Lampidona – Eigenständigkeit und Empowerment

Als es schon dunkel wird fahren wir in das etwas weiter draussen gelegene Sozial- und Kultur Zentrum Vyronas – Lampidona. Durch einen Park, in dem Kinder spielen, laufen wir zu dem auf einem Hügel gelegnen Pavillon. Dort weiß man sofort Bescheid was wir wollen und wir verabreden uns mit Alex für ein Interview am nächsten Tag. Wir bleiben auf der oberen Terrasse vor dem einstöckigen Gebäude sitzen und fangen die Atmosphäre ein, während drinnen das Plenum tagt. Wir zeichnen – was wieder zum Eintrittspunkt für Gespräche wird. Mit einem älteren Mann unterhalten wir uns in gebrochenen Griechisch und mit zwei der hier Involvierten auf gutem Deutsch.

Am nächsten morgen treffen wir uns mit Alex. Drinnen wird bereits gekocht für das Mittagessen was zweimal die Woche, Mittwochs und Samstags für einen Euro für Bedürftige bereitet wird. Es wird ein langes und spannendes Gespräch über die Schwierigkeit den Ort am Leben zu erhalten, mit der Frage wie man NutzerInnen dazu anregen kann sich für den Ort verantwortlich zu fühlen, über große Events, politisch sein und ihr Verhältnis zu Parteien und Staat.

Eine inspirierende Unterhaltung, die an unsere persönlichen Erfahrungen und Fragen anschließt.

 

Tonia Katerini und Co-Hab

Wir haben die Ehre uns mit Tonia Katerini treffen zu dürfen. Sie ist Vorsitzende des Verbands der griechischen Architekten und Teil der Co-Hab Gruppe, die sich mit kollektiven Wohn- und Eigentumsformen beschäftigt.

Sie erzählt uns zum einen von der Arbeit der Co-Hab Gruppe, die versucht die Idee von kollektivem Wohnen und Besitzen in Griechenland zu etablieren. Sie machen Konzepte dazu, wie ein solches Modell in Griechenland aussehen könnte und wie sie rechtliche und finanzielle Grundlagen schaffen können um dies zu ermöglichen. Sie erzählt uns auch von der Schwierigkeit diese Idee in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, da das Erlangen von Wohneigentum in der griechischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat und tief verankert ist.

Wir erfahren auch von ihren langjährigen Erfahrungen als Aktivistin wie Architektin. Dies hilft uns sehr die Grundsituation Griechenlands und die Landschaft an Initiativen und ihre Entwicklung zu verstehen. Wir reden auch über das Verhältnis des Engagements zur Krise und zur Wahl Syrizas, der linken Partei die seit 2015 die Regierung inne hat.

Eine sehr spannende Frage ist auch, welche Möglichkeiten aber auch Verantwortungen die Fachwelt innerhalb des Diskurses besitzt.

Nachbarschaft

Wir besuchen die Exarchia Nachbarschaftsversammlung, die wirklich statt findet! Es ist ein Eindruck von den Menschen, dem Ort und Ihren Gesprächen, von denen sich nur einzelne Worte für uns entziffern lassen.

Exarchia1

Exarchia2

Athina_Exarchia

Für den nächsten Tag verabreden wir uns mit Athina, einer der AktivistInnen. Wir haben große Glück, da sich heraus stellt, dass Athina selbst auch über Initiativen in Athen recherchiert und uns so ihre Perspektive als Aktivistin und Forscherin schildern kann.

Im Kafenio

Wir hängen ein bisschen im Kafenio (griechisches Kaffeehaus) herum und warten darauf, dass das Plenum der Exarchia Nachbarschaftsversammlung anfängt, von dem wir nicht herausfinden konnten wann es anfängt. Traditionell halten sich vor allem Männer, ältere Männer im Kafenio auf und unterhalten sich, diskutieren. Auch über Politik, oft ist es aber auch mehr ein Meckern über die Tagespolitik. Ein Ort des Austausches ist es aber in jedem Fall und ein Treffpunkt. Nicht nur für Männer, sondern auch Frauen, jung wie alt. Man sieht sie am Tisch sitzen Kaffee trinken, rauchen, reden.

Wir trinken einen griechischen Kaffee, wobei die Hälfte der Tasse Kaffeepulver ist. Es läuft schöne Musik, Griechische wie nicht Griechische, der Fernseher flimmert. Zum Betreiber gesellen sich verschiedene Leute. Eine Frau, ein älterer Mann mit lauter Stimme, der Metzger von gegenüber kommt vorbei, bringt eine Zeitung rüber und unterhält sich kurz. Ein dritter Mann kommuniziert mit ihnen von der halb offenen Fensterfront aus, die die Grenze von Außen und Innen verschwimmen lässt. Zur Verwischung dieser Grenze tragen auch die lauten Geräusche der viel befahrenen Harilaou Trikoupi Straße bei. Die Bilder und Malereien an der Wand zeugen von der langen Tradition des Kafenios. Eine wacklige Wendeltreppe führt zur Toilette, wie fast in allen Athener Cafés. Auch das spricht von der langen Existenz. Es ist ein Stehklo.

Kafenio1

Wir zeichnen und halten unsere Beobachtungen fest. Der Besitzer bewundert unsere Zeichnung – leider ist unsere Griechisch nicht gut genug um eine andere Unterhaltung zu führen, als ihm zu sagen woher wir kommen und was wir studieren.

Er zeigt uns das Gästebuch. Ob es das Kafenio seit 1935 oder 69 gibt bleibt unklar. Das Gästebuch beinhaltet Eintragungen seit 2008, teils sind es lange Texte und ein schönes Gedicht. Ansonsten wurde es auch viel als (Kinder-) Malbuch benutzt. Wir machen auch einen Eintrag, in einfachen Worten. Und machen uns auf zum Raum der Exarchia Nachbarschaftsversammlung, in der Hoffnung, dass das Plenum nun stattfindet.

Mit dem Kopf durch die Wand – dann geht es doch los !

Nach einem kleinen Umweg mit dem Kopf durch die Wand  – dann geht es doch los! Auf der Suche nach dem gesellschaftlichen Diskurs bleiben unsere Augen und Gedanken immer wieder an den vielen Initiativen hängen, die uns bei dem Durchstreifen der Stadt begegnen. Die Frage, wie wir leben wollen, ist dabei nicht bei einem Gespräch geblieben sondern ist zu ziviler Handlung geworden.

Es gibt also viel mehr Diskurs als den, von dem wir auf den Wänden lesen. Mit dieser Einsicht wollen wir unseren Fokus  erweitern, und künftig unseren Blick nicht nur auf die Wände heften, sondern auch nach anderen Orten des gesellschaftlichen Diskurses schauen und fragen.

Mindmaps
Wir sortieren unsere Fallbeispiele und Experten für ein Interview und stellen Kriterien auf nach denen wir dies untersuchen wollen.

 

Straßenraum zu Protestraum

Am frühen Sonntag Abend, in der noch heißen Sonne Athens vermischen sich langsam PassantInnen und Protestierende auf dem Syntagma Platz, vor dem Parlament. Die großen Straßen von Athen füllen sich mal wieder mit Protestierenden, die ihre Meinung und Empörung auf den öffentlichen Straßen kund tun.

Demo

Zusammen gekommen sind GriechInnen und MigrantInnen. Sie nehmen die Ermordung des linken Rappers Paulos Fyssas, bekannt unter Killah P. zum Anlass, um gegen Faschismus und für die Schließung des Parteibüros der rechts-radikalen Partei Goldene Morgenröte zu demonstrieren. Gleichzeitig sind verschiedene migrantische Vereinigungen dort, um den sofortigen Stopp der Ermordungen der muslimischen Minderheit der Rohyngia zu fordern.

Gemeinsam sind sie auf den Straßen Athens present ! Aussage und Handlung vereinen sich.

Dritter Schritt auf die Menschen zu

Während der beiden folgenden Tage machen wir uns auf die Suche nach Graffitis, Plakaten und Street Art, die nicht antifaschistischen und anarchistischen Positionen zu zuordnen sind. Wir besuchen den Stadteil Psyrri im Zentrum Athens und die Wohngegend Pangrati. Uns begegnen großflächige Street Art Arbeiten, die von der Krise handeln. Dazwischen entdeckten wir Zeichen der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte.

Nun können wir zusätzliche zu der großen Verbreitung von antifaschistischen und anarchistischen Äußerungen auch die der Künstler und Rechten vermerken. Der Eindruck aber, dass nur bestimmte Minderheiten der Gesellschaft die Wand zur Artikulationsfläche ihrer politischen Auffassung machen, bestätigt sich dennoch.

Zum einen mag es an dem illegalen Akt liegen, der eine gewisse Bereitschaft und Gesundheit erfordert. Welches wiederum wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses der aktiven Gruppen ist.

Zum anderen finden wir Erklärungen für die verhältnissmäßig einseitige Nutzung der Wand, in ihrer Zuteilung zur Gegenöffentlichkeit. Diese bildet das Gegenstück zu der Öffentlichkeit hegmonialer Massenmedien. Dort werden Themen und Fragen behandelt und stellvertretend für die Bevökerung diskutiert. Manche Themen werden dort ausgelassen, was daszu führt, dass sie sich ihre eigenen Artikulationsräume suchen, wie z.B. die Wand.

Um uns über das Verhältniss der öffentlichen Wand zum öffentlichen Diskurs klarer zu werden, machen wir Interviews mit Passanten. Wir befragen Rezipienten zu ihrer Wahrnehmung und Identifikation mit den Äußerungen auf den Wänden, zu ihrer politischen Aktivität und was diese für einen Raum brauchen könnten.

Zweiter Blick

Wieder auf der Straße. Wieder sind Wände das, was wir genau betrachten, nun tritt aber der räumlich und gesellschaftliche Kontext von Exarchia zusätzlich in unseren Fokus.
Die Erwartung, in dem Viertel der Anarchisten viel zu sehen, hatte uns am Tag zuvor diesen Teil von Athen meiden lassen. Nun sind wir voller Neugier da, und müssen nicht lange Suchen um Spuren und Sirenen des politischen Diskurses auf den Häuserwänden zu entdecken.

Plakate, die wir schon kannten, welche, die neu für uns sind, sehen wir auf den schmalen Abständen zwischen den Fensterfronten von Bäckereinen, Apotheken und Cafes. Immer wieder bedecken sie auch dicht aneinander gereiht weite Teile der Erdgeschossfassaden von leerstehenden oder besetzten Häusern. Gepaart mit vielen Griechischen und auch manchen Englischen Schriftzügen, oft in schneller einfarbiger, manchmal auch in kunstvoller Ausführung. Ergänzt von einer Vielzahl an Stencils, mit bildhaftem Charakter oder als Schrift. Manchmal tun sich auch Street Art-Arbeiten zwischen diesem Gewirr von Botschaften auf und ergänzen den Eindruck von einer Tapete politischen Ausdrucks umgeben zu sein. Die Stützen der allgegenwärtigen Säulengänge (Stoa) verstärken dies, indem sie zusätzlich als Anschlagsplatz verwendet werden.

Oft sind es anonyme Äußerungen oder Botschaften von Gruppen, die ihr Symbol hinter lassen, zB. das A für die Anarchisten. Manche Arbeiten werden auch von Künstlern angefertigt. Meistens entdecken wir protestierende Haltungen, selten wird diese mit einem conträren Kommentar gleich neben oder darüber versehen. Von der Krise direkt handeln hier nur wenige Äußerungen.

Fast alle Wände tragen politische Äußerungen, dessen Inhalte links oder linksextrem gerichtet sind. Da wir auf der Suche nach gesellschaftlichen Diskurs sind und keine Milieustudie über Antifaschisten und Anarchisten machen wollen, macht sich Unzufriedenheit mit dieser Einsicht breit. Bis spät in die Nacht suchen wir in Texten Rat. Foucault Begriff der Heterotopie und das Konzept der Gegenöffentlichkeit als Teil er Öffentlichkeit beschäftigen uns. Mal schauen wohin uns das bringt!

Erste Erkundung

Wir kommen zusammen in Athen an. Für den einen ist es die Rückkehr zum Zuhause des letzten Jahres, für den anderen die Ankunft in einer noch unentdeckten Stadt.

Am ersten Tag tauchen wir ein, in Athens Häusermeer. Wir laufen die Straßen entlang, den Blick auf die Wände der Stadt geheftet, auf der Suche nach den Slogans, Sätzen und Zeichen die die geführten Diskurse sichtbar machen. Es sind kryptische Zeichen eines anderen Alphabets. Zeichen die für den, der die Sprache nicht kennt, vor allem grafische und räumliche Aspekte aufzeigen. Für den anderen sind es vertraute Laute, deren Bedeutungen sich aber nur teils vor Ort erschließen lassen.

Die Parolen und Aussagen wiederholen sich und sind meist linker, antifaschistischer oder auch anarchistischer Gesinnung. SOLIDARITÄT FÜR IMMIGRANTEN, PAPIERE DEN IMMIGRANTEN, FUSSTRITTE DEN RASSISTEN, ANTIFA HEISST ANGRIFF, SOLIDARITÄT MIT DEN HAUSBESETZERN sind nur einige der Aussagen.

Wir gehen von einem Slogan, auf der Suche nach dem nächsten die Straße entlang, der Blick wie hypnotisiert auf die Wand gerichtet – bis wir erschreckt feststellen, dass wir uns gar nicht die Menschen und unsere Umgebung ansehen! Dabei sind um uns herum doch die MigrantInnen, für die sich an den Wänden so eingesetzt wird und die Menschen für die die beschriebene Wände zum alltäglichen Bild gehören!

Wir befinden uns im Stadtteil Platia Viktorias, einer Nachbarschaft die schon vor der Flüchtlingskrise, migrantische communities besaß und seit 2015 zentrale Anlaufstelle für viel Flüchtlinge geworden ist. Auf dem Viktoria Platz bietet sich uns ein Bild von einem viel genutzten öffentlichen Raum. Überall sitzen oder stehen Menschen. Auf den Bänken, auf den Rasenflächen, auf den Mäuerchen. Größtenteils sind es Gruppen von jungen Männern die wahrscheinlich aus dem Nahen- oder Mittleren Osten stammen, aber auch Kinder, Frauen und GriechInnen.

Viktoria_Park

Wir fragen uns ob die MigrantInnen die Slogans an der Wand verstehen – nur vereinzelt haben wir arabische oder englische Sätze entdecken können. Wir fragen uns auch wo sich die Verfasser der Botschaften aufhalten und an wen sie sich genau richten.

Zurück zu Hause reflektieren wir das gesehene und nehmen uns für den nächsten Tag vor, die Schriftzüge und Plakate mehr im Kontext des jeweiligen Viertels zu betrachten und wollen heraus finden, wie sich die an der Wand geführten Diskurse mit dem Charakter des Stadtteils zusammen bringen lassen.

RÄUME UND DISKURS – ATHEN

Wie wollen wir zusammen leben? Wir haben uns auf die Suche gemacht, nach Orten an denen Menschen diese Frage miteinander diskutieren. Was sind das für Orte, wie werden sie genutzt, und in welcher Beziehung stehen sie zu Stadt und Politik?

Uns interessiert vor allem der öffentliche Raum, indem sich die Menschen austauschen. Die kollektive Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen, formt und prägt die Gesellschaft. Zugleich werden Entscheidungen aber oft an anderer Stelle gefällt. Bedarf unsere Gesellschaft nicht gerade deshalb mehr Räume, die öffentlichen Diskurs Platz geben und fördern?

Oder im Sinne Hannah Arendts, nur im Teilnehmen und Mitteilen kann politische Handlung entstehen, die Grundlage unserer Gesellschaft ist. Daher muss es für lebendige Stadtgesellschaften, Diskurse und die dazugehörigen Räume geben!
Wir suchen nach Orten, in denen Diskurs praktiziert wird und nach Initiativen, die durch ihr Handeln nicht nur einen gesellschaftlichen Diskurs prägen, sondern durch nachbarschaftliche und solidarische Arbeit Gesellschaft aktiv formen.

Wir reisen nach Athen. Hier ist durch die Krise und die Abwesenheit das Staates die Zivilgesellschaft aktiv geworden. Es werden gemeinsam Möglichkeiten des solidarischen Zusammenlebens erprobt und Potenziale der Mitgestaltung ausgetestet. Hier wird die Frage „Wie wir zusammen Leben wollen“ auf eine immer neue Weise verhandelt.