Saluut Bijlmermeer – Aber kein Abschied für immer! 

An diesem Tag verabschieden wir uns nach elf spannenden Tagen in de Bijlmer. Unsere Reise endet nun zwar physisch vor Ort aber unser Field Trip ist noch lange nicht vorbei. Rückblickend können wir von diesem Aufenthalt vieles mitnehmen und dies nicht nur im raumplanerischen sondern auch im sozial-kommunikativen Aspekt. Es benötigt ein gewisses Feingefühl mit Leuten aus den verschiedensten Gruppen zu sprechen und deren Perspektiven auch zu verstehen. Insbesondere ist uns auch klar geworden, dass das Planungsverständnis selbst im mitteleuropäischen Raum länder- aber auch stadtspezifische Unterschiede aufweist. Eine hohe Lebensqualität zu schaffen und diese auch beizubehalten ist nicht immer von Design und Architektur abhängig sondern in erster Linie von den Personen welche sie auch tendenziell nutzen. In diesen Tagen konnten wir einen umfangreichen Einblick über das Leben, den Alltag und das Geschehen in Bijlmer bekommen und haben so die ersten Grundpfeiler für unser Quartiersportrait gesetzt. Auf die Frage, ob die Bauweise und die Architektur aus den 60er und 70er Jahren einen starken Einfluss auf das Leben in diesem Quartier hat, können wir keine punktuelle Antwort geben. Die Wechselwirkungen zwischen Alt und Neu, zwischen den breiten Straßen aus dem Modernismus und deren Nutzung heutzutage und zwischen BewohnerInnen (welche seit den 70er hier leben und Neuzugezogene), sind zu komplex um sie in nur einem Blogeintrag zu beschreiben. Jedoch genau diese Dynamiken machen das Stadtquartier aus. Vielfältig, aber einzigartig – mit diesen allgemeinen und an sich selbst komplizierten Begriffen, verlassen wir dieses besondere Gebiet.

Obwohl wir einen großen Teil unserer Forschungsfragen beantwortet haben, vertiefen wir in den nächsten zwei Monaten unsere Erkenntnisse mittels zwei weiteren ExpertInneninterviews und weiterer Sekundärrecherchen. An diesem letzten Tag entschieden wir uns in eine Rolle als “Tourist” anstatt als ForscherIn zu tauchen und das Gebiet ein letztes mal durchzugehen. Somit bekamen wir auch eine weitere Erkenntnis – hier kann man alles Erleben. 

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In Bijlmermeer wohnen über 100 Nationalitäten und durch ihre Kultur, Restaurants, Geschäfte und vieles mehr repräsentieren sie ein weiteres “neues Zentrum” der etwas anderen Art in Amsterdam. Hiermit verabschieden wir uns vorerst von euch und treten unseren Rückflug nach Wien wieder an. Wir hoffen ihr konntet unseren Blog mit Spannung verfolgen und seid auf unsere weiteren Ergebnisse gespannt.

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Euer Amsterdam Team

Gabi und Martin

 

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Bijlmer Tag 10 – The Finale Lesson!

Heute war der letzte Tag an dem wir Eindrücke aus dem Gebiet sammeln konnten. Daher haben wir uns entschlossen den gesamten Tag im Gebiet zu verbringen. Um 9.30 Uhr vom Frühstück angefangen, bis hin zum Abendessen um 20 Uhr. Einer unserer Schwerpunkte des heutigen Tages war die Untersuchung von Fußgängerströme zu den Spitzenzeiten, zur sogenannten Rush Hour an einem typischen Werktag. 

Obwohl wir bereits um 9 Uhr im Gebiet waren, beginnt der Tag hier ca. erst nach 11 Uhr. An der Station Ganzenhoef sehen wir Ströme in Richtung der U-Bahn zum Zentrum. Hier steigen um die Uhrzeit eher weniger Personen aus. Eine Zählung haben wir nicht durchgeführt, jedoch sehen wir dass sich auch die Fahrradabstellplätze schnell befüllen. Viele stellen deren Rad auch an Straßenlampen ab. Über dieses Problem – das ungenügende Angebot an Fahrradabstellplätze – werden wir heute zum ersten Mal aufmerksam. Auch ethnisch hat sich unsere ursprüngliche Annahme bestätigt, dass vom Gebiet die Mehrheit aus Personen mit Migrationshintergrund besteht. 

Kurz nach 12 Uhr bewegen wir uns in den geografischen Mittelpunkt unseres Untersuchungsgebiets, um zu sehen, ob Kinder, (zurzeit sind Sommerferien in den Niederlanden), das Angebot von Spiel- und Sportplätze nutzen. Leider finden wir diese wieder leerstehend. Womöglich kann es sein dass es derzeit Sondermaßnahmen aufgrund der Corona-Krise gibt… daher rufen wir kurzerhand beim Stadtamt und fragen nach. Wie wir erfahren stehen  alle Spiel- und Sportplätze ohne besonderen Sicherheitsmaßnahmen zur Nutzung frei. 

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Nach etwa einer Stunde Beobachtung ohne weitere auffallende Ergebnisse, nehmen wir Platz an unseren Lieblingsort, an dem bereits eine kleine Gruppe an Jugendliche verweilen und kommen sofort ins Gespräch. Diese erklären uns, dass sie sich als Kinder lieber zuhause trafen, anstatt draußen zu spielen in den Ferien. Auch das neue Sportzentrum in Bijlmer bietet viele Kurse in den Sommermonaten für Kinder und Jugendliche an. Nach einigen Mental Maps mit den Burschen, bleiben wir vor Ort, um auf weitere Ansprechpersonen zu warten.

Zu den vorhanden face to face Mental Maps haben wir uns auch überlegt eine andere Art der Methodik auszuprobieren und führten diesen Testlauf durch. Wir entschieden uns an einem ausgewählten Ort im Gebiet (welche eine hohe Durchgangsfrequenz vorweisen) einige unserer Mental Maps mit Stiften an Bäume zu heften. Obwohl auch selbst bei der Durchführung einige Zweifel hervor kamen waren wir umso erstaunter als wir nach einiger Zeit wieder an den Ort zurückkamen. Circa die hälfte der Karten waren doch sehr großzügig befüllt. Der Unterschied zu den Face to Face Mental Maps war jedoch, dass die Ausführung der “ProbandInnen” etwas anders ausfiel. Der Grund dafür ist wahrscheinlich unter anderem auch, dass bei den Face-to-Face Maps mehr Inspiration von den bereits durchgeführten Karten “übernommen” wurde. Wir haben uns entschieden zwei schematische Beispiele vorzulegen. Das erste Beispiel zeigt eine gesamte Geschichte über die eigene Bijlmer Story. Die anonyme Person, hat sehr ausführlich sein/ihr – wie im Titel der Karte erwähnt – “Ganzes Leben” beschrieben. Die Person beschreibt dass kein anderer Ort als Bijlmer für sie/ihn zum Wohnen in Frage käme. Der/Die 45-jährige liebt alles in Bijlmer und fühlt sich im Gebiet gut aufgehoben. Die Person lebt nicht nur  in Bijlmer, sondern arbeitet auch hier im Community Center in der Abteilung für Integration von Personen mit Migrationshintergrund. Die Karte war so interessant für uns zu lesen, dass wir uns beschlossen haben zu seinem/ihren Arbeitsort zu gehen, um nach der Person zu suchen. Leider waren wir nicht erfolgreich denn aufgrund der Covid-19 Krise kann man Termine nur mit langfristiger Vereinbarung im Vorhinein wahrnehmen.

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Das zweite Beispiel haben wir demonstrativ auf den Boden, neben einem Mistkübel gefunden. “Ironischerweise” auch im Süden des Untersuchungsgebietes, wo wir bereits die Erfahrung gemacht haben, nicht zu filmen, fotografieren oder Leute anzusprechen. Auch von anderen Personen haben wir gehört, dass die Medien Schuld für den schlechten Ruf des Viertels seien. Bei der Karte bekommen wir das Gefühl, dass die jeweilige Person sein/ihr Zuhause schützen will. Er/Sie schreibt, dass Bijlmer sein/ihr Ort wäre und nicht für negative Presseartikel publik steht. Wahrscheinlich mit der Annahme, dass wir Information für mediale Zwecke sammeln. Auch unsere Namen wurden durchgestrichen mit der klaren Message – Go home! als Titel der Karte. Obwohl wir den Hintergrund dafür verstehen, wundern wir uns, ob jemand bei einer Face-to-Face Erhebung/Befragung uns auch in dieser Art und Weise begegnen würde.

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Nach etwa 4 Stunden und 12 neuen Mental Maps von Personen ziemlich jeder Altersgruppe, entschieden wir uns den Beobachtungsort zu wechseln und verteilten uns in der Nähe der zwei U-Bahnstationen Ganzenhoef und Kraaienest. Wie erwartet steigen gegen 18 Uhr viele Personen aus der U-Bahn und bewegen sich Richtung Wohnblöcke oder Supermarkt. Um circa 20 Uhr entschieden wir uns nach einem sehr langen aber eindrucksvollen Tag, den Abend im Hotel zu verbringen und die letzten Tage nochmals Revue passieren zu lassen.

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Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

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Zwischen Literatur und Architektur – von Bijlmer nach Amsterdam Centraal – ein induktiver Prozess

In der neuen Woche starten wir in alter Frische wieder im Bijlmer Zentrum, diesmal wollten wir weitere Informationen über die Geschichte des Gebiets sammeln aus Literatur und fotografischen Exemplaren in der OBA Bijlmerplein.

Das OBA ist keine Bibliothek im gewöhnlichen Sinn. Das neue Gebäude hat zwei Etagen mit vielen Fenstern und einen Innengarten. Es ist offen und leicht. Unten grenzt das Gebäude an den Bijlmerplein, oben am Bijlmerdreef verläuft eine Treppe entlang der Fassade zum Einkaufsviertel. Diese Treppe ist innen und außen gespiegelt.

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Die Aktivitäten werden sowohl vom OBA als auch vom Imagine IC organisiert. Diese beiden Organisationen kennen sich gut. Bevor der Umzug in das neue Gebäude stattfand waren die beiden Organistationen bereits in einem Gebäude situiert. Marlous Willemse ist Direktor von Imagine IC. „Das Leben und Arbeiten mit dem OBA war so gut, dass wir beschlossen, das neue Gebäude auch zu teilen. Gemeinsam haben wir ein breites Programm, um unsere Nachbarschaft und Stadt anzubieten. ‘ Sie haben die gleiche Hausnummer und teilen sich das Büro und die Aktivitätsbereiche. Imagine IC organisiert genau wie das OBA Ausstellungen und Debatten. Sie bereichern sich gegenseitig. ” So sieht der Direktor auch die Zusammenarbeit. ‘Das OBA ist für die Anwohner freizugänglich. Ein solcher offener Raum ist von großer Bedeutung für das Engagement der Menschen beim Sammeln des Erbes ihrer eigenen Zeit und ihres eigenen Ortes.

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Es ist ersichtlich dass die Zusammenarbeit funktioniert. Ein großes Blasenschild der charakteristischen Wabenwohnung Daalwijk hängte für die Eröffnung des neuen Standortes in der Vitrine. Es ist eine Leihgabe des Amsterdamer Museums. Willemsen: „Es ist Teil des Erbes unserer Nachbarschaft und eine wichtige Erinnerung an die fast fünfzigjährige Geschichte der Hochhäuser im Bijlmermeer. Wir haben jetzt den Raum, um dieses wichtige Erbstück zu zeigen. ”

Die MitarbeiterInnen waren äußerst freundlich und zuvorkommend und haben uns detailliert die Geschichte des OBA erläutert, sodass wir vollkommen das Zeitgefühl verloren haben. Sodass der Nachmittag schon unlängst begonnen hatte. Auf unsere Fragen wie dieses “neuartige Zentrum” von der Bevölkerung in den letzten Jahren aufgenommen wurde kamen durchaus positive Resonanzen. Es wird ein sehr herzlicher Umgang miteinander gepflegt, jedoch muss man auch anmerken dass an diesem Ort nur jene BewohnerInnnen der Nachbarschaft sind die auch wirklich Interesse für Literatur und Kunst zeigen.

 

Durch den bedingten Zeitstress war ein Mittagessen heute nicht möglich und musste durch einen kleinen Snack ersetzt werden. Nach einer umfassenden Analyse von Bijlmer und einem kleinen Einblick des neuen Stadterweiterungsgebiet Ijburg war es für uns nun auch mal an der Zeit das Zentrum von Amsterdam zu erreichen.

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Unser erster Halt war das Architekturzentrum. Das  Gebäude befindet sich neben dem NEMO Science Museum und sieht im Vergleich zu dem Gebäude ziemlich klein aus. Das Gebäude wurde von René van Zuuk entworfen und ist ein kompaktes, skulpturales Gebäude, das aus drei Ebenen besteht. Die derzeitige Ausstellung handelt von der Amsterdamer Stadtentwicklung im Zeitraum von 2000 – 2030. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Kontext um Wohnungsbau, räumliche Ambitionen und Großstadtprojekte mehrmals radikal verändert. Die Ausstellung visualisiert diesen Transformationsprozess und die zukünftige Entwicklung in einer Zeitleiste ab.

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Amsterdam ist bautypologisch gesehen eine sehr vielfältige Stadt und so unterschiedlich wie die Bebauung sich in den einzelnen Bezirken über die Jahrzehnte entwickelt hat, so hat sich auch der Sinn des Planungsverständnis verändert. Vom Volumenbau bis zum Hochhausbau, von der alten Ikone (Silodam) zur neuen Ikone Nord-Süd Linie Der Entwicklungsprozess dieses Zeitraums wird anhand von Daten der Statistik Niederlande erläutert.

 

Unseren Tagesausklang haben wir in einem Cafe in der Amsterdamer Innenstadt verbracht. Diesmal wollten wir vom kleinen in den großen Maßstab gehen und waren auf der Suche nach Einheimischen (zwischen den hunderten deutschen Touristen), um sie nach deren Meinung über Amsterdam Zuidoost – Bijlmer zu befragen. Die Antworten waren eher einschlägig; die meisten der Befragten meiden das Gebiet.

Eine der genannten Gründen war die dezentrale Lage des Viertels, ausgehend von dem Mangel an Einrichtungen wie Lokale, Restaurants sowie auch Museen und/oder Kulturzentren. Unter den Befragten waren insbesondere für Frauen ein Punkt besonders wichtig – Sicherheit. Fast jede von den etwa zehn befragten Frauen im Stadtzentrum, sagten sie fühlen sich nicht sicher in Bijlmermeer.

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Alles in allem sind wir zufrieden über das dazugewonnen Wissensspektrum sowie auch weiteren Detailinfos von Bijlmer in der Bibliothek, ebenso über die Entwicklung der Architektur in den letzten 20 Jahren und kehren zu unserem Hotel zurück. Bijlmer ist einzigartig – diesen Satz trug vor einigen Tagen einer unserer Blogeinträge und heute sahen wir wieder, dass es kein vergleichbares Gebiet in Amsterdam sowie auch sonst irgendwo in den Niederlanden existiert, dessen Charakter so widersprüchlich von innen- und von außen- gesehen wird. Trotz allem versuchen wir objektiv zu bleiben, obwohl es nicht leicht ist und sind gespannt, wie wir diese Objektivität auch in die Endergebnisse übertragen werden.

 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

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Stadtentwicklung in Amsterdam

 

Klassisch für die Nachkriegszeit wurden in den 60er Jahren neue Flächen für Stadtentwicklungsgebiete gewidmet. Eine davon war Bijlmermeer – damals war dieses Viertel noch eine reine Wasserfläche, jedoch wurde sie aufgeschüttet und besteht ist heute geprägt durch ein Wohnviertel mit Hochhäusern und Reihenhäusern. Diese Praxis findet auch noch heutzutage  Planungsprojekten Anwendung,  welche zur blauen und/oder grünen Infrastruktur gehören. 

Amsterdam steht genauso wie Wien unter großem Druck des Bevölkerungswachstums, die Problematik die sich aber vor allem in Amsterdam erkennen lässt ist ein teilweise enorm hoher Flächenverbrauch für niedrig geschossige Wohnkomplexe. Heute stellen wir zwei komplett neue Stadtentwicklungsgebiete in Amsterdam vor stellen uns die Frage: Wie werden die Themen in Bezug auf soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit in Amsterdam behandelt?

Das erste Gebiet befindet sich in IJburg – eine künstlich angelegte Insel, im Osten von Amsterdam. Bereits im Jahr 1999 wurde mit dem Bau der ersten Anlage begonnen. Aufgrund des steigenden Drucks des Bevölkerungszuzuges nach Amsterdam entschied man sich 2014 weitere Anlagen in IJburg zu errichten, nach Fertigstellung aller geplanten Projekte soll die Nachbarschaft 18.000 Wohnungen für 45.000 Einwohner bieten. 

Ijburg

Eines der prägnantesten Projekte ist Sluishuis, es unterscheidet sich allein schon von seiner Größe und Struktur komplett zum Rest der Gebäude auf den Inseln und wird das erste schwimmende Bauwerk im Stadtteil Ijburg. Das Design des gemischt genutzten Gebäudes ist von seiner komplexen Umgebung inspiriert, insbesondere von der dichten Stadt mit einer großen Infrastruktur auf der einen Seite und weiten Landschaften mit kleinen städtischen Siedlungen auf der anderen Seite. Das Sluishuis-Gebäude wird mit angehobenem Zentrum in Richtung IJburg abgewinkelt, wodurch eine große Öffnung entsteht, durch die Wasser aus dem See in den Innenhof und Sonnenlicht in die inneren Wohnungen des Gebäudes gelangen kann. Sluishuis unterscheidet sich aus drei verschiedenen Blickwinkeln. Von einer Seite ähnelt es einem Schiffsbogen mit einem Gewässer darunter, während es von einer anderen Seite eine vertikale grüne Gemeinschaft darstellt. Von der dritten Seite scheint es sich um eine städtische Struktur zu handeln, die auf die Straße führt.

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Das zweite Gebiet liegt unmittelbar in der Nähe von Bijlmermeer und ist geschichtlich von vielen Ereignisse geprägt. Das E-buurt war anfangs ein See, dann befanden sich dort Hochhäuser aus den 60er Jahren in Wabenformationen, welche in den 90er abgerissen wurden. Die Fläche wurde nach dem Abriss freigelassen und Flora und Fauna haben einen städtischen Habitat gefunden. Bereits vor 30 Jahren war geplant, dass hier ein Wohnviertel mit Reihenhäuser entsteht. Da das Interesse an diesem Stadtteil wächst, entschieden sich Gemeinde und private Investoren dieses Gebiet neu zu planen. 

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Zur Zeit befinden sich hier Rasenflächen und Bäume, welche oft von den BewohnerInnen “informell” zum Grillen und Picknicken genutzt werden. Laut Mr. Troche sind das “Brownfields” für die eine planerische Neugestaltung vorgesehen sind. Wie man auf Darstellung sehen kann, gibt es ein paar Hochhäuser die in Planung sind, aber ohne Wohnnutzung, sie sind lediglich für  Büro- und Gewerbenutzung bestimmt. Da genau in diesem Teil mehrere Bäume weg müssen, werden diese durch begrünte Fassaden ersetzt. Klassische Reihenhaussiedlungen im Süden Amsterdams haben sich im Laufe der Jahre bewährt und werden auch hier gebaut. Eine Dachbegrünung soll dafür sorgen, dass man von den nahe liegenden Hochhäuser die Fläche noch immer als Grünraum wahrnimmt. Wie man aus unten abgebildeten Plänen erkennt sind verschiedene Nutzungen wie Urban Gardening, Spiel- und Sportplätze sowie ein Platz mit Sitzmöglichkeiten im Norden des Gebietes geplant.   

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Auf die Frage wie man es schafft in Zukunft ein Zuhause für die stark wachsende Bevölkerung nur mit diesen Bebauungsstrukturen zu realisieren, waren die Experten nicht einstimmig. “Es gäbe genug weitere Flächen, welche umzuwidmen wären” – sagte Mr. Troche. Da in den Niederlanden ein Naturschutzgebiet in Mitten des Landes als Sperrzone ausgewiesen wurde, kann hier keine bauliche Entwicklung urbaner Strukturen stattfinden.

Somit muss man weiter künstliche Insel anlegen und innerstädtische “braune” Flächen umwidmen und bebauen. Die Idee etwas höher zu bauen und so größeren Wohnraum zu schaffen, bleibt in Amsterdam unbeliebt, obwohl sich eine größere Masse an Menschen eher eine Wohnung in einem Hochhaus leisten könnten, anstatt “ein Haus im Wasser” oder ein Reihenhaus in der Peripherie. 

Wir fragen uns jedoch was passieren wird, wenn die Stadt weiter ins Wasser wächst. Obwohl wir selber diese neue Bauten als attraktiv empfinden, verstehen wir nicht, wie diese Projekte für die Mittelklasse leistbar sind. Wenn wir an soziale Gerechtigkeit denken, finden wir dass das Angebot, nicht die Nachfrage abdecken kann. Ein weiteres Thema, welches wir mit Skepsis beachten ist die ökologische Nachhaltigkeit. Wenn man so einfach künstliche Insel ins Wasser baut und grüne Flächen in Bauland umwidmen kann, weil sie nicht “genug grün” sind, was bleibt dann unserer nächsten Generationen noch übrig? Amsterdam und vor allem Bijlmermeer ist ein Gebiet, welches durch die unterschiedlichsten Flora- und Fauna Arten geprägt sind. Wir haben das Gefühl, dass das Leute sehr leichtsinnig mit dem Grünen Lebensraum umgehen und der Meinung sind dass Habitate schnell von selbst entstehen und leicht umziehen können. Persönlich sind wir aber einer anderen Ansicht und finden es Schade, dass das kapitalistische Denken von Geld und Beton vor die Naturwelt gestellt wird und somit Lebensräume zerstört bzw. verkleinert. 

Morgen ziehen wir zurück zu unserem Gebiet und versuchen die tieferen Gedanken und Wünschen der BewohnerInnen zu erfassen, aber auch bis jetzt unerkannte Konfliktpunkte und Verbindungen zu entdecken. Bis dann!

 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

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Tag 7 – Zwischenanalyse und Selbstreflexion

Der Tag begann mit starkem Regen, kaltem Wind und einem heißen Kaffee. Ein perfekter Tag, um unsere bisherigen Ergebnisse zu diskutieren und eine Zwischenanalyse durchzuführen.

Die erste Aufgabe des Tages – Interviews genauer zusammenzufassen. Die vier durchgeführten Interviews haben wir uns aufgeteilt, nochmals angesehen und die wichtigsten Punkten aufgeschrieben.

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Wie man bemerkt gab es gemeinsame Themen, welche wir in unserer Analyse vor der Expedition nicht erkannt haben. Zusammenfassend wurden folgende Bereiche genauer diskutiert:

  • Gentrifizierung

Jeder unserer GeschprächspartnerInnen hat erkannt, dass Gentrifizierung ein wichtiges Thema in Bijlmer ist. Der Prozess begann laut Tim Verlaan bereits vor etwa 50 Jahren, jedoch hat die Gentrifizierung besonders in den letzten zehn Jahren das Viertel stark geprägt. Eine der größten Akteursgruppen, welche Gentrifizierungsprozesse stimuliert, sind Wohnbaugesellschaften. Da nur das Land Besitz der Gemeinde ist jedoch aber nicht die Gebäude, konnte uns Herr Troche eher wenig über die Arbeit der Baugesellschaften erzählen. In Amsterdam gibt es eine ähnliche Wohnungspolitik wie in Wien – etwa 20% der Wohnungen bei Neubau sollen eine niedrigere Mietpreise vorweisen für die schwächere Sozialgruppen. Dies ist jedoch für unser Gebiet wenig aussagekräftig, da die Gebäude bereits in den 1960er Jahren gebaut wurden. Abhängig von der Wohnbaugesellschaft (die Eigentümer der Gebäude sind) ermittelt sich der Gentrifizierungsgrad. Während die reichere Gesellschaft Wohnungen, abhängig von deren Größe und Ausstattung, eher an die gleichen Gruppen vermietet, wird bei den sozial Schwächeren in der Praxis eher verkauft. Da die Wohnungen im Verkauf nicht leistbar sind, werden für Gruppen wie Studenten und Selbstständige, diese von Privatpersonen gekauft, und an mehrere Personen gleichzeitig vermietet. Dies führt nicht nur zur Gentrifizierung, sondern auch zu großen Unterschiede zwischen den Mieten der verschiedenen Gebäude. Andere Gründe (außer die Marktpreise im Vergleich zu Amsterdam insgesamt)  für Neuankommende, jüngere Personen und Familien ist laut Tim Verlaan die “neue Wertschätzung” der Bauten aus den 60er und 70er Jahren, sowie die schnelle Verbindung zur Innenstadt.

 

  • Aufgaben des öffentlichen Raum

Ein weiteres Thema, welches wir als besonders wichtig einschätzen ist die Nutzung des öffentlichen Raums. Hier sehen wir die größten Disparitäten zwischen den Wünschen der BewohnerInnen und der Gestaltung durch Planung und Politik. Obwohl der Stadtplaner Northon Flores Troche uns überzeugt hat, dass die Planung mit den BürgerInnen mittels Partizipationsprozesse erfolgt, sehen wir viele Wünsche der BewohnerInnen nicht in der Realität wieder. Sowohl Henno Eggenkamp, als auch die Schwestern des Bijlmer Bookstore, sind der Meinung, dass Partizipationsprozesse nur eine Fassade sind und auf die Wünsche der BewohnerInnen nicht von der Politik thematisiert und beachtet werden. Laut Henno Eggenkamp ist der Hauptgrund dass keiner Verantwortung übernehmen will. Ein kleines Unterthema, das sowohl in den Interviews als auch in den Mental Maps angesprochen wurde, ist der Mangel an Tischen. Vor allem die Black Community, welche hier überwiegt, hat besondere Nutzungsansprüche an den öffentlichen Raum, welche von der Politik nicht verstanden werden. Von unseren Gespräche und Beobachtungen haben wir zwei Tatsachen erkannt – Einerseits wenn Personen dieser Gruppen ihre Häuser verlassen um rauszugehen, dann geschieht dies mit der gesamten Familie, denn meist wird draußen zusammen gegessen oder gegrillt. Allerdings gibt es nur zwei Orte, welche dafür ausgestaltet sind und bei beiden handelt es sich um Initiativen von Henno Eggenkamp, welche offiziell illegal sind. Als wir den Stadtplaner Troche fragen wieso solche Plätze nicht vorhanden sind,  antwortete er, dass Grillen keine alltägliche Nutzung ist und dass die Planung, die Aufgabe für alltägliche Nutzungen wie Radfahren, Spielen und Sporttreiben gewährleisten muss. Diese Disparitäten sind für uns als PlanerInnen besonders problematisch. Wir sind der Meinung, dass nicht die Planung als Struktur in dem Viertel das Leben erzeugt, sondern Menschen und deren Wünsche, Beachtung geschenkt werden muss. Angst zu haben, dass ein bestimmter Ort Lärm- und Geruchsemissionen erzeugen wird und somit als Konflikt zwischen sozialen Gruppen auftreten könnte, ist unserer Meinung nach keine Ausrede sodass sich kulturelle Gepflogenheiten ändern müssen.

 

Aufgrund des schlechten Wetters, haben wir uns entschieden das Mittagessen ins Hotel liefern zu lassen.Danach haben wir eine Montage von den ausgefüllten Mental Maps erstellt, um Gemeinsamkeiten zu analysieren.

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Eine klare Aufteilung/Zonierung ist leicht zu merken. Obwohl diese nicht stark abzugrenzen ist, kann man Stimmungsmuster zwischen den BewohnerInnen erkennen. Einerseits wurde das Gebiet neben Kikkenstein und Kruitberg von unseren “Kartographen” als unsicher und unattraktiv gekennzeichnet. Der Rest des Untersuchungsgebiets wird als ruhig und grün charakterisiert. Einige Lieblingsorte der BewohnnerInnen sind leicht erkennbar. Die Karten beweisen unsere bisherige Annahme, dass man im Quartier grundsätzlich wohnt und woanders (meist im Stadtzentrum) arbeitet und/oder Aktivitäten nachgeht. Auch die zwei Subzentren neben den U-Bahnstationen Ganzenhoef und Kraaienest, welche von der Gemeinde “festgelegt” wurden, spielen eine große Rolle im Alltagsleben der BewohnerInnen. In erster Linie erfolgen in diesen Bereichen Erledigungen des alltäglichen Bedarfs wie Einkaufen oder das Treffen von Freunden. Von den Alltagsrouten erkennen wir, dass fast jeder die U-Bahn als Hauptverkehrsmittel zur Arbeit, zur Schule oder zur Universität nutzt. Durch das Gebiet erfolgt die Fortbewegung meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Auto ist erstaunlicherweise nicht das beliebteste Verkehrsmittel, obwohl das Viertel in den 70er Jahren erbaut wurde und somit ein klassisches Beispiel für ein autogerechtes Stadtviertel war. Auch von unseren Beobachtungen haben wir erkannt, dass es keine großen Parkprobleme gibt. Es stehen immer Plätze zur Verfügung, welche auch für jeden zugänglich und frei von Gebühren sind.

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Im Großen und Ganzen konnten wir keine große Unterschiede in der Vielfalt und im Bezug auf die Nutzung des öffentlichen Raums sehen. Als PlanerInnen haben wir immer Ideen, wie man soziale Treffpunkte erzeugt. Diese müssen jedoch mit den BewohnerInnen und deren Wünsche abgestimmt werden. Die zahlreichen neue Spiel- und Sportplätze, dessen Gestaltung wie aus einer Freiraumzeitschrift stammen könnten, verbleiben leer und ungenutzt. Vielmehr Wert legen die BewohnerInnen auf Kindergärten und Sportzentren Was wirklich fehlt sind grüne Freiräume mit vielen Sitzmöglichkeiten sowie Grill- und Essplätzen. Ob dieses Zwischenergebnisse durch die Covid-19-Ängste bzw. Jahreszeit, in dem viele BewohnerInnen auf Urlaub sind, beeinflusst werden, können wir mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht feststellen. Deswegen werden wir in den nächsten Tagen versuchen weitere BewohnerInnen zu befragen um das Gebiet noch genauer kennenzulernen.

Trotz dem Wetter, haben wir es kurz geschafft ein paar Sonnenstrahlen zu schnappen und in der frische Luft eine Agenda für die restlichen 4 Tage zu erstellen.

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Bis morgen! Wir hoffen ihr bleibt weiter Teil unser Expedition.

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

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Planen, aber wie? Gespräch mit Mr. Troche und Erfahrung durch Beobachtung

Unser heutiger Tag startete mit einem spannenden Interview mit dem bolivianischen Architekt Northon Flores Troche. Um seine Entwurfsideen und Planungsansichten zu verstehen, ist eine Hintergrundinformation unbedingt notwendig. 

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Northon Flores Troche ist in einem armen Gebiet in El Alto, Bolivien geboren und aufgewachsen. Die kleine Dinge wie Fußball oder Spielzeug, die für uns Normalität des Alltags sind, waren für Northon als Kind eine Utopie,er behalf sich selbst in dem er Spielzeug aus Plastik oder anderen Materialien nach baute. Ins Kino gehen oder mit anderen Kinder zu spielen war bei ihm Seltenheit aufgrund der Haushalts- und Gartenaufgaben. Jedoch hat es Northon geschafft aus dem Gebiet rauszukommen um ein Architekturstudium an der University of La Paz zu absolvieren. Nach seinem Abschluss ist er in die USA gezogen aber aufgrund der sprachlichen Barriere begann er in einer Baufirma als Maurer zu arbeiten. Nach ein paar Jahren konnte er seine sprachlichen Kenntnisse erweitern und war Projektleiter von mehreren Bauprojekten; von Einkaufszentren bis hin zu Wohngebäuden in den USA, Mexiko, England usw. Seit etwa 20 Jahre lebt der Architekt in Amsterdam. Hier hat er ein zweites Masterstudium an dem Berlage Institute abgeschlossen und architektonische und planerische Spuren in Amsterdam, Rotterdam und Delft hinterlassen. Seit etwas über drei Jahren arbeitet er als Urban Planner in der Gemeinde Amsterdam, unter anderem auch in Bijlmermeer. In dieser Rolle trafen wir ihn auch heute in dem Stadsloket Zuidoost (Stadtamt Südost).

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Nach einer kurzen Vorstellung begann Northon mit den Erzählungen über zukünftige Planungen und deren Verwirklichung in Bijlmer. Das heutige Gespräch kann man thematisch in zwei Bereiche unterordnen: Partizipation und Planung durch Projekte.

 

Partizipation in Bijlmermeer:

Laut RaumplanerInnen gibt es viele Versuche für eine Bottom-Up-Planung, jedoch muss man noch mehr experimentieren, um die BewohnerInnen dafür zu begeistern, dass deren Ideen in der Politik Fuß fassen. Es ist schwer Partizipationsprozesse zu organisieren, da nur sehr wenige Menschen daran teilnehmen wollen – teilte uns Northon mit und erzählte über zahlreiche Workshops und Sitzungen mit BewohnerInnen. Man hat auch hier mit Tools wie Legos und Zeichnungen versucht die Prozesse interessanter zu generieren, jedoch gibt es noch immer Barrieren zwischen Zivilgesellschaft und Politik, welche auf Kultur und Ausbildungsgrad zurückzuführen sind. Persönlich findet Northon dass Spaziergänge durch das Viertel und informelle Gespräche mit BewohnerInnen tendenziell mehr Wirkung und Einfluss erzielen. Aufgrund der Kulturen, die in einem konkreten Gebiet herrschen, sollte sich die Planung auch anpassen. Da Bijlmer ein sehr multikulturelles Gebiet ist, wollen die PlanerInnen diese hervorheben. So soll z.B. in dem Teil der K-buurt eine mediterrane Atmosphäre geschafft werden und bei  H-buurt ein eher Karibisches. Jedoch auf die Frage ob die naturbelassenen Uferbereiche, gestaltet und somit Teil des Ambiente sein könnten, bekamen wir keinen schlüssige Antwort. 

Planung durch Projekte: 

In diesem Teil von Amsterdam erfolgt der Planungsprozess grundsätzlich durch unterschiedliche Projekte, welche miteinander verknüpft werden. Unser Untersuchungsgebiet gehört zu dem sogenannten Bijlmer Museum. Dies bedeutet, dass es eine Art Schutzzone ist und keine großen infrastrukturellen Änderungen erfolgen dürfen. Jedoch wird in der Umgebung noch viel mehr getan. Eine besonders interessantes Projekt ist die Einführung einen Straßenbahnlinie in Bijlmer, welche in unserem Gebiet an drei Seiten angrenzt. Obwohl Bijlmer sehr gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden ist, ist laut Northon eine Straßenbahnlinie vor allem aus Sicht der sozialen Nachhaltigkeit besonders vorteilhaft. Da die U-Bahn oberirdisch etwa fünf Meter über dem Viertel fährt, entstehen soziale Treffpunkte nur an den zwei Stationen. Jedoch fährt eine Straßenbahn auf Augenhöhe und kann mehrere Stationen entlang der Strecke bedienen. Somit gibt es Potenzial zahlreiche und vielfältige soziale Treffpunkte zu erzeugen. Weiters wird dadurch eine direkte Verbindung zwischen dem Wohnviertel und dem Bijlmer Zentrum geschaffen, welche heute nur durch eine Buslinie verbunden ist. Ebenso besteht die Möglichkeit diese Straßenbahnlinie an das lokale Straßenbahnnetz anzuschließen. 

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Die Vernetzungen spielen eine große Rolle bei der Stärkung der Neubau-Viertel im Südosten, welche Wohnen und Arbeiten unter einem Dach bringen sollen. In diesem Teil Amsterdams sollen mehrere Komplexe entstehen, in welche sich Firmen ansiedeln und Arbeit für eine breitere Bevölkerungsgruppe schaffen.

Weitere Projekte beziehen sich auf die Schaffung einer Polyzentrischen Struktur von dem gesamten Südosten sowie auch mehrerer Grünraumverbindungen entlang der Hauptachsen. 

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Von unserem Geschpräch mit Northon Flores Troche, haben wir gelernt, dass Bijlmer sich noch weiterentwickeln wird. Auf die Frage, ob die Lebensqualität in Bijlmer hoch ist, hat unser Interviewpartner ohne Nachzudenken mit JA geantwortet. Wir hoffen, dass diese Lebensqualität auch von den BewohnerInnen (wenn nicht vor uns bestätigt) zumindest spürbar ist. Dies wollten wir auch am Nachmittag untersuchen. Anstatt Befragungen durchzuführen, haben wir beschlossen, dass wir heute aus der Beobachtungsperspektive sehen wie das Leben im Quartier stattfindet. 

Nach dem Mittagessen widmeten wir uns am Nachmittag den teilnehmenden Beobachtungen. Unsere Vorgehensweise zu unseren Begehungen und generell der letzten Tage unterschied sich dadurch, dass wir beschlossen hatten unterschiedliche Routen separat zu wählen. Gabi widmete sich dem Gebiet östlich der Metro und Martin erkundete das Gebiet auf der Westseite. Wir verbrachten zirka eine dreiviertel Stunde an jedem dieser einzelnen Beobachtungspunkte, machten Notizen, Skizzen sowie auch Geräuschaufnahmen.

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Am Ende der Route trafen wir wieder zusammen bei der Metrostation Kraaiennest. Wir versuchten die Unterschiede, Verbindungen aber auch Konflikte  der beiden Routen  im Quartier festzustellen. Eine ziemlich eindeutige Erkenntnis war dass „das Leben im Quartier“ an beiden der ersten Punkten ziemlich ruhig verläuft. Die BewohnerInnen verließen das Haus nur um Erledigungen zu machen. Jedoch fielen immer wieder Blicke von den Balkonen auf uns herab, aber ohne jegliche Besonderheiten… Im südlichen Teil des Quartiers verbringen die Leute mehr Zeit im Freien. Im östlichen Teil gibt es eine Fitnessanlage die vor allem von der Black Community gern genutzt wird. So viele Personen auf einen Fleck sahen wir im gesamten Zeitraum der Expedition nie, ebenso der vorhandene Tennisplatz ist gut ausgelastet, viele der BewohnerInnen legen Wert auf Sport und Freizeitaktivitäten. Im Westen sieht es ähnlich aber jedoch ein bisschen anders aus… Man sieht spazierende Mütter mit Kinderwägen und NachbarInnen die sich am Weg miteinander unterhalten. Die augestaltete Parkanalagen werden jedoch nicht genutzt. Im südlichen Teil befindet sich ein Markt an dem in ersten Linie Produkte Händler der surinamischen und afrikanischen Community ihre Ware verkauft. Es macht den Anschein als würden die Leute nicht nur zum Einkaufen den Markt besuchen, sondern dass es wirklich ein Ort ist an dem sie ihre Freunde treffen, miteinander Essen, Kaffee trinken und sich gemeinsam austauschen. Die eigene Skepsis überwunden entschied sich Martin einen surinamischen Bojo Kuchen zu kosten – und der war besonders “lekker”

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Die Diskussion und der Vergleich der Ergebnisse der ersten intensiven Beobachtung erfolgten beim Abendessen. Da wir bereits viele Informationen aus Planung, Politik und Zivilgesellschaft gesammelt haben, entschieden wir uns den morgigen Tag für eine breite Zusammenfassung der Ergebnisse zu nutzen, um zu sehen welche Forschungsfragen noch unbeantwortet geblieben sind. 
Euer Amsterdam-Team,
Gabi und Martin

 

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Invest in people and not concrete!

Der erste Teil unseres Expeditionstags stand ganz im Zeichen der Videodokumentation. Durch unsere ausführlichen Begehungen und teilnehmenden Beobachtungen kennen wir das Gebiet mittlerweile In- und Auswendig. Wir haben durch verschiedene Plätze sowie auch “Videowalks” versucht das Gebiet repräsentativ zu visualisieren. Welche Aspekte für das Quartier prägnant sind, welche Orte gerne genutzt werden, aber auch jene welche ins Schattenlicht fallen. Bijlmer ist ein Quartier der Gegensätze und genau diese Bilder wollen wir durch Bewegung illustrieren.

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Auch für eine/einen geübteN Kamerafrau/mann ist es teilweise nicht einfach die Hand während eines Videowalks ruhig zu halten. Bei den Märkten sowie auch stark frequentierten Orten entschieden wir lieber verdeckt zu filmen, da die Einheimischen wie auch schon aus vergangen Erfahrungen der letzten Tage nicht positiv darauf reagieren. Wie wir von Nathifa und Zuwena aus dem Bijlmer Bookstore gestern erfahren haben ist dies unter anderem auch auf die Boulevard Medienformate zurückzuführen, da sie Bijlmer mit ihren Videoreportagen gerne in ein schlechtes Licht rücken wollen, um zu polarisieren. 

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Um die “lokale” Kultur auch geschmacklich kennenzulernen haben wir uns entschieden in ein surinamisches Restaurant essen zu gehen. Nach dem leckeren Mittagessen und einem ausführlichen Spaziergang trafen wir unseren nächsten Gesprächspartner – Tim Verlaan.

Tim ist Assistenzprofessor für Stadtgeschichte an der Universität von Amsterdam und konzentriert sich auf die Stadterneuerungsagenden amerikanischer und westeuropäischer Städte in der Nachkriegszeit. Zuvor war er als Assistenzprofessor für Architekturgeschichte an der Freien Universität Amsterdam sowie als Gastwissenschaftler an der New Yorker Fordham University, am Institut für raumbezogene Sozialforschung in Berlin und am Leicester Center for Urban History tätig.

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Neben aktuellen Problematiken in Bijlmer, welche wir auch in den vorherigen Blogs erwähnt haben, setzten wir in unserem heutigen Gespräch einen gesonderten Fokus auf die Geschichte von Bijlmer. Bereits in unserem Forschungsantrag haben wir erzählt, welche Teile von den damaligen Gebäuden abgerissen wurden. Heute erkennt man leider die berühmte Honeycomb-Struktur der Bijlmermeer nicht mehr. Was wir jedoch nicht gewusst haben, ist dass mit dem Abriss der Gebäude, auch die Community der BewohnerInnen zerrissen wurde. Die ursprüngliche Idee war, die Mittelklasse zu motivieren, in den renovierten, aber auch neugebauten Gebäuden anzusiedeln und somit die Probleme, welche die PolitikerInnen auf die Segregation zurückführten, zu lösen. Jedoch wie Prof. Verlaan sagt, ist Gentrifizierung kein natürlicher Prozess. Obwohl man einen Mix von Kulturen und Lebensstile schafft, heißt es nicht automatisch, dass eine gemeinsame neue Community entsteht. Das galt vor etwa 30 Jahren so, aber auch heute noch erzählten uns BewohnerInnen, dass die Neuzugezogene nur da wohnen, aber nicht Teil der Gesellschaft sind und auch keine Interesse daran haben die vorhandenen Einrichtungen gemeinsam zu nutzen. Da man die Architektur als prioritär empfunden hat wurden bei der Planung und Ausführung die Wünsche, Bedürfnisse und Gewohnheiten der BewohnerInnen im anfänglichen Planungsprozess nicht berücksichtigt. Somit entstanden architektonisch schöne praktische Durchgangsräume und Laubengänge, welche früher recht belebt waren und für verschiedenste gemeinnützige Tätigkeiten genutzt wurden. Heute kategorisieren wir diese als Räume, welche im Schattenlicht fallen. 

Die Probleme in den 80er und 90er Jahre bezogen sich auf Kriminalität und Sicherheit und hinterließen einen schlechten Ruf auf der Bijlmermeer. Jedoch hat sich dieser laut Tim Verlaan grundsätzlich bei der älteren Generationen eingeprägt. Die junge Generation will nach Bijlmer ziehen. Der größte Pull-In-Faktor ist wie bereits im gestrigen Blogeintrag erwähnt, die Leistbarkeit und Größe der Wohnungen. Ein anderer potentieller Anreiz ist die Vernetzung. In Amsterdam ist das Fahrrad ganz beliebt und es verwundert uns nicht, dass Bijlmer sehr gut an das Radnetz zur Innenstadt angebunden ist. Aber auch öffentliche Verkehrsmittel wie U-Bahn und Bus bewegen die BewohnerInnen schnell zu deren Zielort. 

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Man soll aus der Vergangenheit lernen – Dies lernten wir auch in unserem heutigen Interview. Nachdem sich Prof. Verlaan zurückerinnerte, erzählte er über das “buzzling” Bijlmer Viertel in den 1980er Jahren und wir bekamen den Eindruck, dass man nicht alles ändern sollte. Tim’s Empfehlung für die Zukunft: “Invest in people and not concrete!”. Und wir stimmen vollkommen zu! Nach diesem Interview, den BewohnerInnengesprächen aber auch den beliebten Initiativen von Henno Eggenkamp, sind wir der Meinung dass die informelle Nutzung des öffentlichen Raums gefördert und begrüßt werden soll, anstatt verboten und vernachlässigt. 

Wir bedanken uns herzlich bei Tim Verlaan für seine Unterstützung und hoffen, dass wir auch in der Zukunft raumplanerische Themen gemeinsam diskutieren können. 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin 

 

 

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Gentrification is a Thing!

Die Agenda unseres heutigen Tag war es allgemeine Informationen von BewohnerInnen mittels Mental Maps zu sammeln, um das Viertel genauer untersuchen zu können. Jedoch wurde bei allen Gesprächen ein Thema sehr betont – Gentrifizierung.

Heute erzählen wir euch warum man nach Bijlmer zieht, warum man hier bleibt und wie die BewohnerInnen die Aktivitäten privater Investoren und Politik bewerten.

Wir beginnen heute mit den Geschichten von Marie, Jabaral und Louisa – drei Personen in deren 20er, Anfang 30er Jahren, deren Storys wir als Teil der Gentrifizierungsprozesse einstufen können. Alle drei sind aus unterschiedlichsten Gründen nach Bijlmer gezogen, und alle lieben den Ort von Henno Eggenkamp am Wasser (dort trafen wir sie auch). Marie ist ein Familienmensch und wohnt seit etwa 2 Jahren in Bijlmer. Hier haben sich auch ihre Eltern angesiedelt. Obwohl sie und ihr Ehemann gute Jobs haben und sich selbst in die “Mittelklasse” einstufen, erzählte sie uns, dass eine große Wohnung für ihre Familie in Amsterdam nicht leistbar wäre. Sie wollten ursprünglich nicht hierher umziehen, jedoch sieht sie es jetzt anders – “Die Medien seien Schuld für den schlechten Ruf des Viertels!”.

Ähnlich sieht es auch der 27-jähriger Jabaral. Er ist 2019 nach Bijlmer zugezogen, da viele seiner Kommilitone und Freunde da wohnten. Wie man von seiner Mind Map erkennen kann spaltet sich sein Leben in zwei Teile – “Living” in Bijlmer und “Life” eher im Amsterdamer Zentrum. Im Vergleich zu seiner letzten Wohnung in Diemen (näher zum Zentrum und der Universität), zahlt er hier fast den gleichen Betrag an Miete, jedoch ist er hier “Teil einer Community und nicht nur der anonyme Nachbar, von nebenan”.

IMG_5521-minDie letzte Karte kam von Louisa – einer Studentin, welche erst ihren dritten Tag als Bewohnerin mit uns verbrachte. Selber hat sie sich nicht so gut in der Gegend ausgekannt, wusste aber bereits welche Bereiche sie nach bestimmten Aspekten zuordnen konnte. Ihren Worte nach muss man als Frau “tough” sein. Ihren Safe-Space findet sie wie viele andere StudentInnen in Kleiburg und teilte uns mit, dass wenn sie es sich leisten könnte, gerne wieder im Zentrum Amsterdams wohnen wollen.

Die Gemeinsamkeiten dieser drei Personen kann man leicht von deren Mental Maps  erkennen. Eine weitere überraschende Gemeinsamkeit ist, dass man in der Gegend als “NeuzugezogeneR” hohe Miete zahlt. Wir haben uns ein bisschen tiefer mit der Thematik befasst und haben entdeckt, dass es ein Businessmodell ist, Wohnungen (aber auch gesamte Gebäude) zu kaufen und weiterzuvermieten, insbesondere an StudentInnen. Vor allem in Bijlmer funktioniert dieses Modell ganz gut, da die Wohnungen relativ groß sind und sich dadurch vor allem für Wohngemeinschaften eignen. Eine 100 m2 Wohnung kann z.B. leicht drei Studenten unterbringen, welche jeweils etwa 700 Euro pro Monat zahlen. In den alten Gebäuden kostete so eine Wohnung nur etwa 100.000 Euro vor 10 Jahren – heute jedoch mindestens dreifach so viel.

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Diese Problematik haben wir auch mit unseren nächsten GeschprächspartnerInnen – Zuwena und Nathifa – besprochen.

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Die zwei Schwestern mit surinamischen Wurzeln sind neue Entrepreneurs und haben den Bijlmer Bookstore gegründet. Der Grund – es gab einfach keinen Bookstore mit Werken von Autoren, welche die Gesellschaft gerne liest. Hier kann man Bücher von afrikanischen, surinamischen aber auch amerikanischen Autoren finden, welche auf den niederländischen Massenmarkt fehlen. Selber wohnen die zwei Schwester bereits deren ganzes Leben in der Nähe unseres Untersuchungsgebiet. Während  Zuwena noch bei ihren Eltern in einem Low-Rise-Building wohnt, wohnt die Nathifa 2 Minuten von ihre Familie entfernt in einem der Bijlmer High Rise Building – Ganzenhof. Die gleichen Probleme am Wohnungsmarkt haben wir auch von den zwei Entrepreneurs gehört – die Gentrifizierung hat sich im Laufe der Jahre  auch in Bijlmer stark ausgeprägt. Dadurch dass sich in den letzten Jahrzehnten eine starke Community in den verschiedenen Ethnien gebildet hat, wollen die Leute die hier aufwachsen, nicht wegziehen. Jedoch macht sich der Druck am Wohnungsmarkt auch in Amsterdam bemerkbar, die Nachfrage in den urbanen Raum zu ziehen steigt und deshalb wird das Angebot am Wohnungsmarkt immer geringer. Somit sind im Laufe der Jahre auch in Bijlmer die Miet und Kaufpreise angestiegen. Zuwena erzählte uns dass man die ehemaligen Gemeindewohnungen “verwahrlosen” ließ bis man sich entschied die Gebäude abzureißen und neue freifinanzierte Wohnungen zu bauen. Einerseits lassen die neuen Wohngebäude dem Viertel eine Aufwertung spüren… zumindest was die Kosten für Wohnraum betrifft – doch zu welchem Preis?! Es ist offensichtlich dass selbst in Bijlmer Verdrängungsprozesse stattfinden, welche von Politik und Gesellschaft unterschiedlich verstanden werden. Nathifa und Zuwena wünschen wir viel Erfolg bei der Realisierung ihrer Ideen und bedanken uns herzlich für das Interview und deren Geschenke.

In den nächsten Blogeinträge versprechen wir die gesammelten Fragen und Meinungen von den Interviews und BewohnerInnengesprächen mit unseren nächsten Interviewpartner aus Planung und Politik zu diskutieren.

Bleibt dran und bis morgen!

Euer Amsterdam Team,

Gabi und Martin

 

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Bijlmermeer ist einzigartig! Gespräche über Mode, Freiraum und Gesellschaft.

In unserem heutigen Blogeintrag erzählen wir euch über zwei Bijlmerperspektiven – jene des 75-jährigen Henno Eggenkamp und vom 16-jährigen Michael.

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Beide Männer wohnen direkt in Bijlmermeer und neben Alter und ethnischer Zugehörigkeit, unterscheiden sie sich auch in ihrer Lebensperspektive. Sowohl Henno, als auch Michael, sehen die Raw Facts gleich und wollten vor uns nichts “euphemistisch” darstellen bzw. ausblenden. Bei der Frage was den Menschen hier prioritär ist, haben sich zwei Aspekte hervorgehoben: Mode und Haare! Wenn man Einheimische in Bijlmer treffen will, muss man einen der vielen Friseursalons (nur in Grubbehoeve waren das sieben) besuchen. Ironischerweise hat uns Michael – seine Worte – ausnahmsweise erlaubt ein Foto mit ihm zu machen, da er heute beim Friseur war. Zusätzlich hat er uns empfohlen heimische Modegeschäfte wie SMIB zu besuchen, da sie seiner Meinung nach die lokale Kultur repräsentieren und “günstig” sind.

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Zu unseren Fragen über die Leere und dem Mangel an Menschen im öffentlichen Raum, haben wir von beiden gleiche Antworten bekommen – “Die BewohnerInnen isolieren sich”. Beide könnten genau verorten in welchen Gebäuden, welche Art von Personen leben:

  • Kikkenstein und Kruitberg – laut Henno – die Menschen ohne Ausbildung, Neuankömmlinge und Problemverursacher. Interessanterweise gehörte dieses Quartier auch nicht zu den “oft besuchten” von Michaels Gebieten. Zwischen den beiden Gebäuden hatten wir beim Spazieren ebenso diesen Eindruck da sich die BewohnerInnen attackiert gefühlt hatten und wir sogar bedroht wurden.
  • Kleiburg, in dessen Nähe wir auch Michael getroffen haben, beschrieb Henno als das Gebäude der “Jungen und Kreativen”. Dieses Beispiel haben wir bereits in unserem Forschungsantrag im Detail erläutert, aber auch im gestrigen Blog haben wir angedeutet, dass in Kleiburg hauptsächlich StudentInnen und junge Familien wohnen.
  • Im Gegensatz wird das Nachbargebäude Grubbehoeve hauptsächlich von Singles jeder Altersgruppe bewohnt. Hier befindet sich auch das BijlmerMuseum, Henno’s Wohnung, zahlreiche Friseursalons und in unmittelbarer Nähe die einzige Bar in der Gegend.
  • Der Rest des G-Buurtes – Gooirood, Groeneveen, Gravestein und Geldershoofd sind laut beiden ziemlich durchgemischt und modernisiert worden. Obwohl beide über Segregation des gesamten Gebietes erzählten, haben sie zugegeben, dass es hier mehrere Versuche gab eine soziale Durchmischung zu schaffen. Eines davon war eine Limitierung von Seiten der Politik dass sich in Gravestein und Geldershoofd nicht über 30% Schwarze ansiedeln dürfen. Diese ist bis heute gültig, wird jedoch laut Henno umgegangen.

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Beide Personen haben uns ein ähnliches Bild von Bijlmer gezeigt, jedoch empfehlen sie sehr diverse Lösungen, welche unserer Meinung nach von deren Erfahrung geprägt sind.

Henno Eggenkamp , geboren 1945, wohnte bis 1969 illegal in Amsterdam South, da er aber aus seinem ehemaligen Apartment rausgeworfen wurde, blieb ihm keine andere Möglichkeit als nach Bijlmer zu ziehen.

Er ist eine kreative Persönlichkeit und neben verschiedenen Jobs als Regisseur, TV-Produzent und Chef eines Radiosender, Produzent mehrerer Ausstellungen und Festivals, ist er auch der Gründer des BijlmerMuseums. Er beschreibt sich als “Stadtmacher” und ist der Meinung, dass ihn keiner mag, nichtsdestotrotz erzählt er stolz wie seine Projekte in der Gegend von der gesamten Nachbarschaft geschätzt und genutzt werden. Wenn über Nutzungen im öffentlicher Raum die Rede ist, ist Henno der festen Meinung, dass das Angebot nicht den Wünschen der BewohnerInnen entspricht. Er sieht die diversen Spiel- und Sportplätze, aber auch alleinstehende Bänke im Grünen als “Geldverschwendung”. Sein Wunsch – Eine Nachbarschaft, wo sich Menschen gern im Freien unterhalten. Er bezieht sich auf die Barbecueplätze und betont seine zwei “selfmade” Erholungsorte. Der erste liegt direkt vor dem BijlmerMuseum im Grünen und unterscheidet sich von den zahlreichen Bänken der Gemeinde nur mit einem Tisch dazwischen. “Es sei das, was die Menschen wollen” – sagte der Stadtmacher. Während des 2-stündigen Interviews konnte man verschiedene Personen sehen die diesen Ort zum Verweilen aufsuchten.

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Der zweite Ort, den der Gründer des BijlmerMuseum ansprach, ist der einzige Erholungsort mit Sitzmöglichkeit unmittelbar am Wasser. Auch hier stimmen wir zu und glauben, dass eine Gestaltung der Uferbereiche attraktiv für die BewohnerInnen sein könnte. Nach Untersuchung des Gebietes ist dies auch unser Lieblingsort im Gebiet geworden und perfekte Platz für unsere Interviews mit BewohnerInnen.

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Michael, geboren 2004 in der Nähe von Bijlmer, befindet sich gerade in seinem Abschluss Schuljahr, arbeitet nebenbei in einem Supermarkt und zielt auf ein Medizinstudium an. Seine Familie sind Migranten aus Ghana. Wir wollen etwas detaillierter auf ihn eingehen, da er uns sehr überrascht und fasziniert hat. Michael haben wir spontan mit seinem Fahrrad auf dem Fußweg getroffen und ihn gebeten eine Mental Map für uns zeichnen. Diese betitelte er mit “My Beautiful Bijlmer” – und laut seinen Erzählungen ist Bijlmer der beste Wohnort – nicht aufgrund der Wohnungen oder Infrastruktur, sondern aufgrund der Menschen. Auch mit ihm haben wir lang über Nutzungen im öffentlichen Raum gesprochen. Er erzählte uns über seine Kindheit mit vielen Aktivitäten wie Fußballspielen und Grillen im Freien. Jedoch nutzt er dieses Angebot nicht mehr, da er der Meinung ist, dass das soziale Leben entweder privat in den Wohnungen oder durch Social Media stattfindet. Auch diverse öffentliche und private Organisationen wie seine Schule, die Black Archives, die Bijlmer News usw. schaffen es Menschen zu vernetzen ohne spezielle Orte dafür gestalten zu müssen. “Grün sei für die Gänse” – stellte der jungen Schüler fest und zeichnete seine Radroute weiter.

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Bijlmer ist einzigartig! Nach unserem heutigen Tag hat sich dieser Satz am stärksten hervorgehoben. Ja – viele Menschen konnten wir auch heute nicht treffen, jedoch haben wir zumindest die Gründe dafür von “Insidern” gehört. Ob wir erfolgreich mit den Mental Maps sein werden, lässt sich in den nächsten Tagen herausfinden. Die ersten Interviews liefen jedoch reibungslos und wir hoffen, dass wir in den nächsten Tagen auch interessante Ergebnisse bekommen werden.

 

Wir hoffen, dass ihr auch weiterhin unsere Blogeinträge mit Interesse verfolgt!

 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

 

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Die Fassaden der Moderne – wortwörtlich und symbolisch

Bijlmer hat viele Fassaden. Nein – nicht nur die diversen Außenseiten der Gebäude, sondern auch die Fassade als Charakter, welche das eigentliche Wesen des Viertels verbergen. Heute haben wir uns mit der Frage befasst – Aus welchen Bausteinen Bijlmer zusammengesetzt wurde und welche davon authentisch geblieben sind?

Wenn man über die Epoche der Moderne – der 70 Jahre spricht, erkennt man Disparitäten zwischen Kultur und Architektur dieser Periode, welche von Krisen, Veränderungen und Umbrüchen geprägt wurde. Im Allgemeinen assoziiert  man die 70er mit Leichtigkeit und einer gewissen Exotik der “Blumenkinder” und werden mit Adjektiven wie “wild”, “frisch”, “lebendig”, “rebellisch” usw. bezeichnet. Die Gegensätzlichkeit dazu zeichnet sich in der Architektur der 70er ab; sie werden als statisch, formgebunden, rational, funktional sowie auch industriell beschrieben. Zielführender Aspekt dieser Architektur war die schnelle Schaffung von Wohnraum für die Masse der Gesellschaft. Wirtschaftliche und politische Bedürfnisse standen vor jenen der einzelnen Individuen.

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Unsere heutigen Erkundungen des Gebiets, lassen uns hinterfragen:

Kann die gebaute Umwelt eine Änderung der Gesellschaft verursachen? 

In der Planung lernen wir, dass Räume nach potentieller Nutzung und Verhalten zu gestalten sind. Nutzungen wie Street-Fitness, Urban-Gardening, Parkour sowie weitere Zwischennutzungen waren den PlanerInnen der 70er unbekannt, sind jedoch heutzutage ein Teil des Erscheinungsbildes von Bijlmer. Die Nutzungen als auch die Kunstwerke im öffentlichen Raum (z.B. diverse Graffiti in den Durchgangsräume) sprechen dafür, dass sich bestimmte Individuen bzw. Gruppen den Raum aneignen, um deren Individualität hervorzuheben oder ein Statement setzen.

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Auf Expedition mit Erwartungen! Die langen und tiefen Recherchen vor der Abreise deuteten darauf hin, dass Bijlmer eine extreme architektonische aber auch gesellschaftliche Verwandlung in den “90ern” erlebt hat. Und obwohl sich diese Erwartung tatsächlich verwirklicht hat, ist die Epoche der Moderne noch immer spürbar – durch die hohen Wohnkomplexe aus Fertigteilen mit breiten grünen und grauen Zwischenräumen, durch das Gefühl, dass viele Menschen hier wohnen, aber sich das Erscheinungsbild dennoch durch ein Geisterviertel visualisiert.

Der deutsche Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer sagt: “Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft”. Wir verbleiben mit folgenden Raumbilder und lassen euch überlegen wovon die Bijlmer-Gesellschaft träumt.

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Euer Amsterdam Team,

Gabi und Martin

 

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Von Wien nach Bijlmermeer – Eine Geschichte der Leere!

 

04:00 Uhr morgens klingelte der Wecker. Dusche, Kaffee und ab in den Mietwagen. Gähnende Leere in Wien, ein nahezu ausgestorbener Flughafen und ein Geisterflugzeug mit etwa 20 maskierten Passagieren. Nur der Gedanke „Es sei viel zu früh“ gibt uns Hoffnung, dass es in Amsterdam etwas anders wird. Bewaffnet mit ausgefüllten „Health Screening Forms“ trafen wir bereits beim Landen eine Menge furchtloser Touristen, welche sich auf dem Weg zu den Gates ihrer Urlaubsdomizile machten.

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Mit gemischten Gefühlen, viel zu großen Gepäckstücken und bereits 5-6 Stunden benutzten Mund-Nasen-Schutz „genossen“ wir eine 15 minütige Zugfahrt, die uns um 10:20 Uhr im Hotel eintreffen ließ.  Begrüßt mit großem Lächeln und einer langen Liste von COVID-Maßnahmen an der Rezeption, riet uns der hungrige Magen und ein Baby im Bauch die Gepäckstücke dort zu lassen und nach Essen im Bijlmer-Zentrum zu suchen. Nach einem kurzen Supermarktbesuch (da Sonntags das Leben erst ab 12:00 beginnt), sind wir bereit für den ersten Spaziergang.

Richtung Großwohnsiedlung führte unser Weg an einem kleinen Quartier aus Reihenhäusern vorbei. Getrennt durch Einbahnen, breite Radwege, ausgestaltete Freiräume, Spiel- und Sportplätze – eine Illusion, um die großen Dimensionen der alten Planungen des Sozialbaus zu “verkleiden”.

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Den Nelson Mandelapark kurz gestriffen, (welchen wir an einem anderen Tag noch genauer erkunden) führte unser Weg zu einem der vielen wabenförmigen Hochhäuser – Gooirod. Nach Erkundung des leeren Innenhofes fühlt man sich aufgrund der Dimension der umgebenden zehnstöckigen Gebäude ziemlich klein. Unbeobachtet konnten wir in das Gebäude eintreten um von oben weitere Eindrücke zu sammeln – die Menschen schauen wirklich klein aus, aber die Farbdynamiken zwischen grau und grün (repräsentiert durch die großzügigen Parkplätze und weite Rasenflächen) waren für uns äußerst spektakulär. Ähnliche Gefühle und Eindrücke sammelten wir auch bei unserer zweiten geheimen Gebäudebesichtigung in Kleiburg, jedoch mit überwiegenden Grautönen in unmittelbarer Nähe der Gebäude.

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Nichtsdestotrotz sind diese grauen Zonen meist durch Bäumen versteckt. Unser ersichtlich dominierender Eindruck vom Gebiet – GRÜN! Aber nicht nur einfach grün, sondern wahre Natur. Und klarerweise idyllische Plätze, um diese zu genießen. Durch die beeindruckende Größenordnung, die beruhigende Leere, der frischen Luft, die waldähnlichen Geräusche sowie der großen Vielfalt an Flora und Fauna, kann man leicht vergessen, dass man sich in einem dicht bewohnten Siedlungsgebiet befindet.

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Die Zwischenräume des Alltags sind in Bijlmermeer bunt und vielfältig und für uns unerwartet – leer. Für einen Sonntag mit schönem Wetter, ist es überraschend so viele “verlassene” Spiel- und Sportplätze, Bänke und Brücken zu sehen. In einem symbolischen Kampf zwischen Mensch und Natur, hat hier die Natur unbestritten gewonnen. Ob die Leere sich durch die Corona-Krise erklärt oder ob es sich um eine Gegebenheit in Bijlmer handelt, erfahren wir hoffentlich in den nächsten Tagen.

Bis dahin verbleiben wir mit schönen Grüßen aus Amsterdam und hoffen, dass ihr euch als Teil unsere Reise fühlt!

 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

 

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