Zurück in Wien – unser Fazit

Heute morgen sind wir drei wieder nach Wien zurückgekehrt. Damit ist der erste Teil unseres Projektes, die Forschungsexpedition nach Belgrad, zur Erforschung des öffentlichen Raumes in Kaludjerica, beendet. Es wartet aber noch viel Arbeit auf uns, wie wir im gestrigen Blogeintrag anklingen ließen. Während der letzen sieben Tage haben wir versucht so viele Eindrücke und Meinungen wie möglich in Kaludjerica zu sammeln. Insgesamt blicken wir sehr positiv auf unsere Forschungsexpedition zurück. Obwohl wir etwas überfordert in Belgrad ankamen, fanden wir sehr schnell Zugang zur Siedlung und deren BewohnerInnen. Wir lernten sehr hilfsbereite und nette Leute kennen, die viel zu unserem Verständnis der Siedlung beitrugen. Mit so viel Offenheit und Interesse hätten wir nicht gerechnet. Überraschenderweise war es viel einfacher als erwartet, Anschluss zu finden, obwohl uns die BewohnerInnen von Kaludjerica anfangs eher skeptisch gegenüberstanden.

Insgesamt besuchten wir die Siedlung fünf mal, wir durchquerten sie mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Bus. Wir schossen zirka 900 Fotos, nahmen fast vier Stunden Audiomaterial bei Gesprächen und Interviews auf. Diese führten wir auf drei verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch und Serbisch. Wir führten Interviews mit den ExpertInnen Prof. Eva Vanista Lazarevic und Vladimir Parezanin, den BewohnerInnen Danijela, Mladen und Sladjana, sowie den Angehörigen der Kirchengemeinde Djordje und Jovan, die sich beide aufgrund ihrer Arbeit sehr gut mit der sozialen Struktur der Siedlung auskennen.

Wir haben nun nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl die Vorgänge und Strukturen in der Siedlung sehr gut zu verstehen. Den öffentlichen Raum in Kaludjerica kann man auf zwei Ebenen betrachten. Einerseits als den klassischen institutionellen öffentlichen Raum, also Plätze, Märkte, die Kirche, den Friedhof, Spielplätze, usw., der zum Großteil in den letzten Jahren geschaffen wurden um die Siedlung aufzuwerten. Andererseits als jenes nachbarschaftliches Zusammenleben, durch das die lange Nicht-Existenz der oben genannten Treffpunkte kompensiert wird. Das gesellschaftliche Leben und die Öffentlichkeit in dieser Siedlung funktioniert wohl noch immer sehr niederschwellig über Nachbarschaftstreffen in privaten Gärten, gemeinsames Essen und Trinken nach der Kirche, am Vorplatz des Supermarktes reden usw., also klassisches dörfliches Gemeinschaftsleben.

In den nächsten Wochen werden wir euch weiterhin über die Aufarbeitung unserer Forschungsergebnisse auf dem Laufenden halten und euch im Herbst unsere Ergebnisse präsentieren. Wir werden dazu einen kleinen Radiobeitrag in der Architektursendung A Palaver auf Radio Orange produzieren und gemeinsam mit den anderen Fieldtrips Teams die Publikation Fieldtrips 3 des Future Labs gestalten.

Also bleibt dran – es geht spannend weiter…

Vielen Dank für euer Interesse und bis bald!!

Hannes, Danijel und Rafael

Der letzte Tag in Kaluđerica

Der letzte Tag unserer Forschungsreise nach Belgrad ist vergangen und verbrachten ihn natürlich wieder in Kaludjerica. Wir versuchten in Kontakt mit den BewohnerInnen der Siedlung zu kommen, um die Forschungsergebnisse, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben zu überprüfen und außerdem noch weitere Details herauszufinden. Wir sprachen deswegen mit Schülern in einer Bäckerei über ihre Treffpunkte und mit einer Kellnerin in einem Café über die BewohnerInnen der Siedlung. Die Schüler erzählten uns, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem vor den beiden größeren Grundschulen in Kaludjerica treffen oder in den Gärten ihrer Eltern. Die Kellnerin empfahl uns ein weiteres Mal in ihr Café zu kommen, und zwar früh am Morgen, um mit älteren BewohnerInnen zu reden. Diese Aufgabe müssen wir leider Danijel übertragen, der im Juli wieder nach Belgrad kommen wird. Wir hatten unmittelbar danach aber ohnehin ein Gespräch mit einem älteren Bewohner der Siedlung, nämlich mit Mladen, einem serbokroatischen Einwanderer, den wir am Samstag in der Kirche kennengelernt hatten. Er wohnt schon seit fast 40 Jahren in Kaludjerica und erzählte uns bereitwillig von der Geschichte der Siedlung und den früheren Treffpunkten, beispielsweise von der ehemaligen Kegelbahn am heutigen Schulgelände.

Danach dokumentierten wir eine der größten Bauruinen in der Siedlung, von der wir annehmen, dass sie von Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wird und außerdem die Busstationen der Linie 309, die die Verbindung nach Belgrad darstellen und um die sich deshalb auch kleinere Zentren mit Geschäften und Verkaufsständen entwickelt haben.

Obwohl wir heute den letzten Abend in Belgrad verbringen und wir eine intensive Forschungswoche hinter uns haben, ist die Arbeit damit natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Interviews die Danijel auf Serbisch geführt hat müssen übersetzt und unsere Forschungsergebnisse dokumentiert und verarbeitet werden. Außerdem werden wir weiter Informationen zusammentragen. Danijel wird im Juli ein weiteres Mal nach Kaludjerica kommen, um dem Tipp der Kellnerin, mit den älteren BewohnerInnen im Café zu sprechen, nachzukommen. Außerdem werden wir von Wien aus noch ein letztes Interview mit Tiana, einer Architekturstudentin, die in Kaludjerica aufgewachsen ist, führen. Sie hatte leider unser heutiges Interview kurzfristig absagen müssen.

Es ist ein komisches Gefühl morgen nach Wien zurückzukehren. Die Woche in Belgrad war echt spannend, vielfältig und es gab viele Gelegenheiten Rakia zu trinken (vor allem mit den Interviewpartnern…), wir haben viel erlebt und einige neue Erfahrungen gemacht. Während unseres Aufenthaltes gab es Ups and Downs, sowohl was unseren Anspruch an den Erwartungen der Reise, als auch die Dynamiken in der Gruppe betrifft, was aber bei so einer intensiven Reise normal ist.

Unser letzter Tipp ist keine Literatur, sondern die Empfehlung euch die Stadt Belgrad (und vielleicht auch die Siedlung Kaludjerica) selbst anzusehen. Die Stadt ist von Tourismus noch sehr unberührt, wirkt sehr lebendig und nicht angepasst. Wie ihr seht lohnt es sich ihr einen Besuch abzustatten…

Im Labyrinth von Kaluđerica

Auch der sechste Tag unserer Forschungsreise neigt sich dem Ende zu. Damit bleibt uns nur noch ein Tag in Belgrad – am Freitag früh machen wir uns auf den Rückweg nach Wien. In den letzten Tagen haben wir viel erlebt, erforscht und dokumentiert.

Heute stand nach einem kurzen Besuch in der Belgrader Innenstadt die nähere Erforschung Kaludjericas am Plan. Nachdem uns gestern Danijela und Sladjana im Gespräch erzählt haben, dass sie als Kinder oft in Ruinen spielten, und wir bei unserer ersten Ankunft in Kaludjerica ebenfalls Kinder in einer Häuserruine spielen sahen, fanden wir es wichtig diese informellen öffentlichen Freiräume, die sich Kinder aneignen, zu finden und zu kartografieren. Mit einer Karte ausgerüstet durchquerten wir die Siedlung auf der Suche nach diesen Plätzen und wurden fündig! Über die ganze Siedlung verteilt stehen unvollendete Häuser. Laut den Friseurinnen gibt es in Kaludjerica zu wenig Orte für Kinder und diese sind alle im Zentrum der Siedlung. Deswegen spielen die Kinder in den Bauruinen. Da die informelle Bautätigkeit von Seiten der Stadt Belgrad beendet wurde, gibt es heute aber nicht mehr so viele unvollendete Häuser wie früher.

Bei der Durchquerung der Siedlung, fanden wir außerdem ein verstecktes Freibad auf das uns die Friseurinnen hingewiesen haben, außerdem Bienenstöcke (urban beekeeping), einen landwirtschaftlichen Betrieb (urban farming) im Zentrum der Siedlung und die Kanalisation Kaludjericas, den Bach der die Siedlung durchkreuzt. Heute wurde uns die labyrinthische Wegstruktur der Siedlung mehrmals zum Verhängnis. Die zahlreichen Sackgassen und schlechte Kartierung wurden uns erst heute so richtig bewusst.

Der heutige Lesetipp “Informelles Wohnen als Routine? Multiple urbane Transformationen in der Agglomeration Belgrad: Das Beispiel Kaludjerica” von Daniel Göhler, Marija Bamberg, Ivan Ratkaj, und Danica Santic befasst sich mit der Entwicklung informeller Siedlungen im ehemaligen Jugoslawien und im speziellen mit der Entwicklung von Kaludjerica. Wenn euch das Thema Informalität im Bezug auf den Wohnraum interessiert seid ihr mit diesem Text gut aufgehoben.

Do skorog vidienja, s postovanjem / bis bald und liebe Grüße!

Kaluđerica between the Lines

Den heutigen Tag verbrachten wir ausnahmsweise nicht in Kaludjerica sondern im Zentrum von Belgrad. Am Vormittag hatten wir ein ausgedehntes Interview mit Vladimir Parezanin, Dozent an der Fakultät für Architektur der Belgrader Universität. Parezanin wurde uns von Djordje vermittelt, er hat in den letzten Jahren die Kirche und den umgebenden Platz für die Kirchengemeinde umgestaltet. Das Gespräch war außerordentlich hilfreich, da wir uns der Thematik des öffentlichen Raumes in Kaludjerica in einem weiter gefassten, philosophischen Kontext angenähert haben. Wir sprachen über die Ansprüche der Architektur, öffentlichen Raum zu gestalten, ohne das funktionierende Gemeinschaftsleben negativ zu beeinflussen, im Kontext von Kaludjerica betrachtet, wo man Architektur ohne Architekten, beziehungsweise Stadtplanung ohne Stadtplaner  vorfindet und die spezielle Dynamik, die sich daraus ergibt, ergibt. Das öffentliche Zusammenleben in Kaludjerica, abgesehen von klassischen öffentlichen Räumen und Plätzen funktioniert durch ein dichtes Netzwerk unter den BewohnerInnen sehr niederschwellig. Diese brauchten beispielsweise lange Zeit keine Arztpraxen, da man beim nachbarschaftlichen Leben ohnehin den Arzt trifft und diesen zu sich nach Hause bitten, oder gleich direkt auf der Straße um Hilfe bitten kann. Das Fehlen des öffentlichen Verkehrs wird dadurch kompensiert, dass man seine NachbarInnen mit dem Auto mit ins Stadtzentrum nimmt. Die Schwachstellen in der Infrastruktur der Siedlung werden so zum Potential des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Ein Zitat Parezanis ist dabei besonders erwähnenswert: “Öffentlicher Raum ist nicht öffentlicher Raum weil er so genannt wird, sondern weil die sozialen Kontakte dort ablaufen”. Um Kaludjerica zu verstehen muss man zwischen den Zeilen lesen, sie funktioniert ohne Treffpunkte mit offensichtliche Aufenthaltsqualität, man trifft sich eben vor der Bäckerei, in einer ruhigen Seitenstraße, oder im Vorgarten. Insgesamt dauerte das Gespräch mehr als 2 Stunden, wir hatten aber alle nicht das Gefühl, dieses unterbrechen zu müssen, da es für uns sehr stark zu einem tieferen Verständnis der Siedlung beitrug.

Abends führten wir noch ein Interview mit den beiden Friseurinnen Danijela und Sladjana, die beide in Kaludjerica leben und uns sehr viel vom Leben in der Siedlung erzählen konnten. Wir fragten sie nach Treffpunkten, dem öffentlichen Leben und der Entwicklung von Kaludjerica während der letzten Jahre und sie zeigten uns auf der Karte jene Orte, die sie als öffentliche Treffpunkte identifizieren. Für uns erstaunlich war der Kontrast zwischen den beiden Interviews, die in der Ausführung beinahe gänzlich unterschiedlich waren. Die Ergebnisse führten aber schlussendlich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Das Interview führte Danijel wieder auf Serbisch.

Der heutige Literaturtipp ist passend zu unseren heutigen Interviews “Researching the cityvon Kevin Ward. In diesem Buch werden unterschiedlichste Methoden zur Stadterforschung beschrieben, unter anderem auch Interviewführung.

Zusammengefasst ein langer und erkenntnisreicher Tag für uns alle.

Grüße aus Belgrad!

 

Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

Kaluđerica aus einem anderen Blickwinkel…

Wir haben heute versucht die vielen Eindrücke vom gestrigen Tag in Kaludjerica zu verarbeiten und zu besprechen und außerdem Material für die nächsten Tage vorbereitet. Genauer gesagt haben wir Interviewfragen vorbereitet und eine Karte erstellt, die wir gemeinsam mit den BewohnerInnen von Kaludjerica ausfüllen wollen um eine Verortung der öffentlichen Treffpunkte und Zentren in Kaludjerica zu ermöglichen. Genaueres dazu werdet ihr von uns in den nächsten Tagen erfahren.

Am Nachmittag haben wir uns erneut nach Kaludjerica begeben, allerdings diesmal mit dem Auto. So konnten wir einerseits die Siedlung großflächiger observieren und sie andererseits mit demselben Fortbewegungsmittel erreichen und durchfahren, mit dem die meisten BewohnerInnen das tagtäglich tun. Wir haben so das gesamte Ausmaß der Siedlung erlebt, vom Übergang Kaludjericas zu den angrenzenden Gemeinden bis zu den unzähligen Sackgassen, die uns diese „Stadtrundfahrt“ erschwert haben. Dabei konnten wir weitere Besonderheiten entdecken, wie zum Beispiel die Vielschichtigkeit der Siedlung. Es gibt klare Unterschiede zwischen dem Zentrum Kaludjericas, das wir gestern bereits intersiv erforscht haben, und der „Pheripherie“, wie beispielsweise die Größe und Gestaltung der Häuser, aber auch der Infrastruktur und der öffentlichen Räume, die am Rand der Siedlung kaum mehr zu finden sind, zumindest nicht in jener Qualität, die wir gestern rund um die Schulen und die Kirche ausgemacht haben.

Wir werden immer vertrauter mit der Siedlung und finden uns bereits gut zurecht. Überrascht sind wir immer noch, über die Ähnlichkeit zu typischen österreichischen Vorstadtsiedlungen und. Teilweise gibt es in Kaludjerica sehr charmante und qualitätsvolle Straßen, was wir im Zuge der Vorbereitung so nicht erwartet hätten. Allgemein stellt sich uns die Frage ob man Kaludjerica in seiner heutigen Form überhaupt noch als illegale beziehungsweise informelle Siedlung bezeichnen kann, es hat sich hier in den letzten Jahren offenbar sehr viel verändert.

Wir haben Kaludjerica gestern mit einem Stadtspaziergang intensiv erforscht und waren heute mit dem Auto in der Siedlung unterwegs. Die gegensätzlichen Wahrnehmungen die durch das unterschiedliche Fortbewegen in (öffentlichen) Räumen entstehen, werden im heutigen Literaturtipp, „Warum ist Landschaft schön? : Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, anhand von Beispielen beschrieben.

Ankommen in Belgrad

Nachdem wir dank Danijel gut in Belgrad angekommen sind hatten wir nach einer kurzen Nacht zu Mittag unser erstes Interview mit Professorin Eva Vanista Lazarevic – Leiterin des Städtebau Institutes an der Belgrader Fakultät für Architektur und Beirätin im serbischen Ministerium für Stadtentwicklung.

Ursprünglich war geplant das Interview in Englisch abzuhalten, jedoch nach kurzem Besprechen meinte sie es wäre für den Inhalt besser wenn wir es auf Serbisch führen würden, also sprang Danijel spontan ein und übernahm das Interview. Zu unserer Überraschung war Prof. Vanista Lazarevic informellen Siedlungen in Belgrad gegenüber eher negativ eingestellt. Sie sieht diese als Problem der Vergangenheit, das großes Chaos verursacht. Am Ende bekamen wir auch einen Literaturtipp von ihr über Kaludjerica, welche wir uns gleich an der Fakultätsbibliothek ausleihen konnten. Alles in allem verlief unser erstes Interview weniger holprig als befürchtet. Das Aufnahmegerät funktionierte bestens und Prof. Lazarevic war sehr bemüht uns weiterzuhelfen.

Der heutige Buchtipp ist Formal / Informal: A Research on Urban Transformation, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, genauer gesagt das Kapitel “Brick and Gold” verfasst von Milica Topalović. Passend zum heutigen Interview mit Prof. Vanista Lazarevic reflektiert der Beitrag den Umgang der legalen Bevölkerung und Leitenden Personen in der Stadtregierung mit (vermeintlich) dort illegal lebenden Personen. Ein interessanter Beitrag, der den Status dieser BewohnerInnen gut veranschaulicht.

Abseits des Interviews war unser heutiger Tag geprägt vom Ankommen in Belgrad. Wir investierten mehr Zeit in Vorbereitungs- und Organisationsarbeit. Die Stadt tickt anders als Wien – das betrifft das Organisieren von Bustickets, Ausdrucken von Forschungsmaterial und das Fortbewegen in der Stadt. Morgen werden wir am Morgen (ohne Danijel, weil er die Siedlung ja schon kennt) zum ersten Mal nach Kaludjerica fahren und die Siedlung mit einem Spaziergang zu entdecken um erste Eindrücke zu sammeln. Wir sind schon gespannt wie es dort werden wird!

Grüße aus Belgrad!

Die Reise ins Ungewisse

Jetzt ist es also soweit, unser Fieldtrip in die „Weiße Stadt“, wie Belgrad auf Serbisch heißt, hat begonnen. Dies ist der erste Versuch, euch an unseren Gedanken und Gefühlen, die wir über die Reise haben, teilhaben zu lassen. Wir werden euch über die nächsten acht Tage täglich mit „frischen“ Blogeinträgen über verschiedenste Erlebnisse, Eindrücke und natürlich unsere Forschung aus Belgrad versorgen, damit Ihr unsere Reise hautnah miterleben, aber vor allem auch nachvollziehen könnt was wir hier erleben.

Warum starten wir unsere Blogserie mit dem Titel „Eine Reise ins Ungewisse“?
Wir fühlen uns etwas wie die Vorhut der anderen Field Trip Teams, immerhin ist dies die erste Forschungsreise der diesjährigen Serie. Die letzten Wochen sind sehr schnell vergangen und wir sind uns nicht sicher was uns genau in Belgrad erwarten wird. Immerhin hat Danijel uns vor dem Abflug noch eine Aufgabe gegeben: „Nehmt drei Flaschen österreichischen Schnaps und zwei Mozartkugeln als Geschenke für die Interviewpartner mit“. Notfalls können wir sie wohl auch zur Bestechung serbischer BeamtInnen verwenden…
Als erste Forschungsgruppe können wir nicht auf die Erfahrungen der anderen Teams zurückgreifen, im Moment fühlt es sich eher so an, als ob wir ihnen umgekehrt zumindest übermitteln können, was man alles falsch machen kann.

Wir sind sehr gespannt was uns während der nächsten Tage erwartet und wie wir in der Siedlung Kaludjerica wahrgenommen und aufgenommen werden – wir sind gespannt ob uns die BewohnerInnen die erhofften Informationen zur Struktur und den öffentlichen Räumen in der Siedlung geben können? Wie werden wir die Siedlung wahrnehmen, die wir in den letzten Monaten intensiv von Wien aus erforscht haben?
Ihr seht – die Reise ins Ungewisse hat begonnen…

Eine kleine Besonderheit führen wir mit diesem Blogeintrag noch ein: Jeden Tag werden wir euch einen Buchtipp geben, über Lektüren, die uns bei der Vorbereitung auf den Field Trip sehr geholfen haben, und die unserer Meinung nach sehr informativ waren.
Der erste Tipp ist die Diplomarbeit von Laura A. Bürgermeister über „Informelle Siedlungen und Schwarzbauten in Belgrad“, erhältlich an der TU Wien Bibliothek. Sie liefert in ihrer Arbeit fundiertes Backgroundwissen über informelle Bauten in Belgrad, besonders die in Kaludjerica, für all diejenigen die sich dafür interessieren.

We will keep you updated!

Relikte der Wild City

Anfang der 90er kam es zum Höhepunkt der informellen Bautätigkeit in Belgrad, Planer gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung in illegalen Wohnungen lebte, solche vermietete oder an deren Bau mitverdiente. In kaum einer anderen europäischen Stadt manifestierte sich so schnell und derart radikal urbane Stabilität, bei der jenseits von öffentlicher Planung so viele Akteure an der Etablierung des Informellen beteiligt waren. Diese unkontrollierten Prozesse der urbanen Transformation brachten neue Formen der Raumproduktion hervor. Durch die Selbstorganisation kam es im gesamten Stadtgebiet in vielfältiger Ausprägung zur meist öffentlichen Raumaneignung. Informalität in Belgrad ist kein Phänomen der sozialen Ausgrenzung, sondern vielmehr eine besondere Art von “European middle class informality”, so Milica Topalovic.

Die Wild City ist, was das urbane Paradigma des heutigen Belgrads genannt werden kann: Wachstum ohne Kontrolle oder Einschränkung, ungebändigt, regellos und wild.”        STEALTH Unltd.

Im Juli wird unser Expeditionsteam nach Belgrad aufbrechen um Entwicklungsdynamiken des öffentlichen Raumes in informellen Strukturen zu untersuchen. Hierbei bedienen wir uns einer Methodik hoher Flexibilität; sodass es uns möglich ist, auf unerwartete Ereignisse spontan zu reagieren. In diesen zwei Wochen werden wir zu AkteurInnen im öffentlichen Raum. Unser Bus, der für die Forschungsreise die Gestalt eines Schiffes annimmt, ermöglicht uns bereits vorab kuratierte Orte situativ zu erkunden und mit NutzerInnen in Kontakt zu treten. Durch die Interaktion erhoffen wir uns, den öffentlichen Raum zu erleben und das Spezifische an dem jeweiligen Raum zu dokumentieren.

Aktuell laufen die Vorbereitungen für die Expedition auf Hochtouren, wir stehen in Kontakt mit Experten der informellen Stadtentwicklung und haben bereits vielversprechende Empfehlungen für Wild City Orte erhalten. Demnächst wird der Bus umgestaltet, wir halten euch auf dem Laufenden.

Shanine, Anselm, BOY 147

Kaluđerica – Öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität

Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Blogeintrag zum Thema Informelles Bauen in Belgrad!

Kurz zu unserer Gruppe: Wir sind drei Architekturstudenten – Rafael Essl (24), Danijel Obradovic (25) und Hannes Schachner (24). Da wir alle drei aus der Architektur kommen haben wir bisher noch nicht so viel Erfahrung mit der Untersuchung von öffentlichen Räumen gemacht, wir sind aber motiviert uns dem Thema zu stellen und Euch an unseren Fortschritten und Erkenntnissen teilhaben zu lassen!

Unser Thema: Nachdem wir uns länger mit Belgrad und dessen unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Raumes, welche für uns zu untersuchen wert schienen, beschäftigt haben (Welche es noch gab wird später in einem eigenen Blogeintrag beschrieben, da Belgrad da einiges zu bieten hat), haben wir uns schlussendlich auf das Thema des informellen Bauens am Stadtrand von Belgrad spezialisiert. Wir beschäftigen uns genauer gesagt mit der größten dieser Siedlungen – Kaludjerica im Südosten der Stadt und werden dort den öffentlichen Raum analysieren. Was uns ebenfalls sehr helfen wird ist, dass Danijel direkt aus Belgrad kommt und uns sehr mit seinem Vorwissen hilft und natürlich auch wenn es um das Ansprechen von Partnern vor Ort geht.

Anbei ist das Abstract unseres Forschungsantrages für die Stadt Wien, bei der wir Fördermittel für eine Forschungsreise beantragen werden. Das Abstract gibt einen guten Überblick über die Geschichte Belgrads, wie informelle Siedlungen am Stadtrand entstehen konnten und was unsere Motivation dahinter ist. Viel Spaß beim Lesen!

“Belgrad, zu Deutsch die “weiße Stadt” und heutige Hauptstadt Serbiens ist gezeichnet von einer über 2000 Jahre zurückreichenden Geschichte. Die Stadt, gelegen an der Mündung von Save und Donau liegt seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Besetzung der Osmanen und der Habsburger, sowie der Stellenwert den Belgrad als Hauptstadt des kommunistisch geführten Jugoslawiens einnahm, und zuletzt dessen Zerfall hinterließen tiefe Spuren in der Stadtmorphologie, welche noch heute sichtbar und im Stadtbild omnipräsent sind.

Ein Beispiel dieser prägenden Gebiete stellen informelle Siedlungen am Rande Belgrads dar, insbesondere die größte Siedlung dieser Art, Kaludjerica im Südosten der Stadt.

Entstanden durch die Parzellierung von Ackerland im Kommunismus entwickelte sich die Siedlung in den 1990er Jahren zur größten illegalen Siedlung am Balkan. Der Jugoslawienkrieg und dadurch ausgelöste Flüchtlingsströme gepaart mit einer überforderten Politik und fehlender stadtplanerischer Vorkehrungen führten zu einem rasanten Anstieg illegaler Bauten. Von der Politik weitestgehend ignoriert, konnte sich die serbische Mittelschicht Kaludjerica aneignen. Gerade deswegen ist diese Siedlung mit anderen informellen Siedlungen abseits von Europa nicht vergleichbar.

Der öffentliche Raum ist in Kaludjerica einer der brisantesten Aspekte den es zu erforschen gilt. Auf den ersten Blick ist dieser kaum fassbar, er existiert nur als Verbindung zwischen privaten Grundstücken, oder als Vorplatz vor wenigen öffentlichen Gebäuden. Diese Forschungsreise stellt den Anspruch zu untersuchen, wie sich öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität zeigt, in welcher Form sich dieser entwickelt hat, und wie dieser verwaltet wird.”

Wir hoffen Ihr konntet Euch einen ersten Überblick über unser Projekt machen – bis bald,

Team Informelles Bauen in Belgrad