Urbane Leerstelle

von Helene Schauer Lücken, Leerstellen, Gstettn, Unorte, Nichtorte, zweckentfremdete, schlecht gestaltete, vernachlässigte, unbenutzte, nicht zugängliche Orte/Räume, Brachen, Resträume, Orte ohne soziale Interaktion – das Glossar dieser Begriffe ist umfassend und teils widersprüchlich. Diese Orte/Räume sind Ressourcen für urbanes Leben, für Stadtwachstum, räumliche und gesellschaftliche Veränderungen – Potenzialorte, Möglichkeitsräume, Option Lots. Wo sind diese Orte/Räume? Wie entstehen solche Orte/Räume? Über welche Potenziale verfügen diese Orte/Räume? Der öffentlichen Raum gerät zunehmend unter Druck. Können wir uns Leerstellen leisten? Können […]


Kartografie des Übrigen

Geht es überbaut um Potential? Ging es jemals um Potential im öffentlichen Raum? Das Potential von Resträumen ist jeglicher Diskussion überflüssig, entstehen doch in solchen Räumen die ungewöhnlichsten, merkwürdigsten, besondersten Orte einer Stadt. Unentdeckt, unbeachtet, seltsam, übrig geblieben – der Rest in einer Stadt. Wo findet sich dieser? Gibt es da Zusammenhänge? Gibt es eine Taktik sie zu finden? Ich stelle die Hypothese auf, dass sie vornämlich an Bruchstellen vorkommen. Was ist nun […]


Innere Peripherien

Wo transformieren sich Städte? Wo wachsen Städte? Wo sind noch Handlungsspielräume? An den inneren und äußeren Rändern, in den inneren und äußeren Peripherien. Die äußeren Ränder werden von Klara Hrubicek (siehe Projekt: Gebrauchsspuren) die inneren von Helene Schauer getrennt untersucht, aber nach der gemeinsamen Expedition nach Madrid werden die Ergebnisse gegenübergestellt. Hans-Heinrich Nolte beschreibt die innere Peripherie wie folgend: „eine Region innerhalb eines Staates, in der die Bedingungen so organisiert […]


madrid. tag eins.

ankommen. café con leche. eintauchen. ohne ziel. nur schauen, nicht fotografieren. die stadt einatmen. am abend, wenn der regen auf das dachflächenfenster über dem bett trommelt, angekommen sein.


madrid. tag zwei.

regen. regen. regen. die madrileños sind trotzdem auf der straße. das caixa forum bietet schutz vor dem unentwegt prasselnden regenschauer. trotz kälte, die über die nassen schuhe in die knochen kriecht, kommt es nicht umhin sich einen hochsommertag zu ersinnen, an dem dieser kühle, dunkle ort mit seinem wasserfall zuflucht vor der hitze bietet. und es regnet.  


madrid. tag drei.

zeitreise in die sechziger mit der teleférico de madrid. schwindlig wird nicht durch die höhe, aber durch die windigen, blitzblauen nussschälchen die an den stahlseilen schaukeln. drei männer in teleférico-uniform öffnen die türen der gondeln für aussteigende fahrgäste, bitten die nächsten fahrgäste einzusteigen und schließen dann die kette an den türen. 11 minuten höhenrausch. dächer von madrid, fluß manzanares, autobahn m 30, rote wohnblöcke. dann der casa del campo. madrids […]


madrid. tag vier.

der labyrinthische bahnhof atocha. bei taxi 158 führt eine linkskurve endlich vom parkdeck auf die straße. weiter geht es in der richtung, in der auch die züge die stadt verlassen. giftgrün und grau gepixelte fassade. baustellenzaun um den fertig angelegten park. hier entsteht stadt? weiter zur autobahn m 30. es rauscht schon in der ferne. überqueren unmöglich. ab in den parallel verlaufenden park. jogger laufen mit den autos um die wette. überqueren weiter unmöglich bis die erde […]




madrid. tag sieben.

an der mauer entlang. die kürzeste verbindung. in dieser richtung allerdings nur mit 120 km/h im auto erlaubt. doch. wo ein wille ist, ist auch ein weg. spuren im nassen trampelpfad.


madrid. tag acht.

st la estrella inicio de obras: abril 2007 duración prevista: 22 meses gelände eines umspannwerks. die transformation in eine »nuevas zonas verdes« dauerte bis februar 2009. nur auf die öffnung wurde vergessen.


madrid. tag neun.

basura = trash, waste, rubbish. basurama = artist collective in madrid. interview: abandoned places. potential and function. activation. temporary or permanent. interaction between the centre and the periphery. perception of public space. experience: autobarrios sancristobal. día del libro en san cristóbal.


madrid. tag zehn.

salamanca nach madrid. über die autobahn. a 6 kreuzt m 50. a 6 kreuzt m 40. a 6 endet an der m 30. weiter auf der m 30. ab in den tunnel und unter der stadt durch. auftauchen. die andere perspektive. von der straße aus eine zurückgelegte route erkennen. ein ungewöhnliches zusammentreffen unterschiedlicher wahrnehmungen.


madrid. tag elf.

aus dem nichts neben der autobahn eine fußgängerin. »busco el río manzanares.« schallendes gelächter unter dem strengen, spanischen schnurrbart. sowas passiert hier nie. »aquí todo es privado. fence. no hay entrada. no tengo una key. look trough fence. río manzanares.« die fußgängerin dankt, geht in die gedeutete richtung und verschwindet. sowas passiert hier nie.


madrid. tag zwölf.

die grenze betrachten. die grenze auf öffnungen untersuchen. über die grenze hinwegsetzen. nicht an jedem tag ist es möglich grenzen zu überwinden. geografische, mentale, physische, kulturelle, soziale, sprachliche grenzen. das wahrnehmen dieser unmöglichkeit zeigt das ausmaß der grenze.


madrid. tag dreizehn.

cañada real. die größte informelle siedlung europas. hier zu sein ohne einen grund. vielleicht sind wir die ersten. von der metro endstation die steppe. in der ferne die autobahn. dahinter sanfte hügel aus bauschutt und müll. zwischen den hügeln fünfzehn kilometer lang und fünfundsiebzig meter breit ein stigma für die leute die hier leben. wir wagen uns auf unbekanntes terrain. expedition. zohra bringt uns zur caritas. ein sozialarbeiter fährt uns durch die siedlung zurück zur […]


madrid. tag vierzehn.

das bahngelände weitläufig abgeriegelt. eine brücke führt darüber hinweg. aus der vogelperspektive der blick auf provisorische unterkünfte. wird sich hier absichtlich abgehoben? am ende der brücke hinter einer mauer industrial-chic, highline-new-york-bahngleise, coole jungfamilien.


madrid. tag. fünfzehn.

¿por qué un hotel? lavapies. madrileños protestieren gegen ein weiteres hotel. schule, bibliothek, gemeinschaftsgarten, kabarett, seniorenzentrum. es gibt soviel andere möglichkeiten. warum nicht?