Tag 6: Selbstorganisation und informelle Aneignung

Letzter Tag, letzter Eintrag. Was bleibt vom ungeliebten Monster, von der verlassenen Mauer, von der Zone Zero der römischen Stadtplanung, vom Megaprojekt ohne Plan, Steuerung und Instandhaltung? 

Der Corviale war ein Experiment, das von vielen als gescheitert betrachtet wird. Doch blickt man hinter die Fassade der Armut und Verwahrlosung, erkennt man ein anderes Corviale. Ein Corviale in dem BewohnerInnen kämpfen für Ihre Rechte, hinterfragen, selbständig tätig werden und den Raum über viele kleine und große Aktivitäten an ihre Bedürfnisse anpassen. Die unzähligen vielfältigen leerstehenden Räume schaffen Möglichkeitsräume für BewohnerInnen und Kunst- und Kulturschaffende. Räume und Flächen die sonst leer stehen würden oder ungenutzt wären sind heute, Werkstätten, Treffpunkte, Kinderspielräume, Lager, kulturelle Initiativen, Gärten, religiöse Räume, etc. Es sind so viele, dass niemand genau weiss was es bereits alles gibt an selbst-geschaffenen, kreativen und gemeinnützigen Strukturen, die sich in Corviale nicht nur über die horizontale sondern auch in die vertikale erstrecken.

Ein Spaziergang durch die öffentlich zugänglichen Räume in dem Gebäude zeigt die liebevolle und individuelle Gestaltung der Laubengänge, Nischen und Stiegenhäuser, der manchmal klar ersichtlich abgetrennt wird und manchmal ein fließender Übergang zwischen öffentlichen und privaten Raum darstellt. 

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Die Laubengänge wurden von den BewohnerInnen in kleine Gärten verwandelt. Durch die Offenheit des Gebäudes gelangen unzählige Vögel hinein, die in den vielen Nischen und Ecken Schutz und Platz zum Nisten finden.

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Neben den Laubengängen sind sind vor allem die Verbindungsgänge zwischen dem “Corvialino” und dem Corviale, die “Piazzetta”, die Erschließungstürme mit Liften und Treppenhäuser sowie die Freiräume an der Rückseite des Corviale wichtige Orte an denen sich das Zusammenleben räumlich manifestiert. 

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In den Räumlichkeiten der Verbindungsgängen zwischen Corvialino und Corviale haben sich unterschiedliche Initiativen und Organisationen und Vereine angesiedelt, z. B. eine “Bar”, eine psychologische Beratungsstelle “Acquario 85”, ein Seniorenzentrum, Werkstätten, eine “Mietervereinigung” (Comitato Inquilini Corviale) und Lagerräume.

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Die “Piazzetta” sollte das architektonische Herzstück der Anlage werden, ein Verbindungselement zwischen dem Lotto 6 und dem Lotto 4,3,2. Die Platz versucht über eine Stufenkonstruktion den Niveauunterschied zwischen dem Corviale und seiner angelagerten Vorplatz auszugleichen. Leider ist es ein Kessel geworden, in dem sich die Hitze staut. Es gab Versuche diesem Ort eine Art Nutzung, Bedeutung zuzuweisen, z.B. durch das Projekt Allbergho del Piante (Gemeinschaftsgarten) und Street Art Programmen. Er könnte, sowie unzählige Orte in dem Komplex, als Raum für Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt werden. Jedoch verhindern rechtliche Streitigkeiten zwischen der Region Lazio und Ater die Nutzung als Veranstaltungsort und somit auch potentielle Kooperation zwischen den Vereinen, Initiativen und BewohnerInnen und der Gründung eines kulturellen Zentrums. 

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Die Räume in den Arkaden wurden von Kunst- und Kulturschaffende (z.B. La stampa), aber auch Kleinkriminellen (z.B. Piacca) besetzte. Diese werden zwar von Ater geduldet und auch in Beteiligungsprozessen eingesetzt um Kontakte zu den BewohnerInnen herzustellen, bekommen aber keinen geregelten Mietstatus, da niemand die Versicherung und Instandhaltung finanzieren möchte.

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In den ungenutzten inneren und äußeren Leerständen und Freiflächen liegt eine enormes transformatives Potential. Dessen sind sich jedoch nur wenige bewusst und die Wenigen die sich in den letzten Jahren um Veränderung bemüht haben, denen wurde ihr Handeln nicht leicht gemacht. Wahrscheinlich könnte sich vieles in Corviale verändern, wenn die Menschen die schon seit Jahrzehnten hier arbeiten und leben gefördert und unterstützt werden und im derzeit laufenden Stadterneuerungsprozess als gleichwertige PartnerInnen behandelt werden würden.

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Tag 5 – Vom free floor zum green floor?

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Eines der Herzstücke von Fiorentinos Entwurf war der 4. Stock des Gebäudes. Wir sind es von der historisch gewachsenen, europäischen Stadt gewohnt, dass sich der öffentliche Raum und somit auch das öffentliche Leben an den Füßen eines Gebäudes, also im Erdgeschoss befinden. Nicht jedoch in den Plänen von Fiorentino. Denn ähnlich wie in dem realisierte Großwohnbau von Corbusier, die Unite d’Habitation in Marseill, wurde auch im Corviale der öffentliche Raum in die Mitte des Gebäudes, nämlich in den 4. Stock gelegt. Dieser Stock, auch piano libero – übersetzt freies Stockwerk oder flee floor – genannt, sollte eine offene Flaniermeile werden. Ein Boulevard mit Geschäften, Restaurants, Handwerkern und öffentlichen Einrichtungen, wie Kindergärten, Schulen, Arztpraxen oder einem Fitnesscenter an dem sich BewohnerInnen des Corviales aufhalten und begegnen können.

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(Quelle: Dan McTavish: Don’t tear down the Corviale! )

Diese Verlagerung des öffentlichen Raumes in das Gebäude hinein hat jedoch zur Folge, dass dieser nicht mehr für die gesamte Öffentlichkeit zugänglich ist, sondern expliziert den BewohnerInnen des Gebäudes zugeschrieben wird. Dies verdeutlicht die Geschlossenheit des Gebäudes. Der Corviale ist so konzipiert, dass er sich lediglich auf sich selbst konzentriert, auf das eigene Kollektiv, jedoch an keinem Austausch mit seiner Umgebung interessiert ist. 

 

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Die Pläne für den vierten Stock wurden jedoch so nie umgesetzt. Denn noch vor der Fertigstellung des Gebäudes, wurde der 4. Stock illegal besetzt. “Der piano libre ist heute in Wirklichkeit ein piano occupato.“ behauptet der österreichische Fotograf Otto Hainzl, der für sein Projekt 2013 für drei Monate selbst im Corviale gewohnt hat. Dort wo also einst der öffentliche Raum hätte sein sollen, bauten sich die BewohnerInnen schon bald ihr eigenen privaten Wohnungen ein. Neue Mauern hochgezogen aufgezogen, Fenster und Türen eingesetzt, Strom- und Gasleitungen angezapft. Private Schlösser versperren ganze Gebäudeteile. Miete wird hier nicht gezahlt.

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Die Ära der illegalen Besetzung scheint jedoch dem Ende zuzugehen. Denn mit dem Projekt “Renovating Corviale – the green kilometer” vom italienischen Architekturbüro tstudio soll der 4. Stock legalisiert werden. Im Zuge des Legalisierungsprozesses gab es einen Aufruf: Familien, welche die Kriterien für eine Sozialwohnung erfüllen, konnten sich melden. Viele der BewohnerInnen haben dieses Angebot jedoch nicht wahrgenommen. Nachdem sich das Stadtlabor Corviale jedoch eingeschaltet hatte, konnte einigen der Betroffenen die Angst genommen werden und so gab es doch einige TeilnehmerInnen. Nun sollen Schritt für Schritt neue Wohnungen gebaut und bestehende renoviert werden und Menschen nach und nach von den illegalen in die legalisierten Wohnungen umgesiedelt werden.

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(Quelle: tstudio architects)

Das Projekt verspricht auch Nachhaltigkeit auf unterschiedlichen Ebenen. Von einer Öko Schule ist die Rede. Auch der Projektname “The green kilometer” lässt auf vermuten, jedoch scheint namit nur der großzügige Einsatz der Farbe grün gemeint zu sein. Denn eine der bedeutendsten Neuerungen sei das Anstreichen von Wänden, Böden und Decken mit der Farbe grün um damit ein charakterisierendes Merkmal für Gemeinschaftsräume zu schaffen. Inwiefern jedoch das bloße Bemalen von Wänden die sozialen Probleme im Corviale lösen soll bleibt fragwürdig. Ein Blick in den 4. Stock lässt das Ganze noch paradoxer wirken: die Wand dort ist bereits jetzt schon grün. Auch die Nachhaltigkeit des Planungsprozesses lässt zu wünschen übrig, eine BürgerInnenbeteiligung gab es keine. Ob dieses Projekt an die Bedürfnisse der Menschen im Corviale herankommt wird sich zeigen. Viele Fragen bleiben jedoch offen.

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Tag 4 – Utopie vs. Realität

Genauso wie die Unité d’Habitation, folgte auch der Corviale der Idee des Wohnhochhaus als neue kollektive großstädtische Wohnform. Diese Großwohnhäuser legten ihren Fokus auf das Kollektiv welches als eine Einheit funktionieren sollte und somit auch eine gewisse Geschlossenheit und Abgrenzung nach außen hin aufzeigen sollte. Die Wohnhochhäuser garantierten, dass Gemeinschaftsdienste und – Einrichtungen auch tragfähig sind. Auch eine Erleichterung für Hausfrauen erwartete man sich von dieser Wohnform, denn traditionell familiäre Aufgaben konnten beispielsweise durch entsprechende soziale Einrichtungen vermehrt durch das Kollektiv übernommen werden.

In all diesen Überlegungen wurde jedoch von einem bestimmten standardisierten Lebensstil ausgegangen. Das Konzept der Wohnmaschine wird daher vielmals auch aufgrund seiner Ignoranz gegenüber sozialen Fragen kritisiert. Nichts wird dem Zufall überlassen, nichts bleibt ungeplant. Die Stadt lässt, abseits von der Privaten Wohnung, keinen Platz für Spontanität. Unverbindliches Handeln oder Eigeninitiative passen in dieses Bild nicht hinein. Jede Art von soziokulturellen Handlungen und Interaktionen muss sich demnach in die betriebliche Funktionsweise der Maschine einfügen. Die BewohnerInnen müssen sich der neuen Wohnform unterordnen und deren Lebensstil dementsprechend anpassen. Es wird davon ausgegangen dass deren Handlungen standardisiert und rational sind – denn nur so kann die Maschine funktionieren.

(Vgl. M. Peterek (2000): Wohnung. Siedlung. Stadt: Paradigmen der Moderne)

Utopie

Der Corviale war ein Experiment. Mario Fiorentino schrieb, die Herausforderung wird das Management des Gebäudes werden (vgl. Piazza & Scopelliti, 2006 In: Di Giovanni: Lessons from Corviale). Als das Gebäude errichtet worden war wurden den BewohnerInnen alle grundlegenden Dienstleistungen und Infrastrukturen versprochen die notwendig sind um hier zu leben. Als diese nicht kamen, führte dies zu einem massiven Vertrauensverlust zwischen BewohnerInnen und der Öffentlichen Verwaltung. 

Marco

Desenfektion

Marco und seine Mutte Liliane leben schon seit 35 Jahren in Corviale. Als ich sie frage, ob sie gerne hier wohnt: “In Corviale, nein! In Rom schon, aber nicht in Corviale!” Sie erzählt von Ihrem Leben, vom Tod ihrer beiden Söhne, drei leben noch. Die Wohnung ist schwül und voll von Gelsen, ich frage sie wegen der Desinfektion der Gänge, aber ich denke sie ist sich selbst nicht sicher, ob wegen der Gelsen oder doch Corona. Die Angst vor Covid-19 scheint hier in der Wohnung von Marco und Liliane noch nicht angekommen zu sein.

Treffpunkt Gang

Meine nächste Begegnung mache ich mit Allessandro in den Gängen im Erdgeschoss. Er trägt eine Kiste mit leeren Weinflaschen, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob der Alkoholgeruch von der Kiste oder von ihm ausgeht. Es ist sehr schwer sich mit ihm zu verständigen. Obwohl er sich um eine gute englische Aussprache bemüht, verstehe ich ihn kaum. Er sagt, die Menschen die hier wohnen seien alle Sozialfälle, keiner erzähle gerne, dass er hier lebe. Und er selbst möchte nur wieder weg, nach New York, wo er schon mal gelebt hat. 

Hundezone

Bei einem Abendspaziergang hinter dem Teatro, treffe ich Antonella mit Ihrem Hund. Antonella spricht kein Englisch, aber ich halte ihr den Fragebogen hin und sie füllt ihn bereitwillig aus. Ich kann nicht alles entziffern, aber sie lebt sehr gerne hier, der Corviale ist ihre Familie und sie sieht, dass allmählich Einiges getan wird für die Menschen hier. Ich würde sie gerne fragen was genau, vielleicht meint sie die Aufräumarbeiten in den unzähligen toten Schächte und Winkel, in denen sich der Müll sammelt, oder der Kran der bewegungslos vor dem Gebäude steht.

Müll

Der Corviale ist ein Experiment – 50% Architektur und 50% Managment. Auf das zweitere warten die BewohnerInnen noch immer.  Es sind nicht die Menschen hier das Problem, es ist das System der Bürokratie, welches Misswirtschaft und Korruption zulässt.

Tag 3 – Alles wendet sich ab vom Corviale

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte wie in den meisten europäischen Städten auch in Rom eine große Wohnungsnot, die sich zum einen aus den etlichen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wohnungen aber auch aus der steigenden Zuwanderung in die Stadt ergab. Einhergehend mit einer wirtschaftlichen Krise stieg also die Nachfrage nach günstigem Wohnraum enorm an. 1962 wurde ein neuer Generalregulierungsplan für Rom fertiggestellt unter dem auch die Pläne für Corviale entstanden. Anzumerken ist hierbei, dass der Regulierungsplan zwar in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs erarbeitet wurde, die Umsetzung jedoch in einer Phase der Rezession erfolgte. Gelder für Infrastrukturelle Maßnahmen zur Versorgung der Peripherie mit Wasserleitungen, befestigten Straßen, Abwassersystemen oder Straßenbeleuchtung waren demnach nicht vorhanden. 

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(Quelle: Regenerare Corviale – Preliminary Planning Dokument)

Das Großwohnbauprojekt Corviale wurder von der Wohnbaugesellschaft IACP – Istituto Autonomo Case Popolari – (heute ATER) getragen, welche Finanzierung, Realisierung und Verwaltung von öffentlichen Wohnungsbau in Italien durchführte. Zwar wurden die Bauarbeiten 1980 schon abgeschlossen, die Wohnungsübergabe verzögerte sich jedoch. Das resultierte wiederum in einer Besetzung des Gebäudes sowie in einer Ansiedlung von Zeltlagern und Baracken vor dem Gebäude. 18 Milliarden Lire waren für das Projekt ursprünglich geplant, 100 Milliarden kostete es im Endeffekt. Die hohe Überschreitung der Baukosten, führte nachträglich zu erheblichen Einsparungen bei den Ausgaben für Infrastruktur und Gemeinschaftseinrichtungen. Vorhaben wie Kino, Gemeindezentrum, Bibliothek, Theater, Restaurant wurden entweder nicht fertiggestellt oder auch überhaupt nicht begonnen. Auch eine Ansiedlung von Geschäften, Büros und Schulen im Eingangsbereich wurde nie realisiert. Die BewohnerInnen welche das Gebäude illegal bewohnen, zahlen keine Miete. Allein im Jahr 2000 betrug die Summe an Mietsäumnissen knappe 15 Mio. €. Dies führte zu einer hohen Verschuldung von ATER und somit wiederum zu Fehlenden Geldern für dringend notwendige Investitionen in das Gebäude – ein Teufelskreis.

Karte Übersicht

Der Corviale wurde so geplant dass alle lebensnotwendigen Infrastrukturen in direkter Nähe befinden und ist mit 4 Bussen an die Metro Linien angebunden. Busse die irgendwann kommen und irgendwann fahren. Es gibt ein Einkaufszentrum Cassetti Mattei, das 2005 errichtet wurde. Es heisst Cassetti Matei weil die Eingänge auf die Via della Casetta Mattei gerichtet sind und nicht zum Corviale. Für die BewohnerInnen, die immer älter werden, bedeutet das, keinen barrierefreien Zugang für FußgängerInnen zum Einkaufszentrum, obwohl es nur 5 Minuten zu entfernt liegt. Das Einkaufszentrum sollte nach ursprünglichen Planungen, als verbindendes Element zwischen den BewohnerInnen des Corviale und den Umgebung dienen. Der Gebäudetrakt der in einem 45° Winkel von Corviale errichtet worden ist, beinhaltet einen Gang der die Verbindung zwischen dem Einkaufszentrum und “Verwaltungszentrum” herstellen sollte, der Gang endet abrupt mit einer Mauer und wurde nie erschlossen.

Mauer Lotto 6

Zwischen den zwei Gebäudetrakten führt eine Fußgängerbrücke ins Herz des “Verwaltungszentrum” das die Polizeistation, das Kulturzentrum Mitreo, eine Bildungsberatungsstelle, eine Bücherei, eine Schule und jeden Menge Leerstand beinhaltet. In den letzten Tagen meiner Beobachtung habe ich noch nie eine einzige Person auf dieser Brücke gehen gesehen. Wieso eigentlich?

Die Schule zum Beispiel wurde 2004 von Guendalina Salimei von T-Studio reorganisiert. Sie hat aber seit Jahren nicht geöffnet, weil der 2. Teil der Sanierungsarbeiten nicht mehr ausgeschrieben wurde. Anscheinend wurde hier ein wichtiger Teil von grundlegenden Sanierungen in der 1. Phase verabsäumt. 

Das Kulturzentrum Mitreo bekommt seit dem Regierungswechsel keine Förderungen mehr und wird wahrscheinlich schliessen müssen. 

Die angrenzende “Piazzetta” (linke Gebäudehälfte) steht leer und verfällt. Die Verfall ist bereits soweit fortgeschritten dass Veranstaltungen ein Sicherheitsrisiko bedeuten würden und offiziell nicht stattfinden dürfen. Manche Teile der Leerstandes wurden von Kleinkriminellen, aber auch Kunst- und Kulturinitiativen besetzt und schaffen eine Art Kreatives Milieu.

Piazzetta

In den 1200 Wohnungen könnten bis zu 8500 Personen untergebracht werden, kinderarme Familienstrukturen verhindern jedoch die Dichte die eigentlich gebraucht werden würde um die Wohnmaschiene zu beleben. Heute leben ca. 4000 Menschen in Corviale, aber niemand weiss tatsächlich wie viele genau. Die Wohnungen werden weitergegeben und ein Meldung ist einfach, man muss nur eine Stromrechnung vorweisen, diese kann auch von der ersten Person die eingezogen ist, also vor 40 Jahren, stattgefunden haben. Da der Corviale nie fertiggestellt wurde gibt es kein Klingel- und kein funktionierendes Postkasten System, das heisst dass Personen einmal eingezogen schwer zu finden sind.

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Es gibt keine funktionierendes Entsorgungssystem, die wenigen Müllcontainer befinden sich auf der Straße, und sind nicht ausreichend für die Berge an Müll die 4000 Menschen jeden Tag produzieren. Hinzu kommt, dass viele BewohnerInnen ihre Wohnungen teilweise sehr aufwendig, selber renoviert haben und der ganze Sperrmüll einfach in nicht genutzte Teile des Gebäudes und Freiflächen hinter dem Haus gelagert und dort auch selbst verbrannt werden.

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(Quelle: Brigitte Cordes von der Initiative Corviale Domani,  Guendalina Salimei von TStudio, eigene Beobachtungen)

Tag 2 – Freiräume ohne Zuständigkeit

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Der Corviale wurde zwischen 1975 und 1982 nach den Plänen des italienischen Architekten Mario Fiorentini errichtet, der sich bei seinem Entwurf ganz an der Vorstellung einer idealen Stadt nach Le Corbusier orientierte. Eine der Grundideen Corbusiers war dabei die funktionale Gliederung der Stadt in Wohnen, Arbeiten, Freizeit & Erholung sowie Fortbewegung. Das funktionale Element Freizeit und Erholung sollte dabei im unmittelbaren Wohnumfeld ermöglicht werden und auf das Kollektiv der BewohnerInnen ausgerichtet sein. Auch im Corviale wurde diese Idee beispielsweise in Form eines Amphitheaters im öffentlichen Raum umgesetzt. Das Prinzip der autogerechten Stadt und der strengen Trennung von Fußgänger- und Autoverkehr dominieren den öffentlichen Raum rund um das Gebäude, was sich unter anderem an den großzügig angelegten Verkehrsflächen für den motorisierten Individualverkehr erkennen lässt. Hand in Hand mit dieser strikten Trennung und funktionalen Zuschreibung von privaten und öffentlichen Räumen geht eine bestimmte Vorstellung, wie sich die Menschen dort im Idealfall zu verhalten haben. Den Räumen werden somit bestimmte soziale Interaktionen zugeschrieben.

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Durch die strikte Einteilung des angrenzenden öffentlichen Raums in funktionale Einheiten wird dieser in viele Teile zerschnitten in denen zwar die einzelnen Funktionen ablesbar sind, aber die Wahrnehmung als zusammenhängende Einheit geht verloren. De facto existiert hier kein Freiraum, weil der öffentlicher Raum die Restfläche allen verplanter Flächen darstellt. Eine Rechnung, Fläche – Bebauung,- Verkehrsfläche,- Sportfläche, – Parkplatz = Öffentlicher Raum, Naherholung, schafft zwar eine Fläche in der auch ein Spielplatz und Parkbänke Platz haben aber, keinen keinen zusammenhängenden qualitativen Freiraum der sich an den Bedürfnissen der 3000 BewohnerInnen orientiert. Und obwohl es hier scheinbar viel Platz gibt, stehen die Flächen die tatsächlich als Erholungsfläche nutzbar sind in keiner Relation zu der Größe des Gebäudes und der Anzahl an Menschen. Ein Teil des Freiraums vor dem Corviale wurde zwar 2005 revitalisiert, doch leider wurde an der grundsätzlichen Gliederung und Zugänglichkeit der Freiflächen nichts geändert. Diese ist seit der Errichtung des Gebäudes in den 60er Jahren gleich geblieben und hat nichts mit den tatsächlichen Bedürfnissen der BewohnerInnen zu tun. Strenge geometrischen Formen und rechte Winkel zerschneiden das wenige an Freifläche das für die Menschen noch da ist.

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Mapping – öffentliche Freiflächen Corviale

Die Freiflächen hinter dem Corviale Grenzen an ein Art Naturschutzgebiet, das vom Corviale aus jedoch schwer zugänglich ist, da man erst einen Graben überwinden muss in der teils illegale und legale “Schrebergärten”, sowie Kleinviehhaltung zu finden sind. Ein Grund für die schlechte bis nicht vorhanden Planung und Instandhaltung des Freiraums liegt an der Tatsache dass die Wohnbaugenossenschaft Ater behauptet nicht zuständig zu sein für die angrenzenden Freiflächen, weil sie gar nicht Eigentümer sind, sondern die Region Latium?????

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https://www.lauraperettiarchitects.com/project/rigenerare-corviale/

Wie geht es mit dem Freiraum in Zukunft weiter? 

2015 hat die Wohnbaugesellschaft ATER einen Architekturwettbewerb durchgeführt bei dem es darum ging die Erdgeschosszone des Corviales zu optimieren. Gewinner des Wettbewerbes war das Architekturbüro von Laura Peretti. Mit ihrem Entwurf soll vor allem das Erdgeschoss durchlässiger gemacht werden.

 

Tag 1 – räumliche Annäherung

 

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Schon der erste Besuch des Geländes stellt sich als Herausforderung dar. Rund 10 Minuten Luftlinie liegen zwischen dem Corviale und meinem Apartement, doch die verbaute Umgebung und fehlenden öffentlichen Durchgänge verlängern den Hinweg auf fast eine dreiviertel Stunde. Stacheldrahtzäune ziehen an mir vorbei als ich dem Gebäude immer näher komme.

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Dass Italiens Abfallentsorgung bei Weitem nicht mit jener von Wien vergleichbar ist, ist klar. Trotzdem wirkt die Gegend rund um den Corviale auch für Rom besonders verdreckt zu sein. Alte Autokarosserien, überquellende Müllcontainer und verstreuter Sperrmüll häufen sich an, als ich mich dem Gebäude nähere. Aus diesem Berg aus Müll wächst er dann empor, bis ich schließlich direkt vor ihm stehe: Der Corviale.

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Schon die räumliche Annäherung gestaltete sich schwierig, gerade zu unmöglich ohne Auto. Und auch das Eindringen in das Gebäude ist keine leichte Aufgabe. Fußgänger spielen hier eine untergeordnete Rolle und ich verlaufe mich beinahe in den unzähligen Stiegenaufgängen, Schächten und Gängen, in denen es nicht mehr weiter geht. Doch genauso schnell sie sich verschließt, so schnell gibt sie Wege und Blickwinkel wieder frei. 

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Einmal im Inneren angelangt, ändert sich die Tonlage. Die Mauer, vorher so abweisend, wird lebendig und frei. Ihre Bewohner rufen sich durch die Gänge zu, selbst ich wurde zwischen den rund 8000 EinwohnerInnen als eindeutig fremdartig erkannt und mehrmals angesprochen. „… Architecto…?” “…Si!…” oder so ähnlich liefen die Konversationen dann ab. Schon der Fotograf Otto Hainzl, die Anrainerin Brigitte Cordes und wahrscheinlich auch unser Instinkt haben uns vorgewarnt, dass man sich mit Englisch hier nur schwer durchschlagen wird. Trotzdem: Die ersten Eindrücke sind positiv und der Optimismus über die bevorstehenden Tage überwiegt.

 

 

 

 

Prolog – Alles anders

Flüge gebucht. Equipment organisiert. Fragebögen übersetzt. Die letzten Vorbereitungen sind getroffen. Unsere Forschungsexpedition scheint so zum Greifen nahe zu sein, dass wir die italienische Luft beinahe schon riechen können. Doch Corona bringt unsere Pläne in letzter Sekunde heftig ins Wanken und für einen kurzen Moment scheint das gesamte Projekt hinfällig zu werden. Doch wir entscheiden uns kurzerhand dafür, einen alternativen Weg einzuschlagen um unserem Forschungsvorhaben doch noch nachgehen zu können. So teilt sich unser ohnehin schon zweiköpfiges Forschungsteam noch einmal in zwei. Denise fliegt nach Rom. Larissa bleibt in Wien. Trotz einer Entfernung von 770km werden wir nun unter neuen Voraussetzungen gemeinsam unsere Forschungsexpedition durchführen und den Corviale erkunden – sowohl physisch als auch virtuell.

Rom – Corviale

Am südlichen Stadtrand Roms erstreckt sich über eine gigantische Länge von einem Kilometer das längste Hochhaus Europas: La Corviale – ein monströser Betonkoloss, ein Unfall der italienischen Planungsgeschichte, eine einen Kilometer lange Aneinanderreihung von Sozialfällen, ein Sumpf an Gewalt und gescheiterten Existenzen. So wird Corviale in den Medien repräsentiert.

Mitte der 1970er wurde mit der Errichtung des sozialen Wohnbaus nach dem Idealbild der Wohnmaschine von Le Corbusier begonnen. Doch der Wohnkomplex ist praktisch weder fertiggestellt noch jemals verwaltet worden. So kam es, dass sich die BewohnerInnen seit der Geburtsstunde des Corviales ihre eigenen Strukturen aufgebaut haben. Doch wie kann eine derart riesige Wohnsiedlung ohne staatliche Eingriffe überhaupt funktionieren? Wie eignen sich die BewohnerInnen die öffentlichen Räume des Corviales an? Wo passiert nachbarschaftliches Leben und wodurch werden soziale Interaktionen generiert?

Als zweiköpfiges Forschungsteam, bestehend aus uns Raumplanungs-Studentinnen Denise und Larissa, werden wir Anfang September unsere Forschungsexpedition nach Coviale starten und uns der Beantwortung all dieser Fragen widmen. Wir begeben uns auf Spurensuche nach den Strukturen der Selbstorganisation, tauchen ein in eine Welt zwischen Utopie und Realität und erforschen die maschinelle Eigenmächtigkeit der Großwohnsiedlung. Und wer weiß, vielleicht lernen wir das gefürchtete Betonmonster auch von einer ganz anderen Seite kennen…