What the f*ck happend here?

Wie ihr im letzten Blogpost erfahren habt, ist die City Wall mit ihren vielen Facetten sehr prägend für die nordmazedonische Hauptstadt. Beim schlendern durch oder um das Zentrum ist die Großwohnsiedlung nicht zu übersehen. Von fast überall erhascht man einen Blick auf das metabolistische Werk.

Neben den weit gestreuten Symboliken für diesen dominanten Häuserkomplex war es uns wichtig, die verschiedenen Meinungen von Bevölkerung, Expert:innen aber auch jene, welche in der Presse vermittelt werden, zu erfassen. Wie wird die City Wall tatsächlich wahrgenommen und wie wirkt sich das auf den Umgang mit der City Wall aus? Wie ihr es von uns schon gewohnt seid, werden wir diese Thematik auch dieses Mal wieder auf verschiedenen Ebenen betrachten, um gemeinsam mit euch bei unserer Suche voran zu kommen und uns so der lokalen Identität der Siedlung anzunähern.

Skopje 2014 – Eine neue Ära?
Während wir die Weiten des Internets durchforstet haben und den Begriff der City Wall durch die Google Suchmaschine geschickt haben ist uns schnell aufgefallen, dass Kenzo Tanges Bauwerke durchaus polarisieren und Staub aufwirbeln. Gleiches gilt jedoch auch für andere Projekte in Skopje, über welche wir insbesondere bei der Literaturrecherche zu Kenzo Tanges City Wall gestolpert sind. Ein waghalsiges Projekt, das erst vor wenigen Jahren realisiert wurde, sticht hierbei besonders stark heraus: Skopje 2014. Was wir herausfinden konnten: Es handelt sich um ein kostspieliges Prestigeprojekt der mazedonischen Regierung. Es wird seitens der Fachwelt scharf kritisiert. So behauptete der serbische Architekt Srdjan Jovanovic Weiss prompt “…es wird versucht, alles zu verbergen, was Tange getan hat”. Nach genauerer Betrachtung ist uns dies ebenfalls aufgefallen.

Mit nahezu peinlichen Bemühen wurden neoklassizistische Kitschfassaden und protzige Statuen errichtet – Skopje als Stadt des Brutalismus schien nicht mehr erwünscht. Dies äußert sich auch dementsprechend – wie dem Zukurzkommen der Pflege dieses architektonischen Erbes, wie uns auch Bewohner:innen und Expert:innen berichtet haben. Handelt es sich bei der City Wall nun um das geschmähten Relikt eines vergangenen Architekturphänomens? Viel wichtiger die Frage – Was ist denn nun das “wahre Skopje” in dieser Stadt voller Unterschiede und kultureller Vielfalt?

vergleich-cw-2014-blog

Würdet ihr denken, dass man von der linken Abbildung mit nur ein paar wenigen Schritten in das Disneyland der Antike (so frech betitelt die Presse das Projekt) kommt? Wir zunächst nicht, der Vergleich macht uns nun jedoch sicher: Die einseitige Schwerpunktsetzung der politischen Verantwortlichen sorgte für einen fragwürdigen Rekord – Nirgends in Europa finden sich auf so engem Raum dermaßen viele Statuen und Skulpturen.
Bei den Werken der 1960er Jahre geht es um die Frage, wie sich deren Vernachlässigung räumlich niederschlägt. Statuen suchen wir hier vergebens, vielmehr geht es darum, die Zeugnisse der damaligen Stadtgeschichte langsam verschwinden zu lassen. Wo sich keine neue Fassade draufklatschen lässt, wird dann eben eine Werbetafel davor gestellt – so schien das Motto gewesen zu sein. Und wenn nicht aktiv etwas unternommen wird, dann wird wenigstens das Gegenteil davon gemacht, nämlich gar nichts.

Nun, was ist daran schlimm, wenn nichts getan wird? Wenn sich niemand kümmert, wird es auch nicht besser – in diesem Fall der bauliche Zustand der Gebäude. Fehlende Investitionen und Renovierungen machen sich schließlich räumlich bemerkbar.

Ist das Stadt – oder kann das weg?
Nachdem wir die relativ eindeutige politische Sichtweise kennengelernt haben, ging es uns im Weiteren darum, Aussagen in Medien, von Expert:innen und die Meinungen der Anrainer:innen zu sammeln und diese unter die Lupe zu nehmen. Diese Vorgehensweise könnte euch vom vorangegangenen Kapitel der Symbolik vielleicht bekannt vorkommen und wird euch noch öfter begegnen.

In der Literaturrecherche tauchten vor allem drei Aussagen wiederholt an die Oberfläche. Neben der bereits beschriebenen Verdrängung war es immer wieder auch der bauliche Zustand, der laut Fachartikeln und Büchern zu wünschen übrig lässt. Woran das unter anderem liegt, haben wir ja bereits geklärt. Immer wieder wurden auch kritische Meinungen der Bevölkerung in der Literatur erwähnt. Dabei war vom fehlenden städtischen Bezug die Rede. Eine City Wall ist eben durchaus massiv und sehr raumprägend – irgendwie logisch, dass die Meinungen dabei auseinander gehen.

Als engagierte Forscher:innen verlassen wir uns natürlich nicht nur auf Literatur alleine, sondern wollten selbst in unmittelbaren Kontakt mit Skopjes Einwohner:innen kommen und sie nach ihrer Meinung fragen – wenn auch nur digital, aber darin sind wir mittlerweile schon Profis.

 

Die Bauten des Wiederaufbaus werden von den Bewohnern Skopjes oft als Fremdkörper empfunden.

Maren Harnack, Wahrzeichen im Untergang – Skopje zwischen Trauma und Identitätssuche, 2010

 

I don’t know if it’s the local people, I really don’t know what’s the problem there but some of the places are in really good condition but some of them are just like: What the f*ck happened here?

Aleksandra Milosheska, Architektin aus Skopje

 

I strongly wish this initiative would help for stronger maintenance for cultural architecture like the City Wall cause no one is seriously taking care of these buildings and their surroundings.

Bewohner:in aus Skopje

Diese Zitate sind lediglich ein kleiner Auszug aus den analysierten Inhalten. Wir mussten feststellen, dass die Tendenz eher negativ ist, jedoch gibt es durchaus auch positive Meinungsbilder. Über eine Sache grübeln wir besonders: Wer ist schlussendlich wirklich für den Zustand eines Gebäudes verantwortlich? Ist es zu eindimensional, indem man sagt, die bösen Politiker seien schuld? Wie lässt sich erklären, dass innerhalb der City Wall scheinbar recht große Unterschiede bei der baulichen Qualität herrschen? Fragen über Fragen, wie zu erkennen ist.

Mit qualmenden Köpfen und vollem Arbeitsspeicher erlangten wird dann zwei wichtige Denkanstöße durch die Gespräche mit Expert:innen. Erstmal sei gesagt, dass die City Wall nicht gerade klein ist, um es untertrieben auszudrücken. Dementsprechend geht eine Renovierung nicht von heute auf morgen, schon gar nicht auf einmal. Die Verantwortlichen sind mit der grundlegenden Frage konfrontiert: Wo soll angefangen werden? Dann gibt es noch die Eigentümer:innen, die ebenfalls Verantwortung tragen. Man soll vor der eigenen Haustüre kehren, wie es so schön heißt.

Die Beantwortung dieser Frage ist komplexer wie es vielleicht scheinen mag, zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Diese gilt es zu diskutieren, ebenso die Frage wie die City Wall nun baulich tatsächlich aussieht. Ist sie nun ein Fremdkörper, quasi die Chinesische Mauer oder gibt es doch das ein oder andere Schlupfloch hindurch?

Ihr dürft gespannt sein!
Euer Skopje-City-Wall Team

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