GORIZIA UND NOVA GORICA – TRANSALPINA ODER EUROPA? – TEIL 2

SEXTO GIORNO / ŠESTI DAN 25.05.2019

 

Teil 2

 

Der Tag beginnt wieder sonnig und wir versuchen uns zu sammeln. Bis dato haben wir eine Reihe von Gespräche und Interviews mit Italiener bzw. mit in Gorizia Lebende geführt. Slowenen zu kontaktieren erwies sich als deutlich schwerer. Besonders die Tonaufnahme schreckt Viele in Nova Gorica ab, also entschließen wir uns heute vermehrt das Gespräch mit Slowenen in Nova Gorica aufzusuchen. Hinzu kommt, dass heute Abend eine Veranstaltung namens „GO!borderless!“ bzw. „è storia“  am Europaplatz/Transalpina Platz stattfindet, die die „Wiedervereinigung“ mit Lesungen, Autoreninterviews, Konzerte, etc. zelebriert, v.a. weil Gorizia und Nova Gorica 2025 zur Kulturhauptstadt Europas kandidieren möchten. Daran möchten wir natürlich auch teilnehmen. Nicht nur, weil man dort möglicherweise gesprächigere Personen trifft, sondern weil auch der politische Rahmen, der dort thematisiert werden soll, für unsere Expedition von herausragender Bedeutung sein könnte.

Als allererstes bringen wir die Fahrräder, die wir in Nova Gorica gemietet haben zurück. Im Anschluss spazieren wir in Richtung Zentrum, in die Delpinova ulica und unterhalten uns mit Petra.

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unsere Route am sechsten Tag

Sie kommt aus einem Dorf südlich Nova Goricas, namens Renče. Sie fährt fast jede Woche mit dem Auto, über einen Grenzübergang im Süden bei einer Ortschaft namens Miren, nach Gorizia. Sie überquert die Grenze, um in Gorizia Eis zu essen, einkaufen zu gehen und v.a. um ihren Freund in Gorisca Brda, nördlich von Gorizia, zu besuchen. Ihre Freunde kommen aus Nova Gorica. In Gorizia kennt sie niemanden. Wenn sie zum Europaplatz geht, dann nur um einen Zug zu nehmen. Sie denkt aber, dass der Platz bedeutend für die Bewohner Nova Goricas ist, weil sie die Einigung beider Städte versinnbildlicht. Sie wünschte sich, dass der Platz  mehr belebt werden würde, weil er derzeit zu leer wirkt. Sie würde den Platz attraktiver für junge Menschen gestalten und vorschlagen, dass auf dem Platz mehr Verantstaltungen stattfinden sollen. Die anderen Übergänge seien weniger bedeutend. Wenn also der Europaplatz mit seiner Symbolkraft für jüngere Leute ausgebaut werden würde, wäre das genug. So viele jüngere Leute gäbe es im gesamten Umfeld gar nicht, um sie auf mehrere ausgebaute Übergänge zu verteilen.

Sie wiederholt auch mehrmals, dass beide Städte nicht ausreichend miteinander verbunden seien. Politiker und “bedeutendeLeute” beider Städte würden bereits versuchen beide Städte mehr miteinander zu verbinden. Es läge auch ein bisschen an den kulturellen Unterschieden. Sie glaubt, dass Slowenen anpassungsfähiger seien, da Slowenen meist beide Sprachen sprechen, während es seltener sei, dass man auf Gorizianer trifft, die Slowenisch sprechen. Zudem beobachtet sie, dass viele Italiener die Casinos entlang der Grenze besuchen. Die einzigen Italiener, die sie kennt, sind Casinobesucher. Mit diesen “Menschentyp” will sie nichts zu tun haben, da sie sich nur für sich selbst interessieren.

Es sieht so aus als wäre der Austausch zwischen jüngeren Bewohnern der Gegend sehr träge und dass eindeutig ein öffentlicher, aktiv bespielter Raum mit Attraktionen fehlt – nicht nur für junge Menschen, sondern allgemein. Da der öffentliche Raum auf italienischer Seite sehr residentiell und auf slowenischer Seite sehr verlassen wirkt. Hinzu kommt noch die räumliche Trennung des Bahnhofs und Nova Goricas mit den Gleisen – nur auf slowenischer Seite – welches wie eine weitere Barriere den Bahnhof von der Stadt enfernt.

Wir lassen uns im Zentrum Nova Goricas auf der Terrasse einer Bar nieder und arbeiten an unserem Blog. Plötzlich fahren zwei sehr bunte PKWs, begleitet von einer sehr lauten slowenischen Musik, in die Fußgängerzone ein. Auf allen Seiten der PKWs steht Tito und es hängen Fahnen hinaus. Sie halten direkt vor der Bar an und steigen singend und breit lächelnd aus. Sie tragen weiße Blusen, eine blaue Kappe und ein rotes Halstuch, das oberhalb der Brust zugeknotet ist. Wir fragen uns warum sie sich so freuen. Also nähern wir uns ihnen an. Leider spricht keiner von der Gruppe Englisch. Nur eine Person scheint etwas Italienisch zu sprechen.

Der Herr, der sich mit uns unterhält heißt Janni und ist Slowene, wie alle anderen der Gruppe, die sich nun um uns gescharrt haben. Heute scheint diese Gruppe den Geburtstag des ehemaligen Präsidenten zu feiern, welches auch gleichzeit der Feiertag „Dan mladosti“ (Tag der Jugend) war.

Wir befragen sie zu ihrer Beziehung zu Gorizia und zur Grenze. Sie seien sehr dankbar, dass die Mauer nun weg ist und dass die Grenze nun durchlässig ist. Allerdings hätten sie keine Gründe, um die Staatsgrenze zu durchkreuzen. Weder um Produkte zu erwerben, noch weil sie Kontakte in Italien hätten. Nur einmal im Jahr zum Jahrestag Titos, würden sie zum Europaplatz fahren. Erst später hat sich herausgestellt, dass Janni in Italien arbeitet. Wir fragen die Gruppe, was sie gerne an dem Transalpina Platz/Europa Platz ändern möchten. Janni würde ihn gerne so belassen wie er ist und er denkt, dass der Zaun und die Blumenkästen dort stehen bleiben sollten.

Janni stellt aber auch sehr schnell klar, dass viele Italiener „Faschisten“ seien. Wir fragen ihn, ob er uns von einer Anekdote erzählen möchte. Er selber sei mit keinem Faschisten konfrontiert worden. Er habe aber von vielen Geschichten von Bekannten gehört, dass viele Italiener „Faschisten“ seien.

Die Gruppe möchte nach unserem Gespräch weiter zur Europa-/Transalpina Platz ziehen, wo auch schon die Vorbereitungen für das Fest vorgenommen werden. Man hört selbst bis zum Zentrum Nova Goricas die Proben der Musikanten für das Konzert.

Die Gruppe scheint Tito selbst nach seinem Tod hinaus noch zu verehren. Sie behaupteten selbstbewusst und selbstsicher, dass sie wenig Bezug zu Italienern haben und dass Italiener „Faschisten“ seien. Diese Generalisierung ohne Anekdoten und Erfahrungen lässt darauf schließen, dass der Interviewte viele Vorurteile gegenüber Italiener hat und dass er/die Gruppe aus diesem Grund die Grenze bzw. den öffentlichen Raum entlang der Grenze meidet. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Ausnahme heute am Europaplatz als eine politische Provokation interpretieren sollen, da eine solch „nationale Feier (Titos Geburtstag)“ an einer europäischen Feier, bei der Gemeinsamkeiten beider Nachbarn zelebriert werden, eine diametrale Gegenwelt darstellt und folglich (vielleicht!) fehl am Platz ist. Zu einer genaueren Feststellung, bräuchten wir mehr Hintergrundwissen. Eine andere Überlegung ist, dass es sich hier einfach nur, um eine Jogoslawiennostagik handelte.

 

Die Musik erweckt unsere Neugier. Deswegen ziehen weiter mit dem Europa-/Transalpina Platz als Ziel. Auf dem Weg entdecken wir gegenüber dem Bahnhof noch von Nova Gorica aus einen Trampelpfad, der quer über einen Hügel über die Gleise zur Bahnhofsplattform führt. Wir bemerken wie Einige diesen Weg mit ihrem Hund durchqueren. Manche überqueren diesen Weg auch einfach nur um am Bahnhofscafé ein Bier zu trinken. Offenbar ist die Bahnhofsplattform ein beliebter Treffpunkt. Es befinden sich hier Menschen unterschiedlichster Generationen, wobei die männliche Kundschaft hier auffallend häufiger vertreten ist. Es fahren kaum Züge. Es stehen nur viele rostige und alte Züge vor dem Bahnhof, die fast schon wie nostalgische Dekoration wirken. Der Ausblick auf die grünen Hänge in der Ferne und das Vogelzwitschern komplementieren den pittoresken Ausblick. Wir setzen uns auf ein Kaffee und lauschen. Es wird nicht nur Slowenisch und Italienisch gesprochen. Die internationale Geräuschkulisse ist sehr ungewöhnlich und unerwartet. Bis jetzt sind wir davon ausgegangen, dass die Gegend um den Bahnhof wenig besucht wird und dass Wenige diesen öffentlichen Raum Beachtung schenkt oder schenken wollen. Liegt das nur an den Festivitäten oder wird der Raum an der Plattform mehr genutzt?

Wir gehen durch das Café zum Europaplatz und sehen, dass die Blumenkästen auf dem Platz entfernt worden sind, damit auf dem Platz eine runde Plattform für Musikanten und Protagonisten des Abends darauf aufgestellt werden konnte. Auf der Plattform wurden sämtliche Sitzplätze und Instrumente verteilt, wobei ein Tisch auf der italienischen Hälfte der Plattform aufgestellt worden ist.  Um die Plattform herum wurden Stuhlreihen für Zuschauer aufgestellt, die nun peu-à-peu von Besuchern jeden Alters, inklusive uns, besetzt werden.

Die Rede beginnt und es wird ausführlich von der Vergangenheit und deren Einigung beider Städte an dieser Stelle berichtet. Die Reden und Interviews finden auf Slowenisch und Italienisch statt. Es werden außerdem Kopfhörer für diejenigen verteilt, die eine Übersetzung auf Slowenisch, Italienisch oder Französisch benötigen. Englisch ist nicht dabei. Wir haben die Reden und Interviews aufgenommen und hochgeladen.

Auf dieser Veranstaltung wird eindeutig die „Wiedervereinigung“ zelebriert. Am nächsten Morgen bewegen wir uns erneut auf den Platz zu und sehen, dass die Blumenkästen wieder auf der gleichen Stelle wie vor dem Konzert entlang der Staatsgrenze aufgebaut wurden sind. Vielleicht sind beide Nachbarn für eine Annäherung noch nicht bereit.

 

Betül und Carolina

GORIZIA UND NOVA GORICA – TRANSALPINA ODER EUROPA? – TEIL 1

QUINTO GIORNO / PETI DAN 24.05.2019

 

Teil1

 

Wie bereits angekündigt, erwartet uns heute eine Reihe von Interviews. Zunächst mit dem Gemeindearchitekten Diego Kuzmin, darauffolgend mit Personen, die wir bei der Architekturfakultät auffinden und zuallerletzt haben wir einen Termin mit einer Dame aus Nova Gorica ausmachen können.

Der Herr Kuzmin ist slowenischer Herkunft, ist aber in Gorizia aufgewachsen und hat in Venedig Architektur studiert. Er teilt uns mit, dass er sich sehr über dieses Treffen freut. Schon bald nachdem wir uns vorstellen, führt er uns über einen schmalen Gang in der Gemeinde zu einer Reihe von großen Plänen von Gorizia, die eingerahmt an der Wand hängen und schon legte er los – ohne, dass wir überhaupt eine Frage stellen.

Das Interview mit dem Experten hielten wir auf Italienisch und es dauerte sehr lange, daher fassen wir das Nötigste auf Deutsch zusammen:

Es seien die alliierten Siegermächte, die [nach dem Zweiten Weltkrieg] über die Grenzziehung entschieden haben. Die Stadt sei damals vollkommen zerstört worden. Gorizia sei nicht mehr das Zentrum der Gegend gewesen. Das hätte die Stadt fast noch mehr zerstört. Sie hätte ihre ganze Umgebung verloren. 4/5 der Gemeinde seien mit dem Friedensvertrag verloren gegangen. Somit seien auch 4/5 der Provinz der Stadt verloren gegangen. Die Gemeinde sei verheerendst geschrumpft.

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Eine Arbeit von Architekt Kuzmin über Nova Gorica

Herr Kuzmin reicht mir eine Broschüre mit Pläne, Diagramme und Daten zur Geschichte der Stadt. Inbegriffen waren vier Darstellungen verschiedener

Zeitpunkte Gorizias und seiner Bevölkerungsentwicklung als auch seiner Umgebung. Gorizia soll im Jahr ’48 über eine Bevölkerung von 330 000 Bewohnern verfügt haben, ’21 soll es zu einem Bevölkerungszuwachs geführt haben, wobei ’39 sich diese auf 200 000 reduzierte. Nach dem Krieg [2.Weltkrieg] lebten nur noch 122 000 Menschen in Gorizia. Man könne also sagen, dass sich die Gegend[gemeint ist die Bevölkerungszahl] radikal abgebaut hat.

Warum wurde Nova Gorica eigentlich genau an dieser Stelle gebaut?

Normalerweise hätte die Stadt südlich bei Šempeter pri Gorici (it. San Pietro) erbaut worden sein. Stattdessen hat man entschieden eine neue Stadt nach dem Vorbild Le Corbusiers gen Norden zu erbauen. Eine moderne Stadt, die den Sozialismus auf der anderen Seite [von Gorizia] erbaut werden soll. Das Ergebnis war ein politisches Manifest. Man hätte südlich bei Šempeter keine neue Stadt erstellen können, weil die Umstände in der Gegend es nicht zugelassen hätten. Der Bereich sei bereits bewohnt worden. [Zur Zeit der Entscheidung bestand ein großer Friedhof, wo heute Nova Gorica steht.] Man hätte festgestellt, dass der Boden im Norden sehr tonhaltig war. Als man hier Tote begraben hätte, sei der Boden zu wasserundurchdringlich gewesen und hätte die schnelle Zersetzung der Körper verhindert. Aus diesem Grund sei der Friedhof in den Süden transferiert worden.

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Nova Gorica Straßenplanung von Architekt Edvar Ravnikar

Der Architekt Edvar Radnikar aus Novo Mesto, der mit Le Corbusier gearbeitet hätte und somit den Geist der Moderne in den Stadtentwürfen einfließen ließe, sei im Anschluss dessen beauftragt worden. In Nova Gorica bestehe im Zentrum eine große Hauptstraße[gemeint ist die Delpinova ulica], bei der er sich von der Hauptstraße[Cours Mirabeau] in Aix-en-Provence habe inspiriert hat lassen. Die ökonomischen Ressourcen waren in Nova Gorica aber sehr limitiert, daher hat man die Bäume nie eingepflanzt. Außerdem habe der damalige “Minister” Herr Macek dem Architekten mitgeteilt, dass die Bäume überflüssig seien, da die Stadt bereits von grünen Waldhängen umgeben ist. Wenn jemand Bäume sehen wolle, dann solle er die Wälder Panovec in der Umgebung aufsuchen. Des Weiteren war es Ravnikars Absicht weitläufige Bereiche zum Spazierengehen, Parken, Verkehrsflächen(zu Fuß oder mit dem Auto) zu schaffen.

Ich spreche ihn auf den Transalpina Platz an.

2004 habe es eine Art “Zeremonie” an diesem Platz gegeben, um die Wiedervereinigung zu zelebrieren. Der Platz hieße auf italieneischer Seite Piazza Transalpina und auf slowenischer Seite Trg Evrope(Europaplatz). [Schließlich verläuft die Staatsgrenze mitten durch den Platz] Der Herr Kuzmin erklärt mir den historischen Zusammenhang zur Standortwahl des Bahnhofs:

Zunächst hätte man den Bahnhof im Zentrum der Stadt oder bei Šempeter errichten wollen. Österreichische Entscheidungsträger hätten sich aber für den aktuellen Standort entschieden, weil es im Norden der Stadt viel Raum zum Ausbau des Bahnhofs gegeben hätte. Es waren vor allem Slowenen, die eine Reihe von Gleise gelegt haben, um eben Waren [in diverse Richtungen in Europa] zu verteilen. Um welche Waren ging es? Jene die aus Triest(50km Distanz) weitertransportiert oder eingelagert wurden. Der Hafen von Triest sei für “die Österreicher” von enormer Bedeutung gewesen, da es der einzige Hafen des Kaiserreichs war. Der Hafen von Triest sei zu keinem Fortschritt gelangen, weil die “Meridionale” in Österreich Ende des 18.Jahrhunderts privatisiert worden sei, von der Familie Rothschild erworben worden sei und aus diesem Grund sehr teuer geworden sei, um Waren zu transportieren. Diese Unternehmung sei sehr schnell wieder aufgegeben worden. Es sei z.B. viel lohnenswerter Waren von Hamburg nach [Wien] zu transportieren gewesen, also habe “Österreich” sich entschieden eine neue Bahnstrecke zu erbauen, die der privaten Bahn Konkurrenz machen sollte. Im Zuge dessen seien alle Waren aus Trieste nach Österreich über Gorizia gegangen.. Sie hätten hier zwischengelagert werden und weiterverarbeitet werden können. Dies hätte zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Region beitragen sollen. Man habe erwartet, dass der Bau der damals neuen Eisenbahnstrecke zu einer Verdoppelung der Bevölkerung führe. Mit dem Bau der neuen Strecke, kam es tatsächlich zu einem Bevölkerungszuwachs von 10 000 zu 30 000 Bewohnern. 1906 sei der Bahnhof eingeweiht worden, kurz darauf sei aber der Erste Weltkrieg ausgebrochen und die Nutzung dieser Bahn sei stillgelegt worden.

Diagramm
Diagramm

Ich frage ihn warum dieser Platz hauptsächlich als Parkplatz gebraucht wird.

Der Platz sei ja kein offener Raum. Die Blumenkästen [quer entlang der Staatsgrenze mitten durch den Platz] verhindern den Übergang mit dem Auto.

Warum besteht kein Drang diese Zäune und Blumenkästen zu entfernen?

Es bestehe eine alte “Mentalität”. Hier habe sich Ende des 18.Jahrhunderts ein bedeutender “ethnischer Hass” zwischen Slowenen und Italiener entwickelt. Beide Parteien hätten das Bedürfnis gehabt, Anderen überlegen zu sein. Zudem wolle keiner von beiden zugunsten des anderen etwas verlieren). Ein weiteres Beispiel: Trieste sei damals die größte “slowenische Stadt” gewesen – noch vor Lubijana. Beide Parteien seien sich gegenseitig zur Last gefallen. Reiche, Händler, Unternehmer etc. seien damals fast alle Italiener gewesen. Viele Slowenen hätten [zur Jahrhundertwende] langsam begonnen ihnen Konkurrenz zu machen. Dieser wirtschaftliche Faktor habe zur Verachtung der jeweilig anderen ethnischen Gruppe geführt. Diese Verachtung habe zu Weiteres geleitet. Es folgte der Faschismus. Die ganze Region solle zwangsitalianisiert werden. Dann kam noch hinzu, dass Italien im Ersten Weltkrieg 600 000 Soldaten verloren habe. Nur im eroberten Bereich seien es 300 000 gewesen. Von diesen 300 000 seien es 200 000 Slowenen und Kroaten  gewesen. Folglich seien nur sehr wenig Italiener in Folge dieses Krieges gefallen.[…] Die Italianisierung habe zur Folge gehabt, dass die Straßennamen, Häuser, Nachnamen, Städte, Dörfer etc. ungenannt worden seien [-auch in Gorizia und seiner Umgebung].

Die Erklärungen zu der Abneigung zum Nachbarn aus historischer Sicht beschreibt der Herr Kuzmin sehr lange. Offenbar sind jene Ressentiments aus dieser Zeit noch eine offene Wunde, welche für die Bewohner noch sehr präsent ist.

Unsere Schlussfolgerung aus diesem Gespräch:

Zwar hätte man die Mauer entfernt und den Durchgang über die Staatsgrenze hinweg eröffnet, trotzdem habe man die Grenzziehung weiterhin mit Blumenkästen und Zäunen ersetzt, damit jedem klar ist, wo sie ist und vielleicht auch um klarzustellen “bis hierher und nicht weiter”, “mehr ist nicht möglich”, “euer Spielraum geht bis hierher und nicht weiter, weil das unser Spielraum ist”. Eine gezielt und markant, ungleiche Stadtmorphologie reicht nicht um die Grenze klarzustellen. Bahngleise und Sicherheitsmaßnahme durch Zäune scheinen genauso wenig auszureichen. Die Blumenkästen und der Zaun machen aus beiden Nachbarstädten offenbar erst “gute Nachbarn”, weil man somit die Distanz bewahrt.

Beim Transalpinaplatz geht es vermutlich um eine politische Annäherung, die noch in den Kinderschuhen steckt und welche sich genau an diesem Platz wiederspiegelt.

Nach diesem sehr informativen Interview sind wir zur Università degli studi di Trieste gefahren, um uns mit jüngeren Personen, die in Gorizia leben, über den Transalpina Platz auszutauschen. Dabei treffen wir die Studentin, Beatrice aus Portoguaro, die Diplomatie und internationale Beziehungen in Gorizia studiert und dort lebt. Dadurch, dass das Interview auf Englisch geschieht, laden wir es hier hoch, damit ihr euch es anhören könnt.

Das Gespräch machte sehr schnell klar, dass Beatrice und vielleicht jüngere Gorizianer wenig Interesse für den Transalpina Platz zeigen und ihn folglich kaum nutzen. Der Grenzübergang, der tatsächlich von Belang ist, ist immer der, der mit dem Auto befahrbar ist und welcher eben zu den Clubs im hipperen Nova Gorica führt. Ein gewollter Austausch mit Slowenen findet nicht wirklich statt.

Wir unterhalten uns im Anschluss mit Veronica. Sie ist Architektin und betreut Architekturstudenten in der Fakultät. Sie lebt überraschenderweise den Austausch mit Slowenen ohne slowenische Wurzeln zu haben. Sie nutzt auch regelmäßig den Transalpina Platz, um dort einen Kaffee zu trinken oder um sich mit Freunden zu treffen. Sie sieht auch das Ausbaupotential an den Grenzpunkten.

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Interview mit Veronica

Mit diesen beiden Interviews wurden wir mit zwei diametral andersartig gestimmten jungen Menschen konfrontiert und tun uns schwer eine Schlussfolgerung zu finden. Vielleicht ist die Grenze, die Übergänge und die gemeinsamen öffentliche Räume ein Thema, das spaltet – auch innerhalb unterschiedlichster Generationen? Unterscheidet sich das soziale Umfeld vieler jüngerer Gorizianer so sehr, dass es zu diversen Wahrnehmungen des geteilten, öffentlichen Raums entlang der Grenze kommt?

Wir möchten dringend mit Bewohner Nova Goricas über dieses Thema reden, um aus diesem “Casino”(it. Durcheinander) einen Faden zu ziehen. Deswegen unterhalten wir uns mit Micha und Moinca. Sie haben keine Freunde auf italienischer Seite und haben auch kaum Gründe Slowenien zu verlassen. Den Transalpina Platz nutzen sie eigentlich nicht. Wenn sie dorthin kommen, dann meist nur, um den Bahnhof zu erreichen, damit sie eine Reise antreten können. Als wir sie fragen was sie an dem Platz verändern möchten, kam die Antwort unerwartet schnell: “Zuerst sollte man den Namen des Platzes ändern und zu einem Namen zusammenfassen”

Tatsächlich sieht es so aus als sei Wahrnehmung des Platzes noch davon beeinflusst, dass man sich offenbar noch nicht im Klaren ist, ob man eine Vereinigung will. Die duale Namensgebung ist wahrscheinlich in ihrer Übersetzung eine räumliche Trennung. Der Entschluss zu einem einzigen Namen für den Platz könnte tatsächlich ein weiterer Schritt zur Annäherung an den Nachbarn sein und könnte weitere Schritte zur Annäherung in allen Bereichen nach sich ziehen. Inkl. zu Beschlüssen zum Aus- und Umbau des Platzes. Aber will man das überhaupt? Nach dem Gespräch mit dem Herrn Kuzmin und mit jüngeren Slowenenen bzw. Italienern sind wir dessen nicht mehr so sicher.

Wir begeben uns erneut auf Entdeckungsreise und bewegen uns erneut Richtung Grenzraum und erkunden den nördlichen Abschnitt und suchen ihn nach informellen Wegen ab. Zwar besteht nördlich des Bahnhofs von Nova Goricas kein “Fahrradtunnel” mehr, allerdings ist dieser Bereich nicht sehr fahrradfreundlich ausgebaut. Es bestehen Schnellstraßen und Gewerbezonen, die einen potentiellen Grenzübergang unattraktiv für Fußgänger und Fahrradfahrer macht.

Betül und Carolina

GORIZIA UND NOVA GORICA – ERKUNDUNG DER GRENZE UND DER SLOWENISCHEN STADT

QUARTO GIORNO / ČETRTI DAN 23.05.2019

 

Guten Morgen Gorizia! Als Betül die Fenster öffnet, durchfluten Sonnenstrahlen unser Zimmer. Ein perfektes Fahrradwetter! Am Dienstag haben wir bereits berichtet, dass wir die Weinbarbesitzerin Arianna Bellan getroffen haben. Sie hat uns von einem Wochenmarkt erzählt, der vormittags abwechselnd im Zentrum Gorizias und am Grenzposten Casa Rossa stattfindet. Heute ist er am Grenzübergang. Was für ein Glück, dass wir diese Woche ausgewählt haben!

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Unsere Route am vierten Tag

Wir müssen uns beeilen, denn die Wochenmärkte schließen früh. Nach dem Frühstück brechen wir auf und sehen, dass der immense Parkplatz vor dem Grenzübergang, der sowieso immer leer stand, als Verkaufsfläche für v.a. Kleidungsstände dient. Vereinzelt werden hier auch Terra Cotta Blumentöpfe, Küchengeräte, Taschen und Schuhe veräußert. Wir waren etwas überrascht, denn wir haben mit Lebensmittel gerechnet. Dabei gab es nur noch einen Stand, wo friaulische Spezialitäten verkauft wurden. Wir unterhalten uns mit dem Verkäufer dieses Stands.

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Markt Casa Rossa
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Markt Casa Rossa

 

 

 

 

 

 

Carlo verkauft in diversen Städten im Fiaul bzw. Julisch-Venetien. Der Standort an der Casa Rossa soll aber ein ganz besonderer sein. Es seien hauptsächlich Slowenen, die regelmäßig zu diesem Markt pendeln. Daher sei es von Vorteil, wenn man als Verkäufer auch Slowenisch spricht. Er spricht nur so viel Slowenisch wie es nötig ist, um seine Waren verkaufen zu können. Die Verkäufer am Markt aber seien alle Bewohner Italiens. Solche “Märkte für Slowenen und Kroaten” habe es auch in Triest gegeben. Wir fragen ihn woran das läge. “Aus Gewohnheit”, hieß es. Als die Grenze noch harscher war, waren viele Waren auf slowenischer Seite begrenzt und die Verteilung von Lebensmittel sehr reglementiert. Besonders Kleidung war rar, daher profitierten viele Bewohner Nova Goricas von ihrer Grenzsituation und fuhren mit großen Wägen nach Gorizia, um sich hier mit diversen Produkten zu versorgen. Zwar verfügt Nova Gorica heute über sehr große Shopping Malls und Geschäfte, allerdings hätten Viele diese Gewohnheit beibehalten. Italiener kämen eher seltener, da sie wohlhabender seien als Slowenen.

Die Grenzüberquerung aus Gewohnheit klingt logisch, weil die Grenze erst 2004 eröffnet wurde. Dieses Ereignis ist schließlich erst 15 Jahre her. Zudem haben wir am ersten Tag unserer Reise und im Laufe des Tages in Nova Gorica grob die Preise mit Gorizia verglichen und festgestellt, dass die Preise in Nova Gorica allgemein niedriger sind, wobei das durchschnittliche Einkommen in Nova Gorica eben auch deutlich niedriger ausfällt als auf italienischer Seite. Die Produkte auf diesem Markt sind tatsächlich sehr günstig und daher sicher sehr begehrenswert für jene mit einem kleinen Geldbeutel, aber gleichzeitig nicht sehr attraktiv für jene, die mehr Qualität erwarten oder gewohnt sind.

Wir laufen weiter über die Grenze und erinnern uns an gestern. Der Grenzübergang Casa Rossa(it.)/ Rozna Dolina(slow.) ist zwar überschreitbar, allerdings ist es hier absolut unmöglich zu diesem Fahrradweg entlang der Grenze zu kommen. Einerseits, weil dieser Fahrradweg umzäunt ist, andererseits weil der Übergang hier unter dem Fahrradweg über einen Tunnel verläuft. Uns fiel gestern auch auf, dass es zu Grenzkontrollen kam. Die Polizisten fragten nach dem Ausweis und kontrollierten die Kofferräume – ausnahmslos von jeden passierenden Autofahrer.

Auf slowenischer Seite entdecken wir zunächst ein paar Restaurants und mehrere, weitflächige Supermarktketten. Es sind ein paar Personen auf Bänken aufzufinden, die aber nicht interviewt werden wollen. Wir suchen nach einem Weg zum Fahrradweg und versuchen möglichst nah an der Grenze nördlich einen Zugang dazu zu finden. Der Weg dahin ist lang und sehr beschwerlich unter der starken Sonneneinstrahlung. Es gelingt uns trotzdem. Der Zugang könnte als ein informeller Weg quer zur Staatsgrenze interpretiert werden, da der Weg einen Loop zur italienischen Seite macht und auf italienischen Seite komplett offen ist. Prinzipiell könnte man über die Felder zu einer Straße gelangen. An dieser Stelle besteht kein Grenzschild. Den Weg erleben wir also auch weiterhin als eine internationale Zone bzw. infrastrukturellen Verteiler. Wie die Pufferzone, jener Überlappungsraum, den man gerne teilt. Die Infrastruktur ist eindeutig ein Bereich in dem beide Städte, seit der Widervereinigung zusammenarbeiten mussten, eine Lösung gefunden haben und sich ansatzweise, miteinander verbunden haben. Wir sagen bewusst nicht vernetzen, da es zunächst einmal nur vier offizielle Übergänge gibt und weil die Richtungen zu den Zielen der Nutzer sich erst nach den Ausgängen des “Fahrradkanals” ergeben. Ein Netz besteht schließlich aus verknüpften Schnüren. Momentan sieht es aber eher so aus, als ob die Schnüre als Hauptachse die Überquerung hat und dass aber auch an der Stelle der Knoten immer dicker wird, weil daran alle Fäden angebunden werden. So gesehen, kann man diese vier Übergänge als Zentren verstehen. Nur, dass sie nicht als Zentren wahrgenommen und genutzt werden, weil sie eben nicht als Platz konzipiert worden sind.

Auf dem Fahrradweg angekommen, merken wir, dass viele diesen Weg wie am Abend nutzen, um Fahrrad, Skateboard, etc. zu fahren. Wohin sie am Ende hinfahren oder woher sie kommen ist hier nicht klar. Wir können auch niemanden zum Anhalten bewegen. Wir gelangen zum Grenzübergang Via del Rafut, jenen Grenzübergang, den wir zuvor am Abend besucht haben. Wir verweilen eine Stunde. Es überquert offenbar niemand die Grenze zu dieser Tageszeit(14h). Oder eigentlich nie, außer am Abend?

Nördlich dieses Übergangs entdecken wir einen Tunnel durch den man fahren kann. Noch vor dem Tunnel, sieht man eine Brücke, die über die Gleise bzw. die Grenze führt. Auf slowenischer Seite steht eine Schranke noch da, die allerdings den Weg zur Brücke nicht mehr versperrt. Wir bewegen uns fort durch den Tunnel und kommen circa beim Grenzübergang San Gabrielle wieder raus. Von dort aus marschieren wir in das Zentrum Nova Goricas und holen beim Info Point zwei Fahrräder ab mit denen wir die Stadt erkunden werden. Das Fahrradfahren in Nova Gorica ist sehr angenehm, da fast überall Fahrradwege parallel zu den Straßen verlaufen. Wir wollen die Supermärkte und die größeren Shoppin Center ausfindig machen, die Andreica ein paar Tage zuvor erwähnt hatte, da sie dort gerne einkaufen geht. Es herrscht viel Verkehr in dieser Stadt und er ist sehr laut. Die Shopping Center befinden sich hauptsächlich in der Peripherie und bilden eine Ansammlung mehrerer Geschäfte an einem Verkehrsknotenpunkt, wie z.B. das Qlandia im Süden der Stadt und weitere mit demselben Charakter östlich der Stadt, wo wir nicht einmal mit dem Fahrrad hinfahren können, da es dorthin nur Schnellstraßen gibt. Allgemein sind diese Shopping Center zu Fuß oder mit dem Fahrrad schwer bis gar nicht erreichbar. Wir nehmen also an, dass viele Bewohner beider Städte über ein Auto verfügen. Auf slowenischer Seite ist es fast notwendig. Die Bebauung ist hier sehr hoch. Ein paar Wohnblöcke verfügen bis zu 12 Stockwerke. Jedes Wohnhaus wurde mit einer anderen Farbe angestrichen. Besonders auffallend ist die Reihung der bunten Wohnblöcke an der

Nachdem wir bei allen wichtigen Einkaufsstandorten vorbeigefahren sind, wollen wir wieder die Grenze entlang fahren. Wir sind auf der Suche nach informellen Überquerungen südlich des Übergangs Casa Rossa und kommen bis zur Ortschaft Šempeter pri Gorici. Wir finden keine. Der “Fahrradtunnel” macht es schier unmöglich. Aus diesem Grund entscheiden wir uns nach Gorizia zurückzufahren und die Università di Trieste Polo Universitario di Gorizia aufzusuchen, um mit ein paar Studenten über ihre Auffassung der Grenze zu verstehen.

Leider waren die Lehrveranstaltungen schon vorbei. Einige Studenten teilen uns mit, dass es sich morgen mehr lohnen würde, weil morgen früh mehr Studenten und Betreuer bereitwilliger für ein Gespräch seien.

Morgen früh erwarten uns also eine Reihe von Interviews. Die Experten Marco Acri und Rene Rusjan haben uns leider abgesagt. Allerdings haben sie uns in Kontakt gesetzt mit dem slowenisch-italienischen Gemeindearchitekten Diego Kuzmin, den wir über die Grenzübergänge, gemeinsame Projekte an der Grenze und seine Auffasung des öffentlichen Raums befragen möchten. Wir haben uns im Laufe des Tages auch die Frage gestellt: Ist dieser Fahrradweg eine infrastrukturelle Kollaboration beider Städte, um einen gemeinsamen öffentlichen Raum zu schaffen oder ist er als Mauerersatz zu verstehen? Schließlich wurde die Mauer am Transalpina Platz auch durch Blumenkästen und Zäune ersetzt. Kann es sein, dass diese materielle Trennung durch Zäune, Gleise und Blumenkästen gewollt ist? Gespräche mit den Studenten und Lehrende stehen morgen auf dem Tagesprogramm. Dort möchten wir Antworten zu diesem Thema finden – so pikant jene Fragen und Antworten auch klingen mögen.

Zudem sind wir heute auf der Suche nach informellen Wegen im Süden beider Städte gewesen. Morgen möchten wir die nördliche Grenze nochmal absuchen.

 

Bis morgen und viele Grüße aus Gorizia,

 

Betül und Carolina

GORIZIA UND NOVA GORICA – ERKUNDUNG DER ITALIENISCHEN STADT

TERZO GIORNO / TRETJI DAN 22.05.2019

 

Wir haben heute Glück. Es regnet heute nicht, also entschließen wir uns heute die italienische Stadt zu erkunden. Da wir gestern Abend erfahren, dass der Markt am Corso Verdi am Vormittag offen ist, wollen wir heute dorthin gehen. Auf dem Weg dorthin bemerken wir, dass die Stadt recht menschenleer ist. Liegt das nur am Wetter?

 

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Unsere Route

 

Die Markthalle ist sehr hoch. Nachdem man über eine Tür hineinkommt, gelangt man in einen langen Mittelgang. Es gibt noch zwei Seitengänge. Entlang dieser Gänge reihen sich auch schon die einzelnen, bunten Stände unterschiedlichster Art, unter anderen werden hier Blumen, Ost, Gemüse, Marmeladen, Honig verkauft. Die Geräuschkulisse ist mindestens genauso bunt wie es die einzelnen Stände sind. Man hört meist aber nur Italienisch. Eine ältere Verkäuferin mit Krücken hat mir dringend ihre Kirschen verkaufen wollen. Ich willige ein und frage woher die Kirschen seien. Sie seien aus ihrem Garten in Slowenien. Die Dame lebt also in Slowenien und kommt täglich nach Gorizia zum Markt, um hier ihr Obst zu verkaufen. Hätte sie mir nicht davon erzählt, hätte ich sie für eine Italienerin gehalten.

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Eine nette Marktverkäuferin
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Markt in Gorizia

 

 

 

 

 

 

 

 

Buntes Treiben in der Markthalle von Gorizia

 

Nach unserem Umweg zur Markthalle schlendern wir zu einem Café an der Piazza Vittoria, um einen Café zu trinken und bemerken, dass hinter uns eine Gruppe älterer, französischer Touristen miteinander diskutieren, was sie wohl als nächstes in Gorizia besuchen sollten. Wir setzen uns zu ihnen und kommen somit mit ihnen ins Gespräch. Pierre, Virginie, Guillemette, Claude und Dominique sind Ruheständler aus Montpellier(Südfrankreich) und lernen Italienisch in Frankreich. Sie sind mit dem Bus bis nach Grado gefahren. Dort nächtigen sie auch für eine Woche und bereisen jeden Tag eine andere Stadt im Umland von Grado. Die Reise wurde von einem Unternehmen organisiert. Das Programm ist also sehr streng vorgegeben. Sobald sie aber in einer Stadt angekommen sind, können sie selber entscheiden was sie besuchen möchten. Heute steht Gorizia auf dem Programm. Sie besuchten vor allem Kirchen, die Burg und den Transalpina Platz. Auf Anfrage warum sie Gorizia interessiert, antworteten sie, dass die Stadt eine sehr turbulente Geschichte hat und sie mehr davon erfahren wollen. Nach Nova Gorica seien sie aber nicht gegangen. Das hat zweierlei Gründe. Erstens seien sie nicht durch das Reiseunternehmen versichert, wenn sie nicht in Italien blieben und Nova Gorica sei sowieso nicht so ansehnlich, da es dort keine wahre Altstadt gäbe. Gorizia sei deutlich attraktiver.

Das Gespräch mit der französischen Reisegruppe war insofern für uns hilfreich, da wir somit die Perspektive auf einen Außenstehenden verlagern. Ein Tourist nimmt die Stadt, aber auch die Grenze anders war, genauso wie er sie auch anders nutzt. Diese Gruppe war bis jetzt die einzigen Personen, die offenbar den Transalpina Platz besuchen. Und ich sage ganz bewusst besuchen, nicht nutzen, da das Betreten dieses Raumes sehr kurzweilig, möglicherweise nur einmalig geschieht. Desweiteren wird klar, dass sie die Grenze auch als ihre Besuchergrenze wahrnehmen. Es besteht die Devise: Bis hier dürfen und wollen wir die Stadt entdecken und nicht weiter! Die gedankliche Grenze besteht also weiterhin – zumindest für Pierre, Virginie, Guillemette, Claude und Dominique.

Wir verabschieden uns von der sehr freundlichen Reisegruppe, die sich ebenfalls sehr über das Gespräch gefreut hat. Nun beginnen wir unsere langersehnte Tour durch die residentiellen Viertel von Gorizia. Wir hielten diese Tour für sehr wichtig, um zu verstehen, wer in Gorizia lebt und welche ihre alltägliche Umgebung ist, wenn Gorizianer nicht gerade im Zentrum der Stadt sind. Die verändernde Stadtmorphologie der Peripherie hätte Aufschluss geben können, was die Bewohner dieser Viertel brauchen und wo sie in Konsequenz dazu hingehen müssen.

Wege haben wir dabei nur zufällig eingeschlagen. Wir sind um den Parco del Municipio am Theater vorbei zum Corso Verdi geschlendert. Anschließend sind wir in die Giardini publici gegangen, wo viele Familien und Kinder fröhlich spielen. Wir gehen weiter in Richtung des Palazzo Coronini Cronbergs, welcher ein sehr großer Park ist, der wie ein botanischer Garten auf englischer Art aussieht. Die Gegend hier wirkt sehr wohlhabend, wenn nicht sogar nobel, aufgrund der sehr alten und ausladenden Villen, die möglicherweise auf das 19.Jahrhundert zurückgehen. Von hier aus zielen wir den Fluss Isonzo ab und kommen in eine Gegend namens Straccis, wo Einfamilienhäuser mit Gärten die Gegend prägen. Hier wird auch kein Hochitalienisch mehr gesprochen, sondern Friaulisch, welches selbst für jeden Nicht-Friauler absolut unverständlich ist. In dieser Gegend findet man vereinzelt Geschäfte und Dienstleister, wie eine Bäckerei, ein Restaurant, eine Bar und Friseursalons. Zum Einkaufen müssen die Bewohner dieses Viertels aber in die Stadt oder zu geballten Einkaufszentren fahren. Die Bebauung ist weniger dicht. Zudem ist die Gegend grüner, da fast jede Straße über Linden- und Platanenalleen verfügt.

Wir gelangen auf eine Brücke und überqueren den Isonzo. Die Vegetation übernimmt hier die Oberhand. Trauerweiden, Pappeln, Kiefern, ahornblättrige Platanen etc. umranden oder hängen über den türkisblauen Fluss. Ein Damm in der Nähe sorgt im Einklang mit dem lauten Vogelgezwitscher für die Geräuschkulisse. Die steilen Berghänge sind abwechselnd benetzt von grauen Felsbrocken und grünen Büschen. Ein paar Spaziergänger kommen uns entgegen. Die Tour geht hinter dem Isonzo weiter. Hier ist die Gegend sehr ländlich. Die Häuser haben meist Gärten mit eigenen Anbau von diversen Kräutern, Gemüse, Obst und Wein, Sie ziehen sich entlang einer stark befahrenen Straße, die wir entlang laufen, bis wir zur nächsten Brücke zurück nach Gorizia gelangen. Neben dieser Brücke befindet sich ein sehr großer Park mit Blick auf den Fluss und auf die Berge, der aber heute offenbar nicht genutzt wird. Wieder zurück auf der anderen Seite des Isonzos treffen wir auf ein Denkmal, das die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs andenkt. Wenn wir weiter entlang der Via Don Bosco laufen, kommen wir wieder in die sehr noble Gegend, die wir zuvor besucht haben. Von hier aus zielen wir die Grenze ab und spazieren über das Zentrum Gorizias zur Via del Rafut. Hier soll auch ein weiterer wichtiger Grenzübergang sein.

Auf dem weg treffen wir eine slowenische Skaterin, die entlang der Grenze damit fahren will. Sie will nicht aufgenommen werden. Aber wir dürfen sie bis zur Grenze begleiten. Es ist bereits dunkel. Sie fährt hin und wieder zum Spaß zur Grenze, um dort Fahrrad zu fahren und um dort zu skaten, eher weniger um Leute zu treffen. nun sind wir am Grenzpunkt angekommen. Die Eisenbahnschienen markieren den Grenzübergang. Rechts und links davon erstreckt sich parallel zu den Schienen ein langer Fahrradweg, der zu den Gleisen hin durch einen Zaun geschützt ist. Die Skaterin verabschiedet sich und fährt los. An dieser Stelle spielt sich eine sehr bewegende Szene ab. Ein jugendlicher Fahrradfahrer fuhr zuvor Richtung Grenze, wo er sich mit einem Mädchen getroffen hat, die aber von der anderen Richtung, also aus Slowenien kam, Es wurde deutlich, dass es sich dabei um ein Liebespaar beider Länder handelte, das sich an der Grenze getroffen hatte. Wir sprechen sie darauf an. Sie wollen kein Interview. Es wurde aber klar mitgeteilt, dass sie Slowenin und er Italiener ist.

Wir laufen die Grenze  bzw. den Fahrradweg weiter entlang. Im Dunkeln gibt es leider nur wenig zu sehen. Die Beleuchtung des Weges macht den Weg sehr sicher. Selbst jetzt fahren hier noch Fahrradfahrer, Skater, Jogger, … Wir laufen vom Norden gen Süden und sehen, dass der Zaun noch als Schutz vor der Eisenbahn erbaut worden ist. Westlich davon sind Felder und Waldstücke, die man frei betreten könnte. Sobald man sich aber dem Grenzübergang Casa Rossa näherte, wurde auch ein Zaun auf der anderen Seite des Fahrradweges aufgestellt. Dies verhindert die Nutzung des Grenzübergangs der Casa Rossa und der Fahrradweg wird nur noch als Tunnel wahrgenommen. Wir laufen noch lange weiter bis wir eine Joggerin treffen, die uns davor gewarnt hatte, dass der Weg nun noch sehr lange weiterginge. Wir entscheiden uns umzukehren und bei der Casa Rossa über den Zaun zu steigen, um den Weg ins Zentrum Gorizias zu verkürzen. Somit können wir endlich über den Tunnel unter der Burg zur Piazza Vittoria gelangen und nach Hause laufen.

Dieser Rundgang war von extremer Wichtigkeit, um Gorizia besser zu verstehen. Man sieht, dass einzelne je Viertel in Gorizia offenbar eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Villen im Norden und jene um den Transalpina Platz stellen eine Gegenwelt zum fiaulischen Viertel Straccis/Piedimonte dar. Letztere Viertel scheinen weitestgehend selbstständig zu funktionieren. Den Fahrradweg haben wir, wie am Flughafen, als internationale Zone wahrgenommen, da die Nutzer sowohl als auch Italienisch und Slowenisch gesprochen haben und die Kanalisierung des Fahrradwegs den Übergang in beide Richtungen stark reguliert. Daher kann man entlang der Grenze auch keine informelle Wege finden. Wer seinen Weg zur anderen Stadt verkürzen möchte, muss eben heute noch über den Zaun springen 😉

 

 

Grenzübergang Via del Rafut- Tagesszene /Nachtszene- Fahrradfahrer und Liebespaar

 

Viele Grüße aus Gorizia,

 

Betül und Carolina

GORIZIA UND NOVA GORICA – INTERVIEWS UND CAFFÈ

SECONDO GIORNO / DRUGI DAN 21.05.2019

Heute müssen wir uns sputen! Denn wir treffen um 10h den Generalsekretär von Gorizia, Franco Perazza im Café Tubino an der Via Rastello. Da wir noch frühstücken wollen sind wir auch schon früher da.

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Andreicas Wahrnehmung des öffentlichen Raums, wenn sie die Grenze überquert. Von der Arbeit an der Via Rastello geht sie über die Piazza Europa nach Hause. Sie lebt nahe des Grenzübergangs Via San Gabrielle. Wenn sie einkaufen gehen will, dann geht sie über die Via San Gabrielle nach Nova Gorica, um zu größeren Supermärkten im Norden Nova Goricas zu gehen.

Das Café ist sehr hell und freundlich eingerichtet. Die Cornetti, Kuchen und belegte Brötchen stehen unter gläserne Käseglocken auf der Theke bereit. Im Hintergrund läuft das Lied Soldi von Mahmood bis dass die Kaffeemaschine schrill gegen die Klänge des Radios antritt, als die Mitarbeiterin hinder der Theke ein Caffè für einen Gast zubereitet. Sie bedient ihn auf einer Sprache, die wir nicht verstehen. Wir gehen auf sie zu und lehnen uns gegen die Theke. Sie dreht sich kurz um und lächelt uns zu. Die Bar ist nun leer. Daher nutzen wir nach unserer Bestellung die Gelegenheit, um mit ihr zu plaudern.

Andreica ist Slowenin. Sie arbeitet und lebt in Gorizia. Geboren ist sie allerdings in Nova Gorica. Dadurch, dass sie zweisprachig aufgewachsen ist, war es kein Problem für sie nach Italien zu ziehen. Sie ist Mutter von drei Kindern unter anderem zwei Teenager. Wir fragen sie, weshalb sie nach Gorizia gezogen ist. Offenbar ist der Immobilienmarkt auf italienischer attraktiver als in Nova Gorica. Aus diesem Grund soll es viele Slowenen geben, die Wohnungen/Häuser lieber in Gorizia kaufen. Sie betont, dass viele Nova Gorica sich dafür entscheiden. Alltägliche Einkäufe sollen dafür aber auf italienischer Seite deutlich teurer sein, weshalb sie für bestimmte Produkte, wie Fleisch, Brot und Milchprodukte, regelmäßig pendelt. Sie hätte es dazu nicht weit, denn die Familie wohnt nahe der Grenze an der Via Teobaldo Ciconi, unweit der Via San Gabrielle.

Neue Gäste betreten das Café und sprechen Andreica auf Slowenisch an. Es hat sich wohl rumgesprochen, dass die freundliche Slowenin in diesem Café arbeitet. Als wir die nächste Frage nach den Aktivitäten, die ihre Kinder nachgehen, scharren sich sämtliche Gäste um uns und beteiligen sich rege am Gespräch. Sie erzählen, dass sie Slowenen sind, die allerdings in Gorizia geboren und aufgewachsen sind. Offensichtlich wachsen all deren Kinder bilingual auf, auch weil sie auf bilinguale Schulen gehen. Sie zeigt uns, aber auch auf dem Plan, wo ihre Kinder zur Schule gehen. Da ihre Kinder unterschiedlich alt sind, zeigt sie uns, wo die Grundschule(Via del Brolo), die Sekundarstufe(Via Gian Battista Garzarolli) und die Oberstufe/Gymnasium(Via Giacomo Puccini) ist. Sie zeigt uns aber auch auf dem Plan, wo ihre Kinder Sportaktivitäten nachgehen. Das Stadium in Nova Gorica soll ein breites Angebot an Aktivitäten für junge Leute anbieten. Sie fahren meist mit dem Fahrrad zum Stadium über die Via San Gabrielle. Sport ist nicht der einzige Grund, weshalb ihre Kinder nach Nova Gorica fahren. Die älteste Tochter fährt z.B. um auszugehen. Der Club Marco Polo soll momentan seh hip sein. Sie beobachtet, dass gerade junge Leute beider Städte den Austausch suchen und sich in beiden Städten regelmäßig treffen. Um die Grenze zu überqueren, fahren sie entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Bus. Sie betont, dass die Fahrradwege in Nova Gorica besonders gut ausgebaut sind. In Gorizia hingegen eher weniger bis gar nicht. Sie erwähnt keine informellen Wege oder Übergänge, die man zu Fuß nehmen könnte, außer die Via San Gabrielle.

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Andreicas Wege, die sie selber in den Plan eingezeichnet hat und die Standorte slowenisch-italienischer Schulen.

 

Und schon schaltet sich ein Herr mit großem Schnauzer ein und fragt Andreica worum es geht. Geschwind unterrichtet sie ihn, dass wir an dem öffentlichen Raum entlang der Grenze interessiert sind. Dazu fällt ihm sofort eine Anekdote ein:
In der Nähe vom slowenischen Viertel Solkan, welches sich nördlich der Stadt befindet, soll das gesamte Anwesen einer Gräfin nach der Grenzziehung vollkommen der slowenischen Seite zugeschlagen werden. Die Gräfin soll diese Entscheidung nicht so hinnehmen wollen. Da sie aber enge Kontakte zu den amerikanischen Besatzern pflegte, hatte die einst geradlinige Grenzziehung eine außergewöhnlich, ausladende Kurve um ihr Anwesen zur Folge. Dieses Beispiel soll zeigen, dass die Grenzziehung nicht immer eine Logik verfolgte. Es existieren mehrere solcher Geschichten, in denen Akteure während und nach dem Krieg sich an solchen Gelegenheiten bedienten, die auch Groll, Angst und andere Emotionen in der Bevölkerung auslösten. Gerade die letzten Monate des Krieges, als auch die ersten danach wären besonders schmerzhaft gewesen, da viele Kriegsverbrechen, wie die Foibe-Massaker, u.v.m. stattfanden. Gorizia soll mehr als die Hälfte seines Areals verloren haben, das damals zur Provinz der Stadt zählte.


„Unsere Stadt wurde auf das gänzlichste gequält. Sie wurde zerstört, bombardiert. Der Krieg war ein wahrliches Blutbad.“
Die Stadt war zuvor reich und multikulturell. Heute halten der Herr und seine Begleitung Gorizia für die europäischste Stadt schlechthin. Viele junge Menschen gingen einfach von A nach B ohne überhaupt zu merken, dass da eine Grenze sei. Das Schöne an ihrer Lage sei die Tatsache, dass man nur innerhalb einer halben Stunde Fahrradfahrt zwei Länder durchqueren kann, zwei Städte bereisen kann und gleichzeitig österreichisch-ungarische Architektur, realsozialistische Architektur aus der Zeit Titos, aber auch faschistische Architektur zu sehen bekommt. Man könne also sagen, dass die Situation hier sehr ungewöhnlich ist. Am 25. März dieses Jahres wurde ein Abkommen, bezüglich des Transalpina-Platzes, zwischen Nova Gorica und Gorizia geschlossen, um für 2025 zur Kulturhauptstadt zu kandidieren.
Andreica, der Herr und seine Frau sind sich plötzlich in allem einig. Gorizia und Nova Gorica sind zwei Städte mit einem starken Bezug zueinander. „Sie sind ein Ehepaar und haben zwei eigene Identitäten. Wie in einer Beziehung respektiert man den anderen. Wir überqueren, treffen uns, gefallen uns.“ Die Grenze vereint uns, bietet den Kontakt mit der Diversität und unterschiedlichen Kulturen an.
Auf die Frage, welche die Gründe sind, um die Grenze zu überqueren, erwidert die Dame prompt: „Alles!“ Sei es ein Spaziergang, ein Eis essen, ein Bier trinken, kommt darauf n wo ich mich gerade wohl fühle und wonach mir ist. Als Frau fühle sie sich sicher entlang der Grenze, weil die Strecke durchgehend beleuchtet ist. Gorizia geht nur momentan durch eine Phase, in der sie darunter leidet, dass viele Geschäfte schließen und dass die Stadt im Vergleich zu Nova Gorica sehr stark altert. Nova Gorica verfüge über eine viel jüngere Generation und sei allgemein viel mehr der Zukunft zugewandt, währen Gorizia der Vergangenheit noch mehr Bedeutung beimisst.
Wenn gemeinsame Projekte gefördert werden würden, dann würden beide Städte davon profitieren. Beide Städte erhielten nicht viel Beachtung von ihren Regierungen. Das sei z.B. aus finanzieller Hinsicht ein Nachteil verglichen zu Förderungen für größere Städte wie Trieste. Also sei es umso wichtiger sich zusammenzuschließen. Insbesondere die Entwicklung der Infrastruktur sei davon betroffen, da man Fahrradwege und Straßen nun mal nicht nur bis zur Grenze planen könne. Chancen sehen das Paar besonders in der Unvoreingenommenheit der jüngeren Generation.
Ich Frage den Herrn nach seinem Namen. Er heißt Franco Perrazza und hat seine Frau Anna mitgebracht. Was für eine Überraschung!

 

Das Treffen mit Andreica, Franco und Anna war uns ein Vergnügen und entlastend. Wir sind von weiterbestehenden Ressentiments oder Desinteresse für den Nachbarn ausgegangen und wir bekommen Offenheit, den Wille zum Austausch und Interaktion. Zudem werden wir mit Themen aus der Vergangenheit konfrontiert, denen wir uns nicht bewusst waren. Zum Beispiel das Thema der Foibe-Massaker, das 2007 -also zum selben Jahr als Slowenien dem Schengenraum beigetreten ist- wieder in den italienisch-kroatischen Beziehungen wieder erwähnt worden sind. Das hat zu einer Verschlechterung der Beziehungen geführt, da man Italien “historischen Revisionismus und politischen Revanchismus” vorwarf. Slowenien hat 2002 Entschädigungszahlungen getätigt, dennoch scheint das Thema der Ressentiments also noch nicht vollkommen verdaut worden. Im Großen und Ganzen sieht es aber so aus als würden beide Städte sich immer mehr untereinander verweben wollen. Sehen wir mal, ob eine Einigung im konkreten Fall vom Transalpina Platz auch umsetzen lassen will.

Nach unserem langen Interview mit Franco und Anna regnet es draußen immernoch in Strömen.

Am Abend gehen wir mit Fabrizio in eine Weinbar auf der Burg, die eine Dame namens Arianna Bellan vor kurzem eröffnet hat. Sie ist Referentin für Urbanistik in Gorizia und ist insbesondere zuständig für den Transalpina-Platz. Wir bestellen ein Glas Wein und fragen sie bezüglich der Vorhaben an diesem Platz. Sie erwidert promt, dass der Platz noch ausführlich studiert werden muss und dass noch kein wettbewerb zu diesen Platz verlautet worden ist. der Platz soll wiederbelebt werden, aber es gäbe noch viele Hindernisse zu überwinden, unter anderem das Sammeln finanzieller Mittel, etc.

Im Großen und Ganzen schien sie nicht sonderlich bereit zu sein auf meine Fragen näher einzugehen. Es ist eben schon Abend. Dann zelebrieren wir eben nur den wunderbaren Wein. 🙂

 

 

 

GORIZIA UND NOVA GORICA – ERSTE EINDRÜCKE

PRIMO GIORNO / PRVI DAN 19.05.2019

Unsere Reiseroute

Geschafft!!! Wir sind nach einer langen Nacht im Zug endlich in Gorizia angekommen. Man merkt sofort: Die Stadt ist sehr grün. Es regnet viel und stark. Wie kommen wir nun ins Zentrum?

Wir warten unter einer großen Platane und lautem Vogelgezwitscher auf unseren Bus, welcher uns in die historische Altstadt bringen soll, wo auch unsere Unterkunft ist.

Hier wartet auch schon Fabrizio(58 Jahre), unser Airbnb Host auf uns. Er ist sehr freundlich, gesprächig und mitteilungsbedürftig. Er erzählt uns viel über die Stadt. Vieles, dass wir auch zuvor nicht wussten.

Er berichtet von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Gorizia offenbar nach dem Krieg neue Viertel auf der italienischen Seite gegründet haben sollen. Die Bewohner dieser Viertel sollen alle bilingual aufgewachsen sein und hätten bilinguale Schulen gegründet. Fabrizio ging als einziger, italienischer Junge(seine Eltern kommen ursprünglich aus Bari und Ancona) auf eine dieser Schulen und wurde deshalb in die “Communità slovena” aufgenommen.Bildschirmfoto 2019-05-24 um 21.36.15

 

Die Unterkunft befindet sich im Zentrum der Stadt an der Via dei Rabatta. Fabrizio verfügt über einen großen Balkon mit einem herrlichen Ausblick zu einem semi-öffentlichen Garten, das sich später als der botanische Garten Nova Goricas entpuppt.

 

Erste Grenzüberquerung

Er hat uns spontan vorgeschlagen uns nach Nova Gorica zu fahren und uns auf dem Weg interessante Bereiche zu zeigen. Er müsse sowieso dort etwas arbeiten. Trotzdem nimmt er sich die Zeit und führt uns zunächst durch Gorizia. Auf dem Weg erzählt er viel über wichtige Orte zur Orientierung in der Stadt. Unter anderem die Statue von Carlo Michelstaedter(ein berühmter Philosoph aus Gorizia), die den Eingang in die Via Rastello markiert und somit ein beliebter Treffpunkt im öffentlichen Raum ist, u.v.m.

Noch relevanter für unsere Recherche waren seine Beschreibungen von den Grenzübergängen. Er teilt uns mit, dass es vier Grenzüberschreitungen gibt. Wir fahren über den Grenzposten Casa Rossa. Dieser Übergang soll v.a. von Autofahrern genutzt werden. Gorizia und Nova Gorica seien von einem Hügel getrennt. Die Gegend hier ist sehr hügelig und sehr grün. Jetzt verstehen wir, warum dieser Grenzübergang nicht so attraktiv für Fußgänger ist. Schließlich wäre der Weg über den Hügel zu Fuß zu beschwerlich, außerdem ist die Stadt Nova Gorica von hier aus sehr weit weg. Am Grenzübergang San Gabrielle angekommen, zeigt er auf Häuser mit einer kahlen Front. Es sollen jene Häuser sein, die aufgrund der Grenzziehung geteilt worden sind und Familien, Freunde und Verwandte von einander getrennt haben sollen. Bildschirmfoto 2019-05-24 um 18.37.55

Wir fahren weiter auf slowenischer Seite entlang der Gleise und sehen auch schon westlich den ehemaligen Bahnhof von Görz. Fabrizio kommentiert, dass der alte Bahnhof zuvor italienisch war, aber dass er nach dem Krieg von Jugoslawien einverleibt wurde und dass man daher einen neuen Bahnhof in Gorizia erbaut habe. Er unterrichtet uns auch über die Ausführung jugoslawischer Züge, die sich vehement von westeuropäischen Zügen unterscheiden. Sie seien breiter, daher könne man den ehemaligen Bahnhof nicht von italienischer, österreichischer, etc. Richtung und umgekehrt nicht befahren.

Wir steigen im Zentrum Nova Goricas, an der Cankarjeva Ulica, aus. Dort erkunden wir das Zentrum und essen zu Mittag.

Zusammenfassend zur Begegnung mit Fabrizio können wir sagen, dass unsere Begleitung über die Grenze in allen ihren Facetten überwältigend war. Nicht nur weil sie so spontan, unerwartet, intensiv und schnell verlief, sondern weil er viel bestätigen konnte, was wir bereits über viele Wochen über Texte, Karten und Berichte untersucht haben; und darüber hinaus uns mehr Informationen gegeben hatte, denen wir nun nachgehen wollen.

Wir möchten zum Beispiel prüfen, ob die gezeigten Häuser neben den Grenzübergängen tatsächlich durch die Grenzziehung getrennt worden sind. Ein anderer Aspekt, der uns interessiert, ist die Prüfung, ob der Grenzübergang wirklich nur von Autos befahren wird oder ob nicht andere Nutzer den Raum für sich beanspruchen, da dieser Bereich zunächst sehr weitläufig wirkte.

Unsere Recherche muss nachgehen, ob hier die Rede von einer oder zwei Städten ist. Biographien, Sichtweisen und Nutzungen erklären die Rezeption des öffentlichen Raums entlang der Grenze bzw. an den bestehenden Grenzüberquerungen. Das macht aus Gorizia/Nova Gorica zu einem hervorragendem Beispiel, dass man den Menschen nicht vom öffentlichen Raum getrennt betrachten kann. Aus diesem Grund ist das Porträt von Fabrizio und seiner Rezeption für uns so wichtig. Im Laufe dieses Blogs stellen wir euch noch mehr Görzer vor 🙂

Transalpina Platz

Nach dem Mittagessen sind wir die Hauptüberquerungsstrasse Erjavceva Ulica entlang gelaufen, um wieder zur Grenze zu gelangen. Die Strasse ist sehr gerade, breit und lang aber auch sehr grün und gesäumt von Linden auf breiten Grünstreifen parallel zur Straße und Fahrradwegen. Endlich an der Grenze angekommen stehen wir vor den Eisenbahnschienen und dem Mona Liza Nightclub 🙂

Nun wollen wir entlang der Gleise zum Transalpina Platz kommen. Westlich des Weges sind viele sehr alte, prächtige Villen mit großen Gärten, wobei ihnen gegenüber ein grüner Zaun die Grenze weiterhin markiert. Parallel zum Weg entlang der italienischen Villen und hinter diesem Zaun verlief eine weitere, slowenische Strasse, die zum Transalpina Platz führte. Hier wird ganz besonders die Absurdität der Präsenz zweier Straßen, die zum gleichen Ziel führen, deutlich.

Der Transalpina Platz hat uns etwas enttäuscht. Beeindruckend war, dass die Gebäude aus der Habsburger Zeit weiterhin in guten Zustand sind. Er heißt eben auch Europa-Platz, weil er zwei Staaten an einem Punkt vereint und somit über eine Symbolkraft der Union verfügt, die vor allem aktuell mit dem Hintergrund der Brexit und EU-Debatte ein enormes Potential der alltäglichen Begegnung für Europäer enthält. Unsere Erwartungen diesbezüglich wurden auch gleich gesprengt, als ersichtlich wurde mit welcher Wertschätzung dieser Platz gebraucht wird. Er wurde hauptsächlich als Parkplatz genutzt. Der Platz war leer. Offenbar kommt keiner hierher. Die alte Mauer wurde durch einen Zaun bis zum Platz herum ersetzt und auf dem Platz mit Blumenkästen weitergeführt. Hat denn niemand den Drang diesen Zaun, der keinen sichtbaren Zweck dient, zu entfernen?

Betül und Carolina

Gorizia und Nova Gorica: Eine oder zwei Städte?

Gorizia und Nova Gorica: Eine Stadt mit einer Grenze dazwischen oder zwei Städte mit einer Grenze ?

Wir heißen Betül und Carolina. Im Mai 2019 fahren wir, im Zuge der field trips in public space -(Süd)Osteuropa Städte am Rand, nach Gorizia/Nova Gorica.
Der doppelten Benennung des Ortes zufolge kann man schon erahnen, was uns so neugierig an diesem Standort gemacht hat.
Die historische Entwicklung einer/zweier Städte entlang des ehemaligen “eisernen Vorhangs”, der nicht nur den marktwirtschaftlich ausrichtenden demokratischen Staaten im Westen – in diesem Fall Gorizia auf italienischer Seite- und den planwirtschaftlich geleiteten, sozialistischen Diktaturen im Osten -darunter auch Nova Gorica im ehemaligen Jugoslawien-, sondern auch ethnische Gruppen und die Stadt territorial teilte und voneinander trennte.
2004 fällt die Mauer, die seit 1947 den “Rand und die Sackgasse” für die Bewohner beider Seiten bedeutete. Erst 2007 ist Slowenien dem Schengener Abkommen beigetreten. Die Durchlässigkeit und das beliebige Passieren auf die “andere Seite”, das “andere Land” gibt nun den Weg frei zu einem Austausch der Bewohner und möglicherweise zu einer Verschmelzung “beider Städte”. Kurz gesagt: Begeben wir uns in zwei Städte und einer Grenze oder in einer Stadt mit einer Grenze dazwischen?