Genua – Le Lavatrici // Conclusio

 

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In den letzten zwei Tagen in Genua haben wir versucht ein Gesamtbild nach allen Gesprächen und Beobachtungen zu schaffen. Wir haben uns auf den Ursprungskonzept des öffentlichen Raumes konzentriert, wie es verändert wurde und was für Potenziale es uns zeigt. Wir haben die verlorene Kontinuität der Wege verfolgt, die von einer schlechten Bausubstanz begleitet wird, wir haben versucht den Wegnetzwerk zu vervollständigen und sind immer wieder von nachträglich gesetzten Grenzen gestoppt worden. Die Aneignung die wir gesucht haben, haben wir nur in geschlossene Korridore oder abgegrenzte Räume im öffentlichen Raum gefunden. Die Spuren die die Einwohner in halböffentliche Orte hinterlassen sind eng mit einem Bedürfnis nach Privatheit und Schutz verknüpft. Das hat über die Zeit dazu geführt, dass die fließende Bewegung des Ursprungskonzepts immer weniger spürbar wird, und dass der Mehrwert des großzügig geplanten Freiraumes verloren geht. Wenn man die Wohnanlage wie eine kleine Stadt betrachtet, bemerkt man, dass die einzige Kontinuität die geblieben ist, von der Autostraße erfüllt wird, die Menschengassen wurden aufgelöst.

 

Eine weitere Beobachtung war, dass wir immer wieder dieselben Bewohner getroffen haben. Es gab kleine Gruppen die sich im öffentlichen Raum gesammelt haben, andere haben wir nur selten kurzfristig beim Vorbeigehen begegnet. Die unrealisierten Begegnungsorte des Ursprungskonzeptes und die fehlende Verwaltung könnten als Gründe für eine beschränkte Kommunikation in einem größeren Maßstab genannt werden. In einem kleineren Maßstab haben wir aber enge Beziehungen zwischen den Einwohnern bemerkt und einen Nachbarschaftsgefühl gespürt. Als wir den Generationenbezug zur Anlage betrachtet haben, haben wir festgestellt, dass sich die jüngere Generation wohler im „Lavatrici“ fühlt, weil sie einen Ausweg finden kann, entweder durch Freizeitverbringung in Pra, durch Schulbesuch im Zentrum oder Ähnliches. In Kontrast steht die älteren Einwohnern, die sich viel isolierter fühlen und für die eine Entweichungsmöglichkeit schwerer oder bedingt zu finden ist. Dabei gibt es aber universelle Qualitäten die von allen geschätzt werden. Um die vorhandenen Potenziale zu verwerten, muss die richtige Konstellation zwischen Bewohnern, Verwaltung und kollektive Bewusstsein, was ein Sozialbau ausmacht, getroffen werden. Im internationelen Kontext finden Prozesse der Wiederentdeckung und Aufwertung von Nachkriegssiedlungen statt. Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung hoffen wir einen Beitrag dafür leisten zu können.

 

Am vorletzten Tag haben wir Alessandro Rizzo getroffen, den Neffe des Architekten, der uns mit zusätzliche Unterlagen besorgt hat. Leider mussten wir wegen einer Flugänderung Genua um ein Tag früher verlassen. Wir verbleiben mit den oben genannten Gedanken und freuen uns auf die Umsetzung unserer Beobachtungen.

 

Arrivederci!

 

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Genua – Le Lavatrici // Die Bewohner

Dieser Blogeintrag basiert auf die Begegnungen die wir mit den Bewohnern der Anlage hatten. Sie haben uns sehr offen begegnet und versucht trotz der Sprachbarriere uns ihre Gedanken mitzuteilen. Mit den jüngeren Einwohnern konnten wir unser Interview auf Englisch durchführen, mit den anderen hatten wir nur einige mehr improvisierte Gespräche. Generell haben wir bemerkt, dass die Mehrheit Hundebesitzer sind, was auch dazu geführt hat einen leichteren Zugang zu ihnen zu finden. Die meisten haben sich gewundert wieso wir uns mit dieser Anlage beschäftigen und haben sich gefreut, dass wir Interesse dafür zeigen. Wir haben viele Bewohner immer wieder auch in Pra getroffen, was als Vorort Genuas gilt und wo die Verlagerung des öffentlichen Lebens aus dem „Lavatrici“ stattfindet. Um einen Eindruck durch die Stimmen der Einwohnern zu vermitteln, lassen wir hier die folgenden Aussagen.

D (ca. 30): Leider wohne ich hier. Ich wohne hier seit 6 Jahren. Es gab früher einen Shop am Hauptplatz, der aber zu teuer war und vor einigen Jahren geschlossen wurde.

S (ca. 20): Ich mag hier zu wohnen.

X (23): Ich liebte hier zu wohnen. Ich arbeite in der Nähe von Milano, würde aber morgen hier wieder hier umziehen. Es ist der Ort wo ich aufgewachsen bin, alle meine Erinnerungen sind von hier. Alle meine Freunde sind aus Pra und ich habe deswegen meine Freizeit dort verbracht. Der öffentliche Raum wird nicht so sehr von den Leuten geschätzt, nur der Hauptpark. Es gibt keine Gemeinschaftsaktivitäten. Für die älteren Leute ist es schwer sich zu versorgen, weil sie immer bis nach Pra fahren müssen und sie vom Bus abhängig bin. Für mich ist es in Ordnung weil ich ein Auto habe. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, der aber meistens nicht benutzt wird weil es keine Aktivitäten gibt und kein Bedarf dafür.

J (ca. 15): Ich wohne hier seitdem ich geboren wurde. Ihr könnt gerne meine Wohnung anschauen. Wir hatten Probleme mit dem Regenwasser, zum Glück wurde es saniert. In der ganzen Anlage herrscht eine schlechte Bausubstanz. Es gibt zu viel Müll und Dreck überall. Ich habe keine Freunde die hier wohnen und gehe in einer Schule die sich im Zentrum befindet. Es gibt ein Drogenproblem hier, abends sammeln sich die Leute um Drogen zu nehmen. Vor paar Nächte kam die Polizei und hat viele Hashis-Pflanzen gefunden.

D (ca.50): Ich wohne seit 35 Jahren hier. Die Aussicht finde ich sehr schön. Meine Tochter und mein Sohn wohnen auch da.

B (ca. 40), S (ca. 40), C (9): Ich wohne seit 10 Jahren hier, mein Mann hat schon früher hier gewohnt. Ich mag es sehr, insbensonders den Ausblick.

L (ca. 55): Ich mag nicht hier zu wohnen. Es ist wie bei einem Casino. Ich arbeite in der Nähe, im Hafen. Es gab ein Geschäft der vor vielen Jahren geschlossen wurde, weil er viel geraubt wurde. Es ist nicht sicher hier. Die Polizei kommt immer wieder. Der Ausblick ist unglaublich schön. Mein Lieblingsort hier ist der Park. Es gibt keine Aktivitäten im öffentlichen Raum. Ich muss immer nach Pra gehen um meine Einkäufe zu erledigen. Viele Arbeitslose wohnen hier.

P (ca. 55): Ich habe auch im „Biscione“ gewohnt, es gefällt mir aber besser hier. Die Aussicht ist wunderschön.

T (ca. 25): Es gefällt mir hier zu wohnen.

B (ca. 25): Ich bin im März hier umgezogen. Mein Freund wohnte hier und als wir in Quarantäne gehen mussten, bin ich bei ihm umgezogen. Ich mag es hier.

 

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Genua – Le Lavatrici // Il Biscione

Um ein besseres Verständnis über das „Lavatrici“ und eine andere Perspektive über den Sozialbau in Genua zu bekommen, haben wir die „Forte Quezzi“-Wohnanlage besucht. Diese wurde in den 1950-1960er Jahren erbaut und behaust fast doppelt so viele Einwohner wie das „Lavatrici“. Wir haben ein Vergleich zwischen den zwei Projekten gemacht um generell eine Auskunft zu bekommen, was ein erfolgreicher Sozialbau ausmacht.

Der „Biscione“, wie er üblicherweise benannt wird, verfolgt dasselbe Prinzip wie das „Lavatrici“ was der Verkehr angeht. Der Erdgeschoss dient dem Autoverkehr und verfügt über offene Parknischen. Die Fußgängererschließung wurde im ersten Obergeschoss verlagert, findet in einer Loggia-Promenade statt und fordert eine linear verschlingelte Bewegung. Diese Ebene wird von den Bewohnern zum Spazieren und Verweilen benutzt, verfügt aber über kein vorgegebenes Programm für die öffentliche Nutzung. An dieser öffentlichen Promenade befinden sich die Wohnungsstiegenhäuser die eine andere Art von Privatheit als die von „Lavatrici“ aufweisen und als Symbol für die Nutzer angesehen werden können. Im „Lavatrici“ verfügen sie über eine Pufferzone und liegen somit versteckt vom öffentlichen Auge. Eine weitere Promenade befindet sich in einem höheren Geschoss und wird eigentlich halböffentlich wie die Korridore in „Lavatrici“ benutzt.

Ein Unterschied zum „Lavatrici“ ist die Orientierung des Gebäudekomplexes. Im „Biscione“ haben sowohl die privaten Loggien als auch die öffentliche Promenade diesselbe Aussicht, was als Symbol für die Gleichberechtigung zwischen den Einwohnern steht. Im „Lavatrici“ verfügen die unterschiedlich großen Balkone und Terrassen über verschiedene Ausblicke und Orientierungen. Die Positionierung beider Wohnkomplexe in einer bestimmten peripheren Lage erlaubt ihnen durch ihre Planung sich an der Stadt und an dem Meer auszurichten.

Ein anderer Unterschied der den „Biscione“ vom „Lavatrici“ differenziert ist der menschlichere Maßstab. Die erste Anlage ist in einer verschlingelter kompakter Form gebaut und „wächst“ in der Landschaft. Sie breitet sich in der Länge aus, aber passt ihre Höhe am vorhandenen Stadtbild an verglichen zum „Lavatrici“ das sowohl eine sehr starke horizontale als auch eine vertikale Ausdehnung zeigt und den Gefühl hinterlässt, dass es den Hügel besiegen möchte. Während man sich in „Bisciones“ öffentliche Zwischengeschosse befindet, kann man die Länge der Gebäude spüren, wird aber davon nicht überwältigt. Diese einzige Richtung in der Horizontalen lässt die Höhe des Wohnkomplexes im Hintergrund fallen. Das „Lavatrici“ verfügt über eine viel größere Komplexität, besitzt sehr viele unterschiedliche Ebenen und Höhen und lässt somit den menschlichen Maßstab schwerer einordnen. Der meschliche Maßstab lässt sich im „Biscione“ durch den öffentlichen Zwischengeschoss von der Ferne ablesen wobei das „Lavatrici“ eine Auskunft darüber nur durch private Terrassen gibt.

Unter den Gemeinsamkeiten kann man die Monofunktionalität und die naheliegende Wildnernis nennen. Beide Wohnanlagen wachsen frei im Grünraum und dienen nur dem Wohnen. Andere Funktionen die sich während der Zeit entwickelt haben, wurden abgeschaffen.

Als letzte Unterschiede gelten die Bausubstanz und das Gemeinschaftsgefühl. Der „Biscione“ wurde in einer besseren Qualität errichtet und dementsprechend auch gepflegt, wobei das „Lavatrici“ schon von Anfang eine niedrigere Qualität aufwies. Das Gemeinschaftsgefühl das wir im „Biscione“ empfunden haben, wurde uns auch von einer der Bewohnerinnen bestätigt. Sie meinte, dass sich die Menschen dort wie Teile einer Gemeinschaft fühlen und nicht nur einfache Bewohner desselben Quartiers sind.

Umgehen mit der Topographie

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Panorama

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Erschließung

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Eingangssituationen

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Park

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Wildnernis

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MonofunktionalitätForte Nikos-7

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Genua – Le Lavatrici // Der Freiraum… Die Umsetzung…

Nach den interessanten Gesprächen mit Gian Luca Porcile, Antonio Lavarello und Selene Vacchelli haben wir uns auf der Suche nach der Umsetzung des ursprünglichen Freiraumkonzeptes gemacht. Auf dieser Suche haben wir sowohl die Erschließungwege, den Hauptpark, die Wildernis um die Anlage als auch die Menschen und deren Micro-Interventionen beobachtet.

 

KONZEPT FLIESSENDE ERSCHLIESSUNG

Dem Ursprungskonzept entsprechende (zirkulare) Straße

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Gang der sich weiter in einem Wanderweg entwickeln sollte

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Laubengang – Wanderweg – nachträglich geschlossener Gang

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Die Treppe als verbindende Element

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DAS UNREALISIERTE HAUPTPARKKONZEPT

Informelles Stadtmobiliar 

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Urban Gardening

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DIE WILDNERNIS UM DIE ANLAGE

Die abrupte Grenze des Bauplatzes

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Informelles gardening

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DIE EINWOHNER

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Genua – Le Lavatrici // Der Freiraum… Die Konzeption…

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Während unserem Aufenthalt in Genua haben wir Selene Vacchelli im historischen Zentrum getroffen. Die Architektin widmete ihre Diplomarbeit dem Sozialbau in Italien mit dem Schwerpunkt auf der Pegli 3 Anlage. Zusätzlich zur Analyse mehrerer Sozialbauten in ganz Italien hat sie Verbesserungsvorschläge für den öffentlichen Raum gemacht. Ihre minimalen, kostengünstigen Interventionen stellten eine Schnittstelle zwischen der europäischen und der italienischen Herangehensweise dar. Sie fokusierte ihr Konzept auf soziale Eingriffe die sich leicht in der vorhandenen Architektur einfügen sollten und einen Mehrwert für die Bewohner bringen sollten. 

 

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Selene Vacchelli – Manifesto für Lavatrici

WIESO HAST DU PEGLI 3 ALS DEIN SCHWERPUNKT GEWÄHLT? 

Das “Lavatrici” befindet sich in einem urbanen Gefüge, auf einem Hügel mitten in einer Peripherie die alle kennen und wo viele Genuesen wegen der Arbeit vorbeifahren. Somit entwickelte sich für jeden Genuesen ein Imaginarium über die Wohnanlage. Zusätzlich war das Projekt eine Mischung zwischen dem Staat und der Cooperativa, was eine andere Entwicklung als andere Sozialbauten zeigen könnte. 

 

GAB ES EINEN URSPRÜNGLICHEN FREIRAUMKONZEPT?

Aldo Luigi Rizzo entwickelte ein Konzept für den Freiraum das leider nicht ausgeführt wurde. Die Architektur wurde gebaut, die Anlage wurde schnell besiedelt und was dazwischen und daneben geblieben ist, wurde dann nicht mehr weiter entwickelt, was auch in anderen parallelen laufenden italienischen Sozialbauten der Fall war.

 

Freiraumkonzept für Lavatrici von Aldo Luigi Rizzo
Aldo Luigi Rizzo – Freiraumkonzept für Lavatrici 

 

Das Ursprungskonzept bestand aus einer offener, durchfließender Erschließung, einem Aktivitätsprogramm für den Hauptpark und einer freiwachsenden Natur um das Gebäudekomplex. 

Die Bewegung durch die Anlage sollte ununterbrochen passieren und setzte sich aus Gängen zusammen, die sehr stark von der Architektur bestimmt waren und sich dann weiters in einer Art von Wanderwege entwickelten. Diese in der Natur integrierten Wanderwege standen im Kontrast zu den rigiden Laubengänge und sollten einen menschlichen, dörflichen Charakter der Maschine verleihen. Der Grundgedanke war, dass die Einwohner die Auswahl treffen können welchen Weg sie nehmen möchten. Ein zusätzlicher Aspekt war die Barrierefreiheit. Der Architekt wollte eine allumfassende nutzerfreundliche Erschließung schaffen. Der Hauptpark in der obersten öffentlicher Ebene war mit Windschutzpaneele und zwei Pavillions (von dem eins ein Amphitheater enthalten sollte) vorgesehen. Diese Interventionen strebten eine Funktionsmischung und die Gewährleistung der Behaglichkeit an. Die Natur um die Anlage sollte frei wachsen können, von allen genossen werden und keine Interventionen vorsehen. Die wilde Natur sollte einen Ausgleich zu dem verbauten Hügel schaffen.

Genua – Le Lavatrici // Was macht das “öffentliche Lavatrici” aus?

Diesem Blogeintrag widmen wir die Untersuchungen, die wir im öffentlichen Platz der Anlage gemacht haben. Wir haben uns in dem Hauptpark der Anlage für längere Zeit angehalten, da dieser am meisten besucht wird. Zusätzlich haben wir verschiedene Wege entlang der Anlage gefolgt, die den öffentlichen bzw. halböffentlichen Raum ausmachen oder ausmachen sollten. Unsere Beobachtungen können in folgenden Themen unterteilt werden:

Die Nutzer…

…im öffentlichen Raum

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…im halböffentlichen Raum

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…und ihre Aktivitäten

Im Weg (11 of 16)  Im Weg (15 of 16)     

 

…und ihre Grenzen

       

 

Die Erschließung

       

Weg sehen (4 of 7)  Weg sehen (1 of 7)   Weg sehen (2 of 7)   Weg sehen (3 of 7)

Grenzen (1 of 5)  Grenzen (2 of 5)   Grenzen (4 of 5)   Grenzen (5 of 5)

 

Die Bausubstanz

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BausubstanzM-5  BausubstanzM-7  BausubstanzM-2  BausubstanzM-3

Genua – Le Lavatrici // It’s a compromise!

 

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Der Schwerpunkt unseres zweiten Tages in Genua war ein weiteres Gespräch mit Fachleute. Prof. Gian Luca Porcile hat für uns ein Treffen im Büro des Architekten Antonio Lavarello organisiert, der uns eine weitere Tiefe über dem Hintergrund des „Lavatrici“-Architekten, der Konzeption und der Realisierung des Wohnkomplexes verleiht hat.

Aldo Luigi Rizzo, der Architekt des „Lavatrici“ wurde in Como geboren, eine Stadt die stark vom Rationalismo geprägt war, Tatsache die in seiner Formensprache abgelesen werden kann. Er hat sein Studium beim genuesischen Architekten und Planer des Referenzprojektes Forte Quezzi, Luigi Carlo Daneri, abgeschlossen, von dem er im Funktionalismus eingeweiht wurde.

Die Zeitspanne in der das Projekt „La Lavatrici“ erbaut wurde, stellte sowohl einen politischen als auch einen architektonischen Wendepunkt dar, was unter anderem eine negative Wahrnehmung des Wohnkomplexes verursacht hat. In 1962 wurde in Italien ein Enteignungsgesetz eingeführt der als Ziel das Errichten von Sozialbauten hatte. Das „Lavatrici“ wurde aber nach dem Höhepunkt des Sozialbaus und dem Bewölkerungswachstum in Genua errichtet, in einer Zeit ohne zu viel Bedürfnis für diese Projektdimension. Dieser unstabile Sozialrahmen zur Zeit der Planung wurde dann weiters auch in der Ausführung zwiegespalt. Die Hälfte des Wohnkomplexes wurde vom Staat und die Andere von der Cooperativa, einer sozialen Genossenschaft, gefördert, was Unterschiede in der Qualität der Bausubstanz verursacht hat. Diese Zusammenarbeit des Staates mit der Cooperativa hatte, verglichen zu vorigen Sozialbauten, den Vorteil einer Wohnqualitätssteigerung, die näher an den damaligen zeitgenössischen Bedürfnissen lag.

Ein weiterer Kontrast der damaligen Zeit ist durch die Architektursprache zu verstehen. Aldo Luigi Rizzo plante das „Lavatrici“ als brutalistisches Komplex während die Postmoderne in den genuesischen Kontext auftritt. Weiters kann das Projekt als ein Ausgleich zwischen der Diga di Begato und dem Colle degli Ometti angesehen werden. Das erste dieser Sozialbaukomplexe wurde als eine durchgehende mächtige Anlage, wie eine Festung konzipiert, wobei der Andere durch einen dörflichen Stil und menschlicheren Maßstab gekennzeichnet ist. Pegli 3 war ein Mittelweg zwischen diesen zwei Ansätzen, es stellt die Idee eines urbanisierten Dorfes dar und bildet ein territoriales Wahrzeichen. Dieses Spiel zwischen den Maßstäben ist in der Wahrnehmung von der Ferne und dem Vorort-Erleben wiederfindbar. Wegen seiner Gestalt erscheint es aus der Weite wie ein Monster, der die Landschaft besetzt hat wobei im Inneren die Landschaft eingerahmt wird und dadurch das Projekt näher dem menschlichen Maßstab gebracht wird.

Genua – Le Lavatrici // Die Geschichte und der Sozialbau Genuas

An unserem zweiten Tag hier haben wir unser erstes Interview mit Prof. Gian Luca Porcile von der Universität Genua geführt, was uns einen Einblick über den Sozialbau der Stadt ermöglicht hat. Der Sozialbau in Genua wurde im Rahmen der Idee des „Grande Genova“ entwickelt, wo eine Verdichtung und eine Metropolisierung, trotz einer passenden Demographie, gezielt war. Genua war unabhängig von Mailand und Torino mit denen sie zusammen das Industrielle Dreieck bilden sollte, was zu eine eigenen Weiterentwicklung verhindert hat und schlechte soziale und politische Verhältnisse als Folge hatte.

Das Konzept der unofiziellen „Architekturschule Genuas“ (verglichen zu den etablierten Schulen Roms und Mailands) hatte die Landschaft, die Orientierung und die Privatsphäre im Mittelpunkt. Es fehlte die Tendenz eine Gemeinschaft zu fördern, was in der Architektursprache erkennbar ist, das Individuum stand im Mittelpunkt zusammen mit den Werten die ihm wichtig waren. Geplant wurde für jeden eine Wohnung die eine südliche Orientierung, einen Blick in die Landschaft und eine Privatsphäre ermöglichte. Man strebte nach einer Gleichberechtigung was eine Repetition und Reduktion zufolge hatte.

Dieses monotone Erscheinen wurde von vielen als eine hässliche Architektur bewertet. Trotz dieser Wahrnehmung führten die Hauptkonzepte des Sozialbaus im Falle des Referenzprojektes Forte Quezzi zu einem Aneignungsgefühl und einem Stolz der BewohnerInnen und dadurch zur Entwicklung einer Gemeinschaft. Die mangelhafte Bausubstanz, die viele Sozialprojekte zum scheitern brachte, war in Forte Quezzi nur stellenweise problematisch, wobei das „Lavatrici“ komplett in einer erbärmlichen Materialität ausgeführt wurde. Die Ausführung des Pegli 3-Wohnkomplexes war eine Folge der politischen Entscheidungen der damaligen Zeit, die das Verwenden von vorfabrizierten Elementen forderte, obwohl das Wissen und die Qualifikationen gefehlt haben.

Anschließend zum spannenden Gespräch haben wir die Altstadt untersucht um die Herangehensweise mit der Topographie zu verstehen. Wir haben bemerkt, dass die Topographie so prägend für Genua ist, dass überall dieselben Interventionen zu finden sind. Unser Ziel ist es die Ableitungen und die Verbindungen zu lesen und zu verstehen.

 

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Genua – Le Lavatrici // Es hätte ETWAS sein können …

Route nach Lavatrici: Auf der Suche nach LEVELSCAPES

Unsere Reise hat im Bahnhof Sestri Ponente gestartet, der sich in einem Vorort in Genua
befindet. Auf unserer Busreise nach „Lavatrici“ haben wir mehrere Zwischenstopps gemacht
um uns mit der Architektur und dem Städtebau bis zu unserer Anlage vertraut zu machen.
Die Topographie, die sehr stark von Hangsituationen und Niveauunterschiede geprägt ist hat
uns überall Begegnungen mit Levelscapes ermöglicht. Das Gesamtbild unserer Route die
entlang des Meeres geführt hat, kann als eine Mischung von Strand – Freizeitaktivitäten und
Hafen – Industrie angesehen werden.

 

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Erste Begegnung mit einem Einheimischen

Vor dem Besteigen des Hanges in dem die Wohnanlage situiert ist, fand unsere erste
Begegnung mit einem Einheimischen statt.

„WIESO WOLLT IHR DORT HINGEHEN?“ Giancarlo

Das waren die ersten Worte die auf uns gestoßen sind als wir ihm erzählt haben, dass wir
dorthin gehen wollen. Giancarlo kannte das Projekt seit seiner Entstehung und meinte, dass
das Konzept eigentlich gut war, aber, dass die Realisierung wegen der starken
Budgetreduzierung gescheitert hat. Die mangelhafte Bausubstanz und die ungünstigen
Bodenverhältnisse führen zu ständigen Renovierungen. Giancarlo war aber von unserer
Forschungsreise begeistert. Wir haben ihm eine Visitenkarte vom Projekt gegeben und
hoffen, dass er unsere Reise weiter verfolgt.

Erste Begehung Lavatricis

Bei der Ankunft in der Anlage hat die gewaltige Dimension auf uns gestoßen. Das
Wohnkomplex hat sein ungenutztes Potenzial schon nach wenigen Schritten sichtbar
gemacht.

ES GIBT PLATZ FÜR ALLES, ABER RAUM FÜR NICHTS

Die geschlossenen öffentlichen Räume, die nicht gestalteten, undefinierten Orte, die
ungepflegten Situationen beschränken das Verweilen im öffentlichen Raum sehr stark und
verweisen auf eine abwesende Verwaltung. Wie kann man sich aber über eine so gewaltige
Wohnmaschine kümmern und wie kann man sie sich aneignen? Wo und in welcher Form
können sich die Bewohner entweder als Individuum oder Gemeinschaft ausdrücklich
machen? Das Monotone, die Sterilität, die Überdimensionierung, das Neutrale und die
Repetition können als einige Gründe für das Fehlen einer Individualität angesehen werden.
Man bekommt den Eindruck, dass trotz der Möglichkeit der Realisierung einer kleinen
Stadtmikrographie, das Willen dafür verlassen wurde. Obwohl es multifunktional konzipiert
wurde, dient die sehr programmatische Anlage heutzutage ausschließlich dem Wohnen.
Die Levelscapes die hier zu finden sind, zeigen eine sehr funktionalistische und strikte
Nutzung der Hanglage, ein Vorbild einer rationalen Stadt. Diese neue Interpretation von
Niveauunterschiede sind als Gegensatz zu den organischen Interventionen in der Stadt zu
betrachten, wo sich die Architektur sanfter in die Topographie verschmilzt und nicht den
Hang überwältigen will.

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Erste Begegnung mit einem Bewohner

„LEIDER WOHNE ICH HIER“ David

Für David wirkt das Wohnkomplex wie ein Krankenhaus. Als Grund hier zu wohnen hat er
die billigen Wohnverhältnisse genannt. Er meinte, dass mit dem Bau der Anlage und des
Hafens viele Arbeitsplätze generiert wurden, was aber die vom Tourismus geprägte Gegend stark verändert hat.

Während unserem Aufenthalt in der Anlage wurde der Hauptpark am späten Nachmittag von Menschen und deren Hunde stark belebt. Trotz des Sprachhindernisses war es einfach im Gespräch mit den Bewohner zu kommen, die bereit waren uns kennenzulernen und mit uns zu kommunizieren. Wir freuen uns auf die nächsten Begegnungen!

Ciao!

 

Genua – Le Lavatrici // Prolog

Die Lavatrici-Gruppe ist in Genua angekommen! Morgen geht es mit der Forschung der Anlage los. Es warten einige Interviews mit lokalen Experten auf uns. Dafür haben wir sowohl für die Fachleute als auch für die Bewohner Fragebögen vorbereitet auf deren Antworten wir sehr gespannt sind!

Für live-sneak peeks könnt ihr unsere Dokumentation auch auf dem folgenden social media account folgen: https://www.instagram.com/n_kuklakis

Bis Morgen!

Eure Genua-Gruppe

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Genua – Le Lavatrici // Vom Monster zum Puzzle

Was macht ein Monster aus? Die oft aufgrund ihrer Erscheinung als Monster benannte Wohnanlage lässt sich unter einer vertiefenden Analyse als ein Komplex von Gebäude, Freiraum und Erschließung lesen. Die Beziehungen zwischen diesen Ebenen sind in diesem Projekt so gedacht, dass sie unter einer Bedingtheit zusammenarbeiten und dass die eine ohne der anderen nicht funktionieren kann, wobei sich deren Grenzen ineinander verschmelzen. Wo beginnt und wo hört die eine Ebene auf? Welche Elemente lassen sich in einer bestimmten Kategorie einordnen und in welcher Art wiederfindet man sie in der anderen? Um diese Fragen beantworten zu können, stoßt man auf die Themen der niveau-gegliederten Vertikalität und der Verschlingung der drei Ebenen in der Dreidimensionalität. Wie bewegt man sich in so einem Wohnkomplex wo die Erschließung stark durch die natürliche und künstliche Topographie vorgeschrieben ist? Welche Orientierungssysteme kann man aus der Positionierung des Erdgeschosses in einem mittleren Niveau der Anlage und der verkapselten Massivität herauslesen?

Um Antworten auf diese Fragen finden zu können nehmen wir uns vor die Wohnanlage vorerst mittels Ebenen (Gebäude, Erschließung und Freiraum)-bezogene Elemente zu zerlegen, eine Dekonstruktion des Baus zu führen, um ihre Schnittstellen und Wechselwirkungen zu analysieren. Die betrachteten Elemente sollten dann vor Ort vertiefend dokumentiert werden, eine neue Tiefe mittels einer Auseinandersetzung mit den Bewohner bekommen um abschließend durch eine Rekonstruktion einen Interpretationsspielraum von der Weite bis ins Detail spannen.