VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

Kombinat – Lost Places in der Industriestadt

Unser heutiger Sonntag war für einen Ausflug reserviert, also hieß es wiederum früh aufstehen und alles Nötige einzupacken, um einen langen Tag im suburbanen Tirana verbringen zu können. Denn heute stand der ehemalige Textilindustrie-Vorort „Kombinat“ auf dem Programm. Hierfür hat uns Mirjana – wir haben sie bereits am Freitag kennengelernt – durch den Stadtteil geführt.

Bevor es jedoch nach Kombinat gehen sollte, trafen wir uns wieder mal auf einen Café um aufgekommene Fragen zu beantworten. Im Laufe der Konversation stellten sich einige interessante Thesen auf, die uns Mirjana auch bestätigen konnte. So fanden wir heraus, dass nach der kommunistischen Herrschaft im Zuge der Kapitalisierung des Landes auch eine osmanische Tradition, nämlich die der Café- und Teerunde im Privaten in den öffentlichen Raum reinterpretiert wurde. Als Dienstleistung in Form von Erdgeschossnutzungen finden sich so heute in Tirana eine bemerkenswerte Zahl an Cafés wieder. Denn nach dem Fall des Kommunismus, in einer Zeit, in der Chaos und wenig Strukturiertheit herrschten, öffneten die Menschen ihre Geschäfte ohne Erlaubnis heimlich und besetzten Räume für ihre Nutzung oder sie verwandelten ihre Häuser in gewerbliche Nutzungen.

Heute bestimmt so in Tirana zumindest im innerstädtischen Bereich, aber auch in den Vororten zumindest auf den Hauptstraßen die gesamte Nutzung im Erdgeschoss den öffentlichen Raum. Diese Beziehung löste sich wohl erst in den vergangenen Jahren etwas, als die Re-Inwertsetzung von öffentlichem Frei- und Grünraum in innerstädtischen Bereich ebenfalls hohen Anklang fand (siehe hierzu vor Allem die Einträge der Tage 2 und 3).

Inzwischen belegen die Cafés mit ihren Sitzmöbeln immer mehr die öffentlichen Plätze und Straßen, sowie Bürgersteige. Dies ist insofern problematisch, als dass es immer noch keine Vorschriften gibt. Doch dies war nur der Input bevor es nun zum eigentlichen Tagesziel ging.

Wir bestiegen den Bus 15, der von Kinostudio nach Kombinat fährt. Die Viertel heißen wirklich so, in ersterem Falle nach einem ehemals dort angesiedelten Filmstudio, das macht Sinn. Für 20 ct ist man dann in rund 15 Minuten in Kombinat. Die Einwohner*innen Tiranas, die das Glück einer zentralen Wohnung haben, sprechen bereits vom „zurück nach Tirana fahren“, wenn sie ins Stadtzentrum wollen. Alles klar, wir sind alle offiziell sehr weit draußen.

Als erstes führt Mirjana uns von der verkehrsinfrastrukturellen durchaus fuß- und radfreundlichen Hauptstraße, die mit unzähligen Cafes, Grills und Bars bespielt ist, in eine Seitenstraße. Dort entdeckten wir zwei doch sehr unterschiedliche, kleine Quartiersplätze. Der eine war lebendig, Kinder spielten Fußball, während die älteren ihnen dabei zusahen. Ein typisches Sonntagsszenario also. Der andere Platz, nur 30 Meter weiter, war komplett leer. Und woran lag das? Am ersten Platz sorgten Bäume, Sitzgelegenheiten und Spielinfrastruktur für eine lebendige Atmosphäre. Also gilt weiterhin eine der Grundregeln der Stadtplanung, dass nämlich erst die nötige Grundlage für eine gewünschte Belebung gegeben wird.

Weiter ging es dann wieder auf die andere Seite des Viertels, das im Großen und Ganzen fußläufig sehr angenehm zu begehen ist. Immer informeller muteten die Häuser, immer holpriger wurden die Straßen, immer argwöhnischer wurden die Blicke, als wir uns dem verlassenen Textilkombinat näherten, nachdem das Viertel auch benannt ist. Mirjana klärte die misstrauischen Bewohner*innen ob unseres Interesses auf und sofort verwandelte sich das Stirnrunzeln in den Gesichtern in ein höfliches Lächeln. So entdeckten wir die ein oder andere sehr inspirative Nachnutzung der teilweise baufälligen Fabrikgebäude, Blumenkästen machten das Grau der Vergangenheit bunter und hier und da belebten kleine Läden die langen Straßen.

Mirjana lotste uns dann durch einen wirklich schmalen Spalt zwischen zwei halbverlassenen Barracken, der nach etwa 20 Metern den Blick auf den düster anmuteten Kühlturm der Fabrik freigab. Die Szenerie öffnete sich bei jedem Schritt durch das hohe Grün der verwilderten Freifläche, die hier und da mit Hinterlassenschaften und Feuerstellen von Raumaneignenden gemustert war. Wir konnten uns nicht zurückhalten, in den betongewordenen Monolith des Kühlturms zu steigen, in dem wir die beeindruckenden Sichten genossen. Lost places in Reinform! Danach gingen wir noch etwas weiter in Richtung des beängstigend schiefen zweiten Schlotes, dessen Vorbau auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Mirjana erzählte uns weiteres Interessantes über das Viertel und die gelegentliche Nutzung des verlassenen Areals durch Partyfeiernde bevor lauter werdendes Gebell uns einen schnellen Rückzug antreten ließ.

An der Busstation angekommen, verließ uns Mirjana wegen einem Termin, jedoch nicht ohne uns vorher noch eine Empfehlung für eines der Grillrestaurants an der Hauptstraße zu geben, in dem wir dann diese beeindruckende Führung Revue passieren ließen. Typischerweise waren die Augen dann wie immer größer als der Magen, weshalb wir nun ersteimal die ausgezeichnete Schlachtplatte und den Fladen verdauen müssen.

Bis morgen und Gute Nacht wünschen Vali, Karina und Joshua

 

 

 

madrid. tag dreizehn.

cañada real. die größte informelle siedlung europas.
hier zu sein ohne einen grund. vielleicht sind wir die ersten.
von der metro endstation die steppe. in der ferne die autobahn. dahinter sanfte hügel aus bauschutt und müll. zwischen den hügeln fünfzehn kilometer lang und fünfundsiebzig meter breit ein stigma für die leute die hier leben.
wir wagen uns auf unbekanntes terrain. expedition.
zohra bringt uns zur caritas. ein sozialarbeiter fährt uns durch die siedlung zurück zur metro. erzählt von der auswegslosigkeit. die beklemmung und betroffenheit kriecht hoch.
im neuen stadtteil valdecarros ab in die metro.
war das gerade real?
cañada real.

madrid. tag elf.

aus dem nichts neben der autobahn eine fußgängerin.
»busco el río manzanares.«
schallendes gelächter unter dem strengen, spanischen schnurrbart.
sowas passiert hier nie.
»aquí todo es privado. fence. no hay entrada. no tengo una key. look trough fence. río manzanares.«
die fußgängerin dankt, geht in die gedeutete richtung und verschwindet.
sowas passiert hier nie.

madrid. tag zehn.

salamanca nach madrid.
über die autobahn.
a 6 kreuzt m 50. a 6 kreuzt m 40. a 6 endet an der m 30.
weiter auf der m 30.
ab in den tunnel und unter der stadt durch.
auftauchen.
die andere perspektive.
von der straße aus eine zurückgelegte route erkennen.
ein ungewöhnliches zusammentreffen unterschiedlicher wahrnehmungen.

madrid. tag vier.

der labyrinthische bahnhof atocha. bei taxi 158 führt eine linkskurve endlich vom parkdeck auf die straße.
weiter geht es in der richtung, in der auch die züge die stadt verlassen.
giftgrün und grau gepixelte fassade. baustellenzaun um den fertig angelegten park. hier entsteht stadt?
weiter zur autobahn m 30. es rauscht schon in der ferne.
überqueren unmöglich.
ab in den parallel verlaufenden park. jogger laufen mit den autos um die wette.
überqueren weiter unmöglich bis die erde die m 30 verschluckt.
dann nur noch der río manzanares.

madrid. tag drei.

zeitreise in die sechziger mit der teleférico de madrid.
schwindlig wird nicht durch die höhe, aber durch die windigen, blitzblauen nussschälchen die an den stahlseilen schaukeln.
drei männer in teleférico-uniform öffnen die türen der gondeln für aussteigende fahrgäste, bitten die nächsten fahrgäste einzusteigen und schließen dann die kette an den türen.
11 minuten höhenrausch.
dächer von madrid, fluß manzanares, autobahn m 30, rote wohnblöcke.
dann der casa del campo. madrids grüne oase.

madrid. tag zwei.

regen.
regen.
regen.
die madrileños sind trotzdem auf der straße.
das caixa forum bietet schutz vor dem unentwegt prasselnden regenschauer.
trotz kälte, die über die nassen schuhe in die knochen kriecht, kommt es nicht umhin sich einen hochsommertag zu ersinnen, an dem dieser kühle, dunkle ort mit seinem wasserfall zuflucht vor der hitze bietet.
und es regnet.

 

Innere Peripherien

Wo transformieren sich Städte? Wo wachsen Städte? Wo sind noch Handlungsspielräume? An den inneren und äußeren Rändern, in den inneren und äußeren Peripherien.
Die äußeren Ränder werden von Klara Hrubicek (siehe Projekt: Gebrauchsspuren) die inneren von Helene Schauer getrennt untersucht, aber nach der gemeinsamen Expedition nach Madrid werden die Ergebnisse gegenübergestellt.

Hans-Heinrich Nolte beschreibt die innere Peripherie wie folgend: „eine Region innerhalb eines Staates, in der die Bedingungen so organisiert sind, daß die Vorteile den Menschen einer anderen Region dieses Staates zugute kommen. Diese andere Region nennen wir Zentrum.“

Metrozonen sind innere Peripherien, Maschinen der Städte; unwirtliche Nutzungen verorten sich in ihnen – Verkehrsgroßsystemen, Industrie, Logistik, Gewerbe, Kläranlagen und Deponien. Geprägt von diesen sind sie Gegenorte zu gewohnten urbanen Räumen und gleichzeitig Vorraussetzung für das Funktionieren dieses gewohnten Stadtbilds. Sie unterliegen raschen Transformationsprozessen, sowohl durch das Wachstum der Stadt und der damit einhergehenden Verdrängung großer Infrastrukturen an die äußeren Ränder, als auch durch die rasche Veralterung dieser Infrastrukturen, und die daraus resultierende Obsoleszenz. In Folge verbleiben sie als Leerstellen im dichten Stadtkontext.

Auch diese unwirtlich anmutende Resträume haben bereits Potentiale. Sie sind Experimentierräume, die Freiheiten zulassen, keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterliegen – Regelverstöße werden toleriert, informelle Nutzung ist möglich. Diese Räume sind Ressource für das umliegende, dichte Stadtgefüge. Hier ist noch Platz für Nutzungen und Nutzergruppen, abseits des Interesses der Stadtplanung.
Es wird eine Wahrnehmungsänderung angestiftet – die Orte des zweiten Blicks, die Schönheit des Chaos, der Wert des Ungeplanten, die Relevanz des Vorhandenen wer- den erkannt. Es wird ein Umdenken im Umgang mit öffentlichen Restorten angeregt – nicht das Gestalten, sondern das Ermöglichen rückt in den Vordergrund. Die Potentiale einer innerer Peripherien werden da- durch gestärkt.

Untersucht wird anhand des Raumtyps Transitraum. Sie erzeugen Räume zweiten Rangs, Orte ohne Identität, Orte die keine Identifikation evozieren. Der Straßenraum ist durch seine ihm eingeschriebene Geschwindigkeiten geprägt, durch Unverbindlichkeit, doch was passiert in den angrenzenden Räumen, den Abstandsräumen, den Räumen anderer Geschwindigkeiten?

Transiträume erzeugen Peripherien an ihren Rändern. Die inneren Peripherien, die Metrozonen weisen Ähnlichkeiten mit Transiträumen auf. Sie sind Orte des Übergangs, der temporären Verbindlichkeiten und vorrangig nur aus der Durchreise bekannt. Metrozonen sind an Transiträumen entstanden, Metrozonen sind geprägt durch Transiträume, Transiträume sind Metrozonen – die Widersprüchlichkeit ist in der Diskussion über Metrozonen und Transiträume keineswegs störend, zeigt sie doch die enge Verflechtung dieser.