Der Tag der Abreise

Am Tag der Abreise hatten wir noch kurzfristig einen Interviewtermin bekommen: So fuhren wir mit dem kompletten Gepäck ins Sarajevo City Center, um dort mit Emina Mandzuka „the Head of Marketing“ der Al Shiddi Group in Bosnien zu reden. Von der unruhigen Bling-Bling-Architektur ging es mit dem Aufzug hinauf in den Büroturm. Als wir ausstiegen, erschien uns das Stiegenhaus eher wie die Erschließung eines Parkhauses – „Luxury“, wie Frau Mandzuka die Flächen des Turmes mit verschiedenen Nutzungen beschrieb, war das nicht. Auch die Büroflächen waren alles andere als Chick: niedrige Decken, enge Räume und Standardtüren. Fenster haben wir keine zu Gesicht bekommen.

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Luxus auf Arabisch: Trotz rigider Gestaltungspolitik eine „informelle“ Lampe

Frau Mandzuka ist eine charismatische Frau, die den positiven Präsentationsmodus einer PR-Beauftragten, perfekt beherrschte. Schnell wurde uns klar, Al Shiddi, der saudische Scheich aus Riad und Eigentümer des Sarajevo City Center, ist „Gott“ unter diesem Dach. Mehrmals betonte Frau Mandzuka wie großzügig und offenherzig er sei. Das Sarajevo City Center ist ein „Geschenk“ von ihm an die Bosnier, denn schließlich bleibe das Gebäude für immer. Auch bei dem Design lag das letzte Wort bei Al Shiddi. Sowohl Architektur als auch Einrichtung wurde nach seiner persönlichen Definition von Luxus gestaltet. Das Erscheinungsbild jedes einzelnen Details wie der Mediafassade oder die gesamte Farbgebung sind den Vorstellungen des arabischen Scheichs geschuldet. Das erklärt möglicherweise auch warum die  zwei Projekte des gleichen bosnischen Architekten Sead Golos, das BBI Center und das Sarajevo City Center, so unterschiedlich sind.

Nach dem Interview ging es auf die osmanische Befestigungsanlage Bijela Tabija ganz am östlichen Ende der Stadt. Von hier hat man einen schönen Blick über die gesamte Stadt und das genau aus der Richtung der Hauptachse, an der Sarajevo entstanden ist. Im Dunst des aufsteigenden Nebels über der Stadt erkannten wir die Orte und Gebäude, denen wir in den letzten 10 Tagen so viel Zeit gewidmet haben. In die andere Richtung reichte unser Blick weit in das bewaldete Tal des Miljacka. Wir genossen den Ausblick und ließen die Stadt noch ein letztes Mal auf uns wirken.

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Von der Bijela Tabija: Sarajevo auf einem Blick

Dann ging es mit dem Taxi der Hauptachse Sarajevos entlang durch die gesamte Stadt: von der osmanischem Altstadt und dem K.-und-K.-Zentrum, über die modernistische Stadt des Sozialismus bis ans andere Ende zum Sarajevo International Airport. Es war ein schöner Abschluss, die gesamte Stadt an einem Stück zu durchfahren und alle Orte der letzten 10 Tage noch ein Mal im Schnelldurchlauf zu passieren. Wir erreichten den Flughafen – der Alltag in Österreich ruft.

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Auf dem Weg zum Flughafen: die Istiqlal-Moschee

Der letzte Tag

Der letzte ganze Tag in Sarajevo liegt hinter uns, in den vergangenen Tagen haben wir unglaublich viel gesehen wie gelernt und erste Erkenntnisse formieren sich!

Einkaufen: Da wir die verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten von Sarajevo noch nicht in den Morgenstunden gesehen hatten, läutete der Wecker früh, um vor 9 Uhr im Zentrum seien zu können. Trotz regnerisch-kaltem Wetter war es überaus belebt: zahlreiche Bosnier auf dem Weg zur Arbeit, Pensionisten in den Cafés und mehrere Touristenführungen tummelten sich durch die osmanische Altstadt „Baščaršija“ und entlang der Gründerzeit-Einkaufsstraße „Ferhadija“.

Anschließend besuchten wir erneut das Sarajevo City Center, eine Stunde nach Öffnung gegen 11 Uhr war der Food Court gut besucht, die Geschäfte jedoch noch leer. Erstmalig betrachteten wir das „Playland“ für Kinder etwas näher, mit Spielgeräten und Automaten für alle Altersgruppen. Auffallend die vollständige Kommerzialisierung des Bereichs. Eine Entwicklung der letzten Jahre, die der Architekt Amir Vuk Zec bereits beschrieben hatte. Erstmalig besuchten wir außerdem die Gebetsräume der SCC, welche auch zwischen Morgen- und Mittagsgebet von mehreren Muslimen besucht wurden. Nach Verlassen des Gebäudes erkunden wir erstmalig die konträre Südseite des Einkaufcenters. Geprägt von verfallenen oder stark baufälligen Gebäuden, illegalen Mülldeponien und löchrigen Straßen.

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Das Sarajevo City Center von “hinten”

Kurz vor Mittag erreichten wir das „Skenderija Centar“, das vermutlich größte bestehende Einkaufszentrum aus sozialistischen Zeiten, gelegen im Untergeschoß alter Olympiasportstätten. Markant war der hohe Leerstand, sowie das sehr breit gefächerte jedoch zumeist preiswerte Angebot. Neben Bekleidungs- und Schuhgeschäften, gab es u.A. Kunstgalerien, Zahnärzte, Lampengeschäfte, eine Fahrschule sowie verschiedenste Kosmetikdienstleister.

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Galerie im Skenderija Centar

Viele Bosnier haben uns erzählt, dass man sich um die Mittagszeit für eine ausgiebige Kaffeepause trifft: Ab etwa 12.30 Uhr wurde es zunehmend voller, mit Besuchern aller Altersklassen.

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Café im Skenderija Centar kurz vor Mittag

Der weitere Weg führte uns erneut ins Zentrum, auch hier voll besetzte Cafés und trotz anhaltenden Nieselregens und konstanten 10°C ein belebtes Bild.

Glauben: Ein weiteres Tagesziel war der Besuch von möglichst vielen verschiedenen Moscheen. Leider standen wir außerhalb der Gebetszeiten, außer bei den touristisch Relevanten und Großen immer vor verschlossenen Türen. Eine der bekanntesten und ältesten Moscheen ist die „Gazi-Husrev-Begova-Moschee“ in der osmanischen Altstadt. Gegen Eintrittsgebühr und außerhalb der Gebetszeiten für Touristen zugänglich. Männer und halbherzig verschleierte Frauen konnten die prunkvollen Innenräume gemeinsam besuchen und auch das Fotografieren stellte kein Problem dar.

Unweit der König-Fahd-Moschee ist ein von Indonesien gesponserter Bau, die „Istiklal-Moschee“. Das zweitgrößte islamische Gotteshaus Sarajevos, welches wir zum Abendgebet besuchten. Der moderne Zentralbau liegt inmitten von Neubauten, Parkplätzen und dem einzigen öffentlichen Projekt der Nachkriegszeit, einer Schwimmhalle. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre und wir besuchen die geschlechtsspezifischen Bereiche. Uns fällt sofort das Fehlen jeglicher Verbotsschilder auf: im Vergleich zur König-Fahd-Moschee ist das Fotografieren und mitführen von Rucksäcken erlaubt. Die wenigen Muslime sind islamisch-modisch gekleidet, grüßen und suchen freundlich den Blickkontakt.

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l.o. Istiklal-Moschee; l.u. ottomanische Moschee nahe Stadtzentrum; r.o. König-Fahd-Moschee; r.u. Gazi-Husrev-Begova-Moschee

Die Fenster des Gebäudes erinnern an die der traditionellen osmanischen Moscheen, groß und ohne Sichtschutz, jedoch liegt der Gebetsraum im ersten Stock und ermöglicht nur die Sichtbeziehungen von innen nach außen, jedoch nicht von außen nach innen. Im Erdgeschoss befinden sich die Waschräume, die Koranschule und die Bibliothek.

Die zahlreichen osmanischen Moscheen, wie die Gazi-Husrev-Begova-Moschee, sowie die „Džamija-Ummu-Arif-Zabadne-Moschee“ – ein kleinerer Nachkriegsbau in Gribavica – zeichnen sich durch ihre Offenheit aus. Durch klare Fensterscheiben auf Augenhöhe lassen sich die Betenden beobachten. Die steht im Gegensatz zur uneinsichtigen König-Fahd-Moschee, bei der die Fenster nicht nur oberhalb der körpergroßen Sockelzone liegen, sondern auch aus undurchsichtigem Milchglas bestehen. Der Innenraum der osmanischen Moscheen ist deutlich farbenfroher und dekorativer gestaltet, was sicher auch historisch bedingt ist.

Verweilen: Das schlechte Wetter hat dem Leben im öffentlichen Raum nur wenig Einhalt geboten, die Parks und Sitzbänke sind mittelmäßig bevölkert, auffallend die hohe Anzahl an Regenschirmen.

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Männer beim Schachspiel auf dem Platz “Oslobodenja” im Stadtzentrum

Unser Forschungsobjekt – der Platz der Kinder – beherbergte heute erneut verschiedene Verkaufsstände für Bücher, regionale Lebensmittel und Kosmetikprodukte,  sowie Kunsthandwerk. Wenige Besucher schlenderten durch die nur teilweise geöffneten Stände. Eine Verkaufsfrau erzählte uns, dass sie die nächsten neun Tage auf dem Platz seien und dies mehrmals im Jahr. Die (kommerzielle) Nutzung des Platzes scheint ganzjährig stattzufinden.

Der neue Monat

Der neue Monat, wie die neue Woche startete mit einer Straßenbahnfahrt im gleißenden Sonnenlicht durch die ganze Stadt: Um die Mittagszeit drängten sich auffallend viele Leute im Zentrum. Auf dem Hauptplatz in der Altstadt sahen wir erstmalig eine Vielzahl offensichtlich arabischer Touristen, aber auch andere Nationalitäten. Bei warmen 20°C schien es Ortsfremde wie Einheimische auf die Straße zu treiben, was ein erhebliches Verkehrschaos und eine bis an den Rand gefüllte Straßenbahn mit sich brachte.

Unser Weg führte uns nach Ilidza, einem suburbanes Zentrum, außerhalb von Sarajevo, angeblich Hauptgegend der arabischen Touristen. In Ilidza befinden sich die Quelle der Bosna, sowie eine schon seit römischer Zeit existierende Therme, eine Gegend, die uns von zahlreichen Bosniern ans Herz gelegt wurde.

Die Endstation der Straßenbahn bringt einen direkt ins Zentrum von Ilidza, dort herrschte buntes Gewusel, auch hier waren viele Menschen unterwegs, wir dachten uns, dass neben dem herrlichen Wetter auch die gefüllten Konten zum Anfangsmonat die Beweggründe sind. Nach einer ersten Schnupperrunde versuchten wir vergeblich ein Taxi zur Quelle der Bosna zu finden, ebenso wie eine italienisch-deutsch-bosnische Mutter mit ihren zwei erwachsenen Kindern. Im Gespräch erfuhren wir, dass in die Richtung der Quellen auch einen Bus gäbe und so stiegen wir alle gemeinsam dort ein. Die gesamte Familie hatte lange in Deutschland gelebt und sprach daher unsere Sprache. Wissbegierig stellten wir unsere Fragen. Auch die Mutter hatte ein sehr negativ geprägtes Bild von den arabischen Touristen: Jeder Mann habe fünf vollverschleierte Frauen und eine Horde von „50“ Kinder, sie seien dreckig, unhöflich und wurden sich wie Patriarchen aufführen. Sie und ihre Familie haben inzwischen eine Manufaktur für Möbel, Fenster & Türen unweit von Sarajevo. Die Kundschaft sei bosnisch, aber auch arabisch mit sehr unterschiedlichen Wünschen. Die Bosnier seien auf Funktion und Bezahlbarkeit aus, die Araber auf möglichst edle Materialien und moderne Schnickschnack (z.B. antibakteriell oder elektrisch betrieben). Die Frau brüskierte sich weiters über das „unzivilisierte“ verhalten der Araber. In den Luxuxhotel an die Sie ihre Einrichtungen verkaufen, ist ein respektloser Umgang gegenüber der Einrichtung keine Seltenheit: es geht viel kaputt, Schnitte von Jausenmessern sind an der Tagesordnung.

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Muslimische Touristen an der Quelle der Bosna

Unsere Haltestelle war gekommen und wir machten uns zu Fuß auf den Weg Richtung „Vreolo Bosna“. Dort angekommen erwartete uns eine wunderschöne Parkanlage, mit riesigen alten Bäumen, durchzogen von den Quellflüsschen der Bosna. Auffallend war, dass ein Großteil der Besucher arabischer Herkunft war, Familien, Eheleute und Männergruppen spazierten oder picknickten im Grünen. Hier sahen wir zum ersten Mal, bosnisch-salafistische Touristenführer: Einheimische, jedoch arabisch sprechende Männer mit Rauschebärten. Auf den unzähligen Verbotsschildern fällt uns auf, dass der Konsum von Alkohol an dem beliebten Picknickort verboten ist. Im öffentlichen Raum hatten wir das in Sarajevo noch nicht gesehen. Gegen Spätnachmittag fuhren wir zurück gen Ilidza, schließlich hatten wir viele Thesen gehört, die es zu überprüfen galt.

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Ladenfront in Ilidza mit arabischen Beschriftungen

Zurück in Ilidza hatte sich das Treiben etwas beruhigt, es waren vermehrt bosnische Jugendliche und junge Erwachsene unterwegs, die die immens hohe Anzahl an Shisha-Bars besuchten. Das Zentrum von Ilidza hat ein ganz anderes Flair als das Zentrum von Sarajevo. Es hatte den Charakter eines Ferienortes mit deutschen Biermarken, zahlreichen Hotels und auffallend vielen Anschriften in arabischer Sprache. Es gab auch Straßenverkäufer für islamisch religiöse Artikel: Koran, Kopfücher, Gebetsteppiche und Ketten.

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Straßenverkäufer von islamischen Artikeln in Ilidza

Das einzige bosnisch finanzierte Einkaufszentrum im Großraum Sarajevo – das Grand Centar – steht ebenfalls in Ilidza und kann auch als typisch bosnisch beschrieben werden, mit vergleichsweise preiswerten Materialien und Geschäften. Alle Notwendigkeiten der täglichen Versorgung sind vorhanden, mit Supermarkt, Fitnesscenter und DM, auch das Bauunternehmen ANS Drive, Bauherr unserer Forschungsobjekte, hatte ein leider bereits geschlossenes Kundenbüro.

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Grand Centar in Ilidza

Zum Abendessen wollten wir bewusst in ein örtliches arabisches Lokal gehen, nach einiger Suche entdeckten wir ein sympathisches Restaurant: Während wir noch über der Karte brüteten wurde uns im Sinne arabischer Gastfreundschaft eine Vorspeise serviert. Ungewiss, was für eine Suppe wir gerade genießen durften, fragten wir die Kellnerin, die sich jedoch Hilfe suchend an den einzigen anderen besetzten Tisch wandte. So kamen wir mit Herrn Mohamed Sharif Almaeeni ins Gespräch, einem Mann aus Dubai, der der General Manager eines internationalen Konzerns ist und arabisch finanzierte Projekte im ganzen Balkan durchführt. So unterhielten wir uns bei köstlichem Lamm Kebab und einer arabischen Kreation aus Huhn, Käse und Kalbfleisch über seine Arbeit und die Herausforderungen. Die wichtigsten Aussagen waren, dass die arabischen Projekte und Investitionen zu Beginn eine enorme Geschwindigkeit aufwiesen, zu schnell für die bosnische Infrastruktur, er dennoch überzeugt ist, dass die aktuell rückläufigen Investitionen wieder ansteigen werden. Er sieht eine „rosige“ Zukunft für arabische Projekte am Standort Bosnien, da andere muslimische Länder weitaus instabiler sind. Laut Herrn Almaeeni kam es zu einer Verlagerung, von Nahost, über die Türkei bis nach Bosnien. Einzig Druck der Europäischen Union (Bosnien strebt den Beitritt an), kann die arabischen Investitionen unterbinden.

Am siebten Tage sollst du ruhen

Nach sieben intensiven Tagen mit langen Stadtspaziergängen, Interviews und extrem wenig Schlaf, brauchten wir eine Regenerationsphase und etwas Ruhe. Der Architekt Amir Vuk Zec hat uns empfohlen, Sarajevo von mehreren Seiten von oben zu betrachten. Es sei wichtig, um die Struktur und den Kontext der Stadt zu verstehen und zu begreifen. Wir nützten das schöne sonnige Wetter am Sonntag fuhren mit der Seilbahn auf den Trbevic, wo die alte Bob-Bahn der Winterolympiade 1984 verwildert.

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Blick über die Stadt aus der Seilbahn

Schon die Fahrt hinauf war ein Erlebnis. In zügigem Tempo veränderte sich die Perspektive auf die Stadtlandschaft, sowie die umliegenden Hügel und Berge kontinuierlich. Aus der Distanz erhielten wir ein Gefühl für die Verhältnisse der einzelnen Großbauten zueinander, außerdem war sehr gut ersichtlich, wie die Stadt in den letzten 150 Jahren gewachsen ist. Uns viel sofort auf, dass das Sarajevo City Center ungefähr das gleiche Volumen des gegenüberliegenden Par lamentes hat und im Vergleich zu anderen Großstrukturen der Stadt nicht deutlich Überdimensioniert ist, wie es vor Ort den Anschein hatte.

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Das Sarajevo City Center im Close-Up ausgehend vom Berg Trbica

Es wird deutlich, dass es vor allem durch seine stark gemusterte, unruhige Fassadengestaltung ins Auge sticht und dadurch kaum zu übersehen ist. Von weiter oben werden durch den Blick auf das gesamte Tal, die räumlichen Zusammenhänge der einzelnen Viertel entlang der Hauptachse und den umliegenden Hügeln wahrnehmbar.

Oben in der Natur angekommen nutzten wir den Spaziergang über die verwilderte olympische Bobbahn von 1984 und durch den tiefen Wald, um die bisherigen Eindrücke zu reflektieren und unsere Anforderungen an die verbliebenen Tage zu definieren.

Rindfleisch und Alkohol

Der Samstag war geprägt von einem höchst lehrreichen Gespräch mit Adelheid Wölfl und Tobias Flessenkemper. Frau Wölfl ist Südosteuropa-Korrespondentin der Tageszeitung „Der Standard“ und hat uns spontan Herrn Flessenkemper mitgebracht: Herr Flessenkemper ist Politikwissenschafter, beteiligt in verschiedenen EU-Projekten mit Schwerpunkt Südosteuropa und hat kürzlich die erste deutschsprachige Literatur zu politischem System in Bosnien und Herzogowina veröffentlicht.  Das Gespräch stellte sich als sehr informativ und umfassend heraus. Herr Flessenkemper versorgte uns mit detailliertem Fachwissen, Frau Wölfl hatte eine analytische sowie gesellschaftskritische Sichtweise Wölfls, da sie innerhalb der bosnischen Bevölkerung lebt, aber sowohl politisch, kulturell als auch ethisch ihr nicht angehört.

Es ist knapp vor 11 Uhr, wir warten in der kleinen Teestube „Franz & Sophie“ neben dem Musikkonservatorium in der Innenstadt. Am Tisch die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, der Lokalbesitzer spricht Deutsch. Als wir ihm erzählen, dass wir uns mit Adelheid Wölfl treffen, sagt er fröhlich: „Ah, Adi kommt! Es scheint ihr Stamm-Teelokal zu sein.

Im Gespräch wird uns schnell klar, dass das Bild unserer Medien auf die Lage in Bosnien und Herzegowina sehr stark von der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Perspektive aus Westeuropa geprägt ist. Ein Beispiel hierfür ist, dass in fast jedem Artikel das Fehlen von Schweinefleisch und Alkohol in Arabisch finanzierten Malls als ein in Sarajevo breit diskutierter und emotional geführter Konflikt beschrieben wird. Laut Wölfl und Flessenkemper spielt dieses Verbot jedoch keine so große Rolle. Natürlich gebe es Leute, die die Lokale dieser Einkaufzentren nicht besuchen, weil sie keinen Alkohol trinken können, aber diese wären eindeutig ein sehr kleiner Kreis der gesamtgesellschaftlich kaum ins Gewicht fällt. In der Praxis ist der Verzicht von Schweinefleisch weit verbreitet, der Konsum von Alkohol aber allgegenwärtig. Sowohl Wölfl als auch Flessenkemper kennen keine einzige Person, die konsequent keinen Alkohol trinkt und sei es nur an Feierlichkeiten: der höchste Alkoholkonsum in der Stadt ist zu „Bayram“ dem islamischen Zuckerfest. Alkohol und Schweinfleisch sind in der bosnischen Kultur differenzierter zu betrachten und nicht gleichzusetzen, nur weil beides in der islamischen Kultur verrufen ist.

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Traditionelle Markthalle ohne Schweinfleisch!

Die Beweggründer des arabischen Investitionsbooms sind vielseitig u.A. eine Folge der Wirtschaftskrise 2008, nach der westliche Geldgeber ihre Investitionen drastisch runter gefahren haben und die Araber als noch finanzkräftige Investorengruppe die Gunst der Stunde nutzten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war in den Jahren 2012 und 2013, wo der arabische Tourismus so überhandnahm, dass er eindeutig als unangenehm empfunden wurde. Laut Wölfl sind seit dem die arabischen Touristenzahlen kontinuierlich zurückgegangen und in diesem Jahr signifikant gesunken. Heute besteht der arabische Tourismus nur mehr aus Kur- und „Medical-Tourismus“ für die arabische Mittelschicht, sowie Sex- und Alkoholtourismus junger Araber. Die entstandenen arabischen Großprojekte sind Resultate dieser Zeit und es hätte in Bosnien „eh niemand“ geglaubt, dass sie fertig gestellt worden wären, wie „alles“ in diesem Land. Flessenkemper und Wölfl vermittelten uns das Bild, dass diese Großprojekte ein Produkt der bosnischen Politik seien, um Gelder zu waschen bzw. um ihr eigenes Image aufzupolieren und somit politische Ziele durchzubringen. Eine Stahl- und Glaskomplex in einer Stadt, wo an jedem Gebäude mit Baujahr vor 1990 Einschusslöcher zu sehen hat eine ungemeine  Repräsentationswirkung. Arabische Finanziers haben sich zu diesem Zweck angeboten und eine es entstand Win-Win-Situation.

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Eingang zum Untergeschoss einer Einkaufspassage im Stadtzentrum

Sarajevo City Center: Tobias Flessenkemper erzählt uns dass die Bebauung an dieser Stelle mit einem großen Volumen als Gegengewicht zum Parlament bereits im städtebaulichen Plan der Sozialisten aus den 60er Jahren vorgesehen war, aber nie umgesetzt worden ist. Der Bauplatz war über Jahrzehnte eine heruntergekommene Brache und wurde als Schandfleck in der Stadt wahrgenommen. Die Bevölkerung sah das Projekt, welches von dem bosnischen Präsidenten Izetbegovic stark forciert wird, kritisch: man glaubte bis zum Schluss nicht, dass das Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Schlussendlich ist das Projekt, dann auch den städtebaulichen Vorgaben der 60er entsprechend umgesetzt worden. Nur die vorgesehenen Gebäudehöhen wurden um ein bis zwei Geschoße überschritten, was der Logik des Kapitals geschuldet ist. Der Größte gesellschaftliche Diskurs wurde über die massive Lichtverschmutzung durch die großflächigen Mediafassaden geführt. Hierzu gab es Bürgerproteste und massiven Widerstand der Anrainer. Diesbezüglich ist momentan ein Gerichtsverfahren am Laufen.

Am Anfang hatte das Sarajevo City Center vor allem im Büroturm mit großen Leerständen zu kämpfen, auch wurde das Swissotel erst vier Jahre nach der Eröffnung in Betrieb genommen. Laut Wölfl und Flessenkemper ist das Hauptproblem des Projektes, dass es keine Wirkliche Zielgruppe gibt. Für Araber ist das Angebot zu billig bzw. uninteressant, da sämtliche Flughafenterminals der arabischen Welt ein ausführlicheres Shoppingangebot aufweise. Für die meisten Bosnier ist das Preisniveau der großen internationalen Ketten zu hoch. Sie nutzen das Einkaufszentrum vorwiegend für Window-Shopping, was laut Flessenkemper seit der Einführung des Smartphones keine Zukunft mehr hat. Einzig die Sushi-Bar und das Cafe am Vorplatz sind eine Erfolgsgeschichte: die Sushibar ist die einzige der Stadt und das Cafe am Vorplatz besitzt eine überdachte Terrasse mit idealer Sonnenausrichtung – von Süden beschattet, von Westen die Abendsonne. Als wir am Abend noch einmal das Sarajevo City Center besuchten kam uns das Publikum sowohl ethnisch als auch sozial für Sarajevo überdurchschnittlich bunt durchmischt vor . Man hört Englisch, Arabisch, Deutsch und wie in den innerstädtischen Fußgängerzonen sind Menschen aller Art unterwegs. Im weiteren fiel uns sofort auf, dass die Kleidungsgeschäfte räumlich getrennte Bereiche für Männer und Frauen hatten. Entweder waren sie räumlich komplett getrennt oder über einen offenen Durchgang verbunden.

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Räumlich getrennte Frauen- und Männerabteilung bei Berksha

Die König-Fahd-Moschee wurde in den Medien oft als Zentrum salafistischer Extremisten am Balkan dargestellt. Diese Vorwürfe entsprechen jedoch nicht mehr der Realität, die bosnischen Behörden haben nach den Anschlägen des 11. Septembers streng durchgegriffen, auch da nachweislich Terroristen in der Moschee gewesen sind und das Problem hat sich in kleinere Moscheen und Räume u.a. nach Ilidza bzw. via You Tube in das Internet verlagert. Wölfl und Flessenkemper zufolge hat die König-Fahd-Moschee – entgegen unserer anfänglichen These – nicht zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen, sondern einen ausführlichen Diskurs über die Thematik hervor gebracht und somit zu einer Bewusstseinsschärfung in der Gesellschaft geführt.

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König-Fahd-Mosche zur Mittagszeit

Der Platz der Kinder wird laut Wölfl und Flessenkemper gut angenommen, dass die Eigentümer arabische Banken sind, ist der Bevölkerung nicht bewusst. Der Platz und das dazugehörende Einkaufszentrum, das BBI Centar werden eindeutig als bosnisch wahrgenommen. Das Programm am Platz ist ausgeglichen, sehr vielseitig und werde von „allen“ besucht. Dass es politische oder anders motivierte Einflussnahme im Genehmigungsprozess der Veranstaltungen von Seitens der Stadtregierung oder des Betreibers (BBI Centar) gebe, würden beide nicht annehmen. Parteipolitische Veranstaltungen im Freien finden nicht statt, sind in Bosnien, bis auf das Verteilen von Wahlwerbung, unüblich. Es ist ein beliebter Treffpunkt, an der Mauer entlang der Marsala Tita sitzen ganztägig Menschen. Eltern lassen an heißen Tagen Kinder im Springbrunnen am Platz spielen – sein Wasser gilt als besonders sauber.

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Abendveranstaltung auf dem Platz der Kinder: Save Balkan Rivers – Stop Dams!

Als wir am Abend erneut auf dem Platz kommen, findet ein Jazzkonzert statt. Es ist eine Protestveranstaltung von Naturschützern mit dem Slogan: „Save Balkan Rivers – Stop Dams!“ Das Konzert ist eine Mischung aus lebendigen Jazz, Protest und Kabarett: es wird ausgiebig getanzt und gelacht, sowie Sprechchöre gesungen. Biergeruch ist allgegenwärtig, leere Dosen stapeln sich um die Mülleimer. Das Publikum ist zwischen 20-50 Jahre alt und in unserem Empfinden ungemein alternativ.

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Bierdosensammlung auf dem Platz der Kinder

Das Konzert endete um 23:20 und wir schlenderten noch durch die nächtliche Innenstadt. Die Straßen und die meisten Gastgärten sind mittlerweile leer. Das Leben hat sich in Bars und Privaträume verlagert, trotzdem ist die Stadt alles andere als ausgestorben.

 

Ein lehrreiches Interview & das Freitagsgebet in Sarajevo

Nach einer viel zu kurzen Nacht ging es in aller Frühe zum nächsten Interview, diesmal mit dem Architekten Amir Vuc Zec in seinem Büro. Gelegen auf den Hügeln von Sarajevo in einer Wohnsiedlung der 80er Jahre hatten wir in einem Termin in seinem sympathisch-chaotischen Studio voller Skizzen, Kunstobjekten und Modellen. Herr Zec ist charakterlich wie optisch ein lebendiger Mann in seinen Fünfzigern. Seine orange Hose, sein schwarzer Hut und seine bunte Brille in gestreifter Regenbogenoptik stechen sofort ins Auge. In der ersten halben Stunde unseres Gesprächs war er nicht davon abzubringen, uns begeistert die technischen Errungenschaft des Ipad zu präsentieren und den damit verbundenen Möglichkeiten des Entwerfens, der Modellierung oder der Bildbearbeitung.

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Skizzenwand im Studio ZEC

In dem 2,5 stündigen Gespräch schweifte der Herr auch bei konkret gestellten Fragen zu unseren Forschungsobjekten in jegliche Richtungen aus. Man merkt, er hat auch eine Professur an der Universität. Wir haben viel Hintergrundinformationen gelernt, jedoch leider nur wenig Konkretes zu unserem Thema erfahren.

Die wichtigsten Erkenntnisse: Die Stadt Sarajevo hat seit dem Krieg bis auf ein Schwimmbad nicht in öffentliches Gut investiert, alle anderen Investitionen sind privat und von starkem Individualismus geprägt. Die Projekte spiegeln die Wünsche der Geldgeber wieder. Es gibt keinen stadtweiten Entwicklungsplan, die einzelnen Stadtteile machen „ihr eigenes Ding.“

Das SCC hat Herr Vuc, als rein grafische Architektur beschrieben, die der Repräsentation dient, kaum Bezug zum städtischen Kontext aufweist und keinen funktionalen Zweck für die Anwohner besitzt, dafür aber enorme Lichtverschmutzung und einen neoliberalen Charakter.

Anschließend machten wir uns erneut auf den Weg zur König-Fahd-Moschee – schließlich ist heute Freitag, der wichtigste Tag in der islamischen Woche. Schon am Weg von der Straßenbahnhaltestelle zur Moschee kommen uns zahlreiche islamisch-konservativ gekleidete Männer entgegen. Vor der Moschee ist reges treiben. Wir nehmen an, dass kurz zuvor das Mittagsgebet geendet hat. Laut der Frau, mit der Christine gestern in der Moschee geredet hat, soll zum Freitagsgebet das Gotteshaus so voll werden, dass für die Frauen auf der Empore ein kleiner Teil mit Holzparavans abgetrennt wird, weil die Männer im Erdgeschoß nicht ausreichend Platz haben.

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König-Fahd-Moschee. Sicht von der östlich verlaufenden Hauptstraße

Zuerst umkreisen wir das Gotteshaus, dabei fällt uns erneut auf, wie uneinsichtig sowie geschlossen der Komplex nach außen ist, hinzu kommt eine starke Empfindung der sozialen Kontrolle. Selbst der Vorhof ist durch mannshohe Mauern von der Außenwelt getrennt, nur durch die Eingangstore kann man einen Einblick erhaschen. Das Gefühl des Vortages, nirgendwo in Sarajevo so viele Überwachungskameras wahrgenommen zu haben, bestätigte sich heute bei genauerer Betrachtung. Ein leicht bedrückendes Gefühl ortsfremd zu sein, sowie beobachtet zu werden wiederholte sich auch bei strahlend blauem Himmel und gleißendem Sonnenlicht. Laut Amir Vuk Zec ist die König-Fahd-Moschee ein Paradebeispiel für ein Stück Totalismus und Kontrolle, sowohl gesellschaftlich als auch architektonisch; es ist ein Zentrum für die streng konservativen Wahhabiten aus der gesamten Region. Diese Eigenschaften sind aus Saudi Arabien importiert und wirken befremdlich im hiesigen gesellschaftlichen Kontext. Bosnische Moscheen im Gegenzug haben die gleichen Größenverhältnisse und Proportionen wie die bosnischen Wohnhäuser osmanischer Tradition bzw. wie die informellen Bauten der Wohnviertel auf den Hügeln der Stadt. Der Charakter ist offen und zugänglich und durch die Fenster kann man immer in das Innere der Gebetsräume sehen.

Die regionale Strahlkraft der Moschee spiegelt   sich auch in unserer Wahrnehmung vor Ort wieder: sowohl englische Sprache als auch kroatische Autokennzeichen fallen uns sofort auf. Ein älterer Mann fängt mit uns auf Deutsch zu reden an. Er habe 13 Jahre in Stuttgart gelebt, seine Frau ist Deutsche.

Als ich (Rafael) dann erneut das innere des Gotteshauses betrete, war die Moschee bereits leer. Einzig ein Mann betete im rechten hinteren Eck. Ein junger Mann, der an einen syrischen Flüchtling erinnert, kommt kurz herein, um sein Telefon aufzuladen. Der Innenraum ist heute lichtdurchflutet.

Verweilen und Glauben in Sarajevo

Heute ging es an das erste Interview: Seit Monaten schon hatten wir hatten einen Termin mit dem PR-Beauftragten des BBI Centers. In der Shopping Mall angekommen fragten wir am Infostand nach dem Büro von Herrn Sead Živalj. Nachdem wir irgendwann den Namen richtig ausgesprochen hatten, begegneten uns erstaunte Blicke und uns wurde der Weg durch eine Glastür in die Rezeption des angrenzenden BBI-Büroturmes geschildert. Dort an der Rezeption die gleiche Situation: Erstaunte Blicke. Nachdem wir einen Ausweis vorgezeigt hatten, kündigte die Empfangsdame uns telefonisch an.

Im Büro von Mr. Živalj angekommen steht uns ein sehr freundlicher Mann in seinen 50ern gegenüber, dahinter die Aussicht durch die Glasfassade des 8 Stockes hinab auf den Platz der Kinder, den dahinter liegenden Park sowie die umliegende Hügelkulisse. Zu Beginn des Interviews stellte sich heraus, Herr Živalj ist der Generaldirektor der BBI Real Estate u.a. auch PR-Beauftragter.

Mr. Živalj war interessiert und bemüht, jegliche Fragen zu beantworten. Wir hatten den Eindruck, dass er Freude daran hatte, seinen Arbeitsalltag durch ein Gespräch mit ausländischen Studenten aufzulockern.

Zu Beginn besprachen wir über die Standortvorteile ausländischer Investoren in Bosnien: Mr. Živalj beschreibt Bosnien als ein Land mit sehr vielen ungenutzten Ressourcen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem immens hohen Potential für wirtschaftliches Wachstum. Der größte Nachteil sei die schwierige politische Situation und die damit verbundene komplizierte Bürokratie mit ihren oft endlosen Entscheidungsprozessen.

Entgegen unserer Annahme haben die arabischen Eigentümer keinen Einfluss auf die Bespielung, des in ihrem Privatbesitz befindlichem Platz der Kinder. Entschieden wird in Zusammenarbeit mit der Sarajevoer Stadtverwaltung. In der Regel fragen Interessenten bei der Stadtregierung an, diese leitet das dann an die BBI Real Estate weiter. Die planerische Programmgestaltung des Kalenders liegt bei der BBI Real Estate. Offen und zugänglich sei der Platz der Kinder laut Herrn Živalj für ausnahmslos alle, wie weit die Stadtverwaltung jedoch aus politischen Motiven aussiebt, können wir zurzeit noch nicht beurteilen. Zumindest müssen bei kommerzieller Nutzung Gelder an die Stadt gezahlt werden. Das BBI Center bekommt als Eigentümer von diesen Einnahmen lediglich 30%. Diese Regelung war Bedingung seitens der Stadt, um nach Abschluss des Baus im Grundbuch eingetragen zu werden.

Mit Stolz beschreibt Herr Živalj das BBI Center sowie die BBI Real Estate als Bauherrn, Besitzer und Manager als bosnisches „Produkt“. Einzig und allein die Geldgeber seien aus dem Ausland.

Nach dem Interview ging es mit der historischen Straßenbahn ans  Westende der Stadt: Dort steht zwischen gigantischen Plattenbaustrukturen und unzähligen Autos die größte Moschee des Balkans, die König-Fahd-Moschee, ein moderner Zentralbau mit kalt-nüchternem Charakter.

Beim Betreten der Anlage fällt uns sofort auf: Fotografieren Verboten und das bereits im Vorhof. Als wir uns dem Eingang zum Gebetsraum nähern, werden wir sofort von einem Security aufgegriffen: Fotografieren verboten, Rucksack verboten, Frauen nur im Frauenbereich! Der Rucksack muss mit den Schuhen im Freien bleiben. Wir trennen uns:

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König Fahd Moschee

Rafael: Als ich das Innere der Moschee betrete, höre ich von hinten noch einmal „No Pictures!“.

Im Inneren beten vereinzelt Männer, andere sitzen am Rand und lesen laut im Koran. An der Rückwand sitzen ein paar alte Männer auf 08/15 Plastikgartensessel, in Gesprächen vertieft. Es sind alle Altersgruppen vertreten mit vielen Alten und einigen Buben. Ich durchquere den hinteren Bereich und setze mich an der Seitenwand auf den Teppichboden.

Der Innenraum ist wie der Außenraum kalt und hell gehalten – Marmorplatten, weißer Putz,  große, kahle Flächen. Nur der smaragdgrüne Teppichboden und der gigantische Lüster in der Mitte wirken als Kontrastmittel sowie als Luxuselement – alles in allem karg, nüchtern und „modern“.

Auf dem zweiten Blick fallen mir die vielen langen Bärte und die nüchterne Kleidung der Männer auf, die in Schwarz-Weiß, Grau- und Brauntönen gehalten sind. Einige tragen bodenlange, islamische Gewänder. Ein paar zwischen den betenden Männern herum laufende Buben lockern die ansonsten ruhige und  besonnene Atmosphäre auf.

Immer mehr Männer kommen herein, das Abendgebet steht kurz bevor. Als der Muezzin zum Gebet ruft, nehmen die Männer an der Vorderwand in Richtung Mekka Schulter an Schulter Stellung zum Gebet. Manche nehmen im hinteren Bereich Platz für ein 30-Sekunden-Gebet alleine, bevor sie nach vorne eilen. Andere nehmen den Koran aus den Fächern der Seitenwand, um noch ein paar Sätze zu lesen, bevor sie sich zu den anderen gesellen. Der Imam kommt herein, das gemeinsame Gebet beginnt. 15 Minuten später endet das Gebet und der Großteil der Männer eilt aus der Moschee. Ein Teil bleibt zurück ins Gebet vertieft.

Christine: Schon vor dem Moscheegelände fühle ich mich eingeengt in meinem Tun. Nach Eintreten in den Frauenbereich durch den Seiteneingang mache ich mich auf den Weg auf die Empore. Oben angekommen bin ich anfangs die einzige Person, jedoch traue ich mich nicht ganz bis an die Brüstung heran (man schaut in den Männerbereich), um den Raum im Ganzen wahrnehmen zu können. So setze ich mich in den mittleren Bereich der Empore auf den Boden und lasse den Raum auf mich wirken:

Der Innenraum ist aus edlen Materialien, jedoch sehr schlicht gehalten. Das äußere wie das innere Erscheinungsbild unterscheidet sich deutlich von den bis dato gesehenen Moscheen: Es bestehen keine Sichtbezüge zwischen Innen und Außen, die vorhandenen Fenster haben Milchglas. Hinzu kommt das Publikum, welches zumeist dem stereotypischen Bild islamischer Glaubensangehöriger entspricht. Die König-Fahd-Moschee erscheint deutlich konservativer, als die bis zu dem Zeitpunkt gesehenen liberalen Pendants.

Kurz vor Beginn tippt mir eine ältere bosnische Dame auf die Schulter und erklärt mir in gebrochenem Deutsch, ich solle mich bitte nach hinten setzen. Die Begründung habe ich nicht verstanden, jedoch zeigt sie mit einem Lächeln auf einen Plastiksessel und bringt mir extra noch ein Sitzkissen. Bis zum Abendgebet haben sich sieben Frauen und zwei Kinder eng aneinander in der vorletzten Reihe der Empore aufgereiht, einzig ein junges aber bereits Kopftuch tragendes Mädchen daddelt von der letzten Reihe am Handy. Rückwirkend denke ich, dass sie die rituellen Waschungen nicht durchgeführt hatte und somit „nicht würdig“ war vor Gott zu treten.

Das Gebet war hat wenig Elan und die wenigen Frauen wirken etwas verloren in dem riesigen Raum. Nach Beendigung des Abendgebetes setzen sich nahezu alle Frauen in die letzte Reihe, um erneut allein zu beten.

Rafael hatte mir im Vorhinein erklärt, es gehöre sich nicht, vor betenden Gläubigen entlang zu laufen, so bleibe ich sitzen und genieße die Ruhe. Nach Beendigung kommt die bereits erwähnte ältere Dame erneut auf mich zu und wir unterhalten uns in gebrochenem Deutsch: Sie erklärt mir, dass die König-Fahd-Moschee zum Stamm der Sunniten gehöre und diese großen Wert auf Reinlichkeit legen. Sie selber sei bereits dreimal nach Mekka gepilgert, aber erst seit sie in Rente ist. Ich erzähle ihr, dass ich in diesem Jahr in Jerusalem gewesen sei, dem Schmelztiegel der abrahamistischen Religionen, woraufhin sie antwortet, dass wir doch alle zum gleichen Gott beten. Diese Toleranz gegenüber anderen Religionen überrasche mich positiv.

Einkaufen, Shopping, Kupovina & التسوق in Sarajevo!

Der heutige Tag startete mit einem Besuch in der britischen Botschaft. Vergeblich hatten wir versucht mit CRVENA –  einer Aktivistengruppe für den öffentlichen Raum – via Email in Kontakt zu treten, weshalb wir uns entschieden, in aller Frühe persönlich in Ihrem Büro aufzutauchen. Die Adresse hatten wir auf der Homepage gefunden: So standen wir also vor einem umzäunten, stark gesicherten Gebäudekomplex, wo uns jedoch von Passanten versichert wurde, es seien auch private Büros dort zu finden. Am Hintereingang wurden wir anfangs freundlich begrüßt und zum Eingang des Gebäudes geführt, unsicher, ob am richtigen Ort, denn CRVENA kannte bis dato niemand. Kurz vor der Tür erschien jedoch ein sehr gestresst wirkender Anzugträger, der unsere Frage nach CRVENA sofort verneinte und uns sehr deutlich den Weg zum Ausgang zeigte.

Das Tagesziel war die gewählten Lebensbereiche – Einkaufen, Verweilen und Glauben – besser zu verstehen und ein Gefühl für das „typisch bosnische“ zu entwickeln. So haben wir uns ohne festgelegte Route den ganzen Tag durch die Stadt treiben lassen, immer wieder inne haltend, um zu beobachten, zu fotografieren oder anhand von festgelegten Parametern zu analysieren.

Einkaufen: Sarajevo bietet eine große Bandbreite an Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten und wir wagen zu behaupten, sie nahezu vollständig entdeckt zu haben: Angefangen in einem Plattenbauwohngebiet in Novo Sarajevo stießen wir auf ein Einkaufszentrum aus sozialistischen Zeiten: Zwischen 20-geschossigen Punktbauten und 8-geschossigen Zeilen befindet sich das „Shopping Center Grbavica“ eine zumeist eingeschossige Einkaufspassage. Im ersten Augenblick war die Passage von unserer Position kaum als solche zu erkennen, da wenige Werbeschilder vorhanden sind und sie sich inmitten von einer Vielzahl von prachtvoller Bäume und Sträuchern befindet. Der räumliche Kontext ist geprägt durch rechte Winkel und Abstandsgrün im Stil der 60er Jahre.  Dies stellte einen Kontrast zu der im Maßstab deutlich kleiner gehaltenen Passage, die frei im Raum zwischen den Plattenbauten zu schwimmen scheint. Innerhalb der letzten 20 Jahre wurde das Shopping Center immer wieder erweitert:

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So gibt es zwei Dachaufbauten um zwei bzw. drei Geschosse und eine neue Hochglanzfassade mit Leuchtreklame die, einzig den von Osten kommenden Besucher, einlädt einzutreten. Die Geschäftslokale beherbergen Einzelhandel, Dienstleistung und Gastronomie – von Supermarkt bis Pediküre – und gewährleisten die Grundversorgung der AnwohnerInnen. Auffallend die zumeist – ganz im Stile einer modernen Shopping Mall – nach innen orientierten Zugänge. In den Stunden vor Ort waren wir wohl die einzigen Ortsfremden, viele Bosniaken haben uns angesprochen, um unsere Herkunft zu erfragen, uns Tipps für z.B. ein besseres Foto zu geben oder uns Espresso zu schenken. Wir sind schwer beeindruckt von der Offenheit und Gastfreundlichkeit der Leute, die wider Erwarten zum Großteil die englische Sprache in ihren Grundzügen beherrschen.

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Nach einer köstlichen Auswahl besten Böreks ging es weiter in Richtung Zentrum, die großen Shopping Center erwarteten uns. Drei an der Zahl, das Sarajevo City Center (SCC, unser Forschungsobjekt), das Alta-Center, und das Bosna Bank Internatonal Center (BBI), erstes und letzteres mit arabischem Geld gebaut. Alle drei Zentren sind innerhalb der letzten 15 Jahre eröffnet worden, unterscheiden sich jedoch stark. Das SCC ist ein „Hochglanz-Gebäudekomplex“, mit viel verspiegeltem Glas, Stahl und anstrengender Leuchtreklame an der Fassade. Der Innenraum selber ist sehr einfach und übersichtlich aufgebaut. Entlang eines langgezogenen Atriums gliedern sich links und rechts internationale Ketten der mittleren Preisklasse. Die Gestaltung des Innenraumes mit abgehängten schwarz-weiß gemusterten Decken empfanden wir als unruhig, ja sogar unangenehm. Auffallend war die kaum vorhandene Mischung der angesiedelten Geschäfte, der Fokus lag auf eindeutig auf Bekleidung, Parfüms, Schmuck & Souvenirs. Einzig und allein im Untergeschoss fanden sich Geschäfte des täglichen Bedarfs, wie Supermarkt, Drogeriemarkt, Apotheke, Copy-Shop oder Geldautomaten.

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Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt das Alta-Center. Schon in der Außengestaltung des Gebäudes steht es im Kontrast zum „schicken“ SCC: Die Fassade war eine Mischung aus gestrichenen Putz und Glas, welches nicht verspiegelt war und daher den Einblick ermöglichte. Die Atmosphäre im Inneren war deutlich entspannter, das Licht wärmer und die Leute wie die Geschäfte diverser, wenn auch in einem etwas niedrigeren Preisniveau.

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Weiter gen Innenstadt besuchten wir erstmals den Platz der Kinder (siehe Verweilen) und das BBI Center, ebenfalls ein moderner Gebäudekomplex aus Stahl und Glas, in unserem Empfinden jedoch deutlich ansprechender – innen wie außen. Die Materialien waren von hoher Güte, auch die Gebäudekonstruktion aufwendig und verspielt. Der Innenraum zeichnete sich aus durch kleine verhältnismäßig edle Boutiquegeschäfte. Die Atmosphäre war warm und freundlich in Braun- und Pastelltöne gehalten. Die innere Erschließung zeichnete sich aus durch kreative Wegeführung, viele Niveausprünge machten den Gang durch das Einkaufszentrum erlebnisreich, ganz ohne Konsuminteresse.

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Alle drei Zentren sind in der typisch westlichen „Mall-Architektur“ gestaltet, ohne typisch bosnische Elemente, aber auch ohne sichtbaren Einfluss der (arabischen) Investoren.

Nach Einbruch der Dunkelheit besuchten wir die Ferhadija, die Füßgängerzone im Gründerzeitstil, wahrgenommen als klassische Fußgängerzone mit einer breiten Mischung aus zumeist bosnischen Geschäften.

Abschließend erreichten wir die osmanische Altstadt, die wiederrum sehr stark an einen türkischen Basar erinnerte, mit vielen kleinen Fach- und Kunsthandwerkgeschäften.

Verweilen: Auffallend in Sarajevo ist die immense Anzahl an Bäumen und Alleen, die selbst in „tristen“ Gegenden eine immense Aufenthaltsqualität generieren. Hinzu kommt, dass nahezu alle Freiräume als attraktive Grünflächen gestaltet sind. Öffentliche Plätze mit „hartem“ Boden sind kaum vorhanden.

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Der Platz der Kinder vor dem BBI Center ist der Größte im Stadtzentrum. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs gegen Frühabend war der Platz sehr belebt mit einigen Ständen die bosnische Mitbringsel, wie Honig oder Schnitzereien, zum Verkauf anboten.

Ein weiterer Platz ohne Namen und von den großen Straßen nicht einsehbar liegt ebenfalls im östlichen Stadtzentrum: Man kann ihn beschreiben als eine große Freifläche mit sehr breit gefächertem Freizeitangebot u.A. Skaterpark, Spielplatz, Kunst, Eisstockschießen  und einigen geschlossenen Verkaufsbuden. Gegen Frühabend hielten sich dort jedoch nur wenige Menschen auf. Später erfuhren wir, dass dieser Platz „entwickelt“ werden soll und die momentanen Einrichtungen nur Zwischennutzungen sind. Die komplizierte politische Lage erschwert die Konsensbildung und verlangsamt die Stadtentwicklung. So ist in absehbarer Zeit keine Entwicklung zu erwarten.

Glauben: Zu Beginn des Tages entdeckten wir die neugebaute Džamija Ummu Arif Zabadne Moschee unweit des Shopping Center Grbavica. Zwischen hohen sozialistischen Bauten und einer zweigeschossigen Schule „quetschte“ sich die Moschee. Die Türen waren versperrt, bis einige Minuten vor dem Mittagsgebet und die wenigen Leute hielten sich auf dem Vorplatz auf. Das moderne Moscheegebäude war schlicht gehalten, aber dennoch als „bosnischer“ Bau erkenntlich, aufgrund mitteleuropäischen Isolierglasfenstern und einer Mauer aus lokalen Fertigbetonteilen.

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Sarajevo – Eine islamische Stadt in Europa

Der heutige Tag startete mit einem herrlichen Frühstück mit Ajvar und Räucherkäse. Wohl genährt und hochmotiviert ging es anschließend erneut in die Stadt: Ohne festgelegtes Ziel haben wir uns bei kaltem aber klarem Herbstwetter durch die Stadt treiben lassen mit besonderem Fokus auf die von uns gewählten Lebensbereiche Einkaufen, Glauben und Verweilen, im Folgenden die ersten Eindrücke:

Glauben: Der Beiname „Klein-Jerusalem“ ist durch und durch passend, es gibt unzählige Moscheen und Kirchen aller Größen und Epochen. Überraschenderweise haben wir jedoch noch keine Muezzin zum Gebet rufen hören, lediglich einige 12Uhr Kirchenglocken. Die Sakralbauten sind sehr präsent, aber bis dato haben wir noch keine muslimischen Gebete, christlichen Messen, Hochzeiten oder Beerdigungen sehen können; die Wirkung nach außen ist verschlossen. Auch im öffentlichen Leben sind die verschiedenen Religionszugehörigkeiten kaum sichtbar.

Eine besondere Erkenntnis des heutigen Tages war etwas, was wir bereits wussten, uns dennoch positiv überraschte: 86 Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens, das äußere Erscheinungsbild – speziell der Frauen – entspricht aber nicht der der verschleierten Muslima wie wir es aus Wien kennen. Die Sarajevoerinnen kleiden sich elegant und sexy, tragen gerne Make-Up und verdecken nur in seltensten Fällen ihr Kopfhaar. Es  bestätigt sich, dass der “bosnische Islam” europäisch orientiert und vergleichsweise liberal ist. Dies spiegelt sich auch in unserer AirBnB-Küche wieder: Im obersten Regal liegt ein Koran, eingewickelt in ein Kinderhandtuch mit Gemüseaufdruck, daneben stehen die Schnapsglässchen.

Koran mit Schnaps und Gemüse
Koran mit Schnaps und Gemüse

Verweilen: Der erste Eindruck des öffentlichen Lebens auf der Straße ist sehr europäisch, es wird flaniert, geflirtet, gequatscht und entspannt, ganz unabhängig von Alter oder Geschlecht. Es ist vergleichbar mit dem uns bekannten öffentlichen Leben in Serbien oder Kroatien.

Einkaufen: Zwei gegensätzliche Bereiche zum Einkaufen haben wir bereits erkundet, zum einen die historische Altstadt, mit engen Gassen und einer hohen Dichte an verschiedensten Geschäften, zum Anderen die eingeschossigen Versorgungszeilen vor den Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten mit Konzum-Supermarkt, Apotheke oder Lampengeschäft.

sozialistische Versorgungszeile
sozialistische Versorgungszeile

Auf unseren Wegen durch die Stadt standen wir irgendwann vor einem schicken Kosmetiksalon mit dem Titel “Herbal Spa”, der Titel auch in arabischer Schrift. Nach kurzer Überlegung und einem Blick durchs Fenster entschieden wir uns einfach einzutreten und das Gespräch mit der Rezeptionistin “Adriana” zu suchen:

Arabisches Wellness in Sarajevo
Arabisches Wellness in Sarajevo

Herbal Spa ist eine kuwaitische Kette, die weltweit ihre Salons eröffnet, bewusst für die eigenen Landsleute. Laut Adriana besteht die Hauptkundschaft aus Touristinnen arabischer Länder. Die Hauptsaison für arabische Touristen umfasst aber nur etwa 2,5 Monate nach Beendigung des Ramadan. Es gibt wohl auch vereinzelt bosnische Kundinnen, aber laut Adriana bevorzugen die Bosnierinnen ein Kaffeehaus oder gehen Wandern bevor sie in einen Spa besuchen. Uns machte diese Aussage etwa stutzig, da in unserem Empfinden die Bosnierinnen erheblichen Wert auf Äußerlichkeiten legen und es viele z.B. lokale Friseursalons gibt. Wir haben die Preise nicht erfragt, vermuten aber, dass der Herbal Spa weit über dem Durchschnitt für z.B. eine Maniküre liegt und damit außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der meisten Bosnierinnen.

Wien – Sarajevo: Eine turbulente Anreise

erster Landeanflug auf Sarajevo - ABGEBROCHEN!
erster Landeanflug auf Sarajevo – ABGEBROCHEN!

…und auch die dritte Gruppe hat die Reise nach Sarajevo geschafft! Hinter uns liegt eine intensive Zeit der Vorbereitung und Vorfreude, einzig und allein getrübt durch die Wettervorhersage für die nächsten zehn Tage mit Temperaturen zwischen -1 und +26°C. Mit bis an den Rand mit Pullovern und Technik gefüllten Koffern startete unser heutiger Tag am Wiener Flughafen, zuerst einmal bestimmt durch stündlich wechselnde Fluginformationen. Gegen Mittag saßen wir dann wieder erwarten im Direktflug nach Sarajevo, der aufgrund des miserablen Wetters erst im dritten Versuch den Boden erreichte.

Dichte Wolken, eisige Temperaturen und ein beständiger Nieselregen konnten unsere Motivation die bosnische Hauptstadt zu erobern kaum schmälern. Ein Taxi – natürlich Mercedes – hat uns durch die umliegenden Hügel der Republika Sripska, wo an jeder Kreuzung zwischen ein und zwei Polizisten patroulierten, in das Zentrum der Stadt gebracht. Dort erwartete uns eine bunte Mischung aus osmanischer Vergangenheit, kaiserlichem Prunk und sozialistischem „Chic“.

Unser Thema – arabische Investitionen und öffentlicher Raum – begegnete uns bereits wenige Meter hinter den Passkontrollen: große Werbebanner für örtliche Kasinos und Immobilienunternehmen in arabischer Schrift dominierten die Gepäckausgabe.

Arabische Reklame im Flughafen!
Arabische Reklame im Flughafen!

Bei unserem ersten abendlichen Rundgang waren wir überrascht von der Schönheit des bunt zusammengewürfelten Stadtgefüges und der Vielzahl der Moscheen auf den umliegenden Hügeln der Stadt, wo die dörflichen Strukturen noch deutlich sichtbar sind. In der Bascasija – der historischen Altstadt – war es erstaunlich ruhig, sicher bestimmt durch das Wetter. Mit Einheimischen aller Altersklassen, europäischen Touristen (natürlich viele Deutschsprachige), arabischen Touristen und einem Reisebus voll Japanern war das Publikum sehr durchmischt.

Der heutige Tag war geprägt durch die turbulente Anreise, herbstliche Temperaturen und viele neue Eindrücke, die erst einmal verarbeitet werden müssen! Wir freuen uns auf den morgigen Tag, wo wir in alter Frische und mit vollem Elan in die bosnische Hauptstadt eintauchen werden!

Bis dahin,

Tine & Rafael

Arabische Investitionen im öffentlichen Raum Sarajevos

Wir, das sind Tine und Rafael, machen gegen Ende September eine Expedition nach Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, im Rahmen der Lehrveranstaltung Field Trips in Publicspace #3 – Reagenzglas (Süd-)Osteuropa.

In der ersten Auseinandersetzung mit unserem Thema – Nachkriegsentwicklung und Konkurrenz – wurde schnell deutlich, dass die Investitionen aus dem arabischen Raum aktuell die prägendste Wirkung auf den öffentlichen Raum in Sarajevo haben und auch finanziell die höchste Investitionssumme darstellen. Diese Entwicklung ist ein neuer noch unerforschter Einfluss auf die Stadt, ihre Kultur und ihren öffentlichen Raum. Die international agierenden arabischen Investorengruppen investieren und bauen in allen Lebensbereichen.

Für unsere Forschungsarbeit haben wir die drei zentralen Lebensbereiche Einkaufen, Glauben und Verweilen gewählt, weil diese den öffentlichen Raum am meisten beeinflussen. Diesen drei Bereichen haben wir folgende drei öffentlich zugängliche Räume arabischer Investoren zugeordnet: das Einkaufszentrum Sarajevo City Center (Einkaufen), die König-Fahd-Moschee (Glauben) und der urbane Platz der Kinder (Verweilen).

Daraus resultierend unsere Forschungsfrage: Wie beeinflussen, die durch arabische Großinvestoren errichteten öffentlich zugänglichen Räume – wie das Einkaufszentrum Sarajevo City Center, die König-Fahd-Moschee und der urbane Platz der Kinder – die täglichen Lebensbereiche Einkaufen, Glauben und Verweilen in Sarajevo?

Methodisch gliedert sich die Forschungsreise in zwei Blöcke: in eine empirische örtliche Untersuchung direkt im Forschungsfeld und in exemplarische ExpertenInneninterviews. Bei der örtlichen Untersuchung kommen sowohl intuitive Methoden wie auch eine fachliche Raumanalyse und eine Intervention im öffentlichen Raum vor.

Wir werden euch über den Futur.Lab Blog auf dem Laufenden halten und blicken mit freudiger Erwartung auf die Expedition und ihre Ergebnisse.

Bis dahin,

Tine & Rafael