Tag 3 – Alles wendet sich ab vom Corviale

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte wie in den meisten europäischen Städten auch in Rom eine große Wohnungsnot, die sich zum einen aus den etlichen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wohnungen aber auch aus der steigenden Zuwanderung in die Stadt ergab. Einhergehend mit einer wirtschaftlichen Krise stieg also die Nachfrage nach günstigem Wohnraum enorm an. 1962 wurde ein neuer Generalregulierungsplan für Rom fertiggestellt unter dem auch die Pläne für Corviale entstanden. Anzumerken ist hierbei, dass der Regulierungsplan zwar in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs erarbeitet wurde, die Umsetzung jedoch in einer Phase der Rezession erfolgte. Gelder für Infrastrukturelle Maßnahmen zur Versorgung der Peripherie mit Wasserleitungen, befestigten Straßen, Abwassersystemen oder Straßenbeleuchtung waren demnach nicht vorhanden. 

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(Quelle: Regenerare Corviale – Preliminary Planning Dokument)

Das Großwohnbauprojekt Corviale wurder von der Wohnbaugesellschaft IACP – Istituto Autonomo Case Popolari – (heute ATER) getragen, welche Finanzierung, Realisierung und Verwaltung von öffentlichen Wohnungsbau in Italien durchführte. Zwar wurden die Bauarbeiten 1980 schon abgeschlossen, die Wohnungsübergabe verzögerte sich jedoch. Das resultierte wiederum in einer Besetzung des Gebäudes sowie in einer Ansiedlung von Zeltlagern und Baracken vor dem Gebäude. 18 Milliarden Lire waren für das Projekt ursprünglich geplant, 100 Milliarden kostete es im Endeffekt. Die hohe Überschreitung der Baukosten, führte nachträglich zu erheblichen Einsparungen bei den Ausgaben für Infrastruktur und Gemeinschaftseinrichtungen. Vorhaben wie Kino, Gemeindezentrum, Bibliothek, Theater, Restaurant wurden entweder nicht fertiggestellt oder auch überhaupt nicht begonnen. Auch eine Ansiedlung von Geschäften, Büros und Schulen im Eingangsbereich wurde nie realisiert. Die BewohnerInnen welche das Gebäude illegal bewohnen, zahlen keine Miete. Allein im Jahr 2000 betrug die Summe an Mietsäumnissen knappe 15 Mio. €. Dies führte zu einer hohen Verschuldung von ATER und somit wiederum zu Fehlenden Geldern für dringend notwendige Investitionen in das Gebäude – ein Teufelskreis.

Karte Übersicht

Der Corviale wurde so geplant dass alle lebensnotwendigen Infrastrukturen in direkter Nähe befinden und ist mit 4 Bussen an die Metro Linien angebunden. Busse die irgendwann kommen und irgendwann fahren. Es gibt ein Einkaufszentrum Cassetti Mattei, das 2005 errichtet wurde. Es heisst Cassetti Matei weil die Eingänge auf die Via della Casetta Mattei gerichtet sind und nicht zum Corviale. Für die BewohnerInnen, die immer älter werden, bedeutet das, keinen barrierefreien Zugang für FußgängerInnen zum Einkaufszentrum, obwohl es nur 5 Minuten zu entfernt liegt. Das Einkaufszentrum sollte nach ursprünglichen Planungen, als verbindendes Element zwischen den BewohnerInnen des Corviale und den Umgebung dienen. Der Gebäudetrakt der in einem 45° Winkel von Corviale errichtet worden ist, beinhaltet einen Gang der die Verbindung zwischen dem Einkaufszentrum und “Verwaltungszentrum” herstellen sollte, der Gang endet abrupt mit einer Mauer und wurde nie erschlossen.

Mauer Lotto 6

Zwischen den zwei Gebäudetrakten führt eine Fußgängerbrücke ins Herz des “Verwaltungszentrum” das die Polizeistation, das Kulturzentrum Mitreo, eine Bildungsberatungsstelle, eine Bücherei, eine Schule und jeden Menge Leerstand beinhaltet. In den letzten Tagen meiner Beobachtung habe ich noch nie eine einzige Person auf dieser Brücke gehen gesehen. Wieso eigentlich?

Die Schule zum Beispiel wurde 2004 von Guendalina Salimei von T-Studio reorganisiert. Sie hat aber seit Jahren nicht geöffnet, weil der 2. Teil der Sanierungsarbeiten nicht mehr ausgeschrieben wurde. Anscheinend wurde hier ein wichtiger Teil von grundlegenden Sanierungen in der 1. Phase verabsäumt. 

Das Kulturzentrum Mitreo bekommt seit dem Regierungswechsel keine Förderungen mehr und wird wahrscheinlich schliessen müssen. 

Die angrenzende “Piazzetta” (linke Gebäudehälfte) steht leer und verfällt. Die Verfall ist bereits soweit fortgeschritten dass Veranstaltungen ein Sicherheitsrisiko bedeuten würden und offiziell nicht stattfinden dürfen. Manche Teile der Leerstandes wurden von Kleinkriminellen, aber auch Kunst- und Kulturinitiativen besetzt und schaffen eine Art Kreatives Milieu.

Piazzetta

In den 1200 Wohnungen könnten bis zu 8500 Personen untergebracht werden, kinderarme Familienstrukturen verhindern jedoch die Dichte die eigentlich gebraucht werden würde um die Wohnmaschiene zu beleben. Heute leben ca. 4000 Menschen in Corviale, aber niemand weiss tatsächlich wie viele genau. Die Wohnungen werden weitergegeben und ein Meldung ist einfach, man muss nur eine Stromrechnung vorweisen, diese kann auch von der ersten Person die eingezogen ist, also vor 40 Jahren, stattgefunden haben. Da der Corviale nie fertiggestellt wurde gibt es kein Klingel- und kein funktionierendes Postkasten System, das heisst dass Personen einmal eingezogen schwer zu finden sind.

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Es gibt keine funktionierendes Entsorgungssystem, die wenigen Müllcontainer befinden sich auf der Straße, und sind nicht ausreichend für die Berge an Müll die 4000 Menschen jeden Tag produzieren. Hinzu kommt, dass viele BewohnerInnen ihre Wohnungen teilweise sehr aufwendig, selber renoviert haben und der ganze Sperrmüll einfach in nicht genutzte Teile des Gebäudes und Freiflächen hinter dem Haus gelagert und dort auch selbst verbrannt werden.

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(Quelle: Brigitte Cordes von der Initiative Corviale Domani,  Guendalina Salimei von TStudio, eigene Beobachtungen)

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