(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT IV: SCHIFFSWERFT

SANTIERUL NAVAL

Wir folgen dem hohen Zaun um das abgesperrte Gelände. Zuerst verdeckt uns ein wuchtiger Plattenbau die Sicht, doch je weiter wir gehen, desto freier wird unser Blick. Wir sehen eingestürzte Dächer, verfallene Backsteinbauten und Flutlichtmasten zwischen groß-gewachsenen Bäumen.

Direkt am Ufer liegen viele Schiffe, zwischen ihnen steht ein Mann in Uniform. Wir winken ihm zu und fragen, ob wir das Gelände betreten dürfen. Ohne zu zögern öffnet er uns das Tor und bittet uns lediglich die anliegenden Schiffe nicht zu fotografieren, gleich darauf verschwindet er wieder.

Ein wenig zögerlich gehen wir entlang des Ufers und mustern die Häuser und Hallen, die zu unserer linken Seite stehen. Die Gebäude sind ganz verschieden: Formen, Farben, Materialien und Dimensionierungen unterscheiden sie voneinander. Die Bauwerke in der ersten Reihe stehen in einer Flucht geordnet nebeneinander. Sie verdecken den Blick auf die Gebäude dahinter, die wild platziert sind. Nur ein Zaun trennt das Gelände von den Weiten des Donaudeltas. Auf uns wirkt es so, als ob die Natur nach und nach durch den Zaun tritt und sich das stillgelegte Gelände wieder zurückerobert. Je weiter wir durch das immer höher werdende Gras schreiten, desto mehr Pflanzen ragen aus den Gebäuden und Bäume kratzen an den Fassaden. Wir hören einen Kuckuck und Wasser, das am Rand des Ufers plätschert, nur selten wird die Stille vom fernen Baustellenlärm durchbrochen.

Wir streifen zwischen den Bauwerken umher, spähen durch offene Fenster und setzen erste Schritte in das alte Verwaltungsgebäude, dessen weiße, hölzerne Flügeltür offen steht. Es ist ein filigranes Gebäude, umgeben von einem hellblauen Zaun. Aus der Mitte des Daches ragt ein Türmchen mit einem kleinen runden Loch, über dem in metallenen Buchstaben „santierul naval“ („die Werft“) geschrieben steht. Im Inneren liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden, sogar ehemaliges Inventar steht noch an Ort und Stelle.

Hinter dem Verwaltungsgebäude, abseits vom Wasser, bemerken wir eine eingeschossige Halle, auf der das Schild „Cantina Autoservire“, auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Halle ist komplett ausgeräumt, nur die weißen Fliesen an der Wand sind noch übrig geblieben.

Das Gelände endet mit der größten Halle. Durch ein fast quadratisches, rotes Metalltor betreten wir das Innere des Betonbaus. Tauben sitzen auf schweren, mal gelben, mal orangenen Laufkränen an der Decke. Wir stolpern hin und wieder über einen Schutzhelm.

So klingt es in der Schiffswerft:

DAS SCHALLEN DER HÄMMER

Zur Zeit als die Europäische Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, wurden die ersten Werkstätten und Hallen der Schiffswerft erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte man das Gelände östlich um neue Häuser und Werfthallen. In der großen Werkhalle am Rande der Werft wurden Motoren und zum Teil auch mittelgroße Schiffe repariert.

„Als ich mit 10 Jahren als Pfadfinder nach Sulina gekommen bin, habe ich am Morgen immer die Hammerschläge der Arbeiter gehört- gegen Mittag war es dagegen sehr still. “, erzählt uns Valentin.

Während der Ceausescu-Diktatur wurden weitere 250 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens nach Sulina gelotst, da die lokalen Arbeitskräfte nicht ausreichten. Aus dieser Zeit stammt auch ein massiver, fünfstöckiger Plattenbau, der direkt am Eingang der Schiffswerft die Arbeiter und ihre Familien unterbringen sollte.

„Ich habe ein Jahr lang in der Werft als Topograph gearbeitet und bin oft durch die Tür des Verwaltungsgebäudes gegangen. Auf dem kleinen Turm war einmal, da wo jetzt ein rundes Loch ist, eine Uhr mit einer Glocke, um Anfang und Ende der Schichten einzuläuten. Auch wenn ich nie wie die Arbeiter in den Werkhallen tätig war, wirkte für mich dieser Knochenjob sehr trist und grau.“, erfuhren wir von Liviu.

Die Schiffswerft steht heute großteils ungenutzt am nördlichen Ufer, nur einzelne Gebäude sollen zu Lagerzwecken verwendet werden und Schiffe der Grenzpolizei liegen am Steg der Werft. Die Leute reden davon, die Firma Bosch habe einen Teil des Geländes gekauft, wirklich wissen tut es jedoch keiner, geschweige denn was mit der alten Werft passieren soll.

AUSSTELLUNGSSTÜCKE VERGANGENER ZEITEN

Das Einzigartige an der verlassenen Schiffswerft ist die Überlagerung der Ebenen, die nicht nur diesen Ort, sondern ganz Sulina prägt. Die baulichen Reste der Europäischen Donaukommission und die, die aus der Diktatur stammen, koexistieren am linken Ufer des Sulina-Kanals und sind dabei im Bild der Stadt sehr präsent. Es sind zwei Epochen, die aufeinanderprallen und dabei ganz unterschiedliche Emotionen in den Bewohner*innen hervorrufen. Die „Goldene Zeit“, auf die nostalgisch und wehmütig zurückgeblickt wird und die einer gescheiterten Utopie, die sich in Frust und Abneigung niederschlägt. Die gegensätzlichen Paradigmen dieser Epochen spiegeln sich auch in deren Architektur wieder. Während am westlichen Teil des Werftgeländes der Anspruch auf Ästhetik und Repräsentativität mitklingt, hat sich im westlichen Teil Pragmatik und Funktionalität baulich manifestiert.

Wie der lange Gang eines Museums verläuft die Strada I mit ihren Trauerweiden entlang der Siedlung am südlichen Ufer. Auf der anderen Seite ist die Sicht auf die aneinandergereihten Ausstellungsstücke der Stadtgeschichte freigelegt, denn kein Baum und kein Schild verdeckt die Häuser und Hallen der Werft. Etwa 150 Meter trennen die Schiffswerft von den Gastgärten auf der gegenüberliegenden Seite. Usain Bolt hält mit 14,35 Sekunden den Weltrekord für diese Strecke. Die Werft ist so nah, dass die Gebäudestruktur erkennbar bleibt und so fern, dass der Verfall nur zur Randnotiz wird.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

Kombinat – Lost Places in der Industriestadt

Unser heutiger Sonntag war für einen Ausflug reserviert, also hieß es wiederum früh aufstehen und alles Nötige einzupacken, um einen langen Tag im suburbanen Tirana verbringen zu können. Denn heute stand der ehemalige Textilindustrie-Vorort „Kombinat“ auf dem Programm. Hierfür hat uns Mirjana – wir haben sie bereits am Freitag kennengelernt – durch den Stadtteil geführt.

Bevor es jedoch nach Kombinat gehen sollte, trafen wir uns wieder mal auf einen Café um aufgekommene Fragen zu beantworten. Im Laufe der Konversation stellten sich einige interessante Thesen auf, die uns Mirjana auch bestätigen konnte. So fanden wir heraus, dass nach der kommunistischen Herrschaft im Zuge der Kapitalisierung des Landes auch eine osmanische Tradition, nämlich die der Café- und Teerunde im Privaten in den öffentlichen Raum reinterpretiert wurde. Als Dienstleistung in Form von Erdgeschossnutzungen finden sich so heute in Tirana eine bemerkenswerte Zahl an Cafés wieder. Denn nach dem Fall des Kommunismus, in einer Zeit, in der Chaos und wenig Strukturiertheit herrschten, öffneten die Menschen ihre Geschäfte ohne Erlaubnis heimlich und besetzten Räume für ihre Nutzung oder sie verwandelten ihre Häuser in gewerbliche Nutzungen.

Heute bestimmt so in Tirana zumindest im innerstädtischen Bereich, aber auch in den Vororten zumindest auf den Hauptstraßen die gesamte Nutzung im Erdgeschoss den öffentlichen Raum. Diese Beziehung löste sich wohl erst in den vergangenen Jahren etwas, als die Re-Inwertsetzung von öffentlichem Frei- und Grünraum in innerstädtischen Bereich ebenfalls hohen Anklang fand (siehe hierzu vor Allem die Einträge der Tage 2 und 3).

Inzwischen belegen die Cafés mit ihren Sitzmöbeln immer mehr die öffentlichen Plätze und Straßen, sowie Bürgersteige. Dies ist insofern problematisch, als dass es immer noch keine Vorschriften gibt. Doch dies war nur der Input bevor es nun zum eigentlichen Tagesziel ging.

Wir bestiegen den Bus 15, der von Kinostudio nach Kombinat fährt. Die Viertel heißen wirklich so, in ersterem Falle nach einem ehemals dort angesiedelten Filmstudio, das macht Sinn. Für 20 ct ist man dann in rund 15 Minuten in Kombinat. Die Einwohner*innen Tiranas, die das Glück einer zentralen Wohnung haben, sprechen bereits vom „zurück nach Tirana fahren“, wenn sie ins Stadtzentrum wollen. Alles klar, wir sind alle offiziell sehr weit draußen.

Als erstes führt Mirjana uns von der verkehrsinfrastrukturellen durchaus fuß- und radfreundlichen Hauptstraße, die mit unzähligen Cafes, Grills und Bars bespielt ist, in eine Seitenstraße. Dort entdeckten wir zwei doch sehr unterschiedliche, kleine Quartiersplätze. Der eine war lebendig, Kinder spielten Fußball, während die älteren ihnen dabei zusahen. Ein typisches Sonntagsszenario also. Der andere Platz, nur 30 Meter weiter, war komplett leer. Und woran lag das? Am ersten Platz sorgten Bäume, Sitzgelegenheiten und Spielinfrastruktur für eine lebendige Atmosphäre. Also gilt weiterhin eine der Grundregeln der Stadtplanung, dass nämlich erst die nötige Grundlage für eine gewünschte Belebung gegeben wird.

Weiter ging es dann wieder auf die andere Seite des Viertels, das im Großen und Ganzen fußläufig sehr angenehm zu begehen ist. Immer informeller muteten die Häuser, immer holpriger wurden die Straßen, immer argwöhnischer wurden die Blicke, als wir uns dem verlassenen Textilkombinat näherten, nachdem das Viertel auch benannt ist. Mirjana klärte die misstrauischen Bewohner*innen ob unseres Interesses auf und sofort verwandelte sich das Stirnrunzeln in den Gesichtern in ein höfliches Lächeln. So entdeckten wir die ein oder andere sehr inspirative Nachnutzung der teilweise baufälligen Fabrikgebäude, Blumenkästen machten das Grau der Vergangenheit bunter und hier und da belebten kleine Läden die langen Straßen.

Mirjana lotste uns dann durch einen wirklich schmalen Spalt zwischen zwei halbverlassenen Barracken, der nach etwa 20 Metern den Blick auf den düster anmuteten Kühlturm der Fabrik freigab. Die Szenerie öffnete sich bei jedem Schritt durch das hohe Grün der verwilderten Freifläche, die hier und da mit Hinterlassenschaften und Feuerstellen von Raumaneignenden gemustert war. Wir konnten uns nicht zurückhalten, in den betongewordenen Monolith des Kühlturms zu steigen, in dem wir die beeindruckenden Sichten genossen. Lost places in Reinform! Danach gingen wir noch etwas weiter in Richtung des beängstigend schiefen zweiten Schlotes, dessen Vorbau auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Mirjana erzählte uns weiteres Interessantes über das Viertel und die gelegentliche Nutzung des verlassenen Areals durch Partyfeiernde bevor lauter werdendes Gebell uns einen schnellen Rückzug antreten ließ.

An der Busstation angekommen, verließ uns Mirjana wegen einem Termin, jedoch nicht ohne uns vorher noch eine Empfehlung für eines der Grillrestaurants an der Hauptstraße zu geben, in dem wir dann diese beeindruckende Führung Revue passieren ließen. Typischerweise waren die Augen dann wie immer größer als der Magen, weshalb wir nun ersteimal die ausgezeichnete Schlachtplatte und den Fladen verdauen müssen.

Bis morgen und Gute Nacht wünschen Vali, Karina und Joshua

 

 

 

[Tag 10] Taxi Bukarest

Taxi Bukarest, rein in die Stadt! Heute verlassen wir unser Forschungslager bequem per Vierrad. Valentin Nelu ist unser erster Fahrer. Er ist trotz des zähen Stadtverkehrs schneller vor Ort, als wir mit dem Lift ins Erdeschoss brauchen und wartet bereits in seinem grauen Toyota Prius auf uns, als wir aus Haustür treten.

Bună. Bună!

Der Wagen rollt.
Roman beginnt die Unterhaltung und fragt den Fahrer, ob er den Naturpark kenne, der sich hinter dem Hügel der Asmita Gardens verbirgt. Der Fahrer bejaht “Er kenne den Park schon lange” und, dass er die Asmita Gardens oft ansteuere. Wir fragen ihn, ob er etwas dagegen hat, wenn wir die Unterhaltung aufzeichnen. “No Problem for me!”

Valentnin Nelu erzählt uns einige spannende Dinge über den Park, die wir so noch nicht gehört haben. Zum Beispiel wollte Ceausescu auf dem künstlichen See Wassersport veranstalten. Außerdem kam der 57 Jährige auf gesellschaftspolitische Themen zu sprechen und verglich die Zeit des Kommunismus mit der Heutigen.

Andrea unsere erste weibliche Fahrerin hat sich ihren Mercedes Benz frisch aus Nürnberg geholt. “Die deutschen Autos sind einfach besser” sagt sie. Erneut kommen wir auf den Vacaresti Naturpark zu sprechen und hören ihre Meinung darüber und wie man damit umgehen sollte. Auch sie kennt das Gebiet vor allem daher, da sie sehr häufig Leute zu den Asmita Gardens oder der Sun Plaza fährt.

Traian hingegen, ein weiterer Fahrer der vergangenen Tage, mit dem wir unter anderem am Parlamentspalast, dem Palatul Parlamentului, vorbeikommen, kennt den Parcul Natural Văcărești nicht. Erzählt uns aber, was er von dem Mega-Bauprojekt hält, dass sich seit 2010 neben dem Parlamentspalatz befindet und bereits beachtlich in die Höhe ragt.

Die Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes!

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Das beeindruckende Bauwerk wirkt auf uns, als wolle es sich mit dem Prestigebau Nicolae Ceaușescus messen.

Wieder zuhause angekommen, fangen wir an, uns Gedanken zu machen. Große Teile des Stadt wirken als bräuchte es einer Generalüberholung, kaputte Straßen, fehlende Haltestellen, offene Leitungen, um nur ein paar Baustellen zu nennen. Dennoch finanziert der Staat lieber 50% der Baukosten für die Kathedrale.

Die “Kathedrale der Erlösung” spaltet die Nation, titelte die wienerzeitung.at. Laut dem Artikel den wir im Anschluss finden, sei eine Mehrheit von 61 Prozent der Meinung, dass der Bau ganz oder größtenteils aus Eigenmitteln der Kirche finanziert werden sollte. Die Regierung scheint jedoch anders eingestellt zu sein als die Bevölkerung, die sie eigentlich repräsentieren sollte.

Internetquelle:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europaarchiv/399803_Die-Kathedrale-der-Erloesung-spaltet-die-Nation.html
Bildquelle:
https://a1.ro/galerie/cand-va-fi-sfintita-catedrala-manturii-neamului-va-fi-gata-mai-devreme-id736614-play1249610.html

[Tag 9] La Revedere Prieteni

Was sollen wir nur sagen? Auch uns hat die Stadt angesteckt und in ihren Bann gezogen. Wir kennen inzwischen die Wege, wir treffen täglich viele Menschen mit denen wir bereits in Kontakt kamen. Alles festigt sich und wir haben schon ein paar feine Wurzeln geschlagen.

Heute waren wir noch ein mal bei Costel, um sowohl seine persönliche Idee und die seiner Familie über den Park abzuholen. Als kleines Gastgeschenk haben wir ihm die Fotos des letzten Besuches entwickeln lassen und mit einem Gruß versehen überbracht. Wieder einmal hatten wir eine nette Unterhaltung. Diesmal sogar in größerer Runde, nachdem auch noch sein Nachbar mit dabei war. Nachdem wir die Ideen, Vorstellungen und Wünsche der Familie entgegengenommen haben verabschieden wir uns endgültig von ihnen, da wir die nächsten Tage nicht vorhaben sie noch einmal aufzusuchen.

La revedere Costel!

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Anschließend besorgten wir wir uns auf dem Markt, neben dem Sun Plaza einen Sack voll typisch rumänischem Gebäck, um der Romafamilie, auf welche wir am zweiten Tag gestoßen sind eine kleine Freude zu bereiten.

Das Gebäck wurde übergeben, freundlichere Blicke ausgetauscht. Mit einem guten Gefühl im Bauch konnten wir uns nun auch hier verabschieden.

La revedere Romafamilie!

Gestern Abend sind wir nochmal auf dem Damm spazieren gegangen und aufs Neue ist uns diese atemberaubende Kulisse ins Auge gefallen. Uns sind verschieden Zukunftsszenarien durch den Kopf geschossen und auch eine Assoziation als Rennstrecke kam auf.

Schnell sind zwei Spielzeugautos und drei kleinere Off-Road Racer besorgt. Unser Ziel: Mit jedem der Lust hat, den Damm spielend zu erkunden.

Wir machten uns nun bei der Roma Familie auf und da uns der restliche Weg rund um den Damm heute etwas weit vorkam, kürzten wir durch den Park ab. Ein wenig später saßen wir auch schon in den immer großer werdenden Schatten der Asmita Gardens. Per Zufall kam just in diesem Moment Alex vorbei uns wir kamen wieder ins Gespräch. Jedes mal erfährt man ein wenig mehr…

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Seid gespannt was die Tage passiert.

[Tag 8] Garten Eden

Element des Zauns an der Calea Vacaresti —-“Wenn die Intelligenz fehlt, dann wird Geld gefährlich”

Das Gespräch mit Ștefan Ghenciulescu war für uns eine Möglichkeit unsere bisher erlebten Tage zu reflektieren und die Erfahrungen zu ordnen. Über den Austausch mit ihm haben wir es geschafft eine Struktur in unsere Gedanken zu bekommen und Inhalte in ihren Zusammenhängen zu verstehen. Ștefan Ghenciulescu selbst ist Bukarester, Architekt, Herausgeber der Architekturzeitschrift Zeppelin und dieses Jahr unser Gastprofessor an der Technischen Universität Wien.

Im Grunde hatten wir ein lockeres Gespräch in einem hippen bukarester Gastgarten mit dem Namen Grădina Eden. Hier ist ein Hochhaus- und Sanierungsvorhaben des Herrenhauses aufgrund von Konflikten zum Erliegen gekommen und in der kultivierten Wildnis des Hofes wurde mit einfachen aber wirkungsvollen Mitteln ein sozialer Treffpunkt geschaffen.

Wir kamen auf das Thema der Partizipation zu sprechen, weil uns aufgefallen war, dass in Zusammenhang mit dem Vacaresti Naturpark sehr wenig Wert auf Zusammenarbeit mit der Bevölkerung gelegt wird. Ștefan meinte, das wäre ein schwieriges Thema hier, da die Menschen dafür noch nicht bereit seien und der Egoismus noch zu stark haftet. Partizipation hat in Rumänien noch ein Nieschendasein. Doch eine Entwicklung sei bereits zu erkennen. Ștefan erzählte uns von Studio Basar und eine Gruppe, die sich “de Architectura” nennt. Hier werden Architekturkurse für Kinder an Schulen eingerichtet. “Aber nicht um kleine Architekten zu schaffen, sondern mündige Bürger”, so Ștefan Ghenciulescu. Eine demokratisch organisierte Gesellschaft ist wie ein Gebäude. Ist es einmal errichtet, muss man sich fortwährend um die Instandhaltung kümmern, möchte man verhindern, dass es zerfällt und verwahrlost.

Auch haben wir versucht zu erfahren, was die Bukarester denn an ihrer Stadt lieben und worauf sie stolz sind. Bukarest, als Großstadt und wirtschaftliche Macht innerhalb Rumäniens ist Anziehungspunkt derer, die einen festen und gerecht bezahlten Job suchen. Wir haben herausgehört, dass Bukarest oft nur als Mittel zum Zweck für ein privat erfülltes Leben dienen soll. So ist das Ziel der Stadtverwaltung auch ein wirtschaftlich starkes Bukarest und anlehnend an das Vorbild der Städte der vereinigten arabischen Emirate, wie zum Beispiel Dubai, zu gestalten. Wir wollten wissen, was ein vermutliches Ziel der öffentlichen Hand in Bezug auf die Zukunft des Vacaresti Naturparks sein könnte und Ștefan meinte, das würde eher wie ein Freizeitpark aussehen. Laut dieser Meinung finden wir hier also kein Stoff für einen Schutzteppich des Naturschutzgebietes. Wir sagen, die Politiker erkennen nicht das Besondere an diesem Park und die Potentiale, welche diesem Gebiet zugesprochen werden können und Ștefan antwortete, man erkenne das Besondere eher an dem was außerordentlich ist oder scheint und immer mit Konsum und dem Spektakulären zu tun hat.

Auch streiften wir die Themen Tourismus und UNESCO und kamen darüber auf den Denkmalschutz zu sprechen. Ein Diskurs welcher auch den Damm betrifft. Auf jeden Fall und was uns überrascht hat, es gibt Denkmalschutzämter und Denkmalschutzgesetze hier in Bukarest. Natürlich kann das nicht mit dem System, das wir kennen, gleichgesetzt werden. Auch wird hier ausschließlich “punitiv”, also bestrafend gehandelt. Subventionen, Steuererleichterungen und solche Dinge gibt es nicht. Ștefan meinte zu unserem erstaunen, dass die Denkmalbehörden kein Interesse am Vacaresti Naturpark zeigen und eher dagegen sind, diesen zu erhalten. Hilfe aus von dieser Seite brauchen wir uns nicht erhoffen.

Richard lenkt das Gespräch nun auf das Thema der internationalen Wettbewerbe. Der Naturpark stellt ebenfalls eine Bühne für Wettbewerbe dar. Mit  Frau Tudora haben wir uns darüber zuvor auch schon ausgetauscht, daher interessiert uns eine weitere Meinung. Für Ștefan ist es dies ein schwieriges Thema, da solche Wettbewerbe hinterher oft nicht wirklich ernst genommen und abweichend von der ursprünglichen Gestaltung ausgeführt werden.

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Rückseite des Zauns an der Calea Vacaresti

[Tag 7] Stimmen aus dem Umfeld

Für den heutigen Tag haben wir uns vorgenommen weitere Stimmen aus dem Umfeld des Parks einzuholen. Konkret haben wir dafür den Park Parcul Tineretului, sowie die Wohnhäuser entlang der Calea Vacaresti, angesteuert.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, beschert durch das schlechte Wetter der letzten Tage sowie den erneut regnerisch beginnenden Tag, kamen wir über den Nachmittag verteilt mit zahlreichen AnrainerInnen und ParkbesucherInnen in Kontakt. Aus den daraus resultierenden Gesprächen halten wir folgendes fest

Die Mehrzahl der angetroffenen AnrainerInnen kennen den Park zwar, haben allerdings keine wirkliche Meinung zu dem Gebiet. Häufig lässt sich ein negatives Bild über den Naturpark erkennen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Funktionalität des Naturparks nicht wirklich attraktiv, zum anderen befindet sich in unmittelbarer Nähe natürlich der städtisch-gepflegte Park Parcul Tineretului, welcher im Gegenzug vielfältige Nutzungsmöglichkeiten anbietet und daher im direkten Vergleich besser abschneidet. Vielfach hören wir im Vacarest Naturpark sei es dreckig und gefährlich. Man wisse nicht was man dort machen soll. Und hier bin ich unter Leuten, hier kann ich Fußballspielen.

Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului
Parcul Tineretului

Wir wollen wissen, was passieren müsste, dass die Befragten auch den Vacaresti Naturpark besuchen würden und ob ihnen das Konzept eines Naturparks innerhalb der Stadt gefällt.

Die Meinungen dazu gehen auseinander, jedoch überwiegt aus unserer Beurteilung Rückblickend folgendes. Die Befragten die den Naturpark gut heißen finden überwiegend Kritik für die Verwahrlosten Randbereiche. Hier wird sich eine Aufwertung gewünscht, der Naturschutzcharakter solle aber beibehalten werden.

Die Befragten, die den Naturpark hingegen negativ beurteilen haben bereits zu Beginn eine abwertende Haltung zu dem Areal. Der Naturschutz ist zweitrangig. Gewünscht wird sich eine Veränderung und Umgestaltung des ganzen Areals. Das Sicherheitsbedürfnis scheint uns einen wichtiges Thema in Bukarest zu sein. So wird neben der Mall auch der Park Tineretului an den Eingängen von Sicherheitskräften bewacht.

Unseren siebten Fieldtrips Tag schließen wir vor unseren Wohnort, den Asmita Gardens ab, um zuletzt auch Stimmen und Meinungen aus dem erst vor wenigen Jahren errichteten Wohnquartier einzuholen.

Für heute Abend steht übrigens noch ein treffen mit Stefan Ghenciulescu an. Ihn werden wir auf ein gemütliches Bier in der Altstadt treffen. Bleibt gespannt!

[Tag 6] Räumliche Praxis

Die Produktion von Raum entsteht für Henri Lefebvre aus drei unterschiedlichen Ebenen, welche immer aufeinander bezogen zu betrachten sind. Diese sind

1. Räumliche Praxis

2. Repräsentation von Raum

3. Räume der Repräsentation

Diese drei Raumdimensionen beschreiben einen differentiellen Raum, was wiederum auf einen der Kernaspekte Lefebvres verweist: die Differenz, welche sich wiederum aus einer drei-dialektischen Beziehung heraus manifestiert. Um ein bessere Verständnis zu ermöglichen soll hier kurz der Vacaresti Naturpark als beispiel herangezogen werden.

Repräsentation von Raum - konzeptualisierter, erdachter Raum
Repräsentation von Raum – konzeptualisierter, erdachter Raum nach Lefebvre

Das Konzept, der APNV sowie konkrete Pläne der Stadt Bukarest oder der Politik geben dem Raum virtuelle Vorgaben vor. Diese zeigen sich in der konkreten Gestaltung des Parks und schlagen sich dadurch in den jeweiligen individuellen Wahrnehmungen der BesucherInnen nieder. Die dritte Ebene zeigt, wie diese BesucherInnen damit umgehen und diese Materialität oder die dortigen Praktiken aufnehmen. Dieser Ebene ist die Möglichkeit geboten Vorhandenes zu kritisieren und zu transformieren.

Die Räumliche Praxis beschreibt, was Menschen im und mit dem Raum tun: Was sie wo bauen, aufstellen, platzieren, wie und wozu der Raum genutzt wird, wer sich darin bewegt.

Die Räumliche Praxis am Beispiel des Vacaresti Naturparks in Form einer Fotostrecke:

Der Damm

Ein älterer Herr löst Kreuzworträtsel am Fuße des Damms
Ein älterer Herr löst Kreuzworträtsel am Fuße des Damms
Zwei Mädchen sitzen auf dem Damm und trinken Bier
Zwei Mädchen sitzen auf dem Damm und trinken Bier
Zwei Frauen mit Hunden sind in Begleitung eines Jungen dammabwärts unterwegs in Richtung Park
Zwei Frauen mit Hunden sind in Begleitung eines Jungen Damm abwärts unterwegs in Richtung Park
Ein provisorisch anmutender Zugang
Ein provisorisch anmutender Zugang
Sport in der Natur
Sport in der Natur

 Innenraum – Naturpark

Der durch die APNV errichtete Aussichtsturm inmitten des Parks
Der durch die APNV errichtete Aussichtsturm inmitten des Parks
[Tag 1] Alex führt uns durch den Park
[Tag 1] Alex führt uns durch den Park
Kunstinstallationen wie diese lassen sich im Nordwestlichen Bereich des Parkes finden
Kunstinstallationen wie diese befinden sich im nordwestlichen Bereich des Parks
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Drei Frauen durchqueren den Park zielstrebig

 Randbereich

Jogger unterwegs entlang des Naturparks
Jogger unterwegs entlang des Naturparks
Kinder spielen vor der Haustür entlang des Weges
Kinder spielen vor der Haustür entlang des Weges
Eine Sitzbank vor einem Haus mit Blickrichtung auf den Naturpark
Eine Sitzbank vor einem Haus mit Blickrichtung auf den Naturpark

 

Literatur:

Lefebvre, Henri: “Die Produktion des Raums”. In: Jörg Dünne; Stephan Günzel (Hrsg.): Raumtheorien. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006

Vogelpohl, Anne (Hrsg.): Städte und die beginnende Urbanisierung. Henri Lefebvre in der aktuellen Stadtforschung. Online: Springer-Verlag 2011

[Tag 5] Geschichten rund um den Damm

Der fünfte Tag unseres Aufenthalts beginnt ruhiger als die Vorherigen. Ausgeschlafen und wieder voller Energie machen wir uns auf den Weg zu Costel. Wir sind zum Café verabredet. Das Unwetter der letzten Nacht hat sich verzogen, trotz schlechter Wetterprognosen knallt uns schon wieder die Sonne auf den Kopf, während wir auf dem Weg sind.

Zu Besuch bei Costel

Im Halbschatten sitzend erwartet uns Costel bereits. Ein reich gedeckter Tisch voll Obst und kühlen Getränken steht bereit. Ein wenig später folgt türkischer Café, dann Costels eigener Zwetschgenschnaps.

“Sănătate!” – Prost auf Rumänisch!

Costel ist unser Erster und bis dahin einziger Anrainer des Naturparks mit dem wir ins Gespräch kommen. Daher haben wir jede menge Fragen an den 63 Jährigen Rentner.

Zufahrt zu Costels Anwesen
Zufahrt zu Costels Anwesen

Seit zehn Jahren wohnt er nun schon hier. Probleme, obwohl er weder über Strom noch fließend Wasser verfügt, hat er hier nie gehabt. Außer mit Langfingern, aber die sind in den letzten Jahren auch immer weniger geworden. Er lebt autark. Sein Nachbar besitzt Ziegen, Enten und Gänse. Costel hingegen Obstbäume und eine Destillation. Man hilft sich, erfahren wir…

Nach dem sehr offenen Beginn der Unterhaltung lenken wir das Gespräch in Richtung Naturpark. Zu gerne hätten wir ihn einfach Reden lassen, aber seine Meinung zum Park der an sein Grundstück grenzt interessiert uns natürlich auch. Wir wollen wissen, wie er die Arbeit der Asociația Parcul Natural Văcărești (APNV) beurteilt, welche Vorstellungen er zur Zukunft des Naturparks hat und ob ihm die heute angerollte Betoniermaschine, die nur gut 100 Meter von seinem Grundstück entfernt in die Höhe ragt, beunruhigt.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Sichtlich wohl fühlen wir uns bei Costel. Die einfache, naturverbundene Lebensweise und freundliche Art, sorgt dafür, dass uns der Aufbruch nicht leicht fällt.
Doch wir wollen noch weiter.

Den Randbereich, den auch Costel bewohnt, wollen wir genauer unter die Lupe nehmen. Gestärkt brechen wir auf in Richtung Sun Plaza. Wir wollen herausfinden wie die Shoppingmall mit dem sich vor der Haustür befindenden Vacaresti Naturpark umgeht und werden enttäuscht. Es besteht keine Verbindung, der “offizielle” Zugang: eine Lücke im Zaun.

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Nicht gerade schön sieht es hier aus. Der südliche Teil des Naturparks ist besonders schmutzig.

Blick in Richtung Süden
Blick in Richtung Süden
Südhang
Südhang

Ein Stück weiter treffen wir auf eine Romafamilie, die sich unterhalb eines Sendemasten sesshaft gemacht hat. Wir begrüßen alle freundlich, doch stoßen auf eine verschlossene bis abwertend-aggressive Haltung. Wir gehen weiter…

Kurz darauf treffen wir auf einen weiteren Roma. Er heißt Vasile. Wir vertiefen uns in ein Gespräch. Fünfzehn Jahre hat er in dem Park mit seiner Familie gelebt, dort gefischt, gejagt und geerntet. Der Park ist seine Heimat. Als der Park zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, war er gezwungen den Park zu verlassen.

Vasile
Vasile

Weiter gehts… entlang eines Wellblechzauns kommen wir an Ein- und Mehrfamilienhäusern vorbei. Teils schön hergerichtet, teils schäbig, teils unfertig. Ein einheitliches Bild wird hier nicht vermittelt.

Am Wegrand pflückt ein Mann Beeren. Sein Fahrrad liegt neben ihm am Boden. Wir sind neugierig und sprechen ihn an. Der Herr nennt sich Mihai B. und kann eine tiefe Verbindung mit dem Vacaresti Naturpark vorweisen. Er war bei der Errichtung des Dammes beteiligt. Er kennt die Gegend bereits seit kommunistischer Zeit. Seine Meinung dazu ist recht sachlich: “Da gab es keine Disskusionen.”

Mihai B.
Mihai B.

Mihai besteht darauf, dass wir seine Himbeeren probieren. Es wäre unhöflich sie abzulehnen, überstetz uns Richard. Am Markt neben dem Sun Plaza verkaufen sie ein Glas Himbeeren, wie Mihai es in der Hand hält, für fünf Lei, erzählt er uns. Er pflückt diese allerdings nur für sich selbst um vișinată, einen Beerenlikör, daraus anzufertigen.

Von Mihai erfahren wir außerdem, dass der Damm während der Errichtung sabotiert worden sei. Ob diese Aussage der Wahrheit entsprich, kann nicht überprüft werden. Wer dafür verantwortlich war, möchte oder kann er uns jedoch auch nicht sagen.

Aufziehende Regenwolken verleiten uns zum Aufbruch. Gut zwei Drittel der erneuten Umrundung stehen noch bevor. Wir halten Ausschau nach Zugängen. Auf welchen Wegen kommt man überhaupt in den Naturpark. Neben ein paar wenigen offiziellen Zugängen entdecken wir Trampelpfade und provisorische Konstruktionen.

Südöstlicher EIngang an der Strada Savinesti
Südöstlicher Eingang an der Strada Săvinești

Die Spuren weisen darauf hin, dass die Zugänglichkeit zum Gelände vielfach gesucht wird. Viele Trampelpfade säumen die Straße am RIN Grand Hotel.

Zugang östlich entlang der Straße am Rin Hotel
Zugang östlich entlang der Straße am RIN Grand Hotel
Nördlicher Zugang von der Splaia Unirii
Nördlicher Zugang vom Splaiul Unirii

Verteilt bewegen wir uns auf dem Dammhügel und stoßen auf die hydrotechnischen Zu- und Abflussanlagen. Roman und Max entdecken den Zufluss unterhalb des Dammes, der mit einem Falltor blockiert werden konnte. Richard ruft uns von oben zu sich. Dort befindet sich der Sicherheitsabfluss. Das kann man sich vorstellen, wie einen Überlauf bei einem Waschbecken. Wir staunen nicht schlecht über die gut 10 Meter tiefen Belüftungs- und Zugangsschächte die sich vor uns befinden.

Schiene des Falltors
Schiene des Falltors
Abfluss unterhalb des Dammes
Abfluss unterhalb des Dammes
Überlauf
Überlauf
Überlauf Entwässerung in den Dambovita
Überlauf Entwässerung in den Fluss Dâmbovița

Wir gehen weiter.. Das Erscheinungsbild und die Nähe zu den Wasserflächen von der östlichen Seite aus gesehen sind atemberaubend.

Idyllische Wasserflächen

Abendstimmung
Abendstimmung

Zurück in unserem Forschungszentrum genießen wir die Abendstimmung aus der dreizehnten Etage und lassen das Erlebte Revue passieren.

[Tag 4] Raus aus der Filterblase

Heute ist der vierte Tag unserer Reise und langsam fühlen wir uns schon wie in einer “Vacaresti-Bubble“. Umso mehr freuen wir uns auf den Besuch der Hochschule in Bukarest. Vor der Tür des Instituts für Gartenbau werden wir bereits von Luana Andrea Simion, einer ehemaligen Studentin, welche ihre Masterarbeit über den Vacaresti Naturpark verfasste, abgeholt. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zur Professorin Ioana Tudora, einer Architektin und Landschaftsarchitektin mit einem Doktorat der Soziologie. Ein wenig später kommt noch ihre Kollegin Claudia Fabian dazu.

In einer gemeinsamen Runde führen wir ein lebhaftes Gespräch über mehrere Stunden. Mit einer unglaublichen Energie und einem schier unermesslichen Wissen schildert uns Frau Tudora, wie sie den aktuellen, materiellen und immateriellen Zustand des Parks einschätzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht gibt, um den Park sowohl zu schützen als auch zu erhalten. Aufgrund ihrer soziologischen Sichtweise schätzt sie das Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht für mündig, um den Erhalt zu sichern. Nein, ganz im Gegenteil würde eine rücksichtslose bis profitorientierte Haltung der Bevölkerung dafür sorgen, dass etwas Besonderes schnell verschluckt werden würde.

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Einen kleinen Ausschnitt aus der heutige Diskussion wollen wir euch nicht vorenthalten. Richard begibt sich in die inzwischen vertraute Rolle des Dolmetschers.

Ioana Tudora verabschiedet sich nach ungefähr 90 Minuten. Nun kommen Claudia und Luana auch zu Wort und wir hören deren Vorstellungen, wie der Vacaresti Naturpark langsam und schonend für die Menschen geöffnet werden könnte, um eben genau dieses angesprochene Bewusstein zu stärken, welches in einer demokratischen Ordnung Grundlage sein muss, weil eben nicht aus einem autoritären Standpunkt aus “das Beste” beschlossen werden kann.

Schon wieder hungrig verlassen wir zusammen mit Luana die Universität und bekommen von ihr zuletzt noch einen Tipp, wo Studenten hier gute Hausmannskost finden. Gestresst durch den Großstadtwahnsinn wünschen wir uns die Ruhe des Naturparks zurück und treten den Heimweg an.

Von einer Regenwolke lassen wir uns nicht abhalten und finden uns von einem heftigen Unwetter überrascht plötzlich wieder im Park vor.

Blick auf die, am Tag 1 angesprochene Siedlung, von Costel vom Damm aus
Blick auf die, am Tag 1 angesprochene Siedlung, von Costel vom Damm aus

 

Ioana Tudora: “Mit einer passiven Haltung wird es heute nicht mehr möglich sein, den Park in seinem jetzigen Zustand zu erhalten.”

 

[Tag 3] Außenminister im Innenraum

Um 11 Uhr betreten wir das Büro der Administrația Parcului Natural Văcărești (APNV), welches sich ebenfalls in den Asmita Gardens befindet. Wir sind mit Nicoleta Marin für ein Interview verabredet. In dem folgenden dreistündigen Gespräch erfahren wir unter anderem

– Welche Einstellung die Stadtbevölkerung, laut Expertin, über den Naturpark hat
– Welche Vor- und Nachteile sie im derzeitigen Zustand des Vacaresti Naturparks sieht
– Welche Funktionen der Damm heute übernimmt und zukünftig übernehmen könnte
– Wie sich das Bewusstsein der Stadtbevölkerung gegenüber dem Park schärfen ließe
– Wie die APNV sich eine gesunde Mischung aus Naturschutz und öffentlichem Raum vorstellt
– Welche Schutzmechanismen auf den Park wirken und ob er dem zunehmenden Druck durch die
Immobilienbranche standhalten wird
– Welche Zukunftsszenarien die NGO für wünschenswert hält

Richard Zaiser im Gespräch mit Nicoleta Marin
Richard Zaiser im Gespräch mit Nicoleta Marin

Anschließend darf sich jeder von uns ein Fernglas nehmen, um von der obersten Etage einen Blick auf den uns mittlerweile schon vertrauten Naturpark zu werfen. Die Aussicht aus dem für uns noch besser gelegenen Rooftop schlägt alles bisher Gesehene und Nicoleta lässt uns netterweise so lange bleiben wie wir wollen. Sie selbst muss jedoch wieder ins Büro, um noch letzte Vorbereitungen durchzuführen. Für den Nachmittag ist nämlich noch hoher Besuch angemeldet. Das Eintreffen der österreichischen Ministerin für Europa, Integration und Äußeres, Karin Kneissl, wird gegen 17 Uhr erwartet. Freundlicherweise wurden wir ebenfalls eingeladen und somit stand auch schon der nächste Termin vor der Tür.

Von Richards Kochkünsten gestärkt verlassen wir gegen kurz nach halb 5 erneut unser Appartement. Die Staatslimousine vor dem Gebäudeeingang der NGO verrät uns – wir sind zu spät. Die Abordnung der Delegierten um Frau Kneissel genießt ebenfalls wie wir zuvor schon die kühle Briese des Rooftops.

Gabriela, das jüngste Mitglied der NGO, fängt uns ab und schlägt vor mit ihr und einer Hand voll Kollegen schon einmal vorzugehen, um im Park auf die anderen Personen zu warten. Was für ein Glück für uns! Auf diese Weise kommen wir sowohl mit Florin, dem Präsidenten der APNV und dem Geologen Christian Lascu der NGO, in Kontakt. Knapp eine halbe Stunde haben wir Zeit, bis die Umgebungsgeräusche leiser werden und immer mehr Stimmen zu hören sind. Die Delegation trifft ein! Angeführt durch das uns schon vertraute Gesicht Nicoletas.

Kneissl
Bundesministerin für Europa, Integration und Äußeres, Karin Kneissl, beim Abstieg des Hochstands

Ein wenig später ist der ganze Trubel auch schon vorbei und der Park macht sich wieder lautstark bemerkbar. Wir beschließen die erst kürzlich errichteten Beobachtungsposten des Parks aufzusuchen, die uns Christian Lascu empfohlen hat. In Richtung Süden unterwegs verlassen wir den Park und schnappen uns kurz vor Marktschluss noch etwas Brot und eine Lubenita (Wassermelone) für umgerechnet 1,20 Euro.

 

 

 

[Tag 2] HALLO VACARESTI – ein Naturpark im Überblick

Ein neuer Tag bricht an.

Nicht nur die Zeitumstellung hat uns letzte Nacht eine Stunde Schlaf geraubt, auch Roman sein Geburtstag und die damit verbundenen nächtlichen Biere haben zum kollektiven Schlafentzug beigetragen. Richards Handywecker klingelt jedoch erbarmungslos und treibt uns nach nur wenigen Stunden aus den Federn.

Heute wollen wir uns einen Überblick verschaffen. Während wir gestern trotz zweistündiger Tour nur den nordwestlichen Bereich des Naturparks erkundet haben, steht heute ein Rundgang um den gesamten Park an. Obwohl wir von unserer Terrasse aus bereits einen tollen Blick auf den Park haben wollen wir auch die Aussichtsplattform im Nachbargebäude aufsuchen. Außerdem stehen letzte wichtige Terminkoordinationen mit den ExpertInnen der nächsten Tage auf dem Programm.

 

Wir ziehen los und melden uns später wieder

 

Von der bevorstehenden Mittagshitze haben wir uns nicht abschrecken lassen und sind im Anschluss an das vorangegangene Posting direkt losgezogen. Das Ziel bestand darin, einmal den gesamten Park zu Fuß zu umrunden. Davon haben wir uns auf der einen Seite erhofft die Dimensionen besser zu verstehen, auf der anderen Seite den Naturpark aus verschiedenen Blickwinkeln kennen zu lernen.
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Die gesamte Umrundung hat, nicht zuletzt auch aufgrund zahlreicher Stopps, gute 2 Stunden in Anspruch genommen. Im Laufschritt lässt sich eine Umrundung allerdings auch schon in einer halben Stunde schaffen, erfahren wir von Vlad, einem Jogger, der von seiner Hündin begleitet wird.

Hungrig und vor allem durstig machen wir kurz bevor wir die ganze Runde absolviert haben einen Abstecher in die nahe gelegene Sun Plaza Shopping Mall. Ein Einkaufszentrum von gigantischem Ausmaß. Wir staunen nicht schlecht über die vielen Menschen die wir hier antreffen, obgleich wir den Naturpark vorziehen, scheinen die BewohnerInnen Bukarests andere Präferenzen für die Gestaltung ihres Nachmittags zu haben.

Gekräftigt verlassen wir wieder die Mall und begeben uns auf die letzte Etappe.Wir kommen an Gebäuden vorbei, die uns den Eindruck von informellen Häusern, fast schon einer provisorisch errichteten Siedlung, vermitteln. Beinahe hätten wir sie überhaupt nicht gesehen, doch die vielen frei herumlaufenden, bellenden Hunde waren nicht zu überhören. Die anfänglichen Zweifel uns zu nähern legen sich schnell, als ein älterer Mann unsere Handzeichen mit freundlicher Mine erwidert und auf uns zugeht. Der Herr mit dem wir ins Gespräch kommen heißt Costel und lädt uns nach einem kurzen Plausch ein, ihn in den kommenden Tagen auf einen Kaffee zu besuchen.

 

 

Schlussendlich kehren wir mit müden Füßen zurück in unser Forschungszentrum, die Asmita Gardens.

Für heute wünschen wir allen LeserInnen eine gute Nacht und bis morgen!

 

[Tag 1] HALLO BUKAREST

Angekommen… nach einer guten Stunde Flugzeit sagen wir “Hallo Bukarest”. Wir verlassen den Flughafen und begeben uns auf die Suche nach einem Stadtbus. Nachdem wir die richtige Linie gefunden haben, geht es direkt los, quer durch die Stadt. Der Bus ist überfüllt und Richard muss stehen. Die offenen Fenster sorgen, zumindest solange der Bus in Bewegung ist, für eine frische Briese. Erste Eindrücke rollen an uns vorbei. So auch der Victoria Palast – nun können wir sicher sein, wir sind in Rumänien!

Nach der Busfahrt, die so lange dauert, wie der Flug selbst, erreichen wir schlussendlich unser Forschungszentrum im 13. Stock der Asmita Gardens. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Stadt Wien. Der atemberaubende Blick von hier oben auf den Vacaresti Naturpark überzeugt uns sofort. Neugier schlägt Müdigkeit. Nach einer kurzen Erfrischung wollen wir los.

Kaffee, Tschick und ab in den Park!

Treppe

Nur wenige Meter trennen uns und den Park. Wir erklimmen die letzten Stufen der Böschung und tauchen ein in eine neue, uns unbekannte Umgebung. Der bis gerade noch gut zu hörende städtische Lärm schwindet mit jedem Schritt den wir den Wall tiefer hinuntersteigen. Wir können es kaum glauben, nach nur so wenigen Metern haben wir die Großstadt völlig hinter uns gelassen. Wir folgen dem Pfad und lassen uns von ihm leiten. Warnschilder entlang des Weges weisen auf die größten Gefahren hin, die es hier gibt. Zecken!

Der Hinweis hält uns jedoch nicht davon ab, auch kleinere Trampelpfade zu wählen, schließlich sind zwei von uns dreien geimpft.

So kommt es dazu, dass wir Alex begegnen. Gute zwei Stunden führt uns unser neu gewonnener Guide durch sein Revier. Von ihm erhalten wir neue und bisher unbekannte Hintergründe. Laut Alex ist die nordwestliche Ecke des Naturparks, in der wir uns aktuell befinden, ein stadtbekannter Treffpunkt für liebessuchende Großstadtromantiker. Romantiker wohl gemerkt. Doch nicht nur das erfahren wir. Unser redefreudiger neuer Freund meint außerdem:

“Die meisten Bukarester kennen diesen Park gar nicht, ich selbst habe ihn auch erst vor einem Jahr für mich entdeckt.”

Während wir mit Alex durch das Gelände spazieren begegnen uns weitere Naturfreunde. Viele sind es jedoch nicht. Rückblickend haben wir in den zwei stunden nur eine Hand voll Leute gesehen. Alex findet das gut. Auf die Frage, was er von der Umgestaltung des Parks halten würde, erwidert er mit skeptischem Blick:

“Davon halte ich gar nichts, der Park gefällt mir so wie er ist und ich finde es auch schön, dass ihn nur so wenige Leute kennen und nutzen.”

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Mittlerweile ist es spät geworden und die untergehende Sonne lässt uns für heute den Heimweg antreten…

 

 

= Die meisten Bukarester kennen diesen Park gar nicht =