Tag 7 – Zwischenanalyse und Selbstreflexion

Der Tag begann mit starkem Regen, kaltem Wind und einem heißen Kaffee. Ein perfekter Tag, um unsere bisherigen Ergebnisse zu diskutieren und eine Zwischenanalyse durchzuführen.

Die erste Aufgabe des Tages – Interviews genauer zusammenzufassen. Die vier durchgeführten Interviews haben wir uns aufgeteilt, nochmals angesehen und die wichtigsten Punkten aufgeschrieben.

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Wie man bemerkt gab es gemeinsame Themen, welche wir in unserer Analyse vor der Expedition nicht erkannt haben. Zusammenfassend wurden folgende Bereiche genauer diskutiert:

  • Gentrifizierung

Jeder unserer GeschprächspartnerInnen hat erkannt, dass Gentrifizierung ein wichtiges Thema in Bijlmer ist. Der Prozess begann laut Tim Verlaan bereits vor etwa 50 Jahren, jedoch hat die Gentrifizierung besonders in den letzten zehn Jahren das Viertel stark geprägt. Eine der größten Akteursgruppen, welche Gentrifizierungsprozesse stimuliert, sind Wohnbaugesellschaften. Da nur das Land Besitz der Gemeinde ist jedoch aber nicht die Gebäude, konnte uns Herr Troche eher wenig über die Arbeit der Baugesellschaften erzählen. In Amsterdam gibt es eine ähnliche Wohnungspolitik wie in Wien – etwa 20% der Wohnungen bei Neubau sollen eine niedrigere Mietpreise vorweisen für die schwächere Sozialgruppen. Dies ist jedoch für unser Gebiet wenig aussagekräftig, da die Gebäude bereits in den 1960er Jahren gebaut wurden. Abhängig von der Wohnbaugesellschaft (die Eigentümer der Gebäude sind) ermittelt sich der Gentrifizierungsgrad. Während die reichere Gesellschaft Wohnungen, abhängig von deren Größe und Ausstattung, eher an die gleichen Gruppen vermietet, wird bei den sozial Schwächeren in der Praxis eher verkauft. Da die Wohnungen im Verkauf nicht leistbar sind, werden für Gruppen wie Studenten und Selbstständige, diese von Privatpersonen gekauft, und an mehrere Personen gleichzeitig vermietet. Dies führt nicht nur zur Gentrifizierung, sondern auch zu großen Unterschiede zwischen den Mieten der verschiedenen Gebäude. Andere Gründe (außer die Marktpreise im Vergleich zu Amsterdam insgesamt)  für Neuankommende, jüngere Personen und Familien ist laut Tim Verlaan die “neue Wertschätzung” der Bauten aus den 60er und 70er Jahren, sowie die schnelle Verbindung zur Innenstadt.

 

  • Aufgaben des öffentlichen Raum

Ein weiteres Thema, welches wir als besonders wichtig einschätzen ist die Nutzung des öffentlichen Raums. Hier sehen wir die größten Disparitäten zwischen den Wünschen der BewohnerInnen und der Gestaltung durch Planung und Politik. Obwohl der Stadtplaner Northon Flores Troche uns überzeugt hat, dass die Planung mit den BürgerInnen mittels Partizipationsprozesse erfolgt, sehen wir viele Wünsche der BewohnerInnen nicht in der Realität wieder. Sowohl Henno Eggenkamp, als auch die Schwestern des Bijlmer Bookstore, sind der Meinung, dass Partizipationsprozesse nur eine Fassade sind und auf die Wünsche der BewohnerInnen nicht von der Politik thematisiert und beachtet werden. Laut Henno Eggenkamp ist der Hauptgrund dass keiner Verantwortung übernehmen will. Ein kleines Unterthema, das sowohl in den Interviews als auch in den Mental Maps angesprochen wurde, ist der Mangel an Tischen. Vor allem die Black Community, welche hier überwiegt, hat besondere Nutzungsansprüche an den öffentlichen Raum, welche von der Politik nicht verstanden werden. Von unseren Gespräche und Beobachtungen haben wir zwei Tatsachen erkannt – Einerseits wenn Personen dieser Gruppen ihre Häuser verlassen um rauszugehen, dann geschieht dies mit der gesamten Familie, denn meist wird draußen zusammen gegessen oder gegrillt. Allerdings gibt es nur zwei Orte, welche dafür ausgestaltet sind und bei beiden handelt es sich um Initiativen von Henno Eggenkamp, welche offiziell illegal sind. Als wir den Stadtplaner Troche fragen wieso solche Plätze nicht vorhanden sind,  antwortete er, dass Grillen keine alltägliche Nutzung ist und dass die Planung, die Aufgabe für alltägliche Nutzungen wie Radfahren, Spielen und Sporttreiben gewährleisten muss. Diese Disparitäten sind für uns als PlanerInnen besonders problematisch. Wir sind der Meinung, dass nicht die Planung als Struktur in dem Viertel das Leben erzeugt, sondern Menschen und deren Wünsche, Beachtung geschenkt werden muss. Angst zu haben, dass ein bestimmter Ort Lärm- und Geruchsemissionen erzeugen wird und somit als Konflikt zwischen sozialen Gruppen auftreten könnte, ist unserer Meinung nach keine Ausrede sodass sich kulturelle Gepflogenheiten ändern müssen.

 

Aufgrund des schlechten Wetters, haben wir uns entschieden das Mittagessen ins Hotel liefern zu lassen.Danach haben wir eine Montage von den ausgefüllten Mental Maps erstellt, um Gemeinsamkeiten zu analysieren.

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Eine klare Aufteilung/Zonierung ist leicht zu merken. Obwohl diese nicht stark abzugrenzen ist, kann man Stimmungsmuster zwischen den BewohnerInnen erkennen. Einerseits wurde das Gebiet neben Kikkenstein und Kruitberg von unseren “Kartographen” als unsicher und unattraktiv gekennzeichnet. Der Rest des Untersuchungsgebiets wird als ruhig und grün charakterisiert. Einige Lieblingsorte der BewohnnerInnen sind leicht erkennbar. Die Karten beweisen unsere bisherige Annahme, dass man im Quartier grundsätzlich wohnt und woanders (meist im Stadtzentrum) arbeitet und/oder Aktivitäten nachgeht. Auch die zwei Subzentren neben den U-Bahnstationen Ganzenhoef und Kraaienest, welche von der Gemeinde “festgelegt” wurden, spielen eine große Rolle im Alltagsleben der BewohnerInnen. In erster Linie erfolgen in diesen Bereichen Erledigungen des alltäglichen Bedarfs wie Einkaufen oder das Treffen von Freunden. Von den Alltagsrouten erkennen wir, dass fast jeder die U-Bahn als Hauptverkehrsmittel zur Arbeit, zur Schule oder zur Universität nutzt. Durch das Gebiet erfolgt die Fortbewegung meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Auto ist erstaunlicherweise nicht das beliebteste Verkehrsmittel, obwohl das Viertel in den 70er Jahren erbaut wurde und somit ein klassisches Beispiel für ein autogerechtes Stadtviertel war. Auch von unseren Beobachtungen haben wir erkannt, dass es keine großen Parkprobleme gibt. Es stehen immer Plätze zur Verfügung, welche auch für jeden zugänglich und frei von Gebühren sind.

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Im Großen und Ganzen konnten wir keine große Unterschiede in der Vielfalt und im Bezug auf die Nutzung des öffentlichen Raums sehen. Als PlanerInnen haben wir immer Ideen, wie man soziale Treffpunkte erzeugt. Diese müssen jedoch mit den BewohnerInnen und deren Wünsche abgestimmt werden. Die zahlreichen neue Spiel- und Sportplätze, dessen Gestaltung wie aus einer Freiraumzeitschrift stammen könnten, verbleiben leer und ungenutzt. Vielmehr Wert legen die BewohnerInnen auf Kindergärten und Sportzentren Was wirklich fehlt sind grüne Freiräume mit vielen Sitzmöglichkeiten sowie Grill- und Essplätzen. Ob dieses Zwischenergebnisse durch die Covid-19-Ängste bzw. Jahreszeit, in dem viele BewohnerInnen auf Urlaub sind, beeinflusst werden, können wir mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht feststellen. Deswegen werden wir in den nächsten Tagen versuchen weitere BewohnerInnen zu befragen um das Gebiet noch genauer kennenzulernen.

Trotz dem Wetter, haben wir es kurz geschafft ein paar Sonnenstrahlen zu schnappen und in der frische Luft eine Agenda für die restlichen 4 Tage zu erstellen.

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Bis morgen! Wir hoffen ihr bleibt weiter Teil unser Expedition.

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

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2 Kommentare zu “Tag 7 – Zwischenanalyse und Selbstreflexion

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