Rom – Corviale

Am südlichen Stadtrand Roms erstreckt sich über eine gigantische Länge von einem Kilometer das längste Hochhaus Europas: La Corviale - ein monströser Betonkoloss, ein Unfall der italienischen Planungsgeschichte, eine einen Kilometer lange Aneinanderreihung von Sozialfällen, ein Sumpf an Gewalt und gescheiterten Existenzen. So wird Corviale in den Medien repräsentiert. Mitte der 1970er wurde mit der Errichtung des sozialen Wohnbaus nach dem Idealbild der Wohnmaschine von Le Corbusier begonnen. Doch der […]


Prolog – Alles anders

Flüge gebucht. Equipment organisiert. Fragebögen übersetzt. Die letzten Vorbereitungen sind getroffen. Unsere Forschungsexpedition scheint so zum Greifen nahe zu sein, dass wir die italienische Luft beinahe schon riechen können. Doch Corona bringt unsere Pläne in letzter Sekunde heftig ins Wanken und für einen kurzen Moment scheint das gesamte Projekt hinfällig zu werden. Doch wir entscheiden uns kurzerhand dafür, einen alternativen Weg einzuschlagen um unserem Forschungsvorhaben doch noch nachgehen zu können. […]


Tag 1 – räumliche Annäherung

  Schon der erste Besuch des Geländes stellt sich als Herausforderung dar. Rund 10 Minuten Luftlinie liegen zwischen dem Corviale und meinem Apartement, doch die verbaute Umgebung und fehlenden öffentlichen Durchgänge verlängern den Hinweg auf fast eine dreiviertel Stunde. Stacheldrahtzäune ziehen an mir vorbei als ich dem Gebäude immer näher komme. Dass Italiens Abfallentsorgung bei Weitem nicht mit jener von Wien vergleichbar ist, ist klar. Trotzdem wirkt die Gegend rund […]


Tag 2 – Freiräume ohne Zuständigkeit

Der Corviale wurde zwischen 1975 und 1982 nach den Plänen des italienischen Architekten Mario Fiorentini errichtet, der sich bei seinem Entwurf ganz an der Vorstellung einer idealen Stadt nach Le Corbusier orientierte. Eine der Grundideen Corbusiers war dabei die funktionale Gliederung der Stadt in Wohnen, Arbeiten, Freizeit & Erholung sowie Fortbewegung. Das funktionale Element Freizeit und Erholung sollte dabei im unmittelbaren Wohnumfeld ermöglicht werden und auf das Kollektiv der BewohnerInnen […]


Tag 3 – Alles wendet sich ab vom Corviale

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte wie in den meisten europäischen Städten auch in Rom eine große Wohnungsnot, die sich zum einen aus den etlichen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wohnungen aber auch aus der steigenden Zuwanderung in die Stadt ergab. Einhergehend mit einer wirtschaftlichen Krise stieg also die Nachfrage nach günstigem Wohnraum enorm an. 1962 wurde ein neuer Generalregulierungsplan für Rom fertiggestellt unter dem auch die Pläne für Corviale entstanden. […]


Tag 4 – Utopie vs. Realität

Genauso wie die Unité d’Habitation, folgte auch der Corviale der Idee des Wohnhochhaus als neue kollektive großstädtische Wohnform. Diese Großwohnhäuser legten ihren Fokus auf das Kollektiv welches als eine Einheit funktionieren sollte und somit auch eine gewisse Geschlossenheit und Abgrenzung nach außen hin aufzeigen sollte. Die Wohnhochhäuser garantierten, dass Gemeinschaftsdienste und - Einrichtungen auch tragfähig sind. Auch eine Erleichterung für Hausfrauen erwartete man sich von dieser Wohnform, denn traditionell familiäre Aufgaben […]


Tag 5 – Vom free floor zum green floor?

Eines der Herzstücke von Fiorentinos Entwurf war der 4. Stock des Gebäudes. Wir sind es von der historisch gewachsenen, europäischen Stadt gewohnt, dass sich der öffentliche Raum und somit auch das öffentliche Leben an den Füßen eines Gebäudes, also im Erdgeschoss befinden. Nicht jedoch in den Plänen von Fiorentino. Denn ähnlich wie in dem realisierte Großwohnbau von Corbusier, die Unite d’Habitation in Marseill, wurde auch im Corviale der öffentliche Raum […]


Tag 6: Selbstorganisation und informelle Aneignung

Letzter Tag, letzter Eintrag. Was bleibt vom ungeliebten Monster, von der verlassenen Mauer, von der Zone Zero der römischen Stadtplanung, vom Megaprojekt ohne Plan, Steuerung und Instandhaltung?  Der Corviale war ein Experiment, das von vielen als gescheitert betrachtet wird. Doch blickt man hinter die Fassade der Armut und Verwahrlosung, erkennt man ein anderes Corviale. Ein Corviale in dem BewohnerInnen kämpfen für Ihre Rechte, hinterfragen, selbständig tätig werden und den Raum […]