Tag 6: Selbstorganisation und informelle Aneignung

Letzter Tag, letzter Eintrag. Was bleibt vom ungeliebten Monster, von der verlassenen Mauer, von der Zone Zero der römischen Stadtplanung, vom Megaprojekt ohne Plan, Steuerung und Instandhaltung? 

Der Corviale war ein Experiment, das von vielen als gescheitert betrachtet wird. Doch blickt man hinter die Fassade der Armut und Verwahrlosung, erkennt man ein anderes Corviale. Ein Corviale in dem BewohnerInnen kämpfen für Ihre Rechte, hinterfragen, selbständig tätig werden und den Raum über viele kleine und große Aktivitäten an ihre Bedürfnisse anpassen. Die unzähligen vielfältigen leerstehenden Räume schaffen Möglichkeitsräume für BewohnerInnen und Kunst- und Kulturschaffende. Räume und Flächen die sonst leer stehen würden oder ungenutzt wären sind heute, Werkstätten, Treffpunkte, Kinderspielräume, Lager, kulturelle Initiativen, Gärten, religiöse Räume, etc. Es sind so viele, dass niemand genau weiss was es bereits alles gibt an selbst-geschaffenen, kreativen und gemeinnützigen Strukturen, die sich in Corviale nicht nur über die horizontale sondern auch in die vertikale erstrecken.

Ein Spaziergang durch die öffentlich zugänglichen Räume in dem Gebäude zeigt die liebevolle und individuelle Gestaltung der Laubengänge, Nischen und Stiegenhäuser, der manchmal klar ersichtlich abgetrennt wird und manchmal ein fließender Übergang zwischen öffentlichen und privaten Raum darstellt. 

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Die Laubengänge wurden von den BewohnerInnen in kleine Gärten verwandelt. Durch die Offenheit des Gebäudes gelangen unzählige Vögel hinein, die in den vielen Nischen und Ecken Schutz und Platz zum Nisten finden.

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Neben den Laubengängen sind sind vor allem die Verbindungsgänge zwischen dem “Corvialino” und dem Corviale, die “Piazzetta”, die Erschließungstürme mit Liften und Treppenhäuser sowie die Freiräume an der Rückseite des Corviale wichtige Orte an denen sich das Zusammenleben räumlich manifestiert. 

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In den Räumlichkeiten der Verbindungsgängen zwischen Corvialino und Corviale haben sich unterschiedliche Initiativen und Organisationen und Vereine angesiedelt, z. B. eine “Bar”, eine psychologische Beratungsstelle “Acquario 85”, ein Seniorenzentrum, Werkstätten, eine “Mietervereinigung” (Comitato Inquilini Corviale) und Lagerräume.

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Die “Piazzetta” sollte das architektonische Herzstück der Anlage werden, ein Verbindungselement zwischen dem Lotto 6 und dem Lotto 4,3,2. Die Platz versucht über eine Stufenkonstruktion den Niveauunterschied zwischen dem Corviale und seiner angelagerten Vorplatz auszugleichen. Leider ist es ein Kessel geworden, in dem sich die Hitze staut. Es gab Versuche diesem Ort eine Art Nutzung, Bedeutung zuzuweisen, z.B. durch das Projekt Allbergho del Piante (Gemeinschaftsgarten) und Street Art Programmen. Er könnte, sowie unzählige Orte in dem Komplex, als Raum für Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt werden. Jedoch verhindern rechtliche Streitigkeiten zwischen der Region Lazio und Ater die Nutzung als Veranstaltungsort und somit auch potentielle Kooperation zwischen den Vereinen, Initiativen und BewohnerInnen und der Gründung eines kulturellen Zentrums. 

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Die Räume in den Arkaden wurden von Kunst- und Kulturschaffende (z.B. La stampa), aber auch Kleinkriminellen (z.B. Piacca) besetzte. Diese werden zwar von Ater geduldet und auch in Beteiligungsprozessen eingesetzt um Kontakte zu den BewohnerInnen herzustellen, bekommen aber keinen geregelten Mietstatus, da niemand die Versicherung und Instandhaltung finanzieren möchte.

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In den ungenutzten inneren und äußeren Leerständen und Freiflächen liegt eine enormes transformatives Potential. Dessen sind sich jedoch nur wenige bewusst und die Wenigen die sich in den letzten Jahren um Veränderung bemüht haben, denen wurde ihr Handeln nicht leicht gemacht. Wahrscheinlich könnte sich vieles in Corviale verändern, wenn die Menschen die schon seit Jahrzehnten hier arbeiten und leben gefördert und unterstützt werden und im derzeit laufenden Stadterneuerungsprozess als gleichwertige PartnerInnen behandelt werden würden.

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