Planen, aber wie? Gespräch mit Mr. Troche und Erfahrung durch Beobachtung

Unser heutiger Tag startete mit einem spannenden Interview mit dem bolivianischen Architekt Northon Flores Troche. Um seine Entwurfsideen und Planungsansichten zu verstehen, ist eine Hintergrundinformation unbedingt notwendig. 

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Northon Flores Troche ist in einem armen Gebiet in El Alto, Bolivien geboren und aufgewachsen. Die kleine Dinge wie Fußball oder Spielzeug, die für uns Normalität des Alltags sind, waren für Northon als Kind eine Utopie,er behalf sich selbst in dem er Spielzeug aus Plastik oder anderen Materialien nach baute. Ins Kino gehen oder mit anderen Kinder zu spielen war bei ihm Seltenheit aufgrund der Haushalts- und Gartenaufgaben. Jedoch hat es Northon geschafft aus dem Gebiet rauszukommen um ein Architekturstudium an der University of La Paz zu absolvieren. Nach seinem Abschluss ist er in die USA gezogen aber aufgrund der sprachlichen Barriere begann er in einer Baufirma als Maurer zu arbeiten. Nach ein paar Jahren konnte er seine sprachlichen Kenntnisse erweitern und war Projektleiter von mehreren Bauprojekten; von Einkaufszentren bis hin zu Wohngebäuden in den USA, Mexiko, England usw. Seit etwa 20 Jahre lebt der Architekt in Amsterdam. Hier hat er ein zweites Masterstudium an dem Berlage Institute abgeschlossen und architektonische und planerische Spuren in Amsterdam, Rotterdam und Delft hinterlassen. Seit etwas über drei Jahren arbeitet er als Urban Planner in der Gemeinde Amsterdam, unter anderem auch in Bijlmermeer. In dieser Rolle trafen wir ihn auch heute in dem Stadsloket Zuidoost (Stadtamt Südost).

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Nach einer kurzen Vorstellung begann Northon mit den Erzählungen über zukünftige Planungen und deren Verwirklichung in Bijlmer. Das heutige Gespräch kann man thematisch in zwei Bereiche unterordnen: Partizipation und Planung durch Projekte.

 

Partizipation in Bijlmermeer:

Laut RaumplanerInnen gibt es viele Versuche für eine Bottom-Up-Planung, jedoch muss man noch mehr experimentieren, um die BewohnerInnen dafür zu begeistern, dass deren Ideen in der Politik Fuß fassen. Es ist schwer Partizipationsprozesse zu organisieren, da nur sehr wenige Menschen daran teilnehmen wollen – teilte uns Northon mit und erzählte über zahlreiche Workshops und Sitzungen mit BewohnerInnen. Man hat auch hier mit Tools wie Legos und Zeichnungen versucht die Prozesse interessanter zu generieren, jedoch gibt es noch immer Barrieren zwischen Zivilgesellschaft und Politik, welche auf Kultur und Ausbildungsgrad zurückzuführen sind. Persönlich findet Northon dass Spaziergänge durch das Viertel und informelle Gespräche mit BewohnerInnen tendenziell mehr Wirkung und Einfluss erzielen. Aufgrund der Kulturen, die in einem konkreten Gebiet herrschen, sollte sich die Planung auch anpassen. Da Bijlmer ein sehr multikulturelles Gebiet ist, wollen die PlanerInnen diese hervorheben. So soll z.B. in dem Teil der K-buurt eine mediterrane Atmosphäre geschafft werden und bei  H-buurt ein eher Karibisches. Jedoch auf die Frage ob die naturbelassenen Uferbereiche, gestaltet und somit Teil des Ambiente sein könnten, bekamen wir keinen schlüssige Antwort. 

Planung durch Projekte: 

In diesem Teil von Amsterdam erfolgt der Planungsprozess grundsätzlich durch unterschiedliche Projekte, welche miteinander verknüpft werden. Unser Untersuchungsgebiet gehört zu dem sogenannten Bijlmer Museum. Dies bedeutet, dass es eine Art Schutzzone ist und keine großen infrastrukturellen Änderungen erfolgen dürfen. Jedoch wird in der Umgebung noch viel mehr getan. Eine besonders interessantes Projekt ist die Einführung einen Straßenbahnlinie in Bijlmer, welche in unserem Gebiet an drei Seiten angrenzt. Obwohl Bijlmer sehr gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden ist, ist laut Northon eine Straßenbahnlinie vor allem aus Sicht der sozialen Nachhaltigkeit besonders vorteilhaft. Da die U-Bahn oberirdisch etwa fünf Meter über dem Viertel fährt, entstehen soziale Treffpunkte nur an den zwei Stationen. Jedoch fährt eine Straßenbahn auf Augenhöhe und kann mehrere Stationen entlang der Strecke bedienen. Somit gibt es Potenzial zahlreiche und vielfältige soziale Treffpunkte zu erzeugen. Weiters wird dadurch eine direkte Verbindung zwischen dem Wohnviertel und dem Bijlmer Zentrum geschaffen, welche heute nur durch eine Buslinie verbunden ist. Ebenso besteht die Möglichkeit diese Straßenbahnlinie an das lokale Straßenbahnnetz anzuschließen. 

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Die Vernetzungen spielen eine große Rolle bei der Stärkung der Neubau-Viertel im Südosten, welche Wohnen und Arbeiten unter einem Dach bringen sollen. In diesem Teil Amsterdams sollen mehrere Komplexe entstehen, in welche sich Firmen ansiedeln und Arbeit für eine breitere Bevölkerungsgruppe schaffen.

Weitere Projekte beziehen sich auf die Schaffung einer Polyzentrischen Struktur von dem gesamten Südosten sowie auch mehrerer Grünraumverbindungen entlang der Hauptachsen. 

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Von unserem Geschpräch mit Northon Flores Troche, haben wir gelernt, dass Bijlmer sich noch weiterentwickeln wird. Auf die Frage, ob die Lebensqualität in Bijlmer hoch ist, hat unser Interviewpartner ohne Nachzudenken mit JA geantwortet. Wir hoffen, dass diese Lebensqualität auch von den BewohnerInnen (wenn nicht vor uns bestätigt) zumindest spürbar ist. Dies wollten wir auch am Nachmittag untersuchen. Anstatt Befragungen durchzuführen, haben wir beschlossen, dass wir heute aus der Beobachtungsperspektive sehen wie das Leben im Quartier stattfindet. 

Nach dem Mittagessen widmeten wir uns am Nachmittag den teilnehmenden Beobachtungen. Unsere Vorgehensweise zu unseren Begehungen und generell der letzten Tage unterschied sich dadurch, dass wir beschlossen hatten unterschiedliche Routen separat zu wählen. Gabi widmete sich dem Gebiet östlich der Metro und Martin erkundete das Gebiet auf der Westseite. Wir verbrachten zirka eine dreiviertel Stunde an jedem dieser einzelnen Beobachtungspunkte, machten Notizen, Skizzen sowie auch Geräuschaufnahmen.

Route

Am Ende der Route trafen wir wieder zusammen bei der Metrostation Kraaiennest. Wir versuchten die Unterschiede, Verbindungen aber auch Konflikte  der beiden Routen  im Quartier festzustellen. Eine ziemlich eindeutige Erkenntnis war dass „das Leben im Quartier“ an beiden der ersten Punkten ziemlich ruhig verläuft. Die BewohnerInnen verließen das Haus nur um Erledigungen zu machen. Jedoch fielen immer wieder Blicke von den Balkonen auf uns herab, aber ohne jegliche Besonderheiten… Im südlichen Teil des Quartiers verbringen die Leute mehr Zeit im Freien. Im östlichen Teil gibt es eine Fitnessanlage die vor allem von der Black Community gern genutzt wird. So viele Personen auf einen Fleck sahen wir im gesamten Zeitraum der Expedition nie, ebenso der vorhandene Tennisplatz ist gut ausgelastet, viele der BewohnerInnen legen Wert auf Sport und Freizeitaktivitäten. Im Westen sieht es ähnlich aber jedoch ein bisschen anders aus… Man sieht spazierende Mütter mit Kinderwägen und NachbarInnen die sich am Weg miteinander unterhalten. Die augestaltete Parkanalagen werden jedoch nicht genutzt. Im südlichen Teil befindet sich ein Markt an dem in ersten Linie Produkte Händler der surinamischen und afrikanischen Community ihre Ware verkauft. Es macht den Anschein als würden die Leute nicht nur zum Einkaufen den Markt besuchen, sondern dass es wirklich ein Ort ist an dem sie ihre Freunde treffen, miteinander Essen, Kaffee trinken und sich gemeinsam austauschen. Die eigene Skepsis überwunden entschied sich Martin einen surinamischen Bojo Kuchen zu kosten – und der war besonders “lekker”

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Die Diskussion und der Vergleich der Ergebnisse der ersten intensiven Beobachtung erfolgten beim Abendessen. Da wir bereits viele Informationen aus Planung, Politik und Zivilgesellschaft gesammelt haben, entschieden wir uns den morgigen Tag für eine breite Zusammenfassung der Ergebnisse zu nutzen, um zu sehen welche Forschungsfragen noch unbeantwortet geblieben sind. 
Euer Amsterdam-Team,
Gabi und Martin

 

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2 Kommentare zu “Planen, aber wie? Gespräch mit Mr. Troche und Erfahrung durch Beobachtung

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