel „Amenajare Lac Văcărești“ (dt. Einrichtung See Văcărești) trug. Eine hydrotechnische Anlage dem Schutz vor Überflutungen, durch den Fluss Dâmbovița, welcher die Stadt durchquert, gewährleisten sollte. Die Bauarbeiten begannen nachdem die EigentümerInnen aus ihren Häusern in angrenzende Wohnblocks umgesiedelt wurden. Durch die autoritäre Interessensdurchsetzung seitens des kommunistischen Regimes entstanden problematische Eigentumsverhältnisse, die bis heute nachwirken. Für die massive Seeanlage wurde, nach dem Aushub des Bodens, von Ingenieuren ein künstlicher Betondamm entwickelt, der einen Umfang von rund 4 km misst. Nach der Fertigstellung des Damms wurde versucht die Fläche mit Wasser zu füllen, welches aus dem angrenzenden Fluss Dâmbovița herausgepumpt wurde. Durch Planungs- und Umsetzungsfehler konnte der künstlich angelegte See die Wassermasse allerdings nicht halten und so wurden die Bauarbeiten nach einem Besuch Ceaușescus, wegen dessen Unzufriedenheit im Sommer 1989 vorerst eingestellt. Mit dem Fall des kommunistischen Regimes und dem Tod Ceaușescus im Dezember 1989 geriet das eingestellte Entwicklungsprojekt in Vergessenheit und die Zone verblieb als stillgelegte Baustelle.

Durch verschiedene Grundwasserquellen, die in dem Gebiet vorhanden waren, wurde nach und nach unterschiedlichen Fischarten der Zugang ermöglicht. Durch den schützenden Charakter des Damms, die heterogene, geologische und somit für die Besiedelung ungeeignete Bodenbeschaffenheit und eine gewisse Hilflosigkeit der Stadt und Bevölkerung, aufgrund der ungeklärten Eigentumsverhältnisse, entwickelte sich das Gebiet langsam von selbst weiter. 2003 wurde durch das Umweltministerium eine behördliche Genehmigung erlassen, durch welche das Gebiet, für eine Summe von 6 Millionen USD, für 49 Jahre an die SC Royal Romanian Corporation verpachtet wurde. Der Investor hatte eine Investition von über einer Milliarde USD geplant, mit welcher das Gebiet Schritt für Schritt in eine Wohn-, Sport- und Kulturzone verwandelt werden sollte (Abb. 8). Doch keiner dieser Pläne wurde umgesetzt, sodass das Gebiet für weitere neun Jahre weitgehend unbeachtet blieb. 2012 erschien nach zahlreichen fotografischen Aufnahmen, der Vogel- und Tierarten, durch Helmut Ignat, ein Artikel von Cristian Lascu im National Geographic Romania mit dem Titel „Delta dintre blocuri“ (dt. Das Delta zwischen den Wohnblocks). Dieser diente als Anstoß für die Gründung eines Vereins mit dem Namen “Asocitația Parcul Natural Văcărești“ (APNV). Die Organisation, die seit 2012 tätig ist, setzt sich seither dafür ein, dass der Văcărești Naturpark aufgrund seiner einzigartigen Biodiversität, gebildet aus verschiedenen schützenswerten Tier-, Vogel- und Pflanzenarten, zum Naturschutzgebiet erklärt wird. Nach langen Bemühungen mit verschiedensten internationalen Organisationen, wie zum Beispiel der IUCN, aber auch lokalen und nationalen Vereinen, Experten und Behörden, ist es dem Verein Văcărești Naturpark gelungen alle notwendigen Unterlagen und Genehmigungen einzuholen, sodass im Mai des Jahres 2016 durch den Regierungsbeschluss Nr. 349/2016 das Gebiet innerhalb des Damms offiziell zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Thematik der Feldforschung

In einer Auseinandersetzung mit dem Văcărești Naturpark in seinem städtischen Kontext treffen wir auf grundlegende Fragen der Diskrepanz zwischen Stadt und Land, zwischen Mensch und Natur, zwischen Baukultur und Biosphäre, sowie zwischen Grünraum und Raumplanung. „In seiner allgemeinsten und fundamentalsten Bedeutung bezieht sich der Terminus Natur auf alles Nicht-Menschliche und nicht vom Menschen Produzierte und insofern auf das der Kultur, der Gesellschaft, der Geschichte, dem Bewusstsein etc. Entgegengesetzte und Äußerliche“.

Der Văcărești Naturpark ist in seiner Geschichte ein, vom kommunistischen Regime, künstlich angelegtes Stadtgebiet, welches mit der Unterstützung der Nicht-Unterstützung des Menschen, also mit der reinen Passivität von menschlichem Eingriff, sich zu einer Biosphäre mit dem Status eines Naturschutzgebietes bis heute entwickeln konnte. Diesen Prozess fassen wir durch den Begriff der „passiven Aktivität“ zusammen und stellen uns direkt die Frage, wo eine Symbiose von Mensch und Natur noch stattfindet und wie diese eine sinnvolle Anwendung im urbanen Kontext finden kann.

Im Văcărești Naturpark finden wir ein Naturschutzgebiet im urbanen Kontext. Eine Tatsache und eine Exposition, welche zumindest in Europa ihres gleichen sucht. Dieses System ist entstanden durch die in Kap. 2b angesprochenen historischen Zusammenhänge. Das Potential des „Nicht-Eingreifens“, des „Nicht-Kontrollierens“ durch den Menschen, und die Passivität, die in diesem Kontext eine Wandlung zum Aktiven erfährt, sind Wesenszüge des Văcărești Naturparks. So kann man den Naturpark mit einem „Schiffswrack als Naturparadies“ vergleichen. Die dortige Natur kann als „eigenwilligen, unberechenbaren und sich permanent wandelnden Agenten, der […] aber alles andere als passiv ist.“, angesehen werden.

Folgt man der Meinung von einigen GeologInnen und UmweltwissenschaftlerInnen, welche die Stadt als eine Art Fremdkörper im Ökosystem Erde sehen, so kann auch hier eine Besonderheit im Văcărești Naturpark erkannt werden. Paul Krutzen, ein niederländischer Geologe und ehemaliger Direktor des Max Planck Instituts, schlug vor das „neue Zeitalter“, nach der „dominierenden, alles verändernden Spezies, Mensch“, griechisch „anthropos“, zu benennen. Daraus ergibt sich eine Verantwortung des Menschen für das globale Ökosystem. Aufgrund des Populationsanstieg und der Stadtflucht wachsen unsere Städte in rasender Geschwindigkeit. Herr Lötsch, Professor an der Technischen Universität Wien, beschreibt den negativen Einfluss des Menschen auf die Biosphäre in der Ringvorlesung Ökologie 2016. Was würde Herr Lötsch über den Einfluss einer urbanen Oase, wie den Văcărești Naturpark, auf die Stadt Bukarest sagen? Welche positiven Einflussfaktoren würde er erkennen?