Die drei ??? und die Suche nach dem Geheimgang

Die City Wall – ein Symbol des Brutalismus, ein polarisierendes Bauwerk inmitten von Skopje und noch vieles mehr. Das ist das schöpferische Werk von Kenzo Tange, das wir bereits in den letzten Beiträgen kennenlernen durften. Darauf aufbauend ist uns folgende Frage im Kopf herumgeschwirrt: Wie funktioniert die Siedlung nun tatsächlich? Welche baulichen Strukturen machen die City Wall aus und welche Konflikte oder Geheimnisse lassen sich aufstöbern? Wir sind guter Dinge, dass ihr euch nach diesem Beitrag ein genaueres Bild von dem Komplex machen könnt. Los geht’s!

Die Chinesische Mauer in Skopje?
Fangen wir bei den offensichtlichen Aspekten an. In der City Wall sind zwei Arten von Gebäuden zu finden – lange 8-geschossige Zeilen und hohe 14-geschossige Türme. Die großen Dimensionen und hohen Geschosszahlen verbildlichen die massive Gestalt der Siedlung. Angeordnet sind die Gebäude – wie es der Name bereits verrät – wie eine Mauer rund um das Zentrum (PS: das wisst ihr wahrscheinlich schon wenn ihr aufmerksam mitgelesen habt).

Was man nun vermuten könnte: Als Mauer stellt die City Wall eine Abtrennung und Barriere zwischen der Innenstadt und umliegenden Bezirken dar. Gibt es dadurch Heerscharen von verzweifelten Passant:innen die Richtung Innenstadt stürmen wollen aber an den unüberwindbaren Hindernissen nicht vorbeikommen?
Nun, nicht ganz. Scheinbar gibt es keine so scharfe Trennung zwischen dem Zentrum und dem Rest der Stadt, wie es auf den ersten Blick scheint. Bei genauerem Hinsehen fallen einem nämlich einige Durchgänge auf, die durch die Gebäude führen. Schlecht für eine etwaige Verteidigung der Stadt, gut jedoch für die hoffentlich meist friedvollen Bewohner:innen, die täglich die City Wall passieren wollen. Nur finden muss man diese Passagen erst. Vor allem für uns aus der Ferne waren sie nicht gleich zu entdecken. Mit schlechten Augen, dafür umso stärkeren Beinen lässt sich jedoch auch einfach entlang der Blöcke spazieren und seitlich daran vorbeigehen. Zwar ein Umweg aber wer weiß, vielleicht gibt es entlang der schattigen Wege ja den ein oder anderen spannenden Ort oder Shop zu entdecken oder es wartet gar die/der zukünftige/n Traumfrau/mann um die Ecke!?

Etwas anderes, was es in der Siedlung unter anderem zu entdecken gibt, sind die divergenten Gebäudestrukturen. Nur wenige der Bauwerke vor dem Erdbeben haben dieses überlebt. Manchen davon lassen sich in der City Wall wiederfinden. Hinzu kommen neue Zubauten, welche erst Jahre nach dem Bau der Siedlung ergänzt wurden. Zu erkennen sind diese relativ schnell, denn sie sind weder Zeile noch Turm. Sie sind in der Theorie also kein offizieller Teil der City Wall. Bedeutung für den Raum haben diese Orte natürlich trotzdem – sei es in ihrer Funktion oder ihrer Struktur. Der Green Market zum Beispiel prägt den Raum durch seine massive Gestalt, Nahversorgungsfunktion und Anziehungskraft sehr stark.

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Einen der spannendsten Aspekte der durch die Anordnung der Gebäude entstand, wollen wir euch an dieser Stelle nicht vorenthalten: Den Zwischenraum – der wie es der Name schon andeutet, von den länglichen Zeilen und den Türmen eingeschlossen wird. Über diesen wollen wir euch aber nicht zu viel erzählen, schließlich gilt es in den nächsten Tagen wieder einen Blogpost zu füllen und wir wollen unser Pulver noch nicht zu früh verschießen.

Geht dem Zentrum die Luft aus?
Den Aspekt der City Wall als physische Barriere aus Sicht der Fußgänger:innen haben wir bereits kennengelernt. Es gibt noch einen weiteren Punkt, der uns bei der Recherche auffiel, welcher immer wieder genannt wurde. Skopje ist wegen der südlichen Lage, vor allem im Sommer, eine heiße Stadt – so weit so wenig verwunderlich. Dass es in der Innenstadt üblicherweise noch wärmer ist als in den Randbereichen der Stadt, dürfte auch niemanden sonderlich überraschen. Wenn nun aber die kühlenden Frischluftströme vom neben der Stadt liegenden Berg Vodno irgendwie aufgehalten werden würden, wäre das natürlich unvorteilhaft und nicht gerade förderlich für das Temperaturempfinden.

Fällt euch irgendwas ein, was massiv und groß genug wäre, um so etwas zu bewirken? Einigen Expert:innen und auch Bewohner:innen schon – Überraschung! Es ist die City Wall. Zugute halten muss man Kenzo Tange aber, dass er eigentlich bauliche Lücken in den Gebäuden geplant hatte, um einen Luftaustausch zu gewährleisten – diese scheinen über die Jahre aber leider verloren gegangen zu sein. Mut zur Lücke schien wohl nicht gerade das Motto gewesen zu sein. Diskutiert werden das Fehlen der luftdurchlässigen Ausschnitte sowie die physische Barrierewirkung eigentlich auf allen von uns betrachteten Ebenen.

Der leere vierte Stock zur Verbesserung des Mikroklimas wurde weggelassen. Die offenen Erdgeschosszonen wurden mit Ladenlokalen gefüllt, welche die Frischluftströme von den Hängen des Vodno in die Innenstadt blockieren.

Maren Harnack, Wahrzeichen im Untergang – Skopje zwischen Trauma und Identitätssuche, 2010

It’s very permeable, because there are plenty of passages, the distance between these passages is walkable. It’s very pedestrian friendly, let’s say.

Slobodan Velevski, Professor an der Fakultät für Architektur, Universität in Skopje

Yes, the buildings are way too long and you cannot take a short-cut to a place you need to go, instead you have to walk the whole length of the building then go around it. The ground floors should have been passages, but are now shops.

Bewohner:in aus Skopje

Barriere, ja oder nein? Wie so oft herrscht, wie zu erkennen ist, auch hier eine gewisse Uneinigkeit. Das kommt uns irgendwie bereits sehr bekannt vor, scheint so ein Skopje-Ding zu sein. Über eine Sache sind wir uns aber einig: Wir wollen mehr darüber erfahren!

Ey Mann, wo ist mein Auto?
Gesagt, getan. Tauchen wir also in die Geschichten der Nutzer:innen ein, um unseren Blick zu schärfen. Was erregt Aufmerksamkeit?
Manche Shops sind zusätzlich zu den Passagen Abkürzungen durch die Gebäude. Das erfreut die müden Beine, schließlich erspart man sich Zeit und man findet vielleicht sogar noch etwas im Geschäft, was gefällt. Schon praktisch, solche Insiderinfos!

Noch etwas konnten wir herausfinden. An manchen Gebäuden ist etwas anders – es sind teilweise keine Balkone mehr da, wo früher welche gewesen sein sollen. Expert:innen sagen uns, dass viele Bewohner:innen ihren Wohnraum pragmatisch erweiterten oder zwei Wohnungen aus einer machen, indem sie den Grundriss durch das Zubauen der Balkone vergrößern. Aus eins mach zwei, sozusagen.

Pragmatisch ist das richtige Stichwort, denn wie eine Erweiterung der Nutzfläche noch aussehen kann, zeigen uns mehrere Aussagen bezüglich der Tiefgaragen. Nun, eine Garage ist zum Parken da meint ihr? Das sehen offenbar nicht alle so. So einen überdachten Platz im Trockenen nur für das Auto zu verwenden wäre doch Verschwendung. Das Fahrgestell lässt sich ja locker auch oben auf der Straße irgendwo hinstellen, und siehe da: der Garagenplatz kann als Lagerplatz genutzt werden.

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Dieses Vorgehen scheint weiter verbreitet zu sein als man denkt. Gerüchte über einen Bewohner der sich hier sogar häuslich eingerichtet hat, können wir nicht bestätigen aber auch nicht dementieren.
Ihr seht, vielseitig nutzbar ist die City Wall auf jeden Fall. Wie diese Nutzung  im öffentlichen Raum sonst noch aussieht erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

Bis dahin und haltet die Augen offen!
Euer Skopje-City-Wall Team

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