Kararburma- gestaltete Grünflächen zwischen „Pilzhäusern“

#8

 eine nicht unvollendete Mushroom-Extension neben einer Fertiggestellten, davor ein “Parkweg” – Flaschen.Post #8

Karaburma ist der letzte Wild City Ort, den wir ansteuern. Das Wohngebiet liegt zentrumsnah und unweit der Donau. Es unterscheidet sich von den bereits untersuchten Gebieten und gibt uns deswegen wichtige neue Erkenntnis über die Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Bei einem Spaziergang stoßen wir auf eine balkanisierte Stadtvilla. Sie wirkt wie ein Fremdkörper neben den eng stehenden 2+4 geschossigen Häusern. Den informellen Charakter hat das städtische Gebiet erst Mitte der 90er erfahren, als bestehende Architekturen mit Erweiterungsbauten aufgestockt wurden. Die typischen Pilzhäuser- „Haus auf Haus-Bauten“ entstanden mit dem Erlass des Gesetzes über Gebäudeinstandhaltung. „Das Gesetz erlaubt es privaten Investoren, im Gegenzug zur Renovierung von Fassaden, Aufzügen oder Gemeinschaftsräumen, auf bestehende Gebäude weitere Räumlichkeiten auszuweisen.“ (formal,informal ETH Studio Basel)

IMG_1194Pilzhäuser ragen in den Straßenraum

Das Gebäudevolumen der so entstandene „Pilzköpfe“ übertrifft vielerorts die Dimension der bestehenden Gebäude. Sie ragen in die für drei Geschosse geplante Straße und verleihen dem Gebiet eine sprunghafte Dichte. Sofort fällt uns neben der informellen Architektur die formelle Straßengestaltung auf. Das historisch gewachsene Gebiet lässt eine klare Planung der öffentlichen Räume ablesen. Gehwege sind meist vorhanden, werden allerdings oft als „Parkwege“ genutzt. Pkws stehen auf Gehwegen und Fußgänger weichen auf die Straßen aus. Die Aufbauten wurden unterschiedlich errichtet, die Tragwerkstrukturen den bestehenden Bewohnern vor die Fenster gesetzt und die Auskragungen über die Baugrenze in den öffentlichen Raum vorgelegt.

IMG_1199Quartiersplatz mit Café

Wir ankern an einem hochfrequentierten Platz. Eine auf der Parkbank sitzende Dame erklärt uns, dass es den Park schon lange gibt. „Der Platz ist meist gut besucht, im gesamten Gebiet gibt es viele schöne Grünflächen.“ Wir gehen weiter, eine Frau lauscht unserem Gespräch und bleibt stehen. Sie hat 40 Jahre in Deutschland gelebt. „Im Sommer werden die Straßen im Gebiet gebaut, es dauert hier unglaublich lang bis überhaupt etwas von der öffentlichen Hand gestaltet und umgesetzt wird.“

IMG_1214vor einem Monat eröffneter Spielplatz

In einem Hang, angrenzend am Bürgersteig, liegt zwischen den Wohnhäusern ein neuer Spielplatz auf Tartanuntergrund. Zwei Mütter, die sich hier kennengelernt haben erzählen von den Grünflächen im Gebiet. Morgens spielen wohl um die 30 Kinder hier zusammen auf dem wenige Wochen alten Spielplatz.

IMG_1163Quartiersplatz mit Pilzhaus im Hintergrund

Wir fahren mit BOY durch das Gebiet, neben großzügig gestalteten Schulhöfen entdecken wir mitten im Wohngebiet einen weiteren Quartiersplatz in blau und roten Farben gestaltet. Nicht nur die Spielgeräte auch das informelle Graffiti an den Wänden ist in den selben Farbtönen gehalten.

IMG_1235geduldeter informeller Markt im öffentlichen Raum, Bulevar kralja Aleksandra

Am Ende besuchen wir den temporär informellen Markt am Zvezdara Pijaca, eine mittlerweile etablierte Veranstaltung im öffentlichen Leben Belgrads. Auf den Grünflächen um das reguläre Marktgebäude lagern sich täglich viele Händler an, die Ihre Waren informell an die Passanten veräußern.

Auf unseren Pfaden haben wir in den letzten zwei Wochen viele spannende Persönlichkeiten getroffen. Ihre Geschichten haben uns für die Entwicklung Belgrads sensibilisiert und uns die Hintergründe für das Ausmaß der informellen (Bau)kultur nähergebracht. Dieser Blog gibt nur einen gewählten Einblick in das Erlebte. Die nächsten Tage nutzen wir zum vorläufigen Rekapitulieren und der Vorbereitung unserer Ausstellung in Savamala. Außerdem haben wir die Chance, uns morgen mit Zaklina Gligorijevic, Leiterin des Städtebauinstituts über die Perspektive der Belgrader Stadtplanung über den Umgang mit informellen Entwicklungen auszutauschen. Diesem Gespräch und der Ausstellungsdokumentaion widmen wir uns in einem abschließenden Blogeintrag. Wir danken Allen, die die Expedition ermöglichten und das Schiff auslauffähig gemacht haben.

Saveufer – Investoren und Nachbarschaft

#7investorengetriebene Stadtentwicklung – Flaschen.Post #7

Wir treffen Ljuba, unsere Begegnung der ersten Tage auf einer schwimmenden Hausbootbar. Im Verlauf unserer Expedition haben wir erfahren, dass sich die Informalität in vielen Facetten und Spielarten im täglichen Leben der Belgrader bemerkbar macht. Zusammen mit ihr und ihrem Boot befahren wir den öffentlichen Raum der Save. Das Waterfront Projekt der Eagle Hills Group aus Abu Dhabi ist seit 2012 ein viel diskutiertes Thema in Belgrad. Innerhalb eines wenig erschlossenen Gebietes im Herzen der Stadt, wird es die Ufersilhouette und die Rezeption des bisher alternativkulturell geprägten Bezirks Savamala nachhaltig verändern. Geplant sind unter anderem ein Büroturm, ein Fünfsternehotel, verschiedene Luxusapartments und die „größte Shoppingmall des Balkans“. Von unserem Boot aus ziehen die bereits fertiggestellten und verkauften Wohntürme langsam vorbei. Ljuba berichtet, dass entgegen des serbischen Gesetzes kein offizieller Architekturwettbewerb für das Projekt durchgeführt worden sei, von den Entwicklern hingegen heißt es, man habe sehr wohl einen solchen Wettbewerb veranstaltet, jedoch in Abu Dhabi. Die, für den „Gewinnerentwurf“ verantwortlichen Architekten, sind jedenfalls bis heute nicht bekannt. Auch wurde auf jede Form von Partizipation verzichtet und Ljuba berichtet uns von einem Vorfall, in dem maskierte Männer während einer Nacht Handys konfiszierten, mit Bulldozern informelle Gebäude am Saveufer beseitigten und die Polizei in dieser Nacht angeblich keine Anrufe entgegennahm. Für uns klingen solche Geschichten unvorstellbar. Die Architekturakademie von Serbien warnte in einem offenen Schreiben bereits die serbische Regierung:“ Belgrade Waterfront ist ein großer Fehler und keine der später angewandten Korrekturen, wird etwas an den benötigten technischen Standards und dem verschenkten Potential des Ortes ändern.“ Und „Der Entwurf ist unansehnlich, aus professioneller Sicht absolut inakzeptabel und nicht korrigierbar.“ Durch das Beugen und anpassen vieler Gesetze im Falle von Belgrade Waterfront hatte auch Miodrag von einem besonders krassen Fall von informellen Vorgehen der Regierung gesprochen. IMG_1004 IMG_1148 IMG_1040

IMG_1102Architektur ohne Architekten? – Hausboote auf der Save

Wir lassen die Waterfront hinter uns und nehmen Kurs entgegen der Strömung.  Südlich befindet sich die Ada Ciganlija. Die Insel ist einer der wichtigsten Erholungs- und Grünräume Belgrads. Sie erinnert uns an die Donauinsel in Wien, tausende Stadtbewohner zieht es an heißen Sommertagen für unterschiedliche Freizeitaktivitäten auf die Grünflächen und den Badestrand der Insel. Entlang des Ufers auf der Neu-Belgrader Seite reihen sich seit den Fünfzigerjahren private Wochenendhausboote dicht aneinander. Diese erinnern mich an den Schrebergarten meiner Großeltern im damaligen Ostdeutschland und erzählen von einem Relikt sozialistischer Freizeitkultur. Kein Boot ähnelt dem anderen, es wirkt so, als gäbe es einen inoffiziellen Wettstreit um Individualität unter den Hausbootbesitzern. Kleine selbst entworfene Hütten reihen sich an luxuriöse, dreigeschossige Einfamilienhäuser mit Pool, Flachbildfernsehr und elektronischen Jalousien. Die wenigen Regulierungen zeugen von Möglichkeiten und vielfältigen bauliche Ausprägungen, die so bei uns nicht denkbar sind. „Sobald man einen genehmigten Liegeplatz hat darf man bauen, ohne Bauvorschriften beachten zu müssen.“ teilt Ljuba mit.

Die Insel selbst wird von einer gut organisierten, teilweise unabhängigen Inselverwaltung kontrolliert und gepflegt. Lediglich das Parken kostet 2€ pro Tag, der Eintritt ist frei. Sämtliche Hausboote sind bewilligt und registriert. Trotzdem findet man auch auf dieser Insel ursprünglich illegal entstandene Strukturen. „Es scheint, als wirken hier formelle und informelle Energien im konfliktfreiem Ausgleich. Die Insel zeichnet sich denn auch durch eine große Beliebtheit bei den Belgrader Stadtbewohnern und einer vergleichsweise beobachteten Stabilität aus.“ ( formal- informal ETH Studio Basel)

 

Hintergründe der Wild City

#6jpginformell entstandene Kioske – Flaschen.Post #6

In den letzten Expeditionen ist uns bewusst geworden, dass man das Phänomen der Informalität nur in einem übergeordneten geschichtlichen Kontext verstehen kann. Deswegen haben wir uns mit einem historisch bewanderten Experten der Stadtentwicklung, Miodrag Ninić unterhalten und eine lehrreiche Expedition zu wichtigen Orten, deren geschichtliche Einbettung und Bedeutung für die Ausbreitung illegaler Bauten untersucht.

informell entstandene Kioske – Flaschen.Post #6In den letzten Expeditionen ist uns bewusst geworden, dass man das Phänomen der Informalität nur in einem übergeordneten geschichtlichen Kontext verstehen kann. Deswegen haben wir uns mit einem historisch bewanderten Experten der Stadtentwicklung, Miodrag Ninić unterhalten und eine lehrreiche Expedition zu wichtigen Orten, deren geschichtliche Einbettung und Bedeutung für die Ausbreitung illegaler Bauten untersucht.

Bei einem Spaziergang durch das historische Belgrad zeigt uns Miodrag viele Beispiele, an denen man die Prinzipien des ottomanischen Stadtverständnisses ablesen kann. Straßen werden nicht übergeordnet festgelegt, sondern ergeben aus den Wegen der Nutzergruppen eine fast organisch anmutende Struktur.

IMG_0781öffentliche Wirkung ottomanischer Architektur

Enge Gassen ohne Bürgersteig treffen auf schmucklose Hauswände, die den öffentlichen Raum abweisen. In den so geschützten Innenhöfen stehen meist zweigeschossige Bauten inmitten grandioser Gärten mit „Brunnen und Orchideen“. Der öffentliche Raum ist in diesem Fall nur eine Transitzone, soziale Funktionen finden im Privaten statt. An einer weiteren Station sind die Fundamente der im 2.Weltkrieg ausgebrannten Bibliothek noch sichtbar, der Vorplatz, der einem solchen Gebäude den nötigen öffentlichen Raum verschafft, unterscheidet sich hier nicht von den umliegenden Straßenräumen. Bei beiden Beispielen scheint es, als spiele der öffentliche Raum im Stadtverständnis seit jeher eine weniger prominente Rolle.

IMG_0786vier Räder und ein Lenkrad- informelles Gefährt

Ein lautes Knattern zwingt uns, das Gespräch zu unterbrechen. Ein archaisch anmutendes Fahrzeug schiebt sich im Schritttempo den Hügel hinauf. „Würden wir mit solch einem Vehikel fahren, die Polizei würde uns dafür ein Bussgeld anhängen, doch diese Menschen werden toleriert. Die Polizei sieht darüber hinweg, weil sie in der Regel keine Papiere haben, ein Verfahren damit enorm erschwert wird und es damit auch nur die Ärmsten der Armen trifft.“ Ihr Status ist illegal, ihr Business ist illegal und ihre Fahrzeuge sind es auch, doch verfolgt wird es wohl nicht. Das Phänomen der Informalität begegnet uns an vielen Orten in Belgrad.

IMG_0793Ausblick Rudotower

Miodrag führt uns zu den Rudotowers dem „Osttor“ einer der Satelliten der Stadt. Rudo war eine Textilfabrik, die diese Türme für ihre Arbeiter 1970-76 errichtete. In Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens wurde verfassungsgemäß jedem Arbeiter das Recht auf eine Wohnung zugesprochen. Dies führte dazu, dass die großen Kombinate für ihre Belegschaft selber bauten und das Militär als „Projektentwickler“ fungierte um kleineren Firmen Wohnraum zu errichten und ihnen anschließend zu verkaufen.

Die ab 1950 entstandenen „Satellitensiedlungen“ am Rande der damaligen Stadtgrenze spielen eine zentrale Rolle der Belgrader Stadtplanung und ermöglichten indirekt die Entstehungen informeller Behausungen. Die 200.000 über Belgrad verteilten informellen Wohnbauten waren auf Infrastrukturmaßnahmen angewiesen, welche durch die Erschließung der staatlichen Großprojekte ausreichend dimensioniert zur Verfügung standen. Landflüchtende eigneten sich zunächst die Grünflächen dazwischen an, informelle Siedlungsstrukturen „wuchsen“ ähnlich wie die ottomanischen Stadtteile des 16. Jahrhunderts.

In den 90er Jahren im Zuge des wirtschaftlichen Embargos der UN kam es zu drastischen Engpässen in der Versorgung, vor allem mit Treibstoff. „Es gab kein Benzin in Belgrad, öffentliche Verkehrsmittel, private Autos und somit auch die Fabriken standen still. Die Landbewohner brachten privat angebaute Lebensmittel in die Stadt um sie auf informellen Straßenmärkten zu verkaufen.“  So entstanden zu dieser Zeit die typischen Kiosk- Architekturen, die überall in Wohngebieten am Rande der Straße meist gemeinschaftlich errichtet wurden. Die Stadtverwaltunge tolerierte um des sozialen Friedens willen diese Praxis.

Von den Rudotowers bekommen wir einen guten Überblick über die umgebenden Quartiere, ein rotes Dächermeer, das sich am Highway 75 bis zum Horizont, nach Kaluđerica zieht. Der Legalisierungsprozess des Gebäudebestandes vor allem in Kaluđerica ist heutzutage weitestgehend abgeschlossen. Die Bewohner werden so offizielle Eigentümer von Grund und Gebäude, zahlen Steuern abhängig der bebauten Fläche, wodurch ihnen eine funktionierende Versorgung versichert werden kann. Häuser die sehr gut im Gebiet gelegen sind werden von der Stadt im Nachhinein aufgekauft und zu öffentlichen Einrichtungen oder Grünflächen umgewandelt.

IMG_0803Block 15 – Neu-Belgrad

In unserem Schiff überqueren wir die Save in Richtung Neu-Belgrad. Ein historischer Aufriss lässt uns den Spagat der jugoslawischen Stadtplanung zwischen den totalitären Elementen des Kommunsimus und eines ökonomisch orientierten Städtebaus des Westens erkennen. Neu-Belgrad ist neben Chandigarh und Brasilia eine dieser Planstädte im Geiste LeCorbusiers mit einer klaren Aufteilung in Nutzungsblöcken und breiten autofreundlichen Boulevards. Brutalistische Hochhäuser in großzügig angelegten Grünflächen grenzen an historische Dorfstrukturen und Buisnessdistricts.

IMG_0831 in die Jahre gekommener Hauptplatz des Nachbarschaftszentrums

Die sozialistische Ideologie des Zusammenhalts und der gemeinschaftlichen Organisation hat inmitten der Wohngebiete eingeschossige Nachbarschaftszentren als Treffpunkt und Versorgungsort entstehen lassen. Dieser Kontrast der vertikalen Wohnbauten zu den engen Gassen, ist kein Zufall. Den Planern fiel zusehends in dem großen Experiment der Blockstadt auf, dass bei den ArbeiterInnen neben dem Wohnen, weitere Bedürfnisse nach sozialen und konsumorientierten Infrastrukturen bestand. Wir betreten einen eingeschossigen Komplex, vorfabrizierte serielle Betonelemnte bilden Innenhöfe, Geschäfte, geschützte Bereiche, Verwaltungsstellen und Cafés aus.

IMG_0824Seitengasse mit Platz des Nachbarschaftzentrums

IMG_0819angrenzende informell erbaute Kioske

zentrumsDie Gassen diese Art der Nachbarschaftszentren waren laut Miodrag bewusst schmal ausgeführt, um den Bewohnern die Assoziation zu den in Jugoslawien beliebten Urlaubsorten an der Adriaküste zu erleichtern. Von diesen Zentren sollten viele entlang des Boulevards errichtet werden, doch zu dieser Implementierung kam es nie. Stattdessen finden wir an den umliegenden Straßen wieder die, in den 90er Jahren informell errichteten Kioske vor.

IMG_0844Nachbarschaftsgarten vor der Wohnzeile

Bei einem Spaziergang durch die großzügigen Freiflächen der Häuserzeilen sind wir überrascht, viele junge Familien anzutreffen. Das Gebiet ist belebt, Jugendliche sitzen mit Decken auf der Wiese, Nachbarskinder spielen auf den Spielplätzen und zwei ältere Herren sitzen an ihrem liebevoll gestalteten Nachbarschaftgarten auf der Rückseite der Wohnzeile. Auf einer Tafel sehen wir eine Urkunde für den drittschönsten Nachbarschaftsgarten Belgrads. Der Herr erklärt das Konzept: „Zehn Symbole die das Land einzigartig machen.“

Wir bedanken uns bei Miodrag Ninić für die aufschlussreiche Führung, die uns letztendlich sieben, anstatt drei Stunden  über die Hintergründe der Wild City lehrte.

Padina – Mauern und Brachen

Flaschen.Post #5

 Aneignung des Straßenraumes für die Öffentlichkeit – Flaschen.Post #5

Bei unseren vorangegangenen Recherchen wurde Padina als homogenes Quartier einer gesellschaftlich einflussreichen Oberschicht beschrieben. Bauunternehmer, Politiker und Geschäftsleute mit Wohlstand zweifelhafter Herkunft kumulierten in Padina und nutzten die Wirren der Kriegsjahre, um ihrerseits großflächig Wohnraum zu schaffen. „Die weißen Säulen von Padina“ wurden zur geflügelten Umschreibung einer hochwertigen Bauweise, die die pittoresken Villen hinter ebenso repräsentativen Mauern und Toren bezeichnet. In der Publikation „Formal Informal“ aus dem Jahre 2011 wird Padina als im Wandel beschreiben. Die Autoren prophezeien, dass durch weiteren Zuzug die Homogenität einer Belgrader Oberschicht zusehends aufgelöst wird, wie wir durch unsere Beobachtungen durchaus bestätigen konnten.

Padina ist durch die bogenförmige Hauptstraße Svetorzara Radojcica abgegrenzt, von der kleinere Straßen auf den Hügel ins Gebiet führen. Wir sind überrascht, viele, eng aneinander stehende, Geschosswohnbauten vorzufinden. Vereinzelt tauchen Einfamilienhäuser auf, die sich in ihrer Bauform von denen in Kaluđerica kaum unterscheiden. Die erwarteten pittoresken Villen mit Marmorsäulen, sind zunächst nicht auffindbar. Die Kleinteiligkeit des Gebiets, die engen Straßen, bewegen uns dazu, das Schiff zunächst hinter uns zu lassen.

IMG_0677verwilderte Brache

Dichte Bauweisen treffen auf die ein oder andere stark verwachsene und mit Wildblumen übersäte Brache, die aus unserer Planerperspektive geradezu nach einer gemeinschaftlichen Bespielung verlangt. Doch auch hier scheint sich das Leben eher im privaten Bereich abzuspielen. Am höchsten Punkt angekommen genießen wir den Blick über Belgrad.

IMG_0710im Gespräch mit Anwohnern

Ein junger Mann kommt uns mit Einkaufstüten entgegen. Als er erfährt, dass wir aus Wien kommen, lädt er uns zu sich ein, seine Schwester die in München wohnt ist zu Besuch. Er wohnt gleich in der Nähe in einem der in den letzten fünf Jahren entstandenen Geschosswohnungsbauten. Im Vordergrund befindet sich ein riesiger Parkplatz mit Schranke, auf der Nachbarsbrache stehen bunte Bienenstöcke im Schatten einer Hecke. Einen Gemeinschaftsgarten gibt es hingegen nicht, wie die Schwester uns aus dem Balkon im ersten Obergeschoss mitteilt. „Mit Freunden treffe ich mich meistens draußen, aber nicht hier in Padina, eher im Stadtzentrum oder am Fluss im Sommer.“ „Die öffentliche Verbindung ist sehr gut, wie in München. Der Bus kommt bis hier ins Gebiet.“ Ob das Eigentums-Gebäude informell geplant und umgesetzt wurde können sie nicht beantworten. Aus dem längeren Gespräch geht hervor, dass es keine gestalteten Plätze gibt. In einigen Garagen oder Erdgeschosszonen von Wohnhäusern sind Fachmärkte entstanden. Ansonsten sind Supermärkte und die Restaurants an der unteren Hauptstraße die einzigen konsumbedingten Treffpunkte. Die Nachbarschaft im Haus ist sehr gut und auch auf der Straße bleibt man stehen und unterhält sich. Sie raten uns die Straße weiter hinunterzulaufen. Wir verabschieden uns. „Falls ihr noch Fragen habt klingelt einfach unten links beim Schild ohne Namen“

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Haushaltswarengeschäft in einer umgenutzten Garage

Wir beschließen zu Fuß weiter zu gehen, um mit Personen ins Gespräch zu kommen. Ein kleines Haushaltswarengeschäft in der Garage eines Wohnahauses belebt die Erdgeschosszone.

IMG_0695Telefonmast und Stromleitungen

IMG_0715angebauter Verkaufsstand

Einige Meter weiter befindet sich ein Getränkemarkt im informellen Charakter eines provisorisch wirkenden Anbaus aus Holzplatten und Werbeplanen. Der “Balkon“ im ersten Obergeschoss ist besorgniserregend dünn und ohne Gelände, wie man es oft in Padina sieht. An vielen Telefonmasten hängen. Die Straße weiter reihen sich andersartige, wild wirkenden Geschosswohnbauten und Einfamilienhäuser im fertigen und unfertigen Zustand dicht aneinander. Das Gebiet wirkt durch die wechselnden Geschosshöhen,Gebäudevolumen und diverser Anstriche heterogener als Kaluđerica. Jemand hat die Vorzone seiner Werkstatt mit Gartenpflanzen, einem schattenspendenden Dach und Autositzen drapiert, hier finden wir ein anschauliches Beispiel für die Aneignung des öffentlichen Raumes, wobei die Grenzen zwischen Öffentlich und Privat diffus verlaufen.

IMG_0749eine zentrale ungenutzte Grünfläche, eine Frau deutet angeregt auf umliegende Bauten (nicht im Bild)

Mit BOY ankern wir weiter bergaufwärts im Zentrum Padinas. Unsere öffentlichkeitswirksame Bemalung erfüllt ihren Zweck. Menschen drehen sich nach uns um und grüßen, eine Frau bleibt stehen und berichtet, dass das Haus gegenüber erst vor drei Monaten fertiggestellt wurde, die restlichen Gebäude im Umfeld entstanden im letzten Jahr. Sie selbst wohne in einem informellen Gebäude, welches sich seit einem Jahr im Legalisierungsprozess befindet. Im Zentrum des Quartiers befindet sich eine große Brachfläche, gänzlich ungenutzt. Die Frau erzählt von der überlasteten, nachträglich gebauten Kanalisation, deren Inhalt bei Starkregen durch die Gullys drückt.

IMG_0765IMG_0771the wild rich, informelle Villen aus den 90ern

Nun machen wir uns auf die Suche nach den „Wild Rich“, laut Iva Cukic handelt es sich dabei hauptsächlich um „War Criminals“ deren Behausungen versteckt hinter hohen Mauern in den Sackgassen zu finden sind. Schon dieses Straßennetz unterstützt die Abgeschiedenheit der Villen, viele Kameras beobachten den öffentlichen Raum, beim Fotografieren werden wir selbst hingegen argwöhnisch beäugt. Hohe Mauern schützen die zu erahnenden Villen vor den neugierigen Blicken der Passanten.

Kaluđerica und Padina sind zwei Siedlungen, die ihren baulichen Bestand zum Großteil den informellen Bautätigkeiten der 90er Jahre zu verdanken haben, artikulieren sich in ihrer Ausprägung zum öffentlichen Raum jedoch deutlich verschieden. Während Kaluđerica durch die ausgeprägte Homogenität der Bauten Identifikationsmerkmale des Einzelnen vermissen lässt, deutet sich in den mittlerweile variierenden Bauten Padinas eine unerwartete Vielschichtigkeit an.

In Padina wird anhaltend viel Gebaut, ganze Straßenzüge entlang des oberen Hügels sind in den letzten Jahren entstanden, ob dies nun informell geschieht können wir nur erahnen. Laut Experteninterviews gibt es viele Schlupflöcher um sein Haus noch immer illegal zu errichten und im Nachhinein lagalisieren zu lassen. Auch die vielen Geometaranzeigen für Legalisiserungsgutachten lassen darauf schließen. Zwische den Bauten befinden sich einzelne Brachen, ob diese in Zukunft gestaltet, bebaut oder der Natur überlassen werden, können wir nur mutmaßen.

Kaluđerica – Selbstorganisation trifft Legalisierung

Flaschen.Post#4gemeindefinanzierte Kirche – Flaschen.Post #4

Unsere Expedition führt uns in die größte informelle Siedlung Europas, Kaluđerica liegt an der südöstlichen Peripherie Belgrads. Vor den jugoslawischen Sezessionskriegen gab es hier kleinere landwirtschaftliche Gebäude, durch die zugezogenen Flüchtlinge erlebte Belgrad aber eine nie dagewesene Wohnungsnot, in deren Folge Regulierungsmechanismen des zerfallenden Jugsoalwiens sich als nicht ausreichend erwiesen und das Bauen auf der sprichwörtlichen grünen Wiese die einzige Methode darstellte, Wohnraum zu generieren. Kaluđerica steht beispielhaft für diese Entwicklung und erlebte den Höhepunkt der illegalen Bautätigkeiten in den Kriegsjahren von 1991 bis 2001.Wir erreichen die Siedlung über den Highway, vor uns eröffnet sich ein malerisches Panorama, ein endloses Meer roter Ziegeldächer bedeckt die sanft ansteigenden Hügel.

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frei zugänglicher Sportplatz der Schule

Die Straßen sind eng und gewunden, Straße, Zaun, Vorgarten lautet der ewig wiederkehrende Kanon der kaluđericanischen Straße. Wir halten an dem Sportplatz der Grundschule, einer von dreien, im Zuge von Leaglisierungs,- und Infrastrukturmaßnahmen errichteten Bildungseinrichtung. Zurzeit sind jedoch Sommerferien und wie erwartet treffen wir lediglich ein Pärchen an, das in der prallen Mittagshitze mit einem Basketball trainiert. „Der öffentliche Raum wird generell nicht viel genutzt. Es gibt den Sportplatz und die Schulen. Die Kirche mit Spielplatz ist ein beliebter Treffpunkt.“ so die Frau

Wir gehen die Tribüne hinauf zum Schiff und klappen die Stühle demonstrativ vor dem Bus aus, erhoffen uns so mit Passanten ins Gespräch zu kommen. An unserem ersten Tag ohne Gatekeeper erweist sich die Kontaktaufnahme deutlich schwieriger als gedacht, mehr als einmal wünschen wir uns, des Serbischen mächtig zu sein, um die Geschichten der entschuldigend abwinkenden Bewohner zu erfahren. Wir steuern die gemeindefinanzierte Kirche an. Reste der Tribüne des noch vor zehn Jahren bestehenden Sportstadiums sind am Rande zu erkenne. Die übriggebliebene riesige Rasenfläche passt proportional zum monumentalen Kirchenbau. Bunte Spielgeräte geben Auskunft über sonstige Nutzergruppen des Platzes. Leider ist auch dieser Platz menschenleer. In der Kirche empfängt uns ein alter Herr am Devotionalienstand mit einem herzlichen Lächeln. Trotz Kommunikation mit Händen und Füßen und wenigen Worten Serbisch ist sein Stolz über die Kirche klar zu erkennen.

Auf der Suche nach belebten Räumen entscheiden wir uns zunächst wilde Wege kreuz und quer durch das Gebiet zu nehmen. Kaluđerica erscheint ab dem ersten Moment anders als das bereits erforschte informelle Siedlungsgebiet Ledine. Durch die schiere Ausdehnung scheint es anonymer, es wirkt gut situiert und die Parzellen sind großzügiger aufgeteilt. Die Ähnlichkeit der Gebäude mit ihren ziegelbedeckten Satteldächern, die wiederkehrenden Elemente ergeben ein Bild und ziehen wie in einem Film an uns vorbei. Wir halten an, beim zweiten Hinsehen beginnen sich Unterschiede zu zeigen.

IMG_0469 nachbarschafltliche Raumgestaltung

Die Häuser verhalten sich unterschiedlich zum öffentlichen Raum. Je kleiner und unbefestigter die Straße desto weniger konkret ist die Abschirmung zum Nachbarn erkennbar, die Grenzen vom Privaten und Öffentlichen verlaufen. Wir Fragen uns ob das an dem unvollendeten Charakter der umliegenden Häuser liegt, es erweckt den Eindruck als sei dies schon sehr lange so. Im Experteninterview erfuhren wir, dass es sich um ein gängiges Schlupfloch im Baugesetz handelt, Häuser von Innen zu dämmen und so den Anschein einer Baustelle zu erwecken. Somit lassen sich Steuern für ein errichtetes Haus vermeiden.

IMG_0468bewohnte “Baustellen”

Dies spiegelt sich auch im Belag der Straße wieder, Bewohner haben großteils eigenmächtig an holprigen Stellen Ziegel wild in die Straße eingelassen. Sie gestalten den öffentlichen Raum, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellt. Auf der Brache ist ein Basketballkorb in den Grund eingelassen und zwei typische Stahlrahmen dienen als rudimentäre Tore. Wir steigen wieder ein und fahren auf den am Rande gelegenen geschichtsträchtigen Aleksander Boulevard der das Stadtzentrum mit Kaluđerica verbindet. In Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens hieß dieser Revolution Boulevard wie wir zuvor erfuhren. Man erkennt schnell den überregionalen Charakter der Straße, Baufirmen, Tankstellen, und kleine Fachmärkte säumen den Fahrbahnrand.

IMG_0495Hauptstraße und Begegnungszone

Wir biegen ab in die Hauptstraße Kaluđericas, an der sich Schulen, die Kirche, ein kleines Einkaufszentrum auf geschätzten 100 Metern Höhenunterschied befinden. Eine klare Organisation ist abzulesen, eine Bandbreite an Elementen die unser planerisches Auge zuvor vermisst hat finden wir hier vor, ein Niveauunterschied durch Gehwege, einzelnen Parkbuchten, teilweiser Begrünung und Straßenmarkierungen. Unser Schiff ankert auf dem Schulparkplatz, das weit offenstehende Tor lädt dazu ein. Fußballspielende Jungs vergessen für einen kurzen Moment den Ball und schauen Boy neugierig aus der Ferne an. Wir fühlen uns wie Fremdkörper aber sind die, auf uns richtenden Blicke, nach zwei Wochen gewöhnt. Wir nutzen die Chance und gehen hin, sie kichern und tuscheln auf Serbisch, leider sprechen auch sie kein Englisch. Wir umrunden die großzügige Außenfläche des Schulgebäudes, Stahlspielgeräte, Rasenflächen und ein Sportplatz, auf dem Eltern mit ihrem Sohn spielen finden wir vor.

IMG_0497Bushaltestelle als Ort der Kommunikation

Wir spazieren den Hügel hinab, viele Personen warten an der Bushaltestelle. Unzählige Miteilungen lassen die blaue Farbe der Bushaltestelle nur sporadisch durchscheinen. „Todesanzeigen; Angebot Legalisierungsgutachten und juristischer Beratung; Baumaterialien zu verkaufen; Bauarbeiter und Mathematiker suchen nach Arbeit.“ Die Kommunikation die in Wien über das Online-Portal „will haben“ läuft, findet hier im öffentlichen Raum statt.

Das Gebäude zu unserer Linken sticht aus der monotonen Masse der Vorstadttypologien heraus, eine eingeschossige Zeile bettet sich in die Topographie, geschwungene Wände führen durch die entstehenden Gassen und leiten den Besucher zu den weiteren, innenliegenden Geschäften. Unweigerlich kommen Assoziationen zu Basararchitekturen der osmanischen Zeit auf, Nachfragen zu den Hintergründen dieses Bauwerks bleiben aufgrund der Sprachbarriere leider unbeantwortet.

Wie auch unsere Kommilitonen, die spezifisch öffentliche Räume in Kaluđerica untersuchten, gelangen wir zu dem vorläufigen Fazit, dass diesen Räumen ein anderer Stellenwert zuteil kommt, als wir vermuteten. Eigenwillige Organisationsformen vom Privatem, Öffentlichem und Gemeinschaftlichem in den Wohngebieten aus der Vergangenheit, treffen auf die Infrastrukturmaßnahmen der Stadt im Rahmen des andauernden Legalisierungesprozesses. Der öffentliche Raum wurde während unseres Besuches nicht übermäßig genutzt, lässt aber aufgrund der Ausgestaltung viele potentielle Nutzungen zu. Über den Grund der Abwesenheit der NutzerInnen können wir nur spekulieren, die andauernden Ferien, die Mittagshitze oder unser Besuch an einem Werktag könnten hier Faktoren darstellen.

Bela Stena – Insellösung der Informalität?

Flaschen.Post #3gebaute Individualität – Flaschen.Post #3

Wir sind den Hinweisen mehrerer NavigatorInnen gefolgt, lassen für einen Tag unser Schiff am Ufer stehen und steigen in ein Boot. Die bewohnten Donauinseln sind sowohl in der Lektüre als auch in unseren persönlichen Gesprächen mehrmals als besonders gelungener Kompromiss aus Informellem und den Belangen der öffentlichen Hand genannt worden. Die ersten illegal entstandene Strukturen entstanden auf Bela Stena (weißer Stein) bereits in den 1960er Jahren .Die Insel liegt gut 10 Kilometer flussaufwärts und damit längst nicht mehr im urbanen Raum Belgrads. Doch auf ihr etablierten sich spannende Prinzipien der gemeinschaftlichen Organisation und wir hoffen über diese und weitere Arten der Informalität bei einem Besuch mehr zu erfahren.

IMG_0622 IMG_0610 IMG_0599Varianten gebauter Individualität

Wir lassen Boy hinter uns, steigen in ein kleines Schifferboot. In der Ferne gewinnen lose gesetzte Solitäre an Schärfe. Kies knirscht unter dem anlaufenden Bug und mit einem beherzten Sprung verabschieden wir uns von dem schweigsamen Fährmann. Fischerboote reihen sich an einem improvisierten Steg, daneben ein belebtes Lokal mit Terrasse. Wir begeben uns auf ausgetretene Pfade, nach Belieben und in den seltensten Fällen trennen hier Zäune die Grundstücke voneinander. An einem Uferweg entlang reihen sich viele der individuell gestalteten, insgesamt doch eher kleinen Häuschen mit datschencharakter. Auf uns wirkt es, als hätten hier viele Anwohner mit starkem Gestaltungswillen zusammengefunden. Man spürt die geografisch gegebene Sicherheit der Insel, die sonstig beobachteten Mauern, die den privaten Raum von dem öffentlichen Raum trennen scheinen hier obsolet.

IMG_0568Haus der Dame- in den 60er Jahren errichtet, sie selbst will nicht abgelichtet werden

Wir sprechen zwei Damen an, die in einem Vorgarten sitzen, herzlich empfängt man uns zu Saft und Gespräch. Sie sprechen gebrochenes englisch, Vladimir ist zum Glück bei uns und übersetzt. Eine der Dame berichtet uns stolz, das Haus von Ihrem Vater geerbt zu haben, der es 1964 erbaut hat. Ihre Freundin besitzt ein Haus nur wenige Meter weiter. Sie klären uns auf, dass die Bauten nicht mehr informell sind, sondern eine Art jährlicher Grundstückspacht an eine forstwirtschaftliche Firma aus staatlicher Hand gezahlt wird. Die Inselbewohner kompensieren den potentiellen Verlust dieser Produktion, der durch ihre Bebauung anfällt. Je nach Größe der Bebauung variiert der Preis, tiefergehende Regulierungen gibt es nicht. Da es einige verlassene Häuser gibt und die Insel Großteils bewaldet ist, sind Neubauten nur innerhalb der Siedlungsgrenze zulässig. Außerdem berichten die Frauen von einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis auf der gesamten Insel, der öffentliche Strand sei zum Beispiel ein Treffpunkt. Auf dem Weg dort hin wird uns klar, dass alle Wege ausschließlich für Fußgänger ausgelegt sind. Nicht ein einziges Auto ist auf der doch nicht kleinen Insel zu sehen, was eine gewisse Idillye verspüren lässt.

IMG_0642Inseltreffpunkt

Die Wege unterscheiden sich jedoch in Breite und Belag und trotz kaum vohandener baulicher Grundstücksgrenzen lassen sich die Eigentumsverhältnisse vielerorts ablesen. Gesezte Rabatten, verschiedene Rasenhöhen und Steinplatten zeugen von einer subtilen Abgrenzung der BewohnerInnen. An einem Hauptweg in zweiter Reihe des Ufers, liegen Hütten und Häuser mit verschiedener Gastronomie. Vor allem an Wochenenden in Sommertagen ist dieser Ort ein beliebtes Ziel von Inselgästen und BewohnerInnen. Fünfzig Meter weiter beginnt der öffentliche Strand, wir setzten uns kurz.  Wir beobachten eine alte Dame ihren Hausmüll in einer der vielen Mülltonnen direkt am Wasser werfen.

Uns zeigt die Siedlung auf Bela Stena eine neue Form gemeinschaftlichen Lebens, die Außenstehenden exklusiv erscheinen mag, aber für jedermann mit dem Boot jede halbe Stunde für weniger als einen Euro zu erreichen ist. Als eine Qualität haben wir die individuelle Freiheit in Verbindung mit gemeinschaftlicher Zusammengehörigkeit gelesen. Doch auch hier entzieht sich vermutlich ein komplexes Netz aus Beziehungen, Geschichten und Regeln unserer kurzen Beobachtung.

Im Kontrast dazu steht die am Vormittag besuchte Wild City Siedlung Kalujerica, die ehemals größte informelle Siedlung Europas. Morgen werden wir diese mit der zur gleichen Zeit entstandenen, dennoch in gänzlich anderem Charakter auftretenden Siedlung Padina, vergleichen.

Wilde Wände – eine kleine Kursänderung nach Novi Pazar

bottle.post#2Kunst im öffentlichen Raum – Flaschen.Post #2

Der Polizist hat sich ehrerbietungswürdig vor dem Fahrerfenster aufgebaut und deutet Anselm mit reichlich Gestus an, den Gurt anzulegen. Mit zehntausend Dinar wird in Serbein ein solches Vergehen geahndet. Glücklicherweise redet Vladimir dem Mann nach und nach gut zu, Ministry of Culture und  Expedition sind wohl die Worte, die Ihn dazu bewegen, uns mit einer Handbewegung irgendwo zwischen abfällig und billigend, in die Freiheit zu entlassen. Wenigstens in Serbien werden wir uns von jetzt an anschnallen. Wir fahren nach Novi Pazar, eine Stadt an der Grenze zum Kosovo, die vor allem durch ihre hochwertige Jeansindustrie bekannt ist. Ende des 20. Jahrhunderts wurden hier Fälschungen einer italienischen Jeansmarke angefertigt, bis die Firma darauf aufmerksam wurde, die Qualität der Jeansproduktion als sehr gut einstufte und prompt das eigene Siegel erließ. Die Stadt nennen sie insgeheim Mailand des Ostens.  Ein großes Sehen und Gesehen werden in den Straßen, ein beliebter Ort für große Hochzeiten und mit der wahrscheinlich höchsten Daimlerdichte Osteuropas.

Wir trafen Johannes und Vladimir bei einer Vernissage in der Galerija Ostavinska in Savamala. Johannes Mundinger ist Künstler aus Berlin, der mit seiner brandwandschmückenden Kunst den öffentlichen Raum in vielen Städten der Welt bereits einen neuen Charme verliehen hat. Vladimir Palinrk ist Organisator und Kurator des Kunstprojektes Street Art Residencies, in dem verschiedenen Künstler den Öffentlichen Raum Novi Pazars gestalten, gefördert durch das Kultusministerium Serbien und dem Institut Francais.

IMG_0405Bild: Johannes Mundiger mit Blick auf sein Werk

Tag zwei an dem wir helfen die Wand des Jugendkulturzentrums zu bemalen. Unser Schiff steht in erster Reihe, bietet Unterschlupf bei Regen und  in der Kombüse wird groß für alle gekocht. Die Leute bleiben interessiert stehen, deutlich mehr Gespräche werden in Deutsch als in Englisch geführt. „Die Hälfte der Personen hier leben in Deutschland, nur im Sommer kommen sie nach Hause.“  „Ich bin Bosniake, geboren und aufgewachsen in Offenbach, doch hier ist meine Heimat“ erzählt Edis, Bauingenieursstudent der für eine Hochzeit hergekommen ist.

Vlad ist ein wahres Organisationstalent, sobald etwas benötigt wird, führt er ein paar Telefonate mit seinem Uralthandy und kurze Zeit später treffen Arbeiter zum Gerüstbau ein, oder kommt des nächtens ein Mann mit Flutlicht, um uns das Weitermalen bis in die späte Stunde zu ermöglichen. Ein befreundeter Architekt klärt uns über die historischen Bauweisen Novi Pazars auf.

IMG_0385 entzerrtBrutalistische Zeile im Zentrum mit informellen Anbauten

Das Thema der Informalität kommt auf, bei einem Spaziergang stoßen uns nachträglich errichtete Anbauten in vielen Variationen ins Auge. Im Zentrum fasst eine aus Waschbeton erbaute Wohnzeile den öffentlichen Raum. Gleich daneben in der Fußgängerzone zeigen Bildtafeln Portraits der besten Schulabgänger. Man klärt uns auf, dass es sich dabei um eine Jahrhundert alte Tradition handelt, die heute unter Jugendlichen verrufen ist.

IMG_0374Portraits der besten Schulabgänger in der Fußgängerzone

In der Stadt treffen wir vielerorts auf strukturelle Hinterlassenschaften des Osmanischen Reichs, kleinteillige Einzelhandelsgeschäfte und Moscheen in engen Seitengassen werden von repräsentativen Hauptachsen und großzügigen, brutalistischen Wohngebilden der 1960er Jahre kontrastiert. Das Leben findet draußen und auf den informellen Märkten am Rande des Zentrums statt. Überall sind gut besuchte kleine Geschäfte und Cafés.

IMG_0372Zwei Herren auf der Bank trotz Nieselregen im Hintergrund historische Bauten

Am Abend ankert unser Schiff in einer Nebenstraße, unter den wachenden Augen von Vlads Tante.

IMG_0357eine informell errichtete Garage, abgeschleppt werden Falschparker hier anscheinend trotzdem

Ein Tag in Ledine

Flaschenpost #1Informeller Wasserpark Hollywood – Flaschen.Post #1

Mit im Boot sitzt Predrag Milic, unsere Expedition führt uns in seine Heimat, nach Ledine in Neu-Belgrad. Ledine, das man frei mit Ödland übersetzen kann, war ein bis 1961 wenig beachtetes Gebiet am Rande der Stadt. Damals war es noch als temporäre Unterkunft für die weniger prominenten Mitglieder der Blockfreien Staaten konzipiert.

Viele Familien aus dem sozialistischen Neu-Belgrad zogen unter verschiedenen Umständen in das Gebiet. Die Infrastruktur wurde vom Staat bereitgestellt, es gab Schulen, Kindergärten, Geschäfte und Märkte, eine Poststelle und Nachbarschaftszentren. Mit der nachkommenden Generation änderten sich die Familienstukturen, die vorhandene Lebensraum genügte nicht mehr. Dies hatte ein wildes Wachstum zur Folge, Gebäude wurden erweitert, in einer gemeinschaftlichen Anstrengung bauten sich die Bewohner Zugang zu Wasser und Kanalisation, sowie Telefonleitungen und Straßen. Durch die Jugoslawischen Unabhängigkeitskriege der 90er Jahre flüchteten viele Schutzsuchende nach Belgrad und begannen dann ihrerseits für sich und Ihre Nachkommen Häuser in den Randlagen der Stadt zu errichten, so auch in Ledine.

Der Geruch der Kaffeefabrik weht durch das geöffnete Busfenster. Menschen überqueren die stark befahren Hauptstraße Ledines, rechts und links reihen sich Geschäfte und Wohnhäuser. Predrag teilt uns mit, dass der Geschosswohnungsbau rechts innerhalb der lezten zwei Monate entstand. Das Gebäude in gleicher Form nebenan steht seit geraumer Zeit leer, anscheinend verkalkulierten sich die Verantwortlichen.  Das wilde Bauen, das durch den Legalisierungsdruck der öffentlichen Hand als bewältigtes Problem der Vergangenheit kommuniziert wird, ist in Ledine allgegenwärtig. Partielle Legalisierung gibt es auch, aber das Gebiet steht insgesamt nicht im Fokus jener Planungsinstitution oder der Stadtentwicklungsbehörde.

IMG_0161 beschnittenBauboom am Wasserpark

Überall wird gebaut und zwar fern ab jeder Genehmigung. Dabei Handelt es sich um weitaus mehr als nur Wohnbauten, angrenzend an die Wohnsiedlung beplant ein Investor ein riesiges Areal. Der Wasserpark “Hollywood” mit Hotelanlage entsteht in erster Reihe des Siedlungsgebietes. Die Brache auf der wir stehen wird im nächsten Bauabschnitt voraussichtlich Teil des Parks, natürlich Informell. Zwei Jungs aus der Nachbarschaft kommen uns auf Fahrrädern entgegen, sie sammeln Geld um den Eintritt zu zahlen, 600 Dinar (5€) kostet die Eintrittskarte. Gegenüber ist eine neue Straße entstanden, wir treffen Bauarbeiter an die pompöse Häuser hochziehen. Oder auch Familien die gemeinsam auf ihrem Baugrund Fundamente ausheben.

IMG_0175Der öffentliche Raum als Basketballfeld

Ein Vater mit seinen drei Söhnen baut am Garagendach, vor dem Zaun auf der Straße hat jemand einen Basketballkorb montiert, auch ein Volleyballfeld blitzt zwischen den Häuserfassaden durch. Wie man oft beobachten kann, geben Privatpersonen Teile ihres informell bebauten Grundstückes für öffentliche Nutzungen frei. Es gibt klare, ungeschriebene Regeln, welche ethnische Gruppe diesen Raum benutzen darf. Laut Predrag ist wiedererstarkender Rassismus eines der größten gesellschaftlichen Probleme in Ledines Nachbarschaft. Dass von staatlicher Seite öffentliche Räume zur Verfügung gestellt werden ist nicht der Fall. Neben den Straßen ist die Schule der Treffpunkt in Ledine, an dem Jung und Alt jeder Herkunft zusammenkommen, wie uns Bewohner mitteilen. Predrag selbst ist Teil des SKOGRAD Teams, das die Schüler schon früh in Partizipationsprozesse zur Umgestaltung des Schulumfeldes einbindet und durch diese moderierte Selbstermächtigung dabei hilft, Ressentiments frühzeitig abzubauen.

IMG_0101Ein segregierender informeller Spielplatz

„Der öffentliche Raum ist der private Raum.“ Predrag

Am Rande der Straße fällt uns ein umzäunter Spielplatz ins Auge. Diese Situation beobachten wir des Öfteren in Ledine. Auch, wenn es für uns als Betrachter von außen so friedlich und nachbarschaftlich erscheint, gibt es klare ethnische und soziale Differenzen, die sich auch räumlich ablesen lassen. In der Nachbarschaft existieren kleinere Gruppen, die sich durchaus voneinander abgrenzen. In einer wohlhabenderen Gegend könnte man sich typologisch in einer beliebigen Einfamilienhaussiedlung in Westeuropa vermuten. Keine 100 Meter weiter grenzt eine Romasiedlung an das Gebiet. Wir lassen dort unseren Bus stehen und gehen zu Fuß. Predrag wird von einem der Schulkinder erkannt, wir kommen ins Gespräch. Sie sind Interessiert, einige sprechen gebrochenes Deutsch. Um die fünfzehn Leute aus der Romasiedlung stehen nach und nach um uns herum und erklären uns ihre Situation. Sie wollen einen Spielplatz für Ihre Kinder bauen, aber ihnen fehlen die Mittel. Paradoxerweise, befindet sich gegenüber der Straßenseite ein uneinsehbares Grundstück. In dem Türmchen im turbourbanistischem Stil hängen demonstrativ eine serbische und eine schweizer Flagge. Die hohen Mauern sind spitzen abgebrochenen Glasscheiben gespickt und lassen uns die nachbarschaftliche Differenzen für einen kurzen Moment spüren. Hier wohnt und produziert der größte Flaggenhersteller Serbiens, natürlich informell, erfahren wir.

IMG_0103Gedenkort im Sommer, Rodelbahn im Winter

Auf der gegenüberliegenden Sraßenseite liegt ein historischer Ort, ein Graben an dem ein Denkmal in die Topographie des Hügels eingelassen ist. Es erinnert an das Massengrab von 350 Personen die im 2. Weltkrieg aufgrund ethnischer Differenzen exekutiert wurden. Heute ist dieser Platz einer der einzigen großen öffentliche Räume in der Nachbarschaft. Im Winter umgewandelt zu Rodelbahn ist es ein beliebter Treffpunkt für Kinder. Prederag dazu: „That´s the only thing that can cure this place”.

IMG_0122Blick von Ledine über Neu-Belgrad

Wir gehen weiter auf der informellen Straße. Diese kollektiv befestigten Staßen, gebaut von der Nachbarschaft findet man am häufigsten im Gebiet. Mal taucht die ein oder andere, mit staatlichen Mitteln entstandene Straße auf, man erkennt sie an dem einseitigen Gehweg. Angekommen am Ende des Gebiets breitet sich Neu-Belgrads Panorama vor uns aus. Im unteren Teil Ledines sind großflächige Lagerhäuser zu sehen. Ein Einwohner begann mit dem Verkauf von Werkzeug, er hat dort seinen Bauhandel und verkauft mittlerweile alles was benötigt wird um ein Haus zu bauen. Natürlich bezahlt er keine Steuern, so profitiert er, aber auch die Nachbarschaft, denn den so erworbenen Preisvorteil gibt er anscheinend an seine Kunden weiter.

IMG_0118Investorengeprägte Informelle Bautätigkeit

Neben uns, am Abhang mit bestem Ausblick gelegen, steht ein von Investoren entwickelter Geschosswohnungsbau, frisch verputzt und mit eigenen Parkplätzen. Genau hier entstehen die augenmerklichen Schwierigkeiten der informellen Bautätigkeit. Unbekannte Investoren erbauen Geschosswohnungsbauten in Massen und verkaufen die entstehende Eigentumswohnungen fernab von nachbarschaftlichen Verhältnissen. Das Bauland wird knapp und die Nachbarschaft wird segregiert. Immerhin ist mit diesem Gebäude auch die Straße vom Investor befestigt worden.

IMG_0135  Jungen aus der Nachbarschaft

Zurück an unserem Schiff kommt eine Gruppe neugieriger Jungs auf uns zu, einer spricht  deutsch und bietet uns seine Hilfe an. Wir unterhalten uns kurz am Ende entsteht das Foto, wir versprechen Ihnen  einen Abzug des Bildes zukommen zu lassen. Unser Schiff bringt uns nicht nur an die Abseits gelegenen Orte Belgrads, Kinder bleiben stehen und winken uns zu. In den kommenden Expeditionstagen werden wir es gezielt einbinden. Gerade, wenn wir ohne Gatekeeper forschen erleichtert dieses anscheinlich informelle Gefährt mit Sicherheit die Interaktion im öffentlichen Raum.

Letztendlich werden wir damit konfrontiert wie das System fernab von jeder Planung funktioniert und uns wird bewusst, dass die Vergleiche zu Wien nur schwer zu ziehen sind. Dennoch zeigt das Gebiet eine Lebendigkeit auf durch nachbarschaftliches Engagement von der bei uns, in jedem Partizipationsprozess zu träumen ist.

Am Ende geht es auf einen Raki zur Predrags Familie mitten in Ledine. Herzlich werden wir Wilkommen. Es gibt sicherlich noch einiges mehr zu erzählen, aber erstmal geht es weiter zu einem Treffen in die Street Gallery.

streetgalleryUlična galerija – Kunst im öffentlichen Raum

Wir bedanken uns herzlich bei Predrag für die Führung durch Ledine und freuen uns Ihn bald in Wien wieder anzutreffen, wo er mit seinem PHD an der SKuOR beginnt.

Anzukündigen ist eine kleine Kursänderung, wir brechen morgen früh gemeinsam mit KünsterInnen und Personen vom Kvaka22 (Catch22) in die Grenzstadt zum Kosovo Novi Pazar auf. Dort werden wir deren zweidimensionale Interaktionen im öffentlichen Raum begleiten.Eine Flaschen.Post wird bestimmt auch wieder hier angespült werden. Am Dienstag geht es dann regulär mit unserem zweiten Expeditionstag in Belgrad weiter.

Hisst die Segel!

DSC00133 Hausboote am Saaveufer

Der letzte Tag der Vorbereitungsphase führt uns auf eine Landzunge an die Save. Selbstgewerkelte Hausboote, eins größer und bunter als das Andere reihen sich dicht entlang der Uferpromenade. Auch hier liegen viele der schwimmenden Strukturen informell auf der Wasserstraße, so eine Architekturstudentin im Gespräch.

Nachdem wir aus den gestrigen Gesprächen viele Eindrücke über das vorherrschende System der Inormalität Belgrads lernen konnten und realisiert haben, dass es unzählige Spielarten und Erscheinungsformen der Informalitäten gibt, sind wir nun gespannt auf die anstehenden Expeditionen. Wir werden den öffentlichen Raum untersuchen und uns unter anderem fragen, inwieweit informelle Bauten auf den öffentlichen Raum wirken? Und welche Aufgabe die öffentliche Hand im Kontext des seit 2013 angehenden Legalisierungsprozesses hat?

Neben den diskutierten Wild City Orten die mittlerweile feststehen haben wir Erfahrenes heute aufgearbeitet um es später mit in die Expedition einzubeziehen. Ein erster grober Gesprächsleitfaden für die kommenden Tage ist entstanden, wobei hier situativ auf Orte und Nutzer eigegangen wird. Morgen steuern wir die ersten Wild-City Orte an, es geht auf die östliche Seite der Save nach Neu Belgrad. Den Platz des Navigators wird Pedrag Milici einnehmen, er selbst forscht und arbeitet im Rahmen des Shared City Projekts zur Aufwertung des öffentlichen Raumes in der Nachbarschaft Ledines.

Unsichtbare Informalität

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Gespräche im und über den öffentlichen Raum, Ostavinska Galerija

Ein Tag voller Gespräche, ein Tag voller Erkenntnisse. Bis in die späte Stunde führen wir aufschlussreiche Akteursgespräche. In einer langen Unterhaltung mit Iva Čukić, der Günderin des Ministry of Space Kollektives und Ljuba Slavkovic Architektin und Kopf hinter dem Instagram Kanal We build it up a little bit – Malo smo nadogradili. Ein Blick in die Bildersammlung verschafft einen Eindruck über die Vielfältigkeit informeller Bauweisen. Hierbei handelt es sich jedoch um eine rein formale Kuriositätensammlung besonders spektakulärer Fälle, der informelle Part vieler anderer Bauwerke erschließt sich uns erst in weiteren Gesprächen über die jeweiligen Entstehungsgeschichten. Wir erfahren über Gebäude der Nachbarschaft, deren Bauantrag weit weniger Geschosse aufweist, als letztlich ausgeführt wurden. Baufluchten wurden um Meter in den öffentlichen Raum versetzt aufgenommen und Luftbildaufnahmen zum Zwecke einer nachträglichen Legalisierung manipuliert. Die Informalität in Belgrad ist noch komplexer als gedacht, es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich nicht zwangsläufig in der gebauten Umwelt abzeichnet. Am Abend steht unsere letzte Verabredung mit den Organisatoren der Ostavinska Gallerie an. Dort stellen wir Anfang August für zwei Tage Ergebnisse und Dokumentationen der Expedition aus.

Es ist unerwartet spät geworden, morgen dazu mehr.

Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Die Auswahl unserer Untersuchungsorte konkretisiert sich. In Gesprächen ergeben sich uns zwei Arten von Wild City Orten. Da wären die informellen Siedlungen, meist periphär gelegen, auf der anderen Seite informell angeeignete Räume im Urbanen. Jede der Arten eint die Herangehensweise der selbstermächtigten Raumaneignung. In Ausführung, Organisation, Nutzung und Anmutung bestehen jedoch anscheinend erhebliche Unterschiede. Wir sind gespannt auf den weiteren Verlauf der Expedition und die Beobachtungen in den Siedlungen. Der heutige Tag war hingegen organisatorisch geprägt. Voraussichtlich steigen hin und wieder Experten als richtungsweisende Navigatoren in unser Boot, um die weißen Flecken auf unserer Landkarte der Informalität zu füllen.

DSC00075Straßenansicht um Eagle Hills Zentrale, Savamala

In Savamala an der Save angekommen begegnen wir unzähligen Insignien der aus Abu Dhabi stammende Eagle Hills Investorengruppe. Diese zeichnet sich verantwortlich für das wohl umstrittenste und größte Bauprojekt seit Josip Tito. Belgrade Waterfront sieht vor, einen ganzen Stadtteil am Ufer der Save entstehen zu lassen, inklusive Shoppingmall, einem skylineprägendem Büroturm, Wohnungen, Cafés und langweiliger Exklusivität. Wir betreten die Zentrale der Eagle Hills, eine gründerzeitliche Stadtvilla mitten in Savamala gelegen. Für Interessierte präsentiert sich das Unternehmen in Hochglanzmanier mit überwältigend großen Touchscreens und interaktiven Animationen, das Dach der Shoppingmall hebt sich auf Knopfdruck der Assistentin vom Modell und erlaubt einen Blick in die fertig eingerichteten Verkaufsflächen.Wieder im öffentlichen Raum fällt uns das Stadtmobiliar um das Gebäude auf: Granitpflaster, gestutzte Nadelbäume, einheitliche, reduzierte Sitzgelegenheiten.Es scheint sie noch zu geben, die selbstermächtigte Raumaneignung. Doch in diesem Fall geht diese klar von privaten Interessen und zu lasten der Allgemeinheit. Trotz vieler Proteste kam es nie zu einem Partizipationsprozess, im Gegenteil, es ist als Bauprojekt von “nationaler Bedeutung” von administrativer Seite kommuniziert, so Iva čukić im Gespräch. Neue dafür ausgelegte Gesetze ermöglichen das umstrittene Projekt. Regelmäßige Demonstrationen laufen unter dem Motto: “Ne Da(vi)mo Beograd!” – “Wir geben Belgrad nicht her! “.

DSC00088Straßenansicht, Parallelstraße Eagle Hills Zentrale, Savamala

Der Weg ist das Ziel

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Zwei Tage, zwei unbekannte Länder.

Wir sind aufgebrochen! Eingestiegen in unser Schiff, unser Lebensraum für die kommenden Wochen. Die Landschaft zieht vorbei, in einem kroatischen Dorf stehen Menschen vor ihren Häusern am Straßenrand, es ist Montagmorgen sieben Uhr. Der Straßenzug der gestern wie ausgestorben wirkte ist voll mit BewohnerInnen die auf eine Lieferung Ihres Bauers warten. Die Temporalität jener Situation, die den Raum um die breite Durchgangsstraße in einen Marktplatz wandelt fasziniert. Auch in unserer Expedition steuern wir mit verschiedenen Geschwindigkeiten Orte an, um temporär den Raum anzunehmen, in dem wir ankern und forschen.

In Belgrad beginnt mit dem Überqueren der Stadtgrenze die Vorbereitungsphase der Expedition. Kommunistischer Brutalismus, das zerbombte Militärministerium, quirlige Straßenszenen, fluchende Taxifahrer und Geschwindigkeit. Diese Stadt strahlt in jedem Augenblick eine unbändige Lebendigkeit aus. Wir lassen uns bei einem Spaziergang treiben, eine Eisverkäuferin kühlt ihre Waren mit dem Strom einer Straßenlaterne. In der Erdgeschossvorzone eines Supermarktes legt ein alter Herr gebrauchte Taschenbücher zum Verkauf aus. Wir fragen uns, wo die Informalität im öffentlichen Raum beginnt. Informelle Bauten lassen sich schwer von den formellen Pendants im innerstädtischen Kontext unterscheiden. Parasitäre Aufstockungen, die so genannten Pilzhäuser, sind jedoch schnell identifiziert. Eine Tragwerkskunst die fernab unseres baurechtlichen Verständnisses liegt und dennoch seit Jahrzehnten besteht. Wir stellen die Vermutung auf, dass sich das kreative Beugen von Regeln in Belgrad allgegenwärtig manifestiert. Wir werden auch der Frage nachgehen, inwieweit die Stabilität des Informellen Vorteile für Akteure und den öffentlichen Raum verschaffen kann.

In der anstehenden Expedition steuern wir verschiedene, durch Informalität geprägte Orte an. In einer bereits in Wien durchgeführten Expertenumfrage erhielten wir eine Auflistung möglicher zu untersuchender öffentlicher Räume. In den kommenden drei Tagen werden wir Akteure Treffen, in Gesprächen vor Ort deren Sicht auf Chancen und Risiken der jeweiligen Gebiete gewinnen.

Relikte der Wild City

Anfang der 90er kam es zum Höhepunkt der informellen Bautätigkeit in Belgrad, Planer gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung in illegalen Wohnungen lebte, solche vermietete oder an deren Bau mitverdiente. In kaum einer anderen europäischen Stadt manifestierte sich so schnell und derart radikal urbane Stabilität, bei der jenseits von öffentlicher Planung so viele Akteure an der Etablierung des Informellen beteiligt waren. Diese unkontrollierten Prozesse der urbanen Transformation brachten neue Formen der Raumproduktion hervor. Durch die Selbstorganisation kam es im gesamten Stadtgebiet in vielfältiger Ausprägung zur meist öffentlichen Raumaneignung. Informalität in Belgrad ist kein Phänomen der sozialen Ausgrenzung, sondern vielmehr eine besondere Art von “European middle class informality”, so Milica Topalovic.

Die Wild City ist, was das urbane Paradigma des heutigen Belgrads genannt werden kann: Wachstum ohne Kontrolle oder Einschränkung, ungebändigt, regellos und wild.”        STEALTH Unltd.

Im Juli wird unser Expeditionsteam nach Belgrad aufbrechen um Entwicklungsdynamiken des öffentlichen Raumes in informellen Strukturen zu untersuchen. Hierbei bedienen wir uns einer Methodik hoher Flexibilität; sodass es uns möglich ist, auf unerwartete Ereignisse spontan zu reagieren. In diesen zwei Wochen werden wir zu AkteurInnen im öffentlichen Raum. Unser Bus, der für die Forschungsreise die Gestalt eines Schiffes annimmt, ermöglicht uns bereits vorab kuratierte Orte situativ zu erkunden und mit NutzerInnen in Kontakt zu treten. Durch die Interaktion erhoffen wir uns, den öffentlichen Raum zu erleben und das Spezifische an dem jeweiligen Raum zu dokumentieren.

Aktuell laufen die Vorbereitungen für die Expedition auf Hochtouren, wir stehen in Kontakt mit Experten der informellen Stadtentwicklung und haben bereits vielversprechende Empfehlungen für Wild City Orte erhalten. Demnächst wird der Bus umgestaltet, wir halten euch auf dem Laufenden.

Shanine, Anselm, BOY 147