Zurück in Wien – unser Fazit

Heute morgen sind wir drei wieder nach Wien zurückgekehrt. Damit ist der erste Teil unseres Projektes, die Forschungsexpedition nach Belgrad, zur Erforschung des öffentlichen Raumes in Kaludjerica, beendet. Es wartet aber noch viel Arbeit auf uns, wie wir im gestrigen Blogeintrag anklingen ließen. Während der letzen sieben Tage haben wir versucht so viele Eindrücke und Meinungen wie möglich in Kaludjerica zu sammeln. Insgesamt blicken wir sehr positiv auf unsere Forschungsexpedition zurück. Obwohl wir etwas überfordert in Belgrad ankamen, fanden wir sehr schnell Zugang zur Siedlung und deren BewohnerInnen. Wir lernten sehr hilfsbereite und nette Leute kennen, die viel zu unserem Verständnis der Siedlung beitrugen. Mit so viel Offenheit und Interesse hätten wir nicht gerechnet. Überraschenderweise war es viel einfacher als erwartet, Anschluss zu finden, obwohl uns die BewohnerInnen von Kaludjerica anfangs eher skeptisch gegenüberstanden.

Insgesamt besuchten wir die Siedlung fünf mal, wir durchquerten sie mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Bus. Wir schossen zirka 900 Fotos, nahmen fast vier Stunden Audiomaterial bei Gesprächen und Interviews auf. Diese führten wir auf drei verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch und Serbisch. Wir führten Interviews mit den ExpertInnen Prof. Eva Vanista Lazarevic und Vladimir Parezanin, den BewohnerInnen Danijela, Mladen und Sladjana, sowie den Angehörigen der Kirchengemeinde Djordje und Jovan, die sich beide aufgrund ihrer Arbeit sehr gut mit der sozialen Struktur der Siedlung auskennen.

Wir haben nun nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl die Vorgänge und Strukturen in der Siedlung sehr gut zu verstehen. Den öffentlichen Raum in Kaludjerica kann man auf zwei Ebenen betrachten. Einerseits als den klassischen institutionellen öffentlichen Raum, also Plätze, Märkte, die Kirche, den Friedhof, Spielplätze, usw., der zum Großteil in den letzten Jahren geschaffen wurden um die Siedlung aufzuwerten. Andererseits als jenes nachbarschaftliches Zusammenleben, durch das die lange Nicht-Existenz der oben genannten Treffpunkte kompensiert wird. Das gesellschaftliche Leben und die Öffentlichkeit in dieser Siedlung funktioniert wohl noch immer sehr niederschwellig über Nachbarschaftstreffen in privaten Gärten, gemeinsames Essen und Trinken nach der Kirche, am Vorplatz des Supermarktes reden usw., also klassisches dörfliches Gemeinschaftsleben.

In den nächsten Wochen werden wir euch weiterhin über die Aufarbeitung unserer Forschungsergebnisse auf dem Laufenden halten und euch im Herbst unsere Ergebnisse präsentieren. Wir werden dazu einen kleinen Radiobeitrag in der Architektursendung A Palaver auf Radio Orange produzieren und gemeinsam mit den anderen Fieldtrips Teams die Publikation Fieldtrips 3 des Future Labs gestalten.

Also bleibt dran – es geht spannend weiter…

Vielen Dank für euer Interesse und bis bald!!

Hannes, Danijel und Rafael

Der letzte Tag in Kaluđerica

Der letzte Tag unserer Forschungsreise nach Belgrad ist vergangen und verbrachten ihn natürlich wieder in Kaludjerica. Wir versuchten in Kontakt mit den BewohnerInnen der Siedlung zu kommen, um die Forschungsergebnisse, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben zu überprüfen und außerdem noch weitere Details herauszufinden. Wir sprachen deswegen mit Schülern in einer Bäckerei über ihre Treffpunkte und mit einer Kellnerin in einem Café über die BewohnerInnen der Siedlung. Die Schüler erzählten uns, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem vor den beiden größeren Grundschulen in Kaludjerica treffen oder in den Gärten ihrer Eltern. Die Kellnerin empfahl uns ein weiteres Mal in ihr Café zu kommen, und zwar früh am Morgen, um mit älteren BewohnerInnen zu reden. Diese Aufgabe müssen wir leider Danijel übertragen, der im Juli wieder nach Belgrad kommen wird. Wir hatten unmittelbar danach aber ohnehin ein Gespräch mit einem älteren Bewohner der Siedlung, nämlich mit Mladen, einem serbokroatischen Einwanderer, den wir am Samstag in der Kirche kennengelernt hatten. Er wohnt schon seit fast 40 Jahren in Kaludjerica und erzählte uns bereitwillig von der Geschichte der Siedlung und den früheren Treffpunkten, beispielsweise von der ehemaligen Kegelbahn am heutigen Schulgelände.

Danach dokumentierten wir eine der größten Bauruinen in der Siedlung, von der wir annehmen, dass sie von Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wird und außerdem die Busstationen der Linie 309, die die Verbindung nach Belgrad darstellen und um die sich deshalb auch kleinere Zentren mit Geschäften und Verkaufsständen entwickelt haben.

Obwohl wir heute den letzten Abend in Belgrad verbringen und wir eine intensive Forschungswoche hinter uns haben, ist die Arbeit damit natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Interviews die Danijel auf Serbisch geführt hat müssen übersetzt und unsere Forschungsergebnisse dokumentiert und verarbeitet werden. Außerdem werden wir weiter Informationen zusammentragen. Danijel wird im Juli ein weiteres Mal nach Kaludjerica kommen, um dem Tipp der Kellnerin, mit den älteren BewohnerInnen im Café zu sprechen, nachzukommen. Außerdem werden wir von Wien aus noch ein letztes Interview mit Tiana, einer Architekturstudentin, die in Kaludjerica aufgewachsen ist, führen. Sie hatte leider unser heutiges Interview kurzfristig absagen müssen.

Es ist ein komisches Gefühl morgen nach Wien zurückzukehren. Die Woche in Belgrad war echt spannend, vielfältig und es gab viele Gelegenheiten Rakia zu trinken (vor allem mit den Interviewpartnern…), wir haben viel erlebt und einige neue Erfahrungen gemacht. Während unseres Aufenthaltes gab es Ups and Downs, sowohl was unseren Anspruch an den Erwartungen der Reise, als auch die Dynamiken in der Gruppe betrifft, was aber bei so einer intensiven Reise normal ist.

Unser letzter Tipp ist keine Literatur, sondern die Empfehlung euch die Stadt Belgrad (und vielleicht auch die Siedlung Kaludjerica) selbst anzusehen. Die Stadt ist von Tourismus noch sehr unberührt, wirkt sehr lebendig und nicht angepasst. Wie ihr seht lohnt es sich ihr einen Besuch abzustatten…

Im Labyrinth von Kaluđerica

Auch der sechste Tag unserer Forschungsreise neigt sich dem Ende zu. Damit bleibt uns nur noch ein Tag in Belgrad – am Freitag früh machen wir uns auf den Rückweg nach Wien. In den letzten Tagen haben wir viel erlebt, erforscht und dokumentiert.

Heute stand nach einem kurzen Besuch in der Belgrader Innenstadt die nähere Erforschung Kaludjericas am Plan. Nachdem uns gestern Danijela und Sladjana im Gespräch erzählt haben, dass sie als Kinder oft in Ruinen spielten, und wir bei unserer ersten Ankunft in Kaludjerica ebenfalls Kinder in einer Häuserruine spielen sahen, fanden wir es wichtig diese informellen öffentlichen Freiräume, die sich Kinder aneignen, zu finden und zu kartografieren. Mit einer Karte ausgerüstet durchquerten wir die Siedlung auf der Suche nach diesen Plätzen und wurden fündig! Über die ganze Siedlung verteilt stehen unvollendete Häuser. Laut den Friseurinnen gibt es in Kaludjerica zu wenig Orte für Kinder und diese sind alle im Zentrum der Siedlung. Deswegen spielen die Kinder in den Bauruinen. Da die informelle Bautätigkeit von Seiten der Stadt Belgrad beendet wurde, gibt es heute aber nicht mehr so viele unvollendete Häuser wie früher.

Bei der Durchquerung der Siedlung, fanden wir außerdem ein verstecktes Freibad auf das uns die Friseurinnen hingewiesen haben, außerdem Bienenstöcke (urban beekeeping), einen landwirtschaftlichen Betrieb (urban farming) im Zentrum der Siedlung und die Kanalisation Kaludjericas, den Bach der die Siedlung durchkreuzt. Heute wurde uns die labyrinthische Wegstruktur der Siedlung mehrmals zum Verhängnis. Die zahlreichen Sackgassen und schlechte Kartierung wurden uns erst heute so richtig bewusst.

Der heutige Lesetipp “Informelles Wohnen als Routine? Multiple urbane Transformationen in der Agglomeration Belgrad: Das Beispiel Kaludjerica” von Daniel Göhler, Marija Bamberg, Ivan Ratkaj, und Danica Santic befasst sich mit der Entwicklung informeller Siedlungen im ehemaligen Jugoslawien und im speziellen mit der Entwicklung von Kaludjerica. Wenn euch das Thema Informalität im Bezug auf den Wohnraum interessiert seid ihr mit diesem Text gut aufgehoben.

Do skorog vidienja, s postovanjem / bis bald und liebe Grüße!

Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

Die Reise ins Ungewisse

Jetzt ist es also soweit, unser Fieldtrip in die „Weiße Stadt“, wie Belgrad auf Serbisch heißt, hat begonnen. Dies ist der erste Versuch, euch an unseren Gedanken und Gefühlen, die wir über die Reise haben, teilhaben zu lassen. Wir werden euch über die nächsten acht Tage täglich mit „frischen“ Blogeinträgen über verschiedenste Erlebnisse, Eindrücke und natürlich unsere Forschung aus Belgrad versorgen, damit Ihr unsere Reise hautnah miterleben, aber vor allem auch nachvollziehen könnt was wir hier erleben.

Warum starten wir unsere Blogserie mit dem Titel „Eine Reise ins Ungewisse“?
Wir fühlen uns etwas wie die Vorhut der anderen Field Trip Teams, immerhin ist dies die erste Forschungsreise der diesjährigen Serie. Die letzten Wochen sind sehr schnell vergangen und wir sind uns nicht sicher was uns genau in Belgrad erwarten wird. Immerhin hat Danijel uns vor dem Abflug noch eine Aufgabe gegeben: „Nehmt drei Flaschen österreichischen Schnaps und zwei Mozartkugeln als Geschenke für die Interviewpartner mit“. Notfalls können wir sie wohl auch zur Bestechung serbischer BeamtInnen verwenden…
Als erste Forschungsgruppe können wir nicht auf die Erfahrungen der anderen Teams zurückgreifen, im Moment fühlt es sich eher so an, als ob wir ihnen umgekehrt zumindest übermitteln können, was man alles falsch machen kann.

Wir sind sehr gespannt was uns während der nächsten Tage erwartet und wie wir in der Siedlung Kaludjerica wahrgenommen und aufgenommen werden – wir sind gespannt ob uns die BewohnerInnen die erhofften Informationen zur Struktur und den öffentlichen Räumen in der Siedlung geben können? Wie werden wir die Siedlung wahrnehmen, die wir in den letzten Monaten intensiv von Wien aus erforscht haben?
Ihr seht – die Reise ins Ungewisse hat begonnen…

Eine kleine Besonderheit führen wir mit diesem Blogeintrag noch ein: Jeden Tag werden wir euch einen Buchtipp geben, über Lektüren, die uns bei der Vorbereitung auf den Field Trip sehr geholfen haben, und die unserer Meinung nach sehr informativ waren.
Der erste Tipp ist die Diplomarbeit von Laura A. Bürgermeister über „Informelle Siedlungen und Schwarzbauten in Belgrad“, erhältlich an der TU Wien Bibliothek. Sie liefert in ihrer Arbeit fundiertes Backgroundwissen über informelle Bauten in Belgrad, besonders die in Kaludjerica, für all diejenigen die sich dafür interessieren.

We will keep you updated!

Kaluđerica – Öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität

Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Blogeintrag zum Thema Informelles Bauen in Belgrad!

Kurz zu unserer Gruppe: Wir sind drei Architekturstudenten – Rafael Essl (24), Danijel Obradovic (25) und Hannes Schachner (24). Da wir alle drei aus der Architektur kommen haben wir bisher noch nicht so viel Erfahrung mit der Untersuchung von öffentlichen Räumen gemacht, wir sind aber motiviert uns dem Thema zu stellen und Euch an unseren Fortschritten und Erkenntnissen teilhaben zu lassen!

Unser Thema: Nachdem wir uns länger mit Belgrad und dessen unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Raumes, welche für uns zu untersuchen wert schienen, beschäftigt haben (Welche es noch gab wird später in einem eigenen Blogeintrag beschrieben, da Belgrad da einiges zu bieten hat), haben wir uns schlussendlich auf das Thema des informellen Bauens am Stadtrand von Belgrad spezialisiert. Wir beschäftigen uns genauer gesagt mit der größten dieser Siedlungen – Kaludjerica im Südosten der Stadt und werden dort den öffentlichen Raum analysieren. Was uns ebenfalls sehr helfen wird ist, dass Danijel direkt aus Belgrad kommt und uns sehr mit seinem Vorwissen hilft und natürlich auch wenn es um das Ansprechen von Partnern vor Ort geht.

Anbei ist das Abstract unseres Forschungsantrages für die Stadt Wien, bei der wir Fördermittel für eine Forschungsreise beantragen werden. Das Abstract gibt einen guten Überblick über die Geschichte Belgrads, wie informelle Siedlungen am Stadtrand entstehen konnten und was unsere Motivation dahinter ist. Viel Spaß beim Lesen!

“Belgrad, zu Deutsch die “weiße Stadt” und heutige Hauptstadt Serbiens ist gezeichnet von einer über 2000 Jahre zurückreichenden Geschichte. Die Stadt, gelegen an der Mündung von Save und Donau liegt seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Besetzung der Osmanen und der Habsburger, sowie der Stellenwert den Belgrad als Hauptstadt des kommunistisch geführten Jugoslawiens einnahm, und zuletzt dessen Zerfall hinterließen tiefe Spuren in der Stadtmorphologie, welche noch heute sichtbar und im Stadtbild omnipräsent sind.

Ein Beispiel dieser prägenden Gebiete stellen informelle Siedlungen am Rande Belgrads dar, insbesondere die größte Siedlung dieser Art, Kaludjerica im Südosten der Stadt.

Entstanden durch die Parzellierung von Ackerland im Kommunismus entwickelte sich die Siedlung in den 1990er Jahren zur größten illegalen Siedlung am Balkan. Der Jugoslawienkrieg und dadurch ausgelöste Flüchtlingsströme gepaart mit einer überforderten Politik und fehlender stadtplanerischer Vorkehrungen führten zu einem rasanten Anstieg illegaler Bauten. Von der Politik weitestgehend ignoriert, konnte sich die serbische Mittelschicht Kaludjerica aneignen. Gerade deswegen ist diese Siedlung mit anderen informellen Siedlungen abseits von Europa nicht vergleichbar.

Der öffentliche Raum ist in Kaludjerica einer der brisantesten Aspekte den es zu erforschen gilt. Auf den ersten Blick ist dieser kaum fassbar, er existiert nur als Verbindung zwischen privaten Grundstücken, oder als Vorplatz vor wenigen öffentlichen Gebäuden. Diese Forschungsreise stellt den Anspruch zu untersuchen, wie sich öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität zeigt, in welcher Form sich dieser entwickelt hat, und wie dieser verwaltet wird.”

Wir hoffen Ihr konntet Euch einen ersten Überblick über unser Projekt machen – bis bald,

Team Informelles Bauen in Belgrad

Auf der sicheren Seite

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Sechs

Der Tag startet mit einer Verabredung mit Marie, der Praktikantin von SynAthina. Tags Zuvor hat sie angeboten uns mit zu ihrem zweiten „Job“ zu nehmen. Sie engagiert sich auf Freiwilligen-Basis in einem selbstorganisierten Gemeindezentrum namens „Khora“. Es handelt sich um ein von Flüchtlingen verwaltetes Haus, das sich nach und nach zu einem wichtigen Treffpunkt für den gesamten Stadtteil entwickelt hat. Das Haus steht offen für alle. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, die besetzt wurden, haben sich die Beteiligten hier für die Gründung einer NGO entschieden und das Haus gemietet.

Die Einrichtung mit seinen fünf Stockwerken bietet verschiedene Sprachkurse, ein Café mit Mittags- und Abendangeboten, ein Spielraum für Kinder und einen eigenes Stockwerk für Frauen. Es herrscht eine gute, entspannte Stimmung. Kinder rennen herum und schreien, Menschen verschiedener Herkunft sitzen in Gruppen herum und unterhalten sich. Einige stürmen in die Klassenräume, damit sie nicht zu spät kommen. Freiwillige Helfer*innen gibt es so viele, dass niemand unsere Kontaktperson Marie aus Frankreich kennt. Leider haben wir uns verpasst und wir können sie im Trubel nicht finden.

Eine Dame am Empfang erklärt uns, dass die Organisation eine horizontale Hierarchie hat. Nur die Aufgabenbereiche sind verteilt. Jede Woche findet ein offenes Plenum statt.

 

Das Besondere an diesem Kulturzentrum in Exarchia ist die geräumige Werkstatt. Hier werden aus gebrauchten Möbeln, Spenden und Fundstücken neue Einrichtungsgegenstände hergestellt. Genutzt werden sie nicht nur von der Khora Association selbst. Auch viele der Flüchtlingsunterkünfte und besetzten Häuser, aber auch Privatpersonen beziehen hier her ihre Möbel.

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Wir sind uns sofort einig, dass der Ort ein gelungenes Beispiel für ein offenes Kulturzentrum ist. Es bringt die Menschen zusammen, gibt ihnen kostenlosen Input und aktiviert sie selbst Wissen und Können weiterzugeben und etwas daraus zu machen. Es ist eines der Projekte, die wir im Herzen behalten, selbst wenn wir sie nicht in unsere Arbeit über öffentliche Außenräume einbinden wollen.

Im Anschluss besuchen wir wieder einmal den Elephertias Platz an der westlichen Seite des Emborikó Trigono, dem Handels-Dreieck. Hier steht jeden Dienstag und Freitag der Bus der Organisation Praksis, der mit Duschen ausgebaut ist und ein Angebot für Obdachlose und Bedürftige ist. Unsere offizielle Anfragen ein Interview mit den Angestellten des Busses machen zu dürfen blieben trotz vieler Versuchebislang unbeantwortet. Ohne das offizielle OK von oben, wollen uns die Helfer*innen nichts davon erlauben.

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Wir fragen nach weiteren Kontakten, Telefonnummern, rufen an, werden weitergeleitet und an andere Stellen verwiesen. Trotz fehlender Erlaubnis, erzählt uns der ägyptische Übersetzer dann doch einige Eckdaten des Projekts und wir finden heraus, dass sie diesen Ort ausgewählt haben, da die Menschen sowieso schon hier sind. Bislang gibt es keine weiteren Stationen des Duschbuses.

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Am Nachmittag sind wir auf den Spuren der offenen Gemeinschaft Atenistas unterwegs. Sie haben sich durch Interventionen im öffentlichen Raum in den letzten Jahren zum Gegenstand vieler Diskussionen gemacht. Meist handelte es sich dabei um eher kleine Eingriffe, wie das Aufstellen von Bänken, das Anbringen von Designelementen und Farbe in der Stadt. Es geht ihnen darum, in der eigenen Stadt aktiv zu werden, Objekte hinzuzufügen und Orte zu verschönern. Teilweise in Absprache mit der Stadt, teilweise als spontane „Verschönerungsaktion“ ohne Erlaubnis der Stadtverwaltung und der Anwohner*innen polarisierte die Vereinigung mit ihren Projekten immer wieder die Meinungen der Athener*innen. Ein Projekt gelistetes von ihnen ist der „DIY-Pocket-Park“ im Stadtviertel Gazi. Er befindet sich auf einem schmalen Streifen Brachfläche entlang einer dicht befahrenen Straße. Als Intervention wurde hier die Fläche von Müll gesäubert, gelb angestrichene Paletten zu Sitzgelegenheiten zusammengetragen und Plastikbecher in den Zaun gesteckt, sodass er zu einem Schriftzug wird. Der gemeinschaftliche Entstehungsprozess wurde öffentlichkeitswirksam in einem Video dokumentiert

Link zum Video

Bürger*innen der Nachbarschaft wurden nicht eingebunden, wie uns der Automechaniker der Werkstatt am Eck erzählt. Die Fläche ist in einem äußerst schlechten Zustand. Die Plastikbecher sind verschwunden, die Paletten kaputt, entwendet, wahllos über den Bereich verstreut. Es liegt sehr viel Müll herum.

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Mit den Stimmen der Atenistas-Kritik im Ohr, diskutieren wir über den Anspruch der Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit von städtischen Aktionen. Ob es dabei um Aktivierung von Stadtbewohner*innen geht? Geht es nur um die (wenn auch kurzfristige) Beautification des Ortes, bei dem die weitere Entwicklung der Fläche keine Rolle spielt? Oder führen solche Aktionen am Ende sogar zu einer Frustration und Demotivation der Nachbarschaft, wenn ein Ort wie dieser nach einer spontanen ästhetischen Aufwertung innerhalb kürzester Zeit ein derart verwahrlostes Bild abgibt?

Am frühen Abend kehren wir zu dem Café und Skate-Pool Latraac im Stadtviertel Kerameikos zurück.

Einer der Initiatoren und Gründer Zachos Varfis arbeitet heute und steht hinter der Bar. Er hat Architektur in London studiert und im Athen der Krisenzeit zusammen mit einem wechselnden Team von Helfer*innen, Mitarbeiter*innen, Gründer*innen und Investor*innen die Idee eines Skate-Cafés realisiert. Er habe auch darüber nachgedacht, einen öffentlichen Raum zusammen mit der Athener Verwaltung zu schaffen, doch die Unterstützung sei aufgrund seiner wirtschaftlichen Bestrebungen, den Skatepark mit einem Café zu kombinieren, nicht möglich gewesen. Die Variante den Park als private Fläche anzubieten habe ihm einfach viel mehr Freiheiten gelassen.IMG_7206

Auch der Versuch einer Crowdfunding-Finanzierung und Gespräche mit Investoren scheiterten. Seine Ideen seien schon sehr konkret gewesen und die wirtschaftliche Situation in dem „Krisen-Athen“ instabil. Daher entstand die Idee, das Grundstück selbst zu mieten und eine brachliegende Fläche in einem eher unattraktiven Gebiet der Stadt zu einem sozialen Ort zwischen Sport und Treffpunkt zu machen.

Durch ein besonderes modernes CNC-Fräß-Verfahren wurden die Einzelteile der Skatebowls hergestellt. Die Holzrampen und das Mobiliar des Ortes folgen einem schlichten zeitgenössischen Design. Das sei ihm wichtig, erzählt er uns. Immer wieder betont er die Design-Elemente des Parks.

Viele wollten nur Krisen-Geschichten hören, aber er glaube, dass das Projekt auch allein seines Entstehungsverfahrens und der neuartigen Fertigung wegen besonders sei. Die Krise bringe sehr gute Publicity.

Durch die Dokumenta sind viele Künstler*innen bei ihm ein und ausgekehrt. Sie haben hier Projekte verwirklicht. Seit der Eröffnung ist das Café ein Ort für kreativen Austausch, und das ist Teil des Konzeptes.

Der Ort liegt in einem Viertel, das wie er selbst sagt, schon vor einigen Jahren alle Anzeichen eines in naher Zukunft gentrifizierten Bezirks hatte. Ein Investor kaufte große Bereiche auf und veranstaltete ein jährliches Kunst- und Kulturfestival. Ziemlich bald eröffneten hippe urbane Cafés. Doch das führte bislang noch nicht zu einer Veränderung des gesamten Gebiets. Prostitution, Drogenhandel, Armut und Leerstand sind weiterhin fester Bestandteil des Bezirks. Dies sei auch der Grund, warum man den Ort mit hohen Mauern und einer verschließbaren Tür versehen müsse.

Die Öffnungszeiten sind von 12 Uhr Mittag bis etwa 1 Uhr nachts. Konsumieren muss hier keiner. Manchmal finden Parties statt. Dann wird die Bowl zu einer großen Sitzgelegenheit. In Rücksicht auf die Anwohner*innen wurden Skate-Ruhepausen in den frühen Nachmittagsstunden festgelegt, in denen sich viele Athener*innen wegen der Hitze für ein Nickerchen hinlegen.

Die Krise selbst war für Zachos keine Motivation den Skate-Park zu eröffnen. Er wollte sowieso immer mit seinen Händen arbeiten, statt im Büro zu sitzen. Der Park ist ihm und seinem Team gut gelungen und zieht Menschen aus der ganzen Stadt an. Manche zum Trinken und Essen und viele zum Skaten.

Vor dem Gespräch hatten wir eine gewisse Erwartungshaltung. Wir gingen davon aus, dass ökonomisch krisenhafte Zeiten als Blockade wirken. Wir gingen davon aus, dass Aktionen verhindert werden und die Krise in anderen Fällen Menschen aktiviert. Wir dachten auch, die Krise fördere Tatendrang und eröffnet Möglichkeitsräume. Wir dachten, dass in dem Fall von LATRAAC die wirtschaftlich schlechte Lage und die mangelnden Aufträge erst für die Idee der jungen Iniator*innen sorgten, Projekte jenseits ihrer Kernprofessionen voranzutreiben. Unter Umständen hätte die Stadt oder ein Investor/ eine Investorin außerdem mehr Interesse gehabt, das Projekt zu fördern. Während andererseits die Grundstückspreise für einen Ort im Zentrum der Metropole außerhalb dieser Periode wohl kaum erschwinglich gewesen wären. Das Interview verlief dann anders und gab uns andere Einsichten.

Ein Koloss der Zeit

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Heute, eine Woche nach unserem ersten Tag im Rozzol Melara, dokumentieren wir die Veränderungen an unserer letzten Hinterlassenschaft einer Intervention, räumen auf und sammeln noch ein letztes Mal einige kurze Statements von zwei unserer Kontakte ein. Mit geschulterten Ergebnissen, Rohdaten und einer unzähligen Anzahl von Eindrücken machen wir uns auf, es geht zurück nach Wien. Dort sortieren und analysieren wir weiter, was diese öffentlichen Räume in und um einem derartigen, massiven, von Identitäten und Konflikten strotzenden Großwohnbau zu bedeuten haben. Aus einigen Ideen, manchen Antworten, aber vor Allem intensiven Eindrücken werden wir nun ein Booklet formen.

Nach einer intensiven Woche, die unerwartet schnell auch schon wieder vorbei ist, steht dieser Koloss der Zeit mehr oder weniger unverändert da.

Termine über Termine

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Zeigte sich der Block gestern von seiner harten Seite, konnten wir heute erste Informationen und Reste unserer zweiten Intervention aufsammeln. Der Pool war immer noch gefüllt, die Kerzen wurden angezündet und unsere Fragen waren beantwortet. Sie regten sogar eine Konversation über den besetzten Platz an, die sich über die Plakate Ausdruck verschaffte.

Nachdem wir die Erweiterungen unserer Aneignung festhielten und den Raum in seinen Urzustand zurückversetzten, besuchte uns Giulio, ein triestiner Architekt. Mit ihm bewegen wir uns durch den Hof und seine Räume, diskutieren dabei über deren Aufgaben, Potentiale, vor Allem aber über die unterschiedlich wahrgenommenen Identitäten der Orte.

Im Anschluss an ein neuerliches Mittagessen, klärt uns Lorella, die Leiterin der ansässigen Mikroarea über deren Aufgaben Ziele, sowie den offiziellen, strukturellen Aufbau der Organisation auf.

Mit vollem Bauch und etwas Verspätung wandern wir Richtung Stadtzentrum wo wir uns wieder mit Cristina, unserer Ansprechpartnerin bei ATER treffen. Sie versorgt uns mit Kopien, Scans und Informationen von vorangegangenen Forschungen, Zeitungsartikel, alten Bildern und vielem mehr.

Schlussendlich wächst der Koffer mit mehr und mehr Informationen. Bei einem abendlichen caffè Lungo versuchen wir eine grobe Ordnung zu schaffen und uns nochmal auf den morgigen, letzten Tag im „Mammut“ vorzubereiten.

Ladies am Werken

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Nach den aktiven Tagen der Interventionen geht es darum unsere Hinterlassenschaft der ersten Station einzusammeln, die Veränderungen und bestenfalls Anmerkungen und Erweiterungen unserer Aktionen aufzunehmen, einzuschätzen und zu dokumentieren. Angekommen am Ort der ersten Intervention fanden wir nur mehr Relikte vor. Der von uns ausgewählte „Nicht Ort“ war wohl doch bestimmt genutzt, so dass unsere Aneignung klaren Widerstand erzeugte. Bis auf einen traurigen Haufen unserer Zerstörten Infobox war nichts mehr übrig oder vor zu finden.

Diese klare Message war anfangs schwer zu nehmen, allerdings auch eine starke Mitteilung: „Hier geschieht etwas!“ Wir wissen zwar leider nicht was genau diese Aggressionen auslöste, haben jedoch auch dadurch eine Antwort bekommen und können uns immerhin auf ein nettes Nachmittagsprogramm freuen. Denn die interessierten Ladies des „Mammuts“ haben uns eingeladen an ihrem regelmäßigen Näh-/Bastel- und vor Allem Tratschkränzchen teil zu nehmen. Zwei Pinata und 5 Duftkissen später endet für uns dieser Tag.

Die kalte Schulter

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Ein Tag voller Auf und Abs begann mit guten Penne Bolognese in der „Microarea“ des Rozzol Melara, einer gemeinnützigen Organisation zur Mieterbetreuung. Bei dem Essen kommen wir mit Antonio ins Gespräch. Als Zivildiener betreut er einen der vielen Tagesprogrammpunkte und lernt Neuankömmlingen aus fernen Ländern Italienisch. Mit vollem Bauch und vielen interessanten Informationen gefüllt machen wir uns auf, um die dritte und letzte Intervention unserer Expedition aufzubauen.

Schock! Unser Equipment für den letzten Tag muss Beine bekommen haben, das Leben und Organisieren im öffentlichen Raum zeigt sich von seiner härteren Seite. Sitzgelegenheiten und Tisch fanden einen neuen Besitzer und das obwohl wir doch noch Pläne dafür gehabt hätten.

Gerade eben fertig aufgebaut und bereit ein kommunikatives „Come Together“ zu werden, bereitet das Wetter dem Ganzen ein jähes Ende. Bei Regen und Sturm ziehen wir von dannen und hinterlassen eine Papierwand voller Fragen, die dem Unwetter wohl nicht sehr lange Stand hält.

Erleben

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Bei zwei Ristretto und einem Menta starten wir unseren Tag mit Peter, einem gebürtigen Wiener der sein Zuhause in Triest gefunden hat. Er betreute als langjähriger Gärtner die „Wüste“ des Melara, erzählte uns seine Geschichte und führt uns durch seine alte Wirkungsstätte. Nachdem uns die Zeit davoneilt, beginnen wir unsere zweite Intervention auf zu bauen und bekommen auch gleich Unterstützung.

Station 2 von 3 bespielt nach dem gestrigen inneren öffentlichen Raum heute den außen Raum zwischen den Stützen des Rozzol Melara.

Erkennenlernen

Nach einem Informativen gestrigen Tag, folgte heute der erste Tag unserer drei Interventionen. Die öffentlichen Räume im Inneren des „Mammuts“, wie das Rozzol Melara auch genannt wird, sind untertags die Aufenthaltsräume der Jugendlichen, die sich vor der brennenden Hitze der strahlenden Sonne verstecken. Die sich überkreuzenden Verbindungsgänge, bilden in der Mitte einen Platz. An diesem Ort positionieren wir unsere erste Station, besetzten einen Ort der von den BewohnerInnen nur als Transitraum genutzt wird. Eine gebogene Wand wird von uns mit Papier und darauf stehenden Fragen verkleidet.

Was siehst du hier? Was ist deine Geschichte an diesem Ort? Was ist dieser Ort für dich? Was willst du hier verändern? Ist es ein Ort? …

MEIN BLOCK !?!

Es Geht nach Triest.
7 Tage. Ein Auto. 2 Passagiere.
Ein Block. Unser Block. Euer Block?
3 Räume. 3 Interventionen. 3 Rückschlüsse.

Im Kontext von Rozzol Melara wollen wir untersuchen wie sich Identität, Konfliktkultur und Öffentlicher Raum beeinflussen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Aneignungsfähigkeit von rohem Raum – einem Möglichkeitsraum.

Stur wirkt er, kalt ist er, für mich unverständlich warum er mich so anzieht.
Wie kann ich ihn Mein machen?

Mein Block !?!