AI GRIJA, SULINA!

Der Verfall geht um. Er färbt Wände, bricht Fenster und stürzt Dächer. Kein Halt wird vor Fabriken, Kirchen, Hotels, Kinos oder Wohnhäusern gemacht. Überall treibt der Verfall sein Unwesen, egal ob Peripherie oder Zentrum. Manchmal weint man den Verlusten hinterher, weil damit ein schöner Teil der Vergangenheit verblasst. In anderen Fällen zeigt man sich gleichgültig oder sogar erleichtert, irgendwann nicht mehr mit den Erinnerungen an schlechte Zeiten konfrontiert zu werden.
Nur selten ist Jemand tapfer genug sich dem Verfall in den Weg zu stellen, um die alten Häuser zu schützen. Wenn es doch Jemand wagt, dann ist die Trägheit dem Verfall sein Verbündeter und hält den Weg zu seinen Opfern frei.
Sulina, wir wünschen dir, dass du aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe dem Verfall in die Schranken weisen kannst, um in Einklang mit der umgebenen Natur zu einer gesunden Stadt  zu werden.

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EIN KLEINES RESÜMEE

Nun sind wir am Ende unserer Forschungsreise angelangt und es wird Zeit ein kleines Resümee zu ziehen. Wenig prägt den Öffentlichen Raum der Kleinstadt so sehr, wie der fortschreitende Verfall der Bausubstanz. Unsere sechs (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind die prominenten Beispiele dieser Entwicklung. Sie sind nicht nur versteckt in heruntergekommenen Vierteln in der Peripherie zu finden, sondern auch im Zentrum, dort wo sich Gemeinden den Besucher*innen und Bewohner*innen von ihrer besten Seite zeigen. Der gebaute Raum hat auf die Menschen, die ihre Vergangenheit kennen, eine starke symbolische Wirkung. Je nachdem, wie sie zu dieser Vergangenheit stehen, sind sie dem Ort positiv oder negativ eingestimmt.

Während unserer zehntägigen Expedition, haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Bevölkerung der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinterher trauert und dem Verfall der Zeitzeugnisse mit Frust mitverfolgt. Im Gegensatz dazu werden die baulichen Überbleibsel der kommunistischen Diktatur trotz ihrer Präsenz kaum thematisiert, sogar regelrecht verdrängt. Ihnen wird jegliche Relevanz und Ästhetik aberkannt. Man wünscht sich, dass der Natur sich diese Räume wieder zurückholt und sie so baldmöglichst aus dem Stadtbild verschwinden. Dabei verleiht die Mischung der Epochen dem Öffentlichen Raum verschiedene Facetten. Auch wenn nicht jeder Ort erhalten blieben kann oder sollte, spiegelt sich in dem Facettenreichtum der gesellschaftliche und politische Wandel einer Stadt und eines Landes wieder. Dieser ist aus unserer Sicht schützens- und sehenswert. Derzeit wirkt es als außenstehende Person so, als schätzen die Gemeindeverantwortlichen unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten als irrelevant ein.

Gelände und Gebäude waren zum Großteil zugänglich, in den meisten davon haben wir Hinweise auf Aneignungsprozesse gefunden. Kritzeleien und aufwendigere Graffitis, Feuerstellen und zurückgelassener Müll weisen darauf hin, dass sowohl Besucher*innen als auch Bewohner*innen sich in diese Räume zurückziehen. Wir wissen nicht, ob es die Stille und Ruhe, die damit verbundenen Erinnerungen oder die Möglichkeiten, die diese Orte bieten, die Menschen hierher gelockt haben. Wir machten uns auf eigene Weise unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten zu Eigen und entdeckten dabei ihre Qualitäten. Sie sind lebhaft, versteckt, schön, kontrastreich, bewegend, spirituell und voll von Aussichten auf Sulina.

Falls wir wiederkommen sollten, sind unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten verschwunden, restauriert oder sie verfallen weiter vor sich hin. Keinesfalls aber bleiben sie so, wie sie jetzt sind.

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT IV: SCHIFFSWERFT

SANTIERUL NAVAL

Wir folgen dem hohen Zaun um das abgesperrte Gelände. Zuerst verdeckt uns ein wuchtiger Plattenbau die Sicht, doch je weiter wir gehen, desto freier wird unser Blick. Wir sehen eingestürzte Dächer, verfallene Backsteinbauten und Flutlichtmasten zwischen groß-gewachsenen Bäumen.

Direkt am Ufer liegen viele Schiffe, zwischen ihnen steht ein Mann in Uniform. Wir winken ihm zu und fragen, ob wir das Gelände betreten dürfen. Ohne zu zögern öffnet er uns das Tor und bittet uns lediglich die anliegenden Schiffe nicht zu fotografieren, gleich darauf verschwindet er wieder.

Ein wenig zögerlich gehen wir entlang des Ufers und mustern die Häuser und Hallen, die zu unserer linken Seite stehen. Die Gebäude sind ganz verschieden: Formen, Farben, Materialien und Dimensionierungen unterscheiden sie voneinander. Die Bauwerke in der ersten Reihe stehen in einer Flucht geordnet nebeneinander. Sie verdecken den Blick auf die Gebäude dahinter, die wild platziert sind. Nur ein Zaun trennt das Gelände von den Weiten des Donaudeltas. Auf uns wirkt es so, als ob die Natur nach und nach durch den Zaun tritt und sich das stillgelegte Gelände wieder zurückerobert. Je weiter wir durch das immer höher werdende Gras schreiten, desto mehr Pflanzen ragen aus den Gebäuden und Bäume kratzen an den Fassaden. Wir hören einen Kuckuck und Wasser, das am Rand des Ufers plätschert, nur selten wird die Stille vom fernen Baustellenlärm durchbrochen.

Wir streifen zwischen den Bauwerken umher, spähen durch offene Fenster und setzen erste Schritte in das alte Verwaltungsgebäude, dessen weiße, hölzerne Flügeltür offen steht. Es ist ein filigranes Gebäude, umgeben von einem hellblauen Zaun. Aus der Mitte des Daches ragt ein Türmchen mit einem kleinen runden Loch, über dem in metallenen Buchstaben „santierul naval“ („die Werft“) geschrieben steht. Im Inneren liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden, sogar ehemaliges Inventar steht noch an Ort und Stelle.

Hinter dem Verwaltungsgebäude, abseits vom Wasser, bemerken wir eine eingeschossige Halle, auf der das Schild „Cantina Autoservire“, auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Halle ist komplett ausgeräumt, nur die weißen Fliesen an der Wand sind noch übrig geblieben.

Das Gelände endet mit der größten Halle. Durch ein fast quadratisches, rotes Metalltor betreten wir das Innere des Betonbaus. Tauben sitzen auf schweren, mal gelben, mal orangenen Laufkränen an der Decke. Wir stolpern hin und wieder über einen Schutzhelm.

So klingt es in der Schiffswerft:

DAS SCHALLEN DER HÄMMER

Zur Zeit als die Europäische Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, wurden die ersten Werkstätten und Hallen der Schiffswerft erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte man das Gelände östlich um neue Häuser und Werfthallen. In der großen Werkhalle am Rande der Werft wurden Motoren und zum Teil auch mittelgroße Schiffe repariert.

„Als ich mit 10 Jahren als Pfadfinder nach Sulina gekommen bin, habe ich am Morgen immer die Hammerschläge der Arbeiter gehört- gegen Mittag war es dagegen sehr still. “, erzählt uns Valentin.

Während der Ceausescu-Diktatur wurden weitere 250 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens nach Sulina gelotst, da die lokalen Arbeitskräfte nicht ausreichten. Aus dieser Zeit stammt auch ein massiver, fünfstöckiger Plattenbau, der direkt am Eingang der Schiffswerft die Arbeiter und ihre Familien unterbringen sollte.

„Ich habe ein Jahr lang in der Werft als Topograph gearbeitet und bin oft durch die Tür des Verwaltungsgebäudes gegangen. Auf dem kleinen Turm war einmal, da wo jetzt ein rundes Loch ist, eine Uhr mit einer Glocke, um Anfang und Ende der Schichten einzuläuten. Auch wenn ich nie wie die Arbeiter in den Werkhallen tätig war, wirkte für mich dieser Knochenjob sehr trist und grau.“, erfuhren wir von Liviu.

Die Schiffswerft steht heute großteils ungenutzt am nördlichen Ufer, nur einzelne Gebäude sollen zu Lagerzwecken verwendet werden und Schiffe der Grenzpolizei liegen am Steg der Werft. Die Leute reden davon, die Firma Bosch habe einen Teil des Geländes gekauft, wirklich wissen tut es jedoch keiner, geschweige denn was mit der alten Werft passieren soll.

AUSSTELLUNGSSTÜCKE VERGANGENER ZEITEN

Das Einzigartige an der verlassenen Schiffswerft ist die Überlagerung der Ebenen, die nicht nur diesen Ort, sondern ganz Sulina prägt. Die baulichen Reste der Europäischen Donaukommission und die, die aus der Diktatur stammen, koexistieren am linken Ufer des Sulina-Kanals und sind dabei im Bild der Stadt sehr präsent. Es sind zwei Epochen, die aufeinanderprallen und dabei ganz unterschiedliche Emotionen in den Bewohner*innen hervorrufen. Die „Goldene Zeit“, auf die nostalgisch und wehmütig zurückgeblickt wird und die einer gescheiterten Utopie, die sich in Frust und Abneigung niederschlägt. Die gegensätzlichen Paradigmen dieser Epochen spiegeln sich auch in deren Architektur wieder. Während am westlichen Teil des Werftgeländes der Anspruch auf Ästhetik und Repräsentativität mitklingt, hat sich im westlichen Teil Pragmatik und Funktionalität baulich manifestiert.

Wie der lange Gang eines Museums verläuft die Strada I mit ihren Trauerweiden entlang der Siedlung am südlichen Ufer. Auf der anderen Seite ist die Sicht auf die aneinandergereihten Ausstellungsstücke der Stadtgeschichte freigelegt, denn kein Baum und kein Schild verdeckt die Häuser und Hallen der Werft. Etwa 150 Meter trennen die Schiffswerft von den Gastgärten auf der gegenüberliegenden Seite. Usain Bolt hält mit 14,35 Sekunden den Weltrekord für diese Strecke. Die Werft ist so nah, dass die Gebäudestruktur erkennbar bleibt und so fern, dass der Verfall nur zur Randnotiz wird.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT II: HOTEL CAMBERI

SONNTAGSSTIMMUNG

Es ist Sonntag. Menschen schlendern entlang der Promenade. Sie sind herausgeputzt, lachen, tratschen und genießen das schöne Wetter. Boote kommen an und ziehen ab. Es herrscht Trubel in der Stada I. Inmitten dieser Szene steht ein altes Hotel, mit den drei Stockwerken kaum höher als die umliegenden Gebäude. Trotzdem tanzt es aus der Reihe. Nichts steht der Sicht auf das Gebäude im Weg, denn der Platz daneben ist frei.  So wirkt das alte Hotel höher und eindrucksvoller als es eigentlich ist. Dabei sind die Fassaden schlicht. Die Formen der Gebäudefront sind symmetrisch angeordnet, aufwendige Verzierungen sucht man aber vergeblich. Lediglich auf den rostigen Balkongeländern winden sich noch eiserne Ranken, im Zentrum ein Stern mit fünf Zacken. Die Türen sind mit schweren Ketten und Schlössern verriegelt, die Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wir streifen entlang der Mauern und finden eine Lücke, die groß genug ist, um in einem unbeobachteten Moment flink in das Hotel zu klettern. Im Inneren bröckelt der Putz schichtenweise von der Wand und verrät uns in welchen satten Farben die Räume und Zimmer einst gestrichen waren. Die unregelmäßigen Fliesen sind wie in einem Mosaik angeordnet, das sich weiter bis in den Platz neben dem Hotel fortsetzt. Oben stützen starke Holzbalken das Gebäude. Zwischen ihnen dringt Licht durch die löchrige Decke ein. In dem Raum, der zur Stada I orientiert ist, sind die Geräusche von außen sehr präsent. Das Geklacker von Stöckelschuhen, das Plätschern des Wassers und Stimmen aus den umliegenden Gastgärten füllen den so morbiden Raum mit Leben.

Im oberen Geschoss gelangt viel mehr Licht hinein, das alte Hotel wirkt freundlicher. Nur den Riss an der Wand, der das Gebäude beinahe in zwei Hälften teilt, nehmen wir als bedrohlich wahr.

Über einen Mittelgang gelangt man in zehn fast identische Zimmer. Jedes ist mit einem Graffiti versehen. Am Ende des Ganges befindet sich der langgestreckte Balkon, an dem man über der Strada I thront. Neben den Holzböden sind vor allem die Wände brüchig. Dort wo der Putz schon abgetragen ist, schauen Schilfrohre und Holzpaneele hervor. Ein kurzer Gang kreuzt den Mittelgang des ersten Obergeschosses. An einem Ende befindet sich die Steintreppe, die im Erdgeschoss beginnt. Am anderen Ende führt eine schmale, rote Holztreppe im Halbkreis ins zweite Obergeschoss.

So klingt es im Hotel Camberi:

 

EIN HOTEL FÜR DIE TOTEN

Wir trafen Liviu, den Fotografen des Ortes, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janine, die im vergangen Jahr von der Schweiz nach Sulina gezogen ist, in ihrem verwachsenen Garten. Liviu und Valentin erzählten uns die ungewöhnliche Geschichte des Hotel Camberi und warum es auch heute noch so viele positive Erinnerungen in der Bevölkerung hervorruft.

Das Hotel Camberi wurde Anfang des letzten Jahrhunderts von einem griechischen Kaufmann im Stil des Klassizismus erbaut. Es war ein besonderer Treffpunkt für die Bevölkerung, Besucher*innen und Offiziere der Garnison. Ein nobler Ort zu dem man sonntags spazierte, um in der Konfiserie ein Eis oder an der Bar einen Drink zu bestellen.

Es war das einzige Gebäude mit drei Geschossen in der Stadt und bot von seinen verzierten Balkonen einen einzigartigen Blick auf den Sulina-Kanal und das gegenüberliegende Ufer. Auch nach dem Krieg hatte das Hotel noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg leichte bauliche Veränderungen statt. Das Dach wurde angepasst, die Ornamente entfernt und der hinteren Teil das Hotel um vier Zimmer erweitert. Auch der Name änderte sich zu Hotel Farul („Leuchtturm“). Womöglich bekam es diesen Namen, weil es nahe dem alten Leuchtturm liegt oder aufgrund des besonderen Ausblicks, welchen man ansonsten nur vom Leuchtturm hatte.

„Heute erzählt man sich noch, dass die Toten, die vom Friedhof in die Stadt kommen im Hotel Camberi übernachten und sich hier, im wohl exklusivsten Hotel der Stadt, ein Zimmer nehmen“

– erzählt Valentin mit einem Grinsen.

Vielleicht ist es der Fluch der Geister, die die Renovierung des Hotels verhindern. Obwohl außenstehende Interessenten an die Stadt herantreten, verfällt das Gebäude allmählich. Vor einigen Jahren kaufte ein amerikanischer Investor das Hotel mit der Absicht es zu renovieren und in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Jedoch gab es ein Problem: Der Investor war nicht der Eigentümer des Grundstücks. Es kam es zu einem 10-jährigen Rechtsstreit, da die Umbauarbeiten an dem Hotel nicht begonnen werden konnten. Aus diesem Grund steht das historische Gebäude noch heute unverändert an der Promenade und fällt langsam in sich zusammen.

Liviu, Janine, Valentin sowie viele andere Bewohner*innen wünschen sich das alte Hotel Camberi zurück. Es soll wieder zu einem Ort werden, an dem man sich zum Sonntagskaffee verabredet oder mit seinen Kindern auf ein Eis geht. Für sie steht es sinnbildlich für die goldene Zeit, in der Sulina Europa in Miniatur darstellte.

 

DER CHARME DER ALTEN GEMÄUER

Das Besondere an dem Hotel Camberi sind die zentrale Lage und die Bedeutung des Ortes. Im Gegensatz zu der Fischkonservenfabrik war es nicht ein Ort der Arbeit, sondern ein Ort, den man in seiner Freizeit aufsuchte, um sich Luxus zu gönnen. Dort, wo Sulina sich den Bewohner*innen und Tourist*innen von der schönsten Seite zeigt, liegt das Denkmal vergangener Zeiten. Es hat vieles miterlebt, von der „Goldenen Zeit“ während die Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, bis zu der Periode als Kommunismus die zentrale Ideologie darstellte. Heute spiegelt sich im alten Hotel vor allem der Bedeutungsverlust der Stadt im Donaudelta wieder. Trotz des weiten Stadiums, den der Verfall schon angenommen hat, ist es von Außen und Innen noch klar als Hotel erkennbar. Die Gebäudefront hat den Anspruch auf Repräsentativität und Ästhetik, der Grundriss ist gespickt von aneinandergereihten Zimmern, die über lange Gänge erschlossen werden. Es steckt immer noch ein wenig Hotel in den alten Gemäuern.

 

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT I: FISCHKONSERVENFABRIK

EIN STREIFZUG 

Schon aus der Ferne sehen wir die alte Fischkonservenfabrik. Wie ein Fels ragt sie zwischen den niedrigen Häusern hervor. Einst war das Areal von einem hohen Zaun umgeben, heute ist dieser löchrig und zum Teil schon ganz abgetragen. Obwohl, wir ohne jegliche Mühe das Areal betreten können, fühlt es sich an, als ob wir etwas Verbotenes tun. Heute sind wir die Einzigen am Gelände und verschaffen uns schleichend einen Überblick.

Das Areal ist verwildert, besonders die Rückseite zu Strada III ist von Müll übersät. Die Vorderseite, die sich zum Wasser orientiert, wirkt hingegen fast schon ordentlich. Der Platz ist ganz eben, frei von Müll und Schutt. Zwischen den Fugen der grauen Betonplatten wachsen hohe Gräser, die ein regelmäßiges, grünes Muster bilden.

Die Tore der Fischkonservenfabrik stehen offen und wir treten vorsichtig ein. Sowohl Innen als auch Außen zieht sich die Symmetrie der baulichen Überreste über das gesamte Areal. Wir streifen durch das Gebäude und entdecken riesige, leere Hallen mit hohen großen Fenstern. Die Sonne scheint durch die Blätter der Bäume und legt einen leichten grünen Schimmer über die helltürkisen Wände. Hier und da schauen Backsteine unter dem Putz hervor. In der Halle ist es still, so still, dass die eigenen Geräusche einem plötzlich viel lauter vorkommen. Außer dem Zwitschern der Vögeln dringt kein Geräusch von Außen in die große Halle. Wir sprechen nur wenig miteinander, zu beschäftig sind wir herauszufinden, wofür dieser Raum damals genutzt wurde. Man hört nur das Knirschen des Schutt unter den Sohlen und gelegentlich das Klappern leerer, verrosteter Konservendosen.

Neugierig schlüpfen wird durch eine unscheinbare Tür im Untergeschoss und gelangen in einen Raum, der nur ganz oben wenige, kleine Fenster besitzt und in einem satten Blau gestrichen ist. Mitten im Raum liegt ein blaues Floß aus Plastik. Hier ist es plötzlich viel kühler als in den Räumen zuvor und der Geruch verrät uns, dass das einmal das Fischbecken der Konservenfabrik war.

Wir entdecken weitere große Hallen und kleinere Räume. Alle sind in diesen zarten Grün-, Orange-, oder Rosatönen gestrichen. Die Überreste von Tapeten, Fliesen und gemusterten Glasfronten lassen erahnen, wie diese Räume einmal ausgesehen haben. Machmal versuchen sich Pflanzen von Außen einen Weg ins Gebäude zu verschaffen und ragen durch die glaslosen Fenster hinein. Hier und da wächst ein Strauch in der kleinen Ritze zwischen Boden und Wand. Die Fenster geben den Ausschnitt vor. Hin und wieder dringt ein Boot in das Bild und verändert das sonst so starre Motiv. 

Egal welchen Raum wir betreten, wir wissen, jemand war schon vor uns hier. Wir finden Feuerstellen, Zementmischer, Graffitis, leere Glasflaschen und angebrannte Bücher. Dieser Ort bietet jenen einen Unterschlupf, die nach Abgeschiedenheit und einem kleinen Abenteuer suchen. 

So klingt es in der Fischkonservenfabrik:

ERZÄHLUNGEN EINES BEWOHNERS

Im letzten Jahrhundert erfüllte die Fischkonservenfabrik vor allem wirtschaftlich eine zentrale Funktion für die Bevölkerung Sulinas. Unter Ceausescu und der damals vom Staat angeleiteten Planwirtschaft wurde jedem Industriezweig ein bestimmter Standort zugewiesen. So wurde Sulina zum Zentrum der Fischkonservenproduktion. 

Valentin, ein Lehrer der Schule von Sulina, erzählte uns während eines Stadtspaziergangs von den Hintergründen der Fischkonservenfabrik.

Zur Zeit des Kommunismus wurden hier jährlich bis zu 20.000 Tonnen Fisch konserviert und exportiert. Der Betrieb diente, trotz der harten Arbeitsbedingungen, einem großen Teil der Bevölkerung als Arbeitgeber. Der Wechsel zwischen warm und kalt strapazierte den Körper und erschwerte die Arbeit in der Fabrik enorm, so konnten die Schichten zum Entladen des Schiffes nur zwei Stunden dauern. Zur Stimulation des Körpers wurden kalte Räume in roter und heiße Räume mit blauer Farbe angestrichen. Auch heute sind die verblassten Farben noch an den bröckelnden Wänden der Fabrik erkennbar.

„In Rumänien gibt es einen Witz: Wer nicht in der Schule aufpasst, muss später einmal die Fische säubern. In Sulina würden wir das gerne wieder machen, aber es gibt keinen Fisch mehr.“

Die Fischkonservenfabrik diente ihren Angestellten in jeglicher Sicht als Lebensgrundlage. Zum Teil sollen sie sich heimlich Fisch, Salz, Öl und weitere Zutaten für den privaten Gebrauch mit nach Hause genommen haben. Trotz des gesicherten Arbeitsplatzes war der Job in der Fischkonservenfabrik kein angesehener. Es wurde gescherzt, dass, wenn man nicht lernt, man die Fische in der Konservenfabrik säubern muss.

Mit der Revolution im Jahr 1989 endete auch diese Ära und zwang die Fischkonservenfabrik in die Knie. Der technologische Fortschritt führte dazu, dass Fischkonservenfabriken nicht mehr benötigt wurden. Heutzutage wird der Fisch auf dem Schiff gesäubert und die Überreste direkt zurück ins Meer geworfen. Dadurch wird Platz, Zeit und Abfall eingespart.

FORM FOLLOWS DECAY

Wenn man die alte Fischkonservenfabrik betrachtet und dabei ihren Verfall ausblendet, dann erkennt man von Innen und Außen die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit der Architektur. Die Formen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Es sind eckige und kantige Formen, die sich lediglich in ihren Proportionen unterscheiden. Der Verfall durchbricht diese Ordnung. Die Oberflächen haben Flecken, klare Kanten bröckeln ab, Pflanzen wachsen willkürlich. Form follows Decay.

Die großen Fenster durchfluten die Hallen mit Licht, in dunklen Fluren sind die Löcher in der Decke und den Wänden die einzigen Lichtquellen. Zugänge und Verbindungen der Gebäudeteile sind nicht absehbar, was zu einer aufregenden Orientierungslosigkeit führt. Besonders in den oberen Etagen wird man daher mit unerwarteten Perspektiven überrascht: auf Prospect, dem Sulina-Kanal und auf die Gärten, die die Fabrik umgeben. Von unten aus betrachtet wirkt die alte Fabrik neben den benachbarten Gebäuden gigantisch. Als Landmark sticht sie mit ihren rohen und markanten Formen hervor und ihre verblassten, rostigen und gefleckten Muster verschmelzen mit den Farben der Landschaft.

Die Ästhetik der alten Fischkonservenfabrik setzt sich in unseren Augen aus dem Charakter der Architektur und dessen natürlichem Verfall zusammen.

Neben dem ästhetischen Wert ist diese (Nicht)Sehenswürdigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Identität Sulinas. Ein Ort der Nostalgie, der an wirtschaftlich-prosperierendere Zeiten und an viele gemeinsam verbrachte Stunden erinnert.

Was heute mit der Fischkonservenfabrik passiert, weiß niemand so wirklich. Manche munkeln ein Investor habe das Gelände aufgekauft, um darin ein Textilunternehmen zu betreiben. Andere behaupten es gehöre dem Besitzer des benachbarten Hotels „Delta Palace“, der eigene Pläne mit dem Gelände verfolgt.

weitere Bilder sind im Blogpost: Tour de Sulina I zu finden

ES IST, WIE ES IST

In Rumänien gibt es die Redewendung „Asta e“ – „Es ist, wie es ist“. Uns scheint, dass das dein Lebensmotto ist. Oft erscheinst du uns zu träge, um selbst Etwas aufzubauen und im selben Moment bist du zu stolz, um helfende Hände anzunehmen. Du bist eingefahren, hältst an Altem fest, ohne Neuem eine Chance zu geben. Bei dir fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt, weil du nicht mit der Zeit mitgehst. 

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Ausschnitt aus dem Film “Asta e” (Minute 17:48) von Thomas Ciulei, 2001 
GESELLSCHAFT 

Während der Gespräche, die wir hier mit den Bewohner*innen führten, wurde es uns ermöglicht einen Einblick in das Zusammenleben zu erhalten. Die Gemeinschaft ist in sich gekehrt, doch untereinander gut vernetzt. Man grüßt sich auf der Straße, plaudert und hilft einander. Dennoch bleibt man gerne unter sich, für Neuankömmlinge ist es eine Herausforderung Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. Anonym zu bleiben, ist aber auch unmöglich.

Die ältere Dame, die sich um das Museum kümmert, lebt schon ihr ganzes Leben in Sulina und kennt das Innenleben der Gemeinschaft. Ihrer Meinung nach erfolgt die soziale Abgrenzung nicht nur gegenüber Tourist*innen, sondern auch unter den Bewohner*innen. So gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebte oder deren Eltern diese Zeit miterlebt haben. Sie sind gegenüber Zugezogenen offen, kennen und schätzen dabei die Multiethnizität. Die zweite Gruppe setzt sich aus den Personen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sulina gezogenen sind. Unter Ceausescu wurden hier Arbeitsplätze geschaffen die vor allem von Rumän*innen besetzt werden sollten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase festigten sie ihre Stellung in der Gemeinschaft und treten seitdem Neuankömmlingen gegenüber skeptisch auf. Vor allem die in den letzten 10-20 Jahren Zugezogenen bekamen ihre Skepsis zu spüren und fühlen sich noch heute nicht ganz in die Gemeinschaft integriert.

Die Kirche spielt im gesellschaftlichen Leben Sulinas eine zentrale Rolle. Religion und Tradition sind eng miteinander verbunden. Jung und Alt fühlt sich den Traditionen verpflichtet und trägt sie weiter. Die traditionelle Rolle der Frau entspricht hier nicht dem modernen Frauenbild. Wir beobachten, dass in Lokalen und im öffentlichen Raum zu einem großen Teil die Männer beisammensitzen. Währenddessen tragen ihre Frauen die Einkäufe nach Hause, kümmern sich um Haushalt, Garten und Kinder.

POLITIK 

In Sulina lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit erkennen. Der Verdacht, dass Politiker*innen in korrupte Machenschaften verwickelt sind, besteht auch heute noch. Dieses Misstrauen zieht sich von der lokalen bis zur nationalen Ebene durch. Auf der regionalen Ebene macht sich das in einer von Bewohner*innen empfundenen Rivalität zwischen Sulina und der Kreishauptstadt Tulcea bemerkbar. Sie beschrieben uns die Einflussnahme Tulceas in das lokale Geschehen als bewusste Störung der Entwicklung. Oft hieß es, dass Tulcea sich mal wieder querstelle.

Nur auf europäischer Ebene zeigt man sich enthusiastischer. Seit dem Beitritt im Jahr 2007 ist die EU in den Köpfen der Rumän*innen sehr präsent. In Sulina ist die EU-Flagge überall zu sehen. Über den Eingängen öffentlicher Gebäude oder auf Schildern, die auf vergangene bzw. kommende Projekte hinweisen. Unser Eindruck ist, dass die EU den hier lebenden Menschen Hoffnung auf eine schönere Zukunft ihrer Stadt verleiht. Andererseits greift sie mit ihren Richtlinien regulierend in unterschiedliche Lebensbereiche ein. Egal ob man der EU gegenüber positiv oder negativ eingestimmt ist: es ist nicht gleichgültig, man hat eine Meinung. Vielleicht können Ausgang und Wahlbeteiligung der heutigen EU-Wahl diesen Eindruck bestärken. 

Es scheint uns als sei die Umsetzung von Projekten hier kompliziert. Unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind der Beweis. Bei vielen von ihnen traten private Unternehmer*innen von Außen mit ihren Plänen an die Gemeinde heran um die Gebäude zu sanieren und die verlassenen Orte wieder aufleben zu lassen. Die Verwaltung und Politik unterstützte in vielen Fällen die Projekte weder mit finanziellen Mitteln noch in der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen. Anstatt neue Projekte zu initiieren, nimmt die Gemeinde eine passive Stellung ein. Wenn etwas dann doch in die Wege geleitet wird, dann stellt wieder einmal die isolierte Lage der Kleinstadt und der damit einhergehende Mangel an Arbeitskräften eine Hürde dar.

Wir fragten uns woher diese Passivität kommt. In den letzten Tagen haben wir die Mentalität der Menschen dieser Stadt miterlebt, ihren Stolz, der es ihnen manchmal verwehrt fremde Hilfe anzunehmen. Sulina pocht auf ihre Autonomie, will die gute, alte Zeit wieder aufleben lassen und zwar aus eigener Kraft heraus. Vielleicht ist das die Erklärung.

ARMUT 

Ein Teil der Bevölkerung lebt in armutsgefährdeten Verhältnissen und vor allem von der finanziellen Unterstützung von Verwandten und all dem was Garten und Vieh hergibt. Besonders an den Rändern Sulinas sind diese Zustände zu erkennen. Die Siedlungen am Rand wirken informell, weil vieles willkürlich platziert und Materialien einfach zweckentfremdet als Baustoff verwendet werden. Wir haben Schiffsteile gesehen, die zu Gartentoren umfunktioniert wurden, alte Textilien dienen heute als Sichtschutz und der Abfall, der gar keine Verwendung findet, landet in der Natur.

Viele der Menschen wollen und können trotz ihrer Situation ihre Heimat nicht aufgeben und hoffen auf bessere Aussichten für ihre Kinder. Die jungen Menschen zieht es nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung in die größeren Städte der Region, um weitere Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Der rumänische Regisseur Thomas Ciulei thematisiert in seinem Film „Asta e“ (2001) die Armut der im Donaudelta lebenden Bevölkerung. Die Familien, deren Leben der Film porträtiert, stehen dabei sinnbildlich für die Krisen des postkommunistischen Rumäniens.

VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

TOUR DE SULINA II

An unserem zweiten Tag lernten wir dein anderes Gesicht kennen. Wir überquerten den Fluss, um das zu erforschen, was eigentlich direkt vor unserer Nase war. Erneut wurden wir von deiner Vielschichtigkeit überrascht. Wir haben verwilderte, private, idyllische und zerstörte Orte entdeckt. Diese Orte in der Peripherie der Peripherie sind ein wichtiger Teil deiner Geschichte und lassen uns in deine Vergangenheiten eintauchen. Für uns sind deine geschichtsträchtigen Orte, die sich nach und nach die Natur zurückerobert, jene (Nicht)Sehenswürdigkeiten, welchen wir auf die Spur gehen.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina II verfolgen

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An das linke Ufer des Sulina-Kanals gelangen wir mit einem kleinen, blauen Boot. Zwei ältere Personen steigen mit uns ein, um das südliche Ufer zu verlassen. Angekommen in Prospect weisen sie freundlich unsere helfenden Hände ab, steigen schwerfällig aus dem Boot und unsere Wege trennen sich.

Wir folgen einem schmalen Weg zwischen den Häusern und haben schon wenige Augenblicke später das Ende der Siedlung erreicht. An einem kleinen Kanal wandern wir einen leicht erhöhten Feldweg entlang in Richtung Westen. Die Boote am Ufer verschmelzen nahezu mit der Landschaft. Das hohe Schilf weht im Wind, nur selten hört man Kröten oder Insekten im Gebüsch. Prospect wirkt noch ruhiger, privater und ländlicher als die hinteren Straßen der südlichen Seite Sulinas.

Die stillen Gewässer grenzen Landschaft und Siedlung klar ab. Am Ende des Weges führt eine von Rost überdeckte, wackelige Brücke über einen weiteren Kanal. Wir folgen den Trampelpfaden unserer Vorgänger und befinden uns inmitten einer prärieähnlichen Landschaft. Das Gras wächst nicht hoch und nur die scheinbar willkürlich platzierten Betonklötze stellen echte Erhebungen dar. Eine ideale Kulisse für einen Alien-Film. Das Grau der Mauern ist im Laufe der Jahrzehnte vergilbt und von Flecken bedeckt. Die Rinder, die die Überreste der Industrieanlage heute bewohnen, haben sich farblich an ihre Behausungen angepasst. Neben den Tieren haben sich auch Menschen diesen Ort zu Eigen gemacht. Graffitis und verbrannte Böden sind das, was sie zurückgelassen haben.

An einer Anlegestelle befindet sich ein altes Schiff im Sulina-Kanal, >Print Constantin< steht in blauer Farbe auf der Außenwand. Das Innere des Schiffs wurde schamlos ausgeräumt und alles Verwertbare herausgerissen. Nur noch wenige Überbleibsel bedecken den blau-lackierten Boden.

Der Trampelpfad führt weiter zu einer schmalen Siedlung. Die Fläche zwischen den Zäunen der Grundstücke und dem Sulina-Kanal ist verwildert, das Gras wird nur durch die Radspuren der Autos unterbrochen, die sich selten in die Siedlung verirren.

Der Weg wirkt mehr wie eine Verlängerung des Vorgartens, als wie ein öffentlicher Raum. Männer lackieren dort ihre Booten und flechten Fischernetze. Je weiter wir dem Weg flusseinwärts folgen, desto größer werden die Abstände zwischen den Häusern.

Wir kehren um. An dem Mini-Markt der Siedlung vorbei führt eine zweite Brücke in den östlichen Teil von Prospect. Ein paar Häuser grenzen an das abgesperrte Gelände der Schiffswerft. Hier und da sehen wir ein eingestürztes Schilfdach. Schilder deuten darauf hin, dass das Betreten des Areals verboten ist, doch ein Grenzpolizist öffnet uns achselzuckend die Tore und wir betreten die Industriebrache.

Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes liegt die gesamte Werftanlage still, heute sind wir die Einzigen, die durch das großflächige Areal streifen. Wir wandern von Gebäude zu Gebäude und spähen durch zerbrochene Fenster. Die Böden sind mit Überbleibseln früherer Zeiten, Müll und Schutt bedeckt.

Die Tür des alten Verwaltungsgebäudes steht offen. Dahinter liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden verteilt. In einem Zimmer verstecken sich sogar sechs kleine Welpen, die sich schnell in ihrer Höhle in der Wand verstecken, als sie uns entdecken.

Wir gehen weiter, schauen durch zerbrochene Fenster, klettern durch blockierte Türen, bis wir das Ende des Areals erreicht haben. Das letzte Gebäude war einmal eine große Werkhalle. Mächtige, rote Tore verleihen dem Betonbau einen modernen Touch. Durch die zerbrochenen Fenster sehen wir Überreste aus vergangen Zeiten. Kräne hängen von der Decke, Helme und Werkzeuge liegen am Boden verstreut. Die Hallen sind gekennzeichnet durch die regelmäßige Anordnung ihrer Bestandteile. Rohre, Pfeiler, Balken sind geordnet und bilden klaren Strukturen. Die Landschaft umgibt diese alten Hallen. Die verblassten Farben der Gemäuer harmonieren mit den gräulichen Gräsern und Sträuchern.

Neben der Halle mit den roten Toren befinden sich Schienen, die zum Sulina-Kanal führen und darin verschwinden. Vier Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Von oben kann man bis zum Schwarze Meer blicken. Gewaltige Schiffe kämpfen sich flussaufwärts.

Bei unserer Reise zurück in vergangene Zeiten verlieren wir jegliches Zeitgefühl. Am Weg zurück zu unserer Unterkunft werfen wir erneut einen Blick auf das besondere Gelände, dessen Schönheit versteckt ist. Doch wenn man sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, entdeckt man ständig Neues und verliert den Blick in Details.

Denis, Mari und Viki

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

Kombinat – Lost Places in der Industriestadt

Unser heutiger Sonntag war für einen Ausflug reserviert, also hieß es wiederum früh aufstehen und alles Nötige einzupacken, um einen langen Tag im suburbanen Tirana verbringen zu können. Denn heute stand der ehemalige Textilindustrie-Vorort „Kombinat“ auf dem Programm. Hierfür hat uns Mirjana – wir haben sie bereits am Freitag kennengelernt – durch den Stadtteil geführt.

Bevor es jedoch nach Kombinat gehen sollte, trafen wir uns wieder mal auf einen Café um aufgekommene Fragen zu beantworten. Im Laufe der Konversation stellten sich einige interessante Thesen auf, die uns Mirjana auch bestätigen konnte. So fanden wir heraus, dass nach der kommunistischen Herrschaft im Zuge der Kapitalisierung des Landes auch eine osmanische Tradition, nämlich die der Café- und Teerunde im Privaten in den öffentlichen Raum reinterpretiert wurde. Als Dienstleistung in Form von Erdgeschossnutzungen finden sich so heute in Tirana eine bemerkenswerte Zahl an Cafés wieder. Denn nach dem Fall des Kommunismus, in einer Zeit, in der Chaos und wenig Strukturiertheit herrschten, öffneten die Menschen ihre Geschäfte ohne Erlaubnis heimlich und besetzten Räume für ihre Nutzung oder sie verwandelten ihre Häuser in gewerbliche Nutzungen.

Heute bestimmt so in Tirana zumindest im innerstädtischen Bereich, aber auch in den Vororten zumindest auf den Hauptstraßen die gesamte Nutzung im Erdgeschoss den öffentlichen Raum. Diese Beziehung löste sich wohl erst in den vergangenen Jahren etwas, als die Re-Inwertsetzung von öffentlichem Frei- und Grünraum in innerstädtischen Bereich ebenfalls hohen Anklang fand (siehe hierzu vor Allem die Einträge der Tage 2 und 3).

Inzwischen belegen die Cafés mit ihren Sitzmöbeln immer mehr die öffentlichen Plätze und Straßen, sowie Bürgersteige. Dies ist insofern problematisch, als dass es immer noch keine Vorschriften gibt. Doch dies war nur der Input bevor es nun zum eigentlichen Tagesziel ging.

Wir bestiegen den Bus 15, der von Kinostudio nach Kombinat fährt. Die Viertel heißen wirklich so, in ersterem Falle nach einem ehemals dort angesiedelten Filmstudio, das macht Sinn. Für 20 ct ist man dann in rund 15 Minuten in Kombinat. Die Einwohner*innen Tiranas, die das Glück einer zentralen Wohnung haben, sprechen bereits vom „zurück nach Tirana fahren“, wenn sie ins Stadtzentrum wollen. Alles klar, wir sind alle offiziell sehr weit draußen.

Als erstes führt Mirjana uns von der verkehrsinfrastrukturellen durchaus fuß- und radfreundlichen Hauptstraße, die mit unzähligen Cafes, Grills und Bars bespielt ist, in eine Seitenstraße. Dort entdeckten wir zwei doch sehr unterschiedliche, kleine Quartiersplätze. Der eine war lebendig, Kinder spielten Fußball, während die älteren ihnen dabei zusahen. Ein typisches Sonntagsszenario also. Der andere Platz, nur 30 Meter weiter, war komplett leer. Und woran lag das? Am ersten Platz sorgten Bäume, Sitzgelegenheiten und Spielinfrastruktur für eine lebendige Atmosphäre. Also gilt weiterhin eine der Grundregeln der Stadtplanung, dass nämlich erst die nötige Grundlage für eine gewünschte Belebung gegeben wird.

Weiter ging es dann wieder auf die andere Seite des Viertels, das im Großen und Ganzen fußläufig sehr angenehm zu begehen ist. Immer informeller muteten die Häuser, immer holpriger wurden die Straßen, immer argwöhnischer wurden die Blicke, als wir uns dem verlassenen Textilkombinat näherten, nachdem das Viertel auch benannt ist. Mirjana klärte die misstrauischen Bewohner*innen ob unseres Interesses auf und sofort verwandelte sich das Stirnrunzeln in den Gesichtern in ein höfliches Lächeln. So entdeckten wir die ein oder andere sehr inspirative Nachnutzung der teilweise baufälligen Fabrikgebäude, Blumenkästen machten das Grau der Vergangenheit bunter und hier und da belebten kleine Läden die langen Straßen.

Mirjana lotste uns dann durch einen wirklich schmalen Spalt zwischen zwei halbverlassenen Barracken, der nach etwa 20 Metern den Blick auf den düster anmuteten Kühlturm der Fabrik freigab. Die Szenerie öffnete sich bei jedem Schritt durch das hohe Grün der verwilderten Freifläche, die hier und da mit Hinterlassenschaften und Feuerstellen von Raumaneignenden gemustert war. Wir konnten uns nicht zurückhalten, in den betongewordenen Monolith des Kühlturms zu steigen, in dem wir die beeindruckenden Sichten genossen. Lost places in Reinform! Danach gingen wir noch etwas weiter in Richtung des beängstigend schiefen zweiten Schlotes, dessen Vorbau auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Mirjana erzählte uns weiteres Interessantes über das Viertel und die gelegentliche Nutzung des verlassenen Areals durch Partyfeiernde bevor lauter werdendes Gebell uns einen schnellen Rückzug antreten ließ.

An der Busstation angekommen, verließ uns Mirjana wegen einem Termin, jedoch nicht ohne uns vorher noch eine Empfehlung für eines der Grillrestaurants an der Hauptstraße zu geben, in dem wir dann diese beeindruckende Führung Revue passieren ließen. Typischerweise waren die Augen dann wie immer größer als der Magen, weshalb wir nun ersteimal die ausgezeichnete Schlachtplatte und den Fladen verdauen müssen.

Bis morgen und Gute Nacht wünschen Vali, Karina und Joshua

 

 

 

Zurück in Wien – unser Fazit

Heute morgen sind wir drei wieder nach Wien zurückgekehrt. Damit ist der erste Teil unseres Projektes, die Forschungsexpedition nach Belgrad, zur Erforschung des öffentlichen Raumes in Kaludjerica, beendet. Es wartet aber noch viel Arbeit auf uns, wie wir im gestrigen Blogeintrag anklingen ließen. Während der letzen sieben Tage haben wir versucht so viele Eindrücke und Meinungen wie möglich in Kaludjerica zu sammeln. Insgesamt blicken wir sehr positiv auf unsere Forschungsexpedition zurück. Obwohl wir etwas überfordert in Belgrad ankamen, fanden wir sehr schnell Zugang zur Siedlung und deren BewohnerInnen. Wir lernten sehr hilfsbereite und nette Leute kennen, die viel zu unserem Verständnis der Siedlung beitrugen. Mit so viel Offenheit und Interesse hätten wir nicht gerechnet. Überraschenderweise war es viel einfacher als erwartet, Anschluss zu finden, obwohl uns die BewohnerInnen von Kaludjerica anfangs eher skeptisch gegenüberstanden.

Insgesamt besuchten wir die Siedlung fünf mal, wir durchquerten sie mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Bus. Wir schossen zirka 900 Fotos, nahmen fast vier Stunden Audiomaterial bei Gesprächen und Interviews auf. Diese führten wir auf drei verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch und Serbisch. Wir führten Interviews mit den ExpertInnen Prof. Eva Vanista Lazarevic und Vladimir Parezanin, den BewohnerInnen Danijela, Mladen und Sladjana, sowie den Angehörigen der Kirchengemeinde Djordje und Jovan, die sich beide aufgrund ihrer Arbeit sehr gut mit der sozialen Struktur der Siedlung auskennen.

Wir haben nun nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl die Vorgänge und Strukturen in der Siedlung sehr gut zu verstehen. Den öffentlichen Raum in Kaludjerica kann man auf zwei Ebenen betrachten. Einerseits als den klassischen institutionellen öffentlichen Raum, also Plätze, Märkte, die Kirche, den Friedhof, Spielplätze, usw., der zum Großteil in den letzten Jahren geschaffen wurden um die Siedlung aufzuwerten. Andererseits als jenes nachbarschaftliches Zusammenleben, durch das die lange Nicht-Existenz der oben genannten Treffpunkte kompensiert wird. Das gesellschaftliche Leben und die Öffentlichkeit in dieser Siedlung funktioniert wohl noch immer sehr niederschwellig über Nachbarschaftstreffen in privaten Gärten, gemeinsames Essen und Trinken nach der Kirche, am Vorplatz des Supermarktes reden usw., also klassisches dörfliches Gemeinschaftsleben.

In den nächsten Wochen werden wir euch weiterhin über die Aufarbeitung unserer Forschungsergebnisse auf dem Laufenden halten und euch im Herbst unsere Ergebnisse präsentieren. Wir werden dazu einen kleinen Radiobeitrag in der Architektursendung A Palaver auf Radio Orange produzieren und gemeinsam mit den anderen Fieldtrips Teams die Publikation Fieldtrips 3 des Future Labs gestalten.

Also bleibt dran – es geht spannend weiter…

Vielen Dank für euer Interesse und bis bald!!

Hannes, Danijel und Rafael

Der letzte Tag in Kaluđerica

Der letzte Tag unserer Forschungsreise nach Belgrad ist vergangen und verbrachten ihn natürlich wieder in Kaludjerica. Wir versuchten in Kontakt mit den BewohnerInnen der Siedlung zu kommen, um die Forschungsergebnisse, die wir in den letzten Tagen gesammelt haben zu überprüfen und außerdem noch weitere Details herauszufinden. Wir sprachen deswegen mit Schülern in einer Bäckerei über ihre Treffpunkte und mit einer Kellnerin in einem Café über die BewohnerInnen der Siedlung. Die Schüler erzählten uns, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem vor den beiden größeren Grundschulen in Kaludjerica treffen oder in den Gärten ihrer Eltern. Die Kellnerin empfahl uns ein weiteres Mal in ihr Café zu kommen, und zwar früh am Morgen, um mit älteren BewohnerInnen zu reden. Diese Aufgabe müssen wir leider Danijel übertragen, der im Juli wieder nach Belgrad kommen wird. Wir hatten unmittelbar danach aber ohnehin ein Gespräch mit einem älteren Bewohner der Siedlung, nämlich mit Mladen, einem serbokroatischen Einwanderer, den wir am Samstag in der Kirche kennengelernt hatten. Er wohnt schon seit fast 40 Jahren in Kaludjerica und erzählte uns bereitwillig von der Geschichte der Siedlung und den früheren Treffpunkten, beispielsweise von der ehemaligen Kegelbahn am heutigen Schulgelände.

Danach dokumentierten wir eine der größten Bauruinen in der Siedlung, von der wir annehmen, dass sie von Jugendlichen als Treffpunkt genutzt wird und außerdem die Busstationen der Linie 309, die die Verbindung nach Belgrad darstellen und um die sich deshalb auch kleinere Zentren mit Geschäften und Verkaufsständen entwickelt haben.

Obwohl wir heute den letzten Abend in Belgrad verbringen und wir eine intensive Forschungswoche hinter uns haben, ist die Arbeit damit natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Interviews die Danijel auf Serbisch geführt hat müssen übersetzt und unsere Forschungsergebnisse dokumentiert und verarbeitet werden. Außerdem werden wir weiter Informationen zusammentragen. Danijel wird im Juli ein weiteres Mal nach Kaludjerica kommen, um dem Tipp der Kellnerin, mit den älteren BewohnerInnen im Café zu sprechen, nachzukommen. Außerdem werden wir von Wien aus noch ein letztes Interview mit Tiana, einer Architekturstudentin, die in Kaludjerica aufgewachsen ist, führen. Sie hatte leider unser heutiges Interview kurzfristig absagen müssen.

Es ist ein komisches Gefühl morgen nach Wien zurückzukehren. Die Woche in Belgrad war echt spannend, vielfältig und es gab viele Gelegenheiten Rakia zu trinken (vor allem mit den Interviewpartnern…), wir haben viel erlebt und einige neue Erfahrungen gemacht. Während unseres Aufenthaltes gab es Ups and Downs, sowohl was unseren Anspruch an den Erwartungen der Reise, als auch die Dynamiken in der Gruppe betrifft, was aber bei so einer intensiven Reise normal ist.

Unser letzter Tipp ist keine Literatur, sondern die Empfehlung euch die Stadt Belgrad (und vielleicht auch die Siedlung Kaludjerica) selbst anzusehen. Die Stadt ist von Tourismus noch sehr unberührt, wirkt sehr lebendig und nicht angepasst. Wie ihr seht lohnt es sich ihr einen Besuch abzustatten…

Im Labyrinth von Kaluđerica

Auch der sechste Tag unserer Forschungsreise neigt sich dem Ende zu. Damit bleibt uns nur noch ein Tag in Belgrad – am Freitag früh machen wir uns auf den Rückweg nach Wien. In den letzten Tagen haben wir viel erlebt, erforscht und dokumentiert.

Heute stand nach einem kurzen Besuch in der Belgrader Innenstadt die nähere Erforschung Kaludjericas am Plan. Nachdem uns gestern Danijela und Sladjana im Gespräch erzählt haben, dass sie als Kinder oft in Ruinen spielten, und wir bei unserer ersten Ankunft in Kaludjerica ebenfalls Kinder in einer Häuserruine spielen sahen, fanden wir es wichtig diese informellen öffentlichen Freiräume, die sich Kinder aneignen, zu finden und zu kartografieren. Mit einer Karte ausgerüstet durchquerten wir die Siedlung auf der Suche nach diesen Plätzen und wurden fündig! Über die ganze Siedlung verteilt stehen unvollendete Häuser. Laut den Friseurinnen gibt es in Kaludjerica zu wenig Orte für Kinder und diese sind alle im Zentrum der Siedlung. Deswegen spielen die Kinder in den Bauruinen. Da die informelle Bautätigkeit von Seiten der Stadt Belgrad beendet wurde, gibt es heute aber nicht mehr so viele unvollendete Häuser wie früher.

Bei der Durchquerung der Siedlung, fanden wir außerdem ein verstecktes Freibad auf das uns die Friseurinnen hingewiesen haben, außerdem Bienenstöcke (urban beekeeping), einen landwirtschaftlichen Betrieb (urban farming) im Zentrum der Siedlung und die Kanalisation Kaludjericas, den Bach der die Siedlung durchkreuzt. Heute wurde uns die labyrinthische Wegstruktur der Siedlung mehrmals zum Verhängnis. Die zahlreichen Sackgassen und schlechte Kartierung wurden uns erst heute so richtig bewusst.

Der heutige Lesetipp “Informelles Wohnen als Routine? Multiple urbane Transformationen in der Agglomeration Belgrad: Das Beispiel Kaludjerica” von Daniel Göhler, Marija Bamberg, Ivan Ratkaj, und Danica Santic befasst sich mit der Entwicklung informeller Siedlungen im ehemaligen Jugoslawien und im speziellen mit der Entwicklung von Kaludjerica. Wenn euch das Thema Informalität im Bezug auf den Wohnraum interessiert seid ihr mit diesem Text gut aufgehoben.

Do skorog vidienja, s postovanjem / bis bald und liebe Grüße!

Expect the Unexpected

Ein weiterer Forschungstag neigt sich dem Ende zu. Wir sind nun schon vier Tage in Belgrad. Erneut haben wir den Großteil des Tages in Kaludjerica verbracht und unsere Expedition wieder bei der Kirche gestartet. Dort wurden wir erneut sehr freundlich empfangen, diesmal war Priester Jovan zu sprechen, bei Rakia und Kaffee. Anfangs sahen wir das ganze eher als Höflichkeitsgespräch, da wir uns von ihm nicht viel mehr neue Informationen erwarteten, aber nach dem langen Gespräch haben sich sehr viele Fragen geklärt. Er zeigte uns ein Foto vom ehemaligen Fußballstadion in Kaludjerica, auf dem heutigen Kirchengelände. Weiters zeigte er uns auf einer Karte von Kaludjerica den ältesten Teil der Siedlung welcher schon 1850 entstand.

Der Priester weiß sehr viel über das Leben und die Treffpunkte in Kaludjerica. Das öffentliche Leben der Jugend verlagert sich offenbar mehr und mehr in die Innenstadt, während sich die Pensionisten einen eigenen Club als Treffpunkt eingerichtet haben (dessen genaue Position wir noch finden müssen). Das Gemeinschaftsgefühl ist hier nach wie vor die größte Qualität. Großfamilien leben zusammen in bis zu 500m2 großen Häusern, die verschiedenen Generationen verteilen sich auf den einzelnen Geschoßen. Oft werden Nachbarhäuser auch von Familienmitgliedern bewohnt. Diese treffen sich dann in den halbprivaten Vorgärten, die in Serbien im Gegensatz zu Österreich generell eine große Rolle als Treffpunkte spielen.

Wir fanden heute auch das Gemeindeamt der Siedlung, das verwaltungstechnisch zur Gemeinde Grocka gehört. Wir erfuhren von Pater Jovan, dass Kaludjerica offenbar in naher Zukunft eine eigene Dorfgemeinde von Belgrad und damit unabhängig von der bisherigen Verwaltung durch den Vorsteher von Grocka wird. Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Stadt Belgrad an der Aufwertung aber auch der Kontrolle der Siedlung großes Interesse hat.

Außerdem sahen wir die Polizeistation, sowie eine große neu gebaute Grundschule, deren Sportplätze und Freiräume offenbar auch nach der Unterrichtszeit von Kindern als Treffpunkt genutzt werden. Wohl die größte Überraschung, die wir heute in Kaludjerica erleben, ist die Entdeckung einer Außenstelle der Fakultät für Agrikultur der Universität Belgrad an der Grenze zur Nachbargemeinde.

Der heutige Buchtipp Unfinished Modernisations: Between Utopia and Pragmatism“ von Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic beschreibt den Vorgang der Legalisierung Kaludjericas sehr anschaulich anhand von Gesprächen mit BewohnerInnen der Siedlung und passt daher sehr gut zu unseren heutigen Erkenntnissen, da die Siedlung heute weitgehend legal zu sein scheint.

Die Reise ins Ungewisse

Jetzt ist es also soweit, unser Fieldtrip in die „Weiße Stadt“, wie Belgrad auf Serbisch heißt, hat begonnen. Dies ist der erste Versuch, euch an unseren Gedanken und Gefühlen, die wir über die Reise haben, teilhaben zu lassen. Wir werden euch über die nächsten acht Tage täglich mit „frischen“ Blogeinträgen über verschiedenste Erlebnisse, Eindrücke und natürlich unsere Forschung aus Belgrad versorgen, damit Ihr unsere Reise hautnah miterleben, aber vor allem auch nachvollziehen könnt was wir hier erleben.

Warum starten wir unsere Blogserie mit dem Titel „Eine Reise ins Ungewisse“?
Wir fühlen uns etwas wie die Vorhut der anderen Field Trip Teams, immerhin ist dies die erste Forschungsreise der diesjährigen Serie. Die letzten Wochen sind sehr schnell vergangen und wir sind uns nicht sicher was uns genau in Belgrad erwarten wird. Immerhin hat Danijel uns vor dem Abflug noch eine Aufgabe gegeben: „Nehmt drei Flaschen österreichischen Schnaps und zwei Mozartkugeln als Geschenke für die Interviewpartner mit“. Notfalls können wir sie wohl auch zur Bestechung serbischer BeamtInnen verwenden…
Als erste Forschungsgruppe können wir nicht auf die Erfahrungen der anderen Teams zurückgreifen, im Moment fühlt es sich eher so an, als ob wir ihnen umgekehrt zumindest übermitteln können, was man alles falsch machen kann.

Wir sind sehr gespannt was uns während der nächsten Tage erwartet und wie wir in der Siedlung Kaludjerica wahrgenommen und aufgenommen werden – wir sind gespannt ob uns die BewohnerInnen die erhofften Informationen zur Struktur und den öffentlichen Räumen in der Siedlung geben können? Wie werden wir die Siedlung wahrnehmen, die wir in den letzten Monaten intensiv von Wien aus erforscht haben?
Ihr seht – die Reise ins Ungewisse hat begonnen…

Eine kleine Besonderheit führen wir mit diesem Blogeintrag noch ein: Jeden Tag werden wir euch einen Buchtipp geben, über Lektüren, die uns bei der Vorbereitung auf den Field Trip sehr geholfen haben, und die unserer Meinung nach sehr informativ waren.
Der erste Tipp ist die Diplomarbeit von Laura A. Bürgermeister über „Informelle Siedlungen und Schwarzbauten in Belgrad“, erhältlich an der TU Wien Bibliothek. Sie liefert in ihrer Arbeit fundiertes Backgroundwissen über informelle Bauten in Belgrad, besonders die in Kaludjerica, für all diejenigen die sich dafür interessieren.

We will keep you updated!

Kaluđerica – Öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität

Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Blogeintrag zum Thema Informelles Bauen in Belgrad!

Kurz zu unserer Gruppe: Wir sind drei Architekturstudenten – Rafael Essl (24), Danijel Obradovic (25) und Hannes Schachner (24). Da wir alle drei aus der Architektur kommen haben wir bisher noch nicht so viel Erfahrung mit der Untersuchung von öffentlichen Räumen gemacht, wir sind aber motiviert uns dem Thema zu stellen und Euch an unseren Fortschritten und Erkenntnissen teilhaben zu lassen!

Unser Thema: Nachdem wir uns länger mit Belgrad und dessen unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Raumes, welche für uns zu untersuchen wert schienen, beschäftigt haben (Welche es noch gab wird später in einem eigenen Blogeintrag beschrieben, da Belgrad da einiges zu bieten hat), haben wir uns schlussendlich auf das Thema des informellen Bauens am Stadtrand von Belgrad spezialisiert. Wir beschäftigen uns genauer gesagt mit der größten dieser Siedlungen – Kaludjerica im Südosten der Stadt und werden dort den öffentlichen Raum analysieren. Was uns ebenfalls sehr helfen wird ist, dass Danijel direkt aus Belgrad kommt und uns sehr mit seinem Vorwissen hilft und natürlich auch wenn es um das Ansprechen von Partnern vor Ort geht.

Anbei ist das Abstract unseres Forschungsantrages für die Stadt Wien, bei der wir Fördermittel für eine Forschungsreise beantragen werden. Das Abstract gibt einen guten Überblick über die Geschichte Belgrads, wie informelle Siedlungen am Stadtrand entstehen konnten und was unsere Motivation dahinter ist. Viel Spaß beim Lesen!

“Belgrad, zu Deutsch die “weiße Stadt” und heutige Hauptstadt Serbiens ist gezeichnet von einer über 2000 Jahre zurückreichenden Geschichte. Die Stadt, gelegen an der Mündung von Save und Donau liegt seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Besetzung der Osmanen und der Habsburger, sowie der Stellenwert den Belgrad als Hauptstadt des kommunistisch geführten Jugoslawiens einnahm, und zuletzt dessen Zerfall hinterließen tiefe Spuren in der Stadtmorphologie, welche noch heute sichtbar und im Stadtbild omnipräsent sind.

Ein Beispiel dieser prägenden Gebiete stellen informelle Siedlungen am Rande Belgrads dar, insbesondere die größte Siedlung dieser Art, Kaludjerica im Südosten der Stadt.

Entstanden durch die Parzellierung von Ackerland im Kommunismus entwickelte sich die Siedlung in den 1990er Jahren zur größten illegalen Siedlung am Balkan. Der Jugoslawienkrieg und dadurch ausgelöste Flüchtlingsströme gepaart mit einer überforderten Politik und fehlender stadtplanerischer Vorkehrungen führten zu einem rasanten Anstieg illegaler Bauten. Von der Politik weitestgehend ignoriert, konnte sich die serbische Mittelschicht Kaludjerica aneignen. Gerade deswegen ist diese Siedlung mit anderen informellen Siedlungen abseits von Europa nicht vergleichbar.

Der öffentliche Raum ist in Kaludjerica einer der brisantesten Aspekte den es zu erforschen gilt. Auf den ersten Blick ist dieser kaum fassbar, er existiert nur als Verbindung zwischen privaten Grundstücken, oder als Vorplatz vor wenigen öffentlichen Gebäuden. Diese Forschungsreise stellt den Anspruch zu untersuchen, wie sich öffentlicher Raum im Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität zeigt, in welcher Form sich dieser entwickelt hat, und wie dieser verwaltet wird.”

Wir hoffen Ihr konntet Euch einen ersten Überblick über unser Projekt machen – bis bald,

Team Informelles Bauen in Belgrad

Auf der sicheren Seite

Hands on // In Zeiten der Krise

Tag Sechs

Der Tag startet mit einer Verabredung mit Marie, der Praktikantin von SynAthina. Tags Zuvor hat sie angeboten uns mit zu ihrem zweiten „Job“ zu nehmen. Sie engagiert sich auf Freiwilligen-Basis in einem selbstorganisierten Gemeindezentrum namens „Khora“. Es handelt sich um ein von Flüchtlingen verwaltetes Haus, das sich nach und nach zu einem wichtigen Treffpunkt für den gesamten Stadtteil entwickelt hat. Das Haus steht offen für alle. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, die besetzt wurden, haben sich die Beteiligten hier für die Gründung einer NGO entschieden und das Haus gemietet.

Die Einrichtung mit seinen fünf Stockwerken bietet verschiedene Sprachkurse, ein Café mit Mittags- und Abendangeboten, ein Spielraum für Kinder und einen eigenes Stockwerk für Frauen. Es herrscht eine gute, entspannte Stimmung. Kinder rennen herum und schreien, Menschen verschiedener Herkunft sitzen in Gruppen herum und unterhalten sich. Einige stürmen in die Klassenräume, damit sie nicht zu spät kommen. Freiwillige Helfer*innen gibt es so viele, dass niemand unsere Kontaktperson Marie aus Frankreich kennt. Leider haben wir uns verpasst und wir können sie im Trubel nicht finden.

Eine Dame am Empfang erklärt uns, dass die Organisation eine horizontale Hierarchie hat. Nur die Aufgabenbereiche sind verteilt. Jede Woche findet ein offenes Plenum statt.

 

Das Besondere an diesem Kulturzentrum in Exarchia ist die geräumige Werkstatt. Hier werden aus gebrauchten Möbeln, Spenden und Fundstücken neue Einrichtungsgegenstände hergestellt. Genutzt werden sie nicht nur von der Khora Association selbst. Auch viele der Flüchtlingsunterkünfte und besetzten Häuser, aber auch Privatpersonen beziehen hier her ihre Möbel.

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Wir sind uns sofort einig, dass der Ort ein gelungenes Beispiel für ein offenes Kulturzentrum ist. Es bringt die Menschen zusammen, gibt ihnen kostenlosen Input und aktiviert sie selbst Wissen und Können weiterzugeben und etwas daraus zu machen. Es ist eines der Projekte, die wir im Herzen behalten, selbst wenn wir sie nicht in unsere Arbeit über öffentliche Außenräume einbinden wollen.

Im Anschluss besuchen wir wieder einmal den Elephertias Platz an der westlichen Seite des Emborikó Trigono, dem Handels-Dreieck. Hier steht jeden Dienstag und Freitag der Bus der Organisation Praksis, der mit Duschen ausgebaut ist und ein Angebot für Obdachlose und Bedürftige ist. Unsere offizielle Anfragen ein Interview mit den Angestellten des Busses machen zu dürfen blieben trotz vieler Versuchebislang unbeantwortet. Ohne das offizielle OK von oben, wollen uns die Helfer*innen nichts davon erlauben.

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Wir fragen nach weiteren Kontakten, Telefonnummern, rufen an, werden weitergeleitet und an andere Stellen verwiesen. Trotz fehlender Erlaubnis, erzählt uns der ägyptische Übersetzer dann doch einige Eckdaten des Projekts und wir finden heraus, dass sie diesen Ort ausgewählt haben, da die Menschen sowieso schon hier sind. Bislang gibt es keine weiteren Stationen des Duschbuses.

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Am Nachmittag sind wir auf den Spuren der offenen Gemeinschaft Atenistas unterwegs. Sie haben sich durch Interventionen im öffentlichen Raum in den letzten Jahren zum Gegenstand vieler Diskussionen gemacht. Meist handelte es sich dabei um eher kleine Eingriffe, wie das Aufstellen von Bänken, das Anbringen von Designelementen und Farbe in der Stadt. Es geht ihnen darum, in der eigenen Stadt aktiv zu werden, Objekte hinzuzufügen und Orte zu verschönern. Teilweise in Absprache mit der Stadt, teilweise als spontane „Verschönerungsaktion“ ohne Erlaubnis der Stadtverwaltung und der Anwohner*innen polarisierte die Vereinigung mit ihren Projekten immer wieder die Meinungen der Athener*innen. Ein Projekt gelistetes von ihnen ist der „DIY-Pocket-Park“ im Stadtviertel Gazi. Er befindet sich auf einem schmalen Streifen Brachfläche entlang einer dicht befahrenen Straße. Als Intervention wurde hier die Fläche von Müll gesäubert, gelb angestrichene Paletten zu Sitzgelegenheiten zusammengetragen und Plastikbecher in den Zaun gesteckt, sodass er zu einem Schriftzug wird. Der gemeinschaftliche Entstehungsprozess wurde öffentlichkeitswirksam in einem Video dokumentiert

Link zum Video

Bürger*innen der Nachbarschaft wurden nicht eingebunden, wie uns der Automechaniker der Werkstatt am Eck erzählt. Die Fläche ist in einem äußerst schlechten Zustand. Die Plastikbecher sind verschwunden, die Paletten kaputt, entwendet, wahllos über den Bereich verstreut. Es liegt sehr viel Müll herum.

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Mit den Stimmen der Atenistas-Kritik im Ohr, diskutieren wir über den Anspruch der Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit von städtischen Aktionen. Ob es dabei um Aktivierung von Stadtbewohner*innen geht? Geht es nur um die (wenn auch kurzfristige) Beautification des Ortes, bei dem die weitere Entwicklung der Fläche keine Rolle spielt? Oder führen solche Aktionen am Ende sogar zu einer Frustration und Demotivation der Nachbarschaft, wenn ein Ort wie dieser nach einer spontanen ästhetischen Aufwertung innerhalb kürzester Zeit ein derart verwahrlostes Bild abgibt?

Am frühen Abend kehren wir zu dem Café und Skate-Pool Latraac im Stadtviertel Kerameikos zurück.

Einer der Initiatoren und Gründer Zachos Varfis arbeitet heute und steht hinter der Bar. Er hat Architektur in London studiert und im Athen der Krisenzeit zusammen mit einem wechselnden Team von Helfer*innen, Mitarbeiter*innen, Gründer*innen und Investor*innen die Idee eines Skate-Cafés realisiert. Er habe auch darüber nachgedacht, einen öffentlichen Raum zusammen mit der Athener Verwaltung zu schaffen, doch die Unterstützung sei aufgrund seiner wirtschaftlichen Bestrebungen, den Skatepark mit einem Café zu kombinieren, nicht möglich gewesen. Die Variante den Park als private Fläche anzubieten habe ihm einfach viel mehr Freiheiten gelassen.IMG_7206

Auch der Versuch einer Crowdfunding-Finanzierung und Gespräche mit Investoren scheiterten. Seine Ideen seien schon sehr konkret gewesen und die wirtschaftliche Situation in dem „Krisen-Athen“ instabil. Daher entstand die Idee, das Grundstück selbst zu mieten und eine brachliegende Fläche in einem eher unattraktiven Gebiet der Stadt zu einem sozialen Ort zwischen Sport und Treffpunkt zu machen.

Durch ein besonderes modernes CNC-Fräß-Verfahren wurden die Einzelteile der Skatebowls hergestellt. Die Holzrampen und das Mobiliar des Ortes folgen einem schlichten zeitgenössischen Design. Das sei ihm wichtig, erzählt er uns. Immer wieder betont er die Design-Elemente des Parks.

Viele wollten nur Krisen-Geschichten hören, aber er glaube, dass das Projekt auch allein seines Entstehungsverfahrens und der neuartigen Fertigung wegen besonders sei. Die Krise bringe sehr gute Publicity.

Durch die Dokumenta sind viele Künstler*innen bei ihm ein und ausgekehrt. Sie haben hier Projekte verwirklicht. Seit der Eröffnung ist das Café ein Ort für kreativen Austausch, und das ist Teil des Konzeptes.

Der Ort liegt in einem Viertel, das wie er selbst sagt, schon vor einigen Jahren alle Anzeichen eines in naher Zukunft gentrifizierten Bezirks hatte. Ein Investor kaufte große Bereiche auf und veranstaltete ein jährliches Kunst- und Kulturfestival. Ziemlich bald eröffneten hippe urbane Cafés. Doch das führte bislang noch nicht zu einer Veränderung des gesamten Gebiets. Prostitution, Drogenhandel, Armut und Leerstand sind weiterhin fester Bestandteil des Bezirks. Dies sei auch der Grund, warum man den Ort mit hohen Mauern und einer verschließbaren Tür versehen müsse.

Die Öffnungszeiten sind von 12 Uhr Mittag bis etwa 1 Uhr nachts. Konsumieren muss hier keiner. Manchmal finden Parties statt. Dann wird die Bowl zu einer großen Sitzgelegenheit. In Rücksicht auf die Anwohner*innen wurden Skate-Ruhepausen in den frühen Nachmittagsstunden festgelegt, in denen sich viele Athener*innen wegen der Hitze für ein Nickerchen hinlegen.

Die Krise selbst war für Zachos keine Motivation den Skate-Park zu eröffnen. Er wollte sowieso immer mit seinen Händen arbeiten, statt im Büro zu sitzen. Der Park ist ihm und seinem Team gut gelungen und zieht Menschen aus der ganzen Stadt an. Manche zum Trinken und Essen und viele zum Skaten.

Vor dem Gespräch hatten wir eine gewisse Erwartungshaltung. Wir gingen davon aus, dass ökonomisch krisenhafte Zeiten als Blockade wirken. Wir gingen davon aus, dass Aktionen verhindert werden und die Krise in anderen Fällen Menschen aktiviert. Wir dachten auch, die Krise fördere Tatendrang und eröffnet Möglichkeitsräume. Wir dachten, dass in dem Fall von LATRAAC die wirtschaftlich schlechte Lage und die mangelnden Aufträge erst für die Idee der jungen Iniator*innen sorgten, Projekte jenseits ihrer Kernprofessionen voranzutreiben. Unter Umständen hätte die Stadt oder ein Investor/ eine Investorin außerdem mehr Interesse gehabt, das Projekt zu fördern. Während andererseits die Grundstückspreise für einen Ort im Zentrum der Metropole außerhalb dieser Periode wohl kaum erschwinglich gewesen wären. Das Interview verlief dann anders und gab uns andere Einsichten.

Ein Koloss der Zeit

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Heute, eine Woche nach unserem ersten Tag im Rozzol Melara, dokumentieren wir die Veränderungen an unserer letzten Hinterlassenschaft einer Intervention, räumen auf und sammeln noch ein letztes Mal einige kurze Statements von zwei unserer Kontakte ein. Mit geschulterten Ergebnissen, Rohdaten und einer unzähligen Anzahl von Eindrücken machen wir uns auf, es geht zurück nach Wien. Dort sortieren und analysieren wir weiter, was diese öffentlichen Räume in und um einem derartigen, massiven, von Identitäten und Konflikten strotzenden Großwohnbau zu bedeuten haben. Aus einigen Ideen, manchen Antworten, aber vor Allem intensiven Eindrücken werden wir nun ein Booklet formen.

Nach einer intensiven Woche, die unerwartet schnell auch schon wieder vorbei ist, steht dieser Koloss der Zeit mehr oder weniger unverändert da.

Termine über Termine

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Zeigte sich der Block gestern von seiner harten Seite, konnten wir heute erste Informationen und Reste unserer zweiten Intervention aufsammeln. Der Pool war immer noch gefüllt, die Kerzen wurden angezündet und unsere Fragen waren beantwortet. Sie regten sogar eine Konversation über den besetzten Platz an, die sich über die Plakate Ausdruck verschaffte.

Nachdem wir die Erweiterungen unserer Aneignung festhielten und den Raum in seinen Urzustand zurückversetzten, besuchte uns Giulio, ein triestiner Architekt. Mit ihm bewegen wir uns durch den Hof und seine Räume, diskutieren dabei über deren Aufgaben, Potentiale, vor Allem aber über die unterschiedlich wahrgenommenen Identitäten der Orte.

Im Anschluss an ein neuerliches Mittagessen, klärt uns Lorella, die Leiterin der ansässigen Mikroarea über deren Aufgaben Ziele, sowie den offiziellen, strukturellen Aufbau der Organisation auf.

Mit vollem Bauch und etwas Verspätung wandern wir Richtung Stadtzentrum wo wir uns wieder mit Cristina, unserer Ansprechpartnerin bei ATER treffen. Sie versorgt uns mit Kopien, Scans und Informationen von vorangegangenen Forschungen, Zeitungsartikel, alten Bildern und vielem mehr.

Schlussendlich wächst der Koffer mit mehr und mehr Informationen. Bei einem abendlichen caffè Lungo versuchen wir eine grobe Ordnung zu schaffen und uns nochmal auf den morgigen, letzten Tag im „Mammut“ vorzubereiten.

Ladies am Werken

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Nach den aktiven Tagen der Interventionen geht es darum unsere Hinterlassenschaft der ersten Station einzusammeln, die Veränderungen und bestenfalls Anmerkungen und Erweiterungen unserer Aktionen aufzunehmen, einzuschätzen und zu dokumentieren. Angekommen am Ort der ersten Intervention fanden wir nur mehr Relikte vor. Der von uns ausgewählte „Nicht Ort“ war wohl doch bestimmt genutzt, so dass unsere Aneignung klaren Widerstand erzeugte. Bis auf einen traurigen Haufen unserer Zerstörten Infobox war nichts mehr übrig oder vor zu finden.

Diese klare Message war anfangs schwer zu nehmen, allerdings auch eine starke Mitteilung: „Hier geschieht etwas!“ Wir wissen zwar leider nicht was genau diese Aggressionen auslöste, haben jedoch auch dadurch eine Antwort bekommen und können uns immerhin auf ein nettes Nachmittagsprogramm freuen. Denn die interessierten Ladies des „Mammuts“ haben uns eingeladen an ihrem regelmäßigen Näh-/Bastel- und vor Allem Tratschkränzchen teil zu nehmen. Zwei Pinata und 5 Duftkissen später endet für uns dieser Tag.

Die kalte Schulter

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Ein Tag voller Auf und Abs begann mit guten Penne Bolognese in der „Microarea“ des Rozzol Melara, einer gemeinnützigen Organisation zur Mieterbetreuung. Bei dem Essen kommen wir mit Antonio ins Gespräch. Als Zivildiener betreut er einen der vielen Tagesprogrammpunkte und lernt Neuankömmlingen aus fernen Ländern Italienisch. Mit vollem Bauch und vielen interessanten Informationen gefüllt machen wir uns auf, um die dritte und letzte Intervention unserer Expedition aufzubauen.

Schock! Unser Equipment für den letzten Tag muss Beine bekommen haben, das Leben und Organisieren im öffentlichen Raum zeigt sich von seiner härteren Seite. Sitzgelegenheiten und Tisch fanden einen neuen Besitzer und das obwohl wir doch noch Pläne dafür gehabt hätten.

Gerade eben fertig aufgebaut und bereit ein kommunikatives „Come Together“ zu werden, bereitet das Wetter dem Ganzen ein jähes Ende. Bei Regen und Sturm ziehen wir von dannen und hinterlassen eine Papierwand voller Fragen, die dem Unwetter wohl nicht sehr lange Stand hält.

Erleben

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Bei zwei Ristretto und einem Menta starten wir unseren Tag mit Peter, einem gebürtigen Wiener der sein Zuhause in Triest gefunden hat. Er betreute als langjähriger Gärtner die „Wüste“ des Melara, erzählte uns seine Geschichte und führt uns durch seine alte Wirkungsstätte. Nachdem uns die Zeit davoneilt, beginnen wir unsere zweite Intervention auf zu bauen und bekommen auch gleich Unterstützung.

Station 2 von 3 bespielt nach dem gestrigen inneren öffentlichen Raum heute den außen Raum zwischen den Stützen des Rozzol Melara.

Erkennenlernen

Nach einem Informativen gestrigen Tag, folgte heute der erste Tag unserer drei Interventionen. Die öffentlichen Räume im Inneren des „Mammuts“, wie das Rozzol Melara auch genannt wird, sind untertags die Aufenthaltsräume der Jugendlichen, die sich vor der brennenden Hitze der strahlenden Sonne verstecken. Die sich überkreuzenden Verbindungsgänge, bilden in der Mitte einen Platz. An diesem Ort positionieren wir unsere erste Station, besetzten einen Ort der von den BewohnerInnen nur als Transitraum genutzt wird. Eine gebogene Wand wird von uns mit Papier und darauf stehenden Fragen verkleidet.

Was siehst du hier? Was ist deine Geschichte an diesem Ort? Was ist dieser Ort für dich? Was willst du hier verändern? Ist es ein Ort? …

MEIN BLOCK !?!

Es Geht nach Triest.
7 Tage. Ein Auto. 2 Passagiere.
Ein Block. Unser Block. Euer Block?
3 Räume. 3 Interventionen. 3 Rückschlüsse.

Im Kontext von Rozzol Melara wollen wir untersuchen wie sich Identität, Konfliktkultur und Öffentlicher Raum beeinflussen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Aneignungsfähigkeit von rohem Raum – einem Möglichkeitsraum.

Stur wirkt er, kalt ist er, für mich unverständlich warum er mich so anzieht.
Wie kann ich ihn Mein machen?

Mein Block !?!