Skopje als “divided city” – Die Rolle der City Wall?

Setzt man sich intensiv mit der Geschichte der Stadt Skopje sowie der City Wall auseinander, wie wir es durchdringend getan haben (und immer noch tun), so fallen einem sofort die verschiedenen historischen Einflüsse der Stadt ins Auge. Die City Wall als sozialistisches Werk aus der Zeit Jugoslawiens, der alte Basar aus der Zeit des osmanischen Reichs und einige weitere Werke aus anderen Perioden… da wird schnell klar was gemeint ist. Hierzu ist uns, während wir eifrig das Internet nach Quellen für unsere Diskursanalyse, im Bezug auf Ethnien und soziale Gruppen in Skopje und der City Wall, durchforstet haben, immer wieder folgendes aufgefallen: In der Literatur und in einzelnen Zeitungsartikeln wird Skopje häufig und teilweise unrühmlich als “divided city” betitelt. So befasst sich unter anderem die Doktorarbeit von Ophélie Véron mit genau diesem Thema – und zwar mit den Auswirkungen sozialer Differenzierung und ethnischen Ansprüchen in Skopje. Für uns stellt sich daher die brennende Frage – welche Rolle spielt die City Wall im Bezug auf die Situation der sozialen und ethnischen Bevölkerungsgruppen? Wie gewohnt wollen wir euch unsere ersten Erkenntnisse nicht vorenthalten und präsentieren diese in gekürzter Form in diesem nun letzten thematischen Beitragspunkt.

Über den Vardar und wieder zurück – Centar und Cair
Um besser zu verstehen, welche Rolle die City Wall in diesem Gefüge der sozialen Gruppen in der Stadt spielt, oder besser gesagt spielen sollte, muss zuerst die Situation in Skopje verstanden werden. In unserer Diskursanalyse und in Gesprächen konnten wir herausfinden: In Skopje gibt es eine gewisse physische Trennung zwischen den dominanten ethnischen Gruppen. Im Viertel Centar, also dem Zentrum, trifft man vorrangig Mazedoner:innen an und im Viertel Cair, welches auf der gegenüberliegenden Flussseite ist, eher Albaner:innen. Die physische Trennung stellt der Fluss Vardar dar, denn dieser ist in Skopje immerhin 60 Meter breit – heutzutage gut überquerbar mit vielen Brücken war dies in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Schwimmen ist jedenfalls keine Option.

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Die vorhandene soziale Segregation alleinig auf eine physische Barriere zu schieben wäre zu einfach – Barrieren können zudem überwunden werden. Für euren und unseren Wissensdurst haben wir unbeirrt weiter recherchiert. Die begabte Soziologin Katerina Mojanchevska hat uns während unseres interessanten Gesprächs zur City Wall folgendes mitgegeben: Diese soziale Trennung sei ein soziales Phänomen. Denn die Albaner:innen in Skopje versuchen an Orten zu leben, an denen sie ihrem ethnischen Umfeld näher sind – gleiches gilt für Mazedoner:innen. Macht auch in gewisser Hinsicht Sinn. Zudem gab es nach dem Erdbeben keine Strategie zur Homogenisierung der ethnischen Gruppen und fehlende Konzepte für den verbindenden Nutzen des öffentlichen Raums.

Was für das gesamtstädtische Bild gefehlt hat, wurde im ausgefeilten Entwurf der City Wall durch das Team von Kenzo Tange gekonnt mitgedacht – denn die City Wall sollte in ihrer städtische Rolle als Verbindung der beiden Viertel und Ufer dienen und somit die dort angesiedelten Gruppen zusammenführen. Für die damalige Zeit ein revolutionärer und innovativer Vorschlag! Der Plan war, die City Wall weiter über das Ufer auf die andere Seite bis nach Cair zu bauen. Das einzige Manko an dieser nahezu perfekt klingenden Erfolgsgeschichte: es wurde, wie viele andere Teilbereiche von Tanges Masterplan, nicht umgesetzt. Das Bauwerk hätte damals einen zu großen Eingriff in dem in orientalischem Stil erhaltenen Viertel Cair dargestellt. Die Trennung blieb also bestehen – trotz Kenzo Tanges tollkühner Vision.

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Tanges fehlgeschlagener Einigungsversuch?
Lässt sich nun behaupten, Tanges Versuch, die verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen über die Megastruktur der City Wall zu einen, ist fehlgeschlagen? Nun, es kann unmöglich gesagt werden, ob Tanges Vision aufgegangen wäre. Es lässt sich jedoch behaupten, und da stimmten uns die Expert:innen zu, dass mit der nur halben Umsetzung auf der einen Seite des Flusses die Grenze teilweise verstärkt wurde. Und das ist eben auch heute noch sichtbar. Da die Thematik der sozialen Segregation meist ein heikles und aufwirbelndes Thema ist, konnten wir hierzu auch zahlreiche Stimmen von Personen aus Skopje einfangen. 

The urban core […] remained a buffer zone after the failure of Kenzo Tange’s architectural master plan that led to the modernization of the city, but could not unify the city’s ethnic geographies.

Katerina Mojanchevska K.,Governing diversity in socially fragmented urban settings, 2020

 

Yes, there are certain municipalities where you have a stronger concentration of certain ethnic groups, but it’s not that muslims only live in this one part of the city. You have this more oriental part of the city, which is on the left side of the river, then you have this more european part of the city, which is on the right side of the river. But the left side of the city is huge, and just one part of this area has this strong oriental legacy, the neighbourhood around the old bazaar, but everything else is a new development.

Slobodan Velevski, Professor für Architektur in Skopje

 

Even today there are more macedonian people in the block I lived. I was raised in a macedonian ethnic environment and I think only one neighbour was not macedonian. Thats unfortunate, now that I think about it.

Bewohner:in aus der City Wall

Eine interessante Entwicklung lässt sich nach verschiedenen Aussagen dennoch feststellen: Die soziale und ethnische Trennung, wie sie in Skopje nun lange Zeit bestand, ist wohl langsam am verschwinden. Dies fällt auch den Bewohner:innen und Anrainer:innen der City Wall auf, die wir interviewt haben. Es leben in der City Wall nach wie vor großteils Mazedonier:innen, inzwischen gäbe es allerdings eine gewisse Mischung und Dynamik. Albaner:innen sowie andere soziale Gruppen ziehen in die City Wall sowie in die direkte Umgebung. Für uns stellt sich hierbei die Frage: Woher kommt diese Entwicklung?

In ständigem Kontakt mit den Expert:innen konnten wir zwei maßgebliche Gründe herausfinden. Ein Grund sind die Privatisierungen der Wohnungen in der City Wall. In der Vergangenheit waren die Wohnungen komplett in staatlicher Hand, nachdem diese allerdings verkauft wurden, mischte sich das soziale und ethnische Gefüge in den Wohnblocks. Durch das Entstehen von Büros in der Siedlung, kommen nun auch Pendler:innen aus der ganzen Stadt in die City Wall. Zudem gibt es mehr Initiativen, welche verschiedene Gruppen aus verschiedenen Teilen der Stadt zusammenbringen, wie Bürger:innengruppen, die sich beispielsweise leidenschaftlich für die Erhaltung des öffentlichen Raums versammeln und einsetzen.

Wir hoffen, bald diese spannende Dynamiken des öffentlichen Raums und der sozialen Gruppen, wie wir sie in diesem Beitrag beschrieben haben, in der City Wall live erleben zu dürfen. Bis dahin arbeiten wir vorausblickend an den genannten Themen weiter und freuen uns, alle anderen Gruppenmitglieder bis Ende Oktober wiedersehen zu dürfen, egal ob digital oder mit 1 Meter Abstand.

Bis dahin!
Euer Skopje-City-Wall Team

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