Tag 5 – Vom free floor zum green floor?

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Eines der Herzstücke von Fiorentinos Entwurf war der 4. Stock des Gebäudes. Wir sind es von der historisch gewachsenen, europäischen Stadt gewohnt, dass sich der öffentliche Raum und somit auch das öffentliche Leben an den Füßen eines Gebäudes, also im Erdgeschoss befinden. Nicht jedoch in den Plänen von Fiorentino. Denn ähnlich wie in dem realisierte Großwohnbau von Corbusier, die Unite d’Habitation in Marseill, wurde auch im Corviale der öffentliche Raum in die Mitte des Gebäudes, nämlich in den 4. Stock gelegt. Dieser Stock, auch piano libero – übersetzt freies Stockwerk oder flee floor – genannt, sollte eine offene Flaniermeile werden. Ein Boulevard mit Geschäften, Restaurants, Handwerkern und öffentlichen Einrichtungen, wie Kindergärten, Schulen, Arztpraxen oder einem Fitnesscenter an dem sich BewohnerInnen des Corviales aufhalten und begegnen können.

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(Quelle: Dan McTavish: Don’t tear down the Corviale! )

Diese Verlagerung des öffentlichen Raumes in das Gebäude hinein hat jedoch zur Folge, dass dieser nicht mehr für die gesamte Öffentlichkeit zugänglich ist, sondern expliziert den BewohnerInnen des Gebäudes zugeschrieben wird. Dies verdeutlicht die Geschlossenheit des Gebäudes. Der Corviale ist so konzipiert, dass er sich lediglich auf sich selbst konzentriert, auf das eigene Kollektiv, jedoch an keinem Austausch mit seiner Umgebung interessiert ist. 

 

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Die Pläne für den vierten Stock wurden jedoch so nie umgesetzt. Denn noch vor der Fertigstellung des Gebäudes, wurde der 4. Stock illegal besetzt. “Der piano libre ist heute in Wirklichkeit ein piano occupato.“ behauptet der österreichische Fotograf Otto Hainzl, der für sein Projekt 2013 für drei Monate selbst im Corviale gewohnt hat. Dort wo also einst der öffentliche Raum hätte sein sollen, bauten sich die BewohnerInnen schon bald ihr eigenen privaten Wohnungen ein. Neue Mauern hochgezogen aufgezogen, Fenster und Türen eingesetzt, Strom- und Gasleitungen angezapft. Private Schlösser versperren ganze Gebäudeteile. Miete wird hier nicht gezahlt.

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Die Ära der illegalen Besetzung scheint jedoch dem Ende zuzugehen. Denn mit dem Projekt “Renovating Corviale – the green kilometer” vom italienischen Architekturbüro tstudio soll der 4. Stock legalisiert werden. Im Zuge des Legalisierungsprozesses gab es einen Aufruf: Familien, welche die Kriterien für eine Sozialwohnung erfüllen, konnten sich melden. Viele der BewohnerInnen haben dieses Angebot jedoch nicht wahrgenommen. Nachdem sich das Stadtlabor Corviale jedoch eingeschaltet hatte, konnte einigen der Betroffenen die Angst genommen werden und so gab es doch einige TeilnehmerInnen. Nun sollen Schritt für Schritt neue Wohnungen gebaut und bestehende renoviert werden und Menschen nach und nach von den illegalen in die legalisierten Wohnungen umgesiedelt werden.

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(Quelle: tstudio architects)

Das Projekt verspricht auch Nachhaltigkeit auf unterschiedlichen Ebenen. Von einer Öko Schule ist die Rede. Auch der Projektname “The green kilometer” lässt auf vermuten, jedoch scheint namit nur der großzügige Einsatz der Farbe grün gemeint zu sein. Denn eine der bedeutendsten Neuerungen sei das Anstreichen von Wänden, Böden und Decken mit der Farbe grün um damit ein charakterisierendes Merkmal für Gemeinschaftsräume zu schaffen. Inwiefern jedoch das bloße Bemalen von Wänden die sozialen Probleme im Corviale lösen soll bleibt fragwürdig. Ein Blick in den 4. Stock lässt das Ganze noch paradoxer wirken: die Wand dort ist bereits jetzt schon grün. Auch die Nachhaltigkeit des Planungsprozesses lässt zu wünschen übrig, eine BürgerInnenbeteiligung gab es keine. Ob dieses Projekt an die Bedürfnisse der Menschen im Corviale herankommt wird sich zeigen. Viele Fragen bleiben jedoch offen.

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