(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT V: HOTEL SULINA

DAS HAUS AUF DER HALBINSEL

Zwischen Zentrum und Meer, direkt am Salina-Kanal führt ein unscheinbarer, betonierter Weg auf ein Areal, das von der Freizone und dem kleinen Hafenbecken abgegrenzt wird. Wie eine Halbinsel liegt es, umringt von hohen Sträuchern und groß-gewachsenen Bäumen, versteckt am östlichen Siedlungsrand. An dem kleinen Hafenbecken sehen wir wie Menschen schwimmen und angeln, sie wirken dabei glücklich und entspannt. Der Ort strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Außer uns betritt an diesem Tag niemand das angrenzende Gelände. Wir nähern uns einem Gebäude, dessen Formen von den Bäumen verdeckt werden. Dann entdecken wir die Ecken und Kanten, die den Bau unübersichtlich und komplex wirken lassen. Zahlreiche Fenster sind gleichmäßig an den Fassaden angeordnet. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Glas und verwehrt uns damit den Blick ins Innere. Wir fühlen uns beobachtet. An den Fenstern der unteren Reihe kleben noch die Überreste der Schutzfolie, weiter oben sind viele zerbrochen oder offen. Zwischen ihnen kam ein Material zum Einsatz, das uns an Holzbretter erinnert, deren Farben schon verblasst sind, doch ihre Maserung tritt stärker zum Vorschein. Dort wo die Fassade nicht mit dieser Textur verkleidet ist, bedecken kleine Kritzeleien die Mauern des verlassenen Hotels.

Zur Hinterseite führt der Weg hin zu einem kleinen Platz, der von drei Seiten umschlossen wird. In der Mitte des Platzes ragt eine alte Weide aus dem gefliesten Untergrund. Wir werfen einen Blick durch die Fenster. Im Inneren sind in den schlichten Räumen noch Tresen aus Mamor zu sehen, ansonsten ist alles leer.

So klingt es beim Hotel Sulina:

 

VOM STOLZ DER STADT ZUM TERRAIN VAGUE 

Der Hotelkomplex wurde in den 1980er Jahren erbaut, noch bevor die Revolution im Jahre 1989 die rumänische Diktatur stürzte. Als größte Hotelanlage im Donaudelta galt das Hotel Sulina als der Stolz der Stadt und beherbergte regelmäßig die führenden Persönlichkeiten des alten Regimes.

„Früher war das Hotel nicht nur für Besucher*innen, sondern auch für Bewohner*innen ein wichtiger Treffpunkt. In der Bar gab es einen Farbfernseher, also saßen wir dort oft beisammen und schauten fern.“, erinnert sich Liviu.

Heute zieht es nur noch Neugierige an, die es noch von früher kennen oder sich vom Zustand des Hotels ein Bild machen wollen. In ihrer Blütezeit war es im Besitz des Ministeriums für Tourismus, nach der Revolution investierte ein Immobilienmogul sein Geld in den Donaudelta-Tourismus und kaufte das Areal. Wenige Jahre später wurde er wegen zahlreicher Delikte inhaftiert und so steht das Hotel Sulina nun seit mehr als 10 Jahren leer. Die Bewohner*innen erzählen uns von einer Person, die sich um die Räumlichkeiten kümmere, um Vandalismus zu vermeiden. Auch wenn der Verfall sich schon am Äußeren des Gebäudes bemerkbar macht, scheint das Innere noch geschützt und gepflegt zu werden.

ZEITLOSES DESIGN

Das Hotel Sulina ist von all unseren (Nicht)Sehenswürdigkeiten die abgelegenste. Mitten im Grünen zwischen groß-gewachsenen Bäumen, Sträuchern und Wasser, versteckt sich das verwinkelte Gebäude und wird dabei nahezu von der Natur verschluckt. Das Leben der Pflanzen, steht in Kontrast mit der baulichen Starrheit. Trotz oder gerade wegen dem, erscheint uns das Gesamtbild stimmig. Die Farben, Formen und Materialien harmonieren mit der Landschaft. In den vielen Fensterscheiben spiegeln sich die graugrünen Blätter der Pflanzen und werden dabei von den petrolfarbenen Fensterrahmen eingefasst. Die sandfarbenen, steinernen Paneele der Fassade erinnern an Holzmaserung und finden sich in den natürlichen Texturen wieder. Das Design des Gebäudes aus dem Ende der 1980er wirkt so auf uns zeitlos.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT IV: SCHIFFSWERFT

SANTIERUL NAVAL

Wir folgen dem hohen Zaun um das abgesperrte Gelände. Zuerst verdeckt uns ein wuchtiger Plattenbau die Sicht, doch je weiter wir gehen, desto freier wird unser Blick. Wir sehen eingestürzte Dächer, verfallene Backsteinbauten und Flutlichtmasten zwischen groß-gewachsenen Bäumen.

Direkt am Ufer liegen viele Schiffe, zwischen ihnen steht ein Mann in Uniform. Wir winken ihm zu und fragen, ob wir das Gelände betreten dürfen. Ohne zu zögern öffnet er uns das Tor und bittet uns lediglich die anliegenden Schiffe nicht zu fotografieren, gleich darauf verschwindet er wieder.

Ein wenig zögerlich gehen wir entlang des Ufers und mustern die Häuser und Hallen, die zu unserer linken Seite stehen. Die Gebäude sind ganz verschieden: Formen, Farben, Materialien und Dimensionierungen unterscheiden sie voneinander. Die Bauwerke in der ersten Reihe stehen in einer Flucht geordnet nebeneinander. Sie verdecken den Blick auf die Gebäude dahinter, die wild platziert sind. Nur ein Zaun trennt das Gelände von den Weiten des Donaudeltas. Auf uns wirkt es so, als ob die Natur nach und nach durch den Zaun tritt und sich das stillgelegte Gelände wieder zurückerobert. Je weiter wir durch das immer höher werdende Gras schreiten, desto mehr Pflanzen ragen aus den Gebäuden und Bäume kratzen an den Fassaden. Wir hören einen Kuckuck und Wasser, das am Rand des Ufers plätschert, nur selten wird die Stille vom fernen Baustellenlärm durchbrochen.

Wir streifen zwischen den Bauwerken umher, spähen durch offene Fenster und setzen erste Schritte in das alte Verwaltungsgebäude, dessen weiße, hölzerne Flügeltür offen steht. Es ist ein filigranes Gebäude, umgeben von einem hellblauen Zaun. Aus der Mitte des Daches ragt ein Türmchen mit einem kleinen runden Loch, über dem in metallenen Buchstaben „santierul naval“ („die Werft“) geschrieben steht. Im Inneren liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden, sogar ehemaliges Inventar steht noch an Ort und Stelle.

Hinter dem Verwaltungsgebäude, abseits vom Wasser, bemerken wir eine eingeschossige Halle, auf der das Schild „Cantina Autoservire“, auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes hinweist. Die Halle ist komplett ausgeräumt, nur die weißen Fliesen an der Wand sind noch übrig geblieben.

Das Gelände endet mit der größten Halle. Durch ein fast quadratisches, rotes Metalltor betreten wir das Innere des Betonbaus. Tauben sitzen auf schweren, mal gelben, mal orangenen Laufkränen an der Decke. Wir stolpern hin und wieder über einen Schutzhelm.

So klingt es in der Schiffswerft:

DAS SCHALLEN DER HÄMMER

Zur Zeit als die Europäische Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, wurden die ersten Werkstätten und Hallen der Schiffswerft erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte man das Gelände östlich um neue Häuser und Werfthallen. In der großen Werkhalle am Rande der Werft wurden Motoren und zum Teil auch mittelgroße Schiffe repariert.

„Als ich mit 10 Jahren als Pfadfinder nach Sulina gekommen bin, habe ich am Morgen immer die Hammerschläge der Arbeiter gehört- gegen Mittag war es dagegen sehr still. “, erzählt uns Valentin.

Während der Ceausescu-Diktatur wurden weitere 250 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens nach Sulina gelotst, da die lokalen Arbeitskräfte nicht ausreichten. Aus dieser Zeit stammt auch ein massiver, fünfstöckiger Plattenbau, der direkt am Eingang der Schiffswerft die Arbeiter und ihre Familien unterbringen sollte.

„Ich habe ein Jahr lang in der Werft als Topograph gearbeitet und bin oft durch die Tür des Verwaltungsgebäudes gegangen. Auf dem kleinen Turm war einmal, da wo jetzt ein rundes Loch ist, eine Uhr mit einer Glocke, um Anfang und Ende der Schichten einzuläuten. Auch wenn ich nie wie die Arbeiter in den Werkhallen tätig war, wirkte für mich dieser Knochenjob sehr trist und grau.“, erfuhren wir von Liviu.

Die Schiffswerft steht heute großteils ungenutzt am nördlichen Ufer, nur einzelne Gebäude sollen zu Lagerzwecken verwendet werden und Schiffe der Grenzpolizei liegen am Steg der Werft. Die Leute reden davon, die Firma Bosch habe einen Teil des Geländes gekauft, wirklich wissen tut es jedoch keiner, geschweige denn was mit der alten Werft passieren soll.

AUSSTELLUNGSSTÜCKE VERGANGENER ZEITEN

Das Einzigartige an der verlassenen Schiffswerft ist die Überlagerung der Ebenen, die nicht nur diesen Ort, sondern ganz Sulina prägt. Die baulichen Reste der Europäischen Donaukommission und die, die aus der Diktatur stammen, koexistieren am linken Ufer des Sulina-Kanals und sind dabei im Bild der Stadt sehr präsent. Es sind zwei Epochen, die aufeinanderprallen und dabei ganz unterschiedliche Emotionen in den Bewohner*innen hervorrufen. Die „Goldene Zeit“, auf die nostalgisch und wehmütig zurückgeblickt wird und die einer gescheiterten Utopie, die sich in Frust und Abneigung niederschlägt. Die gegensätzlichen Paradigmen dieser Epochen spiegeln sich auch in deren Architektur wieder. Während am westlichen Teil des Werftgeländes der Anspruch auf Ästhetik und Repräsentativität mitklingt, hat sich im westlichen Teil Pragmatik und Funktionalität baulich manifestiert.

Wie der lange Gang eines Museums verläuft die Strada I mit ihren Trauerweiden entlang der Siedlung am südlichen Ufer. Auf der anderen Seite ist die Sicht auf die aneinandergereihten Ausstellungsstücke der Stadtgeschichte freigelegt, denn kein Baum und kein Schild verdeckt die Häuser und Hallen der Werft. Etwa 150 Meter trennen die Schiffswerft von den Gastgärten auf der gegenüberliegenden Seite. Usain Bolt hält mit 14,35 Sekunden den Weltrekord für diese Strecke. Die Werft ist so nah, dass die Gebäudestruktur erkennbar bleibt und so fern, dass der Verfall nur zur Randnotiz wird.

(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT II: HOTEL CAMBERI

SONNTAGSSTIMMUNG

Es ist Sonntag. Menschen schlendern entlang der Promenade. Sie sind herausgeputzt, lachen, tratschen und genießen das schöne Wetter. Boote kommen an und ziehen ab. Es herrscht Trubel in der Stada I. Inmitten dieser Szene steht ein altes Hotel, mit den drei Stockwerken kaum höher als die umliegenden Gebäude. Trotzdem tanzt es aus der Reihe. Nichts steht der Sicht auf das Gebäude im Weg, denn der Platz daneben ist frei.  So wirkt das alte Hotel höher und eindrucksvoller als es eigentlich ist. Dabei sind die Fassaden schlicht. Die Formen der Gebäudefront sind symmetrisch angeordnet, aufwendige Verzierungen sucht man aber vergeblich. Lediglich auf den rostigen Balkongeländern winden sich noch eiserne Ranken, im Zentrum ein Stern mit fünf Zacken. Die Türen sind mit schweren Ketten und Schlössern verriegelt, die Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wir streifen entlang der Mauern und finden eine Lücke, die groß genug ist, um in einem unbeobachteten Moment flink in das Hotel zu klettern. Im Inneren bröckelt der Putz schichtenweise von der Wand und verrät uns in welchen satten Farben die Räume und Zimmer einst gestrichen waren. Die unregelmäßigen Fliesen sind wie in einem Mosaik angeordnet, das sich weiter bis in den Platz neben dem Hotel fortsetzt. Oben stützen starke Holzbalken das Gebäude. Zwischen ihnen dringt Licht durch die löchrige Decke ein. In dem Raum, der zur Stada I orientiert ist, sind die Geräusche von außen sehr präsent. Das Geklacker von Stöckelschuhen, das Plätschern des Wassers und Stimmen aus den umliegenden Gastgärten füllen den so morbiden Raum mit Leben.

Im oberen Geschoss gelangt viel mehr Licht hinein, das alte Hotel wirkt freundlicher. Nur den Riss an der Wand, der das Gebäude beinahe in zwei Hälften teilt, nehmen wir als bedrohlich wahr.

Über einen Mittelgang gelangt man in zehn fast identische Zimmer. Jedes ist mit einem Graffiti versehen. Am Ende des Ganges befindet sich der langgestreckte Balkon, an dem man über der Strada I thront. Neben den Holzböden sind vor allem die Wände brüchig. Dort wo der Putz schon abgetragen ist, schauen Schilfrohre und Holzpaneele hervor. Ein kurzer Gang kreuzt den Mittelgang des ersten Obergeschosses. An einem Ende befindet sich die Steintreppe, die im Erdgeschoss beginnt. Am anderen Ende führt eine schmale, rote Holztreppe im Halbkreis ins zweite Obergeschoss.

So klingt es im Hotel Camberi:

 

EIN HOTEL FÜR DIE TOTEN

Wir trafen Liviu, den Fotografen des Ortes, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janine, die im vergangen Jahr von der Schweiz nach Sulina gezogen ist, in ihrem verwachsenen Garten. Liviu und Valentin erzählten uns die ungewöhnliche Geschichte des Hotel Camberi und warum es auch heute noch so viele positive Erinnerungen in der Bevölkerung hervorruft.

Das Hotel Camberi wurde Anfang des letzten Jahrhunderts von einem griechischen Kaufmann im Stil des Klassizismus erbaut. Es war ein besonderer Treffpunkt für die Bevölkerung, Besucher*innen und Offiziere der Garnison. Ein nobler Ort zu dem man sonntags spazierte, um in der Konfiserie ein Eis oder an der Bar einen Drink zu bestellen.

Es war das einzige Gebäude mit drei Geschossen in der Stadt und bot von seinen verzierten Balkonen einen einzigartigen Blick auf den Sulina-Kanal und das gegenüberliegende Ufer. Auch nach dem Krieg hatte das Hotel noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg leichte bauliche Veränderungen statt. Das Dach wurde angepasst, die Ornamente entfernt und der hinteren Teil das Hotel um vier Zimmer erweitert. Auch der Name änderte sich zu Hotel Farul („Leuchtturm“). Womöglich bekam es diesen Namen, weil es nahe dem alten Leuchtturm liegt oder aufgrund des besonderen Ausblicks, welchen man ansonsten nur vom Leuchtturm hatte.

„Heute erzählt man sich noch, dass die Toten, die vom Friedhof in die Stadt kommen im Hotel Camberi übernachten und sich hier, im wohl exklusivsten Hotel der Stadt, ein Zimmer nehmen“

– erzählt Valentin mit einem Grinsen.

Vielleicht ist es der Fluch der Geister, die die Renovierung des Hotels verhindern. Obwohl außenstehende Interessenten an die Stadt herantreten, verfällt das Gebäude allmählich. Vor einigen Jahren kaufte ein amerikanischer Investor das Hotel mit der Absicht es zu renovieren und in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Jedoch gab es ein Problem: Der Investor war nicht der Eigentümer des Grundstücks. Es kam es zu einem 10-jährigen Rechtsstreit, da die Umbauarbeiten an dem Hotel nicht begonnen werden konnten. Aus diesem Grund steht das historische Gebäude noch heute unverändert an der Promenade und fällt langsam in sich zusammen.

Liviu, Janine, Valentin sowie viele andere Bewohner*innen wünschen sich das alte Hotel Camberi zurück. Es soll wieder zu einem Ort werden, an dem man sich zum Sonntagskaffee verabredet oder mit seinen Kindern auf ein Eis geht. Für sie steht es sinnbildlich für die goldene Zeit, in der Sulina Europa in Miniatur darstellte.

 

DER CHARME DER ALTEN GEMÄUER

Das Besondere an dem Hotel Camberi sind die zentrale Lage und die Bedeutung des Ortes. Im Gegensatz zu der Fischkonservenfabrik war es nicht ein Ort der Arbeit, sondern ein Ort, den man in seiner Freizeit aufsuchte, um sich Luxus zu gönnen. Dort, wo Sulina sich den Bewohner*innen und Tourist*innen von der schönsten Seite zeigt, liegt das Denkmal vergangener Zeiten. Es hat vieles miterlebt, von der „Goldenen Zeit“ während die Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, bis zu der Periode als Kommunismus die zentrale Ideologie darstellte. Heute spiegelt sich im alten Hotel vor allem der Bedeutungsverlust der Stadt im Donaudelta wieder. Trotz des weiten Stadiums, den der Verfall schon angenommen hat, ist es von Außen und Innen noch klar als Hotel erkennbar. Die Gebäudefront hat den Anspruch auf Repräsentativität und Ästhetik, der Grundriss ist gespickt von aneinandergereihten Zimmern, die über lange Gänge erschlossen werden. Es steckt immer noch ein wenig Hotel in den alten Gemäuern.

 

ES IST, WIE ES IST

In Rumänien gibt es die Redewendung „Asta e“ – „Es ist, wie es ist“. Uns scheint, dass das dein Lebensmotto ist. Oft erscheinst du uns zu träge, um selbst Etwas aufzubauen und im selben Moment bist du zu stolz, um helfende Hände anzunehmen. Du bist eingefahren, hältst an Altem fest, ohne Neuem eine Chance zu geben. Bei dir fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt, weil du nicht mit der Zeit mitgehst. 

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Ausschnitt aus dem Film “Asta e” (Minute 17:48) von Thomas Ciulei, 2001 
GESELLSCHAFT 

Während der Gespräche, die wir hier mit den Bewohner*innen führten, wurde es uns ermöglicht einen Einblick in das Zusammenleben zu erhalten. Die Gemeinschaft ist in sich gekehrt, doch untereinander gut vernetzt. Man grüßt sich auf der Straße, plaudert und hilft einander. Dennoch bleibt man gerne unter sich, für Neuankömmlinge ist es eine Herausforderung Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. Anonym zu bleiben, ist aber auch unmöglich.

Die ältere Dame, die sich um das Museum kümmert, lebt schon ihr ganzes Leben in Sulina und kennt das Innenleben der Gemeinschaft. Ihrer Meinung nach erfolgt die soziale Abgrenzung nicht nur gegenüber Tourist*innen, sondern auch unter den Bewohner*innen. So gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg hier lebte oder deren Eltern diese Zeit miterlebt haben. Sie sind gegenüber Zugezogenen offen, kennen und schätzen dabei die Multiethnizität. Die zweite Gruppe setzt sich aus den Personen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sulina gezogenen sind. Unter Ceausescu wurden hier Arbeitsplätze geschaffen die vor allem von Rumän*innen besetzt werden sollten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase festigten sie ihre Stellung in der Gemeinschaft und treten seitdem Neuankömmlingen gegenüber skeptisch auf. Vor allem die in den letzten 10-20 Jahren Zugezogenen bekamen ihre Skepsis zu spüren und fühlen sich noch heute nicht ganz in die Gemeinschaft integriert.

Die Kirche spielt im gesellschaftlichen Leben Sulinas eine zentrale Rolle. Religion und Tradition sind eng miteinander verbunden. Jung und Alt fühlt sich den Traditionen verpflichtet und trägt sie weiter. Die traditionelle Rolle der Frau entspricht hier nicht dem modernen Frauenbild. Wir beobachten, dass in Lokalen und im öffentlichen Raum zu einem großen Teil die Männer beisammensitzen. Währenddessen tragen ihre Frauen die Einkäufe nach Hause, kümmern sich um Haushalt, Garten und Kinder.

POLITIK 

In Sulina lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit erkennen. Der Verdacht, dass Politiker*innen in korrupte Machenschaften verwickelt sind, besteht auch heute noch. Dieses Misstrauen zieht sich von der lokalen bis zur nationalen Ebene durch. Auf der regionalen Ebene macht sich das in einer von Bewohner*innen empfundenen Rivalität zwischen Sulina und der Kreishauptstadt Tulcea bemerkbar. Sie beschrieben uns die Einflussnahme Tulceas in das lokale Geschehen als bewusste Störung der Entwicklung. Oft hieß es, dass Tulcea sich mal wieder querstelle.

Nur auf europäischer Ebene zeigt man sich enthusiastischer. Seit dem Beitritt im Jahr 2007 ist die EU in den Köpfen der Rumän*innen sehr präsent. In Sulina ist die EU-Flagge überall zu sehen. Über den Eingängen öffentlicher Gebäude oder auf Schildern, die auf vergangene bzw. kommende Projekte hinweisen. Unser Eindruck ist, dass die EU den hier lebenden Menschen Hoffnung auf eine schönere Zukunft ihrer Stadt verleiht. Andererseits greift sie mit ihren Richtlinien regulierend in unterschiedliche Lebensbereiche ein. Egal ob man der EU gegenüber positiv oder negativ eingestimmt ist: es ist nicht gleichgültig, man hat eine Meinung. Vielleicht können Ausgang und Wahlbeteiligung der heutigen EU-Wahl diesen Eindruck bestärken. 

Es scheint uns als sei die Umsetzung von Projekten hier kompliziert. Unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind der Beweis. Bei vielen von ihnen traten private Unternehmer*innen von Außen mit ihren Plänen an die Gemeinde heran um die Gebäude zu sanieren und die verlassenen Orte wieder aufleben zu lassen. Die Verwaltung und Politik unterstützte in vielen Fällen die Projekte weder mit finanziellen Mitteln noch in der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen. Anstatt neue Projekte zu initiieren, nimmt die Gemeinde eine passive Stellung ein. Wenn etwas dann doch in die Wege geleitet wird, dann stellt wieder einmal die isolierte Lage der Kleinstadt und der damit einhergehende Mangel an Arbeitskräften eine Hürde dar.

Wir fragten uns woher diese Passivität kommt. In den letzten Tagen haben wir die Mentalität der Menschen dieser Stadt miterlebt, ihren Stolz, der es ihnen manchmal verwehrt fremde Hilfe anzunehmen. Sulina pocht auf ihre Autonomie, will die gute, alte Zeit wieder aufleben lassen und zwar aus eigener Kraft heraus. Vielleicht ist das die Erklärung.

ARMUT 

Ein Teil der Bevölkerung lebt in armutsgefährdeten Verhältnissen und vor allem von der finanziellen Unterstützung von Verwandten und all dem was Garten und Vieh hergibt. Besonders an den Rändern Sulinas sind diese Zustände zu erkennen. Die Siedlungen am Rand wirken informell, weil vieles willkürlich platziert und Materialien einfach zweckentfremdet als Baustoff verwendet werden. Wir haben Schiffsteile gesehen, die zu Gartentoren umfunktioniert wurden, alte Textilien dienen heute als Sichtschutz und der Abfall, der gar keine Verwendung findet, landet in der Natur.

Viele der Menschen wollen und können trotz ihrer Situation ihre Heimat nicht aufgeben und hoffen auf bessere Aussichten für ihre Kinder. Die jungen Menschen zieht es nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung in die größeren Städte der Region, um weitere Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Der rumänische Regisseur Thomas Ciulei thematisiert in seinem Film „Asta e“ (2001) die Armut der im Donaudelta lebenden Bevölkerung. Die Familien, deren Leben der Film porträtiert, stehen dabei sinnbildlich für die Krisen des postkommunistischen Rumäniens.

VON DER PERIPHERIE IN DER PERIPHERIE

Sulina, du bist die Peripherie in der Peripherie. Wie eine Insel liegst du im Donaudelta umringt von Naturlandschaft und Meer. Doch um verstehen zu können, wie du gebaut und gewachsen bist, erforschen wir deine Ränder und deine Mitte.

Deine öffentlichen Plätze sind fast an einer Hand abzuzählen: ein kleiner Stadtpark, die Promenade und kleine Plätze, an den Kreuzungen zur Strada I. Du machst dir nicht so viele Gedanken was einmal sein wird und wie du einmal aussiehst. Du lässt es einfach passieren und siehst dabei träge zu. So entstehen ungeplante neue morbide Räume und es verfallen diese die früher noch Zentren bildeten.

Wir haben uns den Verlauf deiner Siedlung zwischen der Mitte und den Enden angeschaut und gesehen wie sie mal abrupt endet und vom Donaudelta umschlungen wird und wie sie mal langsam ins Donaudelta ausklingt.

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IM NORDEN UND SÜDEN DER DONAU Querschnitt-01-01

Betrachtet man das Siedlungsgefüge Sulina in Nord-Süd-Richtung, dann wird deutlich, dass der Übergang von den städtischen, nutzungsdurchmischten, repräsentativen und bewusst-gestalteten Räumen der Stada 1 hin zu den ländlichen, banal-wirkenden, unregulierten Wohngebieten am südlichen Siedlungsrand fließend verläuft. Während in der Stada 2 und 3 der Boden noch asphaltiert ist und Schulen, Kirchen, Mini-Märkte und mehrgeschossige Plattenbauten zu finden sind, nutzen die Bewohner*innen der Strada 4, 5 und 6 den öffentlichen Raum vor ihren Häusern als ihre Werkstätten und Lagerflächen. Der Straßenraum wirkt wie eine Allmende der Nachbarschaft. Dementsprechend fühlt es sich als Außenstehender so an als würde man durch Privatgärten spazieren. In Prospect auf der anderen Seite des Sulina-Kanals setzt sich das Muster der Stada 4, 5 und 6 fort. Auch hier scheint es so als gäbe es keine strikten Vorgaben, welche Flächen wofür genutzt und nicht genutzt werden.

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LINKS DER DONAU

Prospects Bebauung besteht zum Großteil aus Kleingärten, die eine lockere und ländliche Struktur aufweisen. Das nördliche Ufer vermittelt eine fast schon private Atmosphäre. Der Trampelpfad durch das hohe Gras entlang der kleinen Häuser wirkt wie die Vorgärten, in welchen gearbeitet wird.

Am westlichen Rand stehen kleinen Gebäude an der Donau gereiht. Angrenzend an die Kleingärten trennt das weitläufige Gelände eines aufgelassenen Hafens die Siedlung in zwei Teile. Es ragen lediglich vereinzelte Gebäudereste aus der prärieähnlichen Landschaft, welche sich freilaufende Rinder als Unterschlupf zu Eigen machen.

Folgt man dem Sulina-Kanal weiter Richtung Osten überquert man eine kleine rostige Brücke nach der die Bebauung dichter und die Straßen breiter werden. Die Grenze am östlichen Ende der Siedlung stellt ein zerfallener Plattenbau dar, der Wohngebiet und Schiffswerft trennt. Das abgesperrte Gelände der Werft zieht sich entlang des Ufers hin zu einem großen Hafenbecken.

Die Bebauung der Werft setzt sich aus schönen alten Backsteinbauten der Donaukommission und Werkhallen aus der Zeit des Kommunismus zusammen. Hin zum Ufers bilden die Arbeiterhäuser, das Verwaltungsgebäude und die Werkhalle eine einheitliche Flucht.

RECHTS DER DONAU

Die lineare Siedlungsform Sulinas orientiert sich entlang des Sulina-Kanals. Die Verbindung von Westen in Richtung Osten entlang der Strada I bis hin zum Strand beträgt stolze sechs Kilometer. Das gesamte Siedlungsgebiet ist in einen einzigartigen Naturraum von Auwäldern, Trockenbiotopen und Schilfrohrgebieten eingebettet.

Vor allem am westlichen Rand der Kleinstadt findet ein fließender Übergang von Siedlungs- zu Naturräumen statt. Dazwischen unterbrechen lediglich einzelne Hotels, die Privatheit der Kleingartenbesitzer*innen am Sulina-Ufer. Der Wasserturm überragt mit seinem ca. 25 Metern alle anderen Gebäude und bildet ein Landmark in der Landschaft.

In Richtung Stadtkern folgt ein Industriegebiet, aus welchem die stillgelegte Fischkonservenfabrik hervorsticht. Anschließend an das Industriegebiet folgt der urbane Raum Sulinas, welcher wenig frequentiert ist und kaum Orte zum Aufenthalt bietet. Zwischen den höheren Gebäuden lockern Baulücken die zunehmende Dichte des Gebiets auf. Dieser Raum zeichnet sich durch seine Nutzungsdurchmischung in den Erdgeschosszonen aus, dennoch überwiegt auch in diesem Teil der Stadt vorwiegend die Wohnnutzung.

Im Zentrum Sulinas wirkt der Öffentliche Raum bedachter gestaltet, jedoch werden auch hier wenig Kosten und Mühe in die Instandhaltung des öffentlichen Raums gesteckt. Trotz des desolaten Zustand der Promenade findet hier eine höhere Frequentierung und Nutzungsmischung statt. Die Donaukommission, die Orthodoxe Kirche, der alte Leuchtturm und weitere historische Gebäude bilden das Ende des zentralen Bereichs und prägen das Stadtbild Richtung Osten.

Am östlichen Rand der Stadt endet die Bebauung abrupt, nur selten steht ein Gebäude in der Landschaft. In Richtung Strand wird der Naturraum durch eine langgezogene Straße durchbrochen, an deren Ende sich erneut einzelne Hotels und Pensionen sammeln.

 

TOUR DE SULINA II

An unserem zweiten Tag lernten wir dein anderes Gesicht kennen. Wir überquerten den Fluss, um das zu erforschen, was eigentlich direkt vor unserer Nase war. Erneut wurden wir von deiner Vielschichtigkeit überrascht. Wir haben verwilderte, private, idyllische und zerstörte Orte entdeckt. Diese Orte in der Peripherie der Peripherie sind ein wichtiger Teil deiner Geschichte und lassen uns in deine Vergangenheiten eintauchen. Für uns sind deine geschichtsträchtigen Orte, die sich nach und nach die Natur zurückerobert, jene (Nicht)Sehenswürdigkeiten, welchen wir auf die Spur gehen.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina II verfolgen

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An das linke Ufer des Sulina-Kanals gelangen wir mit einem kleinen, blauen Boot. Zwei ältere Personen steigen mit uns ein, um das südliche Ufer zu verlassen. Angekommen in Prospect weisen sie freundlich unsere helfenden Hände ab, steigen schwerfällig aus dem Boot und unsere Wege trennen sich.

Wir folgen einem schmalen Weg zwischen den Häusern und haben schon wenige Augenblicke später das Ende der Siedlung erreicht. An einem kleinen Kanal wandern wir einen leicht erhöhten Feldweg entlang in Richtung Westen. Die Boote am Ufer verschmelzen nahezu mit der Landschaft. Das hohe Schilf weht im Wind, nur selten hört man Kröten oder Insekten im Gebüsch. Prospect wirkt noch ruhiger, privater und ländlicher als die hinteren Straßen der südlichen Seite Sulinas.

Die stillen Gewässer grenzen Landschaft und Siedlung klar ab. Am Ende des Weges führt eine von Rost überdeckte, wackelige Brücke über einen weiteren Kanal. Wir folgen den Trampelpfaden unserer Vorgänger und befinden uns inmitten einer prärieähnlichen Landschaft. Das Gras wächst nicht hoch und nur die scheinbar willkürlich platzierten Betonklötze stellen echte Erhebungen dar. Eine ideale Kulisse für einen Alien-Film. Das Grau der Mauern ist im Laufe der Jahrzehnte vergilbt und von Flecken bedeckt. Die Rinder, die die Überreste der Industrieanlage heute bewohnen, haben sich farblich an ihre Behausungen angepasst. Neben den Tieren haben sich auch Menschen diesen Ort zu Eigen gemacht. Graffitis und verbrannte Böden sind das, was sie zurückgelassen haben.

An einer Anlegestelle befindet sich ein altes Schiff im Sulina-Kanal, >Print Constantin< steht in blauer Farbe auf der Außenwand. Das Innere des Schiffs wurde schamlos ausgeräumt und alles Verwertbare herausgerissen. Nur noch wenige Überbleibsel bedecken den blau-lackierten Boden.

Der Trampelpfad führt weiter zu einer schmalen Siedlung. Die Fläche zwischen den Zäunen der Grundstücke und dem Sulina-Kanal ist verwildert, das Gras wird nur durch die Radspuren der Autos unterbrochen, die sich selten in die Siedlung verirren.

Der Weg wirkt mehr wie eine Verlängerung des Vorgartens, als wie ein öffentlicher Raum. Männer lackieren dort ihre Booten und flechten Fischernetze. Je weiter wir dem Weg flusseinwärts folgen, desto größer werden die Abstände zwischen den Häusern.

Wir kehren um. An dem Mini-Markt der Siedlung vorbei führt eine zweite Brücke in den östlichen Teil von Prospect. Ein paar Häuser grenzen an das abgesperrte Gelände der Schiffswerft. Hier und da sehen wir ein eingestürztes Schilfdach. Schilder deuten darauf hin, dass das Betreten des Areals verboten ist, doch ein Grenzpolizist öffnet uns achselzuckend die Tore und wir betreten die Industriebrache.

Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes liegt die gesamte Werftanlage still, heute sind wir die Einzigen, die durch das großflächige Areal streifen. Wir wandern von Gebäude zu Gebäude und spähen durch zerbrochene Fenster. Die Böden sind mit Überbleibseln früherer Zeiten, Müll und Schutt bedeckt.

Die Tür des alten Verwaltungsgebäudes steht offen. Dahinter liegen alte Magazine und vergilbte Dokumente am Boden verteilt. In einem Zimmer verstecken sich sogar sechs kleine Welpen, die sich schnell in ihrer Höhle in der Wand verstecken, als sie uns entdecken.

Wir gehen weiter, schauen durch zerbrochene Fenster, klettern durch blockierte Türen, bis wir das Ende des Areals erreicht haben. Das letzte Gebäude war einmal eine große Werkhalle. Mächtige, rote Tore verleihen dem Betonbau einen modernen Touch. Durch die zerbrochenen Fenster sehen wir Überreste aus vergangen Zeiten. Kräne hängen von der Decke, Helme und Werkzeuge liegen am Boden verstreut. Die Hallen sind gekennzeichnet durch die regelmäßige Anordnung ihrer Bestandteile. Rohre, Pfeiler, Balken sind geordnet und bilden klaren Strukturen. Die Landschaft umgibt diese alten Hallen. Die verblassten Farben der Gemäuer harmonieren mit den gräulichen Gräsern und Sträuchern.

Neben der Halle mit den roten Toren befinden sich Schienen, die zum Sulina-Kanal führen und darin verschwinden. Vier Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Von oben kann man bis zum Schwarze Meer blicken. Gewaltige Schiffe kämpfen sich flussaufwärts.

Bei unserer Reise zurück in vergangene Zeiten verlieren wir jegliches Zeitgefühl. Am Weg zurück zu unserer Unterkunft werfen wir erneut einen Blick auf das besondere Gelände, dessen Schönheit versteckt ist. Doch wenn man sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, entdeckt man ständig Neues und verliert den Blick in Details.

Denis, Mari und Viki

TOUR DE SULINA I

Der Weg zu dir fühlte sich an, wie eine Reise ins Nirgendwo. Unvorstellbar, dass du so versteckt am Rande eines Naturschutzgebiets liegst. Am ersten Blick wirktest du wie ein Fremdkörper in der Landschaft, aber nach und nach verstehen wir, weshalb du noch da bist.

Wir kommen in einem deiner höchsten Plattenbauten unter. Die Fassade bröckelt, die Gänge sind fensterlos und die Balkone besetzt von Klimaanlagen. Doch wir fühlen uns wohl in unserem neuen authentischen Reich.

Heute haben uns deine Kirchenglocken und krähenden Hähne aus den Federn gerissen. So schlenderten wir schon früh morgens die südliche Seite deines Ufers ab. Wir entdeckten leerstehende Fabriken, Wohnhäuser und Hotels. Kirchen, die alle Gebäude überragen, bunte Häuser mit prächtigen Gärten, sanfte Landschaften und vieles mehr. Sulina, deine Facetten sind vielseitig und wir sind gespannt was du noch so zu bieten hast.

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Hier könnt ihr unsere Tour de Sulina I verfolgen

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Unweit unserer Unterkunft befindet sich die Fischkonservenfabrik, ein Überbleibsel aus der Zeit als Sulinas Industrie noch eine Rolle spielte. Seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes stehen die hohen Fabrikhallen am Wasser leer. Schon während unserer Vorbereitungen erfuhren wir von diesem postindustriellen Erbe, daher schlüpften wir drei durch die Löcher bröckelnden Mauer, um uns ein eigenes Bild zu machen. In der alten Fabrik riecht es noch nach Fisch. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Hallen, Stiegen, Fluren und Kammern. Licht und Dunkeln wechselt sich ständig ab. Wir genießen Ausblicke, lauschen der andächtigen Stille dieses Ortes und uns wird klar: Falls es einen Fischkonservengott gibt, das wäre wohl sein Tempel.

Wir schlendern vorbei an den Häusern und Hütten der Strada 3 und folgen dann der Donau bis ans Ende der Strada 1. Links von uns werfen die Trauerweiden ihre Schatten, die Wellen der Donau wiegen die Boote gemächlich auf und ab. Rechts fallen uns zahlreiche Restaurants, Hotels, Plattenbauten und historische Gebäude auf. Einem Teil davon ist der Verfall schon deutlich anzusehen. Prospect, der Stadtteil links der Donau, kommt uns dabei so nah vor. Die kurze Distanz ist aber trotzdem ohne Boot unüberwindbar.

Wir lassen den Palast der Donaukommission, den alten Leuchtturm und das Krankenhaus hinter uns und gelangen zur Freizone. Die alten Lagerhallen werden von einem rostigen Stacheldrahtzaun und Sichtschutzfolien umringt. Wir fragen uns, welcher Schatz sich wohl darin befinden muss und spazieren weiter zum benachbarten Hotel Sulina.

Das Hotelgelände liegt verborgen zwischen Böschungen und Bäumen direkt an der Donau und einem kleinen Hafenbecken. Die Architektur der Anlage lässt uns schlussfolgern, dass sie wohl nach dem Krieg erbaut wurde. Wie so viele Gebäude in Sulina steht auch dieses leer, auch wenn der Verfall nicht das Stadium der Fischkonservenfabrik erreicht hat. Die Farben und Schilder der Fassade sind verblasst, nur die grellen Graffitis stechen hervor. 

Streunende Hunde (unsere neuen Freunde) begleiten uns bis zum Friedhof von Sulina. Zwei ältere Frauen kümmern sich um die Grabstätten. Hier am östlichen Rand der Stadt fließen Friedhof und Landschaft ineinander über. Zwischen den weißen, formenreichen Grabsteinen wuchern überall Wildblumen und Gräser.

Am hinteren Ende des Friedhofes führt uns eine lange, gerade Straße in Richtung Strand. Nur wenige besuchen ihn heute, sammeln Muscheln oder halten ihre Füße ins Schwarze Meer. Schwarz glänzender Sand färbt das Wasser in dunkles Grün. Etwas dahinter beobachten uns wenige Kühe unaufgeregt.

Wir wandern wieder zurück in das Stadtinnere in die breite, ungepflasterte Strada 4. Straßenmarkierungen und -abgrenzungen gibt es hier keine. Die Mitte der Straße ist von sandigem Erdboden bedeckt, rechts und links davon lagern Bewohner*innen Baumaterialien und Boote. Überall sehen wir farbenfrohe Zäune. Dahinter ragen bunte Gärten und Häusermauern hervor. Für uns fühlt es sich so an als würden wir private Räume betreten. Während wir an den gärtnernden Bewohner*innen vorbeispazieren, bleiben ihre Blicke neugierig an uns haften.

Fortsetzung folgt …

Denis, Mari und Viki

 

SALUT ROMANIA, SALUT BUCURESTI!

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Zeppelin bei der Romanian Design Week

Lange hat es gedauert bis wir unsere Expedition endlich beginnen konnten, doch jetzt ist es so weit und wir können es kaum mehr erwarten dich persönlich kennenzulernen. Es fühlt sich an als würden wir uns schon lange kennen, beinahe so als wären wir alte Bekannte.

Sulina, wir wissen schon so viel über dich, doch alles was wir wissen, stammt aus Büchern und Karten die wir gelesen, Filmen die wir gesehen und Gesprächen die wir geführt haben. Jetzt ist der Zeitpunkt an dem all dies mit eigenen Eindrücken vervollständigt wird.

Zu dir zu kommen, ist gar nicht so einfach. Unsere Anreise dauerte zwei Tage und wir mussten vier verschiedene Verkehrsmittel nutzen – nur um bei dir sein zu können. Damit wir deine Heimat und dein Umfeld besser verstehen, stoppten wir in Bukarest um die Hauptstadt und drei ihrer Bewohnerinnen kennenzulernen.

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Nach einem kurzen Flug betreten wir drei zum ersten Mal am Bukarester Flughafen rumänischen Boden. Am Weg ins Zentrum sammeln wir erste Eindrücke. Aus dem Fenster des Busses sehen wir überdimensionierte Werbetafeln, EU-Flaggen und vor allem eines: Autos.

Nach einem Spaziergang durch das Stadtzentrum fällt auf, dass die baulichen Typologien der Stadt sich nicht in Vierteln konzentrieren, sondern überall aufeinandertreffen.

Alte Stadtvillen, Prunkbauten, Fabriken, Plattenbauten und moderne Bürohochhäuser bilden ein Mosaik. Zwischen den Gebäuden wuseln die Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und Autos. So wirkt Bukarest auf uns viel großstädtischer als Wien.

Wir drängten uns zwischen die parkenden Autos hin zum Green Hours Jazz Café. Geschützt vom Lärm der pulsierenden Stadt trafen wir uns mit drei jungen Architektinnen, um mit ihnen über Rumänien, Bukarest und Sulina zu sprechen.

Sie erzählten uns, dass rumänische Gemeinden nicht sehr bemüht sind Ortsbilder und baukulturelles Erbe zu erhalten und verglichen mit Wien nur sehr wenig reguliert wird. Das Besondere steckt daher nicht in einzelnen Bauten und Plätzen, sondern in der Überlagerung der einzelnen Stadtschichten. Als außenstehende Person sei das nicht immer zu erkennen, umso glücklicher sind wir Sulina für zehn Tage zu erkunden und hinter die (bröckelnden) Fassaden zu blicken.

Morgen gibt’s den nächsten Blogbeitrag!
Bis dann,
Denis, Mari und Viki

Tag 10: Ein schöner Abschluss der Forschungsreise

Am letzten Tag hatte ich echtes Glück, denn an diesem Tag fand in Sulina das Folklore-Festival „Festival Scrumbiei“ statt. Es traten unterschiedliche Ensembles ethnischer Minderheiten aus der Region auf einem kleinen Platz vor dem Palast der ehemaligen Europäischen Donaukommission auf. Da solche Festivals eher verhältnismäßig selten stattfinden, freute ich es mich besonders dieses mitzuerleben. Durch die vielen Besucher wirkte die Stadt sehr belebt und auf der Straße 1 strömten die Menschen wie auf einem Boulevard Richtung Festivalgelände.

In diesem Blogeintrag werde ich mich der kollektiven Identität der Lipowaner und deren Bezug zum öffentlichen Raum widmen. Durch den heutigen Tag habe ich wieder neuen Input zu diesem Thema bekommen.

Laut Christmann kann kollektive Identität als einen auf einen Raum bezogenen gesellschaftlichen Wissensvorrat gesehen werden. Neben Landschaftsmerkmalen, Bauwerken und Bekleidungsvorschriften können auch Bräuche, Feste und Dialekte als Referenzpunkt für diesen Wissensvorrat dienen. In Bezug auf den Raum stellt es sich als notwendig dar, dass um Investoren und Touristen zu gewinnen zu können, müssen Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit vermittelt werden.

Angefangen über die Lage Sulinas im Delta, welche durch sein artenreiches Ökosystem ein hohes touristisches Potential birgt, ist die Präsenz von Tradition im öffentlicher Raum in der Stadt als wichtig zu erachten wird wichtiger für den Tourismus in der Stadt. Tradition kann in Form von der gebauten Umwelt, beispielsweise durch Gebäude, aber auch durch kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum präsent sein.

Die typischen Wohnhäuser der Lipowaner mit ihren weiß-blauen Fassaden stellen beispielsweise einen Referenzpunkt zur kollektiven Identität dar.  Menschen in Sulina und andere Dörfern, wie beispielsweise dem touristisch orientierten Mila 23, haben dieses Potential erkannt und den Stil des lipowanischen Hauses für Hotels und Restaurant adaptiert.

Festivalisierung der Stadt

Die Festivals repräsentieren nicht nur die Tradition und Kultur der Lipowaner im öffentlichen Raum in der Stadt, sondern dienen hauptsächlich dem tertiären Wirtschaftssektor, vor allem der Gastronomie. Daher kann auch davon ausgegangen werden, dass durch die Festivalisierung der Stadt ein wesentlicher Beitrag zum Tourismus und damit zum wachsenden Wohlstand Sulinas beigetragen werden kann.

 

Damit beende ich meinen Blog mit diesem Eintrag und bedanke mich bei allen Menschen, welche mich auf dieser Forschungsreise unterstützt haben.

La Revedere, Sulina!

Tag 9: Auf den Spuren der Identität

Meine Forschungsreise in Sulina neigt sich langsam dem Ende zu und ich möchte in den letzten zwei Blogeinträgen Resümee ziehen und meine Forschungsfragen beantworten. Der  öffentliche Raum soll anhand von personaler und kollektiver Identität aus Sicht der Lipowaner analysiert werden. In diesem Blogeintrag soll es um die personale Identität gehen.

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Heute besuchte ich einige Dörfer im Delta von Sulina. Anhand von Periprava sieht man, dass die fehlende Identifikation mit dem Raum die Abnahme der Bevölkerung zur Folge hat. In dem Dorf sind mehr als 90% der Bevölkerung lipowanisch. Der öffentlliche Raum in Periprava ist durch seine ungepflasterte Straßen, welche von Einfamilienhäusern gesäumt werden, den eher ländlich geprägten Teilen Sulinas ähnlich. (siehe Titelbild) Die Bevölkerung Peripravas ist überaltert, die jungen Leute sind nach Sulina oder Tulcea abgewandert. Ich befragte eine ältere Frau und auf die Frage ob sie gerne hier lebe, antwortet sie resigniert, dass man keine andere Wahl habe.

Personale Identität in Bezug auf den öffentlichen Raum in Sulina

Nach Gabriela Christmann ist die personale Identität mit dem Gefühl der persönlichen Zugehörigkeit verbunden. (vgl. Christmann 2008: 1) Bezogen auf den Raum zeichnet sich diese Ebene dadurch aus, dass Menschen an einem Ort verbleiben, der soziale Zusammenhalt gestärkt wird und ein verantwortungsbewusstes Handeln für den Raum mit sich bringt. Letzteres bezieht Christmann beispielsweise auf die Mitwirkung in Vereinen. (vgl. Christmann 2008: 3)

Eine Erkenntnis aus der Forschung ist, dass die Lipowaner den öffentlichen Raum nicht anders nutzen als die Mehrheitsgesellschaft. In der Identifikation mit dem Raum, also dem Kontext Stadt in Bezug auf deren Tradition und Kultur, können schon Unterschiede festgestellt werden.

Die Urbanisierung einer ruralen Gemeinschaft

In meiner Forschung habe ich Hinweise darauf gefunden, dass sich die Gemeinschaft von seiner ruralen Kultur löst und zu einer von Urbanisierung geprägten Gemeinschaft wird. Die Gemeinschaft der Lipowaner kann als Verein betrachtet werden, welcher laut Christmann  zu einem verantwortungsbewussteren Handeln für den Raum betragen kann. Die Lipowaner befinden sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und das Bild dieser ethnischen Gruppe hat sich verändert. Wie auch die Mehrheitsgesellschaft sind die Lipowaner auch durch die Schrumpfung der Stadt, Arbeitskosigkeit und zunehmende Abhängigkeit vom Tourismus betroffen.

Für eine Urbanisierung der Gemeinschaft kann erstens der Wandel der Erwerbstätigkeit und sogar das Verlassen der Dörfer bzw. die Zuwanderung in die Städte als Indikator dafür gesehen werden. Zweitens werden Kultur und Religion im alltäglichen Leben vieler junger Menschen immer unwichtiger. Drittens kann die generelle Öffnung der Gemeinschaft und die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls für diesen Wandel sprechen.

Quelle: Christmann, G, „Statement Identität und Raum“, 2008: 1, 3

Tag 8: Perspektivenwechsel

An diesem Tag machte ich einen Perspektivenwechsel: Ich fuhr mit einem kleinen Motorboot über die Donau und erreichte zum ersten Mal den nördlichen Stadtteil. Von Norden her blickt man anders auf die Stadt und die starke West-Ost-Ausrichtung wird aus dieser Perspektive besonders deutlich.

Hier sprach ich mit einem Fischer, welcher meint, dass die Lage Sulinas an der Donau, den vielen Kanälen des Donaudeltas und am Schwarzen Meer viele Vorteile für das Fischen hat, doch die hohen Steuern und fehlenden Subventionen diesen Beruf zunehmend unattraktiver machen. Neben dem freien Fischen sollte es außerdem erlaubt sein auch in den alten Armen der Donau, welche im Zuge der Regulierung dieses Donauarms abgeschnitten wurden, dieses Gewerbe auszuüben.

Er meint, dass es eigentlich keinen Unterschied der beiden Donauseiten Sulinas gibt. Mir fällt auf, dass die Nordseite durch seine geringe Bebauung viel ruraler wirkt, auch das Fehlen einer Promenade lässt dieses Donauufer nicht so elegant wirken. Die Menschen gehen hier ihren täglichen Aktivitäten nach, Touristen verirren sich hierher kaum. Die rote Fußgängerbrücke ist hingegen ein schönes Motiv zum Fotografieren und kann als Sehenswürdigkeit dieses Stadtteils gesehen werden.  (siehe Titelbild)

In den letzten Tagen konnte ich vieles über die Stadt, den öffentlichen Raum und die Lipowaner erfahren. Die nächsten zwei Blogeinträgen sollen dazu dienen meine Forschungsreise zu reflektieren und anhand der Theorie über den öffentlichen Raum meine Fragestellung zu beantworten.

Tag 7: Hat der Tourismus in Sulina eine Chance?

Die Stadt benötigt dringend Geldmittel, um seine Lage zu verbessern, Jobs zu schaffen und die Abwanderung von jungen Menschen im erwerbsfähigen Alter zu verhindern. Heute sprach ich mit zwei Menschen über deren Sicht auf dieses Thema.

Eine Barfrau, welche an der Straße 1 arbeitet, meint, dass Sulina dringend Investitionen bräuchte, um Infrastrukturen bzw. sein Stadtbild zu erhalten. Ihrer Meinung nach ist die Korruption in Rumänien leider zu hoch und aus diesem Grund hat die Regierung kein Geld für die Stadt übrig. Die fehlenden Investitionen wirken sich auch negativ auf den Tourismus aus, welches in Sulina heute noch in den Kinderschuhen steckt.

Der zweite Gesprächspartner war ein Matrose, welcher davon berichtete, dass Sulina im internationalen Vergleich mit seinen Bedingungen für die Schifffahrt nicht mithalten kann. Es werden zwar Fonds für die Erhaltung der Infrastrukturen vergeben, doch der Sitz der Behörde befindet sich in Galatz. Da Sulina aus heutiger Sicht keine bedeutende Rolle im internationalen Schiffsverkehrs mehr spielt und der Fonds nur begrenzte Ressourcen zu vergeben hat, werden die Gelder eher an den Hafen von Galatz vergeben, welcher durch seine Lage an der Donau eine direkte Konkurrenz zu Sulina darstellt.

Tag 6: Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte

In diesem Blogeintrag werde ich mich mehr auf die Stadt und den öffentlichen Raum konzentrieren. Der heutige Tag war für mich wieder produktiv, da ich die Gelegenheit hatte mit verschiedenen interessanten Menschen über ihre Sicht auf die Stadt sprechen zu können. Im Folgenden möchte ich thematisch sortiert über die verschiedenen Felder berichten über welche ich heute und in den letzten Tagen Erkenntnisse gewinnen konnte.

Das rasterförmige Straßennetz

Das rasterförmige Straßennetz Sulinas folgt demselben Prinzip wie das von New York. Es spiegelt wieder das Sulina damals eine entwickelte Stadt war, welche durch das Raster schnell erweitert werden sollte. Zwar erleichtert diese Form des Straßennetzes die Erschließung der Stadt, jedoch nehmen die Wege durch die weite West-Ost-Ausdehnung des Stadtgebietes zu. Das Auto spielt eher eine untergeordnete Rolle im Straßenraum, da es für viele nicht leistbar ist. Die meisten Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Die Nutzung des öffentlichen Raums

Das Wetter, der Wochentag und die Uhrzeit haben auf jeden Fall einen Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raumes in Sulina. Besonders am Abend füllt sich die Straße1 mit Leben, welche direkt an der Donau liegt, und wird dabei zur Flaniermeile. Hier findet im Gegensatz zu den restlichen Querstraßen, welche fast ausschließlich an Wohngebieten liegen, das öffentliche Leben statt.  Häufig sieht man wie Gruppen von Menschen zusammenstehen, reden und rauchen. Es finden auch Gespräche statt, welche meist aus dem spontanen Begegnen entstehen. Die niedrige Mauer, welche die Straße 1 von der Donau trennt, wird häufig als Sitzgelegenheiten von einzelnen Personen oder Gruppen benutzt. Parkbänke existieren zwar, wurden aber nach bei meinen Beobachtungen eher selten genutzt.

Meiner Meinung nach nutzen die Lipowaner den öffentlichen Raum in Sulina nicht anders als andere Gruppen. Eine junge Frau der Gemeinschaft meint, dass sie dieselben Aktivitäten wie ihre rumänischen Freunde aus der Schule betreibt.

Die schrumpfende Stadt

Einst war Sulina war kein isolierter Ort wie heute, denn die internationale Schifffahrt verband es mit dem Rest der Welt. Die Leute kamen in die Stadt um Geld zu verdienen. Ein Mann verglich es in einem Gespräch mit dem Goldrausch in Kalifornien. Doch Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte, denn heute ist die Stadt von Schrumpfung betroffen. Diese ist nicht auf die exponierte geopolitische Lage zurückzuführen, sondern hat rein ökonomische Ursachen, wie man mir erzählte. Fehlende Jobs führen zu Armut und bieten keine Perspektive für die kommenden Generationen, weshalb die Jugendlichen nach dem Abschluss der Schule Sulina verlassen und in andere Städte ziehen. Zwar existieren die Fischfabrik und Werft noch, doch die Industrie ist schon lange zusammengebrochen. Es ist nicht mehr wie es in der Vergangenheit einmal war. Nicht mal mehr durch die Frachtschiffe, welche fast täglich durch Sulina fahren, kann die Stadt bzw. der Hafen Geld verdienen.

Historische Aufnahmen von Sulinas Blütezeit findet man hier: Monografia Orasului Sulina

Die Zukunft des Tourismus

Nur wenige Touristen erreichen heute Sulina. Die Stadt könnte durch seine Lage im Donaudelta und ihrem Zugang zum Schwarzen Meer profitieren, doch die unterschiedlichen Anbieter in der Stadt kooperieren nicht miteinander und arbeiten lieber für sich. Es ist wie ein Orchester ohne Dirigenten, erklärte man mir. Da die Saison mit nur eineinhalb Monaten im Sommer recht kurz ist, setzt man in Sulina eher auf Qualität statt Quantität und hofft mit sanftem Ökotourismus eher die gebildeteren Touristen anzulocken.

Tag 5: Von den Toten zu den Lebenden

„Zwischen verlassenen Baustellen, Schutt von Straßenarbeiten, zwischen Erikagestrüpp und Teergeruch reihen sich auf dem stoppeligen Heideland zahlreiche Friedhöfe aneinander – der Orthodoxen, der Türken, der Juden, der Altgläubigen in unmittelbarer Nachbarschaft“

So beschrieb Claudio Magris 1988 in seinem Werk „Donau. Biographie eines Flusses“ den Friedhof von Sulina, welchen ich heute Vormittag besuchte und menschenleer vorfand. (siehe Titelbild) Ich habe den Eindruck, auch durch die Interviews der letzten Tage, dass die Menschen eher Friedhöfe meiden und im Hier und Jetzt leben möchten. Trotzdem wirken die Grabstellen gepflegt und sind nach der Tradition der altgläubigen orthodoxen Christen gestaltet worden.

Nach dem Besuch des Friedhofs begann ich mit dem Mapping der relevanten Orte der Lipowaner und fuhr deshalb wieder an den westlichen Stadtrand, um die genaueren Positionen einiger Siedlungsschwerpunkte zu eruieren.

Am Nachmittag traf ich im Haus der lipowanischen Gemeinschaft die Russischlehrerin und den Präsidenten der Gemeinschaft zum Interview. Ich erfuhr, dass die Kinder in der Schule Russisch lernen und in der Gemeinschaft dann traditionelle Tänze und Lieder proben. An diesem Tag war die Probe für das Festival, welches am kommenden Samstag in Sulina stattfinden wird. Die Lehrerein meint, dass durch die Tänze und Lieder die Tradition leichter weitergegeben werden kann.

Durch den Präsident der Gemeinschaft erfuhr ich mehr über die Organisation der Gemeinschaften. Er erklärte, dass jede Stadt bzw. jedes Dorf seine eigene Gemeinschaft hat, welche die Traditionen pflegt. Er meinte auch, dass die Gemeinschaft in Sulina akzeptiert werde und auch die unterschiedlichen Kirchengemeinden seit jeher friedlich nebeneinander existieren.  Seiner Meinung nach ist neben der Kirche die Gemeinschaft die wichtigste Institution der Lipowaner in Sulina.

Tag 4: Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft

Nachdem ich am Vortag den westlichen Stadtrand näher betrachtet hatte, wiederholte ich das heute wieder mit dem östlichen bzw. südlichen Stadtrand. Dort konnte ich rund um ein kleines Hafenbecken bzw. entlang der Straße 6 ebenfalls einige typisch Wohnhäuser identifizieren. Damit steht fest, dass die Lipowaner in Sulina eher am Stadtrand leben, vermutlich weil sie dort eher ihrer traditionellen und naturverbundenen Lebensweise gerecht werden können.

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Am Nachmittag nahm ich an der Gesangsprobe im Haus der russisch lipowanischen Gemeinschaft, welches sehr zentral in Sulina liegt, teil. (siehe Titelbild) Die Gruppe bestand aus älteren Frauen. Neben dieser Gruppe  gibt es auch eine, welche eher aus jüngeren Frauen besteht. Im Gegensatz zu der älteren Gruppe, ist die jüngere auch mit rumänischen Frauen gemischt.  Besonders für die älteren Frauen ist neben der Gemeinschaft die Kirche ein wichtiger Teil in ihrem Alltag. Der Ort der Gemeinschaft scheint also für ältere Personen eine wichtigere Rolle zu spielen als für jüngere, dennoch wird er als wichtige Stätte zur Weiterhabe der Kultur und Tradition verstanden.

Nach der Probe traf ich mit meinem Übersetzer  einen Fischer, welcher spontan einem Gespräch zugestimmt hatte. Die Kirche hat für den Mann keine große Bedeutung in seinem Alltag mehr, da er auch zeitweise in einer anderen Stadt arbeitet. So wie er gehen auch viele jüngere Lipowaner nur mehr zu den wichtigsten Feiertagen in die Kirche. Der restliche Sonntagabend verlief sehr ruhig in Sulina und ich bemerkte, dass viel weniger Menschen auf den Straßen unterwegs waren als an den Abenden zuvor.

Tag 3: Am Stadtrand von einer „Stadt am Rand“

An diesem Tag lag der Fokus der Betrachtung auf den Stadträndern von Sulina. Besonders am westlichen Stadtrand reiht sich an der Donaupromende ein typisch lipowanisches Haus an das andere. Die Menschen, die hier leben, üben vor allem Fischfang aus und ihre Wohnhäuser liegen beinahe direkt an der Donau. Die Straße, welche bis hierhin führt, wurde vor ein paar Jahren sogar befestigt und kann problemlos mit dem Fahrrad befahren werden.

Die lipowanischen Wohnviertel liegen an den Rändern der Stadt, erklärt mir mein Übersetzer, da Fischfang und Jagd zu den ursprünglichen Erwerbstätigkeiten der ethnischen Gruppen gehören. Charakteristisch sind die blaue Farbe der Wohnhäuser, die riedgedeckten Dächer oder die charakteristisch gestaltete Gartentür, welche den Eingangsbereich zum Grundstück darstellt. (siehe Titelbild) Anhand dieser Merkmale kann einfach festgestellt werden welchen ethnischen Ursprung deren Bewohner haben.

Die Bar „Lebada Vesela“, welche ich am Nachmittag besuchte, liegt ebenfalls dort, fast mitten in der Natur und ist bei den Fischern durch die Nähe zu ihren Wohnorten recht beliebt. Doch an diesem Nachmittag kamen eher nur rumänische Männer mittleren Alters. Der Barmann erklärt mir, dass einige Lipowaner auch als Bauarbeiter arbeiten, aber das stellt eher einen Kompromiss zu ihrer ursprünglichen Lebensweise dar. Die Bauarbeit dient vor allem dem Verdienst und dem Aufbau eines guten Lebens.

Eine Erkenntnis dieses Tages ist, dass Bars die eigentlichen Treffpunkte der Lipowaner sind, obwohl sich das heute leider nicht anhand dieser Bar bestätigen lassen konnte. Besonders am späten Nachmittag werden die Bars gut besucht, versicherte mir der Barmann. Die Kirche und die Gemeinschaft verfolgen eher Erhalt und Weitergabe religiöser und kultureller Werte und Traditionen, während Bars jedermann offenstehen und Orte der Kommunikation darstellen. Die Bars in der Innenstadt von Sulina werrden zwar eher weniger von den Fischern besucht, können aber eher als Treffpunkte von der jüngeren Generation von Lipowanern gesehen werden. Dennoch sind jene an den Stadträndern authentischer, weil es näher an ihren Wohnorten liegt.

Morgen ist Sonntag und ich werde an einer Probe für einen Tanz- bzw. Gesangauftritt der Gemeinschaft der Lipowaner teilnehmen. Diese Gemeinschaft ist eine wichtige Institution in Sulina, um das Brauchtum zu erhalten und an die weiteren Generationen weiterzugeben. Der Field Trip bleibt also weiterhin spannend!

Tag 2: Erste Erkundungen und Gespräche

Am Vormittag erkundete ich die Stadt auf eigene Faust und legte den Fokus auf den öffentlichen Raum. Sulina besteht vereinfacht aus sechs parallel zur Donau verlaufenden Straßen, welche entsprechend als Straßen 1 bis 6 bezeichnet werden. Die donaunahen Straßen sind eher befestigt und die umgebende Gebäude mehrgeschossig. Einige Bänke an der Donauuferpromenade und an einigen Wohnblocks sorgen für Aufenthaltsqualität in diesem Bereich der Stadt. Die Straßen 3 bis 6 hingegen sind eher unbefestigt und Einfamilienhäuser dominieren das Straßenbild. In diesem Gebiet ist die scharfe Trennung zwischen dem öffentlichen und privaten Raum durch Zäune sehr auffällig und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum ist durch das Fehlen von Sitzmöglichkeiten sehr gering. (siehe Titelbild)

Den Nachmittag und Abend verbrachte ich wieder mit meinem Übersetzer. Er organisierte für mich ein Leihrad und führte mich zuerst zu dem Haus einer älteren Lipowanerin. In ihrem Vorgarten tranken wir zuerst ihren Schnaps und begonnen anschließend das Interview im Laufe dessen eine Freundin dazukam. Ich erfuhr, dass beide in der Gesangsgruppe der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina aktiv sind und wurde sogleich zu der nächsten Probe eingeladen. Sie beide sind stolz auf ihre Herkunft und ich erfuhr etwas über ihre Lebensgeschichte. Sie  meinen, dass Sulina früher, zur Zeit der Donaukommission, eine offenere Stadt war. Für sie ist es wichtig in die Kirche zu gehen, da man dort andere Leute trifft und es für sie eine gewisse Tradition in ihrem Alltag hat.

Die nächste Station war die Bar „La Autogara“, welche das günstigste Bier der Stadt anbietet und aus diesem Grund viele Fischer, welche vor allem auch Lipowaner sind, zum Feierabend anlockt. Leider blieben die Versuche meines Übersetzers jemanden zum Interview zu bewegen erfolglos.

In der Bar des Vorabends organisierte er mir dann zwei Interviewpartner, einen Bauarbeiter und einen Schüler. Ich lernte in den Gesprächen, dass auch für die jüngeren Generationen ihre ethnische Herkunft und die Pflege der russischen Sprache wichtig sind. Die zwei Männer meinten aber, dass sie nicht aktiv an der lipowanischen Gemeinschaft teilnehmen und dieser Ort in ihrem Alltag keine so große Rolle spielt.

Tag 1: Ankunft in Sulina

Nachdem ich am Vorabend von Wien nach Bukarest flog, benötigte ich trotzdem noch fast den gesamten Tag 1 um nach Sulina zu reisen. Zuerst ging es von Bukarest mit dem Zug nach Tulcea und dann weiter mit dem Boot nach Sulina.

Nachdem man Tulcea verlassen hat, tauchen links und rechts der Donauufer eher kleinere Siedlungen auf, welche praktisch fast nur über den Wasserweg erreichbar sind. Nach dem Anlegen am späten Nachmittag, begrüßte mich gleich mein Übersetzer, welcher mich später treffen wollte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Wir trafen uns dann in einer Bar direkt an der Uferpromenade der Donau und er bot mir an Gespräche mit unterschiedlichen Akteuren in Sulina bzw. verschiedenen Dörfern im Delta zu ermöglichen. Er lud zu dem Gespräch auch eine lipowanische ältere Frau und den ehemaligen Präsidenten der lipowanischen Gemeinschaft in Sulina zeitversetzt ein und ich bekam den ersten Eindruck, dass Interviews in Rumänien anders funktionieren als in Österreich. Dieses erste Gespräch mit diesen Menschen, so meinte mein Übersetzer, dient zum „Warmwerden“. Die Menschen müssen zuerst vertrauen schöpfen, um dann später, bei einem weiteren Treffen in den nächsten Tagen, mehr Dinge von sich preiszugeben.

Nach diesem ersten Tag bin ich nun zuversichtlich einen Zugang zu Lipowanern in Sulina im Laufe des Field Trip herstellen zu können und bleibe gespannt wie sich die Forschungsreise entwickeln wird.

Das neue Tirana \\ Öffentlicher Schauplatz eines progressiven Albaniens?

Deni, eine Studentin aus Tirana, sagte: „Wer das Land nicht verlassen kann, geht nach Tirana. Hier hat man zumindest eine Chance auf eine bessere Zukunft und auf ein bisschen Spaß“.

Diese und noch viel mehr Fragen wollen wir auf den Grund gehen. Wer sind wir? Ein hoch motiviertes interdisziplinäres Team, welches sich auf den Urban Carpet schwingt und nach Tirana fliegt. Halt, was? Nein, wir sind nicht die ProtagonistInnen eines neuen Disney Film, wir sind Forschende, gesandt vom future.lab und der Stadt Wien!

Darf ich vorstellen? Unser dreiköpfiges Team besteht aus Karina Ruseva, eine Architektin die immer guter Laune ist. Valentin Promberger, ein Raumplaner der auch in seiner Freizeit politisiert. Und Joshua Lorenz, ein Urbanist der lieber zwei Vornamen hat als einen.

Der Urban Carpet ist unsere Forschungsstation. Wir fliegen mit diesem leider nicht nach Tirana, sondern mit den AUA. Aber er befindet sich in unserem Gepäck. In Tirana angekommen breiten wir unseren Teppich an ausgewählten Orten aus, und beginnen unsere Forschung. Wir intervenieren im öffentlichen Raum, provozieren mit unserer Anwesenheit die Bevölkerung und kommen dadurch ins Gespräch. Dabei wird erforscht, wie junge Menschen in Tirana den aktuellen Stand und städtebauliche Entwicklung ihrer Hauptstadt wahrnehmen.

•    Besteht eine Identifikation oder Ablehnung mit der gebauten Vergangenheit Tiranas?
•    Inwiefern lassen sich Differenzen zwischen den Altersgruppen feststellen?
•    Welche Orte oder Entwicklungen repräsentieren das moderne Tirana aus der Sicht der jungen Erwachsenen?

Die jüngeren Semester befinden sich in unserem Fokus der Forschung als Schnittpunkt Vergangenheit und Zukunft Tiranas und Albaniens. Wir generieren dabei unseren Forschungsaspekt unter der einzigen Feststellung des vermuteten Kontrasts zwischen junger Bevölkerung und alten Hinterlassenschaften der Diktatur. Es geht uns dabei immer um eine kontextuelle Erforschung und Portraitieren.

Folge uns weiterhin auf dem future.lab Blog oder auf Instagram, wir sind zu finden als “urban_carpet_tirana”. So bleibst du hautnah an unseren Urban Carpet dran und bekommst als erster die neuesten Forschungsergebnisse präsentiert.

Auf wiedersehen, oder wie man auf Albanisch sagen würde: lamtumirë
Euer Tirana Team.

Tirana_Impressionen

Bildquelle: Giovanni Kiace (2014). Exploring Tirana. A multi-project around the albanian city, exploring architecture, people and suburbs

Räumliche Identitäten in Temeswar

Servus! Salut! Hallo allerseits!

Unser hoch motiviertes und schon leicht aufgeregtes Expeditionsteam setzt sich zusammen aus Cristian Andronic und Mathias Seelmann. Wir sind beide Masterstudenten der Richtung Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Field Trips in Public Space – Städte am Rand“ begeben wir uns im Mai 2019 für elf Tage nach Timisoara (Temeswar) in Westrumänien und erforschen den öffentlichen Raum der Stadt. Was empfinden die Menschen vor Ort als typisch im öffentlichen Raum der Stadt? Was soll der öffentliche Raum bieten, wie und von wem soll er gestaltet werden? Welche Rolle spiele dabei Geschichte und Pläne für die Zukunft? Was haben die Menschen im öffentlichen Raum erlebt? Wie identifizieren sie sich mit ihm und woher stammt diese Identifikation? Das sind alles Fragen, die uns in nächster Zeit beschäftigen werden. Wir untersuchen dazu drei öffentlichen Räume in drei verschiedenen Stadtgebieten (den Freiheitsplatz im historischen Stadtkern Cetate, den Trajansplatz im Stadtteil Fabric und das Einkaufszentrum und Stadtentwicklungsprojekt Iulius Mall in unmittelbarer Nähe des historischen Zentrums). Zum einen erstellen wir Kartierungen des öffentlichen Raumes nach verschiedenen Themen (u. a. Ursprung der Bausubstanz und historische Planungen, gegenwärtige Nutzung, Siedlungsstrukturen, Freiraumverbindungen im Stadtgefüge). Interviews mit diversen Personen aus der Stadt (z. B. StadtbewohnerInnen verschiedenen Alters, BesucherInnen, Wirtschaftstreibende, AktivistInnen, ArchitektInnen und PlanerInnen sowie sonstigen Personen mit einer Verbindung zu dem Raum) bilden das Herzstück unserer Forschung. Mithilfe der dabei gewonnenen Erkenntnisse wollen wir unsere Forschungsfragen beantworten. Die Ergebnisse werden dann für einen Beitrag für die Radiosendung A Palaver (Architektur im Radio) sowie für eine Ausstellung im Mobilen Stadtlabor aufbereitet.

Orte der Lipowaner in Sulina

Das Thema der Field Trips 2019 ist „Städte an der Grenze“. Die Stadt Sulina ist der Inbegriff einer Stadt an der Grenze, da sie nicht nur im äußersten Osten der Europäischen Union, sondern auch am Ende der Donau liegt.

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Historisch gesehen spielte die Stadt durch den Sitz der Europäischen Donaukommission bis zum Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle für die Schifffahrt auf der Donau. Die Bevölkerung war ethnisch sehr vielfältig, wovon heute noch Sakralbauten unterschiedlicher Konfessionen im Stadtbild zeugen. Nach der Auflösung der Kommission erfuhr die Stadt einen starken Bevölkerungsrückgang, welcher auch die Verringerung der ethnischen Vielfalt zur Folge hatte. Sulina stellt heute nicht mehr das „Europa in Miniatur“ dar, wie es damals bezeichnet wurde.

Geografisch gesehen liegt Sulina inmitten eines der größten Naturschutzgebiete Europas, dem Donaudelta. Das Delta hat seit jeher schon eine ethnische Vielfalt aufgewiesen, vergleichbar mit seiner Artenvielfalt. Eine ethnische Minderheit, welche schon seit mehreren Jahrhunderten in dieser Region lebt, sind die Lipowaner, russische altgläubig orthodoxe Christen, welche vor der Verfolgung durch den Zaren in diese unwegsame Region zogen und heute noch als Fischer leben. Diese Bevölkerungsgruppe stellt die größte ethnische Minderheit in der Stadt dar und ist bekannt für die Pflege traditioneller Bräuche und der nahezu unverfälschten russischen Sprache. Die Lipowaner können als eigene „Community“ aufgefasst werden, aufgrund ihrer gemeinsamen Bräuche, Sprache und Religion.

Diese Forschungsreise wird sich mit den Lipowanern und deren Bezug zum öffentlichen Raum in der Stadt Sulina auseinandersetzen. Die Betrachtung der Identität sowohl in der kollektiven als auch personellen Dimension spielt dabei eine wichtige Rolle. Neben der Frage der Aneignung des öffentlichen Raumes soll der Fokus auch auf das Spannungsfeld zwischen ruraler Kultur und urbanem Kontext gestellt werden. Im Zuge dessen werden unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen und in den folgenden Blogeinträgen erläutert werden. Neben quantitativen, sollen vor allem auch qualitative Methoden zum Einsatz kommen, um die Sichtweise dieser Bevölkerungsgruppe auf den öffentlichen Raum untersuchen zu können. Letztere Methoden stellen einen wichtigen Beitrag für die Forschung dar, sind aber auch aufgrund der Sprachbarriere als Herausforderung und Risiko zu sehen. Der Besuch eines vor allem lipowanisch geprägten Dorfes im Donaudelta soll vor allem zu einem besseren Verständnis der Kultur und deren Einfluss auf den urbanen Kontext führen.

Ich werde während meines Aufenthaltes in Sulina täglich Blogeinträge posten, um meinen Prozess der Wissensgenerierung festhalten zu können.

Maurice Schreiberhuber, Student Raumplanung