Eine Siedlung – zig Facetten

Der öffentlicher Raum – ständiger Begleiter im Raumplanungsstudium – beschreibt Orte, die Planer:innen oft besonders interessieren. Nur logisch, dass wir uns neben den vielen anderen spannenden Themen auch hiermit intensiv auseinandergesetzt haben und es auch weiterhin werden.
Nachdem der Workshop nun vorbei ist, wie ihr bereits im letzten Blogpost lesen konntet, haben wir uns gegenseitig Aufgaben zugeteilt, um die weiteren Punkte umfassend zu bearbeiten. Ganz im Sinne der momentanen Pandemie ist nun Home Office die Devise. Das bedeutet konkret: Einzelarbeiten zu Hause, Absprachen via Skype und immer wieder Treffen für Diskussionen und Anpassungen, die jetzt auf dem Programm stehen.
Schließlich haben wir es geschafft und die Auseinandersetzung mit dem (halb)öffentlichen Raum ist zum Großteil abgeschlossen. Darum freut es uns die gesammelten Erkenntnisse in diesem Beitrag mit euch zu teilen. Wir wissen ja – ihr wartet bereits seit 2 Einträgen auf diese spannenden Geschichten.

Treffpunkt im Block “Green Market”
Grünraum, Spiel- und Sportplätze, Stellflächen für PKWs und Einkaufsmöglichkeiten – der (halb)öffentliche Raum jeder Stadt und Nachbarschaft ist durch viele verschiedene Aspekte charakterisiert – so auch die City Wall. Doch ist diese langgestreckte Siedlung tatsächlich auch als eine Nachbarschaft zu verstehen?
Wie so oft sind wir auch bei diesem Thema der Meinung, dass sich dies nicht so klar sagen lässt. Natürlich gehören die einzelnen Blocks der City Wall zusammen, sind sie doch alle von den gleichen baulichen Merkmalen geprägt. Wirft man ein Auge auf die Angebote und Gestaltungen im (halb)öffentlichen Raum, bemerkt man schnell, dass sich die einzelnen Teile der Siedlung doch sehr unterscheiden. Naja, so ein ganz einheitlicher Raum ist ja auch irgendwie langweilig, findet ihr nicht?

Für die detaillierte Analyse der City Wall haben wir zwei Blöcke ausgewählt und genauer unter die Lupe genommen. Dabei handelt es sich um Block 2 und Block 6 – darunter könnt ihr euch wahrscheinlich nicht viel vorstellen. Keine Sorge, da könnt ihr beruhigt sein, wir haben uns zu Beginn genauso schwer getan. Auch die Bewohner:innen Skopjes orientieren sich nicht mithilfe der Zahlen, sondern anhand besonderer, markanter Merkmale, welche im jeweiligen Block zu finden sind. Macht auch mehr Sinn, finden wir, denn die Probleme mit den Zahlen würden ja schon damit anfangen, zu klären, von welcher Seite aus man zu zählen beginnt. Ihr seht schon, das Konzept ist ausbaufähig.
Nehmen wir als erstes Beispiel Block 6, also von West nach Ost gezählt: Hier befindet sich direkt hinter der City Wall ein sehr großer Markt – der Green Market – und genau so nennt die Bevölkerung den Block auch. “Treffen wir uns im Hof der City Wall im Bereich des Green Market.” Und Zack! Alle wissen was gemeint ist. Sehr praktisch.

Abgesehen von den namensgebenden Elementen unterscheiden sich die Blocks aber auch in anderen Aspekten stark. Im Green Market-Block sind fast alle Parkplätze rund um den Markt angelegt, daher ist der Zwischenraum der City Wall sehr grün gestaltet. Die Erdgeschosszonen sind in diesem Abschnitt der Siedlung nicht so stark ausgeprägt, weil es durch den Markt schon ein sehr breites Angebot gibt. Der Apfel aus dem Green Market schmeckt doch viel besser als der aus dem Supermarkt, keine Frage.

Auch Block 2 hat so seine Besonderheiten. Geprägt durch einen historischen Platz, wird er heute noch mit dessen Namen in Verbindung gesetzt. Im Freedom Square Block sind, anders als im vorigen Abschnitt, auch im Zwischenraum der City Wall einige Stellplätze zu finden. Komischerweise gibt es gerade in diesem Block, neben gefühlt hunderten Autos einen Spielplatz für Kinder, im grünen Innenhof vom Abschnitt 6 ist jedoch keiner zu finden. Wer hat denn da jetzt mehr Freedom, die Autos oder die Kinder?

Was wir euch damit vor Augen führen wollen – die Blocks der City Wall sind in ihrer Ausgestaltung sehr unterschiedlich. Trotzdem finden sich im öffentlichen Raum einige Elemente, welche sich durch die ganze Siedlung ziehen. Dazu zählen die Erdgeschossnutzungen in den Zeilen, die entlang einer breiten Promenade für Fußgänger:innen verlaufen. Was uns neben den räumlichen Gegebenheiten des öffentlichen Raums noch brennend interessiert hat sind erneut die Meinungen der Medien, Expert:innen und Anrainer:innen. Wie schätzen sie die Qualität des Freiraums ein und wo sehen sie Verbesserungspotential?

Miserabel und doch gleichzeitig oho
Die großen Unterschiede der City Wall fielen uns erstmals zu Beginn unserer Recherche beim Durchschmökern einer Publikation auf. Als wir auch auf eindeutige Aussagen stießen, die den Grünraum als vernachlässigt und den Freiraum als MIV-dominiert bezeichneten, war klar: Dem müssen wir nachgehen! Und da wir kritische Geister sind, befragten wir daraufhin natürlich gleich die Expert:innen und Bewohner:innen zu diesen Aussagen und gewannen so interessante Erkenntnisse.

Die Übergangsbereiche, die unterschiedlichen Nutzungen der Zwischenräume und die Variation der Anordnung der Elemente sorgen für Differenzierung.

Nela Kadic, Skopje. Abseits der Kulisse.Strategien für eine junge Hauptstadt, 2014

 

The playgrounds are in a really good condition, they are new and easy to use and everything, but on some of the squares of the Wall and the greenery are not really taken care of.

Aleksandra Milosheska, Architektin aus Skopje

 

I like to walk next to the City Wall. It’s always nice to look up. There are trees and green and places for the children to play. I find them very enjoyable.

Bewohner:in aus Skopje

Im Grunde gehen die Meinungen der Bevölkerung aber auch der Expert:innen weit auseinander. Da hat sich das Nachfragen und Nachhaken wirklich gelohnt. Die Siedlung ist so weitläufig und divergent, dass es schwierig ist, die Assoziationen auf die ganze City Wall umzulegen. Durch die intensive Beschäftigung mit den gegebenen Strukturen wissen wir aber, dass alle Aussagen ihre Berechtigung haben – ist es eine Beschwerde über zu viel Verkehr oder eine Schwärmerei über die ruhigen und grünen Innenhöfe. Die Großwohnsiedlung ist so vielschichtig, dass man dort quasi alle Merkmale finden kann. Wir können es kaum erwarten, all diese Merkmale bei der Reise nächstes Jahr aufzustöbern und mit eigenen Augen zu sehen.

Coffee-to-bike!
Sowie sich die Merkmale der einzelnen Blocks unterscheiden, gehen auch die verschiedenen Nutzungen auseinander. In einem Bereich mit einer großen Platzsituation zum Beispiel macht es Sinn, hin und wieder Veranstaltungen zu organisieren. Vor allem in der Zeit von COVID-19 finden laut Aleksandra Milosheska immer wieder Events im öffentlichen Raum statt, da Innenräume dafür gemieden werden.
Was man sich in Wien vielleicht schwer vorstellen kann, ist die geteilte Nutzung des Freiraums. Wo die Gastgärten von großen überfüllten Cafés bis auf die Straßen und Wege hinausreichen, haben passierende Fahrradfahrer:innen fast das Gefühl sie sitzen mit am Tisch. Ein Kaffeehäferl im vorbeifahren mitgehen zu lassen, ist da gar nicht so unvorstellbar. Das Leben in Nordmazedonien findet sehr viel draußen statt, und wo kein Platz ist, wird eben einer geschaffen. Ein Weg durch das Gewusel wird immer gefunden. Gleichzeitig gibt es kleine Cafés, in welchen sich gefühlt drei Stammgäste jeden vormittag zum Tratscherl treffen. Die vielen Facetten lassen sich überall in der City Wall wiederfinden – man muss nur wissen wo.

Was wir bei einem Gespräch mit einer ehemaligen Bewohnerin auch herausgefunden haben – die Blocks stehen zum Teil wirklich für sich alleine. Als Kind spielte Biljana Lubarovska mit ihren Freunden eigentlich nur in dem Bereich der City Wall, in dem alle Nachbarskinder wohnten. Wurde mal ein anderer Block betreten, was nach ihrer Aussage eher selten vorkam, so war es eine richtige Expedition. Ob das heute auch noch so ist? Eine Mutter erzählte uns, dass sie sehr viele verschiedene Spielplätze mit ihrer Tochter nutzt. Also kommt man in der Siedlung wohl doch ein bisschen herum und trifft verschiedenste Leute. Nun, sind die in der City Wall lebenden Leute wirklich so unterschiedlich oder haben sie ihre Gemeinsamkeiten? Mehr zu der in der Siedlung und Skopje lebenden Bevölkerung erzählen wir euch beim nächsten Mal.

Ihr dürft gespannt sein!
Euer Skopje-City-Wall Team

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