Czernowitz – Identitäten einer Stadt

Czernowitz am Pruth - eine europäische Stadt mit einer wechselhaften Geschichte. Die einstige kosmopolitische Stadt im hintersten Teil der Habsburgermonarchie wurde Teil des Rumänischen Königreichs, der Sowjetunion und befindet sich heute im Westen der Ukraine. Jedes dieser Länder hat den öffentlichen Raum geprägt und Spuren darin hinterlasssen: etwa im Ersetzen und Umdeuten von Denkmälern bzw. Errichten von neuen, bei der Umbenennung von Straßennamen als auch im architektonischen Stil. Die unterschiedlichen, […]


Tag 1: Aus dem fahrenden Wohnzimmer

Wien, 16:42 Uhr. Zwischen uns und Czernowitz liegen etwas mehr als 30 Stunden Zugfahrt. Wir steigen in den Wagen der Ukrainischen Bahn und beziehen unser Abteil, als wäre es ein Hotelzimmer. Beim Aushandeln der Plätze, beim gemeinsamen Aus dem Fenster Schauen und dem nur halb verbotenen Rauchen im Verbindungsstück zwischen uns und der 1. Klasse - einer ganz anderen Welt - findet sich eine kleine rollende Gemeinschaft zusammen. Teil davon: […]


Tag 2: Lwiw. Crashkurs Ukraine

Bahnhof: Zwischen Regenwasserozeanen im Kopfsteinpflaster und rot markierten Radwegen Die Stadt Lwiw befindet sich in Veränderung; das zeigt sich am Bahnhofsvorplatz. Am Ausgang empfängt uns ein schickes Rendering. Der Vorplatz soll vor allem fußgängerfreundlich umgebaut werden. Auch die Fahrradspur – wie sich später herausstellen sollte, gefühlt die einzige der Stadt – sticht ins Auge. Die 50 Meter Radparadies passen nicht ganz zwischen Autokolonnen, Baufahrzeuge und rumpelnde Straßenbahnen. Fußgänger*innen werden jedoch […]


Tag 3: Czernowitz im Quadrat

Wir sind im Quadrat in Czernowitz gelaufen. Gehend, fahrend, lachend, Eis essend, trinkend, staunend, notierend, fotografierend und mit Sonnenbrand haben wir unsere vier ausgewählten Orte bis auf den letzten Pflasterstein untersucht. Mit uns unterwegs: Das tägliche Mantra - wie werden Identitäten in Czernowitz durch den öffentlichen Raum produziert?   1 Kaliniwski Markt Unsere erste Czernowitz Expedition beginnt im umgebauten Kleinbus direkt vor dem Готель Корал (Hotel Koral), unserer Unterkunft. In […]


Tag 4 / Sein & Schein: Die Herrengasse von vorne bis hinten

Unser Fokus lag heute auf das Sein und Schein in der Вулиця Ольги Кобилянської / Olha Kobljanska Straße (ehem. Herrengasse), der zentralen Fußgängerzone und Flaniermeile von Czernowitz. Hinter der dominanten touristischen Nutzung versteckt sich eine kleine Bewohner*innenwelt: direkt in den Hinterhöfen findet sich hauptsächlich Wohnnutzung; fußläufig erschlossen werden die Wohnungen direkt von der prestigeträchtigsten Straße Czernowitz'. Gerade diese unerwartete Widersprüchlichkeit von alltäglicher Bewohner*innenrealität und touristischer Nutzung hat uns in ihren […]


Tag 4 / Tun & Lassen: Regen! Blitz! Donner!

Im strömenden Regen fließt uns die Forschungsfrage unter unseren wachsamen Augen und Ohren davon. Statt beobachten zu können, wie Interaktionen am Kaliniwski-Markt in verschiedenen räumlichen Settings – von geordnet zu informell – ablaufen, stehen wir unter tropfenden Planen vor verschlossenen Toren. Als wir aus der Маршрутка (Marschrutka, halboffizieller Minibus) aussteigen, kommen uns die flüchtenden Marktbesucher*innen in Scharen entgegen. Auf dem Markt selbst, der uns am Vortag noch in einen kollektiven […]


Tag 5 / Sein & Schein: Der unnahbare Pruth

In Czernowitz wird Abtrennung von Eigentum gerne in den Farben der Nationalflagge präsentiert. So schmücken sich Zäune und Tore in Blau und Gelb, wenn auch etwas verwaschen und vergilbt. Auch das Gelände der Pruthbrücken zeigt durch die Farbgebung den territorialen Anspruch der Nation. Heute nähern wir uns unterschiedlichen Abschnitten am Pruth. Feriendorf. Der Stadtstrand am Pruth ist der einzige Ort, wo der Fluss direkt zugänglich ist - dennoch ist Baden […]


Tag 5 / Tun & Lassen: Vom Verweilen auf Pepsi-Stühlen und Getränkekartons

Unsere Beobachtung im Plattenbauviertel beginnt im Schatten. Aufatmend nehmen wir mit roten Gesichtern unter dem überdimensionalen Big Bürger-Schild am Beginn der вулиця незалежності (Nezaleschnosti-Straße) Platz. Wir sitzen unter dem Schild in Burger-King-Optik zwischen Pepsi-Stühlen, Pepsi-Schirmen und Pepsi-Bechern. Das Restaurant grenzt sich durch eine ebene graue Pflasterung vom umliegenden rissigen Asphalt ab. Zur poppigen Musik aus den Lautsprechern über uns und den sonoren Motorengeräuschen eines Baggers tanzen Sonntagsspaziergänger*innen die Promenade entlang. […]


Tag 6 / Tun & Lassen: Der Pruth tanzt.

Die Czernowitzer*innen verbringen mehr Zeit als gedacht am Pruth, lassen sich dabei aber selten beobachten. Daher begeben wir uns auf Spurensuche und führen das eine oder andere Gespräch.   Pruth bei Nacht Party, Menschen, Elektro. Verkauft wird fast nichts, außer etwas Kaffee aus einem mobilen Stand. Man hat Eigenbedarf an Getränken mitgebracht. Auf dem Programm stehen unterschiedliche DJ-Sets, gefeiert wird bis um 7 Uhr morgens. Man macht Lagerfeuer, spielt mit […]


Tag 6 / Schein & Sein: Vom Um-, Auf-, An-, Drunter- und Drüberbauen

Heute stand der Raum um die Nezaleschnosti-Straße im Scheinwerferlicht einer architektonischen Betrachtung. Um 12:00 Uhr betreten wir am montäglichen Ruhetag von Westen die uns mittlerweile immer vertrautere Nezaleschnosti-Straße. Mit dem Ziel, mehr über das Verhältnis zwischen privaten und kollektiv entstandenen Räumen zu lernen, gehen wir einmal die von Läden geprägte Südseite der Straße ab. Die Straße setzt sich für uns aus sechs Bautypen zusammen: Typ 1:  Shopping-Mall Stahlbetonkonstruktion mit Blechverkleidung. […]


Tag 7 / Tun & Lassen: Fußgängerzone Herrengasse – ein Ort für Besucher*innen, Einheimische und R2D2

Die вулиця Кобилянської (Kobljanskaja Straße, ehm. Herrengasse) ist ein etablierter Aufenthaltsort. Wir finden in einem Buch aus dem Jahr 1980 Fotografien der belebten Fußgängerzone. Sie ist schon damals beliebter Treffpunkt und gut besucht. Auch heute ist an dieser Straße einiges los. Die Beschäftigungen hier sind jedoch alltäglich: man geht, eher zielstrebig als flanierend. Steht. Ist aufs Handy fixiert. Plaudert und trifft sich. Sitzt auf den Bänken aber auch im Café. […]


Tag 7 / Schein & Sein: Von Verheißungen und Überklebtem

Wer pünktlich kommen will, hat es schwer in Czernowitz. Mittlerweile haben wir uns an die meditativen Situationen des alltäglichen Wartens an den Bushaltestellen gewöhnt. Die dort fahrenden Busse sind nicht ausgeschildert. Warum auch? Sie fahren seit Jahrzehnten gleich, man kennt sie ja. Fahrplan haben sie erst recht keinen – er würde auch wohl kaum eingehalten werden können. Die abenteuerlichen Gefährte schlängeln sich in Schrittgeschwindigkeit um die teils metertiefen Schlaglöcher, während […]


Tag 8/9: Den Nagel auf den Kopf treffen

Team Czernowitz produziert. In der Bunker-Galerie von Taras Polataiko, eines gebürtigen Czernowitzers, der vor ein paar Jahren nach längerer Zeit aus Kanada zurückkehrte – „weil etwas passiert“ – findet morgen die Ausstellung „Ідентичності міста“ statt. Der selbsternannte österreichisch-griechische Kaiser (nach einem Schreibfehler an einer Tafel am Bahnhof, auf der eigentlich österreich-ungarisch gemeint war; nun stellvertretend für den omnipräsenten kitschig-historisierenden Stil) hatte bereits unsere Ausstellung im Radio angekündigt. Auf einer Vorabbesichtigun […]


Tag 10: Презентація проекту — die Ausstellung

„Die Ausstellung ist so, als ob jemand ein Foto von dir zeigt – und du denkst dir, oh Gott, seh ich wirklich so aus? Warum fotografierst du mich nicht in einem besseren Moment?“ – Jana Maxymchuk, Architektin in und aus Chernivtsi   Unser Galerist führt in die Ausstellung ein: Taras Polataiko Zwei Journalist*innen der Lokalpresse diskutieren das alte Bushaltestellenschild Pruth, eines der Artefakte Insgesamt 32 Artefakte stehen assoziativ für Erlebnisse […]