Tag 4 – Utopie vs. Realität

Genauso wie die Unité d’Habitation, folgte auch der Corviale der Idee des Wohnhochhaus als neue kollektive großstädtische Wohnform. Diese Großwohnhäuser legten ihren Fokus auf das Kollektiv welches als eine Einheit funktionieren sollte und somit auch eine gewisse Geschlossenheit und Abgrenzung nach außen hin aufzeigen sollte. Die Wohnhochhäuser garantierten, dass Gemeinschaftsdienste und – Einrichtungen auch tragfähig sind. Auch eine Erleichterung für Hausfrauen erwartete man sich von dieser Wohnform, denn traditionell familiäre Aufgaben konnten beispielsweise durch entsprechende soziale Einrichtungen vermehrt durch das Kollektiv übernommen werden.

In all diesen Überlegungen wurde jedoch von einem bestimmten standardisierten Lebensstil ausgegangen. Das Konzept der Wohnmaschine wird daher vielmals auch aufgrund seiner Ignoranz gegenüber sozialen Fragen kritisiert. Nichts wird dem Zufall überlassen, nichts bleibt ungeplant. Die Stadt lässt, abseits von der Privaten Wohnung, keinen Platz für Spontanität. Unverbindliches Handeln oder Eigeninitiative passen in dieses Bild nicht hinein. Jede Art von soziokulturellen Handlungen und Interaktionen muss sich demnach in die betriebliche Funktionsweise der Maschine einfügen. Die BewohnerInnen müssen sich der neuen Wohnform unterordnen und deren Lebensstil dementsprechend anpassen. Es wird davon ausgegangen dass deren Handlungen standardisiert und rational sind – denn nur so kann die Maschine funktionieren.

(Vgl. M. Peterek (2000): Wohnung. Siedlung. Stadt: Paradigmen der Moderne)

Utopie

Der Corviale war ein Experiment. Mario Fiorentino schrieb, die Herausforderung wird das Management des Gebäudes werden (vgl. Piazza & Scopelliti, 2006 In: Di Giovanni: Lessons from Corviale). Als das Gebäude errichtet worden war wurden den BewohnerInnen alle grundlegenden Dienstleistungen und Infrastrukturen versprochen die notwendig sind um hier zu leben. Als diese nicht kamen, führte dies zu einem massiven Vertrauensverlust zwischen BewohnerInnen und der Öffentlichen Verwaltung. 

Marco

Desenfektion

Marco und seine Mutte Liliane leben schon seit 35 Jahren in Corviale. Als ich sie frage, ob sie gerne hier wohnt: “In Corviale, nein! In Rom schon, aber nicht in Corviale!” Sie erzählt von Ihrem Leben, vom Tod ihrer beiden Söhne, drei leben noch. Die Wohnung ist schwül und voll von Gelsen, ich frage sie wegen der Desinfektion der Gänge, aber ich denke sie ist sich selbst nicht sicher, ob wegen der Gelsen oder doch Corona. Die Angst vor Covid-19 scheint hier in der Wohnung von Marco und Liliane noch nicht angekommen zu sein.

Treffpunkt Gang

Meine nächste Begegnung mache ich mit Allessandro in den Gängen im Erdgeschoss. Er trägt eine Kiste mit leeren Weinflaschen, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob der Alkoholgeruch von der Kiste oder von ihm ausgeht. Es ist sehr schwer sich mit ihm zu verständigen. Obwohl er sich um eine gute englische Aussprache bemüht, verstehe ich ihn kaum. Er sagt, die Menschen die hier wohnen seien alle Sozialfälle, keiner erzähle gerne, dass er hier lebe. Und er selbst möchte nur wieder weg, nach New York, wo er schon mal gelebt hat. 

Hundezone

Bei einem Abendspaziergang hinter dem Teatro, treffe ich Antonella mit Ihrem Hund. Antonella spricht kein Englisch, aber ich halte ihr den Fragebogen hin und sie füllt ihn bereitwillig aus. Ich kann nicht alles entziffern, aber sie lebt sehr gerne hier, der Corviale ist ihre Familie und sie sieht, dass allmählich Einiges getan wird für die Menschen hier. Ich würde sie gerne fragen was genau, vielleicht meint sie die Aufräumarbeiten in den unzähligen toten Schächte und Winkel, in denen sich der Müll sammelt, oder der Kran der bewegungslos vor dem Gebäude steht.

Müll

Der Corviale ist ein Experiment – 50% Architektur und 50% Managment. Auf das zweitere warten die BewohnerInnen noch immer.  Es sind nicht die Menschen hier das Problem, es ist das System der Bürokratie, welches Misswirtschaft und Korruption zulässt.

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