Tag 10: Презентація проекту — die Ausstellung

„Die Ausstellung ist so, als ob jemand ein Foto von dir zeigt – und du denkst dir, oh Gott, seh ich wirklich so aus? Warum fotografierst du mich nicht in einem besseren Moment?“ – Jana Maxymchuk, Architektin in und aus Chernivtsi

 

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Unser Galerist führt in die Ausstellung ein: Taras Polataiko

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Zwei Journalist*innen der Lokalpresse diskutieren das alte Bushaltestellenschild Pruth, eines der Artefakte

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Insgesamt 32 Artefakte stehen assoziativ für Erlebnisse und Erkenntnisse unserer Feldforschung. Die Frage “Warum habt ihr das ausgewählt?” wird zum Start vieler Diskussionen

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Tag 8/9: Den Nagel auf den Kopf treffen

Team Czernowitz produziert. In der Bunker-Galerie von Taras Polataiko, eines gebürtigen Czernowitzers, der vor ein paar Jahren nach längerer Zeit aus Kanada zurückkehrte – „weil etwas passiert“ – findet morgen die Ausstellung „Ідентичності міста“ statt. Der selbsternannte österreichisch-griechische Kaiser (nach einem Schreibfehler an einer Tafel am Bahnhof, auf der eigentlich österreich-ungarisch gemeint war; nun stellvertretend für den omnipräsenten kitschig-historisierenden Stil) hatte bereits unsere Ausstellung im Radio angekündigt.

Auf einer Vorabbesichtigun lernten wir Teile des Freundeskreises um den Bunker kennen. Erst im Nachhinein fällt uns auf, dass diese Gruppe der imaginierten geschichtlichen Multikulturalität am Nächsten kommt: Zugezogene und gebürtige Czernowitzer*innen, mit ukrainischen, rumänischen, armenischen, polnischen Wurzeln. Im Zigarettenrauch und unter dem Einfluss lokal erworbener Getränke verschmelzen Gespräche über unser Projekt mit biografischen Anekdoten, historischen Perspektiven, aktueller Sprach-, Kultur- und Stadtpolitik.

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Zurück zum heutigen Morgen. Nach dem üblichen Frühstück – mittlerweile werden wir bereits gefragt, ob wir das Rührei und den Kartoffelbreiblock ohne den obligatorischen 80%-Anteil an Würstchen haben wollen – setzen wir uns im Galasaal im austro-griechischen Stil an die Arbeit. Eine Delegation wird zum Einkauf und zur Verhandlung mit unserer Copyshop-Empfehlung entsandt. Der zumindest am linken Arm braungebrannte Taxifahrer, den wir auf der Straße zu uns winken, ist ein alter Bekannter: Er hatte uns bereits vor einigen Tagen im Nezaleschnosti-Prospiekt gefahren. Er empfiehlt uns bereits zum zweiten Mal das Haus des Schiffes. Czernowitz ist ein Dorf, wird uns von verschiedenen Seiten gesagt – mittlerweile fühlen auch wir uns schon ganz heimisch. Bereits drei Taxifahrer kennen uns bereits von vorigen Fahrten und begrüßen uns trotz der hartherzigen Verhandlungskünste Jakobs mit Freude.

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Im Copyshop angekommen sorgt unser Wunsch nach acht auf Kappa aufgezogenen Plakaten für blankes Entsetzen: Ob sich das bis morgen ausgeht? час, час. Eine Deadline für die Anlieferung der Daten wird festgelegt. Die letzten Klicks finden im Taxi statt. Fertig. Die Ausstellung wird bombe. Wir freuen uns.

 

Artefakt #033
HAMMER (молоток)
Gefunden im Eisenwarenladen des Vertrauens
Fotografiert um 16:56 Uhr

2019-05-24 00.41.46

Wer hat es sich noch nicht gefragt: Wie sehen 100g Nägel in einer Zeitung verpackt aus? Mit Händen, Füßen, Schauspielkunst, Verzweiflung im Gesicht und Schweiß auf der Stirn wird das Equipment für die Ausstellung komplettiert. Nach einer kafkaesken Stunde Wartezeit am Bahnhof für die Tickets der Rückfahrt ist es bereits 16:31 Uhr: Beste Ladenschlusszeit also. Wir betreten den einfach gehaltenen Laden mit dem Namen юнио́р (Junior) und sehen hohe Decken, umgeben von einem U eines Tresens. Die Auslage scheint systematisch geordnet: Ganz links Töpfe, dann die Putzmittel, zentral die Schrauben und rechts der weitere Heimwerkerbedarf. Nägel sind zunächst nicht in Sicht. Die voluminöse Verkäuferin empfängt uns mit eleganter Gleichgültigkeit hinter der Plexischeibe der Auslage.

Die Grand Dame der Eisenwarenfachgeschäfte identifiziert mit der Geste für Nageln sofort den Hammer. Naja, brauchen wir sowieso auch. Der Nagel wird schwieriger. Die Pantomime – Schraube in der Hand, aber ohne Gewinde – hat Erfolg. Sie erklärt mehrfach den russischen Begriff für Nägel: гвозди. Welche Größe? Ach, bevor ihr es mir umständlich erklärt, kommt doch direkt hinter den Tresen. Nach reichlicher Abwägung – mit Bleigewichten auf einer Wage – nehmen 100g ihre Gestalt an. Preislich schlagen sie sich bei 76,80г (2,50€) nieder. Der Hammer kostet 73г. Auf gutes Nageln!

 

Tag 7 / Schein & Sein: Von Verheißungen und Überklebtem

Wer pünktlich kommen will, hat es schwer in Czernowitz. Mittlerweile haben wir uns an die meditativen Situationen des alltäglichen Wartens an den Bushaltestellen gewöhnt. Die dort fahrenden Busse sind nicht ausgeschildert. Warum auch? Sie fahren seit Jahrzehnten gleich, man kennt sie ja. Fahrplan haben sie erst recht keinen – er würde auch wohl kaum eingehalten werden können. Die abenteuerlichen Gefährte schlängeln sich in Schrittgeschwindigkeit um die teils metertiefen Schlaglöcher, während der Fahrer gleichzeitig Small Talk führt, telefoniert und die 5eг-Noten in Empfang nimmt, die durch die dicht stehende Menge nach vorne durchgegeben werden.

Wir kommen also deutlich später als erwartet, aber pünktlich mit einem Regenschauer am Калинівський ринок an. Dieses Mal sehen wir keine Fluchtbewegungen und hektisch einpackende Verkäufer*innen. Gekonnt sind die Plastikplanen über die im freien stehenden Waren gedeckt. Die dazugehörigen Standler*innen sitzen unter Schirmen, Vordächern und Markisen. Gelassen sehen sie den schlendernden Profieinkäufern mit Ponchos und Schirmen sowie sprintenden T-Shirt-Trägern mit Einkaufstüten zu.

Wir sitzen an einem Biertisch mit Plastikfurnier auf der überdachten Veranda von корчма zwischen Schaschlikessenden und Tomatensafttrinkenden, neben ihnen Receiver, Fernbedienungen, Kinderspielzeug. Zwischendurch bieten zwei Damen mit Sackkarren kleine Snacks und Getränke an, das Fahrradverkaufspärchen von gegenüber kauft bei ihnen Bananen – eine informelle Versorgungsstruktur für die Verkaufenden. Das Verhältnis zwischen den Standler*innen scheint freundschaftlich und vertraut. Ein Händler geht ohne zu Fragen hinter die Theke der Kantine und nimmt sich einen Salat zu seiner Mahlzeit.

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Bei Sauberkeits- und Gestaltungsfragen scheint aber am Ende der eigenen Parzelle Schluss zu sein. Wir sehen nachträglich gelegte Bodenbeläge, die sich durch eine akkurate Sauberkeit von den umherwehenden Plastiktüten, Kaffeebechern und Papierschnipseln abheben.

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Anscheinende beliebige Nennungen von westlichen Markennamen häufen sich über und neben uns auf bunten Schildern. Beliebig, da das was der Name auf dem Schild verheißt, nicht unbedingt am dazugehörigen Stand zu finden sein muss. Gleichsam laufen wir immer wieder an Ständen vorbei, die ganz ohne Schilder ihre Waren vertreiben. Die gelb-blauen Nationalfarben machen auch vor den Schildern hier keinen Halt. So werden wir stetig daran erinnert, wo wir eigentlich gerade einkaufen. Im Gegensatz hierzu gibt es auf der Tafel mit den Gelwechselkursen vor der Tauschstube ein Schild, das wir nicht sehen sollen. Ein farblich zum Untergrund passendes gelbes Klebeband verdeckt sorgfältig die russische Flagge vor dem aktuellen Rubelkurs.

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An anderen Stellen zeigt sich auch Einheitlichkeit: Ein Nummerierungssystem, teils mit handgeschriebenen Telefonnummern, strukturiert das Unübersichtliche große Ganze. Uniformierte patrouillieren durch die Gänge. Wo wir im Vorfeld die ordnende Hand des lokalen Staats vermutet hatten, steckt – wie wir im Interview mit Dr. Oxana Matiychuk erfahren – eine von den Händler*innen ausgehende Marktaufsicht dahinter. Seit der Entstehung nach dem Zerfall der Sowjetunion hat die Stadt Czernowitz kaum in die Entwicklung eingegriffen. In den 1990er Jahren bildete sich hier – trotzdem oder deshalb? – der zwischenzeitlich größte Umschlagplatz für Bekleidung. Für einige der dort Verkaufenden bedeutete dies schnellen Reichtum. Sie haben heute teils Boutiquen in der Innenstadt.

Andere blieben am Markt. Trotz der Gewinne sei aber nicht in eine Verbesserung der Infrastruktur investiert worden, kritisiert Matiychuk. Da das Angebot in der Innenstadt, insbesondere durch vom europäischen Altkleidermarkt belieferte Second-Hand-Geschäfte geprägt sei, werde die Konkurrenz größer. Nun räche sich, dass die Marktstrukturen, die z.B. kaum Umkleiden beinhalten, nie an die neu entstandenen Bedürfnisse angepasst wurden. Für Matiychuk ein Sinnbild lokaler Mentalität: Kurzfristige notdürftige Funktionalität für wenig Geld stehe im Vordergrund, langfristige Entwicklungen würden nicht bedacht. Eine Folge der geschichtlichen Erfahrung radikaler Brüche, die alle langfristigen Pläne von einem Tag auf den anderen irrelevant machen?

 

Artefakt #011
Haken
Gefunden am Калинівський ринок
Fotografiert um 15:45 Uhr.

Haken

Haken aus weiß lackiertem Draht. Etwa 15cm lang. Beliebtes Hilfsmittel zum Aufhängen aller erdenklichen Waren an den weißen Metallgittern vor den Ständen. Einen besonderen Moment lang zwischen dem Abhängen der Waren und dem endgültigen verschließen des Standes hängen die Harken verweist an den Gittern. Zeitgleich werden jeden Abend aufs Neue Jacken, Tücher, Hosen und Mäntel abgehangen und mit Sackkarren zurück in die Lagercontainer verfrachtet. Ist alles Hab und Gut verstaut, werden zum Finale auch die Haken Stück für Stück wieder eingepackt. Sind die Gittertüren von allen Haken befreit, kommen sie ihrer zweiten Berufung als sichere Türen zum Verschluss des Lagercontainers zu. Nur um am nächsten Morgen wieder aufgeklappt als Aufhängevorrichtung für jeden einzelnen Haken zu dienen.

Tag 7 / Tun & Lassen: Fußgängerzone Herrengasse – ein Ort für Besucher*innen, Einheimische und R2D2

Die вулиця Кобилянської (Kobljanskaja Straße, ehm. Herrengasse) ist ein etablierter Aufenthaltsort. Wir finden in einem Buch aus dem Jahr 1980 Fotografien der belebten Fußgängerzone. Sie ist schon damals beliebter Treffpunkt und gut besucht. Auch heute ist an dieser Straße einiges los. Die Beschäftigungen hier sind jedoch alltäglich: man geht, eher zielstrebig als flanierend. Steht. Ist aufs Handy fixiert. Plaudert und trifft sich. Sitzt auf den Bänken aber auch im Café. Und an der einen Ecke spielt der Straßenmusiker, der immer da ist. Der Großteil der Fußgängerzone ist in Bewegung; aber auch die Bänke sind beliebt. Das Publikum ist jung, alt, gut gekleidet, meist einzeln oder zu zweit unterwegs. Nur Tourist*innen und Schüler*innen treten in der Masse auf. Und nur diese Gruppen tragen Rucksäcke. Alle anderen tragen Handtaschen. Viele tragen Dokumentenmappen. Man trifft sich auf der Kobljanskaja Straße für Geschäftsverabredungen. Niemand isst auf der Straße, keiner sitzt am Boden. Alles ist angepasst, niemand fällt aus der Rolle, ist laut oder zieht sonst wie Aufmerksamkeit auf sich.

 

Tourist*innen stechen sofort aus der Maße hervor: Sie gruppieren sich, sie schlendern, sie sitzen auf Bänken und trinken, sie sitzen am Boden, sie bleiben stehen, einfach nur um zu schauen, ohne ersichtlichen Grund. Sie studieren die Speisekarten lange und ausgiebig, weil die Karten meist nur auf Ukrainisch aushängen. Obwohl die Tourist*innen so auffallen, gibt es keinerlei Ansprechversuche. Tourismus wird hier weit weniger aggressiv gelebt, als wir es aus anderen europäischen Städten kennen. Man bleibt unbehelligt und unter sich. Das mag auf der einen Seite daran liegen, dass die Mehrzahl der Czernowitzer Tourist*innen mit geführten Bustouren die Stadt besucht, auf der anderen Seite ist die Anzahl der Tourist*innen in Czernowitz in der Zeit, in der wir beobachtet haben, sehr überschaubar geblieben.

sitzend touristenrudel

Interessant ist das unterschiedliche Verhältnis zu Zeit zwischen Einheimischen und Besucher*innen. Als es plötzlich zu regnen beginnt, werden die Durchgänge zu den Hinterhöfen der Herrengasse als Regenunterstand genutzt. “Lieber später kommen, als nass zu werden” scheint die Maxime zu sein. Die Straße ist schlagartig leer. Niemand hat es so eilig, als dass es nötig wäre, im Regen weiter zu marschieren. Im Vergleich dazu wirkt die deutschsprachige Senior*innentouristengruppe gehetzt: Als sie von ihrem Reiseleiter auf die Kobljanskaja Straße zum Flanieren entlassen werden, wird noch schnell der Zeitpunkt für das spätere Treffen bekannt gegeben. Alles schaut penibel auf die Uhr. Zur Sicherheit mehrmals.

plastiksessel

Lässt man den Blick nach oben schweifen, zeigt sich ein überraschendes Bild. Über den Erdgeschoßen finden wir vor allem Wohnnutzung. Wir entdecken Wäscheleinen und grüne Plastikstühle auf den herrschaftlichen Balkonen. Während die Erdgeschoßzone sowohl von Tourist*innen als auch Einheimischen frequentiert wird, gehört der Luftraum darüber den Bewohner*innen.

Artefakt #010
SCHABLONE RUSSISCHES ALPHABET
Gefunden im Schreibwarengeschäft вулиця Гагаріна 2
Fotografiert um 11:23 Uhr.

schablone

Plastik, vollständiges Alphabet, fehlende 9. Länge ca. 30cm. Hergestellt im Jahr 2016 von Спектр Канцпласт (Spektr Kanzplast) in Сєвєродонецьк (Severodonezk).

Wir schließen an unsere Sprachbeobachtungen von Blogeintrag 4: “Die Herrengasse von vorne bis hinten” an. Im Schreibwarengeschäft finden wir nur eine einzelne Art von Schablonen für Schriftzeichen. Die Schriftzeichen sind Kyrillisch, jedoch Russisch und nicht Ukrainisch. Hergestellt aber im Osten der Ukraine. Für uns ein weiteres Indiz, dass die Frage nach Identität und Sprache, nach Multikulturalität und Toleranz noch nicht fertig ausverhandelt ist. Dazu passend ist auch unsere Beobachtung vom Markt, wo russische Elemente zensiert wurden.

Tag 6 / Schein & Sein: Vom Um-, Auf-, An-, Drunter- und Drüberbauen

Heute stand der Raum um die Nezaleschnosti-Straße im Scheinwerferlicht einer architektonischen Betrachtung. Um 12:00 Uhr betreten wir am montäglichen Ruhetag von Westen die uns mittlerweile immer vertrautere Nezaleschnosti-Straße. Mit dem Ziel, mehr über das Verhältnis zwischen privaten und kollektiv entstandenen Räumen zu lernen, gehen wir einmal die von Läden geprägte Südseite der Straße ab.

Die Straße setzt sich für uns aus sechs Bautypen zusammen:

Typ 1:  Shopping-Mall

Stahlbetonkonstruktion mit Blechverkleidung. Verglastes Sockelgeschoss.

Typ 2: Gläserne Ladenzeile

Ausschließliche Ladennutzung in zweistöckigen Wellblechquadern. Frontseite verglast mit gelb eingefassten Fenstern. Vorgelagert ist eine überdachte Miniarkade, gegliedert durch rote und grüne Säulen. Gleichmäßige Aufteilung der Ladenflächen. Die Ware wird ohne großen Reklameaufwand angepriesen. Schilder mit Ladennamen, Markenbezeichnungen und Preisen sind nahezu gleich groß. Aufschriften sind insbesondere in lateinischen Lettern.

Typ 3: Hochparterreladen

Ladennutzungen im Hochparterre ehemaliger Wohnungen. Bunte Treppen mit Aluminiumgeländern führen durch kleine Vorgärten zum Ladeneingang. Darüber zusätzlich drei- bis viergeschossig Wohnungen mit vorgebauten Wintergärten.

Typ 4: Souterrainläden

Ähnelt baulich Typ 3. Die Läden sind allerdings leicht zurückversetzt und der Eingang befindet sich im Souterrain. Die Treppen hinunter sind aus Waschbeton mit Edelstahlgeländern.

Typ 5: Orthogonale Kopfanbauten an Wohnriegeln

Orthogonal zu den ursprünglichen Wohnriegeln wurden nachträglich Läden als Kopfanbauten hinzugefügt. Diese verhindern nun einen Durchgang nach hinten.

Typ 6: Eingeschossige Ladenzeile

Einstöckige Ladenzeile mit verschieden großen Grundflächen. Ebenerdig zu begehen. Schaufenster und Lochfassaden wechseln sich ab. Die Fenster sind teilweise vergittert. Das Erscheinungsbild ist unregelmäßig, bedingt durch verschiedene Erbauungsjahre und vielfälitige Materialwahl.

 

Individuell genutzte Räume

Beet

Entlang der von Läden gesäumten Straße fallen uns vermehrt individuell gestaltete Räume auf. Zwischen den Läden der gläsernen Ladenzeile (Typ 2) sind freie Nischen. Hier bietet ein Händler an einer eigens gebauten Auslage Brillen an. Der Grünstreifen vor der Ladenzeile ist durch informelle Pflanzungen geprägt. Die Vorgärten vor den Läden im Hochparterre sind teilweise aufwändig gestaltet, teilweise verwildert. Vor einem Laden mit день народження (Geburtstagsgeschenken) rahmt ein gelber Zaun den Vorgarten. In der Mitte des Rasens lehnt eine überdimensionale bunte Wanduhr an einer Hecke (Typ 3). Außerdem bieten ältere Damen vor einigen Läden Gemüse, Obst und Milch auf Decken an (Typ 5).

Die Läden scheinen den alltäglichen Bedarf umfassend zu decken. Kinderspielzeug, Blumen, Kleidung, Tiernahrung, Handyzubehör, Geldwechsel, Apotheke, Gardinen. Keine Spezialläden, die Anlass zu einer längeren Anreise geben.

Die Schichten des Um-, An- und Aufbauens zugunsten von Ladennutzungen entlang der ehemaligen Wohnstraßen ergeben ein bauliches Drunter und Drüber. So zeigt sich uns ein buntes Bild verschiedener Ladentypen, die sich vor, zwischen und sogar in den Wohnhäusern Platz gesucht haben. Im Hinterhof auf der Rückseite finden wir kleine Beeten und Gärtchen. Die meisten sind mit nützlichem Gemüse, teils aber auch mit Kitsch pur bepflanzt.

Alles, was nicht eingeplant war, wird jetzt halt hinzugefügt. Vielleicht nicht in ganz der schönsten oder haltbarsten Form, aber erstmal funktionierend. Aus Alltagsgegenständen, die günstig oder sowieso da sind, wird Neues: Im Blumenbeet stehen abgeschnittene Plastikflaschen als Pflanzkübel. Sowohl die gewerblichen als auch individuell genutzten Räume wirken aufgrund ihrer vielfältigen baulichen Ausprägungen improvisiert.

 

Artefakt #010
SCHNEEKUGEL
Gefunden in der Nezaleschnosti-Straße 127
Fotografiert um 11:35

Ananas

10cm hoch, Kugeldurchmesser 8cm, Sockelhöhe 3,5cm. Schneekugel, grauer blumentopfartiger Sockel. Gefüllt mit bunt glitzerndem Konfetti. In der Mitte thront: Eine Ananas, gesäumt von drei Hawaii-Blüten und einem Palmblatt.  „Nur bestimmt für dekorative Zwecke! Das is kein Spielzeug. Aus Glas hergestellt.“

Könnte auch in Wien in einem hippen Laden stehen. Die Schneekugel ist das absolute Gegenteil der bisherigen Beobachtungen: Sie hat absolut keinen Zweck. Nicht einmal eine lokale Symbolik oder einen in sich stimmigen Zusammenhang. Post-Postmoderne im Postsozialismus. Schon auch ganz witzig, aber 190г für ein Geschenk?

Der billige Kitsch, der die Schlafstadt überschwemmt, passt wie Ananas in Schneekugel: Überhaupt nicht, aber irgendwo auch doch.

 

 

Tag 6 / Tun & Lassen: Der Pruth tanzt.

Die Czernowitzer*innen verbringen mehr Zeit als gedacht am Pruth, lassen sich dabei aber selten beobachten. Daher begeben wir uns auf Spurensuche und führen das eine oder andere Gespräch.

 

Pruth bei Nacht

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Party, Menschen, Elektro. Verkauft wird fast nichts, außer etwas Kaffee aus einem mobilen Stand. Man hat Eigenbedarf an Getränken mitgebracht. Auf dem Programm stehen unterschiedliche DJ-Sets, gefeiert wird bis um 7 Uhr morgens. Man macht Lagerfeuer, spielt mit den streunenden Hunden und zahlt überteuerte Taxirechnungen um an den Ort zu gelangen. Alles tanzt. Der Pruth ist die Kulisse, bleibt aber wieder unberührt. Das Publikum ist jung, hip und stylebedacht. Ob wir nächsten Freitag Lust auf eine Dokumentation über die Czernowitzer Musikszene haben? Leider findet zeitgleich unsere Ausstellung statt. Wir tauchen ein in diese Welt, schauen uns die neuersten Tanzstile ab: Luftrudern und Headbangen. Man tanzt solidarisch und nimmt den anderen nicht zu viel Platz weg – obwohl davon genug vorhanden wäre. Wer nicht tanzt, sitzt bei Bänken und Tischen und trinkt Wodka. Wir müssen uns dem tanzenden Strom aber bald entreißen, um nach erfolglosen Taxiverhandlungen den mit Wasserpfützen gespickten Hindernisparcours zu Fuß zurück zu marschieren um schließlich mit unserem geliebten Schiguli (Lada) nach Hause zu fahren.

 

Pruth bei Tag

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– “Schwimmen im Pruth ist verboten”
– “Schwimmst du?”
– “Ich? Ja klar”

Heute packen wir Detektivmantel und Lupe ein; versuchen an den Uferböschungen und Trampfelpfaden um den Fluss Hinweise auf die Nutzung des Pruths zu finden. Dem Hören Sagen nach, passiert am Pruth so einiges: Fischen, Pilze sammeln, Auto waschen, Grill- und Drogenpartys und sogar der ein oder andere Schusswechsel soll schon vorgekommen sein. Die Besitzverhältnisse im Uferbereich sind unklar und zerklüftet; kaum jemand fühlt sich für diese Bereiche zuständig. Dadurch ergibt sich die lebhafte Nutzung des Uferbereichs durch die Czernowitzer*innen. Auf unterschiedliche Art und Weise.

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Der Weg zum Pruth beginnt offiziell. Es gibt Ausschilderungen von Radwegen, befestigte Straßen und Brückchen, der Wald wird bewirtschaftet. Uns begegnen wenige Menschen; und wenn, dann auf diesen offiziellen Wegen. Das ist einer der wenigen öffentlichen Bereiche der Stadt, wo wir gegrüßt werden.

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Je näher wir dem Fluss kommen, desto stärker ist die Natur sich selbst überlassen. Baumstämme liegen herum, die Büsche wuchern wodurch sich kleine Verstecke und Nischen bilden. Der Weg zum Pruth ist Anfangs von Transit bestimmt, hier aber beginnt die Aufenthaltszone. Wir finden Grillplätze, Sitzmöglichkeiten, Waschplätze für Autos, Müll. Der Pruth ist Erholung. Die Menschen verbringen ihre Freizeit hier und laden ihre Batterien auf: im verlassenen Park ruht man sich aus, auf der Mountainbike-Strecke holen sich die Radler*innen ihren Adrenalinkick, sonntags wird das Auto gewaschen und der Stadtstrand dient dem Baden.

 

Artefakt #008
MAIKÄFER

Gefunden im Лісопарк Гарячий Урбан (Waldpark)
Fotografiert um 15:20 Uhr

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Tot, eingeklappte Flügel, schillernder Panzer, Größe ca. 2,5cm.

Der Pruth ist Natur. Wir hören Vögel zwitschern, Käfer summen. Besonders die Maikäfer sind omnipräsent und fliegen uns um die Ohren. Der Bestand der Maikäfer ist aufgrund verstärktem Pestizideinsatz zurückgegangen. Ihr häufiges Vorkommen in Czernowitz mag ein Indiz für einen intakten Naturraum sein. Der Pruth schlängelt sich wie ein grünes Band durch die Stadt und bietet nicht nur der Stadtbevölkerung einen Platz zur Erholung sondern auch den verschiedenen Tierarten einen geschützten Lebensraum.

Tag 5 / Tun & Lassen: Vom Verweilen auf Pepsi-Stühlen und Getränkekartons

Unsere Beobachtung im Plattenbauviertel beginnt im Schatten. Aufatmend nehmen wir mit roten Gesichtern unter dem überdimensionalen Big Bürger-Schild am Beginn der вулиця незалежності (Nezaleschnosti-Straße) Platz. Wir sitzen unter dem Schild in Burger-King-Optik zwischen Pepsi-Stühlen, Pepsi-Schirmen und Pepsi-Bechern. Das Restaurant grenzt sich durch eine ebene graue Pflasterung vom umliegenden rissigen Asphalt ab.

Zur poppigen Musik aus den Lautsprechern über uns und den sonoren Motorengeräuschen eines Baggers tanzen Sonntagsspaziergänger*innen die Promenade entlang. Sie tragen Plastikbeutel, gefüllt mit Gemüse, und schieben Kinderwägen. Sonntagsspaziergänger*innen, die alltägliche Dinge zu erledigen scheinen. Nur vereinzelt weisen weiße Hemden, grau melierte Anzughosen und elegante Sommerkleider auf den – in unserer Vorstellung – vermeintlichen Feiertag hin. Die Geschäfte haben mehrheitlich geöffnet.

Unsere Essennachbar*innen auf den blaulackierten Alustühlen mit Plastikgewebe: eisessende Familien mit spielenden Kindern, eine in ihr Handy vertiefte kaffeeschlürfende ältere Dame, zwei faltige Herren, die ganz ohne eine Bestellung zur Erörterung Platz nehmen. Stetig um uns eine servierende Bedienung, die fast vergessen lässt, was das Fast-Food-Label verspricht: Self-Service.

 

Platte

Dann nehmen wir zum zweiten Mal Platz. Wir sitzen nun auf einer halbhohen Mauer einige Meter weiter unten entlang der Nezaleschnosti-Straße. Die Baustelle summt weiterhin im Hintergrund, ergänzt durch das Rauschen der zahlreichen Bäume um uns und lebhafte Gespräche. Die Bäume reihen sich zu einer Allee entlang der Fußgängerpromenade vor den Zeilenbauten. Ein Schlagloch im Beton wurde mit einem weißen Brett abgedeckt. Um uns kommt es zu zufälligen Begegnungen. Ein Junge testet die Geländefähigkeit seines aufziehbaren Spielzeug-Ferraris auf den Treppen vor einem leerstehenden Geschäft. Neben uns sitzen ältere Frauen hinter ihrer kleinen Auslage. Auf Wolldecken gebettet bietet eine Oma mit Kopftuch und Strickjacke Kisten mit frischem Gemüse, drei Plastikflaschen Milch und drei Gläser Weichkäse an. Neben uns auf der Mauer sinniert ein älterer Herr auf einem Eierkarton sitzend vor sich hin. Plötzlich merken wir, dass wir die einzigen zu sein scheinen, die sich nicht auf das hier geläufige Sitzkonzept im öffentlichen Raum vorbereitet haben. Wir entdecken bei nahezu zu allen Platznehmenden eine sitzflächengroße Unterlage: ein Getränkepappkarton, eine karierte Plastiktasche oder ein geblümtes Polster.

 

Artefakt #007
SITZPAPPE
Gefunden an der вулиця незалежності 86 (Nezaleschnosti-Straße, “Straße der Unabhängigkeit”)
Fotografiert um 16:13 Uhr

Artefakt 007

Grob abgerissene Wellpappe, 46 cm x 40 cm, Stärke 5mm. Grün bedruckt mit dem Markennamen Sandora. Schwungvoller Schriftzug. An besessenen Stellen leicht eingedrückt, vermutlich Sitzknochenspuren. Verschiedene Indizien für regelmäßigen Gebrauch und Abnutzung: Staub, Grasflecken, Kieselsteinkratzer. Sorgt dafür, dass aus kalten Steinen leidlich bequeme altersgerechte Sitzgelegenheiten werden. Schützt außerdem schwach bis mäßig vor Nässe. Ist die Sitzpappe ein Mittel sich von der Unreinheit des öffentlichen Raumes zu distanzieren? Oder ist sie ein Werkzeug dafür, sich einen eigenen Raum für das bewusste und längerfristige Verweilen zu schaffen?

Tag 5 / Sein & Schein: Der unnahbare Pruth

In Czernowitz wird Abtrennung von Eigentum gerne in den Farben der Nationalflagge präsentiert. So schmücken sich Zäune und Tore in Blau und Gelb, wenn auch etwas verwaschen und vergilbt. Auch das Gelände der Pruthbrücken zeigt durch die Farbgebung den territorialen Anspruch der Nation. Heute nähern wir uns unterschiedlichen Abschnitten am Pruth.

Feriendorf.

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Der Stadtstrand am Pruth ist der einzige Ort, wo der Fluss direkt zugänglich ist – dennoch ist Baden verboten und der Abstieg zum Wasser durch Hochwasser und Böschung erschwert. Er ist als Erhol- und Verweilfläche konzipiert. Die Fläche hat somit einen hohen Gebrauchswert. Trotz der offiziellen Existenz der Fläche und Beschilderung, ist sie kaum in Karten eingezeichnet; selbst in der Touristeninformation haben wir Probleme, den genauen Standort zu erfahren.

 

Sperrgebiet.

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Das Sperrgebiet umfasst eine Eisenbahnbrücke, Betreten ist verboten. Hier sind Gebrauchs- und Neuheitswert präsent: strategische Infrastruktur muss vor allem neuartig und funktionstüchtig sein. Der vorrangige Zweck ist nationale Sicherheit; der Schutz hochrangiger Verbindungen. Der Zugang zum Fluss bleibt uns verwehrt.

 

Ehemaliger Erholungspark der Fabriksarbeiter*innen am Pruth.

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Dieser kleine Park liegt am linken Pruthufer, zwischen Fluss und Fabrik. Hier finden sich noch verstreute und überwachsene Relikte einstiger Skulpturen. Wir schreiben dieser Fläche einen starken historischen Wert zu, steht sie doch stellvertretend für die sowjetische Epoche. Der gewollte Erinnerungswert ist am monumentalen Brunnen sichtbar – wenn auch mittlerweile überwuchert -, der als repräsentativer Vorplatz die Überlegenheit des Arbeiter*innen- und Bäuer*innenstaates unterstrich. Heute liegt die Aufmerksamkeit auf dem gewachsenen Naturraum: wir werden auf unserer Expedition auf eine Thuje in Drachenform hingewiesen. Je näher wir dem Fluss kommen, desto stärker wuchert die Natur. Den Pruth erreichen wir nicht.

 

Dickicht.

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Entlang des Pruths kann sich die Natur frei entfalten. Der Pruth ist unsichtbar hinter einem dichten Blätterdach verborgen; hören können wir ihn aber sehr wohl. Wir stehen hier einem Naturraum gegenüber, der jahrelang keinem menschlichen Eingriff unterworfen wurde. Der Alterswert des Dickichts ist hoch.

 

Übergänge.

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Nur im Transit ist es möglich, einen Blick auf den Pruth zu erhaschen. Sei es in der Maschrutka, im Trolleybus oder im Auto als auch vom Zug aus. Hier ist es möglich den Fluss in seiner ganzen Pracht zu erfassen – der direkte Zugang ist dennoch verwehrt. Das nationalistische Geländer schützt, die Brücke schwebt hoch über den Fluten.

 

Artefakt #006
STACHELDRAHTZAUN
Gefunden an der вулиця Донбасівська, 3
Fotografiert um 13:17 Uhr

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Material Stacheldraht, rostig, brüchig, ungefähre Länge 28 cm.

Der unnahbare Pruth ist durch Zäune, Stacheldraht, oder nationale Geländer geschützt. Wenn das nicht ausreicht, sorgen Rudel bellender Hunde dafür, dass Eindringlinge ausreichend Abstand halten. Mit etwas Geschick, lässt sich der Stacheldraht überwinden und zur Seite biegen. Aber Увага! (Vorsicht!) der Fluss ist wild, braun, voller Strudel und Untiefen. Nach der Schneeschmelze im Mai verbirgt sich im Pruth ungeahntes Fischreichtum – wird behauptet zumindest im Angelgeschäft am Flussufer behauptet. Sind die Hindernisse auf dem Weg zum Fluss erst überwunden, darf ihn jede*r nutzen: wo, wann und wie immer es beliebt. Fisch ist Allmende.

Tag 4 / Tun & Lassen: Regen! Blitz! Donner!

Im strömenden Regen fließt uns die Forschungsfrage unter unseren wachsamen Augen und Ohren davon. Statt beobachten zu können, wie Interaktionen am Kaliniwski-Markt in verschiedenen räumlichen Settings – von geordnet zu informell – ablaufen, stehen wir unter tropfenden Planen vor verschlossenen Toren. Als wir aus der Маршрутка (Marschrutka, halboffizieller Minibus) aussteigen, kommen uns die flüchtenden Marktbesucher*innen in Scharen entgegen. Auf dem Markt selbst, der uns am Vortag noch in einen kollektiven Kaufrausch versetzen konnte, herrscht gähnende Leere. Die Produkte sind in die schützenden Container und Verschläge gebracht. Bei unserem nassen Spaziergang sehen wir hauptsächlich die Verkäufer*innen beim Einpacken, Saubermachen und Ordnung schaffen.

Was durch die unerwartete Leere auf den Gängen in den Vordergrund tritt, ist die Architektur des Marktes. Die Planen, die sonst vor Sonne schützen, biegen sich unter dem Gewicht des Wassers. Auf dem Boden sehen wir Pfützen, wo die Dächer der überbauten Korridore mit Pappe und Folien geflickt sind. Wir gehen durch Promenaden und Galerien, die abwechselnd in kaltes weißes oder gemütliches gelbes Licht getaucht sind.

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Ohne große Ablenkung offenbart sich uns nun die Struktur des Marktes. Am Beginn unserer Route sehen wir kleine Häuschen, massiv gebaut und mit leuchtend bunten Ziegeln gedeckt. Direkt dahinter beginnen lange, hohe Gänge mit Rolltoren, die mit einem leicht undichten Tonnendach bedeckt sind. Durch ein rostiges Tor gehen wir in den Sektor 2, in dem die Läden mit plastikgefassten Schaufenstern und Türen ausgestattet sind. Hier haben alle Läden eine Nummerierung über dem Eingang, die leuchtet, wenn das Geschäft geöffnet ist. Einen Gang weiter schließt die Glas- und Stahlrahmenkonstruktion der „Modepassage“ an, die mit nicht ganz offiziellen H&M, Mango, Only, … Schildern den Eindruck eines sehr durchschnittlichen Einkaufszentrums macht. Etwas weiter beginnt das Raster, sich langsam aber sicher hin zu einer unübersichtlicheren Form der Ordnung aufzulösen. Die Stände werden kleinteiliger, bestehen aus gestapelten Schiffscontainern, und formen verschlungene Gassen.

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In einem dieser blechernen Verschläge räumt ein Verkäufer unermüdlich Waren ein, stets begleitet von schallender YouTube-Musik. Ein Ruhepol in Mitten der Vorbeihastenden, doch auch er wird bald von dannen ziehen. Zurück bleiben die Gemüsehändler und Angestellte in Geldwechselstuben: all jene, die nicht selbständig ihre Geschäfte betreiben oder frische Waren zu verkaufen haben.

Auf der Suche nach einem rettenden Ort für unsere nassen Füße finden wir am Rande des Marktes schließlich unsere Verheißung: eine bunte Auslage mit Keksen, Gebäck und allem anderen was sich mit Schokolade kombinieren lässt. Wir lassen uns einen großen Plastikbeutel füllen.

 

Artefakt #005
SCHMETTERLING
Gefunden am Kaliniwski-Markt, Sektor 2
Fotografiert um 15:15 Uhr

Artefakt 005 Schmetterling

Rosa Plastikfolie, in Schmetterlingsform gestanzt. 40 x 25mm.

Im Regen bildet sich ein eigenes Meer auf dem Teer des Kalinwski-Marktes. In diesem Meer schwimmen nicht nur Plastiktüten-Quallen und Zigarettenschiffchen, sondern auch gestrandete Schmetterlinge. So wie wir und die anderen Marktnutzer*innen hat dieser Schmetterling nasse Füße bekommen. Was geschah zuvor? Löste er sich von einem kitschigen Kleid oder Haarschmuck? Gehörte er zu einem Konglomerat verschieden geformten Konfettis?

Der Schmetterling erweckt in seiner Knalligkeit ähnlich wie viele Produkte auf dem Markt schnell Aufmerksamkeit. Neonfarbene Handhüllen, blinkende Reklameschilder und glitzernde Pailletten erscheinen als bewährte Helfer, um die eigene Ware in der Fülle des Angebotes abzuheben. Gleichzeitig schwimmt das rosa Plastikartefakt stellvertretend für die marktüblichen Tüten, Beutel und Planen im Wasser: witterungsresistent, leicht zu handhaben und doch oft kurzlebig.

Tag 4 / Sein & Schein: Die Herrengasse von vorne bis hinten

Unser Fokus lag heute auf das Sein und Schein in der Вулиця Ольги Кобилянської / Olha Kobljanska Straße (ehem. Herrengasse), der zentralen Fußgängerzone und Flaniermeile von Czernowitz. Hinter der dominanten touristischen Nutzung versteckt sich eine kleine Bewohner*innenwelt: direkt in den Hinterhöfen findet sich hauptsächlich Wohnnutzung; fußläufig erschlossen werden die Wohnungen direkt von der prestigeträchtigsten Straße Czernowitz’. Gerade diese unerwartete Widersprüchlichkeit von alltäglicher Bewohner*innenrealität und touristischer Nutzung hat uns in ihren Bann gezogen. Wo immer es diese Durchbrüche gibt, dokumentieren wir sowohl Fassade, den äußeren Schein, als auch die dahinterliegenden Höfe, Pawlatschen, Häuser, Gärten, Tennis- und Parkplätze. Untersucht wurden 25 Höfe, elf davon befinden sich auf der westlichen Seite der Herrengasse, 14 davon auf der östlichen Seite.
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Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 47: Tennishof. Hinter dem Eingang zur Bibliothek verbergen sich Garagen, streunende Katzen, ein gehobenes Restaurant im Stile eines Country-Clubs und drei Tennisplätze.

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Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 23: Buchsbaumauffahrt. Durch das Tor neben den Souvenirladen betreten wir eine spanische Hacienda, die besonders durch ihre Landschaftsarchitektur besticht.

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Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 22: Präsidentenhof. In dem Hof hinter Schokoladerie und Touri-Fotoautomat war der Wohnsitz des ehemaligen Präsidenten der Bukowina Prinz Hohenlohe. Fixtermin auf jeder geführten Stadttour.

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Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 19: I like Parkplätze. Der Durchgang zum Like Hostel – zwischen Apple Store und Pelzgeschäft – eröffnet den Blick auf eine lieblos gestaltete Betonfläche. Hauptnutzung Parken.

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Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 6: Hinterhofsushi. Ein schmaler Schlurf lädt hungrige Mäuler zu Sushi und Bier in die Finsternis.

Die Nutzung und Atmosphäre der Hinterhöfe scheint einem Nord-Süd-Gefälle zu folgen. Der Norden, direkt am Rathaus und Zentralplatz, hat eine stärkere kommerzialisierte Nutzung und ist für Bewohner*innen und Tourist*innen gleichermaßen zugänglich. Richtung Süden werden die Höfe immer privater und vermitteln Außenstehenden das Gefühl ein Eindringling zu sein.

Artefakt #005
PFLASTERSTEIN
Gefunden: Вулиця Ольги Кобилянської Nr. 26; Durchgang zum Hinterhof.
Fotografiert um: 14:34 Uhr

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Eckstein, Farbe Terrakotta-Imitat, glatter Bruch, Farbreste an der Ecke, flache und raue Oberfläche.
Die Вулиця Ольги Кобилянської und die Hinterhöfen sind mittels Durchgängen verbunden. Diese Durchgänge sind gepflastert. Die Pflastersteine sind das Verbindungsstück zwischen touristischem Außen und privatem Inneren. Schön, funktional, mit hübschen Mustern, doch trotzdem von Verbrauchsspuren gekennzeichnet. Das Artefakt misst sich weniger am historischen als am Gebrauchswert. Seine einfache, kunstvolle Gestaltung spiegelt das Kunstwollen der neuen Ukraine wider: Kitschig, Terrakotta-farben, aber praktisch und von zweifelhafter Eleganz.

Dass Sprach(politik) ein aktuelles Thema in der Ukraine ist, merkt man auch in der Galerie Bunker. Wir treffen erstmalig unseren Galeristen, dessen Räume wir am Freitag, 24. Mai, als Ausstellung nutzen dürfen. Die russischen Übersetzungen unseres Flyers sorgen erst für Erschrecken, das in Verwunderung und Nachsicht über die Tollpatschigkeit von uns Ausländer*innen übergeht. Am Schluss einigt man sich trotzdem darauf – auch wegen einer Änderung der Eröffnungszeit – neue Flyer zu drucken. Ohne Russisch.
Nach der Besichtigung fahren wir mit einem klapprigen Lada-Taxi zum Hotel zurück. Der Taxifahrer ist sowohl über den ihm gebotenen Preis als auch die übrigen Verkehrsteilnehmer*innen unzufrieden und flucht lautstark. Auf Russisch.

Tag 3: Czernowitz im Quadrat

Wir sind im Quadrat in Czernowitz gelaufen. Gehend, fahrend, lachend, Eis essend, trinkend, staunend, notierend, fotografierend und mit Sonnenbrand haben wir unsere vier ausgewählten Orte bis auf den letzten Pflasterstein untersucht. Mit uns unterwegs: Das tägliche Mantra – wie werden Identitäten in Czernowitz durch den öffentlichen Raum produziert?

 

1 Kaliniwski Markt

Unsere erste Czernowitz Expedition beginnt im umgebauten Kleinbus direkt vor dem Готель Корал (Hotel Koral), unserer Unterkunft. In gebückt stehender Haltung tuckern wir zwischen ehemaligen Bussitzen in einem weißen Autobus zum Калинівский Ринок (Kaliniwski Markt). Die Treppe hinab zum Markt fühlt sich an wie der Einstieg in die Arena des Kaufrausches. Eigentlich haben wir uns eine Zeit festgelegt, bleiben aber schnell zwischen prunkvoll angepriesenen Brautmoden, meterlangen Basecap-Regalen, Mikrowellen und bunten Leuchtreklamen hängen.

Wie wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN: Wo wird Ordnung repräsentiert? Wie repräsentieren sich die Verkäufer*innen selbst?

  • Nummernsystem des Marktes: Das Nummernsystem der Stände steht für eine übergeordnete Struktur im Händler*innenchaos. Wo greift dieses System? Wie verhalten sich Händler*innen und Kund*innen?
  • Symbolisierung und Rekurs auf Identitäten durch die Verkäufer*innen: Wie werden die Produkte mit geschichtlichen, ethnischen, etc. Identitäten durch Darstellung und Werbung präsentiert?

TUN UND LASSEN:

  • Wie laufen Interaktionen zwischen Verkäufer*innen und Käufer*innen in den informelleren Teilen (Straßenrand, mobile Stände) bzw. geordneteren Teilen (blockweise Architekturen) des Marktes ab? Welchen Einfluss haben die Ordner*innen auf das Geschehen?
  • Wie fügen sich vorgesehene und nicht vorgesehene Nutzungen zusammen?
  • Werden bestimmte Orte von bestimmtem Klientel frequentiert?

THESE: Der Kaliniwski-Markt erscheint überwiegend geordnet und ruhig. Wir erleben einen fließenden Wechsel zwischen Gütern des kurz-, mittel- und langfristigen Bedarfs. Damit verändert sich auch die Frequentierung. Der Gehsteig vor dem Markt ist ein informeller Ort des Handels.

 

Pruth 02

2 Pruth

Wir betreten den Pruthufer-Dschungel über eine schmale Betontreppe. Vor uns erstreckt sich wie aus dem nichts ein Radweg dessen Ende wir nicht sehen können. Wir folgen dem rissigen Betonstrich auf dem Wasserschutzdeich und biegen wahlweise zum Ufer oder ins angrenzende Industrieviertel ab, wenn wir neugierig werden.

Wie wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Spannungsfeld zwischen romantischer Metaphorik und Industrienutzung: Welche Bilder wurden vom Pruth produziert?
  • Revitalisierungsprojekt zum Pruth-Ufer: Was ist das Ziel des Projektes? Welche Identität wird damit aufgebaut?

TUN UND LASSEN:

  • Kleine, informelle Trampelpfade zum Ufer, landwirtschaftliche Nutzung, Rückzugsorte, Spuren von abgebrannten Feuern und benutzte Spritzen: Wie wird der Fluss tatsächlich genutzt?

THESE: Der Pruth ist einerseits Transitraum, andererseits Rückzugsort für Leute, die unsichtbar bleiben wollen. Eine Art Versteck im Dschungel. Die Identität des Pruths ist noch offen, noch nicht gezielt produziert wie in der Altstadt.

 

Herrengasse 01

3 Altstadt

Die Herrengasse empfängt uns wie eine alte Bekannte. Die alte Bekannte Pflaster- und Promenadenstraße mit traditionellen Restaurants und hölzernen Sitzbänken, die wir vielleicht aus irgendeiner historischen Kleinstadt unseres letzten Wochenendausflugs kennen. Sie führt uns zum Zentralplatz. Der Denkmalort für Taras Schewtschenko, im Hintergrund die Fotos 2016 gestorbener Soldaten. Plötzlich stehen wir zwischen habsburgischer Architektur, Fotoautomaten, ukrainischer Erinnerungssymbolik und einem Placebo-Singenden Gitarrenspieler.

Wo wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Die touristische Repräsentation der Herrengasse ist insbesondere im Gegensatz zu den kleinen bewohnten Innenhöfen interessant, die in 2 Sekunden zu erreichen sind, aber eine andere Welt bilden. Welche Identitäten werden in der Herrengasse baulich und symbolisch hervorgehoben? Welche Sprachen werden verwendet und repräsentiert?

TUN UND LASSEN:

  • Touristische Nutzung: Wie gestaltet sich die touristsiche Nutzung? Wer sind diese „Tourist*innen“?
  • „Einheimische“ Nutzung: Wo sind die Räume der Anrainer*innen und Czernowitzer*innen?

THESE: Die Herrengasse ist das touristische Aushängeschild in Czernowitz und spielt wie kein anderer Ort die habsburgische Vergangenheit als Wert aus.

 

Zeilenbau 01

4 Plattenbau

Mit der Abendsonne erreichen wir den Проспект Незалежності, den Nezaleschnosti Prospekt. Sie beginnt an einem riesigen Kreisverkehr, von dem aus wir uns über die gefühlt vierspurige Straße in die sozialistischen Zeilenbauten leiten lassen. Uns begegnet lebhaftes Freitagabendalltagsleben. Die Bänke entlang der Fußgängerpromenade vor den beigen und gekachelten Bauten sind voll besetzt. Wir erkunden die auffallend grünen Siedlungen zwischen Trampelpfaden, kleinen Hintergassen und blinkenden Big Bürger-Schildern.

Wo wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Kollektive Räume heute und gestern: Wie ist der Zustand sozialistisch geplanter Kollektivräume heute? Welche Bedeutung spielen die neuen privatisierten und kapitalistisch bewirtschafteten Räume in der Nachbarschaftsbildung?

TUN UND LASSEN:

  • Wir erleben ein lebhaftes Miteinander und vereinzelt Orte der neuen Aneignung (Blumenbeete, vergrößerte Balkone): Welche Interaktion besteht innerhalb der Bewohner*innenschaft?

THESE:

Das Gebiet befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und Individualismus. Die ursprüngliche Zuständigkeit des Staates bleibt aus, wodurch öffentliche Räume zunehmend verfallen. Demgegenüber werden individuelle Räume nach Bedürfnissen umgestaltet und sorgfältig genutzt. Durch die Privatisierungpolitik entstand eine Verantwortlichkeitslücke.

 

Artefakt #003
TROCKENFISCH
Gefunden: Проспект Незалежності 90
Fotografiert um 19:16 Uhr.

Artefakt 003 Fisch

Kleiner Fisch. Schuppig. 9cm lang, 5cm breit, 3mm dick.

Getrocknet in Salz, empfohlen zum Bier. Für längeren Kaugenuss, mehr Beschäftigung als Mahlzeit – ähnlich der beliebten Sonnenblumenkerne. Vergleichbar auch mit den im gleichen Geschäft verkauften getrockneten Schweineohren. Unterstreicht die Geselligkeit des Trinkens.

In einem Erdgeschoss der sozialistischen Zeilenbauten begegnen wir dem Trockenfisch in einem Bier- und Snackladen, der von der Nachbarschaft stark frequentiert wird. Der Fisch steht für uns für die überraschend harmonisch wirkende Nachbarschaft, mit der auch wir überwiegend einfach mal ein Bier trinken gehen würden.

 

 

 

 

Tag 2: Lwiw. Crashkurs Ukraine

Bahnhof: Zwischen Regenwasserozeanen im Kopfsteinpflaster und rot markierten Radwegen

Die Stadt Lwiw befindet sich in Veränderung; das zeigt sich am Bahnhofsvorplatz. Am Ausgang empfängt uns ein schickes Rendering. Der Vorplatz soll vor allem fußgängerfreundlich umgebaut werden. Auch die Fahrradspur – wie sich später herausstellen sollte, gefühlt die einzige der Stadt – sticht ins Auge. Die 50 Meter Radparadies passen nicht ganz zwischen Autokolonnen, Baufahrzeuge und rumpelnde Straßenbahnen. Fußgänger*innen werden jedoch trotz aller autogerechter Planung „im Großen und Ganzen doch respektiert“ (erstaunte Aussage aus dem Team). Im Rendering sind auch einige Wiener bekannte zu finden: Ein ULF vermittelt Modernität. Tatsächlich verkehren hauptsächlich … und alte Berliner Straßenbahnen. Trotz allem bleibt eine ukrainische Stadt, die im Rendering vermittelten Bilder wirken eher ums Image bemüht.

Kirche: Ausblick (mit) ohne Rechnung, aber dafür Heiligenunterstützung in jeder Lebenslage

Einige Meter weiter lädt uns die Kirche von Olga und Elisaweta ein, einen Blick vom Kirchturm über die Stadt zu werfen. Für 20 Griwnja wird uns diese Erfahrung angeboten. Rechnung schreibt die Kirche keine, ob wir den Ausblick wagen…?

Von oben sehen wir – neben einem romantisch nebeligen Panorama – dass das Fassaden-Fenster-Verhältnis in Lwiw ein anderes als in Wien zu sein scheint. In Wien scheint der Grundsatz zu gelten: Fassade erhalten, Kastenfenster erdulden. Lwiw ist hier stärker auf die Funktion bedacht: Die Fassade darf ruhig bröckeln, Hauptsache die Fenster sind neu und voll funktionstüchtig.

3 Denkmal: Was man sehen soll, kann, darf und muss? Politische Persönlichkeiten ukrainischer Geschichte und wie sie uns wo anschauen

Direkt nebenan machen wir am Stepan-Bandera-Platz erste Bekanntschaft mit einem zweifelhaften Volkshelden. Doch auch abseits der großen Monumente hat Lwiw hat interessante Gegensatzpaare zu bieten: So finden wir etwa ein unsaniertes Gebäude, das aber am obersten Stockwerk die Wolja – das ukrainische Wappen – fein säuberlich in Farbe gestrichen hat. Der Rest verfällt weiter. An der Iwan-Franko-Universität Lwiw, die aus der Habsburgerzeit stammt, wurde die Wolja hier an die Front eingesetzt, als wäre es schon immer dagewesen – als wäre die Universität schon immer ein Symbol ukrainischer Identität gewesen. Iwan Franko selbst, der Namensgeber der Universität, hatte jedoch seine wichtigsten Werke noch auf Deutsch geschrieben. Sowjetisches Erbe wirkt, als ob es unsichtbar gemacht werden sollte; übertüncht mit wahlweise ukrainischen Nationalsymbolen oder habsburgischen Verweisen. Beim TU-Gebäude, das architektonisch eine eindeutig sowjetische Sprache spricht, haben Nutzer*innen eine ukrainische Flagge in Fenster gehängt.

Die Omnipräsenz ukrainischer Flaggen weist darauf hin, dass es sich keineswegs nur um hoheitliche Markierungen handelt, sondern durchaus auch um eine gelebte Dimension des Raums.

 

Die Ukraine – ein paar große Worte

Im vollbesetzten Zug von Lwiw nach Czernowitz wandert das Gespräch schnell von Einzelbeobachtungen zur großen Frage, wie die heutige Ukraine mit ihrer wechselhaften Identität umgeht. Multikulturalität scheint immer stärker geleugnet zu werden, die ukrainische Sprache hat sich zur obersten Priorität entwickelt. In den letzten Jahren häufen sich Umbenennungen von Straßen und sogar ganzer Städte.

Der Nationalismus ist dabei eng verknüpft mit einer pro-europäischen Haltung. Doch was bedeutet das, wenn selbst Anhänger*innen des rechtsextremen Prawyj Sektor, sowohl Partei als auch paramilitärische Organisation, die EU-Flagge in Graffitis verwenden? Einig scheinen die Europäer*innen in wenig mehr als in einer Abwendung von Russland.

Für das Nachvollziehen der komplexen und widersprüchlichen Verflechtung von Ukraine und Russland bis heute ist die historische Beziehung zwischen diesen Gebieten von Bedeutung: die Konstruktion von Nationalismus im Stalinismus mit etwa der Aufbaurhetorik, hier besonders als Beispiel das Donezk-Becken als eines der wichtigsten industriellen Zentren überhaupt der UdSSR. Prestigeprojekte, Staudämme zur umfassenden Elektrifizierung: Der größte davon wurde in der Ukraine errichtet. Die umfassenden Spuren, die von mehrheitlich russischsprachigen Städten und Regionen in der Ukraine bis zu bürokratischen Festlegungen wie der Bahnstreckenkilometrierung, ausgerichtet nach Moskau, nun mit einer Absolutheit zu tilgen, scheint schizophren. Mit der Abweisung des Aggressors Russland scheint Verantwortung außerhalb des Landes geschoben zu werden.

Während wir uns an die Aufführung tanzender Kinder in Trachtengewändern auf einer Bühne am Glacis erinnern, zeigt das T-Shirt eines Jugendlichen im Zug stolz den Schriftzug: I’m Ukrain – I love freedom.

 

Artefakt #002
IKONE des Hl. Georg
Gefunden in der Armenischen Kirche in Lwiw, Krakiwska Uliza 16-18.
Fotografiert um 15:26 Uhr.

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Laminiert für langfristige Begleitung und Schutz durch die Kraft der Ikone. Das Bild ist mit Gold graviert. Das unterstreicht die Heiligkeit. Die Farben sind dick aufgetragen und bilden kleine Reliefs. Das Kreditkartenformat erleichtert die Tragbarkeit der schützenden Ikone direkt an der Brust, in der Geldtasche oder auch in der Jackentasche.

Die Ikone wirkt wie ein Rettungsring. Wenn alle Stricke reißen, dann bleibt die Ikone. Sie steht uns bei und lässt ihre schützende Hand über uns walten. Nimm‘ sie überallhin mit, sie kann dir Unterstützung sein. Die Ikone soll von nun an unsere Begleiterin sein. Sie vermittelt uns: Sei nicht leichtsinnig, überlasse nichts dem Zufall. Lass die Ikone an deiner Seite ihre Kraft entfalten.

 

 

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Das Czernowitz-Team nach der erfolgreichen Ankunft am Zug

Tag 1: Aus dem fahrenden Wohnzimmer

Wien, 16:42 Uhr. Zwischen uns und Czernowitz liegen etwas mehr als 30 Stunden Zugfahrt. Wir steigen in den Wagen der Ukrainischen Bahn und beziehen unser Abteil, als wäre es ein Hotelzimmer. Beim Aushandeln der Plätze, beim gemeinsamen Aus dem Fenster Schauen und dem nur halb verbotenen Rauchen im Verbindungsstück zwischen uns und der 1. Klasse – einer ganz anderen Welt – findet sich eine kleine rollende Gemeinschaft zusammen. Teil davon: Wir.

Wir werden in jedem unserer Beiträge ein Artefakt vorstellen, das exemplarisch für unsere Beobachtungen, Begegnungen, Diskussionen und Erkentnisse in Czernowitz steht.

 

Artefakt #001
KLEIDERBÜGEL
Gefunden im Zug 40147, Wagon 431, Abteil VIII, Plätze 42, 44, 46.
Fotografiert um 21:02 Uhr.

Artefakt 1

Polyethylen orange, blaue Beschriftung “hemoplast”. ISO 9001:2015 konform. Ein weißer Aufkleber auf der linken Bügeloberseite stellt Informationen über das Objekt dar: Hergestellt in Belgorod-Dnestrowskij von der Firma Chemoplast im Februar 2019.

Der Bügel ist handlich und leicht, aber sehr stabil. Kleine Haken an der Unterseite ermöglichen das Aufhängen von Kleidern und weiteren Damenoberteilen.

Der Kleiderbügel wirkt wie ein Rettungsring auf einem Schiff. Zusammen mit den schnörkeligen Tassen, die wir im Schrank vorfanden und den auf dem Boden ausgelegten Teppichen geben die Kleiderbügel ein Gefühl von einer kleinen Wohnung – kein Vergleich mit der funktional-technischen Anmutung aktueller mitteleuropäischer Züge. Neben dieser Heimeligkeit schleicht sich aber auch ein Gefühl der Disziplinierung ein: Sei ordentlich! Häng deinen Mantel auf und mach das Abteil nicht dreckig.

Fühl dich zuhause – aber bleib ordentlich.