Tag 10: Ein schöner Abschluss der Forschungsreise

Am letzten Tag hatte ich echtes Glück, denn an diesem Tag fand in Sulina das Folklore-Festival „Festival Scrumbiei“ statt. Es traten unterschiedliche Ensembles ethnischer Minderheiten aus der Region auf einem kleinen Platz vor dem Palast der ehemaligen Europäischen Donaukommission auf. Da solche Festivals eher verhältnismäßig selten stattfinden, freute ich es mich besonders dieses mitzuerleben. Durch die vielen Besucher wirkte die Stadt sehr belebt und auf der Straße 1 strömten die Menschen wie auf einem Boulevard Richtung Festivalgelände.

In diesem Blogeintrag werde ich mich der kollektiven Identität der Lipowaner und deren Bezug zum öffentlichen Raum widmen. Durch den heutigen Tag habe ich wieder neuen Input zu diesem Thema bekommen.

Laut Christmann kann kollektive Identität als einen auf einen Raum bezogenen gesellschaftlichen Wissensvorrat gesehen werden. Neben Landschaftsmerkmalen, Bauwerken und Bekleidungsvorschriften können auch Bräuche, Feste und Dialekte als Referenzpunkt für diesen Wissensvorrat dienen. In Bezug auf den Raum stellt es sich als notwendig dar, dass um Investoren und Touristen zu gewinnen zu können, müssen Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit vermittelt werden.

Angefangen über die Lage Sulinas im Delta, welche durch sein artenreiches Ökosystem ein hohes touristisches Potential birgt, ist die Präsenz von Tradition im öffentlicher Raum in der Stadt als wichtig zu erachten wird wichtiger für den Tourismus in der Stadt. Tradition kann in Form von der gebauten Umwelt, beispielsweise durch Gebäude, aber auch durch kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum präsent sein.

Die typischen Wohnhäuser der Lipowaner mit ihren weiß-blauen Fassaden stellen beispielsweise einen Referenzpunkt zur kollektiven Identität dar.  Menschen in Sulina und andere Dörfern, wie beispielsweise dem touristisch orientierten Mila 23, haben dieses Potential erkannt und den Stil des lipowanischen Hauses für Hotels und Restaurant adaptiert.

Festivalisierung der Stadt

Die Festivals repräsentieren nicht nur die Tradition und Kultur der Lipowaner im öffentlichen Raum in der Stadt, sondern dienen hauptsächlich dem tertiären Wirtschaftssektor, vor allem der Gastronomie. Daher kann auch davon ausgegangen werden, dass durch die Festivalisierung der Stadt ein wesentlicher Beitrag zum Tourismus und damit zum wachsenden Wohlstand Sulinas beigetragen werden kann.

 

Damit beende ich meinen Blog mit diesem Eintrag und bedanke mich bei allen Menschen, welche mich auf dieser Forschungsreise unterstützt haben.

La Revedere, Sulina!

Tag 9: Auf den Spuren der Identität

Meine Forschungsreise in Sulina neigt sich langsam dem Ende zu und ich möchte in den letzten zwei Blogeinträgen Resümee ziehen und meine Forschungsfragen beantworten. Der  öffentliche Raum soll anhand von personaler und kollektiver Identität aus Sicht der Lipowaner analysiert werden. In diesem Blogeintrag soll es um die personale Identität gehen.

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Heute besuchte ich einige Dörfer im Delta von Sulina. Anhand von Periprava sieht man, dass die fehlende Identifikation mit dem Raum die Abnahme der Bevölkerung zur Folge hat. In dem Dorf sind mehr als 90% der Bevölkerung lipowanisch. Der öffentlliche Raum in Periprava ist durch seine ungepflasterte Straßen, welche von Einfamilienhäusern gesäumt werden, den eher ländlich geprägten Teilen Sulinas ähnlich. (siehe Titelbild) Die Bevölkerung Peripravas ist überaltert, die jungen Leute sind nach Sulina oder Tulcea abgewandert. Ich befragte eine ältere Frau und auf die Frage ob sie gerne hier lebe, antwortet sie resigniert, dass man keine andere Wahl habe.

Personale Identität in Bezug auf den öffentlichen Raum in Sulina

Nach Gabriela Christmann ist die personale Identität mit dem Gefühl der persönlichen Zugehörigkeit verbunden. (vgl. Christmann 2008: 1) Bezogen auf den Raum zeichnet sich diese Ebene dadurch aus, dass Menschen an einem Ort verbleiben, der soziale Zusammenhalt gestärkt wird und ein verantwortungsbewusstes Handeln für den Raum mit sich bringt. Letzteres bezieht Christmann beispielsweise auf die Mitwirkung in Vereinen. (vgl. Christmann 2008: 3)

Eine Erkenntnis aus der Forschung ist, dass die Lipowaner den öffentlichen Raum nicht anders nutzen als die Mehrheitsgesellschaft. In der Identifikation mit dem Raum, also dem Kontext Stadt in Bezug auf deren Tradition und Kultur, können schon Unterschiede festgestellt werden.

Die Urbanisierung einer ruralen Gemeinschaft

In meiner Forschung habe ich Hinweise darauf gefunden, dass sich die Gemeinschaft von seiner ruralen Kultur löst und zu einer von Urbanisierung geprägten Gemeinschaft wird. Die Gemeinschaft der Lipowaner kann als Verein betrachtet werden, welcher laut Christmann  zu einem verantwortungsbewussteren Handeln für den Raum betragen kann. Die Lipowaner befinden sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und das Bild dieser ethnischen Gruppe hat sich verändert. Wie auch die Mehrheitsgesellschaft sind die Lipowaner auch durch die Schrumpfung der Stadt, Arbeitskosigkeit und zunehmende Abhängigkeit vom Tourismus betroffen.

Für eine Urbanisierung der Gemeinschaft kann erstens der Wandel der Erwerbstätigkeit und sogar das Verlassen der Dörfer bzw. die Zuwanderung in die Städte als Indikator dafür gesehen werden. Zweitens werden Kultur und Religion im alltäglichen Leben vieler junger Menschen immer unwichtiger. Drittens kann die generelle Öffnung der Gemeinschaft und die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls für diesen Wandel sprechen.

Quelle: Christmann, G, „Statement Identität und Raum“, 2008: 1, 3

Tag 8: Perspektivenwechsel

An diesem Tag machte ich einen Perspektivenwechsel: Ich fuhr mit einem kleinen Motorboot über die Donau und erreichte zum ersten Mal den nördlichen Stadtteil. Von Norden her blickt man anders auf die Stadt und die starke West-Ost-Ausrichtung wird aus dieser Perspektive besonders deutlich.

Hier sprach ich mit einem Fischer, welcher meint, dass die Lage Sulinas an der Donau, den vielen Kanälen des Donaudeltas und am Schwarzen Meer viele Vorteile für das Fischen hat, doch die hohen Steuern und fehlenden Subventionen diesen Beruf zunehmend unattraktiver machen. Neben dem freien Fischen sollte es außerdem erlaubt sein auch in den alten Armen der Donau, welche im Zuge der Regulierung dieses Donauarms abgeschnitten wurden, dieses Gewerbe auszuüben.

Er meint, dass es eigentlich keinen Unterschied der beiden Donauseiten Sulinas gibt. Mir fällt auf, dass die Nordseite durch seine geringe Bebauung viel ruraler wirkt, auch das Fehlen einer Promenade lässt dieses Donauufer nicht so elegant wirken. Die Menschen gehen hier ihren täglichen Aktivitäten nach, Touristen verirren sich hierher kaum. Die rote Fußgängerbrücke ist hingegen ein schönes Motiv zum Fotografieren und kann als Sehenswürdigkeit dieses Stadtteils gesehen werden.  (siehe Titelbild)

In den letzten Tagen konnte ich vieles über die Stadt, den öffentlichen Raum und die Lipowaner erfahren. Die nächsten zwei Blogeinträgen sollen dazu dienen meine Forschungsreise zu reflektieren und anhand der Theorie über den öffentlichen Raum meine Fragestellung zu beantworten.

Tag 6: Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte

In diesem Blogeintrag werde ich mich mehr auf die Stadt und den öffentlichen Raum konzentrieren. Der heutige Tag war für mich wieder produktiv, da ich die Gelegenheit hatte mit verschiedenen interessanten Menschen über ihre Sicht auf die Stadt sprechen zu können. Im Folgenden möchte ich thematisch sortiert über die verschiedenen Felder berichten über welche ich heute und in den letzten Tagen Erkenntnisse gewinnen konnte.

Das rasterförmige Straßennetz

Das rasterförmige Straßennetz Sulinas folgt demselben Prinzip wie das von New York. Es spiegelt wieder das Sulina damals eine entwickelte Stadt war, welche durch das Raster schnell erweitert werden sollte. Zwar erleichtert diese Form des Straßennetzes die Erschließung der Stadt, jedoch nehmen die Wege durch die weite West-Ost-Ausdehnung des Stadtgebietes zu. Das Auto spielt eher eine untergeordnete Rolle im Straßenraum, da es für viele nicht leistbar ist. Die meisten Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Die Nutzung des öffentlichen Raums

Das Wetter, der Wochentag und die Uhrzeit haben auf jeden Fall einen Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raumes in Sulina. Besonders am Abend füllt sich die Straße1 mit Leben, welche direkt an der Donau liegt, und wird dabei zur Flaniermeile. Hier findet im Gegensatz zu den restlichen Querstraßen, welche fast ausschließlich an Wohngebieten liegen, das öffentliche Leben statt.  Häufig sieht man wie Gruppen von Menschen zusammenstehen, reden und rauchen. Es finden auch Gespräche statt, welche meist aus dem spontanen Begegnen entstehen. Die niedrige Mauer, welche die Straße 1 von der Donau trennt, wird häufig als Sitzgelegenheiten von einzelnen Personen oder Gruppen benutzt. Parkbänke existieren zwar, wurden aber nach bei meinen Beobachtungen eher selten genutzt.

Meiner Meinung nach nutzen die Lipowaner den öffentlichen Raum in Sulina nicht anders als andere Gruppen. Eine junge Frau der Gemeinschaft meint, dass sie dieselben Aktivitäten wie ihre rumänischen Freunde aus der Schule betreibt.

Die schrumpfende Stadt

Einst war Sulina war kein isolierter Ort wie heute, denn die internationale Schifffahrt verband es mit dem Rest der Welt. Die Leute kamen in die Stadt um Geld zu verdienen. Ein Mann verglich es in einem Gespräch mit dem Goldrausch in Kalifornien. Doch Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte, denn heute ist die Stadt von Schrumpfung betroffen. Diese ist nicht auf die exponierte geopolitische Lage zurückzuführen, sondern hat rein ökonomische Ursachen, wie man mir erzählte. Fehlende Jobs führen zu Armut und bieten keine Perspektive für die kommenden Generationen, weshalb die Jugendlichen nach dem Abschluss der Schule Sulina verlassen und in andere Städte ziehen. Zwar existieren die Fischfabrik und Werft noch, doch die Industrie ist schon lange zusammengebrochen. Es ist nicht mehr wie es in der Vergangenheit einmal war. Nicht mal mehr durch die Frachtschiffe, welche fast täglich durch Sulina fahren, kann die Stadt bzw. der Hafen Geld verdienen.

Historische Aufnahmen von Sulinas Blütezeit findet man hier: Monografia Orasului Sulina

Die Zukunft des Tourismus

Nur wenige Touristen erreichen heute Sulina. Die Stadt könnte durch seine Lage im Donaudelta und ihrem Zugang zum Schwarzen Meer profitieren, doch die unterschiedlichen Anbieter in der Stadt kooperieren nicht miteinander und arbeiten lieber für sich. Es ist wie ein Orchester ohne Dirigenten, erklärte man mir. Da die Saison mit nur eineinhalb Monaten im Sommer recht kurz ist, setzt man in Sulina eher auf Qualität statt Quantität und hofft mit sanftem Ökotourismus eher die gebildeteren Touristen anzulocken.

Tag 5: Von den Toten zu den Lebenden

„Zwischen verlassenen Baustellen, Schutt von Straßenarbeiten, zwischen Erikagestrüpp und Teergeruch reihen sich auf dem stoppeligen Heideland zahlreiche Friedhöfe aneinander – der Orthodoxen, der Türken, der Juden, der Altgläubigen in unmittelbarer Nachbarschaft“

So beschrieb Claudio Magris 1988 in seinem Werk „Donau. Biographie eines Flusses“ den Friedhof von Sulina, welchen ich heute Vormittag besuchte und menschenleer vorfand. (siehe Titelbild) Ich habe den Eindruck, auch durch die Interviews der letzten Tage, dass die Menschen eher Friedhöfe meiden und im Hier und Jetzt leben möchten. Trotzdem wirken die Grabstellen gepflegt und sind nach der Tradition der altgläubigen orthodoxen Christen gestaltet worden.

Nach dem Besuch des Friedhofs begann ich mit dem Mapping der relevanten Orte der Lipowaner und fuhr deshalb wieder an den westlichen Stadtrand, um die genaueren Positionen einiger Siedlungsschwerpunkte zu eruieren.

Am Nachmittag traf ich im Haus der lipowanischen Gemeinschaft die Russischlehrerin und den Präsidenten der Gemeinschaft zum Interview. Ich erfuhr, dass die Kinder in der Schule Russisch lernen und in der Gemeinschaft dann traditionelle Tänze und Lieder proben. An diesem Tag war die Probe für das Festival, welches am kommenden Samstag in Sulina stattfinden wird. Die Lehrerein meint, dass durch die Tänze und Lieder die Tradition leichter weitergegeben werden kann.

Durch den Präsident der Gemeinschaft erfuhr ich mehr über die Organisation der Gemeinschaften. Er erklärte, dass jede Stadt bzw. jedes Dorf seine eigene Gemeinschaft hat, welche die Traditionen pflegt. Er meinte auch, dass die Gemeinschaft in Sulina akzeptiert werde und auch die unterschiedlichen Kirchengemeinden seit jeher friedlich nebeneinander existieren.  Seiner Meinung nach ist neben der Kirche die Gemeinschaft die wichtigste Institution der Lipowaner in Sulina.

Tag 4: Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft

Nachdem ich am Vortag den westlichen Stadtrand näher betrachtet hatte, wiederholte ich das heute wieder mit dem östlichen bzw. südlichen Stadtrand. Dort konnte ich rund um ein kleines Hafenbecken bzw. entlang der Straße 6 ebenfalls einige typisch Wohnhäuser identifizieren. Damit steht fest, dass die Lipowaner in Sulina eher am Stadtrand leben, vermutlich weil sie dort eher ihrer traditionellen und naturverbundenen Lebensweise gerecht werden können.

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Am Nachmittag nahm ich an der Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft, welches sehr zentral in Sulina liegt, teil. (siehe Titelbild) Die Gruppe bestand aus älteren Frauen. Neben dieser Gruppe  gibt es auch eine, welche eher aus jüngeren Frauen besteht. Im Gegensatz zu der älteren Gruppe, ist die jüngere auch mit rumänischen Frauen gemischt.  Besonders für die älteren Frauen ist neben der Gemeinschaft die Kirche ein wichtiger Teil in ihrem Alltag. Der Ort der Gemeinschaft scheint also für ältere Personen eine wichtigere Rolle zu spielen als für jüngere, dennoch wird er als wichtige Stätte zur Weiterhabe der Kultur und Tradition verstanden.

Nach der Probe traf ich mit meinem Übersetzer  einen Fischer, welcher spontan einem Gespräch zugestimmt hatte. Die Kirche hat für den Mann keine große Bedeutung in seinem Alltag mehr, da er auch zeitweise in einer anderen Stadt arbeitet. So wie er gehen auch viele jüngere Lipowaner nur mehr zu den wichtigsten Feiertagen in die Kirche. Der restliche Sonntagabend verlief sehr ruhig in Sulina und ich bemerkte, dass viel weniger Menschen auf den Straßen unterwegs waren als an den Abenden zuvor.

Tag 3: Am Stadtrand von einer „Stadt am Rand“

An diesem Tag lag der Fokus der Betrachtung auf den Stadträndern von Sulina. Besonders am westlichen Stadtrand reiht sich an der Donaupromende ein typisch lipowanisches Haus an das andere. Die Menschen, die hier leben, üben vor allem Fischfang aus und ihre Wohnhäuser liegen beinahe direkt an der Donau. Die Straße, welche bis hierhin führt, wurde vor ein paar Jahren sogar befestigt und kann problemlos mit dem Fahrrad befahren werden.

Die lipowanischen Wohnviertel liegen an den Rändern der Stadt, erklärt mir mein Übersetzer, da Fischfang und Jagd zu den ursprünglichen Erwerbstätigkeiten der ethnischen Gruppen gehören. Charakteristisch sind die blaue Farbe der Wohnhäuser, die riedgedeckten Dächer oder die charakteristisch gestaltete Gartentür, welche den Eingangsbereich zum Grundstück darstellt. (siehe Titelbild) Anhand dieser Merkmale kann einfach festgestellt werden welchen ethnischen Ursprung deren Bewohner haben.

Die Bar „Lebada Vesela“, welche ich am Nachmittag besuchte, liegt ebenfalls dort, fast mitten in der Natur und ist bei den Fischern durch die Nähe zu ihren Wohnorten recht beliebt. Doch an diesem Nachmittag kamen eher nur rumänische Männer mittleren Alters. Der Barmann erklärt mir, dass einige Lipowaner auch als Bauarbeiter arbeiten, aber das stellt eher einen Kompromiss zu ihrer ursprünglichen Lebensweise dar. Die Bauarbeit dient vor allem dem Verdienst und dem Aufbau eines guten Lebens.

Eine Erkenntnis dieses Tages ist, dass Bars die eigentlichen Treffpunkte der Lipowaner sind, obwohl sich das heute leider nicht anhand dieser Bar bestätigen lassen konnte. Besonders am späten Nachmittag werden die Bars gut besucht, versicherte mir der Barmann. Die Kirche und die Gemeinschaft verfolgen eher Erhalt und Weitergabe religiöser und kultureller Werte und Traditionen, während Bars jedermann offenstehen und Orte der Kommunikation darstellen. Die Bars in der Innenstadt von Sulina werrden zwar eher weniger von den Fischern besucht, können aber eher als Treffpunkte von der jüngeren Generation von Lipowanern gesehen werden. Dennoch sind jene an den Stadträndern authentischer, weil es näher an ihren Wohnorten liegt.

Morgen ist Sonntag und ich werde an einer Probe für einen Tanz- bzw. Gesangauftritt der Gemeinschaft der Lipowaner teilnehmen. Diese Gemeinschaft ist eine wichtige Institution in Sulina, um das Brauchtum zu erhalten und an die weiteren Generationen weiterzugeben. Der Field Trip bleibt also weiterhin spannend!

Tag 2: Erste Erkundungen und Gespräche

Am Vormittag erkundete ich die Stadt auf eigene Faust und legte den Fokus auf den öffentlichen Raum. Sulina besteht vereinfacht aus sechs parallel zur Donau verlaufenden Straßen, welche entsprechend als Straßen 1 bis 6 bezeichnet werden. Die donaunahen Straßen sind eher befestigt und die umgebende Gebäude mehrgeschossig. Einige Bänke an der Donauuferpromenade und an einigen Wohnblocks sorgen für Aufenthaltsqualität in diesem Bereich der Stadt. Die Straßen 3 bis 6 hingegen sind eher unbefestigt und Einfamilienhäuser dominieren das Straßenbild. In diesem Gebiet ist die scharfe Trennung zwischen dem öffentlichen und privaten Raum durch Zäune sehr auffällig und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum ist durch das Fehlen von Sitzmöglichkeiten sehr gering. (siehe Titelbild)

Den Nachmittag und Abend verbrachte ich wieder mit meinem Übersetzer. Er organisierte für mich ein Leihrad und führte mich zuerst zu dem Haus einer älteren Lipowanerin. In ihrem Vorgarten tranken wir zuerst ihren Schnaps und begonnen anschließend das Interview im Laufe dessen eine Freundin dazukam. Ich erfuhr, dass beide in der Gesangsgruppe der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina aktiv sind und wurde sogleich zu der nächsten Probe eingeladen. Sie beide sind stolz auf ihre Herkunft und ich erfuhr etwas über ihre Lebensgeschichte. Sie  meinen, dass Sulina früher, zur Zeit der Donaukommission, eine offenere Stadt war. Für sie ist es wichtig in die Kirche zu gehen, da man dort andere Leute trifft und es für sie eine gewisse Tradition in ihrem Alltag hat.

Die nächste Station war die Bar „La Autogara“, welche das günstigste Bier der Stadt anbietet und aus diesem Grund viele Fischer, welche vor allem auch Lipowaner sind, zum Feierabend anlockt. Leider blieben die Versuche meines Übersetzers jemanden zum Interview zu bewegen erfolglos.

In der Bar des Vorabends organisierte er mir dann zwei Interviewpartner, einen Bauarbeiter und einen Schüler. Ich lernte in den Gesprächen, dass auch für die jüngeren Generationen ihre ethnische Herkunft und die Pflege der russischen Sprache wichtig sind. Die zwei Männer meinten aber, dass sie nicht aktiv an der lipowanischen Gemeinschaft teilnehmen und dieser Ort in ihrem Alltag keine so große Rolle spielt.

Tag 1: Ankunft in Sulina

Nachdem ich am Vorabend von Wien nach Bukarest flog, benötigte ich trotzdem noch fast den gesamten Tag 1 um nach Sulina zu reisen. Zuerst ging es von Bukarest mit dem Zug nach Tulcea und dann weiter mit dem Boot nach Sulina.

Nachdem man Tulcea verlassen hat, tauchen links und rechts der Donauufer eher kleinere Siedlungen auf, welche praktisch fast nur über den Wasserweg erreichbar sind. Nach dem Anlegen am späten Nachmittag, begrüßte mich gleich mein Übersetzer, welcher mich später treffen wollte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Wir trafen uns dann in einer Bar direkt an der Uferpromenade der Donau und er bot mir an Gespräche mit unterschiedlichen Akteuren in Sulina bzw. verschiedenen Dörfern im Delta zu ermöglichen. Er lud zu dem Gespräch auch eine lipowanische ältere Frau und den ehemaligen Präsidenten der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina zeitversetzt ein und ich bekam den ersten Eindruck, dass Interviews in Rumänien anders funktionieren als in Österreich. Dieses erste Gespräch mit diesen Menschen, so meinte mein Übersetzer, dient zum „Warmwerden“. Die Menschen müssen zuerst vertrauen schöpfen, um dann später, bei einem weiteren Treffen in den nächsten Tagen, mehr Dinge von sich preiszugeben.

Nach diesem ersten Tag bin ich nun zuversichtlich einen Zugang zu Lipowanern in Sulina im Laufe des Field Trip herstellen zu können und bleibe gespannt wie sich die Forschungsreise entwickeln wird.

Orte der Lipowaner in Sulina

Das Thema der Field Trips 2019 ist „Städte an der Grenze“. Die Stadt Sulina ist der Inbegriff einer Stadt an der Grenze, da sie nicht nur im äußersten Osten der Europäischen Union, sondern auch am Ende der Donau liegt.

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Historisch gesehen spielte die Stadt durch den Sitz der Europäischen Donaukommission bis zum Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle für die Schifffahrt auf der Donau. Die Bevölkerung war ethnisch sehr vielfältig, wovon heute noch Sakralbauten unterschiedlicher Konfessionen im Stadtbild zeugen. Nach der Auflösung der Kommission erfuhr die Stadt einen starken Bevölkerungsrückgang, welcher auch die Verringerung der ethnischen Vielfalt zur Folge hatte. Sulina stellt heute nicht mehr das „Europa in Miniatur“ dar, wie es damals bezeichnet wurde.

Geografisch gesehen liegt Sulina inmitten eines der größten Naturschutzgebiete Europas, dem Donaudelta. Das Delta hat seit jeher schon eine ethnische Vielfalt aufgewiesen, vergleichbar mit seiner Artenvielfalt. Eine ethnische Minderheit, welche schon seit mehreren Jahrhunderten in dieser Region lebt, sind die Lipowaner, russische altgläubig orthodoxe Christen, welche vor der Verfolgung durch den Zaren in diese unwegsame Region zogen und heute noch als Fischer leben. Diese Bevölkerungsgruppe stellt die größte ethnische Minderheit in der Stadt dar und ist bekannt für die Pflege traditioneller Bräuche und der nahezu unverfälschten russischen Sprache. Die Lipowaner können als eigene „Community“ aufgefasst werden, aufgrund ihrer gemeinsamen Bräuche, Sprache und Religion.

Diese Forschungsreise wird sich mit den Lipowanern und deren Bezug zum öffentlichen Raum in der Stadt Sulina auseinandersetzen. Die Betrachtung der Identität sowohl in der kollektiven als auch personellen Dimension spielt dabei eine wichtige Rolle. Neben der Frage der Aneignung des öffentlichen Raumes soll der Fokus auch auf das Spannungsfeld zwischen ruraler Kultur und urbanem Kontext gestellt werden. Im Zuge dessen werden unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen und in den folgenden Blogeinträgen erläutert werden. Neben quantitativen, sollen vor allem auch qualitative Methoden zum Einsatz kommen, um die Sichtweise dieser Bevölkerungsgruppe auf den öffentlichen Raum untersuchen zu können. Letztere Methoden stellen einen wichtigen Beitrag für die Forschung dar, sind aber auch aufgrund der Sprachbarriere als Herausforderung und Risiko zu sehen. Der Besuch eines vor allem lipowanisch geprägten Dorfes im Donaudelta soll vor allem zu einem besseren Verständnis der Kultur und deren Einfluss auf den urbanen Kontext führen.

Ich werde während meines Aufenthaltes in Sulina täglich Blogeinträge posten, um meinen Prozess der Wissensgenerierung festhalten zu können.

Maurice Schreiberhuber, Student Raumplanung