Alltäglicher Einblick und Fazit

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Über Elain konnten wir einen weiteren Akteur für unsere Feldforschung gewinnen: Ian Strafford.

Er ist ein Bewohner der Lillington, ist in der Community aktiv und hat sich bei Historic England bezüglich der unreflektierten Sanierungsarbeiten und -eingriffe in die historische Bausubstanz gemeldet.

Ian konnte unsere Forschungsfrage im Falle sehr gut aufklären und beleuchten. Er hatte durch die letzten fünfzehn Jahre, die er in der Siedlung verbracht hat, die Bewohnergruppen erkennen und sie in drei Gruppierungen unterteilen können: Jene die von dem Staat, die in der Siedlung leben und diese vermutlich gerne kaufen würden, es sich aber nicht leisten können.

Als nächstes jene, die von privaten Eigentümern, untermieten. Als letzte Gruppe hat Ian diejenigen aufgelistet, die dort leben und diese gekauft haben.

 

„ There are three types of people who live here. You’ve got the council tenants who probably would love to buy it but can’t afford to. And you’ve got the people who are renting from private landlords and then you’ve got these people who are living here who bought their flats.
(…)
The people who are council tenants, a lot of them like it as a community and they really engage with that, and they have kind of got pockets of people who they like. The people who are renting from private landlords, I would say keep themselves to themselves and just don’t engage. The chance is because all the information about what’s going on in the estate is sent to the landlord, not to them. And then those people who actually see it as their home and somewhere where they live, and they care about it.“

-Ian Strafford-

Aus unserer theoretischen Auseinandersetzung ergibt sich daraus, dass wir eine gute Erstschätzung gebildet haben. Der Garten und die Freiräume stehen in Wechselwirkung mit den Bewohnergruppen und bilden eine wichtige Rolle in der Identitätsschaffung. Der Umgang des einzelnen Bewohners differenziert sich durch ihr Mietverhältnis.

Als Fazit können wir festhalten: Die persönliche Ebene bietet Raum zur Entfaltung, Individualität, aber zeichnet sich auch als Ort des Rückzugs und der Anonymität ab. Die Art sich zu präsentieren zeigt die Bereitschaft zur Kommunikation. Die intime Ebene zeigt sich in der persönlichen Ebene ab und gibt Einblick auf das breite Spektrum der Individuen, die die Siedlung bietet.

„I use my balcony every day. I put some decking there, so it feels like an extension of my home. And I put chairs and stuff. So even in winter, I go out on my balcony just to brush my teeth and have some fresh air. Because I get the sun on my balcony from like seven thirty till two, three in the afternoon, you just go out there to read and it makes it feel like it’s more part of your home, doesn’t it?“

-Ian Strafford-

Feldforschung durch andere Augen

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© Kaye Song

 

Auf der Suche nach Ideen, wie wir uns der Siedlung annähern könnten, haben wir verschiedene Akteure näher betrachtet. Das waren zum einen die Experten mit Darlene und Elain, die unsere Thesen untermauern sollten, aber wir wollten auch das Alltägliche, das Banale einfangen. Die Schnittstelle zwischen diesen Ebenen war uns bereits in der Ausformulierung der Forschungsfrage ein Anliegen.

Aus diesem Anlass haben wir auf eine Freundin aus London, Kaye Song, gegriffen, die netterweise bereit war, für uns die Siedlung in Lillington zu besuchen. Ausgestattet mit unserer Forschungsfrage und Momente, auf die sie achten sollte, ging sie mit einer Analogkamera und zwei Filmrollen am Sonntag die Siedlung besuchen. Sie redete mit Bewohnern und wurde von einer Bewohnerin mit Pflanzen beschenkt.

40 Jahre in Lillington

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Ein weiterer Sonntagabend mit einer eindrücklichen Persönlichkeit. Heute haben wir mit Darlene Torey Kontakt aufgenommen. Sie lebt seit vierzig Jahren in der Siedlung. Nach London ihren Weg hat sie über ihre Mutter aus Jamaika gefunden, welche damals zu den commonwealth Staaten gehörte. Damals herrschte ein Mangel an Krankenschwestern, worauf sie nach London zogen. Darlene selbst war im Ingenieurwesen in der Administration und in Sozial- und Jugendarbeit tätig. Viel wichtiger für uns ist aber ihre Rolle als anfangs Sekretärin und nun als Vorsitz in der ‘local residents association’ in Lillington. Eines ihrer Wirkungsbereiche bildet dabei das ‘community center’, welches für unsere Forschungsfrage relevant war, eine wichtige Rolle. Wir profitierten von ihrer jahrelangen Auseinandersetzung in verschiedenen Rollen, die sie in Lillington innehatte: Bewohnerin, Tagesmutter, Vereinsmitglied und nun Vereinsvorstand.

Sie hat einen scharfen Blick auf die Geschehnisse und Entwicklungen aus den verschiedenen Perspektiven. Wir diskutierten über die Entwicklung der Gärten und dessen Gemeinschaft, über ‘Right to buy’ und die Gentrifikation in London.

Am interessantesten und überraschendsten war als sie erzählte, dass sich immer mehr Obdachlose in Lillington über Nacht einquartieren würden, speziell in den Nischen und den Gärten. Infolgedessen merkte sie die antisoziale Haltung der Bewohner ihnen gegenüber an.

Als nächstes werden wir Kontakt mit einem der Einwohner kriegen. Wir freuen uns auf die persönliche und rohe Meinung!

 

Erster Kontakt nach London

 

Auch wir starten unsere Reise. Leicht verspätet und virtuell!

Wir haben aufgrund der Lage unseren Fokus nochmals adaptiert.

Hierfür haben wir uns Expertinnen und Architekturhistorikerinnen gesucht, die sich mit Sozialbauten der Nachkriegszeit beschäftigen und diese kontaktiert. Heute Abend haben wir unsere erste Kontaktaufnahme verwirklicht. Hierfür hat uns ‘Elain Harwood’ über eine virtuelle Tour durch die Siedlung geführt. Sie hat 1996 als Mitglied der ‘Historic England’, welches für den Schutz für historische Denkmäler zuständig ist, die Aufnahme von ‘Lillington Gardens’ in die Liste der erhaltenswerten Bauten empfohlen. Sie hat damals die Bauaufnahme gemacht und hat infolgedessen einen hohen Bezug zu dem Ort.

Weiters hat sie 1980 selber dort residiert und hat eine spezielle Bindung zu der Siedlung, die in unserem Gespräch spürbar wurde.

Entgegen unserer Vermutung, hat sich durch Elain’s Aussage herausgestellt, dass speziell in Lillington Gardens durch die zentrale Lage in der Stadt mehrheitlich wohlhabendere Bewohnergruppen leben. Dies widerspricht unserer Annahme einer heterogeneren Bewohnerstruktur.

Elain hatte den Eindruck einer aktiven Community, einerseits durch das Nachbarschaftszentrum mit TV-Möglichkeit und Bar, andererseits durch die begrünten halb-öffentlichen Räume.

Als nächstes werden wir mit der Ansprechsperson der ‘Lillington Gardens local residents association’ ‘Darlene Torey’ ein Gespräch führen. Sie selber hat 40 Jahre in Lillington und Longmoore gewohnt.

Wir sind jetzt zumindest mit dem Kopf in London angekommen.

 

 

 

London – Lillington Gardens // Das alltäglich Banale

»Das, was jeden Tag geschieht und jeden Tag wiederkehrt, das Banale, das Alltägliche, das Selbstverständliche, das Allgemeine, das Gewöhnliche, das Infra-Gewöhnliche, das Hintergrundgeräusch, das Übliche, wie soll man sich seiner bewusst werden, wie soll man es befragen, wie es beschreiben? Das Übliche befragen. Aber das ist es ja, wir sind daran gewöhnt. Wir befragen es nicht, es befragt uns nicht, (…) wir erleben es, ohne daran zu denken, als transportiere es weder Frage noch Antwort, als sei es nicht Träger irgendeiner Information.«


Georges Perec, L’Infra-ordinaire, 1989 

 

Lillington Gardens in London gilt als ein Pionierprojekt des sozialen Wohnbaus in England in der Nachkriegszeit. Seine architektonische Raffiniertheit kombiniert mit einer durchdachten, detaillierten  Planung wird noch nach 60 Jahren als ein Vorzeigeprojekt behandelt. Das Konzept des verdichteten Wohnbaus ermöglicht den Bewohnern intime, private Wohnräume, aber erlaubt gleichzeitig auch mehr Gestaltungsfreiheiten in gemeinschaftlichen Bereichen.

Durch die Vermischung des sozialen Wohnens und des Eigentums entsteht dabei aber eine Gentrifizierung, wodurch differenzierte Bewohnergruppen (Mittel- und Arbeiterschicht) verursacht werden. Es entstehen demnach auch unterschiedliche Manifestierungen in deren Raumaneignung, die wir in unserer erfroschen möchten.

Um uns mit den Identitäten der Bewohner vertraut zu machen, wollen wir im ersten Schritt die Idee des „Fenster zum Hof“ umsetzen. Das soll uns helfen, das Zwischenmenschliche auf natürliche und unverfälschte Weise auszuloten und zu beobachten. Die Fensterfronten in Lillington Gardens, die sich zu den Innenhöfen orientieren, rahmen den Alltag und die Benutzung der Gärten der Bewohner ein: Mittels Kartierungen, „voyeuristische“ Fotografien, Skizzen halten wir unsere Beobachtungen fest und hoffen, dass wir somit Rituale oder tägliche Gewohnheiten mitbekommen, beispielsweise das gemeinsame tägliche Gärtnern von zwei Nachbarn.

Basierend auf der Beobachtung wollen wir im nächsten Schritt als Einwohner uns in den Alltag integrieren und die Rollen wechseln. Die Umsetzung dieser Idee wäre etwa das Gärtnern und Anpflanzen in den Gartenanlagen. Wir erhoffen uns auf diese Weise einen regen Austausch mit den Bewohnern, und wollen uns aktiv in der Gemeinschaft beteiligen und die Idee des Zurückgebens verfolgen. Das Geerntete, wie beispielsweise Gemüse oder Kräuter, wollen wir den Nachbarn anbieten und schenken und treten in Interaktion mit ihnen. Wir befragen somit das Banale im freien Gespräch und bieten gleichzeitig etwas von uns an. Wir erhoffen uns, dass wir uns somit den Nachbarn annähern und einen besseren Einblick in ihr Leben und Alltag bekommen.