Revue passieren

20170705_113700Tag 7: Es scheint von Tag zu Tag heißer zu werden und Erfrischungen haben nur für den Moment gereicht. Die hohen Bebauung, die bei uns aus belichtungstechnischen Gründen überhaupt nicht zulässig wäre, spendet genug Schatten die diesen Stadtraum auch in der Mittagshitze lebenswert macht. Wir suchten erneut unsere schon so oft passierten/ flanierten Straßen auf. Wie zum Beispiel das “Quartiere spagnoli”, das spanische Viertel, wo sich ein Großteil des Alltags auf der Straße abzuspielen scheint. Wir legten den Fokus erneut auf den sich scheinbar selbstregulierenden Straßenraum und schärften unseren Blick fürs Detail. Aus der Vogelperspektive betrachtet, hebt sich dieses Viertel vom Rest des histoischen Zentrums ab und auch in den Gassen zeichnet sich ein farbenfrohes Stadtgefüge ab. Die gewachsene Struktur lässt die vielen Winkel und Gassen nur erahnen. Dieser Teil Neapels hebt sich vor allem durch seine reiche Kunstszene von den anderen Vierteln ab. Beim flanieren der Straßen erhielten wir einen sehr privaten Einblick in diesen Mikrokosmus. Die Wohnungstüren stehen weit offen, Kinder spielen in den Gassen und der Mopedverkehr versucht sich seinen Weg zu bahnen- ein shared space der die Verantwortung von jedem einzelnen fordert und der sich auf natürliche Weise organisiert.

Alles neu

IMG_20170704_224044Tag 6: Wir sind heute in ein neues Wohnquartier im Nordwesten umgezogen. Unser Host meinte es sei das echte, untouristische Neapel. Das Viertel liegt am Hang und ist über drei Seilbahnen und die Metro erschlossen. Uns fiel direkt der großzügigere Umgang mit dem Straßenraum auf. Die Einkaufsstraßen sind gepflegte, von großen Bäumen gesäumte Alleen und es wirkt alles viel übersichtlicher. Unsere Wohnung ist Teil einer gated community und relativ ruhig. Die Wohnungen haben lange Balkone, lassen sich mit tiefen Markisen abschirmen und es ist defintiv privater. Trotzdem fanden wir auch in dieser Umgebung direkt Wohnstraßen, in denen die Aneignung des Straßenraumes mit Möbeln und Wäsche klar vorhanden ist. Den Hügel rauf kamen wir in den “19. Bezirk Wiens” und auch in dieser deutlich wohlhabenden Gegend standen Stühle auf der Straße. Nach unserer Erkundungstour stiegen wir zur Burg auf und konnten von dort Neapel aus der Vogelperspektive studieren. Das historische Zentrum ist klar abgehoben von den anderen Quartieren. Die gewachsene Struktur lässt die vielen Winkel und Gassen nur erahnen. Die Spaccanapoli ist sofort zu definieren, da sie die Stadt spaltet. Der Kopfbahnhof mit dem unmittelbar angrenzenden Businessdistrict sind markante Pole im Gefüge.

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Neapel von oben

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Tag 5: Wir hatten uns heute einen freien, entspannten Tag vorgenommen, weg von den Straßen Neapels, jedoch war es letztendlich alles andere als gemütlich. Erst besuchten wir Pompeii, anschließend beschlossen wir, uns die Stadt vom Krater des Vesuvs aus zu betrachten. Der Weg dahin war ein langer, steiler Marsch.  Die Sicht jedoch war atemberaubend und es hat sich gelohnt. Wir stellten fest, dass die Bebauungsstruktur der umliegenden Städte ähnlich dicht ist und der Vesuv Neapel von diesen abgrenzt. Der Hafen erstreckt sich beinahe über die ganze Küstengrenze der Stadt. Erst weit im Westen ist es möglich ans Meer zu kommen.

Sunday Funday

2017-07-03-00-19-31Tag 4: Was macht ein Neapolitaner am Sonntag? Cappuccino. Morgenmesse. Espresso. Siesta. Pasta. Abendmesse. Aperitivo. Pizza. Schlafen. Trotzdem erlebten wir einen öffentlichen Straßenraum, der sich scheinbar auf jede Alltagssituation einstellen kann. Väter spielten an ihrem freien Tag mit ihren Kindern in den engen Gassen Neapels. Wir besuchten eine große Parkanlage, die verglichen mit den engen Gassen der Altstadt,  trotz der Lage am Meer, über keine wirkliche Aufenthaltsqualität verfügte. Weiter stellten wir fest, dass die Straßen hier viel ausgelasteter sind. Während bei uns zu Stoßzeiten reger Betrieb herrscht, es lange Leerphasen gibt und durch Separierung und Festlegung der Funktionen die Räume uneffizienter genutzt werden, findet man in Neapel vor allem shared spaces, welche durch den hier gelebten Tagesrytmus, rund um die Uhr die ganze Woche über, transformiert und genutzt werden können.

 

 

Markttag

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Tag 3: Das Bahnhofsviertel im Osten Neapels weist eine völlig andere Bebauungsstruktur, verglichen mit dem historischen Stadtkern und seinen engen Gassen, auf. Es handelt sich hierbei um einen multikulturellen Stadtteil, der von Touristen kaum aufgesucht wird. Der Fokus lag vor allem auf Marktstraßen, die identitätsstiftend für das Quartier sind. Lokale Waren, sowie flurierender Schwarzmarkt breitet sich zwischen Wohnstraßen großzügig aus und zieht gezielt AnrainerInnen an. In der restlichen Umgebung stellten wir weiter fest, dass die Straßenquerschnitte um einiges breiter angelegt sind, wodurch eine gewisse Anonymität innerhalb der Bevölkerung  entsteht. Gleichzeitig hatten wir, insbesondere nördlich des Bahnhofes, das Gefühl, dass es hier einen Verlust der Identität als neapolitanisches Stadtviertel gibt, vielmehr könnten die untersuchten Straßenzüge auch einer anderen europäischen Stadt zugeordnet werden.

 

Il dolce far niente

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Tag 2: Napoli von innen oder il dolce far niente. Wie wir euch gestern versprochen hatten, sind wir ab heute mit verschiedenen Fokussierungen in der Stadt unterwegs. Das Thema der Deregulierung Neapels im öffentlichen Raum gegenüber der Regulierung in Wien mit der Forschungsfrage des Mehrwertes eines deregulierten Straßenraumes, beschäftigte uns schon das ganze Semester über. Unser erster, voller Tag in Neapel zeichnete bereits einiges an Erkenntnissen ab. Auf der Suche nach unterschiedlichen Nutzungsstrukturen von Straßenräumen, erlebten wir eine Vielzahl an unterschiedlichen Aneignungsprozessen des scheinbar öffentlichen Raumes. Während der Erkundung der Umgebung der Spaccanapoli stellten wir fest, dass die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit beinahe verschmelzen und die Nutzung so gut wie immer eine Mischung aus Wohnraum und Gewerbe verfolgt. Gleichzeitig fühlten wir uns als Fremde im eingespielten Gefüge nicht unwillkommen. Der Straßenraum wird zum erweiterten Wohnzimmer für AnwohnerInnen, welche uns Einblick in ihr Innerestes gewährten. So waren wir als Fotografierende und Dokumentierende und flüchtige Partei im Bruchteil eines Moments fester Bestandteil der Szenerie und unser Tun wurde begrüsst. Diese Erfahrung hat uns in unserem Schaffen bestärkt und wir sind bereits gespannt auf morgen!

Erste Begegnungen

IMG-20170629-WA0009Wir sind endlich in Neapel, der Stadt der vielen Gassen und Straßen, angekommen! Nach unserem frühen Flug von Wien nach Rom, der Weiterreise mit dem Zug nach Napoli Centrale und unserer ersten Stadtwanderung mit Gepäck durch “80er Jahre Disco” Metrostationen und verwinkelte Stiegengassen, kamen wir verschwitzt und hungrig bei unserem AirBnB Host an. Wir haben ziemlich Glück: Die Wohnung ist sehr nah zur Spaccanapoli und unser Gastgeber konnte uns direkt ein paar Insider Tipps mitgeben. Nach einer kleinen Siesta machten wir uns dann mit Analogkamera und Stadtführer auf und erkundeten die Umgebung. Wir ließen uns treiben und haben uns auch direkt mal verirrt. Mit Stadtkarte und GPS versuchten wir immer wieder, uns einen Überblick im Trubel zu verschaffen. Trotz Hunger flanierten wir Stunden durch die Stadt, Gerüche, Lautstärke und Sommerhitze auf der Haut. Wir scheiterten im Versuch bis ans Meer zu kommen, da Industriehafen, Baustellen und Schnellstraßen uns den Weg verweigerten und der Hunger dann doch obsiegte. Ein Cappuccino an der Bar verkürzte uns den Weg zur ersten, aber sicher nicht letzten Pizzeria während der Expedition. Dem lonelyplanet entnahmen wir dann im nachhinein, das Cappuccino definitiv nur am Morgen getrunken wird, Espressi zu bestellen, wäre da italienischer gewesen. Im Di Matteo, einer Pizzeria, in der schon Bill Clinton speiste, saßen wir zwischen Einheimischen und ein Nachbartisch stimmte gemeinsam mit einem Straßenmusiker ein Lied an. Unser sehr eindrucksvoller erster Tag wurde von einem Feuerwerk über den nächtlichen Dächern der Stadt abgerundet. Wir sind gespannt was der morgige Tag bringt und haben uns einige Themen für die kommenden Tage überlegt. Die erste Erkenntnis ist: Napoli ist eine Stadt der “Begegnungszonen”. Dazu morgen mehr…

Regulierter vs. deregulierter öffentlicher Raum

Wir werden in der Forschungsarbeit einen besonderen Fokus auf den öffentlichen Straßenraum legen. Unsere täglichen Wege werden oft gar nicht bewusst wahrgenommen. Die Straße dient  in erster Linie dazu, linear von A nach B zu gelangen. Der Weg dazwischen wird überwunden und nicht erlebt. Märkte, Verkaufsstände und Spielplätze, all diese Dinge benötigen eine Genehmigung oder finden nur an definierten Orten statt. Grundsätzlich möchten wir der Frage nachgehen, ob eine Überregulierung des öffentlichen Raums uns BürgerInnen in unserer Freiheit und in unserem Recht auf Selbstverwaltung  einschränkt. Im Gegenzug möchten wir das öffentliche Leben auf der Straße in einem anderen Milieu erforschen, um möglicherweise Antworten für Wien zu erhalten. Besonders in südlichen Ländern gilt die Straße seit jeher als Interaktionsraum der Bevölkerung. Die Menschen leben förmlich auf der Straße und eignen sich den öffentlichen Raum in ganz unterschiedlichen Formen an. Entsteht dadurch eine andere Form des Zusammenlebens? Identifizieren sich die Menschen dadurch mehr mit ihrer Umgebung bzw. mit ihrem Grätzl?
Zusammenfassend handelt es sich um eine dialektische Auseinandersetzung von Wien und Neapel, um gegenseitige Rückschlüsse zu ziehen.