Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen

Wir sind seit Samstag bzw. Sonntag wieder zurück und blicken auf eine unglaublich spannende Zeit in Sarajevo zurück. Sarajevo – eine Stadt, auf die man sich einlassen muss, wo an allen Ecken und Enden Geschichte zum Vorschein kommt. Eine gemütliche Stadt, wo alles ein bisschen langsamer geht und die trotz ihrer Größe (ca. 300.000 EinwohnerInnen) pulsiert. Wir haben uns auf diese Reise vorbereitet, haben uns durch die Geschichte gearbeitet und hatten nach jedem Text das Gefühl, endlich alles verstanden zu haben. Aber wo! Zum Abschluss möchten wir euch einen kurzen Überblick über Sarajevo und unsere Reise (auch etwas abseits unserer Forschung) geben und hoffen, unsere Beiträge waren informativ und unterhaltsam.

Was uns ziemlich schnell klar wurde und doch ein bisschen überrascht hat: Sarajevo ist quasi ein Bergdorf und am Abend wird es kalt. Dass Sarajevo in einem Tal liegt und von teilweise sehr hohen Bergen umgeben ist, weiß man, wenn man sich mit der Belagerung der Stadt auseinander setzt. Aber irgendwie war uns das nicht so ganz bewusst, dass dann vielleicht das Klima etwas anders ist und dass es auf über 500 Metern vermutlich im September auch mal regnen kann (hat es auch).

Die Stadtstruktur ist vollends an diese Talform und die Lage angepasst: Vom östlich gelegenen osmanischen Stadtkern entwickelt sich die Stadt über Strukturen aus der Habsburger Zeit bis hin zu Hochhäusern und zahlreichen Wohnbauten in den Westen. Die Hänge sind geprägt von Einfamilienhausstrukturen und Zersiedelung. Dort fühlt man sich tatsächlich wie in einem Bergdorf, man grüßt sich, sitzt vor dem Haus, tratscht und schaut aufeinander. Adelheid Wölfl hat uns das so erklärt: Jedes Stadtviertel hat seine Moschee, seinen Bäcker und somit eine Art “Zentrum”. Wir würden da noch teilweise die Bushaltestelle als Element hinzufügen.

Blick auf die Stadt
Blick auf die Stadt
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)

Wir haben uns ja bereits im Vorfeld der Forschungsreise mit dem Thema Ethnien, Gruppenbildungen und Abgrenzungsmechanismen sowie der Geschichte Bosniens detailliert auseinander gesetzt. Die Erfahrungen auf der Reise haben vieles bestätigt und vor allem veranlasst, dass wir uns den Kopf noch mehr darüber zerbrechen. Es gibt so viele Ebenen, die dabei eine Rolle spielen, so viele Meinungen, die alle irgendwie eine Berechtigung haben und die Thematik um einen weiteren Blickwinkel erweitern. Abschließend dazu kann man sagen, dass Bosnien leider ein gutes Beispiel dafür ist, in welche Richtung uns Nationalismus treiben kann und welche Macht korrupte politische Systeme und Medien haben bzw. wie tief sie Gesellschaften eigentlich spalten können. In vielen Gesprächen haben wir gemerkt, dass die tiefe Verwurzelung dieser gesellschaftlichen Trennung auch unbewusst funktioniert. Eine Autofahrt von Bihać nach Sarajevo durch die Republika Srpska kann zur mulmigen Angelegenheit werden, weil die Großmutter vor der Abfahrt ihre Sorgen äußert – obwohl man selbst eigentlich keine Bedenken hätte. Oder der Besuch in Sarajevo wird aufgrund der muslimischen Atmosphäre als eher unangenehm empfunden.

Sarajevo (und ganz Bosnien) ist geprägt von dieser Geschichte, und ja vor allem vom Krieg. Wir wussten das vor der Reise, und dennoch hat es uns überrascht, wie sehr die Wunden in der Stadt, z.B. bei den Gebäuden, noch ersichtlich sind. Seien es die vielen Friedhöfe oder Einschusslöcher in nahezu jedem zweiten Haus – uns wurde dadurch noch mehr bewusst, dass der Krieg eben erst 20 Jahre her ist. Wir beide sind zu jung, um Erinnerungen an diese Zeit bzw. Medienberichte verfolgt zu haben oder Ähnliches. Vielleicht wurde uns gerade deshalb erst auf der Reise klar, wie nahe vor wirklich kurzer Zeit Krieg herrschte und was das für die Menschen auf diesem Gebiet bedeutet.

Beitrag aus einer Ausstellung über den Wiederaufbau der Stadt
Beitrag aus einer Ausstellung über den Wiederaufbau der Stadt
Wir sind durch Zufall an dem Haus aus der Ausstellung vorbei gegangen - der rechte Teil trägt immer noch erhebliche Narben vom Krieg.
Wir sind durch Zufall an dem Haus aus der Ausstellung vorbei gegangen – der rechte Teil trägt immer noch erhebliche Narben vom Krieg.
Haus im Stadtteil Grbavica
Häuser im Stadtteil Grbavica

Doch vor allem der Blick aus Sarajevo raus, in das gesamte Land, wäre für eine weitere Vertiefung absolut notwendig. Wir haben schon kurz Mostar angeschnitten (leider ist es sich doch nicht ausgegangen, Mostar im Blog zu behandeln), doch auch die Reise mit dem Bus nach Wien von Sarajevo über Zenica, Doboj und schließlich über Slavonski Brod nach Kroatien bat einen ersten Einblick. Gerade wenn man etwa nur aus dem Busfenster beobachtet, wird das Interesse, sich näher damit auseinander zu setzen, erst so richtig geweckt. Wir haben uns beide regelrecht hineingestürzt in diese Thematik und werden da so schnell auch nicht mehr rauskommen – es bleibt noch einiges zu entdecken und zu erforschen.

Straßenverkauf nahe der Grenze zu Kroatien
Straßenverkauf nahe der Grenze zu Kroatien

Ein Tipp zum Schluss: VeganerInnen, Nicht-RaucherInnen, Fett-VermeiderInnen und KaffeverweigererInnen haben es in Bosnien nicht ganz leicht 😉

In diesem Sinne: Vielen Dank fürs Lesen – wir hoffen, wir haben Lust auf Sarajevo, Bosnien und die komplexe Geschichte dieses Teiles von Europa gemacht!

Ohne Kaffee geht gar nichts!
Ohne Kaffee geht gar nichts!

Früher war alles besser.

Am letzten Tag unserer Forschungsreise besuchen wir am vergangenen Freitag den Trebević, quasi den Hausberg Sarajevos. Der Trebević hat in den letzten Jahrzehnten in der Geschichte Sarajevos immer wieder eine bedeutsame Rolle gespielt: Kriegsschauplatz, Erholungs- bzw. Freizeitgebiet und natürlich wurden auch hier Wettkämpfe der Olympischen Spiele 1984 ausgetragen.

Beschwerlicher Aufstieg mit der Seilbahn
Beschwerlicher Aufstieg mit der Seilbahn

Wir erklimmen den Berg mithilfe einer Seilbahn, die erst seit April diesen Jahres wieder in Betrieb ist und im Krieg zerstört wurde. Einige Minuten unterhalb der Seilbahnstation befindet sich in mittlerweile von Minen befreitem Gebiet mit der alten olympischen Bobbahn ein Relikt vergangener Zeit, eine Erinnerung an die glorreichen Olympischen Spiele vor dem Krieg. Wir gehen die Bobbahn bis zum Ziel hinunter, sind dabei nicht die einzigen, denn die Überreste der Bahn sind längst zu einer Sehenswürdigkeit für TouristInnen geworden. Doch je weiter wir gehen, umso weniger Menschen begegnen uns und wir bekommen eine Vorstellung davon, wie das sein muss – die Olympischen Spiele quasi vor der Haustüre. Und wie das sein muss, wenn genau dieser Ort nur wenige Jahre später zum Kriegsschauplatz wird.

Erkunden der Bobbahn der Olympischen Spiele 1984 - wir sind nicht alleine.
Erkunden der Bobbahn der Olympischen Spiele 1984 – wir sind nicht alleine.
Graffitis auf der Bobbahn
Graffitis auf der Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn

Die Olympischen Spiele waren nicht nur für Sarajevo ein Ereignis – die ganze Welt war zu Gast in Jugoslawien. Wir sprechen dabei von jenem Staat, der nach dem zweiten Weltkrieg aufbauend auf das Königreich Jugoslawien (1918-1941) als Föderative Volksrepublik Jugoslawien (später in Sozialistische Föderative Volksrepubik Jugoslawien umbenannt) gegründet wurde. Jugoslawien, Tito, Blockfreiheit, Kommunismus, Arbeitsplätze und das friedliche Leben in Einheit – fast wie im Paradis. Ein romantisiertes Bild, das nicht selten von vor allem vielen jungen Menschen, die Jugoslawien eigentlich gar nicht mehr erlebt haben, gezeichnet wird. In wirtschaftlich äußerst schlechten Zeiten (z.B. Arbeitslosenquote von über 50% bei den 15-24 Jährigen), wo viele Probleme zusätzlich durch nationalistische Gedanken von Seiten der Politik sowie der Medien konstruiert werden, erscheint Jugoslawien vielen wie ein leuchtender Stern am Himmel. Diese Jugonostalgie wird ersichtlich besipielsweise im Umgang mit den Olympischen Spielen, die nach wie vor in der Stadt präsent sind, oder mit dem Café Tito, einer der Treffpunkte für Jugendliche schlecht hin. Jugoslawien, z.B. auch die Musik aus vergangener Zeit, liegt definitiv im Trend.

Graffiti in der Innenstadt Sarajevos
Graffiti in der Innenstadt Sarajevos
Friedhof auf Tennisplätzen am Gelände der Olympischen Spiele
Friedhof auf Tennisplätzen am Gelände der Olympischen Spiele
Olympischer Flair ist nach wie vor präsent
Olympischer Flair ist nach wie vor präsent

Die Jugonostalgie hält jedoch oftmals nur so lange an, bis die Aussichtlosigkeit überwiegt Dann gibt es für viele nur eine Möglichkeit: Auswandern. Bosnien verliert pro Jahr mehrere Zehntausend EinwohnerInnen, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben ins Ausland aufmachen. Bei knapp 3,5 Mio. EinwohnerInnen ist dies natürlich für die Zukunft keine rosige Aussicht. Mirza, unser Interviewpartner von vor ein paar Tagen (wir haben ihn übrigens im Café Tito getroffen), war immer einer jener in seinem Bekanntenkreis, die bleiben und zu einer erfolgreichen Zukunft Bosniens ihren Beitrag leisten wollen. Doch mittlerweile setzt auch bei ihm eine gewisse Frustration ein. Eine Familie jedenfalls kann er sich in Bosnien nicht vorstellen – sollte er Kinder bekommen, wird er (spätestens dann) vermutlich das Land verlassen.

Morgen wird es noch einen abschließenden Blogeintrag geben, wo wir unsere Reise Revue passieren und euch an den wichtigsten Erkenntnissen Teil haben lassen.

 

Symboliken und wo sie zu finden sind

Nachdem wir gestern nur bis zur Grenze zwischen der Förderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska gekommen sind, machen wir uns heute zum westlichen Ende Sarajevos nach Dobrinja und Lukavica (Stadtteil Sarajevos auf dem Gebiet der Republika Srpska) auf.

Busfahrt nach Istočno Sarajevo vorbei an monströsen Wohnbauten
Busfahrt nach Istočno Sarajevo vorbei an unzähligen Wohnbauten

Die Anreise per Bus bestätigt unsere gestrigen Ausführungen bezüglich des öffentlichen Verkehrs: Der Bus bringt uns nur bis Dobrinja. Einige Meter vor der Grenze zur Republika Srpska, die übrigens an dieser Stelle nicht gekennzeichnet ist, befindet sich die Endstation. Gemeinsam mit uns machen sich einige weitere Passagiere zu Fuß auf den Weg in die Republika Srpska. Nach einigen Metern erblicken wir den Busbahnhof von Istočno Sarajevo (Ost-Sarajevo), wo der Weg mit den Öffis fortgesetzt werden könnte.

Völkerwanderung durch Niemandsland des Öffentlichen Verkehrs
Völkerwanderung durch Niemandsland des Öffentlichen Verkehrs
Busbahnhof Istočno Sarajevo
Busbahnhof Istočno Sarajevo
Gegenüberliegende Häuser mit grünen Hausnummern und Straßenschildern (Föderation Bosnien und Herzegowina) sowie blauen (Republika Srpska)
Gegenüberliegende Häuser mit blauen Hausnummern und Straßenschildern (Republika Srpska) sowie grünen (Föderation Bosnien und Herzegowina)

Unser Ausflug nach Istočno Sarajevo hat vor allem einen Grund: Wir wollen die Statue und den Park von Gavrilo Princip besuchen, denn die Meinung zur Person Gavrilo Princip teilt Bosnien. Für die einen ist er der Attentäter Franz Ferdinands und Sophies, für die anderen ist er ein Held, fast ein Märtyrer, der das Land von Österreich-Ungarn quasi befreit hat. Als Beispiel für die widersprüchlichen Sichtweisen hinsichtlich der Ereignisse 1914 haben wir bereits in einem vorigen Blogeintrag die Benennung der Straße Obranj erläutert. Weiters wurde die Brücke des Attentats während des Bosnienkrieges von Princip-Brücke in Lateinerbrücke umbenannt – ein Zeichen seitens der bosniakischen Bevölkerung.

In Istočno Sarajevo wurde 2014 ein deutliches Symbol bezüglich dieser Debatte gesetzt: Man benannte einen zentralen Park in diesem Stadtteil nach Gavrilo Princip und setzte eine Statue hinein. Ein Graffiti würdigt ihn ebenso.

Graffiti von Gavrilo Princip
Graffiti von Gavrilo Princip

Auf unserem Spaziergang durch Istočno Sarajevo sehen wir erstmals deutliche nationalistisch motivierte Symboliken, die uns so zuvor im Rest Sarajevos kaum begegnet sind. In unseren Gesprächen, als auch Recherchen, wurde dies jedoch schon im Vorhinein vermutet, da Sarajevo zu fast 80% (Zahlen von 2015) von Menschen, die sich selbst als Bosniaken bezeichnen, bewohnt wird – im Vergleich: 1991 waren es knapp unter 50%. Diese deutliche Mehrheit macht es nicht notwendig, sich von anderen Gruppen beispielsweise im Öffentlichen Raum abzugrenzen. Subtil gibt es jedoch durchaus Zeichen, die quasi den Territorialanspruch verdeutlichen – wie etwa die Benennung der Straßen. Jener Öffentliche Raum in Sarajevo, den wir bis vor dem heutigen Tag besucht haben, wird, bis auf die große Anzahl an Moscheen, kaum durch Symboliken vereinnahmt.

Serbisches Kreuz auf einer Hauswand in Istočno Sarajevo
Serbisches Kreuz auf einer Hauswand in Istočno Sarajevo

Interessant wird es diesbezüglich in anderen Teilen des Landes, in denen die Bevölkerungsstruktur heterogener ist. So beispielsweise in Mostar, wo die Verteilung zwischen kroatischer und bosniakischer Bevölkerung quasi ausgeglichen ist, diese jedoch räumlich nahezu unabhängig voneinander leben. Lena wird nach Sarajevo Mostar besuchen, und darüber kurz im Vergleich berichten.

Bosnien – klein, aber komplex

Wir haben heute Mirza Ajnadžić getroffen. Mirza ist Journalist und befasst sich unter anderem mit dem Thema Ethnizität in Bosnien. Anschließend an unser gestriges Gespräch und den Erkenntnissen daraus sind wir durch Mirza weiter in die Materie eingetaucht.

Ethnizität ist in Bosnien durch das Dayton-Abkommen, durch das der Krieg beendet wurde, in der Verfassung und im gesamten politischen System verankert. Beispielsweise kann nur jemand Präsident werden, der sich eindeutig zu einer der drei größten Volksgruppen (Bosniaken, Serben, Kroaten) bekennt. Weiters sind viele Posten dreifach besetzt, um keine Volksgruppe zu benachteiligen. Mirza sieht sich als Staatsbürger Bosnien und Herzegowinas, und somit zu keiner der drei ethnisch konnotierten Gruppen zugehörig – dadurch kann er beispielsweise kein politisches Amt bekleiden.

Politisches System in Bosnien und Herzegowina - etwas komplex
Politisches System in Bosnien und Herzegowina – etwas komplex

1995 waren diese Festlegungen nötig, um Frieden im Land herzustellen, jedoch sieht Mirza den heutigen Bosnischen Staat und das politische System als Produkt einer nicht zu Ende gedachten Regelung. Das Dayton-Abkommen meißelt die ethnischen Trennung des Landes in Stein, es herrscht zwar Frieden, doch ein richtiges Ende der nationalistischen Auseinandersetzungen wurde dadurch nicht erreicht.

In Vorbereitung auf die Forschungsreise haben wir uns mit Ana Mijić vom Institut der Soziologie der Universität Wien getroffen. Sie hat uns vom Schulsystem in Bosnien erzählt und, wie sich dort die ethnische Trennung der Gesellschaft weiterführt. In Bosnien gibt es bosnische, serbische und kroatische Schulen, die in der Form geregelt wurden, um allen Kindern den Unterricht in ihrer Muttersprache (Bosnisch, Serbisch und Kroatisch) und in Hinblick auf die jeweilige Religion und Geschichte zu ermöglichen. Ana Mijić erzählte uns von einem Gebäude, durch das in der Mitte eine Mauer geht, rechts und links werden Kinder unterschiedlicher Volksgruppen unterrichtet. Doch es gibt auch andere Beispiele: Im Juli 2017 protestierten SchülerInnen in einigen Städten Bosniens gegen diese Trennung (Wölfl, 2017), denn die Segregation in Bildungseinrichtungen festigt die Teilung der Gesellschaft von Kindesalter an.

Doch eine Veränderung der derzeitigen Situation ist nicht in naher Zukunft zu erwarten, da politische AmtsträgerInnen kein Interesse daran hätten. In jeglichen Interviews wurde uns das unglaublich korrupte bosnische politische System geschildert, in dessem Interesse (Machterhalt) nationalistische Tendenzen weiter gefestigt werden. Dies hat auch starke räumliche Auswirkungen: Mirza hat uns von Interviews erzählt, in denen es um die Wahrnehmung der Grenze zwischen den Entitäten (Republika Srpska und Förderation Bosnien und Herzegowina) ging. In diesen Gesprächen kam mehrfach auf, dass die jeweils andere Entität kaum besucht wird und somit räumlich kein Zusammenhang besteht. Ein Blick auf das Straßensystem sowie den Öffentlichen Verkehr bestätigt diese Annahme – Straßen gehen oftmals entlang der Grenze, aber nicht regelmäßig darüber, Straßen enden, Busverbindungen zwischen den Entitäten bestehen teilweise spärlich.

Die Grenze zwischen den Entitäten im Süden Sarajevos, abgesehen vom Schild, auch ersichtlich an der Straße und dem Gehsteig
Die Grenze zwischen den Entitäten im Süden Sarajevos, abgesehen vom Schild, auch ersichtlich an der Straße und dem Gehsteig

Die Frage, die sich uns heute erneut aufwarf, ist, wie ein Staat in dieser Konstellation funktionieren kann und wie Bosnien in 10 Jahren aussieht – vor allem in Anbetracht nationalistischer Politik, hoher Arbeitslosigkeit, starker Abwanderung sowie zunehmender Aussichtslosigkeit, dass sich an dieser Situation bald etwas ändert.

Mirzas Wunsch für die Zukunft: Dass Ethnizität nicht mehr alles in Bosnien vereinnahmt und lähmt. Mensch ist Mensch, und sie alle sind Teil einer Gesellschaft, die sich gemeinsam weiterentwickeln kann.

Die Ewige Flamme in Sarajevo steht für jeglichen Antifaschismus und gegen Nationalismus
Die Ewige Flamme in Sarajevo steht für jeglichen Antifaschismus und gegen Nationalismus

Quellen:

Wölfl, A. in Der Standard: Segregation in bosnischen Schulen soll enden, 10. Oktober 2017, https://derstandard.at/2000065640686/Segregation-in-bosnisB, zuletzt aufgerufen am 05.09.2018.

Absurdität der künstlichen Diversität?

Wir haben heute Adelheid Wölfl getroffen, Standard Korrespondentin in Südosteuropa. Sie hat uns an ihrem reichhaltigen Wissen über die Region, über Bosnien, über Sarajevo teilhaben lassen. Aufkommender Nationalismus beschäftigt und prägt die Region wie nie zuvor, Menschen und ihre Identitäten werden von politischen Strukturen instrumentalisiert.

Wir haben uns der Frage gestellt, inwiefern eigentlich der Ausdruck “Ethnische Gruppen” der Realität entspricht, und wie diese Einteilung der Menschen (an sich ein äußerst fragwürdiger Ausdruck), die in Bosnien leben, zustande gekommen ist. Wir waren immer der Ansicht (aufgrund fundierter Literaturrecherche, in der genau dies vermittelt wird), dass Ethnische Gruppen in Bosnien stark über die religiöse Zugehörigkeit definiert werden, doch ein ganz anderer Aspekt kam im Laufe des Gespräches mit Adelheid Wölfl auf: Zugehörigkeiten zu religiösen Gruppen werden seitens nationalistischer Gedanken zur Bildung von ethnischen Gruppen instrumentalisiert, wobei nicht die tatsächliche Ausübung der Religion eine Rolle spielt, sondern oftmals allein der eigene Name definiert, welcher Gruppe man anzugehören scheint.

Bosnien und auch die restlichen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sind geprägt von Nationalismus – Parteien instrumentalisieren diese Themen für den eigenen Machterhalt und forcieren damit eine Spaltung der Gesellschaft (siehe Entwicklungen im Kosovo bzw. immer wieder aufkeimende Abspaltungstendenzen der Republika Srpska). Ein Phänomen, das, vielleicht nicht ganz in dieser Form und vor allem nicht mit dieser Vergangenheit, auch in Österreich zu beobachten ist.

Streetart in Sarajevo
Streetart in Sarajevo

Wir haben in unserem ersten Blogeintrag bereits über Friedhöfe berichtet, doch dabei haben wir uns hauptsächlich mit der Rolle im Stadtgefüge und der Symbolik des Ortes beschäftigt. Adelheid Wölfl hat uns noch eine andere Seite aufgezeigt: Traditionen werden von anderen religiösen Gruppen übernommen – so beispielsweise die Niederlegung von Blumen (typisch katholische Tradition) an muslimischen Gräbern, was so nur in Bosnien zu finden ist. In unserer Vorbereitung auf die Reise wurde auch mehrfach erwähnt, dass man sich gegenseitig zu den jeweiligen religiösen Feiertagen gratuliert und diese respektiert.

Blumenschmuck auf muslimischen Gräbern in Kovači
Blumenschmuck auf muslimischen Gräbern in Kovači
Muslimische Gräber mit Blumenschmuck auf einem Friedhof in Koševo, katholische Gräber im Hintergrund
Muslimische Gräber mit Blumenschmuck auf einem Friedhof in Koševo, katholische Gräber im Hintergrund

Bosnien ist ein Land mit unglaublich komplexer Geschichte, die sowohl trennende als auch verbindende Ereignisse beinhaltet. Der zurzeit immer stärker aufkommende Nationalismus, der laut Wölfl noch nie so stark war wie heute, trägt jedenfalls nicht zur Stabilisierung der Region bei. Blickt man nach Europa, zeigt sich, dass es leider auch hier ähnliche Tendenzen gibt. Eigentlich gäbe es doch genug Ereignisse, die zeigen, dass dies nicht der richtige Weg zum friedlichen Zusammenleben ist. Die Bestätigung dafür haben wir heute hautnah im “Museum der Verbrechen gegen Menschlichkeit und Genozid” erlebt – Bosniens Geschichte zeigt deutlichst, wohin Nationalismus führen kann.

Am Ende des Museums, am Ende unserer Emotionen
Am Ende des Museums, am Ende unserer Emotionen

Was uns Straßennamen sagen

Bosnien ist seit Jahrhunderten geprägt von Vielfalt – osmanische (muslimische), orthodoxe, katholische, jüdische, atheistische und nicht-religiös geprägte Teile der Geschichte, die Spuren in der Stadt hinterlassen. Wir haben auf unserem Weg durch die Straßen Sarajevos Zeugen dessen gefunden: Straßennamen.

Die Geschichte der Ulica Konak
Die Geschichte der Ulica Konak
Ansicht der Ulica Konak
Ansicht der Ulica Konak

Im Rahmen der Vorbereitung auf die Forschungsreise haben wir uns intensiv mit der Rolle von Symboliken für die Identitätsbildung von Ethnischen Gruppen und für das Zugehörigkeitsgefühl einzelner Personen auseinander gesetzt. Symboliken werden bewusst oder unbewusst eingesetzt, sie können Aussagen transportieren, andere diskriminieren, offen oder subtil. Neben offensichtlichen Symbolen wie Flaggen oder religiösen Zeichen, ist auch die Namensgebung von Orten oder Gebäuden identitätsstiftend.

Die Benennung von den verschiedensten Straßen basiert auf vielerlei Gründen. Viele der ursprünglichen Namensgebungen in Baščaršija (osmanischer Kern Sarajevos) sind auf Handwerke, denen zur Zeit der osmanischen Herrschaft an diesem Ort nachgegangen wurde, oder Handelsorte zurückzuführen. Diese wurden jedoch in Laufe der Jahrhunderte oftmals geändert und angepasst.

Osmanischer Flair in Baščaršija
Osmanischer (und touristischer) Flair in Baščaršija

Ein Beispiel von vielen stellt die Ulica Oprkanj dar. Oprkanj ist eine Bezeichnung für einen überdachten Straßenmarkt und wurde seit dem 16. Jahrhundert bis 1921 für diese Straße verwendet. In diesem Jahr wurde die Straße umbenannt – und zwar nach Danilo Ilić. Danilo Ilić war ein bosnischer Serbe, aufgewachsen in ebendieser Straße, der sich in seiner Jugend der Mlada Bosna anschloss. Er rekrutierte einige Beteiligte des Attentates an Franz Ferdinand und Sophie, unter anderem war er ein enger Freund Gavrilo Princips (Mörder von Franz Ferdinand und Sophie). Schlussendlich wurde er 1915 nach österreich-ungarischem Gesetz erhängt. Nach einem kurzen Intermezzo von 1941-1945 blieb der Straßenname bis 1993 erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs war Bosnien Teil jenes Gebiets, dass unter Verwaltung (und Terror) des Ustaša-Regimes stand. Nach 1993 wurde der alte Name Oprkanj wieder eingesetzt – zu diesem Zeitpunkt wurde Sarajevo bereits ein Jahr von den Truppen der Armee der Bosnischen Serben, verbliebenen Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee sowie Paramilitärs belagert.

Die Geschichte der Ulica Oprkanj
Die Geschichte der Ulica Oprkanj
Ansicht der Ulica Oprkanj
Ansicht der Ulica Oprkanj

Dieses Beispiel zeigt, dass Straßennamen im historischen Kontext für verschiedene Zwecke vereinnahmt wurden und politische Botschaften transportieren können. Je nachdem, wie die politische Lage in Sarajevo war, wurden Straßennamen teilweise angepasst.

Blickt man hinter die Kulissen, können wortwörtlich an jeder Straßenecke Symboliken versteckt sein. Sie beeinflussen nicht direkt unseren Alltag oder spielen für jeden Einzelnen eine Rolle, aber sie verallgegenwärtigen die Geschichte und haben eine übergeordnete identitätsstiftende oder ausgrenzende Wirkung.

Zum Abschluss noch zwei weitere Beispiele:

Die Geschichte der Ulica Ferhadija
Die Geschichte der Ulica Ferhadija
Die Geschichte der Ulica Sarači
Die Geschichte der Ulica Sarači

 

Die Stadt der Friedhöfe

Wir besuchen heute das Sarajevo von Nedad Memić. Der PR-Berater, Journalist und Philologe stammt aus Sarajevo, lebt in Wien und wir haben ihn im Juli im Café Jelinek getroffen. Wir haben mit ihm über die Beziehung der ethnischen Gruppen in Bosnien zueinander gesprochen und über Orte, die hierfür eine Rolle spielen.

Im Laufe der Vorbereitungen zur Forschungsreise haben wir uns viel mit Grenzen und Grenzräumen beschäftigt. Im Gespräch mit Nedad wurde jedoch schnell klar, dass eigentlich die verbindenden Orte für das Leben in dieser multikulturellen Stadt viel wichtiger sind. Orte, die für alle ethnischen Gruppen eine (vielleicht unterschiedliche) Bedeutung haben. Dabei wird Ort nicht als geographisch fixes Element im Raum verstanden, sondern eher als Ortstyp, wie etwa Friedhöfe.

Friedhöfe, die in ganz Sarajevo verteilt sind und die immer wieder zwischen den Häusern in den steilen Straßen der Mahalas (Wohnviertel mit osmanischen Strukturen) auftauchen. Auf nahezu jeder öffentlichen Grünfläche sind Grabsteine aus vergangener Zeit zu finden.

Muslimische Grabsteine aus osmanischer Zeit auf einer Grünfläche in Kovači
Muslimische Grabsteine aus osmanischer Zeit auf einer Grünfläche in Kovači

Betrachtet man die Grabsteine und ihre Inschriften näher, wird klar, warum hier so viele Menschen begraben sind: Viele sind Zeugen des Krieges und einer Zeit, in der Sarajevo die vermutlich schlimmsten Jahre seit Bestehens der Stadt erlebte. 1.425 Tage, von 1992 bis 1996, wurde die Stadt während des Krieges belagert – die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Etwa 11.000 Menschen verloren während dieser 4 Jahre ihr Leben. 11.000 Menschen, die begraben werden mussten. Hierfür fehlte einerseits der Platz, andererseits war es durch die Belagerung und den ständigen Beschuss durch Scharfschützen unmöglich, die alten Friedhöfe zu verwenden.

Grabstein im Vorhof einer Moschee in Kovači
Grabstein im Vorhof einer Moschee in Kovači

Im Sarajevo von heute ist dadurch der Krieg allgegenwärtig. Insgesamt kamen während des Bosnienkrieges rund 100.000 Menschen ums Leben, unzählige persönliche Verluste waren auf allen Seiten zu beklagen. In einem Interview vor der Reise erzählte uns eine Frau aus Banja Luka folgendes: “Jeder hat gelitten, jeder hat ein Recht, wütend zu sein. Man muss nicht vergleichen und sagen, das ist ja nicht so schlimm, was dir passiert ist, schau mich an. Alle haben gelitten, auch ich, als Serbin, wurde bedroht und sah mich gezwungen zu gehen. Meine Freunde gingen teilweise schon vor mir, Freunde starben, ich habe vielleicht nicht direkt Krieg erlebt, aber ich habe auch gelitten.”

Die Integration der Friedhöfe in das Stadtgefüge hat uns dies heute verdeutlicht. Friedhöfe sind Orte der Trauer, Orte des Verlustes – und zwar für alle Religionen und ethnischen Gruppen.

Grabsteine am alten Muslimischen Friedhof in Alifakovac
Alter Muslimischer Friedhof in Alifakovac
Blick auf den Friedhof von Alifakovac
Blick auf den Friedhof von Alifakovac

 

 

 

 

 

 

Wien-Tuzla-Sarajevo

Unsere Reise nach Sarajevo führt uns nicht auf direktem Weg in die Stadt, denn wir fliegen von Wien nach Tuzla, eine Stadt nördlich von Sarajevo. Von dort aus erreichen wir Sarajevo per Bus.

Den Abschied von Wien erleichtern 
Den Abschied von Wien erleichtern

Bosnien empfängt uns mit einem im Bau befindlichen Flughafen ohne jegliche Infrastruktur. In weiser Voraussicht haben wir uns in der unmittelbaren Umgebung einquartiert – einen Bus ins Zentrum  von Tuzla (ca. 20 Minuten entfernt) gibt es nämlich nicht.

Nach einem kleinen Rundgang in Tuzla ist es Zeit, nach Sarajevo aufzubrechen. Die Reise beginnt am Busbahnhof, ein von der EU finanziertes modernes und zum Großteil leerstehendes Gebäude, voll automatisiert. Auf einem der unzähligen Anzeigedisplays lesen wir ab, wann und wo unser Bus abfährt, passieren einen automatisierten Schranken mithilfe eines Barcodes, den wir zusätzlich zum Ticket für 2 KM erwerben müssen. Doch nicht die Technik scheint den Betrieb am Busbahnhof zu regeln, sondern zwei Männer, einer jung, einer alt, die jedoch nicht den Eindruck erwecken, als wären sie hier angestellt. Sie zeigen jedem persönlich die passende Abfahrtsplattform.

Leere am Busbahnhof Tuzla
Leere am Busbahnhof Tuzla

Wir lassen Tuzla hinter uns und Bosnien zieht an uns vorbei. Ein- und Mehrfamilienhäuser, Zersiedelung wohin das Auge reicht, manche Häuser sind nigelnagelneu, manche verfallen, manche unfertig, aber dennoch bewohnt, manche zum Verkauf. Je näher wir Sarajevo kommen, umso mehr dominieren Schilder, die den Verkauf von Flächen oder Gebäuden kommunizieren, und Ruinen das Landschaftsbild.

Bosnien
Bosnien

Wir erreichen Sarajevo und fühlen uns, als würden wir durch die Jahrhunderte reisen. Olympische Spiele zu Beginn, schicke Hochhäuser Glasfassaden rund um den Busbahnhof, Gründerzeitbauten entlang der Straßen bis wir den osmanischen Teil der Stadt erreichen.

Alt trifft auf Neu
Alt trifft auf Neu
Olympischer Geist seit 1984
Olympischer Geist seit 1984

 

 

Wir beziehen unser Quartier in Baščaršija und starten mit einem bosnischen Kaffee und einem Bier in unsere Forschungsreise.

Ziel erreicht
Ein feines Sarajevsko in Sarajevo

Mein, dein, unser Sarajevo

Wir fahren nach Sarajevo!

Wir – das sind Josefine Mochar und Lena Schartmüller, beides Studierende im Master Raumplanung und Raumordnung, und im September 2018 begeben wir uns auf Forschungsreise nach Sarajevo.

Warum also Sarajevo? Was werden wir dort erforschen?

Sarajevo ist als Hauptstadt Bosniens durch ethnisch konnotierte geschichtliche Entwicklungen und Konflikte geprägt. Historisch bedingt ist das Land in Ethnien geteilt, und das sowohl physisch als auch gesellschaftlich. Dies manifestiert sich im öffentlichen Raum sowie in der Stadtstruktur Sarajevos. Obwohl die Situation in Sarajevo darauf rückschließen lässt, dass eine Entwicklung hinsichtlich einer funktionierenden multiethnischen Gesellschaft aufkeimt, bleibt die Frage nach der Rolle von ethnischen Gruppen (speziell hinsichtlich der Abgrenzung zu anderen Gruppen) sowie deren Einfluss auf den öffentlichen Raum aktueller denn je.

Im Rahmen der Forschungsreise gehen wir der Frage nach, wo sich diese mentalen und administrativen Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen heute noch verräumlichen, wie diese den öffentlichen Raum prägen und ob bzw. wo sie sich überschneiden.

Wir freuen uns schon, wenn wir euch mehr über unser spannendes Thema und natürlich dann von unserer Forschungsreise sowie den Ergebnissen berichten dürfen!

Josefine & Lena